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Prosa

Jörn Birkholz Esra

Prosa

Ich bin in Düsseldorf beim Bärenhäuser Kunstforum nominiert worden. Am späten Nachmittag treffe ich ein und betrete, mein "Kunstwerk" unter dem Arm haltend, einen tristen aber geräumigen Innenhof. Geschäftiges Treiben, leichter Nieselregen.

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Bild: © Superbass / CC BY-SA-3.0 unported (via Wikimedia Commons)

30. Juni 2013

30. 06. 2013

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13 min.

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Junge gepflegte Menschen laufen hin und her und hantieren mit Werkzeugen herum. Pavillons werden hochgezogen, eine Bühne wird aufgebaut und ein umfangreiches Büffet aufgestellt. Eine Frau Ende zwanzig mit Naturlocken tritt auf mich zu.

»Hi.«
»Hallo.«
»Ich bin die Sandra und wie heisst du?«
»Max.«
»Nachname?«
»Bellinger.«
»Bellinger«, wiederholt sie und beginnt, eine bereits abgegrabbelte Liste durchzublättern.
»Stellplatz 14 … da am Ende der Mauer.«
»Danke. Findet das Ganze also draussen statt?«

Sie mustert mich leicht vorwurfsvoll.

»Ja, so stand es auch ausdrücklich in dem Anschreiben.«
»Hab’s nicht genau gelesen, aber mir soll’s recht sein.«
»Okay, also da drüben in dem Karton sind Schrauben und so weiter, und da vorne kannst du dir Kunststoffplane rausholen, damit dein Werk nicht beschädigt wird … sonst noch Fragen?«
»Denke nicht.«
»Gut, dann bis nachher.«

Ich begebe mich zu Stellplatz 14. Ein leeres Blechgitter erwartet mich dort. Ich hole mir Schrauben, die ich nicht brauche, und einen Schraubenzieher, den ich nicht brauche, und nur mit ein paar Haken befestige ich mein "Werk" an der Wand. Der Nieselregen verwandelt sich in einen heftigen. Das geschäftige Treiben wird noch geschäftiger. Ein bebrillter Japaner mit blauweiss gestreiftem Pullunder versucht panisch, sein Kunstwerk, mehrere Blätter, auf denen sich irgendwelche Aquarellmalereien befinden, in Sicherheit zu bringen. Links von mir fährt ein wirklich hässliches Frauenzimmer trotz des Regens unbeirrt fort, etliche menschengrosse orangefarbene Papierfiguren an den einzigen im Innenhof befindlichen Baum zu hängen.

Sandra kommt mit zwei Regenschirmen, Plastikfolie und Klebeband angespurtet. Sie überreicht mir einen Schirm und die Folie.

»Hier! Mach schnell ran, damit deinem Bild nichts passiert!«
»Das Teil hat einen Glasrahmen, sollte das als Schutz nicht ausreichen?«, entgegne ich beinahe gerührt über die übertriebene Kunstfürsorge.
Sandra betrachtet prüfend meinen billigen Glasbilderrahmen.
»Nein, nein, schau hier! Hier oben am Rand ist das nicht richtig zu, da könnte Wasser reinlaufen!«

Zusammen mit der fürsorglichen Sandra befestige ich die Folie. Darauf schlendere ich mit dem Schirm bewaffnet durch den Innenhof und "begutachtete" die nominierten Ausstellungsstücke: Zeichnungen, Ölmalereien, Skulpturen und Fotografien. Einige sind ansprechend, andere überzeugen mich weniger, aber was weiss ich denn schon. Vor drei zusammengeklebten menschengrossen Roboterfiguren bleibe ich länger stehen. Die Figuren sind aus Alufolie, Pappe, Kunststoffröhren, leeren Pralinen- oder Kekspackungen und allerlei anderem Müll zusammengetrasht. Die Schöpfer, ein todernst durch die Gegend stierendes Pärchen, halten sich leicht abseits ihres Werkes auf und schauen immer wieder missmutig zum wolkenverhangenen Himmel hinauf.

