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Parallelwelten: Die unsichtbare Mitbewohnerin

Die unsichtbare Mitbewohnerin Parallelwelten

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Prosa

Emi hörte die Tür ins Schloss fallen. Er war schon los zur Arbeit. Sie versuchte sich zu strecken, soweit das möglich war und kroch aus ihrer "Höhle".

Fukuoka, Japan, Februar 2026.
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Fukuoka, Japan, Februar 2026. Foto: Sharon Hahn Darlin (CC-BY 4.0 cropped)

Datum 7. Mai 2026
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Lesezeit8 min.
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Sie war noch schläfrig, aber nicht mehr müde genug um weiterzuschlafen. Sie musste, wie jeden Morgen erstmal dringend aufs Klo. Emi liebte diese hochmoderne Toilette genau wie er. Nachdem sie ihr kleines Geschäft erledigt hatte, schlurfte sie durch die knapp fünfzig Quadratmeter Wohnung und spähte in sein Zimmer. Er hatte schon wieder sein Bett nicht gemacht bevor er gegangen war. Er wurde nachlässig, sowas wäre ihm noch vor einem halben Jahr nicht passiert.

Sie vermutete, er hatte Probleme bei der Arbeit, aber sie konnte darüber natürlich nicht mit ihm sprechen. Männer redeten eh selten über ihre Sorgen und Ängste. Auch seine Pyjamahose lag zerknüllt auf dem Boden. Sie hatte Lust sie aufzuheben, entschied sich aber dagegen. War nicht ihre Sache, es war ja sein Schlafzimmer, sein Bett und eben auch seine Pyjamahose. Es roch leicht muffig, sie öffnete das Fenster, durfte aber nicht wie neulich, vergessen es wieder zu schliessen. Er rannte später völlig verstört durch die Wohnung. Emi ging in die Küche, es war noch etwas Tee übrig. Morgens vor der Arbeit schaffte er meist bloss eine halbe Tasse zu trinken, weil der Tee zu langsam abkühlte. Der Tee war noch warm. Sie trank seine Tasse leer, ging zur Spühle und liess Leitungswasser hinein, dann stellte sie die Tasse, dorthin, wo sie sie vorgefunden hatte, wie fast jeden morgen. Sie war nicht seine verdammte Putzfrau, lächelte sie boshaft in sich hinein.

Darauf öffnete sie den Kühlschrank. Es war noch genügend Lachs da und noch ein Rest eingelegtes Gemüse. Schade, vom Omelett hatte er nichts mehr übrig gelassen. Sechs Joghurts waren noch da, sie nahm sich gleich zwei und ass sie im Stehen. Danach widmete sie sich dem Lachs. Heute musste sie unbedingt waschen, Gott sei Dank hatte er eine Waschmaschine und einen Trockner, so war die Sache meist nach vier bis fünf Stunden erledigt. Sie machte sich gleich ran. Während die Maschine lief, sah sie fern.
Emi liebte es tagsüber fernzusehen (abends las oder schlief sie), sie schaute alles: durchgeknallte Gameshows, Kochsendungen, Nachrichten, Kinderserien, Soups, alte Klassiker Filme mit Cary Grant oder Jack Lemmon, und wenn sie die Laune hatte einen alten Kurusawa oder Tarkowski auf einem der noch übrig gebliebenen Kulturkanäle. Raus ging Emi nie, wozu auch? Brauchte sie mal frische Luft, setzte sie sich eine Viertelstunde (höchstens) ans gekippte Wohnzimmerfenster. Bevor er, meist gegen sieben, also nach ziemlich genau elf Stunden von der Arbeit zurückkehrte, räumte sie auf, beziehungsweise, sie beseitigte alles, was sie unordentlich hinterlassen hatte, das sollte reichen. Wie gesagt, sie war niemandes Putzfrau, so emanzipiert war sie. Emi ging immer sehr früh zu Bett.

Sie war schon als Kind und auch als junge Erwachsene immer sehr früh ins Bett gegangen, es machte ihr überhaupt nichts aus. Sie liebte es, auf sich selbst reduziert zu sein, sich frühzeitig zurückzuziehen und viel zu schlafen. Er hatte ohnehin in letzter Zeit meistens schlechte Laune und sprach seit kurzem gelegentlich mit sich selbst. Emi konnte nicht alles verstehen, das meiste klang recht vernuschelt, aber sie vermutete, es ging hauptsächlich um seine Probleme auf der Arbeit und um seine allgemeine instabile seelische Verfassung. Einmal hörte sie ihn nachts sogar weinen. Es klang aber nach einem wütenden trotzigen Weinen, wie bei einem Kind, das bei Ikea nicht in die Smaland Abteilung hineingelassen wird, weil es dafür noch zu jung war. Emi liebte Ikea, sie war ewig nicht mehr da gewesen, sie vergötterte diese kleinen kompakten Möbel in unzähligen multifunktionalen Varianten.

Irgendwann musste sie da unbedingt mal wieder hin. Leider gab es keinen Ikea in ihrer Nähe. Gerne wäre sie Designerin oder auch Innenarchitektin geworden, aber es sollte nicht sein. Sie war einfach zu schlecht in der Schule gewesen, liess sich immer durch irgendwas ablenken, meistens durch sich selbst. Aber das war jetzt auch schon egal und eh schon ewig her. Sie hatte im Grunde nie ihren Platz im Leben gefunden, weder beruflich noch privat.

