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Prosa

»UniversalPhone! UniPhone!« Die Himmelsleiter

Prosa

Hubschrauber kreisen am Himmel. Scheinwerfer zirkulieren. Hohe Masten werden aufgestellt. Drahtseile und Leinen werden mit kräftigen Winden gespannt.

8. September 2021
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Der Platz ist abgesperrt, der Verkehr umgeleitet. Niemand darf sich hier aufhalten. Ein Umkreis von mehr als einem Kilometer wird von Polizisten überwacht. Ein Perlenband von Blaulicht in allen Richtungen. Fussgänger werden angehalten und umdirigiert – bis weit in den Morgen hinein. Und der Morgen kam mit dichtem Nebel. Alles nach Plan. Man konnte nicht einmal mehr sehen, dass es dort oben einen Himmel gab. Es war Spätherbst, und der Nebel war ein treuer Helfer. Der Zeitpunkt war mit grösster Sorgfalt gewählt. Und nach einigen Stunden, als es bereits Vormittag geworden war, konnte man auch die Maschinen starten.

Das gespreizte Logo machte sich überall breit. Auf den schwarzen Lieferwagen, den langen Anhängern, auf allen rotierenden Reklameschildern. Aber auch auf dem Asphalt hatte man an unzähligen Stellen gewaltige Buchstaben gestanzt und gemalt. Riesige Tücher in grellen Farben hingen an den Fassaden der benachbarten hohen Gebäude. Auch hier die leuchtenden, gigantischen Firmenzeichen. Die mächtigen Häuser des Zentrums hatten sich in Verkünder und Schaufenster verwandelt.

Neonröhren und Ketten aus blinkenden Farblampen krochen und kletterten hungrig wie seltsame und gierige Schlingpflanzen an allen Mauern empor. Und genau in der Mitte des Platzes flimmerte ein kolossaler Grossbildschirm. Unter dem Logo, das am oberen Rand des Bildschirms pulsierte, konnte man etwas über die kommende Innovation lesen, das grosse und heiss ersehnte Release. »Wiedergeburt« – das Wort verglomm und leuchtete auf, trieb in allen Regenbogenfarben wie ein Überseedampfer in der Mitte des Bildschirms.

In Salatbars, Cafés, Restaurants – überall wurden die neuesten Gerüchte verbreitet. Auch in der Regionalzeitung hatte allerlei gestanden. Man hatte lange gewartet. Ungeduldig. Jetzt war der Jüngste Tag gekommen. Gleich würde das Neue vom Himmel herabsteigen, dort vorne, wo der breite Boulevard endete. Auf dem grossen offenen Platz. Wo es Luft gab, Raum. Dort würde sich der Himmel öffnen und Platz bereiten.

Und mit jedem Tag füllten sich die Gehsteige mehr und mehr, aber auch die Grünflächen in den benachbarten Parks. Es wimmelte von Zelten, Schlafsäcken, Sonnenschirmen, Regenschirmen, allerhand Decken und sogar Laken, die zum Schutz aufgespannt waren. Aber auffallend häufig herrschte eine merkwürdige Stille. Die meisten Gesichter grimassierten auf irgendeine Weise über Tausenden von Displays. Und die Liebespaare, die auf den überfüllten Gehwegen eng zusammen an ihren Campingtischen sassen, waren ein wenig voneinander geglitten und vollkommen in ihre Smartphones versunken. Als würde das wohlige Brennen frischer Verliebtheit bereits verblühen.

Vorn konnte man erstaunt die hohe Leiter anstarren. Sogar wer sich weiter hinten auf der Avenue befand, konnte sie sehen. Eine gewaltige Leiter, die sich auflöste und in den Wolken verschwand. Denn hoch oben bezog es sich. Die Wolken ergrauten und wuchsen zusammen. Ausserdem blies man mit Maschinen irgendeine Art von Nebel oder Rauch hinauf. Aber die Leiter funkelte und glänzte, als wäre sie aus einem gänzlich unbekannten Metall.

