Ludwigshafen: Zwischen Säure und Säbelrasseln KPD-Verbot 1956 - in einer Arbeiterstadt
Prosa
Der Hemshof brennt – nicht durch Feuer, sondern durch Verhaftungen. 17. August 1956.

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Porzellanmanufaktur in Meissen, 1945. Foto: Deutsche Fotothek (CC BY-SA 3.0 cropped)
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Frau Schlangenberger wohnte im Erdgeschoss des Hinterhauses zusammen mit ihren drei schon erwachsenen Söhnen, die sie jedoch immer noch bemutterte. Von ihrem Mann wusste man nicht so genau, ob er verstorben, im Krieg gefallen oder einfach verschwunden war, und Frau Schlangenberger schwieg sich darüber aus, obwohl sie selbst
neugierig das Leben der Nachbarn genau verfolgte.
Ihre Söhne waren alle in den Zwanzigern, der älteste feierte neulich sogar seinen dreissigsten Geburtstag. Doch seit acht Tagen war er krankgeschrieben, denn er hatte sich den Arm auf der Arbeit im Blaufarbenwerk der Anilin hinterm Tor 13 mit Säure verätzt. Eigentlich wollte er Matrose werden, hatte auf einem Binnenschiff auch angeheuert und war zwei Jahre auf dem Rhein gefahren, doch als der Schiffseigner seinen Kahn verkaufte, wurde er gekündigt. Eine Lehrstelle fand er nicht mehr, stattdessen meldete er sich achtzehnjährig zur Armee und verbrachte drei Jahre seines jungen Lebens damit, auf staubigen Landstrassen und schlammigem Gelände den Nachschub zu begleiten und zu schützen und in den letzten Monaten des Krieges mit zwei jungen Burschen ein Flugabwehrgeschütz zu bedienen. Die versprochenen Heldentaten erlebte er nicht.
Nach dem Kriege verdingte er sich als Hilfsarbeiter, Anfang der fünfziger Jahre bei der Anilin. Die Arbeit im Farbenwerk war schwer, schmutzig und gefährlich, allerdings verdiente man als Hilfsarbeiter den Umständen entsprechend ordentlich.
Mehr aus Kameradschaftssinn denn aus politischer Überzeugung hatte er sich der KP-Betriebszelle angeschlossen.
Gerade das machte der Mutter Sorge, besonders heute.
„Können Sie denn das Fahrrad nicht in den Hof schieben? Sie hätten mich fast umgefahren“, schimpfte Johanna.
„Ach was, nehmen Sie sich doch nicht so wichtig“, entgegnete die Nachbarin, sprang gleichwohl vom Fahrrad und fragte besorgt: „Waren die Grünen schon da?“ „Was, wer?“, erstaunte sich Johanna.
„Na, die Polizei“, erklärte Frau Schlangenberger. „Überall gibt es Verhaftungen. Im Hemshof ist der Teufel los. Seit zwölf Uhr stehen Einsatzwagen der Polizei in der Hartmann-, der Pfalzgrafen- und der Kurzen Strasse. Den Kommunisten geht's an den Kragen! Das Büro, die Druckerei und das Vereinslokal sind umstellt. Jeder, der vorbeikommt oder sich nähert, wird genau kontrolliert“, erzählte Frau Schlangenberger hastig.
Sie redete geradezu auf Johanna ein, froh, jemandem ihre Erlebnisse und Empörung mitteilen zu können.
„Auch mich haben sie festgehalten. Und jetzt bekomm' ich auch noch eine Strafe, weil ich keinen gültigen Personalausweis besitze“, regte sie sich auf. „Da geht das ganze Geld meiner Putzstelle drauf!“
,Das hab' ich ja gar nicht gewusst, dass Frau Schlangenberger putzen gehen muss', dachte Johanna.
Sie wusste auch nicht, warum und unter welchen Bedingungen. Frau Schlangenberger hatte nämlich keine Fürsorge beantragt und wollte das auch nicht. In ihrer Wohnung sollten keine Fürsorgeschnüffler mehr ein und aus gehen, auch keine Jugendamtsmitarbeiter, entschied sie, nachdem ihr jüngster Sohn volljährig geworden war. Seitdem putzte sie: Sie hatte fünf private Putzstellen angenommen und arbeitete am Tag jeweils vier Stunden, zu achtzig Pfennig die Stunde. Damit konnte sie zumindest die Wohnungsmiete verdienen, ansonsten lebte sie vom Kostgeld, das ihr die Söhne abgeben mussten, das aber auch ihnen wieder zugutekam, denn sie kochte, putzte und wusch auch für sie.
