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Untergrund-Blättle

Je später der Abend | Untergrund-Blättle

Prosa

»Gib mal den Wein, ich will mal probieren!« Je später der Abend

Prosa

Hanno kam, als ich noch am Essen war. Er stiefelte mit einem Sechserträger und einer Tüte Chips bewaffnet durch mein Wohnzimmer.

30. Juni 2013

30. 06. 2013

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»Noch am fressen?«
»Ja.«
»Ich pack das Bier mal in ’n Kühlschrank.«
Er pfefferte die Chips neben mir auf die Couch und marschierte in die Küche. Dort hantierte er lärmend im Kühlschrank herum. »Dein scheiss Kühlschrank ist zu voll, wenn die Mädels auch noch was mitbringen, passt da gar nichts mehr rein!«, rief er.

»Was für Mädels?«, rief ich zurück.
»Was?!«
Der Kühlschranklärm verstärkte sich noch. Es klang, als würde er das Teil auseinander nehmen.
»Was für Mädels!?«
»Na, wer schon, Birte und Tamara!«
»Ach so.«
»Mann, was hast du hier nur für n Scheiss drin? Schon dieser Broccolikopf nimmt den halben Platz weg!«
»Dann nimm doch die andere Hälfte.«
»Was?!«
»Nichts!«, rief ich, und verzehrte meine letzten Pommes.
»Also, die Getränke der Mädels passen da definitiv nicht mehr rein«, verkündete Hanno, als er ins Zimmer zurückkam.
»Die bringen doch sowieso nichts mit.«
»Auch wieder wahr.«
Er pflanzte sich neben mir auf die Couch. Anhand der Überreste versuchte er mein Mahl zu rekonstruieren.
»Was gab’s denn Schönes? Hackbraten?«
»Putenschnitzel mit Pommes.«

»Und Salat, wie ich sehe«, fügte er hinzu, und wies auf die fast leere Schale; nur einige am Rand klebende Eisbergsalatblätter hatten den Inhalt verraten. Rabiat öffnete Hanno die Chipspackung, wobei er, wie fast jedes Mal, ein Drittel des Inhalts auf meinem Teppich verteilte. Er schob sich eine beachtliche Ladung Chilichips hinein.

»Kommt heute Boxen?«, fragte er mit vollem Mund, während er die Fernbedienung zur fettigen Hand nahm.
»Weiss ich doch nicht.«
Hanno zappte wild durch die Kanäle. Bei "Verstehen Sie Spass" blieb er hängen. Dort küsste eine Frau mit verbundenen Augen einen Schimpansen.

»Wie läuft’s eigentlich mit deiner Kollegin?«, fragte ich.
»Möcht ich nicht drüber reden, immer der gleiche Scheiss.«
»Verstehe, klingt entspannend.«
»Die Frau ist das Gegenteil von Entspannung. Man wird immer älter und will irgendwann mal seine Ruhe haben, aber erklär’ das mal diesen Egotussis.«
»Apropos, wann kommen die Mädels überhaupt?«
»Birte sollte eigentlich schon da sein, und Tamara, bleibt abzuwarten, ob die es überhaupt schafft ihre Wohnung zu verlassen.«
»Aha.«
Hanno wies auf meinen Daumen.
»Dein Fingernagel sah auch schon mal besser aus?«
»Nagelpilz.«
»Kommt bei Frauen gut an.«
»Ich weiss.«
»Was sagt der Hautarzt?«
»Ich war nur inner Apotheke. Die meinten, die Behandlung sei ein langwieriger Prozess.«
»Hört sich gut an.«
Hanno überprüfte im Videotext das Abendprogramm und zündete sich eine Zigarette an.
»Scheisse, doch kein Boxen heute«, nuschelte er in sich rein, und pustete eine frische Ladung Rauch aus seiner Lunge. Sein Handy piepte. Er fummelte es umständlich aus der Hosentasche und las die SMS. Unzufrieden beantwortete er die Nachricht.

