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Die Glöcknerin von Notre Dame | Untergrund-Blättle

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Prosa

Familienangelegenheiten Die Glöcknerin von Notre Dame

Prosa

Das mit der Familie ist so eine Sache. Denn eigentlich besteht sie aus einer Gruppe von Menschen, die ausser Teilen ihrer DNA nichts gemeinsam haben. Der Staat erzwingt eine Zweckgemeinschaft, der man sich kaum entziehen kann.

Grabstein der Familie Flesch.
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Bild: Grabstein der Familie Flesch. / HeinzLW (CC BY-SA 3.0 unported)

9. August 2014
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Kinder, die von den finanziellen Mitteln ihrer Eltern abhängig sind, Frauen, die von ihren Männer abhängen, weil sie sich irgendwann der alleinigen Aufzucht des Nachwuchses widmen wollten. Kinder, die ihr Elternhaus nur im schlimmsten aller Fälle über den Anwalt und das Gericht verlassen können. Bis das magische Datum des achtzehnten Geburtstags sie erlöst. Eltern, die für ihre Kinder da sein müssen, Karriere, Ehe und Nachwuchs unter einen Hut kriegen sollen. Väter und Mütter, die hohe Erwartungen an die Kinder stellen. Schliesslich soll aus euch ja mal was werden, wo ich euch mit Mühe und Not und Geld und Schweiss und Tränen aufgezogen habe.

Man wird aufeinander verpflichtet. Und es spielt keine Rolle, ob man einander lieb hat oder nicht. Man wird nicht vor die Wahl gestellt, ob man wirklich mit den Menschen zusammen leben will, mit denen man den Nachnamen teilt. Und was macht man, wenn man das so als grosse Schwester fühlt, aber nicht ganz begreifen kann? Man übernimmt die Mutterrolle und versucht mit den eigenen Händen zu richten, was kaputt gegangen ist. So wie Alice.

Alice war elf, als der ganze Schlamassel anfing. Und sie erinnerte sich an jede Einzelheit dieses verfluchten Tages, der eigentlich nur das Ende einer Kette von Verwirrung, Verzweiflung und Traurigkeit war. Mia war ein seltsames Kind. Still und ernst. Mit acht Monaten konnte sie sprechen, zog es dann aber vor, den Mund zu halten und sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Auf das Schreien und Streiten der Eltern reagierte sie nicht, klinkte sich aus, machte die Ohren zu. Nur nachts schlüpfte sie ins Bettchen ihrer grossen Schwester, presste den kleinen Körper ängstlich an Alice und zitterte solang, bis Alice ihr beruhigend den Rücken streichelte. In diesen Nächten empfand Alice eine unfassbare Ohnmacht. Und Wut, weil sie zu schwach, zu jung und zu klein war, um Mia so zu beschützen, wie sie sich das vorstellte.

Wie immer, wenn man denkt, dass es nicht schlimmer werden kann, wird es eben doch schlimmer. Alice Körper begann, sich in rasendem Tempo zu verändern. Während die anderen Kinder noch aussahen wie Kinder, wuchs ihr ein leichter Flaum zwischen den Beinen. Wären Herr und Frau Apfel nicht so sehr damit beschäftigt gewesen, ihre Ehe zu zerstören, hätten sie das vielleicht gemerkt. So aber hatte die kleine Alice Todesängste, dass sie sich nach und nach in einen Gorilla verwandelte. Vor allem, als Achsel- und Beinbehaarung nachzogen. Und dieser furchtbare Schmerz in der Brust, der dafür sorgte, dass das Flachland um ihre Brustwarzen herum auf die Grösse von zwei reifen Orangen anschwoll. Des nachts, wenn Mia mit leisem Atem neben ihr eingeschlafen war, tastete sie heimlich nach den festen Drüsen unter der Fettschicht und fürchtete, dass da ein Tumor sitzen könnte. Und dann die Pickel.

