UB-Logo
Online Magazin
Untergrund-Blättle

Zwischen den Bergen | Untergrund-Blättle

Online Magazin

Prosa

Feuchtes Gras am silbrigen Fluss Zwischen den Bergen

Prosa

In der siebten Nacht seiner Wanderung trieb es Josef vier Mal aus dem Zelt, und jedes Mal war es fast nur Wasser, bräunliches, grünliches Flüssiges, das ihn verliess. Josef fühlte sich matt, müde, lebensmüde, obwohl er die letzten Tage in euphorischer Stimmung verbracht hatte.

Botaurusstellaris
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Botaurus-stellaris / PD

2. Februar 2016

2. Feb. 2016

0
0

57 min.

Korrektur
Drucken
Im Zelt zurück, rollte er sich in den Schlafsack, zog ihn bis über den Kopf zu, eine Mumie, die fror, er klapperte mit den Zähnen, wollte darüber lachen, weil es das wirklich gab: mit den Zähnen klappern, aber er konnte nicht lachen, weil es das also wirklich gab: eine mit den Zähnen klappernde Mumie. Josef fragte sich, was er zum Abend gegessen hatte. Spaghetti, eine Sauce aus Tomatenmark und geschnetzeltem Rindfleisch, zwei Handvoll Blaubeeren, die er während des Wanderns am Wegesrand eingesammelt hatte, dazu trank er eisig kaltes Wasser aus dem Bach, an dem er das Zelt aufbaute – am Abendessen konnte es nicht liegen, es war mehr als eine Magenverstimmung, Wahrscheinlich habe ich mich in einem Plumpsklo der Wanderstation Staloluokta angesteckt; Scheisse! richtige Scheisse!

1.

Er war zwei Tage, bevor er die Station am Viri-See erreichte, einem Finnen begegnet, der ihm entgegenkam und von einem bizzaren Vorgang berichtete. Es seien Fälle einer Magen-Darm-Grippe aufgetreten, die Betroffenen hätten es auf die schlechte Qualität des Wassers in Bächen und Seen geschoben, tatsächlich war nicht auszuschliessen, dass die ungewöhnlich lange währende Hitze dieses Sommers, der auch Hunderte Rentiere zum Opfer gefallen waren, das Wasser verschlechtert hatte. Josef hatte ausgetrocknete Flächen gesehen, die vormals mit Wasser bedeckt waren. Auch war mancher Bach, der sonst in den Jahren zuvor kraftvoll drängend aus dem Fjäll quoll, zu einem Rinnsal verkümmert. Josef kannte die Landschaft, er war nicht zum ersten Mal in ihr unterwegs. Was mit den Erkrankten geschehen wäre, wollte er von dem Finnen wissen. Die seien mit dem Hubschrauber ausgeflogen worden.

An diese Begegnung musste Josef in der siebten Nacht der Wanderung denken. Wenn er sich vor drei Tagen auf einem Klosett in Staloluokta angesteckt hatte, dann war es seine eigene Dämlichkeit, seine eigene Unbekümmertheit, sein Glaube, ihm könne so Banales nicht geschehen, zumal er sich körperlich so wohl fühlte wie schon lange nicht mehr. Auch hatte er nach dem Toiletten-Gang die Hände desinfiziert; das war neu, hatte er noch gedacht, als er die Plastik-Flasche auf dem Tisch vor den Holzhäuschen und den Hinweis darauf, jeder möge sich die Hände gründlich waschen, entdeckte. Das war neu, und es bestätigte den Bericht des Finnen, der möglicherweise jetzt, da Josef sich eine Fleece-Jacke aus dem Rucksack zerrte und überzog, seinerseits in einem Zelt lag und sich in Krämpfen wand. Das war neu, und es war nicht ohne Komik: Die Vorstellung, er könnte erkrankt sein, passte eben so wenig zur Landschaft, zu ihrer Klarheit, zu ihrer Schroffheit, zu ihrer Wucht, zu ihrer Sauberkeit, wie zu seiner Lebenssituation; er war allein unterwegs, ohne seine Frau, ein Verstoss gegen das Ritual, und er fühlte sich gut dabei.

Sie waren seit 25 Jahren zusammen in den Urlaub gefahren, sie hatten in den Sommern der letzten zehn Jahre gemeinsame Wanderungen durch den Süden und durch den Norden Schwedens und Norwegens unternommen. Dass er dieses Jahr ohne Karin wanderte, war sein Wunsch gewesen; seine Frau hatte sofort verstanden und eingewilligt. Josef wollte eine Probe. Er wollte herausbekommen, ob er sich an Landschaften und Hütten erinnern, ob er sich anhand der Karte und des Kompasses orientieren konnte, ob er sich, im Sinne des Wortes, noch zurechtfand in der Welt. Allein, ohne Hilfe, ohne jemanden, der ihm beistand. Und die ersten sieben Tage waren verstrichen, ohne dass es eine Irritation gab, nicht eine einzige, alles arbeitete zuverlässig, sein Kopf, die Beine, das Verdauungssystem. Josef hätte, wäre er nach seinem Befinden gefragt worden, gesagt: Ich blühe gerade auf, ich verjünge mich, ich bin kerngesund, und ich bin gern mit mir allein. Was ihm ein wenig undankbar erschien, schloss der Befund doch seine Karin aus, aber so war es nun einmal. Josef vermisste nichts und niemanden, und nun diese grimmigen Krämpfe, diese Mattigkeit, diese Sterbensschwäche. Ja: Er dachte sogar, bleib einfach liegen, schlafe ein, wache nie mehr auf.

Dabei hatte er Glück, es war nicht mehr weit bis nach Ritsem. Er würde die Nacht hinter sich bringen. Er würde das Zelt abbauen, einen Pfefferminz-Tee kochen, irgendwie würde er sich auf den Weg bringen, und wenn er sich schleppen müsste wie ein schwer Verwundeter. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Es sei denn, er zöge es tatsächlich vor, liegen zu bleiben und irgendwie zu überleben oder zu sterben; das war albernes Pathos, irgend so ein Gedanke aus der Horde der Gedanken, die sich Josef in den letzten Jahren gönnte wie Drinks, die trügerisch erfrischten, aber einen Brummschädel machten.

Es war die Etappe einer Wanderung, die noch zwei Wochen weitergehen sollte: dreizehn, vierzehn Kilometer bis zum Akka-See. Er würde die Nachmittagsfähre erreichen, die ihn von einem zum anderen Ufer bringt, und Ritsem war, gemessen an der Menschenleere der Landschaft, die hinter Josef lag, eine kleine Stadt. Ritsem war der Ort, von dem Wanderer los- oder weiterzogen oder ihre Wanderschaft beendeten, um mit dem Bus zurückzufahren: dorthin, wo ihre Autos standen oder wo es Bahnen und Flugzeuge gab, die sie heimbrachten. Josef würde sich ein Zimmer mieten und sich auskurieren, schlafen, Hühnersuppe und Apfelschalen essen, Knäckebrot, viel Flüssigkeit zu sich nehmen, und mit einem bisschen Glück würde er in zwei, drei Tagen weiterwandern können. Am Ziel war Josef noch lange nicht.

2.

Die Augen der Frau waren von der Helligkeit, die farblos wirkte; doch hatten sie eine Farbe: Augen, wie die der Frau, sind von einem sehr hellen Grau und Blau. Josef sah hinein und musste an die Augen der Frau denken, die ihn am Tag vor der Abreise in einer Drogerie anschauten. Das straffe Kopftuch liess ein Gesicht frei, das ihm wie ein makelloses Ei vorkam. Sie war schön, und Josef lächelte sie an, sie lächelte ihn an, es war ein unbefangener Moment. Als sie die Produkte ihrer Wahl auf das Kassen-Laufband legte, es waren Tütchen mit Bonbons, sah er ihre Hände an: ungewöhnlich lange, starke Finger und die Haut war von der Reinheit ihres Gesichtes.

Die Frau sass am Fenster. Mit dem Rücken zur Wand, an der ein Regal mit Büchern, Broschüren und Spielen hing, schaute sie nach rechts, konnte sie über den See schauen und das dunkle Akka-Massiv sehen. Dass ein Mann ihr gegenüber sass, bemerkte Josef später. Oder er bemerkte es gleich, synchron zu dem Blick der Frau, aber es bannte ihn nicht. Ihn bannten die Augen der Frau auch deshalb, weil sie, als er sie anschaute, ihn anschaute, und es dauerte diese unmessbare Zeit, ehe jemand den Blick senkt. Er war es, der den Blick senkte, ziemlich sicher. Es war nichts Flirtendes in ihrer gegenseitigen Aufmerksamkeit. Auch ruckte der Mann mit dem Kopf nach links, drehte sich kurz um, es war ihm wichtig zu sehen, wonach seine Frau geschaut hatte. Es war ein Blick, dachte Josef überrascht, den Menschen wechseln, die sich von irgendwoher und von irgendwann kennen.

Josef war verunsichert, sein Körper war verunsichert, er hielt es für möglich, dass seine Wahrnehmungen Einbildungen waren. Er hatte anderthalb Tage in einem Zustand verbracht, für den die Beschreibung Nicht-sterben-können-und-nicht-leben wollen erfunden worden ist. Er hatte das Bett nur verlassen, um zur Toilette zu schlurfen und seinen Darm zu entleeren - und hoffend schaute er nach, ob der Kram dicklicher, fester geworden war. Es war widerlich und demütigend und tief verletzend, dass ihn irgendwelche Bakterien in diese Lage versetzt hatten. Kleinstviecher! Mit einem Anflug von Galgenhumor dachte er: Vergesst all die Scheisskriege! Vergesst all die Atomkraftwerke und Atomwaffen! Vergesst die Geschichte dieser bescheuerten Menschheit! Es sind nicht die grossen Idioten! Es sind die kleinesten Idioten in uns, die uns schwächen und vernichten werden! Und wenn wir dann getilgt sind von diesem Planeten, feiern die und feixen über dieses angeberische Tier Mensch!

