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Iza und Zuzanna | Untergrund-Blättle

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Prosa

Polnische Musik und Spirituosen Iza und Zuzanna

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Zuzanna kam gewöhnlich am frühen Nachmittag zu uns. Kaum angekommen, setzte sie sich in unsere geräumige Küche und zündete sich eine Zigarette an, während sie erste Anekdoten herausposaunte und Geschehnisse und Begebenheiten zu erörtern begann.

MOs810
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Bild: MOs810 (CC BY-SA 4.0 cropped)

6. Mai 2017

06. 05. 2017

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»Machst du uns Tee, Schatzi?!«, forderte Iza mich immer hektisch auf, um nicht eine Minute mit ablenkenden Nichtigkeiten zu vergeuden und um sich voll und ganz auf unseren so geschätzten Gast konzentrieren zu können. Ich mochte Zuzanna auf Anhieb, sie war laut, offen, direkt, ständig konfus, und gegen ihren Rauchkonsum war Helmut Schmidt ein popeliger Gelegenheitsraucher. Kennengelernt hatten sich die Mädels an der Uni. Zuzanna war aus irgendeiner Kleinstadt zugezogen und lebte mit einem Typen zusammen, über den sie nur spärliche Informationen herausrückte, die uns auch nicht wirklich interessierten. Nur so viel wurde verraten: Er war in meinem Alter, auch Deutscher und arbeitete als Elektroinstallateur.

Jedes Mal machten es sich die Frauen in der Küche bequem. Sie tranken Tee, rauchten Kette, hörten polnische Musik aus Izas verwarztem Kassettenrekorder, schwelgten leidenschaftlich in Erinnerungen, entdeckten Gemeinsamkeiten und palaverten praktisch ohne Unterlass über Gott und die Welt. Zuzanna blieb bei ihren ersten Besuchen bis der Abend anbrach. Höchst emotional war dann der Abschied. Doch niemals trennten sich die beiden, ohne die nächste intime Zusammenkunft verabredet zu haben, welche natürlich nicht in allzu weiter Ferne liegen durfte. War Zuzanna dann fort, war Iza zwar betrübt, fieberte aber sofort dem nächsten Treffen mit wachsender Ungeduld entgegen.

Beim dritten Besuch entdeckten die Damen eine weitere Gemeinsamkeit: ihr Faible für Spirituosen. Der anfängliche Tee mit einem Spritzer Zitrone wurde durch billiges Dosenbier und am vorangeschrittenen Abend durch Wein, Baileys oder auch Wodka ersetzt. Für letzteren hegten beide eine nicht unbeträchtliche Vorliebe. An diesen Abenden, die selbstverständlich die Dämmerung weit überdauerten, kochte die Leidenschaft manchmal geradezu über. Mit Bewunderung beobachtete ich die im fröhlichen Fieberwahn agierenden Frauen, wie sie sich ausgelassenen Lachkrämpfen hingaben, sich regelmässig impulsiv in die Arme fielen oder lautstark polnische und sogar russische Volkslieder zum Besten gaben.

Zuzanna konnte sich zuweilen so weit hineinsteigern, dass sie dabei gleichzeitig singen und weinen konnte. In dieser Gemütsverfassung versicherte sie mir immer wieder, dass Iza und ich etwas ganz Besonderes seien, das ich für einen Deutschen die polnische Seele wirklich verstanden hätte, und dass sie gerade das so grossartig an mir fände. Ich entgegnete ihr darauf, dass ich weder die deutsche noch die polnische Seele verstünde und dass ich bisher noch nicht mal meine eigene kenne. Daraufhin umarmte sie mich herzlich und wiederholte, wie sehr sie uns doch lieb gewonnen habe, ohne auf das Vernommene auch nur im Entferntesten eingegangen zu sein.

Von nun an erschien Zuzanna fast täglich bei uns, sehr zum Leidwesen unserer Nachbarn, welche die allabendlichen ausschweifenden Eskapaden der beiden zu ertragen hatten. Nach gelegentlichen Beschwerden, die eher schüchternen Anfragen glichen und die von meiner sturzbetrunkenen Lebensgefährtin immer augenblicklich niedergeschmettert wurden, hatte ich dann öfters das Vergnügen, die kurz darauf frisch ins Haus gesandten Bullen wieder abzuwimmeln, was nicht so leicht war, da aus der Küche entweder melancholische osteuropäische Chansons oder treibender Punk und zusätzlich schrilles Frauengelächter in den Hausflur hallten.

In den darauffolgenden Wochen stellten die Mädels fest, dass ihnen die traute Häuslichkeit nicht mehr reichte. Sie wollten raus, sich der nachbarlichen Enge entziehen, ihre gemeinsam wiedergefundene Freiheit in vollen Zügen auskosten und die Stadt erobern.