»Wer war das?«, fragte ich.
»Na, wer schon.«
»Birte?«
»Nein.«

»Tamara?«
»Neeein!«
»Deine Kollegin?«
Er nickte.
»Und?«
»Sie hat unser Date morgen abgesagt, sie trifft sich mit ihrem Freund.«
»Tja, sowas soll vorkommen. Und was hast du ihr zurück geschrieben?«
»Dass wir das Ganze vielleicht langsam mal lassen sollten.«
»Willst du Schluss machen?«
»Womit denn Schluss machen, wir waren nie zusammen!«
»Wie lange läuft eure Geschichte eigentlich schon?«
»Mittlerweile schon fast ’n Jahr.«
»Weiss ihr Macker eigentlich von dir?«
»Blöde Frage, natürlich nicht! Bei der Arbeit weiss es auch keiner. Die würde sich eher erschiessen, als das mit uns zuzugeben.«
Hanno starrte düster auf den Fernseher. Bei "Verstehen Sie Spass" wurde eine verstörte Oma von einer sprechenden Stoffpuppe, die in einem Fahrkartenautomaten hockte, zugelabert. Gott sei Dank ist der Ton aus, dachte ich mir. Hanno jagte weiter durch die Kanäle; bei den Neun-Uhr-Nachrichten blieb er hängen: In irgendeinem muslimischen Land verbrannten aufgebrachte Männer eine amerikanische Flagge; ein Schnitt folgte: ein Dutzend fettbäuchige Amis schwangen antimuslimische Transparente; ein Schnitt folgte: ein Prediger hielt demonstrativ den Koran in die Luft.

»Das Schlimmste an diesen Moslems ist, dass sie überhaupt keinen Humor haben«, verkündete Hanno und zappte zurück zu "Verstehen Sie Spass". Es klingelte an der Tür.
»Das wird wohl Birte sein«, bemerkte er.
»Soll ich noch schnell saugen?«, fragte ich grinsend.
»Das wird auch nicht viel helfen«, antwortete Hanno, und grinste zurück.
»Okay, ich mach auf.«
Ich ging zur Tür und drückte den Türöffner. Die Wohnungstür liess ich offen. Darauf holte ich zwei Bier aus dem Kühlschrank und kehrte ins Zimmer zurück.
»Das sind meine Bier!«
»Stell dich nicht so an, du wolltest doch Platz im Kühlschrank haben«, sagte ich und setzte mich hin. Mit einem Feuerzeug öffnete ich beide Flaschen und drückte Hanno eine in die Hand.

»Hallohoo«, säuselte es aus dem Flur.
»Hallo«, antworteten Hanno und ich synchron.
Zwei zierliche Frauen betraten das Zimmer.
»Seid ihr zusammen gekommen?«, fragte Hanno, stand auf, und umarmte Birte zur Begrüssung.
»Wir haben uns vorm Haus getroffen«, antwortete Birte, und löste sich aus der Umarmung.
Auch ich erhob mich und schüttelte der nervös um sich blickenden Tamara die Hand. Sie lächelte schüchtern. Darauf reichte ich Birte die Hand. Erstaunlicherweise war Tamaras Händedruck fester, obgleich sie aussah, als könne sie jederzeit auf Kommando in Ohnmacht fallen.

»Setzt euch doch«, sagte ich so galant wie es mir möglich war.
Die Frauen leisteten meiner Aufforderung folge und machten es sich auf der ausladenden Couch bequem. Hanno und ich setzten uns dazu. Jetzt sassen wir alle wie die Hühner auf der Stange; ich zwischen den Frauen, und Hanno neben Birte ganz am Rand; es passte ihm nicht so richtig, aber er sagte nichts. Tamara begann hektisch in ihrer Handtasche herumzukramen und zauberte eine Flasche angebrochenen Rotwein hervor.