Josef gab sich Mühe, die Frau nicht mehr anzuschauen, obwohl er den Wunsch danach verspürte. Er sah ihr nach, wie sie zu den Wasser-Becken ging und das Geschirr des Frühstücks reinigte: der Hintern ein wenig zu gross für die knappen Leggins, über die sie gewiss eine Wanderhose streifen würde, wenn sie und der Mann loslaufen werden, in etwa einer halben Stunde, wenn die Rucksäcke gepackt und die Wanderschuhe geschnürt waren. Schmale Hüften, gut zu fassen für die Hände eines Mannes. Kannten sie sich von irgendwann und von irgendwoher? War er ihr in seinem Leben schon mal begegnet? Er wandte seinen Blick ab, weil er den Blick ihres Mannes auf sich spürte. Ihn anzuschauen und freundlich-harmlos zu nicken, schien ihm, aus einem Grund, den er nicht kannte, unpassend. Josef hatte das Gefühl, er war in eine Beziehung geraten, ohne dass er es gewollt hätte. Natürlich nicht. Ich bin noch immer krank, dachte er, ich sollte noch einen weiteren Tag in Ritsem verbringen und dafür sorgen, dass ich kräftig und gesund genug bin, um meine Wanderung fortzuführen.

3.

Josef hatte das Mitleid seiner Frau und seiner Töchter nicht gewollt. Die Zeit für Fürsorge, fand er, war noch nicht gekommen. Es war nicht auszuschliessen, dass er sich in wenigen Wochen oder Monaten nicht mehr an seinen Namen erinnern konnte, ihm ein Schlüssel in die Finger geriet, dessen Schloss er nicht kannte oder dass er ein Hemd statt in den Kleider- in den Kühlschrank stopfte. Aber soweit war es nicht, wie er sich verhalten würde, wenn es soweit war, wusste er nicht. Niemand wusste es. Es sollte ihm niemand kommen und ihm schlaue Sachen über seinen Zustand erzählen. Auch nicht darüber, wie es werden würde mit ihm, und alle diese Begriffe wie Demenz, Alzheimer und Quakquakquak, waren ihm nicht mehr als das Geschwätz in TV-Gesprächsrunden; in denen, fand er, gab es nichts Verlässliches, nichts Begreifbares, nichts Glaubhaftes, nichts Endgültig-Richtiges. Und weil Josef all das nicht wollte, auch nicht wahrhaben wollte, und er hielt sich für durchaus vernünftig und meinte, seine fünf Sinne beieinander zu haben, auch wenn er spürte, dass etwas aus dem Lot geraten war - weil Josef immerhin noch entscheidungsfähig war, hatte er sich die Wanderung erbeten.

Es war nach 24 Jahren der Ehe das erste Mal, dass er allein in den Urlaub gehen wollte. Er war listig genug, seine Krankheit, seine mögliche Erkrankung als Argument zu benutzen. Allein diese Listigkeit, meinte seine Frau, ist ein Beweis dafür, dass du nicht erkrankt bist, mein Lieber. Jedenfalls nicht an einer Schwäche des Gehirns, wenn er auch sonst durchaus Ausfallerscheinungen hatte. Haare, Libido, Muskeln – da war ein Nachlassen, das sie aber nicht als schlimm empfand. Auch sie war in die Jahre gekommen und nicht narzisstisch genug, im Spiegel eine andere Frau zu sehen als diejenige, welche sie sah. Deswegen schätzten sie sich, deswegen liebten sie sich: Sie waren weder taub noch blind und konnten über ihre leiblichen und mentalen Veränderungen lachen; spürbar wandelten sie sich ihren jeweiligen Eltern an, ein Vorgang, der voller Komik ist, solange man es merkt und sich berichtigen kann. Die Stellschrauben des Charakters gewissermassen. Wusste man, wo sie sassen.

Natürlich würde er mit dem Auto nach Lappland fahren. Kein Problem für ihn. Er war die Strecke ein Dutzend Mal gefahren. Er kannte die Orte, kannte die Supermärkte, wusste, wo er abbiegen und das Zelt aufschlagen konnte oder wo es Hütten gab, in denen er übernachten würde. Er konnte die Namen der Orte in Nonsens-Reimen aufsagen, und er tat es, erfand sie für seine Frau, die fröhlich einstimmte. Brunflo, Brunflo, pipapo! Hammerdal, o Hammerdal, weites Land, doch wie schmal! Vilhelmina liegt in China! Nee, das ist falsch hingetan, kommt doch gleich Storuman! Und verlierst du deinen Rock, bist du schon in Jokkjokkmokk! Das war albern, das war lustig, das war schön, und Karin und er verbrachten den Abend vor seiner Abfahrt damit, die Fotoalben der früheren Wanderungen durchzusehen, sich zu erinnern und zwei Flaschen Weisswein zu trinken.

Natürlich würde er sich zwischendurch, soweit es die telekommunikative Luft zuliess, melden. Er führe ja nicht fort, um aus dem Leben zu verschwinden, sagte er ihr. Obwohl es eine seiner Erwägungen war, das Ende des Lebens betrachtend und dem endgültigen Verfall zuvorkommend, einfach in einen kalten See zu schwimmen, bis ihn alle Kraft verliess, oder unauffindbar in den Bergen zu verschwinden. Davon werde ich dich vorher informieren, scherzte er. Schon deshalb, um nicht unnötige Rettungsaktionen auszulösen und die Familie ärgerlichen und peinigenden Spekulationen, ob er vielleicht doch noch lebe und irgendwann eine Postkarte aus Kuba oder Argentinien schicke oder von einem Bären gefressen worden sei, auszusetzen. Diese Art von Humor erinnerte Karin an ihren Schwiegervater. Den sie mochte, der seit zehn Jahren tot war, aber diese Art von Humor – schätzte sie überhaupt nicht.

4.

Der Regen begann zärtlich. Auf eine typische Weise. Josef hatte ihn durchschaut. Seine Art, seinen Rhythmus, sein Spiel. Er tröpfelte. Er würde sich verdichten. Er würde nicht aggressiv sein, doch, er würde aggressiv sein, weil kein Entkommen war. Er würde andauern, eine Stunde lang, drei Stunden lang. Er würde eine dichte Nässe sein, nach allen Seiten, in alle Richtungen. Josef könnte das Zelt aufschlagen, das wäre in fünf Minuten getan, und sich zurückziehen. Und warten, bis der Regen aufhörte. Das wollte Josef nicht. Er liebte den Regen; der Regen würde ihn nicht umbringen. Es war nur Regen, Wasser, es war nichts, das ihn zerstören könnte. Wurde jemals ein Mensch vom Regen aufgelöst? Josef hatte herausgefunden, dass dieser Regen und er Freunde waren. Josef lief einen Weg, der nicht markiert war. Immer der Nase nach. Immer der Karte nach, die er jede viertel Stunde konsultierte. Es war eine genaue Karte, aber der gestrichelte Weg auf dem Papier war in der Natur nicht vorhanden. Einmal kam ihm ein Mann entgegen, der schnell, blicklos und ohne Gruss an ihm vorbeizog. Er trug einen knisternden dunkelblauen Ganzkörperüberzug; die Gestalt erinnerte Josef an Woody Allen in seiner Rolle als Spermium, nur dass der Schauspieler nicht dunkelblau eingehüllt war.

Eine zweite Begegnung noch. Ein Schotte und ein Ire. Sie lächelten schon von weitem und blieben stehen, tauschten sich über das Woher und Wohin aus, und als Josef nach der bevorstehenden Volksabstimmung auf der britischen Insel fragte, strahlten die beiden, streckten ihre Daumen in die Luft und waren davon überzeugt, dass Schottland die Unabhängigkeit wählen würde. Ansonsten war Josef seit zwei Tagen keinem Menschen begegnet. Der Weg auf der Karte war von der Natur zurückerobert worden. Nur manchmal, selten, stand eine kleine verlorene Steinpyramide als Markierung im Gras, die rote Farbe des obersten Steines ausgeblichen.

Der Regen war jetzt überall. Josef atmete ihn ein und aus. Er schrie vor Glück, er hielt inne, schaute sich um, sah linkerhand die dunklen Berge, deren Wipfel im Nebel-Dunst staken – und schrie vor Glück. Er hielt sein Gesicht in den Regen, stell dich mitten in den Regen, fiel ihm ein – und schrie ein zweites Mal. Was konnte die Nässe ihm schon antun! Er war ein Mensch, er war nicht Keks, nicht Tütensuppe! „Wir sind doch nicht aus Zucker!“ brüllte er in die Landschaft, ein Satz, mit dem Karin und er sich gegenseitig ermutigten, wenn das Wetter widrig oder der Weg schwierig war.

Er lief weiter, er stapfte durch hohes Gras und hielt sich an den Lauf des Flusses, der sich links von ihm zu Füssen der Bergkette wand. Mal verbreiterte er sich, dass ein länglicher See entstand, mal engten ihn steinerne Hänge, auf denen Steinlawinen zur Ruhe gekommen waren, ein, dass er strudelte und schneller wurde. Halb rechts vor ihm tauchten Rentiere auf. Sie hoben ihre Mäuler aus dem Gras und schauten den Wanderer an. Noch nie war Josef den Tieren so nahe gekommen. Sie schienen keine Scheu zu haben. Oder ihre Neugierde war stärker als ihr Fluchtinstinkt. Oder ich sehe aus, als sei ich keine Gefahr für sie. Stimmt, ich bin keine Gefahr, für niemanden bin ich eine Gefahr. Ein Gedanke, der ihn so glücklich machte, dass er sich fast schwerelos fühlte und die 20 Kilo seines Rucksacks nicht spürte.

Josef wusste, dass bald eine Furt kommen musste, durch die er den Fluss kreuzen konnte, ja musste: Er musste auf die andere Seite des Flusses, der Nordkalottleden war so angezeigt, liefe er auf der jetzigen Seite weiter, würde er in ein Gelände geraten, von dem er nicht wusste, wie es beschaffen war und was es an Überraschungen bot. Er fürchtete sich nicht. Er liebte das Wandern im Norden Europas, weil es anstrengend, anregend, abenteuerlich, aber nicht lebensgefährlich war. Jedenfalls nicht für den, der riskante Wege mied. Darauf hatten sich Karin und er geeinigt: Sie liefen und lebten in Demut vor der Natur, sie erkannten ihre Macht an, sie war von einer Gewalt und Grösse, der zu trotzen töricht war; was war natürlicher, als ein Teilchen von ihr zu sein und anzuerkennen, nur dieses Teilchen zu sein; zerbrechlicher als ein Stein, flüchtiger als ein Bach?

Josef fiel, während er Fuss vor Fuss setzte, der junge Däne ein, der vor zwei Jahren zu einem Abendspaziergang in die Berge aufbrach und verschwand und nicht wiedergefunden wurde. Er hatte sich mit seinem Freund verabredet, zum Abendessen zurück zu sein. Als er zwei Stunden überfällig war, hatte sich der Freund auf den Weg zu einer Hütte, die über ein Satellitentelefon verfügte, gemacht. Sofort setzte die Suche ein. Stunde um Stunde.