Zwischen Iza und mir kriselte es schon eine geraume Zeit, und was Zuzanna anging, sie war so unschuldig wie ein frisch auf die Welt gekommenes Rehkitz. Ihr Elektrofreund war der erste Mann in ihrem Leben gewesen. Er hatte sich ihr erst nach unmenschlich langem zermürbendem Warten körperlich nähern dürfen, wie sie Iza einmal anvertraut hatte. Diesen Vertrauensbeweis nutzte Iza sofort dazu, Zuzanna darüber aufzuklären, dass auch ich der erste Liebhaber in ihrem Leben gewesen sei, und dass es leider in letzter Zeit mit mir nicht mehr so liefe, wie es ihrer "romantischen" Vorstellung entsprach. Nach diesem Geständnis fielen sich die beiden solidarisch in die Arme und schworen sich immer währende Freundschaft.

Von nun an zogen die Frauen regelmässig alleine los. Iza kehrte meist erst am frühen Morgen heim. Es entging mir nicht, da sie jedes zweite oder dritte Mal beim durch-die-Wohnung-Torkeln über Sachen stolperte, manchmal sogar Möbel umwarf oder ganz einfach im Flur volltrunken zusammenbrach. War sie einen Hauch fitter auf den Beinen, schaffte sie es bis ins Schlafzimmer, wo ich sie, frisch aus dem Tiefschlaf gerissen, entkleiden und ins Bett legen musste. Zwei Minuten später stand sie dann meistens hektisch wieder auf, in der festen Absicht, sich noch abzuschminken und um pipi zu machen oder kotzen zu gehen. Zuweilen passierte auch alles gleichzeitig. Eine weitere lästige Begleiterscheinung dieser allabendlichen Exzesse: Sie zweifelte beharrlich an unserer Liebe.
»Du liebst mich nicht mehr!«, lallte sie dann.
»Bitte nicht jetzt, Baby, ich bin noch im Tiefschlaf.«
»Tiefschlaf! ... Dein ganzes Leben ist doch nur noch ’n Tiefschlaf ... aber ich ... ich geniesse ’s wenigstens und fordere es heraus!«
»Dann viel Spass dabei.«
»Du hattest heute Nacht bestimmt wieder irgendwelche Schlampen hier. Gib’s zu!«
»Ja, wie immer, Mäuschen. Kaum bist du aus ’m Haus, lass ich’s krachen.«

Sie versuchte mich zu ohrfeigen; ich wich aus; sie verlor das Gleichgewicht, fiel um, blieb einen Moment verdattert auf dem Fussboden sitzen und liess sich dann widerstandslos von mir ins Bett bringen. So oder ähnlich endeten Izas nächtliche Eskapaden oft. Es gab allerdings auch Tage, da war sie nicht so einfach zu bezwingen. Einmal stürmte sie hasserfüllt ins Schlafzimmer, nahm ihre geliebte Armbanduhr vom Nachttisch und warf sie aus dem Fenster, danach riss sie sich ungeschickt ihr Kleid vom Körper, rannte ins Badezimmer, stopfte es, dabei deftige polnische Flüche ausstossend, ins Klo und pinkelte darauf. Währenddessen schaute sie provozierend in mein fassungsloses Gesicht.

»Siehst du, wozu du mich immer treibst, das war mein Lieblingskleid!«

Nach so einer Darbietung wurde dann meistens noch ein bisschen geheult und schliesslich schlafen gegangen.

Ein anderes Mal kamen gleich beide Mädels morgens halb bewusstlos durch die Tür gewankt. Zuzanna hatte den letzten Nachtbus verpasst und war noch betrunkener als Iza. Beide lachten dreckig, als sie mein verschlafenes Gesicht erspähten und fielen sich glucksend in die Arme. Dann kam Zuzanna auf die Idee, ihren Freund zu bitten, sie abzuholen. Sie torkelte zum Telefon ins Arbeitszimmer, ergriff dabei allerdings so ungeschickt den Hörer, dass sie das Gleichgewicht verlor, mit dem Arsch in unserem Ficus landete und beim Sturz auch noch das ohnehin lose sitzende Kabel aus dem Hörer riss. »Izunia! (Verniedlichungsform von Iza) Chodz, kochana (Komm, Liebling)!«, rief sie in den Flur. »Wie ist meine Nummer?«

Iza schwankte ins Zimmer, nahm das Telefon und wählte Zuzannas Nummer, ohne zu bemerken, dass ihre Busenfreundin den kabellosen Telefonhörer an ihr Ohr gepresst hatte. Ich lehnte am Türrahmen und genoss die morgendliche Vorstellung. Zuzanna, der gekräuselte Haarsträhnen ins Gesicht hingen, begann, bemüht einnehmend säuselnd zu telefonieren.

