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Prosa

Jörn Birkholz Adele

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Der betrunkene Mario riss mich aus einem Gespräch mit einer Blondierten und zog mich quer über die Tanzfläche. Dann stellte er mich vor sie. Adele! Sie strahlte über ihr ganzes breites Gesicht.

Jörn Birkholz
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Bild: Jörn Birkholz

11. März 2013

11. 03. 2013

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Acht Jahre waren vergangen. Damals ging’s noch hoch her. Die wilde Jugend, die mitnichten wild war. Adele war damals immer mit dabei gewesen, wenn wir die Nächte unsicher machten. Wir schleppten sie überall mit hin, auf Konzerte, auf Partys, in verdammte Diskotheken. War das ein Spass. Sie musste mit uns trinken, rauchen, tanzen, in irgend einer versifften Ecke einschlafen, in der Kälte an nächtlichen Strassenbahnhaltestellen warten, oder auf dem Gepäckträger ausharren, während man Schlangenlinien fuhr, lallend noch einmal die nächtlichen Ereignisse zusammenfasste und von beschränkten Schönheiten schwärmte, die man kurz zuvor versäumt hatte zu erobern.

Adele war unser Kumpel gewesen, ein richtiger Kumpel, aber mehr auch nicht. Sie war keine Schönheit. Jeder hatte sie damals links liegengelassen. Wir alle waren hinter den heissen Schnitten her und scheiterten kläglich. Adele ist keine Schnitte und war nie eine gewesen. Adele war auch nicht ihr richtiger Name. Erst als sie Vertrauen zu uns gefasst hatte, verriet sie ihren echten – den ich gleich wieder vergass; egal, für mich blieb sie die gute alte Adele.

»Kennst se noch?«, lallte Mario und schob mich gegen sie. Ich stolperte fast, sie musste mich festhalten. Mir war es unangenehm - acht Jahre waren vergangen und Adele musste mich immer noch stützen wie ein Kleinkind, das die Koordination verloren hatte. Wie ein Pubertierender schubste ich jetzt Mario. Taumelnd wankte er zur Bar.

»Der ist ganz schön betrunken, was?«, stellte Adele fest.

In der Tat war Mario nicht mehr ganz nüchtern, was man von mir allerdings auch sagen konnte, doch ich verstellte mich gut. Betont aufmerksam und sauber artikuliert fragte ich sie: »Wie ist es dir ergangen Adele, was macht die Kunst?«

Ein »Was?« folgte als Gegenfrage. Ich brüllte meine Frage ein zweites Mal heraus. Diese scheiss Musik! Ein paar Mal ging es so hin und her. Ich verstand nur die Hälfte, gab vor, alles zu verstehen und grinste zustimmend. Irgendwie schafften wir es unsere Handynummern auszutauschen. Erst jetzt stellte ich fest, dass Adele von einem unscheinbaren Typen begleitet wurde. Dieser hielt sich diskret im Hintergrund und schaute sich scheu um. Ich machte Mario, der mit einem Wodka-Redbull von der Theke zurückgekehrt war, darauf aufmerksam. Er warf einen flüchtigen Blick auf ihn und brüllte:
»Der Typ zählt nicht, du kannst se dir ruhig schnappen!«

Adeles Begleiter hatte es zweifellos gehört, zeigte aber keine Reaktion, ebenso wenig wie sie - das heisst nicht ganz - ein kurzes kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte ihre Lippen. Zwanzig Minuten später verabschiedete sie sich herzlich von mir. Ich vernahm nur Wortfetzen wie: müde, zu rauchig, langer Tag gewesen. Wir umarmten uns zum Abschied. Ihre Begleitung hatte sich schon vorher unbemerkt aus dem Staub gemacht, ohne sich von ihr zu verabschieden; das gleiche galt für Mario.

Drei Wochen später schickte ich ihr eine SMS. Ich wählte einen taktischen Tag – Sylvester. Am nächsten Vormittag antwortete sie und wünschte mir ebenfalls ein „Gutes Jahr“, und wir verabredeten uns am darauffolgenden Wochenende in einer Kneipe.