Ich versuche die Kekspackungen zu identifizieren. Auf der Stelle erkenne ich Bahlsen Butterkeks und Toffifee. In der Grundschule hatte ich im Werken-Unterricht selber mal mit Toffifee-Packungen und Alufolie gebastelt und eine Mondlandschaft erschaffen, für die ich nur eine drei minus bekam. Ich schlendere weiter und entdecke einen rauchenden jungen Mann mit spärlichem Kinnbart, der an die Mauer gelehnt unter einem Vordach steht. Ich stelle mich zu ihm und zünde mir auch eine Zigarette an.

»Moin«, sage ich.
»Hallo.«
»Nettes Wetter, was?«
»Stört mich nicht.«
»Schon da drüben die drei lustigen Roboter bewundert?«
»Ja, fand ich schön zivilisationskritisch.«
»Aber sicher doch. Und was stellst du aus?«
Er weist auf einen auf einer Palette liegenden transparenten Plastiksack, indem sich ausschliesslich Ein-Cent-Münzen befinden.
»Hm«, sage ich. »Wieviel ist denn da drin?«
»Viertausenddreihundertsechsundachtzig Euro.«
»War’s sehr schwer, die Cent-Stücke so anzuordnen?«

Der Kinnbart betrachtet mich von der Seite und ist sich nicht sicher, ob ich ihn verarsche oder ob ich es ernst meine, so schweigt er und zerdrückt seine Zigarette an der Mauer.
»Ich geh mal rein und hol mir ’n Kaffee«, sagt er dann.
»Mach das.«

Der vom Schirm runtertropfende Regen hat meine Zigarette gelöscht. Vielleicht sollte ich auch mal reingehen? Unauffällig folge ich ihm. Drinnen befinden sich drei Räume, zunächst eine Art Vorraum, zur linken ein Atelier und zur rechten ein riesiger Konferenzraum, den man gerade für das abendliche Tanzvergnügen umdekoriert. Vom Regen durchnässte junge Männer schleppen Verstärker, Kabel usw. hinein. Der Münzenmann kommt mir mit einer dampfenden Tasse entgegen und geht wieder nach draussen. Wahrscheinlich will er seinen Schatz nicht allzu lange unbeaufsichtigt lassen.

Ich gehe ins Atelier, wo der Japaner gerade seine Aquarelle auf dem Boden ausbreitet. Kritisch begutachtet er den durch den Regen entstandenen Schaden. Eine in der Ecke stehende Ledercouch lädt mich freundlich ein. Ich greife mir eine Tasse Kaffee, zünde mir eine an und pflanze mich hin. Der Japaner sammelt seine Arbeit wieder auf und verlässt den Raum. Ein Schnurrbart lugt herein.

»Hier drinnen dürfen Sie aber nicht rauchen.«
»Draussen regnet’s.«
»Hier drinnen bitte nicht rauchen.«

Er verschwindet wieder, vermutlich der Hausmeister. Ich werfe die Kippe in den Kaffee und stelle die Tasse auf den Boden. Eine attraktive Blondierte mit einem Bündel um den Bauch erscheint im Atelier und lächelt mich an.

»Na, ganz alleine hier?«
»Jetzt nicht mehr«, sage ich und lächele zurück.
»Darf ich mich zu dir setzen?«
»Natürlich.«
»Stört’s dich, wenn ich ihn hier stille?«
Das Bündel entpuppt sich als kleiner Mensch.
»Nein.«
Sie beginnt ihre Bluse zu öffnen. Das Ding auf ihrem Bauch macht leise Glucksgeräusche.
»Von dir ist die Collage, stimmt’s?«, fragt sie.
»Ja.«
»Interessant.«
Sie drückt ihren Nachwuchs an die Brust.
»Jaa, du hast Hunger. Jetzt gibt dir die Mama was.«

Ich versuche einen flüchtigen Blick auf ihre Titte zu erhaschen, doch vergeblich; der kahle Säuglingskopf versperrt mir die Sicht. Nach einer höflichen Zeitspanne von etwa drei Minuten verlasse ich das Atelier und gehe wieder nach draussen. Dort wird auf der Bühne gerade die Eröffnungsrede gehalten. Ein unsympathischer Fettsack, an dem lässig ein roter, goldverzierter Schal herunterbaumelt, heisst alle Nominierten, Förderer und Juroren herzlich willkommen. Nach einigen scherzhaften Bemerkungen über das katastrophale Wetter (das nicht mehr katastrophal ist, da der Regen nachgelassen und schliesslich ganz aufgehört hat) wünscht er den Nominierten viel Glück und auch allen übrigen Anwesenden einen wunderschönen und gelungenen Abend. Applaus, kollektives Gegrinse, und die Sache fängt an.