Josef und Karin waren an diesem Tag in der Nähe und wunderten sich über den unentwegt über den Bergen kreisenden Hubschrauber. Ein entgegenkommendes Pärchen, zwei Mädchen aus Stockholm, klärte sie auf. Dass ein Mann verschwunden sei. Ein Däne. Dass sie (Josef und Karin) an dem Zelt vorbeikommen würden, in dem die beiden Freunde übernachten wollten. Dass der andere losgezogen war und die Suche ausgelöst hatte.

Sie hatten ihr Zelt an dem Fluss aufgeschlagen, an dessen anderem Ufer die Hütten der Station standen. Am späten Abend, es war hell, die helle Mattigkeit eines Sommerabends im Norden, landete ein Hubschrauber mit der Aufschrift POLITIA. Sie konnten sehen, dass ein Mann und eine Frau entstiegen und zu den Hütten gingen. Ein Kommissar und eine Kommissarin, waren sie sich sicher. Wie in einem Krimi! Wie in einem der skandinavischen Krimis, die Millionen Leserinnen und Lesern das Bild eines Landes vermittelten, in dem Serienkiller, perverse Frauenmörder und noch perversere Kinderschänder den Grossteil der Bevölkerung ausmachten.

Das war zwei Jahre her. Jetzt, vor ein paar Tagen, hatte Josef eine Pause bei den Hütten von Tuottar eingelegt, und mehr erfahren. Die Hüttenwirtin war auf ihn zugekommen, weil sie in ihm einen Gast sah? aus Neugierde auf Menschen? und er hatte sie nach dem Schicksal des Dänen gefragt. Er war sich sicher, dass dessen Schicksal ein Thema war: von Wanderer zu Wanderer, von Hütte zu Hütte. Die Frau, eine Holländerin, die der Liebe zu einem Mann und der Liebe zur Landschaft wegen nach Lappland ausgereist war (schnell wird das Wesentliche erzählt), berichtete, dass sich ein Jahr später, nach dem Winter, eine Hundertschaft von Menschen, darunter Dänen, die sich freiwillig gemeldet hatten, auf die Suche machte. Doch ihr Landsmann blieb verschwunden. Sein Leichnam war unauffindbar.

5.

Josef zog die Wanderstiefel aus und streifte Sandalen über die Füsse. Das Bett aus Steinen, über die das glasklare Wasser hinwegstrudelte, sah einladend aus. Es würde ihn halten. Es war ohne Heimtücke. Er müsste es nur wagen und beherzt auftreten. Schritt für Schritt.

Josef ging durch den Fluss, fand die Kälte erfrischend und war doch froh, als er am anderen Ufer im Schutze eines Felsens die Füsse massieren und trocknen konnte. Wärme stieg von den Zehen bis in den Kopf; nur die Hände froren ihm. An Handschuhe hatte er nicht gedacht, als er seinen Rucksack gepackt hatte. Er würde bei erster Gelegenheit welche kaufen; diese Gelegenheit, schätzte er, würde er in ungefähr einer Woche in der Station am Kaitum-See bekommen. Dort gab es eine Butik, dort würde er auch ein Bier bekommen und vielleicht geräucherten Fisch. Er war wieder gesund.

Drei Stunden später baute er das Zelt in das langmähnige Gras, das eine zusätzliche Polsterung sein würde. Die Stelle war leicht abschüssig, schien ihm aber unter den gegebenen Umständen geeignet. Er hatte sich die letzte Stunde umgeschaut, war immer mal wieder vom Weg abgewichen und ein paar Meter in die Höhe geklettert. Die Landschaft war trügerisch. Was von unten eben aussah, war doch nur wieder buckliger Hang. Und es regnete und regnete.

Er glich die Schräglage aus, indem er alles, was er an Kleidung bei sich hatte, unter die Schlafmatte stopfte, schlüpfte in den Schlafsack, streckte sich, wendete sich nach links und nach rechts – doch, es würde gehen. Er würde auch in leicht schiefer Lage gut schlafen. Er machte sich eine Hühnersuppe aus der Tüte, ass dazu ein rundes Polarbrot, kroch ins Zelt, um noch zwei Seiten zu lesen (Thomas Manns „Zauberberg“) und einen den Tag abrundenden Schluck aus der Taschenflasche mit kubanischem Rum zu nehmen – dann fiel er in den Schlaf. Wie die Abende zuvor. In einen tiefen, urgesunden, kräftigenden Schlaf. Josef wachte in der Nacht zweimal auf, stellte sich zum Pinkeln barfuss in das feuchte Gras und sah dabei auf den silbrigen Fluss und hinüber in die Berge, über denen es hell war. Josef seufzte vor Glück, obwohl es kalt war, und er beeilte sich, in den Schlafsack zurück zu kriechen. Ein himmlisches Bett.

Die nächsten drei Tage schien von morgens bis abends die Sonne. Josef wanderte unter einem blauen Himmel, der ihn an die Himmel über der Halbinsel Darss erinnerten. Vereinzelte putzige weisse Wölkchen erschienen, blieben eine Weile unverändert, um wieder zu verschwinden. Sie kamen und gingen, weil Josef ging. Das ganze Welttheater, dachte Josef vergnügt, existiert nur, weil ich es will. Wäre ich nicht, wären auch die Wolken nicht. Fast könnte ich glauben, der Mensch sei doch ein Demiurg. Oder jede Wolke, die ich sehe, erschafft mich?

Einmal bildete sich aus dem Nichts eine Wolkenformation, auf deren Namen Josef nicht gleich kam. Er hatte davon gelesen, ein paar Tage, bevor er die Wanderung begann. Es waren Wolken, die unheilvoll dräuend aussahen. Sie kündigten kein Gewitter an, sie waren die Folge eines Gewitters; doch ein Gewitter hatte Josef in Lappland noch nie erlebt, auch in den letzten Stunden war nichts zu hören gewesen. Asperatus! so hiessen die Wolken-Klumpen. Josef war stolz auf sich, dass ihm der Name eingefallen war; ihm war, als hätte er einen Gedächtnis-Test bestanden.

6.

Als Josef den Kungsleden erreichte, wurde das Gehen leichter und langweiliger. Verglichen mit den Wegen der letzten anderthalb Wochen war er auf eine Autobahn geraten, eine Autobahn mit vier Spuren, gepflastert mit Steinen, festgetreten die Flecken nackter Erde dazwischen, am Wegesrand hin und wieder weggeworfene Verpackungsteile aus Plastik oder Zellophan. Schaute er nach vorn, sah er Wanderer, drehte er sich um, sah er Wanderer. Nicht viele. Mal ein Pärchen, mal ein Grüppchen von vier Personen. Sie verliefen sich in der Weite, deren Licht und Luft er einsog.

Einmal, er war stehen geblieben, um den Weg und die Landschaft hinter sich zu betrachten (eine Gewohnheit, seitdem er vor Jahren das beglückende Gefühl erfahren hatte, die zu Fuss gegangene Strecke ins Verhältnis zur optisch verwandelten Landschaft zu setzen; die hinter ihm lag, sah anders aus als vorher, da er auf sie zulief), sah er den Regenbogen, der sich über die Berge spannte. Josef starrte ihn an: Der Kitsch des Himmels verzückte ihn. Irgendwo musste der Kebnekaise stehen, Lapplands höchster Berg. Josef hatte geplant, einen Tagesabstecher hinauf zu machen, aber inzwischen entschieden, darauf zu verzichten. Er empfand es plötzlich als ungerecht, den Berg ohne Karin zu besteigen; er wusste, wie gern sie den Weg einmal gegangen wäre; in den Jahren zuvor hatte es sich nie gefügt, ihr später zu erzählen, er sei oben im Schnee gewesen, wäre hämisch.

Nachdem er die sechste Stunde unterwegs war, entschloss er sich, das Zelt für die Nacht diesmal auf dem Gelände um die Singis-Hütten aufzuschlagen. Es war nicht leicht, einen Platz zu finden. Die Wanderer legten Wert darauf, zwischen Zelt und Zelt ein Gebüsch, ein Hügelchen, eine optische Barriere zu haben. Wollte jemand ein Gespräch, würde er es finden. Die meisten Plätze waren belegt.

Josef baute sein Zelt auf einem ebenen, lehmigen Platz auf und ging hinauf zur Haupthütte, um die Hüttenwirtin nach einem Päckchen Knäckebrot zu fragen. Hier würde nichts verkauft werden, wurde ihm freundlich gesagt, und nachdem er ihre Frage nach seinem bisherigen Weg beantwortet und sie ihm gesagt hatte, wie das Wetter aller Voraussicht nach morgen werden würde, zog er sich zurück. Josef setzte sich vor sein Zelt, machte sich auf dem Gas-Kocher ein Gericht aus Reis, Tomatenmark und Dörrfisch und schaute hinab auf den Fluss, den er über den Tag stundenlang begleitet hatte; laut Karte war es der Fjäktjajakka, ein Name, der Josef völlig egal war, es würde ihn ohnehin gleich wieder vergessen. Es war ungeheuer schön, ein körperliches Gefühl von Schönheit wieder mal, der Ewigkeit zuzuschauen - und zu wissen, dass er gleich essen und danach in den wärmenden Schlafsack kriechen würde.

In der Nacht wurde er wach. Etwas raschelte, etwas knusperte, etwas bewegte sich im Zelt, seiner selbst sicher, als würde es zur Ausstattung gehören. Als wäre es zu Hause. Josef leuchtet mit der Taschenlampe in das Vorzelt. Das Geräusch brach ab. Kaum hatte er sich ausgestreckt, fing es wieder an. Ein bisschen unheimlich war es. So unheimlich, wie Josef es manchmal fühlte, wenn er an einem Bach übernachtete und in dem Gekräusel der Geräusche das Reden von Menschen hörte. Oder wenn der Wind und der Regen mit der Plane spielte und mal nach einem wehklagenden Tier klang, mal wie die Seufzer einer armen Seele (wobei diese Einbildung eine sehr abstrakte war; wie klangen die Seufzer einer armen Seele? die Frage hätte Josef eben mit eben der abstrakten Beschreibung jenes Lautes beantwortet), dann wieder waren es Schritte, die auf das Zelt zu- und weg- und wieder zugingen. Josef würde die Nachtruhe nicht finden.