Der Abend verlief zufriedenstellend. Wir unterhielten uns über ihre künstlerische Tätigkeit, die sie seit einigen Jahren aufgegeben hatte, da sie keinen Sinn mehr darin sah »bunte Farbklekse an irgendwelche Wände zu klatschen«, wie sie sagte. »Solange man studiert, wird man von den Professoren an die Hand genommen, man wird motiviert die verschiedensten Dinge auszuprobieren. Aber sobald man die Hochschule mit dem Abschluss in der Tasche verlässt, wird, oder ist man sich selbst überlassen … Ich hatte einfach keine Ideen, keine Eingebungen und eigentlich auch gar keine Lust mehr.«

Ich entgegnete, dass sich der schöpferische Prozess eben schwer erzwingen liesse, dass nur die Technik zu beherrschen nicht ausreiche, dass es schlicht gesagt aus einem selbst herauskommen müsse, und dass ich Kunsthochschulen bis auf die Partys nie sehr viel hätte abgewinnen können. Ausserdem würden für mich die Begriffe „Kunst“ und „Schule“ ohnehin nicht zusammen gehen. Sie stimmte zu und nippte an ihrem Rotwein. Ich dagegen trank ordentlich, und später, als ich wieder zuhause war, konnte ich mich nicht mehr erinnern, ob wir noch zu persönlicheren Dingen übergegangen waren.

Am nächsten Vormittag schickte Adele eine SMS, in der sie mir mitteilte, dass ihr der Abend sehr gefallen habe, dass ich alkoholtechnisch etwas über die Stränge geschlagen habe, sie aber trotzdem brav zu Bushaltestelle begleitet hatte (woran ich mich nur noch schemenhaft erinnerte) und dass wir das Ganze gerne irgendwann widerholen könnten.

Beim nächsten Treffen machten wird den Fehler, uns gleich in einer Disko zu treffen, in der das „Feiern für Fortgeschrittene“ mehr oder weniger erfolgreich praktiziert wurde. Ich trank mässig, musste aber erdulden, dass Adele immer wieder auf die Tanzfläche stürmte, um zwischen transpirierenden Mittvierzigern zu „Big mouth strikes again“, „Killing in the name of“, oder dem grausigen „Come on Eileen“ zu hüpfen. Irgendwann tauchte auch noch Mario auf und wankte zuerst Richtung Tanzfläche und dann Richtung Theke.

»Mario ist da und schon wieder ganz schön voll!«, bemerkte Adele etwas ausser Atem, als sie vom Hüpfen zurückkehrte. »Das kommt bei ihm öfters vor«, entgegnete ich und gab ihr eine Zigarette. Ich überredete sie, bald zu verschwinden. Etwas zögernd stimmte sie zu. Wir verabschiedeten uns von Mario, der gerade einen Streit mit einer sehr hübschen Thekenkraft hatte, über die, laut Mario, unzureichende Menge des Wechselgeldes. Draussen bekam Adele Hunger. Sie kaufte einen prallgefüllten Döner und verschlang ihn leidenschaftlich. Wir schlenderten schweigend Richtung Haltestelle. Zehn Minute später kam die Bahn. Bei der Verabschiedung umarmte Adele mich fest und küsste mir auf die Backe.

Ich roch ihren Döneratem und musste fast würgen. Sie lächelte mich an; lieb aber nicht anzüglich. Dann stieg sie ein. Die Bahn setzte sich quietschend in Bewegung. Auch dieses zweite Date war günstig verlaufen, bis auf den kleinen Zwischenfall mit dem betrunkenen Mario. Nur schade, dass die privaten Themen mal wieder etwas zu kurz gekommen waren. Und was heisst überhaupt Adele - ich sollte mir langsam mal ihren richtigen Namen merken, zwei Mal hatte sie ihn mir schon gesagt, und ich hatte ihn jedes Mal sofort darauf vergessen.

Am nächsten Morgen schrieb ich Adele, wie gut mir das Treffen mit ihr gefallen hatte. Sie bestätigte den gelungenen Abend, und antwortete, ich solle mich ruhig nächstes Wochenende wieder melden. Darauf tauschten wir auf meine Anregung hin noch unsere Festnetznummern aus. Es ging voran.

Drei Tage später klingelte abends mein Telefon.

