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Über mein Glück und Luisa | Untergrund-Blättle

Prosa

Vincent E. Noel Über mein Glück und Luisa

Prosa

Wir sind wirklich mit Glück gesegnet. Nach zwanzig Jahren ist seit Juni das Haus endgültig abbezahlt, der Flur und die Küche wurden neu gefliest, wir konnten es uns sogar leisten, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer mit neureichen Teppichen zu schmücken; ich als Beamter und du als Immobilienmaklerin, wir verdienen richtig gut, wir können uns sogar zwei Autos leisten und auch den Luxus einer Doppelgarage, unter einem Blätterdach aus alten Ulmen.

6. September 2007

6. Sep. 2007

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Wir sind wirklich mit Glück gesegnet. Es gibt weder Diskussionen über das abendliche Fernsehprogramm noch über die Wahl der Urlaubsorte, ich schlage ein Ziel vor und du bist einverstanden. Du erinnerst mich an meine Medikamente gegen die Arthritis und ich erinnere dich daran, dass in zehn Minuten deine Lieblingsserie beginnt.

Jeden Sonntag frühstücken wir gemeinsam. Deine geliebten warmen Milchbrötchen, die Konfitüren, die du auf dem Markt kaufst, Milchkaffee, im Hintergrund perlt klassische Musik.

Anschliessend fahren wir zum Bahnhof, legen gemeinsam mehr als eine Zugstunde nach Eichstätt zurück, um deine Eltern zu besuchen, bei ihnen trinken wir noch mehr Milchkaffee und lassen uns mit dem selbstgemachten Apfelkuchen deiner Mutter mästen.

Apfelkuchen habe ich erst zu schätzen gelernt, als du in mein Leben getreten bist.

Jeden Sonntag fahren wir die immergleiche Strecke zum Bahnhof, steigen am immergleichen Bahnsteig in den immergleichen Zug und werden vom immergleichen Schaffner kontrolliert, es sei denn, er verbringt seinen Jahresurlaub auf einem Zeltplatz auf Rhodos.

Dann fertigt uns diese junge Schaffnerin ab, die eine diskrete Ähnlichkeit mit deiner Schwester Luisa hat, zumindest was gewisse Formen betrifft. Wir sind wirklich mit Glück gesegnet: ich kann solche Sachen zu dir sagen, ohne Eifersucht ertragen und banale, nicht überzeugende Argumente mir dafür aus dem Ärmel schütteln zu müssen, dass ich nur einen schlechten Scherz gemacht habe und du dich nicht aufzuregen brauchst. Und jeden Sonntag nehmen wir den drittletzten Zug zurück nach Nürnberg und schlafen spätnachts vor dem Fernseher ein.

Unser Glück kann spätestens dann nicht mehr abgestritten werden, wenn man die Perserkatze sieht, die wir uns zugelegt haben. Auch ihr Name ist Luisa, aber so hiess sie schon seit ihrer Geburt, und trotz aller Proteste seitens deiner Schwester wurde der Name beibehalten. Ein schöner Name für eine schöne Katze, Punkt. Sie verschmutzt nicht die Teppiche und verliert nur relativ wenige Haare, worüber regt sich deine Schwester so auf?

Wir sind wirklich mit Glück gesegnet, geliebte Sandra. Jeden Morgen zur immergleichen Zeit verlasse ich die Wohnung, um zur Arbeit zu fahren. Du stehst an der Schlafzimmertür, gibst mir einen Kuss, manchmal trägst du dabei nur einen Bademantel. Ich gehe die Treppe hinab und weiss dich oben an der Schlafzimmertür.

Erst wenn ich unten den Briefkasten passiere, höre ich, wie oben die Tür zugeworfen wird. Dann stehst du auf dem Balkon und siehst zu, wie mich die Haustür ausspuckt, ich den Hof überquere, in meinen Renault steige und ins Büro fahre.

Abends ist es genau umgekehrt: ich stehe auf dem Balkon und sehe zu, wie du deinen Mini in die Garage versenkst, exakt fünf Minuten später aus dem Auto steigst, den Hof überquerst und von der Haustür verschluckt wirst. Die Zeit nach dem Abendessen verbringen wir beide allein, manchmal überkommt es mich und ich lade dich in ein Restaurant ein oder sogar ins Kino, mir ist es aber lieber, wenn wir zuhause bleiben, das spart Geld und wir sind unter uns.

Du hast nur selten etwas dagegen einzuwenden. Zwar wirkst du von Zeit zu Zeit etwas traurig darüber, aber du beschwerst dich nie.

Aufgrund unseres Glücks habe ich mir nichts dabei gedacht, als es dir eines Tages zur Gewohnheit wurde, montags und donnerstags länger zu arbeiten und dich dann vom Sekretär deines Chefs heimfahren zu lassen.

Du brauchst in seinem Wagen zehn Minuten länger, um deinen Kram zusammen zu packen, aber ich zerbreche mir nicht den Kopf darüber. Ich bin überzeugt, er ist ein sympathischer, offenherziger Mann. Als ich ihn auf eurem Sommerfest kennen gelernt habe, hat er mich überaus warmherzig behandelt.

Die Tatsache unseres Glücks hat mich dazu gebracht, mir auch nichts dabei zu denken, als du mich darüber in Kenntnis gesetzt hast, dass du für ein paar Tage zu deiner kranken Mutter fährst. Es hat mich etwas verwirrt, dass du all deine Sachen vergessen hast, die du sonst immer mit zu deinen Eltern mitnimmst, sogar deine Unterwäsche und den kleinen Schminkkoffer hast du im Bad gelassen. Das war vor zwei Wochen.

Seitdem hat das Telefon nur einmal geklingelt. Es war deine Mutter, die wissen wollte, wo du bist. Ich habe ihr gesagt, das müsste sie doch besser wissen als ich. Seitdem ist es still hier, aber diese Stille macht mir nichts aus, sie stört mich nicht, ganz im Gegenteil. Gestört haben nur die Lieferanten, weil sie mehr als drei Stunden gebraucht haben, bis sie den Herd in die Küche gewuchtet haben, den ich bestellt hatte. Ein Gasherd mit Ofen. Ich habe ihn Ende letzter Woche gekauft, damit ich dich mit deinen geliebten Milchbrötchen überraschen kann, wenn du nach Hause kommst.

Vincent Eugèn Noel

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