Alice hatte immer gehofft, später einmal so schön wie ihre Mutter zu werden. Mit dickem, mahagonifarbenem Haar und einem Gesicht, dass immer blutjung, schmal und symmetrisch aussah. Aber so, wie sich die Dinge entwickelten, verwandelte sie sich langsam in die Glöcknerin von Notre Dame. Alice war immer laut gewesen. Eine, die die Klasse anführte und Ungerechtigkeit mit den Fäusten bestrafte. Eine, die man fürchtete. Deshalb blieb ihr der Spott erspart. Aber das brauchte es gar nicht. Sie sah den Unterschied selbst. Zwischen ihr und den Barbiepüppchen mit der reinen Haut, die ihren Vorbau nicht unter riesigen Pullis verbergen mussten.

Und dann passierte das Unvermeidbare. Als Alice eines Morgens die ersten Blutflecken in ihrem Höschen fand. Durch die anderen Veränderungen ihres Körpers war sie so abgehärtet, dass sie einen Stoss Klopapier faltete und in die Unterhose legte. Gewillt, niemals über diese Peinlichkeit zu sprechen.

Und um all dem entgegen zu wirken, um den Körper zu bekämpfen, ihn zu besiegen, dafür zu Sorgen, dass sie nicht noch weiter anschwoll wie ein Heissluftballon, begann sie, Diät zu halten. Als sie an besagtem Tag die Haustür öffnete, flog eine Tasse knapp an ihrem Ohr vorbei und zerbrach an der Wand in tausend kleine Splitter. Dazu das Geschrei.

„Du hast meine Lieblingstasse zerbrochen! Drehst du jetzt völlig durch?“
„Du bist immer noch meine Frau! Meine! Frau! Ich erlaube nicht, dass du mit anderen Männern rumbumst, während wir noch vor Gott zusammengehören!“
„Andreas, ich bin nicht dein Eigentum! Du kannst mir gar nichts verbieten! Und ich schwöre, wenn du nicht mit diesem Gewäsch über Gott aufhörst, drehe ich dir den Hals um!“
Alice zog den Kopf ein und versuchte unbemerkt auf ihr Zimmer zu schleichen, als sich plötzlich der Vater vor ihr aufbaute. „Kriegt man hier nicht einmal eine anständige Begrüssung? Die Frauen in diesem Haushalt sind alle verrückt geworden!“ „Hallo Papa“, murmelte Alice. „Entschuldigung.“
„Entschuldige dich nicht. Mach es beim nächsten Mal einfach richtig!“
„Alice! Mia!“, rief die Mutter. „Kommt in die Küche, das Essen ist fertig.“

Alice schlapfte in die Küche und setzte sich an ihren Platz. Im Nacken der Vater, der gegen den Herd gelehnt da stand und zusah, wie seine Noch-Frau Pizza in Stücke schnitt. Allein vom Anblick bekam Alice Bauchweh und ein schlechtes Gewissen. Mia schlüpfte durch die Tür und setzte sich still wie immer dazu.

„Eigentlich hab ich gar keinen Hunger …“.
„Alice Emilia Apfel, ich stand gerade zwei Stunden in der Küche. Du wirst jetzt essen! Was ist denn los mit dir?“
„Noch nicht bemerkt?“, klinkte sich der Vater ein. „Die Kleine macht jetzt auf Prinzessin. So was gewöhnliches wie Pizza ist nichts für Madame!“

„Tja, das ist Pech für das kleine Fräulein. So lange sie hier wohnt, wird sie nämlich essen müssen, was auf den Tisch kommt.“ Wie schnell sich die Dynamik eines Streits ändert, wenn man einen gemeinsamen Feind findet. Frau Apfel schob ihr ein Stück Pizza auf den Teller. Ein grosses. Mit zerlaufener Mozarella und Salamischeiben, die vor Fett glänzten. Auf dem kompletten Stück schien eine Ölglasur zu schwimmen.

„Hör auf den Teller anzuglotzen und iss!“, befahl der Vater. Alice sah rüber zu Mia, die nur Augen für ihren Teller hatte, mit dem Blick die Cinderella hypnotisierte, die auf das Geschirr gedruckt war.