Juroren ziehen ihre Kreise, begutachten die Werke und machen Notizen. Die meisten Künstler stehen neben ihren Werken, um ihnen beizustehen. Ich hole mir ein Bier. Der Innenhof füllt sich. Dezenter Free Jazz ertönt. Gäste aus Kunst und Kultur treffen ein und ich mittendrin. Man redet, gestikuliert, raucht, isst und trinkt. Ich beschränke mich aufs Rauchen und aufs Trinken und streife durch die Menge. Eine Fotografie, auf der kleine Plastiksoldaten einen abgewetzten Tirolerhut erklimmen, findet bei drei älteren Herren grossen Zuspruch.

Der Schöpfer, ein schmächtiger Seitenscheitel mit Überbiss, steht steif daneben. Ich schlendere weiter. Bei den im Baum hängenden orangefarbenen Papierfiguren mache ich erneut Halt. Die Figuren sind vom Regen aufgeweicht und haben sich stellenweise bereits aufgelöst. Die Schöpferin steht verzweifelt und ebenfalls vollkommen durchnässt daneben, neben ihr der bebrillte Japaner.

»Kunst muss wie das Leben vergänglich sein«, höre ich ihn tröstend sagen, ihn, der vorhin noch panisch seine dämlichen Aquarelle in Sicherheit gebracht hatte. Ich gehe zur Theke und hole Nachschub.
»Na, schon aufgeregt?«, vernehme ich und drehe mich um. Vor mir steht die fürsorgliche Sandra und wirkt aufgekratzt.
»Aufgeregt, warum?«
»Na, die Juroren haben sich schon zur Beratung zurückgezogen. So inner halben Stunde werden die Preisträger bekannt gegeben.«
»Ach ja, ja, sehr aufgeregt.«
»Na, dann viel Glück.«

Und weg ist sie, zum nächsten aufmunternden Smalltalk. Der Kinnbart ist als nächster an der Reihe. Eine aufgetakelte Brünette wird von einer Traube dämlich gackernder Anzugträger umringt. Sie wirkt so dermassen affektiert, dass es schon wieder sexy ist. Ich versuche

Blickkontakt herzustellen, doch sie sieht mich nicht, oder will mich nicht sehen. Ich schlendere weiter. Mein Bier ist schon wieder alle. Also auf zur Theke! Dort stehen zwei aufgedrehte junge Frauen, die frech vor sich hin kichern. Wir kommen ins Gespräch. Sie hiessen Swantje und Esra. Esra gefällt mir sehr, sie hat eine warme, natürliche Art, und ich spüre, dass die Chemie stimmt, doch schnell werde ich von der pausbäckigen, ständig sinnlos mit dem Kopf nickenden Swantje in Beschlag genommen. Ohne dass ich sie danach gefragt habe, erzählt sie mir von ihrer journalistischen Tätigkeit als einziger weiblicher Redakteur eines etablierten Motor-Sport-Magazins.

»Was da in der Branche hinter den Kulissen abgeht, das glaubst du nicht. Gigantischer Drogenkonsum! Und die Typen, der Begriff Chauvinismus schmeichelt dem Ganzen noch. Und die Nutten prügeln sich um die Freier oder lassen sich verprügeln, wenn man bei einigen Siebzehnjährigen überhaupt schon von Nutten sprechen kann.«
»Du trinkst Wasser?«, frage ich.
»Ja, ich hatte vorhin schon ’n paar Cocktails, wenn ich nicht aufpasse, falle ich wieder aus der Rolle.«

Ihr Kopfgenicke wird stärker. Ich überlege, sie darauf anzusprechen, entscheide mich aber dagegen. Esra unterhält sich derweil mit der aufgetakelten Brünetten, die sich ihrer Traube aus Anzugträgern entledigt hat. Der Hintergrund-Jazz wird ausgestellt, und der korpulente Festredner betritt erneut die Bühne, um die Preisträger bekannt zu geben. Der erste Preis (dotiert mit 3.000 Euro) geht an den Aquarelljapaner, und der Zweite (1.000 Euro) an das postmoderne Toffifee-Robocop-Pärchen. Die Begründung der Jury entgeht mir, da Swantje mir aufgewühlt erzählt, dass sie neulich mitbekommen habe, wie irgendwelche prominenten Biker eine neunzehnjährige ukrainische Prostituierte so mit Koks und LSD zugedröhnt hatten, dass diese völlig verpeilt durchs geöffnete Fenster aus dem fünften Stock eines Hotels gesprungen war.

