Widersprüchliches 1973/74 Schon wieder ein Déja-Vue
Prosa
'Verflixt noch 'mal! Der Typ denkt gar nicht daran zu Bett zu gehen. Dabei ist es schon nach zwei Uhr. Und in ein paar Stunden hab' ich Lehrprobe.

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Zerstörungen durch einen Angriff der israelischen Luftwaffe (IAF) auf Tyros, bei dem am 16. Juli 2006 während des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah 14 Zivilisten getötet wurden. Foto: Jón BJÖRGVINSSON (CC-BY-SA 4.0 cropped)
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Mit dem „Typ” war ein junger Syrer gemeint, der ihr in ihrem Arbeitszimmer gegenübersass und sich schon wieder Rotwein nachgoss. Er war kleiner als Selma, feingliedrig, bartlos, besass einen blassen Teint und dunkelblondes kurz geschnittenes, glattes Haar - entsprach damit in keiner Weise dem Klischee eines Arabers. Aber als solchen hatte ihn Selma eingeladen, nachdem sie seinen Aufsatz über die Verhältnisse im Vorderen Orient in den „Blättern” gelesen hatte. Allen seinen Einschätzungen wollte sie nicht folgen, aber immerhin konnte er aus erster Hand informieren, hatte sie sich gedacht, brieflichen Kontakt aufgenommen und zu einer öffentlichen Veranstaltung im Jugendzentrum eingeladen.
Dass er Informationen aus erster Hand besass, war nur zum Teil richtig, denn Salim lebte und studierte schon seit 1963 in der BRD, allerdings verbrachte er jährlich mehrere Wochen in seinem Heimatland und in Ägypten; ausserdem vertrat er die Sache der Palästinenser. Und darum ging es im Herbst 1973 wieder einmal - zumindest in öffentlichen Verlautbarungen.
Anfang Oktober 1973 hatte mit Überraschungsangriffen von Syrien und Ägypten auf Israel der so genannte „Jom Kippur- Krieg” oder „Oktoberkrieg” begonnen, mit dem die Golan-Höhen und der Sinai, Gebiete die seit dem Sechstagekrieg im Juni 1967 von den Israelis besetzt worden waren, zurückerobert werden sollten. Der Krieg wurde bald zugunsten von Israel beendet, doch die ökonomischen Folgen wirkten nach: Denn elf Öl produzierende Araberstaaten verständigten sich auf eine Einschränkung der Ölfördermenge sowie auf ein Lieferverbot gegen die USA und die Niederlande. Damit kam es zu einem schlagartiger Anstieg des Ölpreises von drei auf fünf Dollar pro Barrel, 1974 sogar auf zwölf Dollar, in der BRD zu vier Sonntagfahrverbote im November und Dezember 1973 sowie einer Stagflation der Volkswirtschaft, das meint Geldentwertung bei fehlendem Wirtschaftswachstum. Welche wirtschaftlichen Kräfte in der BRD wirkten, das liesse sich noch klären: Zufällig hatte Selma Anfang Oktober eine mehrstündige Unterrichtseinheit für Klasse 12 zum Thema Wirtschaft konzipiert. Da bot es sich geradezu an, am Beispiel der „Ölkrise” wirtschaftliche, soziale und politische Zusammenhänge aufzuzeigen, die auch in der Presse breiten Raum einnahmen. Dies Thema fand auch ihre Mentorin richtig. Zunächst wurde herausgearbeitet, dass der Ölpreis der BRD hauptsächlich vom Staat und den Ölkonzernen abhing, denn 60% des Ölpreises machten Steuern aus, 30% wurden von den Ölgesellschaften bestimmt, darunter verursachten 1% die Produktionskosten, 5% die Transportkosten, 18% die Kosten für Verarbeitung und Lagerung, der Gewinnanteil betrug 6%. Die Erzeugerländer erhielten lediglich 8% des Ölpreises. Eine höhere Abgabe an die Erzeugerländer sollte eine solche Verwerfung der Volkswirtschaft nach sich ziehen?
Auch Lothar war skeptisch. Immer wenn er seine Mutter in der Gartenstadt besuchte, sah er auch bei Frau Ensinger, der Mutter seines Jugendfreundes vorbei. Lothar hatte auch in der BASF gelernt und als Chemiefacharbeiter abgeschlossen. Dann jedoch diese Stellung aufgegeben, weil seine Frau unverhofft ein Fünftel einer kleinen regionalen Ölhandelsgesellschaft geerbt hatte und er als Arbeitskraft benötigt wurde.