»Ich bin’s.«
Es war Mario.
»Was geht?«
»Wie immer, nicht viel.«
»Aha.«
»Wie läuft’s mit Adele?«
»Mit Adele?«
»Ja.«
»Ehrlich gesagt ganz okay. Es gab Sonntagnacht einen leidenschaftlichen Abschied an der Haltestelle.«
»So, so.«
»Ja, du warst ja auch wieder gut am Start. Kippst du dich jetzt eigentlich jedes Wochenende zu?«
»Wie sich’s ergibt.«
»Klingt gut.«
»Hat sie sonst noch was gesagt?«
»Wer, Adele?«
»Wer sonst, mehr Frauen kennst du doch zur Zeit nicht.«
»Ne – das heisst doch, sie schrieb gestern, dass wir uns nächstes Wochenende treffen sollten.«
»Ach was.«
»Ja … ich glaube, ich wachse an dieser Geschichte. Es hat schon was, sich mit einer Frau zu treffen mit der man wirklich reden kann. Trotzdem werde ich’s langsam angehen lassen, so richtig spitz auf sie bin ich immer noch nicht, aber das kommt schon noch…«
»Bist du dir sicher?«
»Doch, doch, keine Sorge, das wird schon. Ich hab’s dir immer gesagt, auch wenn’s platt klingt – am Ende zählen die inneren Werte, scheiss auf die oberflächlichen Schnittentussen! Ich stehe auf ihre warme ehrliche Art … Noch ein paar Dates und dann wird’s schon krachen …«
»Äh okay – und nächstes Wochenende mit ihr steht fest?«
»Na klar! Ich muss mit ihr nur noch Zeit und Ort absprechen. Wieso?«
Eine kurze Pause folgt.
»Okay … ich mach’s mal kurz; Adele hat mich auf Facebook gefunden und sie … sie balzte mich an.«
»Sie was?«
»Sie balzte mich an!«
»Sie balzte dich an?«
»Yo, und das auch noch auf der Facebookpinnwand, die blöde Kuh, wo jeder Penner mitlesen kann … nur du nicht, du bist ja nicht bei Facebook.«
»Was soll das heissen, sie balzte dich an?«
»Das was es eben heisst; ‘du bist so geil, in deiner Gegenwart bin ich so nervös, lass uns mal treffen, ich glaub, ich hab mich verknallt‘ und noch etlichen andern Scheiss … und das alles auf der verfickten Pinnwand! Ich schrieb ihr zurück, dass wir mal lieber telefonieren sollten, bevor sie noch ihre ganze Lebensgeschichte postet.«
»Telefonieren?«
»Ja, glaubst du, du bist der einzige der ihre Nummer hat? Bei der waren schon ’ne ganze Menge Typen am Start, aber alle haben sie danach sofort abgeschossen. Die Alte ist total durchgeknallt, da ist von der harmlosen Person von früher nicht mehr viel übrig geblieben …«
»Okay, noch mal ganz langsam, du sprichst jetzt aber nicht von Adele?«
»Nein, ich spreche von Janina.«
»Janina?«
»Adele, du Sepp! Ich dachte ihr beiden seid so intim miteinander. Ihren richtigen Namen hättest du nach zwei Treffen schon mal mitkriegen können. Adele heisst Janina! Janina Horstmann wenn du’s genau wissen willst!«
»Ja, ja, wusste ich natürlich.«
»Erinnerst du dich an den Typen, den sie an dem Abend, als wir sie wiedergesehen haben, dabei hatte?«
»Den Depri?«
»Ja, den Depri! Dieser Depri war aber nicht hinter ihr her, sondern sie hinter ihm, und das schon seit zwei Jahren. Dieser Depri hat eine Frau, drei Kinder und verspricht ihr seit zwei Jahren seine Frau zu verlassen, was, wie sich kürzlich herausstellte, niemals passieren wird.«
»Warum?«
»Weil er Sylvester per SMS mit ihr Schluss gemacht hat, darum.«
»Also, jetzt nochmal langsam und von vorne. Adele, äh Janina, hatte dich bei Facebook angeschrieben, ja?«
»Ja.«
»Sie schrieb, sie findet dich gut?«
»Das könnte man so sagen.«
»Dann habt ihr telefoniert?«
»Richtig.«
»Wann war das?«
»Vorgestern.«
»Okay, vorgestern, und da hat sie dir das mit diesem Depri erzählt?«
»Sie hat so einiges erzählt.«
»Und was?«
»Mann, du hattest zwei Dates mit der Tussi! Da hättest du doch alles rauskriegen können. Mir reichte eine halbe Stunde mit ihr am Telefon, und ich kannte ihr ganzes verkorkstes Leben.«
»Wir haben hauptsächlich über ihren Kunstkram gesprochen …«
»Ja, ja, das hat sie mir auch erzählt. Die Alte pisst auf die Kunst, Mann! Sie meinte nach ’n paar Jahren hatte sie die Schnauze voll von dem Ganzen - und dann ist sie ein paar Jahre gar nicht mehr aus dem Haus gegangen, also, nur dann, wenn absolut nichts Essbares mehr im Haus war. Hat sie dir das auch erzählt?«