»Hallo, Schatzi ... holst du mich ab? ... Ich bin, glaub ich, nicht mehr in der Lage, Bus zu fahren ... Schatzi! ... Bist du noch dran? ... Redest du nicht mehr mit mir? ... Ich weiss, dass es wieder später geworden ist ... Warum schmollst du denn jetzt?«

Sie schaute mit ihren glasigen Augen zu Iza auf.

»On nie odpowiada (Er redet nicht mit mir).«
»Wenn er dich liebt, dann soll er dich gefälligst auch abholen. Du bist was ganz Besonderes, und der weiss das gar nicht zu schätzen«, rief Iza theatralisch aus. »Schatzi würde mich«, und sie wies jetzt auf mich, »jederzeit, wenn es sein müsste, sogar vom Mond abholen, hab ich nicht recht?« Selbstverständlich nickte ich zustimmend.

Zuzanna schaute zu mir, dann wieder zu Iza und verkündete gerührt:
»Oh, ihr seid so süss, ihr beiden. Kocham was (Ich liebe euch)!«

Und schon kullerten heisse betrunkene Tränen aus ihren mittlerweile halb zugefallenen Augen.

»Hast du gehört, was Izunia gesagt hat, Schatzi?«, schluchzte Zuzanna in den toten Hörer. »Wenn du mich wirklich liebst, musst du mich auch abholen ... Ich werde hier so lange sitzen und warten, bis du kommst.«

Sie liess den Hörer auf den Fussboden fallen und schlief augenblicklich ein. Ironischerweise ertönte jetzt aus ihrer blauglitzernden Handtasche ein Handysummen. (Sie hatte vergessen, dass sie es dabei hatte.) Ihr Freund machte sich wohl Sorgen. Iza überhörte das Summen und taumelte betrunken lächelnd auf mich zu.

»Bringst du mich ins Bett?«, hauchte sie in kindlichem Tonfall.

Nachdem sie sich mechanisch übergeben hatte, bettete ich sie in die flauschigen Kissen. Zwei Stunden später verliess Zuzanna still und heimlich die Wohnung und nahm den ersten regulären Linienbus.

Ein anderes Mal kam Iza noch später nach Hause als sonst und schaffte es nicht mal mehr durch die Wohnungstür, gegen die sie stürmisch mit den Fäusten hämmerte. Da sie noch ihre kleine Handtasche am Arm trug, knallte auch diese gegen die Tür, öffnete sich dabei, und der komplette Inhalt verteilte sich im Hausflur.

»Na endlich!«, schrie sie mich an, als ich ihr geöffnet hatte. »Warum ist die Klingel denn ausgeschaltet?!«
»Das warst du selbst, Baby, du wolltest nicht ständig von den Nachbarn wegen Ruhestörung belästigt werden.«
»Ach ja, stimmt«, bemerkte sie kleinlaut.

Ein älterer mürrischer Nachbar lugte durch seine halbgeöffnete Tür, und nachdem er gesehen hatte, was sich wieder mal im Treppenhaus abspielte, schloss er sie wortlos und kopfschüttelnd wieder. Als Iza endlich die Hälfte ihrer Sachen vom Boden aufgesammelt hatte und eingetreten war, stellte ich fest, dass sie noch zerzauster als üblich aussah, und auch ihre recht robuste Strumpfhose war stellenweise zerrissen.