So wie ihre Situation jetzt war, war es eigentlich am besten, das war ihr letztens beim Fernsehen klar geworden, als sie eine Doku über Obdachlosigkeit sah. Neben Erblindung oder Krebs war es wohl das Schlimmste, was einem widerfahren konnte - keine Bleibe zu haben. Sie fläzte sich auf der gemütlichen und kuscheligen Couch hin und her und lächelte in sich rein. Es war noch etwas Lachs mit Reis im Kühlschrank. Nachdem die Doku zu Ende war, ging sie in die Küche.

Er kam um kurz vor acht. Emi lag schon in ihrem Schlafgemach. Sie hörte ihn in der Küche leise vor sich hinmurmeln. Er hatte erneut extrem schlechte Laune, sie erkannte es schon daran, wie laut er die Kühlschranktür zuknallte. Er führte wieder ein Selbstgespräch. Sie konnte aber nichts verstehen, da er es grösstenteils auf der Toilette hielt, auf der er abends immer auffallend lange verweilte, es schien sein einziger Rückzugsort geworden zu sein. Dort konnte er ungestört seinen ganzen aufgestauten Stress abbauen, oder zumindest einen Teil davon. Nachdem er eine Weile Fern geschaut hatte, beziehungsweise währenddessen die meiste Zeit auf seinem Handy tippte, der Fernseher lief nebenbei (fast immer sah er regionale Nachrichten), ging er ins Bett. Vorher brachte er noch seinen Anzug in seinen begehbaren gigantischen Kleiderschrank.

Emi belauschte dies immer ganz genau. Darauf verschwand er sofort in seinem angrenzenden Schlafzimmer. Sie hätte eigentlich ganz gerne mit ihm gesprochen, aber es war unmöglich, seine Laune, seine Launen überhaupt; sein desaströser mentaler Zustand und natürlich die eigenwillige Situation als solches machten das unmöglich. Es war alles gut wie es war, jedenfalls vorläufig. Später würde man schauen. Eine Weile könnte es noch genau so bleiben. Sie sah keinen Handlungsbedarf. Er war in seiner Welt und sie in der ihren. Warum sollte man daran rütteln? Warum sollte man diese Welten erschüttern?
Am nächsten Tag kam er noch später als sonst, es war schon nach acht. Nachdem er in der Küche gewesen war - wie üblich den Kühlschrank laut scheppernd zugeknallt hatte - war er am werkeln. Emi wurde zuerst vom Knallen der Kühlschranktür und kurz darauf von einer Bohrmaschine geweckt, die erst im Wohnzimmer und dann in der Küche schwer ächzend und dröhnend ihren Dienst verrichtete. Nach etwa zwanzig Minuten war der Spuk vorbei. Er hantierte noch etwas herum und darauf verschwand er erneut vor sich hin brabbelnd (natürlich konnte sie nichts verstehen) im Klo, wo er diesmal besonders lange meditierte.

Die nächsten Tage verliefen mehr oder weniger ereignislos, also im Grunde wie fast immer. Auffallend war, es war mehr Essen im Kühlschrank als sonst. Aus irgendeinem Grund hatte er mehr eingekauft. Vielleicht erwartete er Besuch? Aber irgendwie glaubte sie nicht daran. Besuch war seit Ewigkeiten nicht mehr da gewesen. Vor drei oder vier Monaten war seine Mutter einmal vorbeigekommen (meistens fuhr er wohl zu ihr), sie beschwerte sich, dass er sie zu selten besuchte. Wie oft er das tat, wusste sie nicht. Jedenfalls spürte Emi, dass es seiner Mutter nicht recht behagte bei ihrem Sohn zu sein. "Die Wohnung hat eine ungesunde Atmosphäre" hörte Emi sie sagen. Er protestierte, fragte sie, was sie damit meine, und erhielt als Antwort: "Wenn du es selbst nicht
merkst, kann ich dir auch nicht helfen."

Heute ging er mindestens eine Stunde früher aus dem Haus als sonst. Sie blieb noch etwas liegen, bevor sie aufstand und zur Toilette eilte. Kaum trat sie aus dem Klo, klingelte es an der Tür. Emi hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nie die Tür zu öffnen, warum auch, wenn es die Post war, wozu gab es den Briefkasten, und alles andere interessierte sie nicht, um ehrlich zu sein, interessierte sie auch nicht die Post. Aber heute war etwas anders. Das Klingeln ging von beharrlich rasch zum Sturm über. Bevor Emi die Situation überhaupt richtig einordnen konnte, öffnete sich auch schon die Tür und er trat ein, gefolgt von zwei Polizisten. Emi war viel zu perplex um zu reagieren sprich den Fluchtreflex zu aktivieren. Er schaute sie provokant an und fragte: Wer zum Teufel sind Sie?

Drei Tage später gab es in der Fukuokaer Tageszeitung NISHINIPPON SHIMBUN folgende kurze Meldung:

"Fukuoka, Japan–Ein 43-jähriger Mann entdeckte kürzlich, dass eine Frau heimlich in seiner Wohnung lebte. Er bemerkte zunächst fehlende Lebensmittel und installierte daraufhin eine Kamera. Der Mann und die Polizei fanden daraufhin eine 41-jährige obdachlose Frau vor, die seit Monaten in einem Schrank der Wohnung übernachtet hatte. Sie gab an, keinen eigenen Wohnort zu haben und die Wohnung nur als sicheren Rückzugsort genutzt zu haben. Berichten zufolge verursachte sie keinen Sachschaden und nahm lediglich Lebensmittel.

Die Behörden entschieden, keine Anklage zu erheben. Der Vorfall gilt als ungewöhnlich, aber harmlos und wirft ein Licht auf soziale Probleme wie Obdachlosigkeit und Einsamkeit in Japan."

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