»Möchte jemand was?«, fragte sie vorsichtig.
»Wann wurde der denn geöffnet?«, fragte Hanno hart und betrachtete die Flasche skeptisch von der Seite.
»Ich weiss nicht genau ... vor drei oder vier Wochen vielleicht«, antwortete Tamara.
»Na dann is ja gut«, bemerkte Hanno und schüttelte den Kopf.
»Also, für mich lieber keinen Wein«, verkündete Birte falsch lächelnd, und genehmigte sich eine Handvoll Chips, »ich würd‘ gern ein Bierchen trinken, falls ihr noch eins da habt?«
»Wir haben ’ne Menge«, rief ich, und erhob mich von der Couch. Ich spürte, dass Hanno grösste Lust hatte zu protestieren, doch er beherrschte sich. Gemächlich marschierte ich in die Küche und holte ein weiteres von Hannos Bieren, und vorsorglich auch zwei Gläser.

»Ich habe weder Bier- noch Weingläser, ich hoffe die hier tun’s auch«, sagte ich, als ich zurückkehrte und alles auf den Tisch stellte.
»Ja, ja«, bedankte sich Tamara, und Birte nickte.
Wieder machte ich es mir zwischen den beiden Damen bequem.
»Wollt ihr Musik?«, fragte ich.
»Nein!«, antwortete Hanno.
»Wie läuft’s mit Simone?«, richtete sich Birte an ihn, während sie ungeschickt aber erfolgreich die Flasche mit einem Feuerzeug öffnete.

»Schlecht«, antwortete er unzufrieden.
»Wieso schlecht?«
»Sie trifft sich morgen mit ihrem Freund.«
»Oh, das tut mir leid. Hat sie den denn immer noch nicht verlassen?«
»Sie hatte nie vor den zu verlassen! - Die Alte ist einfach tierisch abgebrüht und kalt.«
»Vielleicht ist sie gar nicht abgebrüht und kalt«, mischte ich mich ins Gespräch ein, »Vielleicht findet sie dich einfach nicht geil genug.«
»Natürlich findet sie mich nicht geil genug!«, raunte Hanno ärgerlich, »Darauf bin ich auch schon selbst gekommen. Trotzdem ist die einfach verfickt gefühlskalt!«
»Wenn du meinst.«
»Such dir ’n eigenes Leben!«, brüllte er.
»Nicht schreien, bitte«, vernahm ich zu meiner Linken. Tamara griff nervös zur Weinflasche und nahm überstürzt einige ordentliche Schlucke.
Birte schaute irritiert.
»Nimm doch ein Glas«, sagte ich.
»Ach so, geht schon«, flüsterte sie und schaute mich mit ihren glasigen Augen unruhig an.
»Kam’s gut?«, fragte Hanno von rechts.
Doch Tamara war schon wieder in ihre Gedankenwelt eingetaucht.
»Was ist denn mit deinem Nagel passiert?«, fragte Birte und guckte angeekelt fasziniert auf meinen Daumen.
»Abgesplittert von den Tasten meiner Schreibmaschine.«
»Echt? Sowas passiert?«
»Ja, ich schreibe zuviel.«
»Der hat überhaupt keine Schreibmaschine, das is ’n Nagelpilz, der verarscht dich nur«, sorgte Hanno für Aufklärung.
»Aha«, sagte sie, und schaute jetzt weniger fasziniert, als vielmehr ausschliesslich angewidert auf meinen Daumen. »Und woher kriegt man sowas?«
»Ich hab keine Ahnung.«
»Schau dir doch an, wie der Typ hier wohnt.«
»Ja, genau, letzte Woche hatte ich noch die Cholera«, sagte ich grinsend und leerte mein Bier. Bei "Verstehen Sie Spass" wurde ein bekannter Fernsehmoderator gerade mit "seinem" brennenden Auto konfrontiert. Der Mann zeigte sich ungehalten.
»Wo ist die Toilette?«, fragte Tamara plötzlich mit halbwegs fester Stimme.
»Die Tür da«, antwortete ich und wies in den Flur.
Sie stand auf und ging zügig, sich nervös mit der Hand in den Nacken fassend, zum Klo.