Sie war zudem mit wandernden Lichtern versehen, Tausende von Leuchtdioden, die von unten nach oben entzündet wurden. Damit die Menschen ständig ihre Blicke auf die flammenden, rollenden Nebelschwaden richteten. Und im Gewühl auf dem Platz verbreiteten sich murmelnd fantastische Geschichten, wonach die glitzernde Leiter bis in einen fremden Himmel hinaufragen sollte. Wer sich weiter hinten auf der breiten Avenue befand, konnte zuweilen entzückte, widerhallende Rufe der Massen weiter vorn hören, von den Menschen, die das Glück hatten, zuerst gekommen und am nächsten zu sein.

Die Fahrzeuge der Strassenreinigung fuhren hin und her entlang des Boulevards. Man leerte überfüllte Tonnen und die Sanitäranlagen, um die sich die Massen drängten. Über allem schwebte ein schwerer, dumpfer Geruch. In den Rinnsteinen wirbelten Windstösse allerlei Unrat auf. Und Horden von schlaftrunkenen Ratten scharrten im Abfall.

Ein selbstfahrendes Auto. Der sehr junge Mann am Steuer fummelt und fingert an seinem Tablet. Er sieht die Polizisten wie im Dunst. An dieser Kreuzung muss man abbiegen. Niemand darf näher heranfahren. Er wird von den brüsken Gesten überrascht, verliert sein Tablet aus der Hand und beugt sich hinunter, um es aufzuheben. Das Auto weicht einem der Fahrzeuge der Stadtreinigung aus. Aber er merkt es nicht, merkt nur, wie es in den Schläfen pulsiert, als er auf dem Boden nach dem Tablet greift.

Die Frau mit dem Kinderwagen schaut auf ihr Smartphone und geht genau auf das Auto zu, das automatisch bremst. Der Kinderwagen kippt um, das blutende Kind schreit. Das Smartphone der Mutter liegt irgendwo auf der Strasse. Noch immer hört man daraus jemanden mit scharfer, schriller Stimme singen. Ein Krankenwagen kommt mit heulender Sirene. Schaulustige strömen hinzu. Die Krankenpfleger kümmern sich behutsam um das schreiende Kind, während sich die Mutter verzweifelt auf den Boden wirft, um nach ihrem Telefon zu suchen. Als jemand darauf tritt, erstarrt die junge Mutter hilflos auf dem Asphalt.

Der Krankenwagen verschwindet im Nebel.

Der Regen rieselte. Ein Mann unter einem schwarzen Hut mit breiter Krempe sass an einem der unzähligen Campingtische und spielte mit seinem Smartphone. Im Unterschied zu den anderen Menschen um ihn herum versuchte er nicht, sich vor der Nässe zu schützen. Neben ihm lag kopfüber ein Regenschirm. Der füllte sich allmählich mit Wasser, während er wacklig auf einer leeren Bierflasche balancierte. Als die Flasche davonrollte, fiel der Schirm zur Seite, und das kalte Wasser strömte über die Füsse des Mannes. Er zuckte zusammen und liess das Smartphone fallen. Er trat wütend nach dem Schirm, warf sich auf den Boden und fischte im Wasser.

Das Display leuchtete und glühte wie eine Laterne, ehe es erlosch. Lange kniete der Mann, machte sich an dem toten Apparat zu schaffen und schüttelte ihn. Hin und wieder schaute er zum Himmel hinauf und rief um Hilfe. Ein Windstoss ergriff den Regenschirm, der über klirrende Glasflaschen und rasselnde Blechdosen hinwegfuhr. Ein verwaister Hund hinkte durch Berge von zerknüllten Milchpaketen und allerlei anderen Verpackungen, die ihm bis an die Knie reichten. Als er den Mann erreichte, blieb er stehen, stupste ihn an und legte eine Tatze an seinen Rücken. Der Mann fuhr auf, drehte sich um, verlor den grossen Hut, griff mit der freien Hand eine leere Bierflasche und schlug wild um sich. Erst als der zweite gewaltige Schlag auf den Rücken des Hundes hämmerte, humpelte der Hund grell aufjaulend davon.