»Nicht so ausführlich.«

»Ach was! Und dann hat sie irgendwann das Internet-Dating entdeckt. Hat aber nur noch kaputtere Typen als sie selbst kennengelernt. Ein paar Mal hat sie sich mit welchen getroffen. Einer hat sie zwei Tage lang eingesperrt, ein anderer hat ihr mit ’nem Messer die Titte angeritzt, und noch ’n paar andere kranke Typen waren wohl auch noch dabei. Den Bullen hat ses aber nicht erzählt, war ihr zu peinlich … Vor zwei Jahren hat sie dann diesen Depri vom letzten Mal kennengelernt, der hat sie dann ’n paar Mal gefickt und wollte sie dann eigentlich abschiessen, wegen Familie und so, aber sie nervte rum und klebte sich an ihn dran … naja, bis Sylvester, dann war Feierabend - Ach ja, und dann kamst du …«

»Ich?«
»Richtig, du hattest ihr doch per SMS „Frohes Neues“ gewünscht?«
»Ja, stimmt.«
»Sag ich doch. Hattest einen guten Zeitpunkt erwischt, der Typ hatte zehn Minuten vorher mit ihr Schluss gemacht.«
»Ach wirklich.«
»Ja, ja… ausserdem meinte sie, sie hatte dir Zeichen gegeben.«
»Was denn für Zeichen?«
»Mann, was weiss ich, bei euren Dates! Sie meinte, du hättest merken müssen, dass sie nichts von dir will.«
»Anscheinend habt ihr ausführlich über mich geredet.«
»Was denkst du denn, ich hab sie als erstes nach dir gefragt. Aber sie machte ’ne abwehrende Handbewegung und meinte, dass sie nur mich will. Durchgeknallte Schlampe.«
»Äh, was war das eben mit der Handbewegung?«
»Ach so, wir haben uns getroffen.«
»Getroffen!?«
»Ja.«
»Wann denn?«
»Gestern.«
»Ach.«
»Lass mich raten, sie hat’s dir nicht erzählt?«
»Ne.«
»Dacht ich’s mir. Sie wollte dir ’ne SMS schicken, um das nochmal klar zu stellen, also auf Freundschaftsbasis.«
»Aha, wo habt ihr euch denn getroffen?«
»Erst im Oblomow …«
»Erst?«
»Ja, nur kurz … dann sind wir noch zu ihr … Die Alte hat mich vergewaltigt, kaum war ich zur Tür rein … war kein Vergnügen, kannst’ mir glauben.«
»Bitte!?«
»Das verrückte Weib hat mir beinahe den Schwanz abgerissen!«
»Ich kann nicht ganz glauben, was ich hier höre …«
»Du meintest doch, dass sie nicht dein Typ ist?«
»Deiner doch auch nicht!«
»Kann sein, aber man wird nicht jünger.«
Pause.
»Du hättest mich trotzdem informieren können.«
»Tu ich doch gerade.«
»Vorher!«
»Ja, ich weiss, aber das ging alles so schnell, ich hatte auch gar nicht vor sie zu ficken, das kannst’ mir glauben.«
»Eigentlich kann ich’s noch immer nicht ganz glauben, dass wir hier von Adele sprechen …«
»Von Janina!«
»Wie auch immer.«
»Du hättest dich vielleicht einmal richtig mit ihr unterhalten sollen.«
»Hab ich doch!«
»Ich meine richtig, nicht nur über den Kunstmüll, dann hättest du schnell kapiert wie die Alte tickt, nämlich nicht ganz normal.«
»Was ist schon normal.«
»Stimmt, liegt wohl im Auge des Betrachters – nach dem Sex meinte sie, wenn ich jetzt wolle, dürfe ich sie schlagen, aber wenn, dann bitte richtig. Ich hab ihr dann eine geklatscht und mich verpisst.«