Ich zünde mir eine an. Abschliessend wird noch der Publikumspreis vergeben. (Ich wusste gar nicht, dass es einen gibt.) Er geht an den schmächtigen Seitenscheitel mit dem "Tirolerhut". Die Gekürten treten auf die Bühne, Applaus, Gegrinse, ein Gruppenfoto, und weiter geht’s im Programm: Ein Streichquartett mit unscheinbarer Sängerin betritt die Bühne und gibt einige französische Chansons zum Besten, wechselt dann aber zu temperamentvolleren Zigeunerballaden. Ein paar Frauen in den mittleren Jahren versuchen dazu verkrampft unverkrampft das Tanzbein zu schwingen. Die unscheinbare Sängerin hat zugegeben eine recht kraftvolle Stimme, besonders da sie ohne Mikro singt. Ich bestelle noch ein Bier.

»Wollen wir rein?«, fragt Swantje aufgekratzt.

»Wo rein?« »Drinnen ist so ’ne Art Disco.«
»Unbedingt.«
»Na, dann los!«, jauchzt sie, und ich bin fast versucht ihren verdammten wippenden Kopf festzuhalten. Die fürsorgliche Sandra kommt uns entgegen.
»Hallo Max, ich hoffe, du bist nicht allzu enttäuscht?«
»Nein, nein, ist schon in Ordnung.«
Wir lassen sie einfach stehen und gehen weiter.
»Worüber enttäuscht?«, fragt mich Swantje.
»Am Büffet gab’s keinen Schwertfisch.«
»Verarsch mich nicht!«

Esra kommt uns hinterher. Ich lächele sie an, sie lächelt keck zurück. Wir betreten den Tanzbereich, und die Damen stürmen aufs Parkett. Ich halte mich zurück, bin noch nicht betrunken genug, um zu Xavier Naidoo rumzuwackeln. Nachdem ich eine Weile so da stehe und die sich tänzerisch windenden Frauen betrachte (Swantjes taubenartiger Kopfnicktick fällt beim Tanzen weniger auf) werde ich plötzlich um die Taille gefasst. Neben mir steht die aufgetakelte Brünette.

»Wir beide trinken jetzt draussen ein schönes Gläschen Wein«, sagt sie bestimmt und geht mit mir nach draussen, ohne die Umarmung zu lösen. Dort fragt sie mich:
»Wie heisst du?«
»Max.«
»Aha, also Max, und was machst du hier Max, bist du als Gast eingeladen?«
»Quasi, ich war nominiert.«
»Du warst nominiert?«
»Ja.«
»Dann bist du also Künstler?«
»Nein.«
»Wie nein?«
»Eben nein.«
»Magst du die Bezeichnung nicht?«
»Die Bezeichnung ist mir scheissegal, ich bin’s eben nicht.«
»Gefällt dir Esra?«
»Durchaus.«
»Sie hat einen Freund.«

»Alle Frauen, die so aussehen, haben einen Freund … du wahrscheinlich auch.«
»Findest du mich attraktiv?«
»Frauen, die anfangen danach zu fragen, sind sich ihres Aussehens nicht mehr sicher.«
Wir kommen an der Theke an und bestellen einen Wein und ein Bier. Die Band hat aufgehört zu spielen, und der Innenhof leert sich. Wir setzen uns auf eine Bank an einem ausklappbaren Tisch. In einer Ecke sitzt die fürsorgliche Sandra und raucht eine Zigarette, sie wirkt frustriert. Die Brünette betrachtet mich prüfend.