Eine dieser Putzstellen nun lag im Hemshof. Dort hatte sie einmal wöchentlich die Wohnung einer älteren Dame, eines Fräuleins namens Elvira Albrecht, die auch etwas besser zahlte, nämlich eine D-Mark, zu säubern.
,Ja, das musste gerade heute sein …', kam es Frau Schlangenberger in den Sinn.
Johanna stand hilflos vor der Nachbarin und versuchte, sie zu beruhigen: „Regen Sie sich doch nicht so auf. Hier ist alles in Ordnung. Hier ist alles ruhig.“
„Sind Sie denn blind, gute Frau?“, schimpfte Frau Schlangenberger. „Kommen Sie mal mit!“, bestimmte sie, wendete ihr Fahrrad, schob es mit der einen Hand am Lenker haltend, während die andere Johanna heftig zuwinkte, zum hölzernen Hoftürchen.
Johanna, immer noch den kleinen Mülleimer im Arm haltend, folgte zögernd.
Am Hoftürchen angekommen wies Frau Schlangenberger mit der Hand nach links und sprach: „Gucken Sie mal genau die Strasse hinunter. Was sehen Sie denn dort hinten an der Ecke zum Hermann-Löns-Weg, am Haus vom Graf?“
Tatsächlich, da stand ein Polizeiauto, ein grüner buckeliger Volkswagen.
„Die werden doch nicht den alten Graf festnehmen?“, empörte sich Johanna.
„Nicht nur den, beim Weber waren sie auch und wahrscheinlich auch beim Zimpel“, verriet die Nachbarin, um sogleich entsetzt auszurufen: „Um Himmels willen, was tratsch' ich da herum? Ich muss sofort meinen Jungen warnen“, und entfernte sich eilig, während Johanna ihren Mülleimer in der blechernen Mülltonne entsorgte.
Johanna verstand das alles nicht und bekam es mit der Angst.
Die Achtzehnuhrnachrichten im Radio brachten die Meldung, dass das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe heute Vormittag am 17. August auf Antrag der Bundesregierung aus dem Jahre 1951 die Kommunistische Partei Deutschlands, KPD, als verfassungswidrig erklärte. Ihre Ziele, die „proletarische Revolution“ und die „Diktatur des Proletariats“ seien mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Das Gericht habe die Auflösung der KPD angeordnet, alle Ersatzorganisationen verboten und die Beschlagnahmung des Parteivermögens verfügt. Auch alle Abgeordnetenmandate seien erloschen. Eine mögliche Wiedervereinigung werde durch die Entscheidung weder rechtlich noch politisch verhindert.
„Aber Willi, die Kommunisten haben doch das Grundgesetz mit erarbeitet, ihre Abgeordnete sind doch auch vom Volk gewählt und ihr Parteivermögen haben sie bestimmt nicht gestohlen. Ich denk', wir haben jetzt eine Demokratie? Das haben wir doch alles schon dreiunddreissig erlebt, oder nicht? Meinst du, es gibt bald wieder Krieg?“, fragte Johanna voller Sorge ihren Mann.
Der zuckte nur hilflos die Achseln.
Hilflosigkeit verbreitete sich auch auf der anderen Rheinseite bei Frieda und Georg.
Auch in Mannheim wurde sofort nach der Bekanntgabe des BVG-Urteils zum KPD-Verbot eine umfangreiche Polizeiaktion gestartet. Sie war wie in Ludwigshafen und andernorts selbstverständlich seit langem vorbereitet, wenn nicht schon seit Wochen geplant.
Pünktlich um zwölf Uhr wurden in den S-Quadraten die Parteibüros, die Zeitungsredaktionen von „Volksecho“ und „Unser Tag“ sowie die Verlage „Rhein-Druck“ und „Rhein-Verlag“ durchsucht, Akten und das Parteivermögen beschlagnahmt, die Mitgliedskarten ausgewertet und Funktionäre festgenommen.
Zwanzig Angestellte wurden damit arbeitslos.
Die KPD-Stadtratsfraktion benannte sich schnell zur Wählervereinigung um.
In der Gartenstadt klingelten die Fahnder gleichzeitig vergeblich an Ottos Häuschen in der Maudacher Strasse.
Aus: Wilma Albrecht: ÜBER LEBEN. Roman des Kurzen Jahrhunderts. 2. Band. Demokratischer Heimatroman. Heidenheim 2016, S. 286-288.
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