»Was ist passiert? Wurdest du, oder hast du jemanden vergewaltigt? Und was sind das für grüne Stellen in deinem Gesicht?«
»Nie pytaj (Frag nicht)«, winkte sie ab.
»Na ja, immerhin scheinst du ja halbwegs nüchtern zu sein. Also erzähl schon, was ist passiert?«
»Ich hab den Schlüssel verloren.«
»Den Haustürschlüssel?«
»Ja, welchen denn sonst, cholera (verdammt)? Oder glaubst du ich hämmere hier zum Spass gegen die scheiss Tür?«
»Wer weiss. Trotzdem du bist heute viel später dran als sonst. Es ist gleich zehn Uhr.«
»Ich hab aufm Baum geschlafen.«
»Wie bitte?«
»Ich hab aufm Baum geschlafen!«
»Was heisst, du hast aufm Baum geschlafen?«
»Das heisst, was es heisst.«
»Aha, darf ich auch erfahren, warum?«
»Ich wollte dich vorhin nicht wecken.«
»Baby, du weckst mich jedes Mal, wenn du nach Hause kommst, ob mit oder ohne Schlüssel.«
»Ja, tut mir leid.«
»Schon gut, aber was für ’n verdammter Baum denn?«
»Der vorm Haus.«
»Was?!«
»Der hier vorm Haus!«
»Hat dich jemand dabei gesehen?«
»Das ist es ja. Diese scheiss konservativen Leute hier in der Gegend stehen ja sonntags alle schon so früh auf. Gerade war ich halb eingeschlafen, da kam so ’n kleiner Opa vorbei und fragte mich, was ich da mache und ob ich Hilfe brauche oder ob er die Polizei rufen soll. Ich hab ihm gesagt, dass alles völlig in Ordnung ist, und dass ich jetzt gerne weiter schlafen würde, aber darauf kam er nicht ganz klar ...« »Das ist nachvollziehbar, Mogli ... du musst verstehen, der Opa hat vielleicht das letzte Mal bei der Sturmflut ’62 Leute in den Bäumen sitzen sehen ... Konntest du denn nicht bei Zuzanna pennen?«
»Die war schon nach Hause, und ausserdem hatte ich mein Handy vergessen.«
»So, so, und dann blieb nur noch das Baumhotel, ja?«
»Ja, lach nicht, ich hielt das vorhin für ’ne gute Idee ... aber dann tauchte leider auch noch diese Tussi aus ’m dritten Stock mit ihren zwei dämlichen Kindern auf. Und sie und Opi fingen zu diskutieren an, was ich da mache und so. Die Tussi war total empört, aber die Kinder fanden ’s glaub ich ganz lustig ... Hast du ’ne Zigarette, Schatzi?«

Ich holte aus der Küche Zigaretten, gab ihr eine und auch Feuer. Sie nahm einen tiefen Zug.

»Irgendwann fingen die scheiss Kinder dann aber an, Stöcker und kleine Steine nach mir zu werfen«, fuhr sie fort. »Ich hab der Tussi gesagt, dass sie ihre Brut vielleicht mal lieber besser erziehen sollte, darauf meinte die, was mir denn einfällt, sie zurechtzuweisen, ich sollte mich mal lieber im Spiegel angucken. Und dann, als die Schlampe meinen Akzent gehört hat, ist sie auch noch unverschämt geworden und meinte, dass es in Osteuropa vielleicht normal ist, nachts auf Bäumen zu schlafen, aber hierzulande eher selten vorkommt und bla bla bla ... Ich hab ihr dann gesagt, sie soll sich endlich verpissen und nicht vergessen, ihre verdammten Kinder mitzunehmen ... Schlafen konnte ich dann sowieso nicht mehr ... Und dann kamen auch noch so n paar Jogger angedackelt und gafften mich blöd an ... Was ist in diesem Land bloss los? Ich mein, bei uns rennen Sonntagmorgens alle heuchelnd in die Kirche und hier bei euch sinnlos durch die Gegend?«
»Einige versuchen auch zu schlafen, Baby.«
»Ja, versuchte ich auch, aber man liess mich ja nicht ... Die Oma aus ’m Erdgeschoss hat mich dann unten reingelassen … Ich geh jetzt duschen und dann ins Bett.«
»Mach das.«

Doch bald war der ganze Spass dann so abrupt vorbei, wie er begonnen hatte. Eines Tages waren Zuzannas Elektriker die Sicherungen durchgebrannt, und er hatte sie fast verprügelt und ernsthaft gedroht, sie aus seiner Wohnung zu schmeissen, sollte sie sich weiterhin mit ihrer vollkommen durchgeknallten Freundin die Nächte um die Ohren schlagen. Iza kochte vor Wut und zeigte wenig Verständnis, als Zuzanna es ihr aufgewühlt und unter Tränen gestanden hatte, doch wirklich etwas ausrichten konnte sie natürlich nicht. Der junge Mann hatte Zuzanna finanziell und emotional in der Hand, sie war komplett von ihm abhängig. Eine Zeit lang trafen sich die beiden Freundinnen noch auf eine Tasse Tee bei uns, doch es war nicht mehr dasselbe. Wenn man zusammen so weit gegangen war, sich gemeinsam in die tiefsten Abgründe gestürzt hatte und dann wie zwei trockene Alkoholiker nur noch friedlich und nett beim Tee zusammen sitzen durfte - das hatte keine Zukunft. Schnell hatten sie sich wie ein altes isoliertes Ehepaar nicht mehr viel zu sagen, und bald trennten sich ihre Wege für immer. Zuzanna kehrte dorthin zurück, wo sie her kam und vielleicht auch hingehörte, und so auch Iza. Sie hatte fürs Erste aufgehört, das Leben herauszufordern.

Jörn Birkholz

Trap