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Prosa

Arbeit, Affäre und ein Projekt Karrieretraum

Prosa

„Was hat er gesagt?“, fragte sie ihn, kaum war er zur Tür rein. „Darf ich erstmal ankommen?“, keuchte er. „Nun sag schon.“ „Er …“ „Ja?“ „Er wird es sich überlegen.“

JB
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18. April 2016

18. 04. 2016

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„Was heisst, er wird es sich überlegen?“ „Das heisst, was es heisst.“
„Also, behältst du’s?“
„Wie gesagt, er wird es sich überlegen.“
„Was muss er da gross überlegen, ausserdem hast du den Laden doch praktisch alleine aufgebaut.“
„Das kann schon sein.“
„Dann kann er dich doch nicht so einfach abservieren.“
„Ich werde ja auch nicht abserviert.“
„Für mich klingt das aber verdammt so.“
„Nein, er meinte nur, er würde mich gerne gerade von diesem Projekt abziehen, da hänge so viel dran.“
„Das ist doch Schwachsinn! Das war doch ursprünglich sogar deine Idee gewesen, wie kann er dich jetzt davon abziehen?“
„Er kann … er ist immerhin der Boss, der Aktien Hauptanteilseigner.“
„Und du hattest auch letztens diesen grossen Auftrag an Land gezogen, oder nicht?“
„Stimmt schon …“

„Ohne den wärt ihr doch fast in die Insolvenz gesegelt.“
„Ja, kann schon sein, trotzdem würde er mich lieber von diesem Projekt abziehen.“
„Aber, ich hoffe, du hast ihm gesagt, dass das so nicht geht?“
„Habe ich tatsächlich.“
„Und?“
„Er sagte, es gehe doch.“
„Ach, und das war’s, ja?“
„Nein, er wird mich mit einer anderen Aufgabe betrauen, einer etwas kleineren Nummer, die seiner Ansicht nach auch besser in meinen Bereich passe.“
„In deinen Bereich? Der behandelt dich ja wie einen vertrottelten Angestellten.“
„Streng genommen bin ich das ja mittlerweile auch.“

„Verdammte Scheisse, wo wäre er ohne dich, ohne dein ganzes Engagement, deine ganzen Über- und Wochenendstunden. Glaubst du für mich war das immer leicht, von den Kindern ganz zu schweigen, die haben dich ja damals kaum zu Gesicht gekriegt, und jetzt wo du immer öfters früher nach Hause kommst, wirst du sie auch nicht mehr zu Gesicht kriegen, weil die beiden ohnehin kaum noch da sind. Und Fee zieht nächsten Monat zu ihrem Freund, aber davon weisst du ja auch nichts. Im Grunde weisst du gar nichts mehr von uns.“

„Nora …“
„Nichts Nora!“
„Nora ich …“
Das Telefon klingelte. Sie liess ihn stehen, ging ran, lauschte einen Augenblick und wurde bleich.

Er hielt inne. Genau so würde es ablaufen, dachte er. Er wusste mehr, als sie ahnte. Das mit ihrer Tochter wusste er sogar schon lange vor ihr. Sie hatte ihn um Geld für die Wohnungskaution gebeten. Er hatte es ihr gegeben. Der neue Freund von Fee schien in Ordnung zu sein, absolvierte brav sein Informatikstudium, was sprach also gegen ein Zusammenleben mit der Tochter. Auch das von Noras Affäre wusste er, und auch dass es noch nicht ganz klar war, ob es nur bei einer Affäre bleiben würde. Nur warum musste es ausgerechnet Christian sein, obwohl es natürlich irgendwie auf der Hand lag. Christian war ja auch oft genug da gewesen, bei ihnen zuhause, abends, wenn er noch arbeiten musste.

Er atmete aus und trat ein.

„Na, schon da? Und? Was hat er gesagt?“, fragte sie, kaum war er zur Tür rein.
„Lass mich doch erstmal zu Atem kommen“, keuchte er.
„Bist du gelaufen?“
„Ja.“
„Willst du was trinken?“
„Ja, sehr gerne.“
Sie ging in die Küche und kehrte mit einem Glas Wasser zurück.
„Danke.“
„So nun erzähl.“
„Alles gut, das Projekt bleibt unter meiner Leitung.“
„Das ist ja wunderbar! Du hast auch hart genug dafür geschuftet.“
„Ja, war kein Pappenstiel, das stimmt schon.“
Sie kam an ihn ran und küsste ihn.
„Willst du was essen, oder vorher lieber noch duschen?“
„Ich glaub erstmal duschen, wäre nicht verkehrt.“
Das Telefon klingelte.
„Soll ich rangehen?“
„Nein, lass nur, ich geh schon.“
Sie ging ran, lauschte einen Augenblick und wurde bleich.

Er hielt inne. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. „Sie können jetzt reingehen, Herr Wichmann“, bemerkte die Sekretärin freundlich lächelnd.
„Danke.“
Er öffnete die Tür.
„Thomas! Ah gut.“
„Christian.“
„Komm rein.“

Er trat ein.

„Tschuldige, dass du warten musstest, aber der Anruf war wichtig.“
„Kein Problem … also, um was geht es?“
„Oh, gleich zur Sache, wie es ja immer deine Art ist“, lachte Christian.

Er stand auf, kam auf ihn zu und wurde ernster.

„Thomas hör zu, ich will gar nicht drum rumreden, aber ich muss dich von der Bräumann-Sache abziehen. Leider.“
„Aber die Bräumann Sache ist mein Baby gewesen.“
„Thomas bitte, jetzt werd hier mal nicht pathetisch, wir finden was anderes für dich. Ganz sicher.“
„Verstehe.“

Christian klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und wandte sich um. Thomas zog das Messer aus seiner Tasche und stach zu – zweimal. Ungläubig drehte Christian sich wieder um, und Thomas stach noch einmal zu. Wortlos, ja beinahe geräuschlos brach sein einstiger Kompagnon zusammen. Thomas verliess das Büro. Nora würde schon auf ihn warten.
Er hielt inne. Dann öffnete er die Tür und trat ein. Nora war nicht zuhause. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel.

Hab dich in der Firma angerufen, du warst schon weg. Christian ist spontan vorbeigekommen. Wir sind schnell was essen gegangen. Komme so gegen neun oder zehn. Es ist noch etwas Hühnchen im Kühlschrank. LG Nora

Er legte den Zettel zurück auf den Tisch. Dann öffnete er den Kühlschrank. Aber er hatte überhaupt keinen Hunger.

Jörn Birkholz

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