Als Selma im November ihre Mutter besuchte, sass Lothar am Küchentisch und liess sich von Frau Ensinger mit einer grossen Portion Rühreier verwöhnen, denn die alte Frau glaubte weiterhin, Lothar sei zu mager und es mangele ihm an guter Hausmannskost. „Nun, Selma studierst du immer noch auf unsere Kosten?” spottete Lothar und grinste versöhnlich. „Quatsch ich bin doch Referendarin und in sieben Monaten fertig”, lautete die sachliche Antwort. „Und was macht man so im Referendariat?” erkundigte sich der Jugendfreund. „Wie man vor der Klasse unterrichtet, wie man Unterrichtsstoff pädagogisch aufbereitet und so weiter. Zum Beispiel jetzt die „Ölkrise” und ihre Folgen”, erklärte die angehende Lehrerin.
„Es ist unglaublich, wie in den letzten Wochen die Lebensmittelpreise gestiegen sind”, mischte sich Selmas Mutter ein. „Hätt' ich doch meinen alten Kohleofen behalten und nicht den Ölofen angeschafft. Ich seh' schon wieder eine Inflation aufkommen”, orakelte sie und fügte noch hin zu „das alles wegen der Scheichs.” „Nein, Mama, lass' dich da 'mal nicht verhetzen”, widersprach Selma, „da stecken ganz andere Kräfte dahinter, zum Beispiel die grossen Ölkonzerne, die sich nicht ihre Profite beschneiden lassen wollen. Die verknappen die Öllieferung.”
„Da ist 'was d'ran”, gab Lothar Selma recht. „Unsere Firma wird nicht mehr in dem Umfang beliefert wie früher. Dabei weiss ich ganz genau, dass auf dem Rhein die Öltanker warten oder hin und her fahren und um Erlaubnis bitten, ihre Fracht zu löschen. Und wir können den Tankstellen nichts mehr verkaufen.” „Da siehst du's”, triumphierte Selma.
Ja, die ökonomischen Ursachen und Auswirkungen konnte man noch irgendwie erklären. Eines war jedoch klar: Der Orientierungsrahmen der SPD, der plan- und machbare Reformschritte bis 1985 vorsah, wurde erschüttert und musste aufgegeben werden. Aber wie stand es mit den politischen Hintergründen und Folgen des Nahostkrieges? Genau darum ging es auf der Informationsveranstaltung mit dem Syrer Salim. Wie sollten sich die Linken zu diesem Krieg verhalten? Immerhin war dies ein Angriffskrieg gegen Israel und das in einer Situation, in der eine Politik der Entspannung zwischen Ost und West eingeleitet werden sollte. Andererseits unterdrückte Israel die Palästinenser. Und wer herrschte tatsächlich in Syrien und Ägypten? War die Baath Partei wirklich eine „Revolutionäre Partei”, wie die Sowjets verkündeten? War die Verstaatlichung der grössten Banken und Handels- und Industriebetriebe in Ägypten unter Nasser tatsächlich ein Schritt in Richtung Sozialismus?
Das waren Fragen, die in der Diskussion an den Referenden gerichtet und die kontrovers von der Anwesenden beurteilt worden waren. Auch Selma hat vor einer Stunde noch einmal diese Fragen angesprochen und erhielt nun tatsächlich klare Antworten von ihrem Gast. „Was ich dir jetzt sage, kann ich nicht öffentlich vortragen”, meinte er entschuldigend. „Man weiss ja nicht, wer alles zuhört. Das könnte mich in meiner Heimat in Schwierigkeiten bringen. Folgendes jedoch gilt: Die Baath-Partei ist eine pseudosozialistische, ja bonapartistische Partei, die sich eher den Militärs als irgendeiner anderen sozialen Gruppe verpflichtet fühlt. Der Nasserismus war und ist nichts anderes als eine nationalistische und antikommunistische Ideologie des arabischen Kleinbürgertums und die Ideologie der militärischen Elite des Kleinbürgertums. Zur Zeit gebärden sich diese Bewegungen noch antikolonial und ziehen in den Ost-West-Auseinandersetzungen ihren eigenen Vorteil.
Letztlich geht es im arabischen Raum immer noch wie seit Jahrhunderten um den Kampf zwischen Theologie und Philosophie, um die Frage, ob die islamische Orthodoxie oder die materialistische Philosophie eines Averroës oder Ibn Khaldun sich durchsetzen kann.” „Gut, dass du so offen zu mir bist“, meinte Selma und nickte aufmunternd lachend: „Jetzt muss ich aber unbedingt zu Bett gehen, sonst verpatz' ich die Lehrprobe. Und damit wäre weder Marx noch Ibn Khaldun gedient.”
Quelle: Wilma Ruth Albrecht: Überleben. Roman des kurzen Jahrhunderts. Band 3: Ein dokumentarischer Bildungsroman. Reutlingen. (Freiheitsbaum: Edition Spinoza), 2017, S.262-265
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