»Was ist denn mit der los?«, flüsterte Birte, kaum war Tamara im Badezimmer verschwunden.
»Was soll mit der los sein?«, fragte Hanno zurück.
»Na, ja, die ist so still. Geht’s der nicht gut?«
»Für ihre Verhältnisse ist die heute ganz besonders lebhaft.«
»Wenn du meinst, ich kenn sie ja nur flüchtig durch dich. Wart ihr nicht sogar irgendwann mal zusammen?«
»Ja, vor hundert Jahren mal«, antwortete Hanno, »Das waren drei anstrengende Wochen.«
»Ihr wart nur drei Wochen zusammen?«
»Ja ... das reichte auch.«
»Warum?«
»Tamara ist seitdem sie sechzehn ist in Behandlung und meistens auf Citalopram. An ihrem sechzehnten Geburtstag hat sich ihr Vater im Keller ne Knarre in ’n Mund gesteckt, während oben die Party im Gange war.«
»Echt? Das is ja heftig.«
»Tamara hat ihn dabei erwischt, als sie ’ne Flasche Sekt holen wollte.«
»Was?!«
»Ja, der Wichser schoss sich vor seiner Tochter in die Fresse!«
»Nicht so laut«, flüsterte Birte eindringlich, »sie hört dich noch.«
»Ach was, die hört schon nichts ... Es soll so schnell gegangen sein, dass sie gar nicht mehr reagieren konnte, und danach konnte sie sich minutenlang nicht mehr rühren, bis man die beiden irgendwann so vorfand. Später fand man auch keine Erklärung, keinen Abschiedsbrief, nichts ...«
Nicht gering schockiert starrte sie Hanno an.

»Gib mal den Wein, ich will mal probieren!«, forderte er mich unvermittelt auf.
Ich reichte ihm die Flasche. Er nippte dran.
»Hm, lecker, Essig.«
Es klingelte an der Tür.
»Wer ist das denn jetzt?«, fragte Hanno mich, und stellte die Flasche zurück auf den Tisch. »Erwartest du noch jemanden?«
»Ich erwarte nie jemanden.«
Widerwillig stand ich auf und ging zur Tür. Tamara kam aus der Toilette.
»Ich glaub, es hat geklingelt«, informierte sie mich.
»Ja, ich geh schon.«

»Kannst du mir bitte noch ’n Bier mitbringen?«, rief Birte.
Ich konnte Hannos Unzufriedenheit darüber bis in den Flur spüren.
»Wer is da?«, fragte ich in die Gegensprechanlage.
»Ich bin’s, Mann!«, dröhnte es aus dem Kasten.
»Wer?«
»Mach auf, Mann! Strange Leute hier unten! Scheiss Kapitalistenpack!«
»Holger?«
»Nein, Mann, hier ist deine Mutter!«
Ich drückte den Öffner. Die Wohnungstür musste ich nicht öffnen; die dämlichen Mädels hatten sie gar nicht erst zu gemacht! Das könnte heute noch anstrengend werden, dachte ich. Nachdem ich noch zwei Bier aus dem Kühlschrank geholt hatte, kehrte ich ins Zimmer zurück. Neugierige Gesichter erwarteten mich dort.