Na gut. Alice nahm das Stück zwischen die Finger als wäre es eine Bombe und nahm einen grossen Bissen. Als der fetttriefende Happen mit ihren Geschmacksknospen in Berührung kam, empfand sie zeitgleich Ekel vor dem irreparablen Schaden, den diese Pizza an ihrem Körper anrichten würde, aber auch Beruhigung. Erleichterung. Als könnten ein paar Salamischeiben, Tomatenmark und Teig diese Familie wieder kitten. Als Alice sah, dass die Erwachsenen sie immer noch beobachteten, nahm sie sich ein zweites Stück, faltete es in der Hälfte und schob es so weit wie möglich in den Mund.

„Ich esse ja, seht ihr? Zufrieden?“, fragte sie ruhig, kauend. Frau Apfel seufzte und schnitt ihr Stück in fünf Teile, bevor sie das erste auf die Gabel spiesste. Alice schluckte den öligen Pizzabrei runter und nahm sich einen weiteren Monsterhappen. Beinahe stiegen ihr die Tränen in die Augen, als sie daran dachte, wie der Hefeteig ihren Körper aufgehen lassen würde. Aber jetzt ging es um etwas anderes. Alice musste etwas beweisen. Mia daneben, die mit stumpfem Besteck aber viel Geschick und Anmut für eine Dreijährige ihre Pizza schnitt. Nach dem zweiten Stück folgte ein drittes, ein viertes, ein fünftes, solange, bis die komplette Pizza aufgegessen und zu Fett in Alice Bauch umgewandelt worden war. Dann wischte sie sich die Finger an der Serviette ab, so dass sie vom Öl an ihren Händen durchsichtig wurde. Alice sah auf.

Das Essen hatte nicht dazu geführt, dass Mama und Papa sich wieder vertrugen. Stattdessen legte sich eine Grabesstille über den Küchentisch. Nur Mia schien unbeeindruckt, sprang vom Stuhl auf und räumte das Geschirr artig in die Maschine. Alice tat es ihr gleich. Zumindest galt ihr nun keine Aufmerksamkeit mehr. Ein hoher Schrei und dann leiseres Weinen aus dem Nebenraum durchschnitt die Stille. Alice Mutter sprang hastig auf, froh, dass es einen Grund gab, nicht länger am Tisch sitzen zu müssen.

„Ich geh mal ...“, sagte Alice, ohne weiter auszuführen. Der Vater nickte ab, Alice verschwand ins Bad und besah sich ihr deformiertes Selbst im Spiegel. Die Nase, die Wangen, die ganze Landschaft und Form ihres Gesichts wirkte geschwollen, aufgedunsen. Am liebsten hätte sie mit einem Messer in ihr Kinn gestochen um all das Fett ins Waschbecken laufen zu lassen. Stattdessen öffnete sie den Klodeckel und kniete sich vor die Schüssel. Als betete sie zu einem Gott aus weissem Keramik. Was rein kam, konnte auch schnell wieder raus sein, dachte sie und schob sich den Mittelfinger bis tief in den Hals.

Nichts geschah. Nur ein bisschen Würgerei. Dann spürte sie das Zäpfchen hinten im Mundraum und begann es immer und immer wieder zu berühren, bis der erste Schwall in die Kloschüssel platschte. Alice wiederholte den Vorgang immer wieder, bis sich unter ihr ein schleimiger, stinkender Brei angesammelt hatte und nichts mehr kam. Die singende Stimme ihrer Mutter drang an ihr Ohr, die gerade versuchte, Sally wieder zum einschlafen zu bringen. Alice richtete sich auf, betätigte die Spülung und sah in den Spiegel. Das verquollene Gesicht war nun gerötet. Tränen rannen ihr an den Wangen herab. Am Mundwinkel klebte etwas Kotze. Sie suchte irgendwo eine Ähnlichkeit mit ihrer Mutter. Oder mit Mia. Aber da war nichts. Nur die Ohnmacht, das Wissen, dass es keine Rolle spielte, wie sehr sie sich anstrengte. Sie konnte niemanden beschützen. Weder sich noch Mia.

Aber wenigstens, dachte sie und wusch sich die Hände. Wenigstens ist die Pizza raus. Als wäre das nie passiert. Als hätte das Essen nie stattgefunden.

Lena Hofhansl

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