Diesmal verhielt er sich geschickter. Wie ein Jäger vielleicht. Er versuchte, geräuschlos zu sein, und er schaltete die Taschenlampe in dem Moment ein, als er meinte, in der nicht völlig dunklen Nacht etwas davonhuschen zu sehen. So war es: Es war eine Maus oder ein Lemming oder eine Ratte, die vor dem Licht floh. Josef riss den Reissverschluss des Zeltes auf und kroch hinterher, behende und auf allen Vieren, mit einem Tempo als wäre er ein ambitioniertes Kleinkind und nicht ein fast sechzigjähriger Mann. Als wäre er eine Maus, ein Lemming oder eine Ratte. Schon während er kroch, wollte er über sich selber lachen. Selbstverständlich erwischte er das Tier nicht. Er war zufrieden damit; er wollte es nicht erwischen, was hätte er mit einem neugierigen, fresslustigen Tierchen anfangen sollen? Es erschlagen? (Er hatte als Jugendlicher einmal ein Eichhörnchen erschossen und als junger Mann ein grad geborenes, vermickertes Kätzchen aus einem Wurf von fünf Kätzchen ertränkt; nichts davon hatte er vergessen, nichts daran animierte ihn, Ähnliches zu wiederholen.)

Er richtete sich auf, streckte sich im Kreuz, die Finger seiner Hände hakelten über dem Kopf ineinander, er dehnte sich. Und erschrak. Kaum zwei Meter entfernt stand über ihm auf der winzigen Böschung, die Sichtschutz für ihn und sein Zelt war, eine Frau; es war die dunkle Kontur einer Frau, Josef schaute sie an, sie schaute ihn an, oder sie schaute über ihn und sein Zelt hinweg in die Landschaft, die sich als eine Schwarz-Weiss-Zeichnung unter bläulichem Nacht-Himmel in der Weite verlor. Dann öffnete sie den Mund, als wollte sie etwas sagen. Atmete tief ein und aus, ein kurzes, schnaufendes Geräusch. Es verwirrte Josef, aus dem Schattenwesen diesen menschlich nahen Laut zu hören. Josef zog die Augenbrauen hoch. Er wollte sie etwas fragen. Ob sie sich im Leben schon einmal begegnet waren. Er fragte nicht, obwohl er sich sicher war, dass es die Frau war, mit der er im Aufenthaltsraum in Ritsem einen bizarren Blickkontakt hatte. Aber diese Begegnung meinte er nicht. Auch sie fragte und sagte nichts. Sie wendete sich ab und war mit zwei Schritten verschwunden. Josef überlegte, ob er ihr nachgehen sollte. Er liess es sein. Sie ist keine Maus, ich bin kein Jäger. Beinahe musste er lachen. Die Vorstellung, die Frau könnte in Gestalt einer Maus in seinem Vorzelt gewesen und dort herumgestöbert haben, war zum Lachen.

7.

Der erste Schritt auf dem Weg in den neuen Tag – bevor Josef ihn machte, schloss er die Augen, sog die Luft ein, liess Sonne, Regen oder Wind einsickern und war glücklich.

Alles war verpackt, alles steckte in dem Rucksack, den er auf seinem Rücken zurechtgeruckelt und mit den Gurten über der Schulter und über der Hüfte verzurrt hatte. Josef war bereit. Er schenkte dem Plätzchen Erde, auf dem er übernachtet hatte, einen letzten prüfenden Blick. Nichts war vergessen, nichts war liegen geblieben, nichts war verloren. Alles war beieinander, alles war zusammen und hatte seinen Platz gefunden; wie ich, dachte Josef fröhlich, es gibt nichts, was ich vermisse, nichts, wonach ich später suchen und mich fragen würde, wo verdammt noch eins, hatte ich das Messer, die Mütze, den Teller gelassen. Es waren einfache, schöne Wörter. Messer, Mütze, Teller. Fügte er Wasser, Brot, Wind hinzu, hatte er beinahe das Vokabular des Lebens zusammen. Für den Augenblick, für diesen Augenblick, in dem er seine Wanderstöcke in die Erde stiess und loslief.

Ein Ruf bremste ihn nach kaum einer Minute. „Hej, hej!“, hörte er in seinem Rücken; der Ruf galt ihm, ohne Zweifel, Josef drehte sich um. Die Hüttenwirtin, sie kam ihm kleiner und massiger vor als gestern Abend, lief ihm nach; sie winkte mit der Rechten, die ein Päckchen Knäckebrot hielt. Das könne er haben, gab sie ihm zu verstehen. Nein, sie verkaufe es nicht, lehnte sie ab, als sie sah, dass Josef nach einem Geldschein kramte. Das Brot habe eine Wanderin, die vermutlich ihren Nahrungsvorrat bilanziert und festgestellt hatte, dass sie zu viel bei sich trug, dagelassen. Er könne es haben. Josef freute sich, dankte und fragte sie, ob das Wetter heute so angenehm werden würde, wie sie es gestern vorausgesagt hatte. Sie zuckte mit den Schultern und lächelte. Konnte sein, konnte nicht sein. Josef nickte. Konnte sein, konnte nicht sein, natürlich, genau so war es. Mit dem Wetter und den Voraussagen wisse man ja nie so recht. Konnte sein, konnte nicht sein, schalali schalala, schalali schalala, eine Zeile wie aus dem Refrain eines Schlagers, der alles und nichts meinte.

Nach den ersten anderthalb Stunden verliess Josef den Weg. Er machte ein paar Schritte zur Seite, streifte den Rucksack ab und schöpfte mit einem Becher Wasser. Es schmeckte köstlich. Josef trank unbedenklich aus den fliessenden Gewässern und aus den Seen, und dass er – wie lange war das jetzt her? – an Magen und Darm erkrankt war, hatte gewiss nicht am Wasser, das er unterwegs trank, gelegen.

Josef döste ein wenig vor sich hin, vielleicht war er kurz eingenickt, vielleicht bildete er sich es nur ein: Ihm schien, als seien die Schatten zweier vorbei wandernder Menschen auf ihn gefallen. Es konnten auch Wolken gewesen sein, die sich vor die Sonne geschoben hatten; ein Schabernack der Natur, die sich mitunter kapriziös und schelmisch gab, und Josef war ihr ergeben.

8.

Dass er sich seinem Tagesziel, einem Platz am Kaitum-See näherte, merkte Josef an der zunehmenden Zahl von Wanderern. Er begriff nicht, woher sie plötzlich kamen; sie benutzten auch nur den Weg, den er ging, den Kungsleden, sie konnten nur vor oder hinter ihm gegangen sein; doch es kam ihm vor, als seien sie von rechts oder links aus dem tundrischen Gelände aufgetaucht, wie Rentiere, die so plötzlich erscheinen wie sie verschwinden konnten.

Es waren nicht viele, ein oder anderthalb Dutzend Menschen, aber verglichen mit der Einsamkeit während der Tage vorher - es schien ein Naturgesetz zu sein: Je näher eine Hütte rückte, desto mehr Menschen begegneten ihm. Als wären wir, dachte Josef, magnetisch; oder als wären wir mit unsichtbaren Gummi-Strippen an die Wander-Stationen gebunden, Schnüre, die sich strafften und zogen und uns zwangen, schneller zu trippeln: aufeinander zu, um die Menge zu werden, aus der wir kommen und zu der wir gehören.

Es störte Josef nicht. Sie waren freundlich, wenn sie einander grüssten und Sätze tauschten. Ausserdem gab es keinen Anspruch auf Einsamkeit. Der Kungsleden war ein Pfad, den vermutlich jeder wandernde Schwede einmal in seinem Leben gegangen sein musste, ebenso ein jeder Mensch, den es nach Lappland zog. Wäre Karin bei ihm gewesen, sie hätten sich gemeinsam darüber amüsiert (und über sich selber; sie erhoben sich nicht über andere Menschen) und sich daran erinnert, wie sie vor Jahren in Norwegen den Beseggen bestiegen hatten. Welches Getümmel auf dem Berg! Welcher Ameisenhaufen! Als bestiege Wochenende für Wochenende die Hälfte der Bevölkerung den Heiligen Berg, über dessen schmalen Grat Peer Gynt auf einem Bock geritten sein soll. Als müssten sich die Norweger vergewissern, dass es den Berg aus der Dichtung Ibsens wirklich gab (falls der Dichter diesen Berg gemeint hatte); und als könnten sie für Stunden teilhaben an dem faustischen Schicksal Gynts.

Es ist, meinte Karin damals, als kletterten wir Deutsche mindestens einmal im Jahr auf den Brocken und tanzten mit den Hexen! Darauf, hatte Josef entgegnet, würde ich mich nicht einlassen. Klettern ja, tanzen nein! Es ist erstaunlich, meinte seine Frau, wie mufflig du als eigentlich musikalischer Mensch bist, wenn es ums Tanzen geht! Ich bin Musik- und nicht Tanzlehrer, sagte er so würdevoll wie möglich. Karin hatte gelacht und gesagt: Ach was, du bist nur ein Feigling! Du traust dich, obwohl du wahrlich kein Meister bist, auf dem Klavier deinen Schülern was vor zu klimpern! Aber Tanzen … Zum Tanzen bin ich nicht geboren, sagte er. Schon gar nicht mit Hexen!

Josef lächelte, als er sich an den Wortwechsel oben auf dem Beseggen, den er als bedrohlich steil und steinig empfand, erinnerte. (Hingegen machte es norwegischen Familien und britischen Touristen nichts aus, mit nackten Füssen in Sandalen an ihm und Karin vorbeizueilen, als gälte es, schneller als Peer Gynt zu sein, schneller auch als der Wind, der über den Grat fegte.) Es war an der Zeit, mal wieder ein Foto von sich auf der Wanderung nach Hause zu schicken. Das letzte hatte er angefertigt, als er hohlwangig und bleich in Ritsem am Tisch sass, vor sich eine Tasse mit Hühnerbrühe.

Er war an dem Ast-Gerippe der Kote angelangt, die von weitem wie das verblichene Skelett eines Riesentieres ausgesehen hatte. Ein Pärchen war eben dabei, sich selbst in der Öffnung, die eine Tür gewesen war (es waren zwei Scharniere auf einer senkrechten Bohle angebracht), zu fotografieren. Josef bot ihnen an, ein Foto von ihnen zu machen, und bat sie, ihn auf seinem mobilen Telefon zu fotografieren. Kein Problem, sagte der Junge. Josef fragte die beiden, woher sie kämen. Aus Tschechien, antworteten sie.