»Ich friere.«

»Ja, zum Teufel, so ist das nun mal. Wir müssen warten.« »Mein verdammter Schlafsack ist nass.« »Hör endlich auf!«

»Mir ist elend. Du weisst, dass ich mich nicht wohlfühle. Ich habe keine Lust mehr zu bleiben.«

Der Regen nässte allmählich den Gehsteig, alle Zelte, Stühle, Tische. Der Mann klickt febril zwischen den Wetter-Apps auf dem Display herum.

»Aber morgen soll es weniger regnen. Und zwei Grad wärmer werden.«

»Ist mir egal. Ich will hier nicht bleiben. Hörst du! Es ist doch lächerlich. Und ich friere. Ich friere so, dass ich zittere. Hörst Du?«

»Okay, ich suche nach einer Bleibe. Hier ist eine App mit Hotels, Zimmern, Appartements – was du willst.«

Lautloses Klicken, fliehende Zeigefinger.

»Mist, nichts frei. Überall voll.«

»Können wir nicht wenigstens irgendwo hingehen und einen Kaffee trinken? Ich brauche etwas Warmes.«

»Ich schau mal. Hier sind alle Cafés im Umkreis von zwei Kilometern. Warte mal!«

Er stierte auf das leuchtende Display und wischte zwischen allen Bildern und Symbolen umher.

»Hier. Ein tolles Café. Hausgemachtes Gebäck, Torten, alles. Belegte Brote, günstige Preise. Ja, jedenfalls im Vergleich zu den anderen Cafés.«

»Und wie finden wir das?«

»Augenblick mal. Ich schau nach.«

Gleich darauf schlängelt sich ein GPS-Weg über das Display. »Zwei Strassen nach hinten, dann rechts. Gibt aber ein

Problem.«

»Wieso?«

»Wenn wir unseren Platz verlassen, nimmt ihn ein anderer. Und dabei sind wir ziemlich nah, nur zweihundert Meter bis nach vorn.«

»Na und? Ich habe Hunger und bin kaputt. Wir schlafen schon seit zwei Tagen auf dieser verdammten Strasse. Deinetwegen. Du wolltest doch hierher. Ich bin völlig durchnässt. Ich will nach Haus. Ich friere. Mir ist elend. Ich friere, hörst du, ich friere!«

»Ich hab gehört, dass du frierst. Bin ja nicht taub. Na und? Du weisst, dass das hier das grösste Release seit langem ist. Ist schon superlange her. Gibt nichts dergleichen. Da muss man einfach dabei sein. Mitmachen.«

Er stierte auf das Display und klickte. Fingerte und wurstelte. Aber es gab keine App. Diesmal nicht. Sie mussten sich einfach wieder ganz hinten an der langen Avenue anstellen. Sie mussten zusammenpacken und würden ihren Platz auf dem Gehsteig verlieren. Widerwillig sammelte er die Sachen auf, nahm Zelt und Schlafsäcke auf den Rücken. Die Menschen hinter ihnen merkten sofort, was vor sich ging. Und noch ehe er fertig war, fingen sie an, wie verrückt zu drängeln. Zwei Paare begannen, sich zu raufen. Ein Messer blitzte auf.

Polizisten, die zufällig in der Nähe waren, brachten zwei Männer zu Boden. Deren Frauen schrien und schlugen mit Fäusten auf die Rücken der Polizisten. Der Einsatzwagen fuhr gleich darauf mit fünf Personen davon. Die Menschen in der Schlange dahinter rückten rasch und glücklich nach.

Die Rauchmaschinen speien noch immer dicke Wolken in die Luft, die sich um die Leiter schlängeln. Und plötzlich zeigen sich am Himmel zuckende Flammen, loderndes Feuer. Man hört zischende und knatternde Geräusche wie von explodierenden Feuerwerkskörpern. Die Geräusche steigern sich zu ohrenbetäubendem Donner, als die weissgekleideten Figuren ganz oben auftauchen, genau am Übergang zwischen Dunst und Klarheit.

Das mächtige Sinfonieorchester stimmt an. Das Dröhnen wird unerträglich, aber die Blicke sind nach oben gerichtet.