»Und?«, fragte Hanno. »Wer war das?«
»Holger.«
»Holger?«
»Ja.«
»Ach, du scheisse. Na, dann kann’s ja losgehen!«
Hanno nahm sein Bier zur Hand und prostete mir ironisch zu.
»Wer ist denn Holger?«, fragte Birte, sich die zweite Flasche öffnend an Hanno gewandt, der unzufrieden auf ihr Bier schielte.
»Wirst ja gleich sehen.«
Es polterte im Flur. Man hörte, wie sich jemand mit irgendwelchen sperrigen Sachen durch die Wohnungstür zwängte.
»Jemand da?!«, hallte es aus dem Flur.
»Ja!«, antworteten Hanno und ich synchron.
»Scheiss Rucksack!«, fluchte er.v Es polterte wieder. Holger hatte vermutlich sein Gepäckstück auf den Boden geworfen.
»Ey Leute, was geht denn hier ab? Swingerparty, oder was?«, fragte er nuschelnd und breit grinsend, als er ins Zimmer trat.
Wie immer trug er seinen Wildledermantel, seine Wollmütze und seinen fest um den Hals gebundenen Schal. Sofort liess er sich in den Sessel fallen und schaute fuchsig zuerst zu mir und dann zu Hanno, die beiden Frauen beachtete er nur flüchtig.

»Ist dir auch warm genug Holger, wir haben September?«, höhnte Hanno.

»Ey, Leute, hört bloss auf, was da draussen abgeht«, ereiferte sich Holger und gestikulierte wild. »Ich komm grad vom Bahnhof, war in Berlin, total kranke Stadt, hält man nicht aus, alles voller Kapitalistenweiber, und jetzt muss ich erst mal in meine Wohnung, hab Miete drei Monate nicht überwiesen, mein Vermieter ist bestimmt total am Rotieren, und dann wieder sechster Stock, da schwirrt mir jetzt schon der Kopf, ich muss da unbedingt raus ...«

»Du warst in Berlin?«, fragte Hanno den unglaublich schnell vor sich hin nuschelnden Holger.
»Hör bloss auf - war beim Kumpel, der ist auch total durch der Mann, ich musste vier Tage in seiner Küche pennen, weil seine Stiefmutter das Gästebett belegt hatte. Irgendwann kam se nachts nackt rein und machte sich Tee und textete mich mit irgendwelchen fahrigen Storys dicht, und dann fragte se mich so ganz nebenbei, ob ihre Muschi noch frisch aussieht. Alter, ich musste danach erst mal ’ne Tüte rauchen, und dann bin ich nachts noch ausgezogen.«

Hanno und ich grinsten, Birte fühlte sich unbehaglich. Nervös rutschte sie auf ihrem kleinen Hintern hin und her. Tamara wirkte entspannter. Sie betrachtete unseren neuen Gast sehr aufmerksam.
»Ey, ihr habt Vino! Gib mal rüber das Teil«, forderte Holger mich unvermittelt auf, und Tamara überreichte ihm schüchtern lächelnd die Flasche. Er setzte an. Hannos Grinsen verstärkte sich noch.
»Hm, schon schlechteres Zeug getrunken«, urteilte Holger anschliessend.
Hanno schüttelte den Kopf und nahm neugierig das Berlinthema wieder auf:
»Und? Was ging in Berlin noch so ab?«
»Mann, hör auf, Hektik und Stress überall, alles voller Künstlerkapitalisten, die dich mit ihrem Profilscheiss zutexten. Und in fast jedem Bezirk stinkt’s wie auf irgendwelchen Bahnhofstoiletten, selbst im Regierungsviertel. Die marode Kanalisation kann die Scheisse der ganzen Kapitalistenweiber gar nicht mehr verarbeiten ... obenrum aufgestylt und untenrum brodelt die Kloake ...«
Holger sprang auf:
»Ich brauch jetzt ’n Bier! Habt ihr noch was da?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte er in die Küche. Er hatte den armen Hanno völlig überrumpelt.
»War nur noch eins da, ich hoffe das geht in Ordnung?«, fragte er, als er ins Zimmer zurückkam, und nahm, ohne einen möglichen Einwand abzuwarten, einen ordentlichen Schluck.