Eine Stunde später überquerte er auf einer Brücke einen reissenden Fluss, der sich links neben dem weiteren Weg in die Felsen geschnitten hatte; mal war sein Tosen zu hören, mal verstummte er in der Tiefe des Einschnitts. Josef geriet in eine Landschaft, die er als anmutig empfand. Hier hätten sie den Film nach dem Roman „Der Herr der Ringe“ drehen können. Mindestens die Szenen, in denen das Dorfleben der Hobbits gespielt wurde. Josef dachte das Wort putzig und wusste zugleich, dass das Grün und die schmiegsamen Hänge nur aus der Entfernung gemütlich aussahen. Kahle, lehmige, ebene Stellen dazwischen luden ein, das Zelt aufzubauen, aber Josef wollte weiter, drei, vier Kilometer noch. Die Kaitumjaure-Hütte würde er in weniger als zwanzig Minuten erreichen. Dort gab es eine Butik, dort wollte Josef nach Bier und geräuchertem Saibling fragen, doch auch dort wollte er nicht über Nacht bleiben.

9.

Die Musik war wie ein Schlag auf die Ohren; in dem Moment, als Josef um die Ecke der Blockhütte mit den Schlafstuben für Touristen bog, wurde sie angeschaltet, zugleich brandete Gejohle auf, und Josef schaute belustigt zu, wie ein halbes Dutzend Knaben in Badehosen und in Boxer-Shorts auf dem Holzweg zur Butik tänzelten. Sie hüpften wie Dohlen auf und ab – unter den Augen gleichaltriger, kichernder Mädchen, die in ihren kurzen Hosen und Röcken und mit den Brüsten unter den knappen Trikots auch nicht angezogener wirkten. Eine Gruppe Jugendlicher, die gerade angekommen war und sich auf ihre Weise für die kommende Nacht einrichtete. Die Musik war harte Rockmusik, obwohl Josef auch ein bluesiges Akkordeon zu hören meinte; eine grobe, doch raffinierte Komposition, die grell daherkam, aber Artifizielles nicht gänzlich verleugnen wollte. Der Gesang war ein Röhren und Kreischen, aber es waren die Geräusche von geschulten Stimmen. Die Sprache war nicht Englisch, Finnisch konnte es sein.

Als wäre es ein Versehen gewesen - oder nur gedacht als Auftakt für das Flitzen der halbnackten Jungs und das Schauen der halbnackten Mädchen: eine kurze Theater-Szene, in der die Hautdarsteller dem Publikum einheizten und das Publikum dankbar und neugierig reagierte – wurde die Musik heruntergedreht auf eine Lautstärke, die niemanden belästigte. Den Jungs, die in der Butik verschwanden, kamen Jungs entgegen, die in ihren Armen Bier-Dosen hielten, sie gehörten zueinander: die Dosen, die Jungs, die Mädchen. Ebenso würden ihnen der Abend und die Nacht gehören.

Josef hatte nicht vor, allzu lange Pause zu machen. Er wollte weiter, wenigstens bis an den Fluss, den er sich auf der Karte ausgekuckt hatte. Hier wollte er sich nur zwei, drei Büchsen Bier, eine Rolle Kekse kaufen und nach Fisch fragen: nach frisch geräuchertem Saibling war er beinahe süchtig, auch wenn es an dem einen Ort hiess, es sei nicht die Zeit dafür, und an dem anderen Ort gab es sie doch. Damit hatte Josef hatte sich abgefunden. Es gab eine Logik der Einheimischen oder derjenigen, die von woanders kamen, um Wochen und Monate hier zu verbringen und sich demnach auskannten -, es gab eine Logik, die das Geschäftliche mit der Trägheit, das Naturgegebene mit dem Beabsichtigten verband. Es liesse sich vereinfacht sagen, war Josefs Auffassung, dass es manchmal Fisch gab, manchmal nicht, und es hing keinesfalls davon ab, ob die Saiblinge eine Schonzeit hatten oder nicht.

Es hing, war sein Eindruck, davon ab, ob jemand Lust hatte, Fisch zu fangen, zu räuchern und zu verkaufen, oder ob er diese Lust nicht hatte. Vielleicht war das Fischen eine Angelegenheit der Laune und der Gelegenheit, des Wetters und des Wollens. Josef konnte sich durchaus vorstellen, dass jemandem nicht immerzu danach war, Fische aus den Bächen und Seen zu hieven, sie zu killen und zu Räucherware zu machen.

Er nahm den Rucksack von den Schultern und liess ihn auf die Bank vor der Hütte mit dem kleinen Verkaufsladen plumpsen. Als er sich dem Eingang zuwendete, musste er blinzeln. Das Licht der Abendsonne blendete, und erst, als er die erste Stufe der kleinen Treppe zur Veranda betrat, bemerkte er die Frau und den Mann. Als hätten sie ihn nur den Bruchteil einer Sekunde gesehen, bevor er sie gesehen hatte, und als wären sie erschrocken, fuhren sie auf: Der Mann sprang auf, die Frau blieb sitzen und versuchte, ihr Hosenbein über die linke Wade zu ziehen. Ihr Unterschenkel glänzte bläulich-rot und war angeschwollen. Sie drückte eine kalte Dose Guld-Bier dagegen, um den Schmerz und die Schwellung zu lindern aber auch, so kam es Josef vor, um etwas zu verbergen. Die Frau wirkte erschöpft und eingeschüchtert, der Mann stand auf der Stufe über ihr und starrte Josef an. Ein Blick, in dem nicht eine Spur von Freundlichkeit, nicht mal ein Hauch von Höflichkeit, war. Es war unmöglich, grusslos an den beiden vorbei in die Butik zu gehen.

„Hej!“ sagte Josef zu der Frau, die seinem Blick auswich; sie suchte die Augen ihres Partners, als hinge es von ihm ab, ob sie grüsste. „Was für ein Zufall, dass wir uns wieder begegnen.“

„Hej!“ sagte sie, hob die Hände und zog die Schultern hoch. „Das ist unvermeidlich hier.“ Mit einer Geste umfasste sie die Landschaft ringsum und lächelte ihn an. Ein Lächeln, das – nicht richtig war.

„Was ist passiert?“, fragte Josef und zeigte mit der Rechten auf das verletzte Bein. Für einen Augen-Blick schob sie die Bierbüchse beiseite und Josef sah eine Tätowierung: einen fünfzackigen Stern, der mit einem Rot ausgefüllt war, ein mit den Jahren verblasstes Rot, wie es viele Punkte auf den Steinen hatten, die den Wander-Weg durch Lappland markierten. Sie hatte seinen Blick bemerkt und zog das Bein an. Sie ächzte, die Bewegung schmerzte.

„Ich bin umgeknickt“, sagte sie. „Gezerrt wahrscheinlich. Gebrochen ist es jedenfalls nicht.“
„Ich könnte Ihnen einen Tape-Verband anlegen. Ich habe welchen dabei“, bot Josef an.

Wieder ging ihr Blick zu dem Mann. Der zwinkerte mit den Augen, ein kaum merkliches Kopfschütteln, dann zwang er sich zu einem Lächeln und sagte: „Das ist nicht nötig. Wir haben selber. Es ist nicht so schlimm.“ Sein Deutsch klang härter als das der Frau, vermutlich war er Skandinavier. Das würde seine gewisse Distanziertheit erklären; Josef hatte die Erfahrung gemacht, dass die Schweden (und Norweger) sehr höfliche Menschen waren, die dennoch etwas an sich hatten, das nicht dazu einlud, mit ihnen sogleich auf unverbrüchliche Freundschaft zu trinken oder herzliche Umarmungen auszutauschen. Ihm gefiel das; auch er neigte nicht zu vorschneller Verbrüderung.

„Wollen Sie denn noch weiter laufen?“, fragte Josef.
„Kvikkjokk“, sagte die Frau und seufzte. „Obwohl … „
Mit dem Bein? Unmöglich! wollte Josef einwenden; er sagte: „Das wird schwer für Sie.“ Kvikkjokk war auch sein Ziel, war das Ende seiner Wanderschaft, aber es waren noch etwa anderthalb Wochen bis dahin zu laufen. War es nicht ratsamer, über das Satelliten-Telefon, über das die Hütte wie alle Hütten unterwegs verfügte, einen Hubschrauber zu rufen?

Sie nickte, reichte ihrem Partner die Hand und zog sich mit dessen Hilfe hoch. Sie kreuzte das linke Bein hinter dem rechten, als wäre ihr die Nacktheit der Wade peinlich. „Ich denke, es wird gehen. Es muss gehen. Es wäre mir peinlich, einer kleinen Malaise wegen um Hilfe zu rufen. Und … wenigstens bis nach Vakkotavare werden wir es schon schaffen.“

Diesmal nickt der Mann deutlich. Von Vakkotavare fuhren Busse nach Jokkmokk oder nach Gälivare, zwei Städte, von denen in alle Himmelsrichtungen Busse, Züge, sogar Flugzeuge gingen. Er legte ihren rechten Arm um seinen Hals, und die beiden machten Anstalten, die Treppe hinunterzusteigen, als sie fragte: „Woher kommen Sie? In Deutschland, meine ich.“ Sie schaute ihn aus ihren hellen, lichtlosen Augen an, und Josef dachte flüchtig: Sie weiss, woher ich komme?
„Berlin“, antwortete Josef. Immer schon Berlin, mein ganzes Leben lang schon, erst Ostberlin, dann Berlin ohne Mauer, und er würde, wenn nichts dazwischenkam, in Berlin das Zeitliche segnen. „Und Sie?“
„Heidelberg“, sagte sie. „Das heisst: ursprünglich. Ich lebe seit Jahren schon in Malmö. Wir leben seit Jahren in Malmö.“
„Werden Sie in der Hütte übernachten?“, fragte Josef.
„Sie?“
„Nein. Kleiner Einkauf, dann ziehe ich weiter. Zwei, drei Kilometer, bis zum Fluss vielleicht.“
„Wir haben uns noch nicht entschieden“, sagte sie; sie blickte fragend den Mann an, der nickte und sagte: „Am Fluss gibt es genügend Zeltplätze. Denke, dass wir auch noch ein Stück gehen werden. To much people here! “ Er schlug mit der Hand, die seine Büchse Bier hielt, einen Halbkreis, der das Dutzend Jugendlicher umfasste, die sich auf den Bänken um einen Tisch herum versammelt hatten und ihre Leiber in die Sonne hielten. Diesmal geriet sein Lächeln ehrlicher.
„Viel Glück“, sagte Josef.
„God tur!“, wünschte die Frau.