Die hellen Umhänge flattern im Wind. Zuerst erscheint eine Figur mit langem, schwarzem Haar. Er trägt etwas, das auf einem Kissen ruht, das, wie es den Anschein hat, aus rotestem Samt ist. Hinter ihm zwei weitere Figuren. Eine hebt seine Schleppe über die Sprossen der Leiter, als sollte der Umhang vor schmutzigen Fussspuren bewahrt werden, die es nicht geben konnte. Sie nähern sich, und der Jubel schwillt an. Tausende von singenden und kreischenden Stimmen: ein gewaltiger Chor der Erwartung. Zwei treppenförmige Tribünen sind errichtet worden. Von zwei Seiten klettern Hunderte von Chormitgliedern, in der Mitte sitzt ein grosses Orchester. Tiefe Echos grollen zwischen den Gebäuden, als der Chor anhebt.

Nun senkte sich die Dämmerung herab, und unzählige Scheinwerfer tauchten den Platz in blendendes Licht. Der Dunkelhaarige verliess die Leiter und stellte einen Fuss auf ein hohes Podium, das mitten auf dem grossen Platz aufgebaut war. Das Podium war von Lampen und einer Menge farbiger Lichter umrahmt. Und auf dem hohen Gebäude dahinter hatte man ein enormes weisses Tuch gespannt. Es schimmerte rein und leer, ohne das grosse Firmenzeichen. Stattdessen spielten darauf riesige Schatten von Mithelfern und Bühnenarbeitern. Auf dieses Tuch sollte das grossartige Drama projiziert werden.

In der Mitte des Podiums stand etwas, das am ehesten einer Art Altar glich. Darauf legte der Dunkelhaarige behutsam das rote Kissen mit dem heiligen Gegenstand. Die beiden nächsten Begleiter knieten nieder, die Schleppe des Ersten noch immer in den Händen. Dann drehte sich der Dunkelhaarige zu den Massen um. Die Scheinwerfer fixierten sein Gesicht, dessen Züge scharf wie Messerklingen wirkten. Er ging einen Schritt nach vorn zum Mikrofon. Es rauschte in den Hunderten von Lautsprechern, die in gleichmässigen Abständen an Masten entlang der ganzen Avenue montiert waren. Und die Grossbildschirme mit hundert Metern Zwischenraum zueinander zeigten jetzt alle die Bühne.

Strassenbahnen, Busse und Autos blieben schlagartig stehen. Blinkendes Blaulicht. Jeglicher Verkehr eingestellt. Die Stille haftete auf Steinen und Asphalt, lediglich von einem Polizeihubschrauber in weiter Ferne gestört. In dem Moment, da der Dunkelhaarige den Mund öffnete, neigten sich die Leute zum Asphalt. Einige knieten nieder.

»UniversalPhone! UniPhone!«

Gesungen, gegrölt, hinausposaunt. Gigantische Buchstaben wurden auf das grosse weisse Tuch im Hintergrund projiziert, und auf den Grossbildschirmen flatterten dieselben unermesslichen Worte. Das Sinfonieorchester intonierte feierlichste Klänge.

Der Dunkelhaarige mit dem weissen Umhang erhob seine Stimme.

»Lasst mich sprechen. Lasst mich zu euch sprechen, die ihr in dieser Stunde hier versammelt seid. Ihr Getreuen wisst, dass nur die Unwissenden hier weiter in Finsternis leben werden. Die Klugen hören mir zu, denn ich bringe euch eine Botschaft vom Himmel. Ja, seht selbst.«

Die Massen sangen und applaudierten.

»Ihr, die ihr gekommen seid, ihr seid – das habt ihr schon einmal gehört – ihr seid das Salz der Erde. Aber wenn das Salz seinen Geschmack verloren hat, wie sollte es dann wieder würzig werden können? Dann kann es nur weggeworfen und zertrampelt werden. Aber hört mich an! Die Würze des Salzes hängt von euch ab. Von eurer Treue. Ich sage euch …«

Der Dunkelhaarige schwieg, als würde er zögern. Und er schaute forschend über die Massen, die im spielenden Scheinwerferlicht vor ihm standen.

