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Prosa

Jörn Birkholz Schraube locker

Prosa

Mein Sattel ist mir unterm Arsch weggebrochen. Ich schiebe mein Fahrrad, mit dem Sattel auf den Gepäckträger geschnallt, in den Bike-Shop hinein. Der Inhaber kommt auf mich zu, sofort den spöttisch forschenden Blick auf mein Rad gerichtet.


Jörn Birkholz

Bild: Jörn Birkholz

»Auch das noch!«, schiesst es als erstes aus ihm heraus.
»Mir ist der Sattel abgebrochen.«
»Der Sattel ist dir abgebrochen?«, wiederholt er höhnisch.
»Richtig.«
»Dein letztes Fahrrad war schon ’ne Zumutung, und das da sieht auch nicht besser aus.«
»Ja, mag sein, mir ist trotzdem der Sattel abgebrochen.«
»Trotzdem«, lacht er auf. »Sei mal lieber froh, dass dir bei dem Zustand nicht das ganze Teil unter dem Hintern weggebrochen ist.«
»Ja, ich danke Gott dafür … also, was is jetzt?«



11. August 2013

11. 08. 2013

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Jetzt fällt sein geschulter Blick auf meinen Sattel, den ich gerade hervorgeholt habe.

»Ist das dein Sattel?«
»Ja.«
»Wie kommst du denn zu so einem Sattel?«
»Weiss ich nicht mehr.«

Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht mal mehr, wie ich zu diesem Fahrrad gekommen war, wahrscheinlich, hatte ich’s, wie immer, irgendwo gefunden. Meistens ergibt es sich sonntags. Alkoholisierte Nachtschwärmer werfen frühmorgens ihre zuvor geklauten Fahrräder irgendwo in die Wicken, oder lassen sie einfach an Bus- oder Strassenbahnhaltestellen stehen.

Ich habe einen geschärften Blick dafür entwickelt, wann es sich um ein ordnungsgemäss geparktes Rad handelt, und wann nicht. Fahrräder, die sonntagvormittags nichtangeschlossen, lieblos und verlassen auf dem Boden eines Bus- oder Bahnunterstands liegen, da sich für den Fahrer eine reizvollere Fortbewegungsmöglichkeit ergeben hat, sind ein sicheres Zeichen für eine kleinkriminelle Vorgeschichte, und dann komme ich ins Spiel - als Secondhanddieb.

»Dieser Sattel ist dreimal so viel wert wie deine Zumutung von Fahrrad, ist dir das überhaupt klar?«
»Und wenn schon, solo bringt er mir nicht viel.«
Gerade der Sattel hatte mich am meisten gestört. Er war steinhart, und bei jedem verdammten Schlagloch glaubte man ein Stück Männlichkeit zu verlieren. Der Typ zaubert eine Schraube und einen Kreuzschraubendreher (ich glaube so oder so ähnlich nennt man so ein Teil!) hervor.
»Hier! … Na dann, gutes Gelingen.«

Lachend wendet er sich von mir ab, zu einem Jungen hin, der gerade mit einem Mountainbike den Shop betreten hat. Ich mache mich daran den Supersattel auf mein Trashrad zu montieren. Wie erwartet stelle ich mich extrem ungeschickt an; aber irgendwie gelingt es, nur leider ist die ganze Angelegenheit etwas wackelig.

»Das Teil geht nicht richtig fest«, maule ich genervt.
»Was ist denn los mein Freund?«, kommt er wieder grinsend auf mich zu.
»Der Scheiss wackelt!«
»Ja, die Schraube ist ja auch zu lang.«
»Ach wirklich?«
»Ja. Konntest du ja nicht wissen.« (lacht)
»Das ist richtig. Also, was jetzt?«
»Sattel wieder abschrauben, kürzere Schraube nehmen, Sattel wieder anschrauben!« (lacht)
»Na toll.«