Josef schaute ihnen nach, als sie gingen. Das Paar bewegte sich, bedachte er die Verletzung der Frau, erstaunlich flink und rasch davon. Bevor es auf dem Pfad, der in den Wald aus krummen Birken führte, verschwand, verlangsamte die Frau ihren Gang und drehte ihren Kopf nach Josef um. Auch der Mann sah sich um, folgte ihrem Blick und zog die Frau dann entschieden mit sich. Es ist wie ein Spiel von Marionetten, sie ist die Puppe, und er ist der Puppenspieler, dachte Josef. Aber lustig war das nicht.

10.

Josef beschloss den Tag mit dem Gefühl der Zufriedenheit, ja einer nahezu vollkommenen Zufriedenheit, die er, ausgenommen die drei Tage seiner Magen-Darm-Erkrankung, vom Beginn der Wanderung an hatte. Das Zelt war binnen weniger Minuten aufgebaut. Die Öffnung ging zum Fluss, dessen ewiges, beharrliches Fliessen leise in Josef drang und ihn nachher, wenn er im Schlafsack lag, einlullen würde: ein uraltes, simples Kinderlied, das sich ständig wiederholte, doch in der Wiederholung jede Sekunde ein wenig anders klang. Auch war ihm schon geschehen, dass fliessende Wasser ihn zunächst nicht einschlafen liessen, weil es ihm vorkam, als wären ganz in der Nähe Menschen, die miteinander redeten. Das fliessende Wasser erzeugte die Laute von Disputen, Schwätzereien, Debatten, Streits, Gesäusel, Schäkereien – beinahe war es zum Fürchten. Doch jedes Mal, wenn er an einem Bach oder Fluss übernachtete, glitt er im Laute-Wiegen des Wassers in einen langen, erholsamen Schlaf. So gut wie nach einem Tag des Wanderns hatte er vielleicht vor Jahrzehnten als Baby geschlafen; woran er sich nicht erinnern konnte.

Josef setzte einen Topf mit Spaghetti auf, schnitt Speck in Würfelchen, die er, wenn die Spaghetti durch waren, in einer kleinen Pfanne braten würde, dazu Tomatenmark und eine Handvoll getrockneter Champignons – ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Auch so ein ewiger Fluss. Dem Menschen innewohnend, wenn er sich auf eine Mahlzeit freute. Josef konnte, wenn er nach links schaute, die Brücke sehen, die etwa fünfzig Meter entfernt und ein paar Meter unterhalb des Niveaus, auf dem sein Zelt stand, den Fluss überspannte. Eine Hängebrücke, die Taue aus Stahl, der Boden aus Holzbrettern. Jeweils ein Schild auf den Ufern empfahl, sie nur einzeln zu begehen, Josef blinzelte, weil er Wasserdampf in die Augen bekam, und so konnte er sich nicht sicher sein, dass die beiden Personen, die nacheinander über den Fluss gingen die Frau und der Mann waren. Unwahrscheinlich war es nicht, dachte er. Wenn sie unbedingt weitergehen wollten, und an der Butik gaben sie sich entschlossen dazu, dann mussten sie den Weg und die Brücke genommen haben, die auch er genommen hatte. Schliesslich ging es ihn nichts an. Er spürte den Hauch einer Beunruhigung, deren Ursache ihm rätselhaft war, störend wie eine Mücke, mehr aber auch nicht.

Nachdem er die Spaghetti mit der Speck-Tomatensauce gegessen und eine Büchse Bier dazu getrunken hatte, schnitt er sich von dem Parmesan-Käse, den er als Proviant von Anfang an bei sich trug, ein paar Schnipsel ab und belegte damit eine Scheibe Knäckebrot – als Dessert. Die Sonne verschwand urplötzlich hinter eine Wolke, die zu einem Wolkenmeer gehörte, sofort wurde es kalt. Josef stellte das Geschirr neben den Eingang des Zeltes, er würde es morgen früh abwaschen. Sich die Zähne zu putzen, verschob er ebenfalls. Er stand auf, ging ein paar Schritte über einen knappen Hügel in Richtung Fluss, um seine Notdurft zu verrichten. Als er zurückging, sah er von der Kuppe des Hügels aus das andere Zelt. Der Mann sass davor und hatte ein Feuer entfacht. Er musste sehr geschickt darin sein, eben noch waren sie über die Brücke gekommen, schon stand das Zelt, und davor züngelte ein Feuer mit gelb-rötlichen Flammen. Der Mann hielt seine Hände über das Feuer, hob seine Rechte und winkte herüber. Josef grüsste zurück; der Mann war nicht nur geschickt, sondern auch sehr aufmerksam oder wachsam. Die Frau sah Josef nicht. Sie würde im Zelt liegen und sich ausruhen.

Josef schloss den Reissverschluss des Vorzeltes hinter sich, zog die Wanderkleidung aus und die Thermo-Unterwäsche an. Dann schlüpfte er in das Innenzelt und in den Schlafsack. Sofort wurde ihm warm und wohlig. Ein Nieselregen hatte begonnen. Er tanzte auf der Zeltplane, er trippelte, er kokettierte. Er klang kräftiger, als er war, das wusste Josef aus Erfahrung. Wenn er stärker werden würde - ob das Feuer des Mannes dagegen ankäme? Josef bezweifelte aus. Wiederum: Der Typ sah aus, als wüsste er, was er tat. Das war die treffende Beschreibung für ihn: ein Typ, der wusste, was er wollte und was er machte.

Josef schaltete das Handy ein. Er suchte nach dem Foto, dass der tschechische Junge vor der halb fertigen (oder halb zerstörten) Kote gemacht hatte. Darunter schrieb er: „Dein Lappe vermisst und liebt dich, J.“ Er drückte auf Sendung. Nichts geschah. Er hatte vergessen, seine Mitteilung an der Kaitum-Hütte in die elektronischen Winde zu schicken. (In der Gruppe der finnischen Jugendlichen hatte fast jeder auf einem Smart-Phone oder Handy herumgetippt.) Josef kannte sich in der Welt der Technik nicht aus, wusste aber, dass das Foto und seine Nachricht bei der nächstmöglichen Gelegenheit automatisch davonfliegen würden.

Josef streckte sich in dem Schlafsack aus und seufzte vor Behagen. Dann langte er nach der Taschenflasche mit dem Rum und nahm einen Schluck: eine Menge, die grad einen Fingerhut füllen könnte. Er griff nach dem Buch und schlug die Seite auf, in die er am letzten Abend ein Eselsohr geknickt hatte.

Es war ein Ritual: Karin und Josef hatten zu jeder ihrer Wanderung zwei Bücher mitgenommen. Karin eines, dessen Seiten nach dem Lesen herausgerissen und zum Feuermachen benutzt wurden, Josef eines, das er schon mal gelesen, aber nicht verstanden hatte und nun in der Stille der Abende, neu lesen, neu erobern wollte. Karin bevorzugte historische Romane, die wie Vorlagen für Filme waren. Eine überschaubare Handlung mit dramatischen Wendungen. Liebende, die sich verirrten und am Ende zueinander fanden. Gern wurden soziale Schranken übersprungen. Es gab das berghohe Gute und das abgrundtiefe Böse, das am Ende unterlag. Unterfüttert mit dem Wissen aus Sachbüchern zu jener fernen Zeit, in der die Bücher spielten. Sie waren mindestens 600 Seiten dick. Josef wusste das alles, weil er, wenn er seine Lektüre beendete, gern die herausgerissenen Seiten las, ehe er neben seiner Frau einschlief.

Diesmal hatte er Thomas Manns „Zauberberg“ dabei. Josef hatte gestern Abend an der Stelle aufgehört zu lesen, als Hans Castorp zur Untersuchung ins „Durchleuchtungslaboratorium“ bestellt wurde. „Neue Gäste waren in den letzten Tagen angelangt: zwei russische Studenten mit dickem Haar und geschlossenen schwarzen Blusen, die keinen Schimmer von Wäsche sehen liessen …“ Das musste Thomas Manns Helden wichtig gewesen sein. Denn wenige Sätze weiter hiess es: „Er behauptete bei sich, dass Clawdia Chauchat sein Wiedererscheinen bemerkt – gleich bei ihrem, wie immer, verspäteten Eintreten nach dem Zufallen der Glastür, ihren schmalen Blick habe auf ihn ruhen lassen, dem er mit seinem begegnet war, und kaum, dass sie sich niedergesetzt, noch einmal über die Schulter sich lächelnd nach ihm umgesehen habe: lächelnd, wie vor drei Wochen, bevor er zur Untersuchung gegangen war. Und eine so unverhohlene und rücksichtslose Bewegung war das gewesen – rücksichtslos in betreff seiner selbst wie auch der übrigen Gästeschaft -, dass er nicht gewusst hatte, ob er sich darüber entzücken oder es als ein Zeichen von Geringschätzung verstehen und sich darüber ärgern sollte.

Auf jeden Fall hatte sein Herz sich zusammengekrampft unter diesen Blicken …“

Josef legte das Buch auf seinen Bauch. Ihm ging die Frau mit dem lädierten Unterschenkel und der verblassten Tätowierung über dem Knöchel durch den Kopf. Nicht, dass ihre Blicke kokett? neugierig? ängstlich? ausweichend? gewesen wären. Schon gar nicht war in ihnen jene Verliebtheit zu vermuten, die sich zwischen Castorp (seinem Gefühl nach) und der rätselhaften Russin entspann. Auch hatte die Wandersfrau nichts von jener „mittelgrossen, weich schleichenden, kirgisenäugigen Person“ an sich, deren Bild ihm vorgeschwebt habe (ihm, dem Hamburger Jüngling in dem Roman?), „wenn er frühwach, in das sich zögernd entschleiernde Zimmer, oder, am Abend, in die dichter werdende Dämmerung geblickt hatte“. Der nächste Morgen würde für Josef in acht, neun Stunden anbrechen, nichts in dem Zelt würde sich zögernd entschleiern; es gab keine Mysterien unter der Plane. Und draussen gab es keine dichter werdende Dämmerung, sondern die über Stunden gleich bleibende weder dunkle noch helle Nacht.

Josef schraubte die Taschenflasche für den Schlaf-Schluck auf.