»Lasst mich sprechen. Ja, lasst mich über Liebe sprechen. Ich will über die Liebe sprechen. Ich möchte Liebe singen. Treue kann es nur durch Liebe geben. Und ich weiss, dass es die Liebe gibt. Ich weiss, dass ihr alle treu seid.«

Der Jubel der Massen hallte und stieg weit über die abendliche Stadt.

Nun griff der Dunkelhaarige nach dem Gegenstand auf dem Altar. Es schien sich um ein Smartphone zu handeln, nur entschieden grösser, funkelnder, leuchtender. Er griff es mit beiden Händen, hielt es hoch über dem Kopf. Es strahlte und blendete wie ein sprühendes Leuchtfeuer.

»Hier sind eure Lieben. Seht, wie ich alles mit meinen Händen umschliessen kann. Und das könnt ihr auch. In diesem wunderbaren Leib aus edelster Materie ist alles enthalten. Hier sind die Bilder aus all euren Lebensphasen. Und denen eurer Kinder. Und hier sind eure Filme. All eure Freundschaftsbande. Berührung mit jedem Winkel der Erde. Hier sind all eure Gefährten, und hier ist das gesamte Wissen der Menschheit. Sämtliche Bibliotheken. Alle wunderbaren Orte der Welt. Hier sind Tausende und Abertausende von Werkzeugen, um alle und alles zu erreichen. Hier ist jeder Gedanke, den ihr gedacht habt, jeder Einfall, jedes Gefühl, jede … ja, seht her: hier ist die Inkarnation eurer selbst.«

Der Herabgestiegene schwieg und schaute über die Massen. Man hörte lediglich ein schwaches Prasseln einiger Popcorntüten, die in der leichten Brise über den Asphalt huschten. Dann erhob sich allmählich eine Hymne von hundert Streichinstrumenten. In einem gewaltigen Crescendo steigerte sie sich zu ohrenbetäubenden Höhen im Takt mit den blendenden und pulsierenden Firmenzeichen. Als die Logos zu blinken aufgehört und sich mit festem Schein auf den Bildschirmen festgeätzt hatten, hörte das Sinfonieorchester zu spielen auf, und die Instrumente wurde gesenkt.

Wieder sprach der Dunkelhaarige, diesmal mit gedämpfter Stimme. Nun hatte er den sagenhaften göttlichen Gegenstand in Hüfthöhe. Dann streckte er ihn den Massen entgegen.

»Unter dieser glänzenden Schale befinden sich eure Wünsche, Erfahrungen, Träume, Illusionen, Visionen. Erkennt euch selbst. Erkennt eure Seele. Stellt euch vor: eure Seele erkennen!«

Der Dunkelhaarige hob das blitzende Smartphone gen Himmel.

»Und ich erinnere euch an etwas, das ihr alle wisst: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?«

Der Dunkelhaarige schwieg und senkte die Arme.

»Ich bin hier, um euch beizustehen. Ich bin hier, um euch Licht zu bringen. Ich bin gekommen, um das Neue mit euch zu teilen. Und ich tue es an diesem Tag, ja, ich mache alles neu. Mein Geschenk wird euch ein Leben lang begleiten. Was immer euch mangelt, was immer ihr wünscht und was euch gefällt, was euch Zuflucht in Not und Einsamkeit bietet, was immer ihr zu denken vermögt – in allem wird das himmlische Geschenk euch beistehen.«

Wieder schwieg der Dunkelhaarige. Die Scheinwerfer drehten sich. Hunderte von Logos glitzerten, und das UniPhone schoss wie ein riesiges Feuerwerk mit sprühenden Flammenrädern und bengalischen Feuern um den ganzen Platz. Wunderkerzen schrieben den Namen in Feuerschrift über dem Altar auf dem Podium. Nach der absoluten Stille, die sich anschliessend einfand, ergriff der Dunkelhaarige wieder das Wort. Er schwang das leuchtende UniPhone über seinem Kopf.

»Nun sprecht mir nach. Antwortet, wie es euch zukommt.« Der Dunkelhaarige blickte über das gewaltige Meer des Publikums.