»Ahh, das brauchte ich jetzt ... wo war ich stehen geblieben?«, fragte er und lümmelte sich wieder in den Sessel.
»Berlin ist eine Kloakenstadt«, antwortete Hanno missmutig, den Blick starr auf dieses letzte Bier gerichtet.
»Ja, ja, hör bloss auf - Ach ja, das knalligste hab ich ja noch gar nicht erzählt; ich stand gestern Abend an der U-Bahn Station Weinmeisterstrasse, und da haben so ’n paar aufgestylte Girlies ordentlich Rabatz gemacht und rumgetanzt. So ’n Grossstadthippie hat denen auf ’ner Akustik-Klampfe auch noch einen vorgeträllert. Mann, zehn Uhr abends, und diese Kapitalistenweiber waren alle schon hackedicht. Na ja, gerade als dann die Bahn rein rauschte, verlor eins der Mädels das Gleichgewicht, knallte auf die Schienen und wumms! ... Schicht im Schacht! Die Alte war weg. Danach überall Gekreische, Panik, Hysterie, die ganze Chose ...«

»Is ja heftig«, bemerkte Birte.
»Yo, Berlin ist die Stadt des Todes«, nuschelte er und schaute auf sein Smartphone.
»Okay Leute, wird Zeit für mich, ich muss zu meinem Vermieter, der Typ steigt mir bestimmt aufs Dach ... Und? Was geht heute bei euch noch so ab?«
»Nichts, wie immer«, antwortete Hanno für alle. »Wir wollen nachher vielleicht noch ins Stawrógin.«
»Wollen wir das?«, fragte ich mit einem hoffentlich nicht zu überhörenden ironischen Unterton.
»Da lässt Birte sich dann wieder ordentlich durchnageln, und alle sind zufrieden.«
»Was?!«, raunte Birte schockiert von Hanno, der ihm kürzlich anvertraute Intimitäten so unverhohlen herausposaunte. Gleichzeitig versuchte sie aber, sich dies nicht anmerken zu lassen. Übertrieben lässig sagte sie:

»Ich hab dort zum Vögeln nur einmal jemanden mit nach Hause genommen, und das ist schon mehrere Monate her.«
»Und was war vorletzte Woche mit diesem Waliser?«, bohrte Hanno gnadenlos weiter.
»Ach der«, erinnerte sich Birte, mit gewissem Schaudern.
»Ja, der«, sagte Hanno selbstzufrieden.
»Ach ja, der war unverschämt - der meinte zu mir, als ich mich an die Theke setzen wollte, dass das sein Platz sei, und dann tätschelte er meinen Arsch.«
»Ja, so macht man das heutzutage«, höhnte Hanno, »klingt doch sympathisch und respektvoll.«
Holger lachte, und Birte wurde rot.