Er überreicht mir eine kürzere Schraube und lässt mich allein. Ich schraube den Sattel wieder ab, tausche die Schraube aus und stelle mich beim Sattelanschrauben noch ungeschickter an als zuvor; der schmale Testikelbereich des Sattels neigt sich jetzt etwa dreissig Grad nach unten; warum ist mir schleierhaft. Wieder brauche ich Hilfe. Doch der Fahrradmann ist mit dem Jungen beschäftigt, beziehungsweise mit dessen Mountainbike. Ich belausche seinen Monolog:

»Also, Bremse müsste man erneuern, und das hinten muss auch alles komplett ausgetauscht werden - also mit etwa hundertfünfzig Euro bist du dabei.«
Das Entsetzen steht dem jungen Mountainbikebesitzer ins Gesicht geschrieben.
»Ja, dann danke für die Einschätzung … ich glaube, ich probier’s selbst zu reparieren.«
»Ja, dann viel Glück dabei …ich hoffe nur, das Gerät ist am Ende auch wieder verkehrssicher!«

Mit einem falschen Lächeln und ohne etwas zu erwidern verlässt der verstörte Mountainbiker den Laden. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass sein Fahrrad auf mich einen tadellosen Eindruck machte, aber was weiss ich schon, und was geht’s mich an. Der Fahrradmann widmet sich wieder mir.

»Na, so zu Fahren macht bestimmt Spass«, lacht er und weist auf meinen abwärts geneigten Sattel.
»Ja, lustig, ich weiss auch nicht was los ist, vielleicht ist die Schraube diesmal zu kurz?«
»Zu kurz! Quatsch! Du hast das Teil schief angeschraubt … lass das den Chef mal machen.«

Er nimmt mir den Schraubendreher (oder wie das Teil halt heisst) aus der Hand und beginnt herum zu hantieren. Dreissig Sekunden später befindet sich der Sattel in exakt waagerechter Position.

»Ja, dann danke«, nuschele ich.
»Oh Gott, dieser Lenker!«, ruft er jetzt aus.
»Was ist mit dem?«, frage ich gereizt.
»Diese alten Alulenker sind die reinsten Todesfallen! Wenn du Pech hast, bricht der dir, wenn du gerade flott unterwegs bist, durch, und dann gute Nacht Marie!«
»Das geht schon«, sage ich, »ich benutz den ja nur zum Lenken.«
»Das geht schon! Ich möchte dich mal sehen, wenn dir dieser Schrott bei Tempo vierzig durchbricht wenn’s gerade in die Kurve geht!«
»Zunächst einmal fahre ich wohl kaum bei Tempo vierzig in eine Kurve, und ausserdem bin ich noch nie schneller als dreissig gefahren, wenn überhaupt.«
»Das reicht auch, um im Rollstuhl zu landen.«

Plötzlich beginnt sich der Fahrradmann wie Turnvater Jahn auf den Lenker zu lehnen, als wäre es ein verdammter Barren. Glücklicherweise hat es keine lenkerbrechtechnischen Auswirkungen, da er ebenso schmächtig ist wie ich; es sieht allerdings etwas albern aus, wie sich dieser verrückte Mensch auf meinen Lenker stützt. Sollte das Ding tatsächlich durchbrechen, würde er sicher mir die Schuld geben. Langsam habe ich die Faxen dicke.

»Ja, also, ich glaub, wir haben’s jetzt.«
»Was?«, schnauft er und lässt endlich von meinem Lenker ab.
»Der Sattel ist wieder fest, also danke, ich werd’ dann mal wieder.«
»Ja, ja, dann viel Spass weiterhin mit deiner Todesfalle … ich kriege aber noch ein bisschen Geld von dir, für die Schraube.«
»Hab kein Geld bei mir, das müsste ich eben holen.«
»Ach, das bisschen wirst du schon dabei haben – ich bekomme einen Euro neunzig für die Schraube.«
»Wie gesagt, kein Geld, deshalb auch keine eins neunzig!«
»Na dann sieh mal zu, dass du zuhause dein Sparschwein schlachtest.« (lacht)
»Soll ich mein Rad als Sicherheit hier lassen?«
»Was!? Als Sicherheit!? (lacht) So was Unsicheres als Sicherheit dazulassen, wäre wohl ein Widerspruch in sich!« (lacht noch lauter)
»Also nicht.«
»Nein, ganz sicher nicht! Sieh bloss zu, dass du diesen Schrott aus meinem Laden schaffst!«