»Was immer euch fehlt.«

Die Massen antworteten: »Was immer uns fehlt.«

»Was immer euch Zuflucht in Not und Einsamkeit bietet.« »Was immer uns Zuflucht in Not und Einsamkeit bietet.« »Was immer ihr braucht und ersehnt.« »Was immer wir brauchen und ersehnen.«

»In allem steht der Himmel euch bei.«

»In allem steht der Himmel uns bei.«

»UniPhone ist der Quell, und euch wird nichts mangeln.« »UniPhone ist der Quell, und uns wird nichts mangeln.« »UniPhone ist unser Alles.«

»UniPhone ist unser Alles.«

Noch immer bewegte der Dunkelhaarige seine Arme hin und her und hielt dabei das grosse und leuchtende himmlische Smartphone in den Händen. Das Gemurmel ging in Jubel, lautstarke Huldigungen und begeisterte Rufe über. Einige Gruppen, die das nahezu unglaubliche Glück teilten, ganz in der Nähe des grossen Platzes versammelt zu sein, begannen zu singen. Langsam und zögernd. Dann mit immer lauteren Stimmen und Chören. Der hinreissende Gesang schunkelte sich über die Gehsteige und den gesamten langen Boulevard entlang. Leute kletterten auf das Podium. Ganz vorn am Fuss der Leiter warfen sich einige Frauen auf die Knie und küssten die Füsse des Redners. Mitarbeiter zogen sie fort und drängten sie brüsk beiseite.

Die Stimme des Dunkelhaarigen schallte in den Lautsprechern.

»UniPhone hat sich in seiner Güte entschlossen, euch zu belohnen, indem es euch Hilfe auf dem Weg spendet. Stets belohnt UniPhone die Seinen. Stets belohnt UniPhone die Getreuen. Mit dem Geschenk der Geschenke – einem Gutschein. Ein Gutschein, mit dessen Hilfe ihr umso leichter das Geschenk des Himmels entgegennehmen dürft. Ein Gutschein, der das Mögliche noch möglicher macht.«

Die Mitarbeiter des Redners ergriffen die Mikrofone, drehten sie etwas zur Seite und zogen den Dunkelhaarigen nach hinten auf die Bühne.

»Aber wir haben doch nur wenige Gutscheine mit uns und wollten sie ausserdem verlosen? Sie reichen ja bei weitem nicht für alle diese Menschen …«

Der Dunkelhaarige drehte sich zu ihnen um.

»So lange schon begleitet ihr mich, und dennoch habt ihr kein Vertrauen?«

Er fingerte auf dem grossen Smartphone auf dem Altar. Nach einer Weile hörte man das Geräusch eines Hubschraubers.

Unsichtbar in den Wolken, aber mit unmissverständlichem Lärm. Er senkte sich vor dem Grossbildschirm und hakte seine schwere Last ab, ehe er sich wieder hob und verschwand.

Der Dunkelhaarige wandte sich an die Mitarbeiter.

»Holt, was ihr tragen könnt, und kommt zu mir.«

Sie taten, wie ihnen befohlen wurde, und kamen mit Säcken voller Gutscheinen zurück.

Dann sprachen die Mitarbeiter zur Masse und forderten sie auf, sich in Gruppen einzuteilen und auf die blanken Gutscheine zu warten. Weitere Mithelfer tauchten auf und begannen, die begehrten Rabattcoupons auszuteilen. Auf diese Weise konnte das Geschenk des Himmels vervielfacht werden, und niemand unter den Tausenden würde leer ausgehen.

Die Scheinwerfer richteten sich auf das glänzende Gerät in den Händen des Redners. Es leuchtete und glühte in dem beweglichen Schein wie ein ungeheurer schwarzer Stern. Plötzliche stroboskopische Effekte liessen das Wunderding noch deutlicher hervortreten. Dann löste sich der Redner in einer weissen Wolke auf und stieg gen Himmel. Das Stimmengewirr steigerte sich zu einem kolossalen Gesang. Nebel und Dunst waren nun so dicht, dass nur die unterste Sprosse der Leiter im Scheinwerferlicht zu sehen war. Die Mitarbeiter gingen umher und teilten die Gutscheine aus. Dabei kam es vor, dass Frauen und Männer zu Boden fielen und den Helfern mit Handauflegen und Tränen dankten.