»Das ist lustig hier bei euch!«, rief er aus und zündete sich eine aus Hannos Packung stibitzte Zigarette an.
»Das ist doch ganz normal heutzutage, das machen doch viele«, versuchte Birte sich zu rechtfertigen.
»Da bin ich nicht so sicher«, entgegnete Hanno, »Du bist eben doch keine normale Frau.«
»Wieso?«, empörte sich Birte beleidigt.
»Eine normale Frau würde sich mit knapp fünfunddreissig nicht mehr von irgendwelchen Pennern durchnageln lassen, und kippt sich nicht jedes Wochenende total zu. Eine normale Frau in deinem Alter hat Geld, oder ’n Typen mit Geld, geht regelmässig ins Fitnessstudio, hat irgendwann ’ne Affaire und verwaltet ihren Nachwuchs.«
»So viel trinke ich doch gar nicht!«, ereiferte sich Birte wieder, »Ich hab letztes Mal nur ...«
»Ja, ja, du musst es ja wissen«, schnitt Hanno ihr herzlos das Wort ab.
»Okay Leute, beruhigt euch«, rief Holger schlichtend. »Es ist wirklich sehr erfrischend bei euch, aber ich muss jetzt mal weiter ...«
Er machte Anstalten sich zu erheben, kippte aber zuvor noch das Bier hinunter.
»Darf ich mitkommen?«, hauchte Tamara plötzlich zu Holger hinüber. »Natürlich nur, wenn ich dich nicht störe.«
Dieser war, wie wir Übrigen, kurzzeitig irritiert.
»Mädchen, ich muss gleich zu meinem Vermieter, das wird tierisch stressig«, sagte er nicht mehr ganz so stark nuschelnd.
»Das ist mir egal, ich würd dich nur gern begleiten«, entgegnete sie.
»Äh ja«, stammelte Holger, verdutzt, dass sie es tatsächlich ernst meinte.
»Es würde mich wirklich freuen, wenn ich mit dabei sein darf?«
»Also, von mir aus, dann komm mit.«
Tamaras spröde Lippen spitzten sich zu einem frivolen Lächeln. Holger wirkte zufrieden verstört. Die Szene war rührend und hatte etwas von der Annäherung zwischen Romy Schneider und Burkhard Driest in Je später der Abend.
»Ich bring euch noch zur Tür«, sagte ich lächelnd und wir standen auf.
Mit den Worten: »Na, dann haut mal rein ihr beiden!«, verabschiedete sich Holger von Birte und Hanno.
»Ja, macht’s gut«, sagte Hanno anzüglich grinsend.
»Tschüss«, sagte Birte falsch lächelnd.
Im Flur umarmte mich Tamara.
»Danke dir«, hauchte sie.

»Wofür?«
»Danke fürs Schicksal.«
»Fürs was?«
»Du weisst schon.«
»Ja, ja, ich helfe immer wieder gerne.«
Von Holger bekam ich ein:
»Also, hau rein Alter!«
»Du auch«, gab ich ihm zurück.
Genervt musste ich feststellen, dass die Wohnungstür sperrangelweit offen stand; auch Holger hatte es nicht für nötig gehalten, sie nach dem Eintreten zu schliessen. Er schulterte seinen Rucksack und genoss sichtlich, dass Tamara sich bei ihm einhakte und sich dabei an ihn schmiegte. Ich schloss die Tür nachdem sie gegangen waren.

»Da haben sich ja zwei gefunden«, bemerkte Birte mit verächtlichem Unterton, als ich wieder ins Zimmer trat.
»Ja, auf jeden Topf passt ein Psycho«, lästerte Hanno und zündete sich eine Zigarette an.
Schweigend setzte ich mich in den frei gewordenen Sessel. Hannos Handy piepte. Er nahm es, las die Nachricht und verzog den Mund.
»Simone?«, fragte Birte mit weiblicher Intuition.
»Ja«, antwortete Hanno Rauch ausstossend.
»Und?«
»Sie schreibt: sie würde es sehr schade finden, wenn wir uns nicht mehr sehen würden, aber ihren Freund wird sie auf keinen Fall verlassen.«
»Na ja, wenigstens ist sie ehrlich.«
Hanno lächelte verzerrt. Bei "Verstehen Sie Spass" verschwand jemand in einer Pfütze. Die Augenzeugen wirkten irritiert bis gleichgültig. Ich schaltete den Fernseher aus.
»Wollen wir auch gleich mal los?«, fragte Hanno gereizt.
»Wenn’s sein muss«, sagte Birte.
Zwanzig Minuten später sassen wir im Stawrógin an der Theke. Ich ging nach einer Stunde, Hanno nach zweien. Wie lange Birte blieb, ist ungewiss; das Letzte, was Hanno sah, war ein Birtes magere Taille umklammernder, kurzgeschorener Schrank, auf dem Barhocker neben ihr. Was Tamara und Holger angeht: die wurden noch in dieser Nacht ein Paar und trennten sich eine Woche darauf. Das Schicksal kann manchmal launisch sein.

Jörn Birkholz

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