Diesen letzten Satz hört ein älteres Ehepaar, das gerade das Geschäft betreten hat und sofort skeptische Blicke auf mich und mein Fahrrad wirft.
»Bis gleich«, entgegne ich und gehe. Alle drei schauen mir hinterher.

Ich wohne nicht weit entfernt und habe fünf Minuten später ein Zwei-Euro-Stück in meiner Tasche. Kaum hab ich wieder mein frischbesatteltes Fahrrad bestiegen, springt mir auch noch die verdammte Kette ab. Das darf nicht wahr sein! Zwei Minuten später schiebe ich mein Rad erneut in den Bike-Shop. Das ältere Ehepaar blättert gerade in einem Fahrradkatalog.

»Da bist du ja wieder«, begrüsst mich der Fahrradmann lachend, »Warum schleppst du mir denn schon wieder diesen Müll hier rein?«
»Mir ist die Kette abgesprungen«, antworte ich frustriert.
»Dir ist die Kette abgesprungen!«
»Ja, gerade eben.«
»Gerade eben«, äfft er mich amüsiert nach.
»Ja.«
»Na, das wird ja immer schöner.« (lacht)
»Ja, und das Ding hat ’ne Kettenschaltung … sieht kompliziert aus.«
»Das ist besonders kompliziert«, höhnt er und widmet sich sofort der Kette.

Er klappt eine kleine Vorrichtung nach vorne, legt die Kette wieder auf die Zahnräder und klappt das Teil wieder zurück. Arbeitsaufwand: zehn Sekunden. Ich komme mir wie ein Idiot vor, aber woher sollte ich auch wissen, dass die Schaltung verstellbar ist, ist ja auch nicht mein Rad. »Das sitzt ja alles sehr lose«, spottet er wieder.

»Was, die Kette?«
»Ja klar, die Kette! Die kann dir jederzeit wieder abspringen … wahrscheinlich gleich draussen vorm Laden!« »Jetzt weiss ich ja wie man sie schnell wieder draufsetzt.«
»Das wüsste sogar jeder Sechsjährige.«
»Ja, kann sein.«
»Alles angerostet!«
»Was?«
»Die Kette!«
»Ja, ja.«
»Was heisst hier ja, ja! Da musst du mal Öl drauf tun … wird zwar auch nicht viel helfen, aber – hast du überhaupt Öl zuhause?«
»Klar.« (hatte ich nicht)
»Na immerhin … ich meine aber kein Olivenöl.« (lacht)
»Hier das Geld.«
Ich überreiche ihm die zwei Euro. Er nimmt sie lachend entgegen und ich verschwinde.

Drei Tage später reisst die Kette. Kettenlos lasse ich mein Rad in Richtung einer Strassenbahnhaltestelle ausrollen. Ich lehne es gegen die Aussenwand und verdecke teilweise ein H&M Plakat. Als geile Fotze wurde das dürre Mädchen mit dickem Edding betitelt, das auf dem Plakat lasziv die neuste H&M-Bademode präsentiert. Niemandem fällt auf, dass ich das Fahrrad entsorge, da die Strassenbahnhaltestelle gerade nicht bevölkert ist. Ich gehe zu Fuss nach Hause. Fünfzig Meter entfernt werfe ich einen letzten Blick zurück. Verlassen steht es da. Vielleicht interessiert sich ja jemand für den Sattel? Bald ist wieder Sonntag.

Jörn Birkholz

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