»Was!?«
»Mein Gott, die hörte nicht auf zu labern, ‚schlag mich, du traust dich nicht, nun schlag mich schon‘ und dann hab ich ihr halt eine gezimmert. Danach bin ich abgehauen, auf so ’nen „Die Klavierspielerin“-Scheiss hatte ich nun echt keinen Bock, fehlte nur noch, dass sie auch noch bei ihrer Mutter im Bett schläft.«
Pause.
»Und ich dachte, sie wäre ein normales liebes Mädchen.«
»Als sie zehn war vielleicht … übrigens sind diese Kunsttussis nie lieb und ganz normal, das könntest du dir langsam mal merken - wobei ich zugeben muss, dass Janina da schon recht extrem ist.«
Pause.
»Ne wirklich schöne Geschichte, die du mir hier auftischst.«
»Es geht noch weiter.«
»Okay, dann gib mir den Rest.«
»Sie ist gerade dabei mir den Rest zu geben … Seit gestern habe ich siebenunddreissig SMS von ihr bekommen. Ab der Zwanzigsten habe ich aufgehört die Teile zu lesen.«
»Was stand denn in den ersten Zwanzig?«
»Die ersten Fünf gingen ja noch; es war so schön, es war so toll, ich vermisse dich, ich brauche dich, du musst kommen; in diesem Ton eben. Nachdem ich mich aber nicht meldete, fing sie ab der zehnten SMS an mich zu beschimpfen; ich hätte sie nur ausgenutzt, nur mit ihr gespielt, würde sie nicht wirklich lieben - das muss man sich mal vorstellen … ab der Fünfzehnten fing sie an zu betteln; ich verzeihe dir alles, bitte komm, ich halte es nicht aus ohne dich … in der Zwanzigsten drohte sie dann sich umzubringen, da hatte ich die Faxen dann endgültig dicke … Hoffentlich postet sie den Selbstmordmüll nicht auf ihrer Pinnwand, das wäre peinlich, echt peinlich …«


Mario konnte beruhigt sein, zu dieser Peinlichkeit kam es nicht. Adeles Pinnwand blieb leer. Eine Woche später, nach der einundfünfzigsten SMS gab sie es schliesslich auf. Dass er sie gevögelt hatte, um sein verkorkstes Ego wiederzubeleben, lag für mich klar auf der Hand. Sei’s ihm verziehen.

Auch ich hörte nichts mehr von ihr, und was aus ihr geworden ist, kann ich genau so wenig sagen. Nur ein einziges Mal sah ich sie zufällig auf der Strasse, während ich mit einer jungen Eroberung in einem Café sass, die mit der typisch naiven anfänglichen Begeisterung Darstellende Kunst im zweiten Semester studierte, und mich schwerlich am Ende des Abends an ihre Geschlechtsteile lassen würde. Adele lief gedankenversunken am Fenster vorbei. Sie sah fertig, beinahe zerstört aus, und blickte verwirrt um sich, als würde sie verfolgt; ihr Gesicht war eingefallen, ihre Haare fettig und sie sprach mit sich selbst. Dann verschwand sie aus meinem Blickfeld.

Manchmal denke ich zurück, wie ich viele Jahre zuvor betrunken auf dem Fahrrad monologisierte, während Adele auf dem Gepäckträger sitzend, andächtig lauschte. Dieses Bild meisselte ich in meine Erinnerung ein. Dieses Bild von uns - von ihr - dieses und kein anderes.

Jörn Birkholz

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