»Deine Klamotten - das geht gar nicht!«
»Soll ich sie ausziehen?«
»Nein, ernsthaft, dieses Cord-Jackett, und die Brille … furchtbar.«
»Mädchen, diese Brille trage ich bereits seit zehn Jahren, und ausserdem, hast du keine anderen Sorgen?«
Sie lächelt frech.
»Bist du Maler?«
»Nein!«
»Was für einen Wettbewerbsbeitrag hattest du denn eingereicht?«
»Eine scheiss Collage!«
»Eine scheiss Collage, aha … Und du bist kein Künstler?«
»Nein.«
»Was bist du dann?«
»Durstig.«
Ich trinke das halbe Bier auf ex und sehe die fürsorgliche Sandra den Innenhof in Richtung Ausgang verlassen.
»Kennst du Álvaro Montero?«, fragt die Brünette.
»Nein, wer soll das sein?«
»Der grossartigste abstrakte Maler, der je auf Erden gewandelt ist.«
»So, so, ist der auch hier?«
»Nein.«
»Dein Macker?«
»Ja, war er.«
»Wieso war? Hat er mit dir Schluss gemacht?«
»Schluss gemacht schon, aber nicht mit mir. Er hat sich auf der Strecke Barcelona - Sevilla vorn Zug geworfen.«
»Warum?«

»Er litt unter Panikattacken.«
»So was soll vorkommen … Tut mir leid.«
Der fette Festredner und zwei breit grinsende Anzugträger setzen sich, ihre Biergläser auf den Tisch knallend, unaufgefordert zu uns. »Doreen du kleines Luder, du kannst uns doch nicht einfach alleine lassen!«, poltert der Fette. Sein rundes Schweinsgesicht glänzt vor Schweiss. »Ich werde keinen von euch ficken!«, verkündet die Brünette und gebärdet sich auf einmal betrunkener als sie eigentlich ist.

»Aber Doreen, du bist doch sonst nicht so wählerisch?«, sabbert einer der Anzugträger.
»Ach, ihr seid solche Nervensägen!«
Kollektives dreckiges Gelächter. Weitere pubertäre Anzüglichkeiten werden ausgetauscht.
»Doreen, Mäuschen, wer ist denn dein neuer Freund hier?«, höre ich den Fetten sagen.
»Das ist Max!«, verkündet Doreen. »Er ist kein Künstler, war aber nominiert!«
»Und hast du ’n Preis abgeräumt, Max?«, wendet er sich jetzt falsch grinsend an mich. Der Knilch hat schon vergessen, mit wem er noch vor knapp zwei Stunden auf der Bühne gestanden hatte.
»Nein.«
»Na, mach dir nichts draus, mit einem Luder wie Doreen hast du dann ja wenigstens den Hauptgewinn gezogen!«

Erneutes dreckiges Gelächter. Esra betritt den Innenhof und geht warm lächelnd an mir vorbei. Ich leere mein Bier und folge ihr. Das dreckige Lachen im Hintergrund verstärkt sich noch. An der Strasse vor der Einfahrt sehe ich sie stehen. Allein!

»Hast du Doreen einfach allein sitzen gelassen?«, fragt sie, als ich vor ihr stehe.
»Sie scheint dort in netter, vertrauter Gesellschaft zu sein. Da will man ja nicht stören.«
Esra lächelt und schaut auf die Strasse.
»Was ist mit deiner Freundin Swantje?«
Sie blickt mich mit ihren schlauen Augen an.
»Die bleibt wohl noch da. Sie hat vorhin noch ’ne Line gezogen und tanzt wahrscheinlich bis morgen Nachmittag durch.«
Ich versuche mich vorsichtig Esras Gesicht zu nähern.
»Ich mag dich und möchte dich küssen.«
Etwas unschlüssig entzieht sie sich mir.
»Warum versuchst du’s nicht bei Swantje?«
»Von der würde ich höchstens ’nen Glasgow Kiss bekommen.«

»Glasgow Kiss?«
»Schottischer Nasenstüber mit der Stirn.«
»Ach ja, ihr Kopfwackeltick. Den hat sie schon länger. Sie hat einiges durchmachen müssen.«
»Verstehe.«
Einen Moment schweigen wir, bis Esra verkündet:
»Ich mag dich übrigens auch … aber es ändert nichts.«
»Es ändert nichts?«
»Nein.«
Plötzlich fährt ein Wagen vor und hupt. Der Fahrer ist im Dunkeln nicht zu erkennen.
»Mach’s gut«, haucht sie und umarmt mich kurz aber fest.
»Du auch.«

Sie steigt ein, und der Wagen rauscht davon. Auch für mich wird es Zeit. Aus dem Innenhof hallt dreckiges Gelächter.

Jörn Birkholz

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