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Pino del diablo | Untergrund-Blättle

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Prosa

Roger Künkel Pino del diablo

Prosa

Es wurde Abend, und die Hitze wich aus der Luft. Kühlendes Dunkel legte sich auf die Olivenhaine, die dunkelgrüne Schatten warfen. Zikaden zirpten in den noch warmen Steinen alter, weisskalkiger Mauern, in deren Spalten Echsen schliefen.

NSO

Bild: NSO / PD

1. März 2009
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Alle Wege in dieser parkartigen Gegend führten zu einem mächtigen Berg, der wie aus Versehen in der leicht hügeligen Landschaft breit und riesenhoch wie der Thronsitz eines gewaltigen Gottes in die Höhe ragte. Dieser Fels war nicht steil, er war schräg begehbar. Schmale Pfade führten an seinen Seiten hinauf auf die Spitze. Die Wege waren gesäumt von unzähligen Grabstellen, es mögen Millionen gewesen sein.

Es waren kleine, graue Mahnsteine, ohne genaue Angaben, es stand auf einem jeden nur Mensch.

Wie Soldatengräber aus einem tausendjährigen Kriege waren sie in die Aussenwand des Felses gepflockt, wie ein Stachelkleid.

Wolken waren nicht zugegen, nur die Luft wurde dünner, je höher man schritt. Der Gipfel war ein Plateau, wie abgeschnitten war die erwartete Spitze. Der Boden schien aus Lehm, wie plattgestampft von Tausenden von Sklavenfüssen.

Das Ocker der Erde wurde stellenweise rot verdunkelt, es war wohl trocken Blut. Der Mond beschien dieses Rund, jeder Zentimeter war fahl und hell erleuchtet. Vielerlei kleine Leute in verschiedenster Bekleidung huschten hin und her, andere kamen erst auf den Gipfel.

Gezänk und Geschnatter wurden laut, bis dann sich einzelne Parteien bildeten, geordnet je nach ihrer Tracht, nach ihrer Zeit und Herkunft. So schien aus jedem einzelnen Jahrhundert eine Schar Vertreter mit ihrer Anwesenheit zu dienen. Es waren Kinder, noch keine Zehn, die dort zu dieser späten Stunde an so sonderbarem Orte versammelt waren. Mit einem Male, da waren sie mucksmäuschenstill und starrten vor sich hin, in die monderleuchtete Nachtluft.

Wie ein jäher Blitz führ ein gewaltiger Stuhl hernieder, mit hoher Lehne, auf der die Apokalypse in aller Wucht verschnitzet war. Auf dem Stuhl mit Teufelskrallen als Armstützen sass eine Mumie, eingetrocknet und bös mit entblössten Zähnen grinsend. Die Mumie war nackt, und nackt auch wieder nicht, denn die mürbe Haut war fast wie ein schales Kleid. Die Haare waren wild gewuchert, die Augen weggefallen. Die Finger, die hatten klauenlange Nägel. Was Zeit so alles kann!

Nun bildeten die Kinder lange Züge, die sternartig auf den Leichnam in der Mitte sich hinzuschreiten trauten. Sie schlurften wie in Trance, die Augen starr und unbewegt, sie schritten wie ein Zug Geschlagener, Leidender, ein Zug, der kam aus der unheilvollen, bösen Geschichte des Menschen auf dieser Erde. So blieben sie dann stehen vor der Mumie, bildeten das Zeichen der Anklage und Erkenntnis und flüsterten ihre Strafe ohne vorherige Schuld aus vergangener Zeit und Gegenwart in das trockene Ohr.

Sieh die Sklavenschaft in der meisten Zeit. Unendlich viel gekettete Herzen unter Herrenschlägen, Übermenschen über klein zertretenem Untermensch, hinein bis in tiefste Asche der Trauer von Generationen. Dafür kommen wir an sich, dich anzuklagen.

Bild: Devils Claw. / Roger Griffith (PD)

Erwähnen möchten wir die Vergewaltigungen, von Mädchen, von Frauen, von Seelen. Wilde Triebe fegen über die Erde, hitzige Augen blinken in Raserei auf weisses, zartes, blankes Fleisch, Fleisch nur. Wenn wir dürfen, würden wir anklagen wollen.

Wir wollen von blutigen Körpern reden, die wie Hundefutter brockenartig über die ganze Welt verteilt liegen, abgeschlagen und ausgehauen von des Menschen Hand, des Rachegottes Vollstrecker. Wir sprechen von zuckenden Verstümmelten, denen Teile von Splittern aus Metall hinweggefetzt wurden, im Namen einer Vaterlandsliebe, die blanke Mitmenschenverachtung nur war.

Für einen jeden Krieg, welcher jeder grausamstes Verbrechen, und nie und niemals auch im Kleinen nur gerecht gewesen war, wollen wir dich beschuldigen. Wenn wir dürfen?

Anführen wollen wir die grausame, da kalte Gerechtigkeit, an deren Seite, stützend und helfend, nie ein Erbarmen ging. Die Eiseskälte, mit der ungeliebte Einsamsmenschen nicht nur missachtet und ignoriert, sondern obendrein noch beschimpft und giftig bespuckt wurden. Können wir das noch hinzufügen?

Wir erzählen hier vor dir, dem grausamen Verursacher – wir bitten für unsre Sprache um Verzeihung – von den Wänden aus Nebel und Dunst, die die Lügen und das Betrügen aufbauten, um jede Wahrheit dumm und wissenschaftlich zu verkleben.

Und dann blieb alles stumm. Die Mumie lächelte leicht und grausig und fuhr per Stuhl wieder gen oben. Sie war der oberste und einzige Richter des Weltgerichts, ob Teufel oder Gott, konnte keine Religion mehr klären.

Und sofort verfielen die Kinder dieser Welt wieder in lang ausharrende Katatonie. Wer wird jemals was verändern? Ratten?

Roger Künkel

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