Die Massen bewegten sich auf die unzähligen Stände und Läden zu. Die meisten davon waren gerade erst eröffnet oder durch eine Welle von UniPhone einfach übernommen worden. Schreiend und mit Coupons schwenkend drängten sich allzu viele durch die engen Türen.

Das neueste Smartphone glitzerte in den Schaufenstern, bis alle in Windeseile verschwunden waren. Die Leute schoben und stiessen. Man stritt. Laute und heftige Handgemenge entstanden.

Geballte Fäuste. An mehreren Ständen und Läden griff die Polizei ein. Kinder wurden niedergetrampelt, Erwachsene prügelten sich um Plätze in der Schlange. Menschen strömten glücklich aus den Läden, liefen über etliche Strassen und fummelten an den neuen Telefonen und Apps.

»Hast du gesehen, wie er herabgestiegen kam?«

»Nicht richtig. Wir waren ja zu weit entfernt. Wir müssen uns beeilen. In die Läden und nachsehen. Gibt eine irre Menge neuer Sachen. Unglaublich! Jemand hat etwas von hundert neuen Apps gesagt. Und weisst du was – die funktionieren nur mit dem neuen Smartphone. Verrückt! Beeil dich. Wir müssen in den Laden. Ich habe einen Gutschein hier. Irre, sage ich.«

Er zerrte an seiner Freundin. Sie drängten nach vorn. Es wurde eng. Sie blieb zurück. Er nahm ihre Hand und zog sie mit sich. Aber es wurde immer enger. Und sie fiel, atmete schwer und unregelmässig, brach zusammen und blieb liegen. Er fühlte, wie das Herz schlug. Aber er würde es schon meistern. Er klickte auf mehrere Apps. Schüttelte seine Freundin und redete auf sie ein. Sie lag bleich und weiss da.

Es musste die pralle Morgensonne gewesen sein, die jetzt durch den Nebel gedrungen war und den Asphalt trotz des späten Herbstes mit einer plötzlichen, höchst ungewöhnlichen Sommerhitze aufwärmte. Er klickte frenetisch nach »Sonnenstich« und Ähnlichem, ohne von den Apps eine brauchbare Antwort zu bekommen. Und jetzt war der Akku leer. Er stürzte auf die Strasse hinaus und wollte ein Taxi stoppen. Aber es hielt nicht an. Auch das nächste nicht. Und das nächste. Niemand hielt an. Da fiel ihm das Taxi-App ein.

Man musste ja im Voraus bestellen, auch wenn es sich nur um Minuten handelte. Und die neuen Sicherheitsvorkehrungen! Man konnte sich nur über eine App identifizieren – und jetzt war das verdammte Smartphone tot. Und die Freundin hatte zu bluten angefangen. Es gelang ihm, mitten auf der Fahrbahn ein Auto anzuhalten, und der Fahrer war so freundlich, sie ins Krankenhaus zu fahren. Im Auto nahm sich der Mann vor, das Smartphone im Krankenhaus aufzuladen. Aber als er in der Tasche nach dem Ladegerät suchte, machte er die entsetzliche Entdeckung, dass es weg war. Kaum angekommen, rollten einige Pfleger die Freundin im Eiltempo auf einer Bahre fort. Er würde gleich nachkommen, musste erst ein Ladegerät auftreiben, sodass das Telefon zumindest leidlich funktionierte. Er lief den Korridor hinauf und hinunter. Aber niemand konnte ihm helfen. Endlich musste er aufgeben.

Sie blinzelte ihn blass aus erschöpften Augen an. Das Embryo hatte entschieden zu früh versucht, auf die Welt zu kommen.

Die müden Augen suchten seine, aber er musste sich Klarheit verschaffen. Er klickte auf dem Smartphone herum. Blind, beharrlich, apathisch. Er suchte und suchte, wollte unbedingt Klarheit. Suchte und fingerte immer frenetischer, bis ihm einfiel, dass der Akku ja leer, keine Klarheit zu finden war.

Erst jetzt begegnete er ihrem traurigen Blick.

Ingvar Hellsing Lundqvist

Übersetzung aus dem Schwedischen von Jürgen Vater

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