Und sie hatte auch keine Kirgisen-Augen. Er sah die hellen, glanzlosen Augen der Frau vor sich. Augen, von denen das Klischee sagt, sie seien falsch. (Wie es das Klischee gab, rothaarige Frauen seien überaus geschickt in der Liebe; wie es das Klischee gab, einem Buckligen über die Schulter zu streichen bringe Glück.) Josef knipste das bläuliche Licht der Taschenlampe aus und war zehn Sekunden später eingeschlafen.

11.

Josef schreckte auf. Nicht aus tiefem Schlaf, sondern aus einem Raum zwischen Schlafen und Wachen; aus dem Raum, in dem sich die hungrigen Tiger der Wirklichkeit mit den Elfen der isländischen Ostküste paarten, in dem sich das Chaos galaktischer Verfolgungsjagden plötzlich von einer Sekunde zur anderen Sekunde lichtete und der blaue Himmel über dem Darss alles überwölbte; in einem Raum, in dem alle Frauen, die er kannte, sich versammelten und alle Schuld, die er auf sich geladen hatte wie eine Lawine von Gesichtern auf ihn niederging -, sah er die Tätowierung über dem linken Knöcheln der Frau, als sie jung war. Der Stern in glänzendem, frischem Rot, darunter, wie ein liegender Halbmond, die Sichel. Und ihr Name war Helene.

Josefs Herz raste, er riss den Schlafsack von sich und setzte sich auf. Luft! Luft! Er schnappte nach Luft. Er suchte nach einem Halt in der Zeit; Josef griff nach der Uhr, deren leuchtende Zeiger 4 Uhr 23 anzeigten. „Du bist Helene“, flüsterte er. Sie hatte ihn erkannt, vor ein paar Tagen in Ritsem. Obwohl er vor vierzig Jahren schlanker gewesen war und das Haar dichter auf dem Kopf gesessen hatte. Allerdings hatten er nach den Tagen der Wanderung und der Scheisseritis mindestens zehn Kilogramm Gewicht verloren (und Haare waren nur als Bart gewachsen) - vielleicht sah er dem jungen Mann, der er mal war, ähnlich?

Das war ihr Blick: Sie hatte ihn erkannt, wollte aber nicht, dass er es verstand. Oder wollte sie, dass er sie erkannte und den ersten Schritt machte, auf sie zu? Hallo! Wir kennen uns. Ich weiss nicht genau, woher, es ist lange her, aber sind wir uns nicht schon einmal begegnet? Sie hätte den Kopf schütteln können, eine Verwechslung, das kam vor. Josef hätte sagen können: Entschuldigung, sowas kann passieren, nicht wahr? Dass man jemanden zu kennen meint … Aber Josef hatte Helene in Ritsem nicht erkannt. Und da war noch der Mann, ihr Mann?, der einer fragenden, unbefangenen Konversation im Wege stand?

Begegnung. Konversation. Helene. Josef hielt es nicht in der Enge und Hitze des Schlafsacks. Er kroch aus dem Zelt, um sein Wasser abzuschlagen. Er ging ein paar Meter den Hang hinauf, von dem aus er nach rechts auf den Fluss und nach links auf das andere Zelt schauen konnte. „Blödsinn!“, flüsterte er, und dann: „Doch, Helene.“ Er war sich sicher, der Tätowierung über dem Knöchel – und ihrer Augen wegen.

Es war über vierzig Jahre her, dass sie sich begegnet waren. Helene war aus einer sächsischen Kleinstadt nach Berlin gekommen, um Pädagogik zu studieren, an der Fachschule in Köpenick, an der Josef sich im dritten und letzten Studienjahr befand. Helene war schön, selbstsicher, energiegeladen und eine so genannte Hundertprozentige; sie war nicht nur Kandidatin der Sozialistischen Einheitspartei, sie war in ihrem Auftreten eine glühende Propagandistin. Das übte einen ziemlichen Reiz auf die Jungs aus; es gingen Fragen um, ob sich neben der in Zeiten der Mini-Röcke und der Jesus-Latschen auffälligen Tätowierung über dem Knöchel – ein roter Stern, in dem ein Hammer über halbmondförmiger Sichel lag – an anderen Stellen ihres Körpers ähnliche Male finden liessen. Ein Porträt Che Guevaras um den Bauchnabel herum, eine Zeile aus dem Kommunistischen Manifest an den Innenseiten der Schenkel …

Die Jungs der älteren Semester schlossen Wetten ab, wer als erster mit ihr schlafen und wie viele demjenigen binnen des Jahres, das ihr Studium noch dauerte, folgen würden. Nach diesem Jahr würden sie sich in alle Winde zerstreuen: als Grundschullehrer in die Praxis der sozialistischen Bildung und Erziehung. Auf Dauer wollte sich niemand von ihnen mit dem Partei-Mädchen einlassen.

Josef gehörte zu einer Clique von Berliner Jungs, die selbstverständlich die politischen Phrasen droschen, die von ihnen verlangt waren, und es wäre gelogen, sagte man, sie glaubten ihnen nicht; unter ihnen war niemand ernsthaft oppositionell, auch wenn sie gern beim Rotwein schimpften und lästerten. Dennoch verdrehten sie insgeheim die Augen, mussten sie den Reden und Appellen lauschen oder in den Fächern Wissenschaftlicher Kommunismus und Politische Ökonomie des Sozialismus Definitionen auswendig hersagen, die ihrer Ansicht nach mit der Wirklichkeit im Lande kollidierten. Josef und die Jungs verfügten über die Schlitzohrigkeit, Schlagfertigkeit und Lässigkeit des geborenen Berliners; diese Mischung sollte um die Jahrtausendwende zum Mythos werden, zu einer Legende, der Heerscharen von jungen Menschen aus dem gesamten Deutschland zuliefen.

Josef wusste nicht, ob er der erste oder der wievielte er war. Einer von denen, die mit Helene ins Bett gingen, war er. Ein paar Mal. Er hatte sie sogar zu einem Free-Jazzkonzert in den kleinen Saal des Friedrichstadtpalastes mitgenommen; jetzt, auf das olivgrüne Zelt schauend, in dem die Frau vielleicht schlaflos lag (und an ihn dachte?), erinnerte er sich seltsam klar, dass sie die polnischen Jazz-Bands nicht gemocht hatte. Die Musik war ihr zu chaotisch, und sie hatte gemeint, dass solche Musiker sich in den Kulturhäusern der Werktätigen ernsthaft Sorgen machen müssten um ihr Wohl.

Auch daran erinnerte sich Josef plötzlich: dass er widersprochen hatte. Es sei nicht ausgemacht und in keinem Parteitagsbeschluss festgeschrieben, über welchen Musikgeschmack ein Werktätiger zu verfügen habe. Er halte es sogar für möglich, dass in dem Kopf des einen oder anderen Proleten Bärbel Wachholz, Wagners Opern und die Musik der polnischen Rockgruppe Anawa friedlich koexistierten. Zu einer längeren Beziehung zwischen ihnen kam es nicht, auch wenn es ein bisschen nach Dauer schmeckte. Vermutlich, Josef wüsste es nicht zu sagen, lag es an ihr, dass nach ein paar Nächten ihre Beziehung beendet war.

Er sah sie weiterhin, sie sah ihn weiterhin. Unter den Jungs wurde das Lästern aufgenommen, dass abgebrochen war, als Josef mit Helene ging. Stören wollte die beiden niemand, solange die Sache lief; vermutlich hatten die Jungs eine Wette abgeschlossen, wie lange die Sache zwischen ihrem Kumpel Josef und dem Provinz-Ei Helene am Kochen bleiben würde. Und als Helene von einem Tag auf den anderen verschwand, kamen ein paar Gerüchte auf. Sie hielten nicht lange an. Eines davon war, dass sie für die Staatssicherheit gearbeitet hatte und jetzt einen anderen Auftrag erhalten habe, ja es gab jemanden, der behauptete, Helene in Heidelberg gesehen zu haben. Wohin er anlässlich des 80. Geburtstages seiner Grossmutter reisen durfte. Eines hatte Josef in Erinnerung behalten: diese Tätowierung über dem linken Knöchel, den roten Stern, in dem Hammer und Sichel untergebracht waren. Und dass Helene diese Tätowierung stolz trug. Es war eine Tätowierung, die Josef ein paar Tage vor Beginn seiner Wanderung auf einer Zeitungsfotografie gesehen hatte: Da war der Uniformärmel eines Mannes, der zu einer so genannten „Einheit 404“ in der Ukraine gehörte, abgebildet.

Kommunistische Kämpfer, die als Zeichen einen roten Stern auf blauem Grund trugen.

Vielleicht, noch immer stand Josef zwischen Fluss und Zelt wie zwischen den Bergen, vielleicht sollte ich morgen das Gespräch suchen. Du, Helene, ich habe deine Tätowierung an den Uniformen kommunistischer Krieger in der Ukraine gesehen! Der rote Stern und Hammer und Sichel kommen scheinbar nicht aus der Mode! Aber warum sollte er ein Gespräch mit ihr suchen? Oder sollte er ihr vorwerfen, dass sie auch über ihn einen Bericht verfasst hatte, den er in seiner Stasi-Akte fand? Ein lächerliches, schmales Konvolut aus Banalitäten, die, empfand Josef, als er sie las, für die Informierenden peinlicher gewesen sein mussten als für ihn. Helene hatte unter dem Tarnnamen „Kassandra“ über Josefs Verhältnis zum Free Jazz geschrieben und zu bedenken gegeben, ob es für einen zukünftigen Musiklehrer nicht eine abwegige Vorliebe und eine tendenzielle Gefährdung für die zukünftigen Schülerinnen und Schüler sei, falls er diese „Wirrwarr-Musik“ in den Unterricht einbezöge.

Dass Helene informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit war, hatte Josef fünfzehn Jahre nach der Begegnung mit ihr erfahren. Er sass mit einem Freund beim Bier, das Gespräch kam auf die „Hübsche aus der Provinz“, und der Freund sagte, Helene sei damals in den Westen gegangen. Er sei sich sicher, dass dieses Mädchen, diese Frau berechnend gewesen war. Wir, meinte er, hätten sie für ein schnell zu habendes Provinz-Ei gehalten. Pustekuchen. Mitnichten sei sie das gewesen. Er meinte auch, dass sie so plötzlich und sang- und klanglos verschwunden sei, ohne Eklat, ohne Nachreden, sei ein Indiz dafür, dass sie für die Stasi in den Westen gegangen sei. Als Kundschafterin oder als jemand, der im Westen Informanten für den Geheimdienst anwerben sollte. Quasi eine Honigfalle, dafür habe Helene ja über gewisse Qualitäten verfügt.

Josef hatte den Freund angeschaut, als sei der nicht bei Sinnen; von welchem Agentenstück fasele der denn, überhaupt sei ihm das Gerede über die Stasi oder über die Firma, wie manche Leute sie nannten, zuwider. Er wisse von der Stasi nur, was nach dem Scheitern der DDR über sie verbreitet wurde, sie sei ihm persönlich nicht begegnet, und das ganze Gerede darüber, das mache vielleicht die Macht dieses Vereins aus: dass man sich fürchte vor einem Phantom, und dann knipst man das Licht der Nachttischlampe an, und da ist nichts im Zimmer als ein feuchter Fleck auf der Tapete. Als er nach dem Abend mit dem Freund seine Akte beantragte und ein Jahr später las, was der Geheimdienst über ihn gesammelt hatte, konnte Josef nur verständnislos den Kopf schütteln.

Josef ging über Steine und Heidekraut zurück zum Zelt. Es war kalt draussen, so kalt, dass er schlotterte. Er brummte selig, als er in den Schlafsack kroch. Wenige Minuten nur, und ihm würde bullig warm werden. Doch war er sonst, wenn er nachts erwachte, sofort wieder eingeschlafen, so gelang es ihm diesmal nicht. Er musste an Helene denken. Nicht an die junge Frau, die er kennengelernt hatte, sondern an die Frau, die keine hundert Meter weiter mit ihrem verwundeten Bein im Zelt lag. Oder sass sie gerade? fragte sich Josef, weil sie es vor Schmerzen nicht aushielt und es Linderung bedeutete, wenn sie statt zu liegen die Beine anzog und sass? Würde sie an ihn denken und sich ebenfalls fragen, ob sie das Gespräch mit ihm suchen sollte?

Nur, worüber hätten sie zu reden? Sollten sie sich gegenseitig ihr Leben erzählen – als wäre irgendeiner in der Schuld des anderen? In welcher Schuld denn? Und was würde der Mann, der sie begleitete, davon halten? Und war es nicht vollkommen albern und geschmacklos, auf eine Frau, die wie er Ende Fünfzig war, zuzugehen und sie mit einem Hallo, Helene! zu grüssen, als seien sie Anfang Zwanzig und hätten sich am gestrigen Abend in einer Kneipe angefreundet? Niemals würde er Helene zu ihr sagen, nicht mal in Gedanken; für ihn war sie die Frau mit dem verletzten Bein, mit einer bizarren Tätowierung und mit einem Mann, der über sie wachte. Die Frau und er - sie waren Kugeln auf dem Snooker-Tisch des Lebens, der so gross war wie das Weltall; sie hatten einander touchiert, sie waren fortgerollt und jede für sich in einem der vielen Schwarzen Löcher verschwunden.

Die Frau war in seinen Kopf eingedrungen. Sie hatte sich über sein Gehirn gelegt – wie die grünlich-gelben Flechten über die Steine, die seinen Weg säumten. Josef konnte nicht einschlafen. Es war ein wirres Denken; ihm fiel ein, dass es in einer nordamerikanischen Wüste Steine gab, die wanderten. Sie verliessen ihre Orte und hinterliessen eine Schleifspur im Sand. Diese Steine beschäftigten Wissenschaftler über Jahrzehnte. Man versuchte, den laufenden Steinen hinter ihr Geheimnis zu kommen, indem man Kameras aufstellte, Mikrofone; man beobachtete und belauschte sie, und tatsächlich – sie bewegten sich. Es lag daran, dass sich in manchen Nächten Wasser unter ihnen bildete, das gefror, und auf dieser Eisschicht rutschten die Steine, manche hunderte Meter weit. Das war eine Erklärung, obwohl Josef fand, dass es keine Erklärung war. Denn etwas musste die Steine veranlassen, auf dem Eis zu rutschen. Ein Schräglage, Wind, Sturm gar, doch davon las er nichts in den Berichten über die wandernden Steine. Und was hatte das alles mit der Frau zu tun?

Dass die Frau in seinem Kopf Platz genommen hatte, störte ihn. Sie hatte nichts Konstruktives, nichts Schöpferisches, nichts Erbauliches. Von der Frau oder von den Erinnerungen an sie kam nur Lähmendes. Und vielleicht war alles auch nur eine Gaukelei seines Gehirns? Vielleicht war diese Frau gar nicht … nein, ich will diesen Namen nicht denken, auch wenn es ein schöner Name ist … Als Josef erwachte, war es kurz nach zehn Uhr vormittags.

12.

Die Beiden waren vor ihm aufgebrochen. Als Josef, den Rucksack auf dem Rücken, in dem er alles sorgfältig verstaut hatte, über den kleinen Hügel kam, sah er den verlassenen Platz. Das Rechteck niedergedrückten und leicht verfärbten Mooses: es war vom Gewicht des Zeltes und der Menschen darin über Nacht zerdrückt worden. Die Stelle des abendlichen Lagerfeuers: die weisse Asche der Zweige und das markige Schwarz stärkerer Holzstücke. Es stank schwach nach Moder. Josef, den Rucksack, in dem er alles verstaut hatte, auf dem Rücken, war losgelaufen, ohne sich entschieden zu haben, wie er auf die Frau reagieren sollte. Er fühlte sich seltsam erleichtert. Auf jemanden, dem er nicht begegnete, musste er gar nicht reagieren. Und vielleicht würden sich ihre Wege nie wieder kreuzen.

Meter um Meter, Kilometer um Kilometer. Der Weg war das Ziel, wer immer das zuerst gesagt hatte, es war ein Satz, dem Josef vertraute. So zu gehen war ein Gehen des Gehens wegen. Schritt für Schritt. Es war ein vorsichtiges Gehen, es war ein Gehen, bei dem die Blicke auf den Pfad gingen – und in Sekunden-Intervallen in das Rundherum schweiften. Es war ratsam, hatten ihn ein paar Fehltritte gelehrt, stehen zu bleiben, wenn er schauen wollte. Wenn er sehen wollte, wie die Berge standen, wie sie sich veränderten: in der Sicht desjenigen, der ging, glitten sie in einer Superzeitlupe vorüber. (Die Berge gingen nur minimale Strecken, zwei, drei Millimeter in Hunderten von Jahren?). Wenn er einen Blick werfen wollte auf den Verlauf eines Flusses, auf den Weg, der hinter ihm lag, dann blieb Josef stehen und genoss.

Das Wandern war eine Art der Bewegung, bei dem Josef Gedanken kamen, die ihm sonst nicht zuflogen. Das Wandern war auch eine Art der Bewegung, bei dem gar keine Gedanken entstanden. Josef war es lieber, nichts zu denken. Denn wenn er etwas dachte, das ihm neu vorkam, müsste er da nicht stehen bleiben und es aufschreiben? Er war kein Schriftsteller, kein Journalist, kein Künstler. Ihm lag nichts an den Gedanken, die ihm sonst nicht kamen, aber jetzt beim Wandern doch. Aber wenn es schon Gedanken gab, müssten sie zu etwas nütze sein, dachte Josef. Vielleicht dazu, behalten zu werden; und behalten konnte er sie nur, wenn er sie aufschrieb. Oder malte. Gedanken müssten sich fotografieren lassen, das wäre die einfachste und bequemste Möglichkeit gewesen, sie aufzubewahren. Wiederum: Wenn er sie nicht aufbewahrte, vergass er sie binnen weniger Minuten. Und das war Josef recht. Seiner Erfahrung nach gab es nicht einen Gedanken, den es nicht schon millionenfach gab. Jedes menschliche Hirn, war seine Überzeugung, dachte genau nur das, was jedes andere Gehirn auch dachte. Gehirne unterschieden sich allein nach den Zeiten, in denen sie dasselbe dachten, manchmal um Jahrhunderte, manchmal um Sekunden versetzt. Im Grunde handelte sich um eine irre machende Vervielfältigung des Immerselben.

Ausserdem hatte er die Ohrwürmer. Beinahe jeden Tag, kaum hatte er sein Wandern begonnen, geriet ihm eine Melodie, ein Text in den Kopf. Warum gerade dieses oder jenes Lied, es konnte ein Schlager, ein Volkslied, ein Lied aus der Arbeiterbewegung sein, aus seinem Unterbewusstsein aufstieg – er wusste es nicht und versuchte nicht, es zu ergründen. Zum Tanzen gehören vier Beine, nämlich deine und meine – wie ging der Text weiter, verdammt? Nur diese zwei Zeilen, immer und immer wieder! Wer möchte nicht im Leben bleiben, die Sonne und den Mond besehn, mit Winden sich umher zu treiben, und an Wassern still zu stehn, mit Winden sich umher zu treiben und an Wassern still zu stehn. Wer möchte nicht im Leben bleiben, den Mensch und Tieren zugestellt, wer liesse sich denn gern vertreiben von dieser reichen bunten Welt, Wer liesse sich denn gern vertreiben von dieser reichen bunten Welt – auch hier fehlte ihm Text. Die dritte Strophe, die es gab; sie war ihm entfallen wie so vieles ihm entfallen war in den letzten zwei, drei Jahren. Aber Josef wusste, dass ihm die dritte Strophe nie gefallen hatte. Vielleicht, tröstete er sich, entgleiten mir all die Dinge, Situationen, Umstände, die mir nicht gefallen haben oder an die ich mich nicht erinnern will. Das wäre eine hygienische Dienstleistung meines Gehirns, der ich dankbar wäre.

Die Ohrwürmer peinigten Jose. Sie waren wie Mücken, Schwärme von Mücken, die ihn umsummten und nach nackten Stellen auf seiner Gedächtnis-Haut suchten, um ihre Rüssel ins Gedanken-Blut zu tunken. Jetzt ging ihm das Lied um Lili Marleen durch den Kopf. Wie einst Lili Marleen, wie einst Lili Marleen, wie einst Lily Marleen. Josef versucht, das Lied zu rekonstruieren. Es stand eine Laterne vor dem grossen Tor. Irgendwie steht sie noch davor, vor der Kaserne – wie einst Lili Marleen. Ein Kameraden-Song. Irgendwie, irgendwo, irgendwann – aber war das nicht ein anderes Lied? Schon rief der Posten – was rief der Posten? Wie einst Lili Marleen. Wenn sich die späten Nebel drehn – reimt sich das nur oder ist es eine Zeile aus dem Lied?

Josef lief und lief, und andauernd tönte es in seinem Kopf. Josef stolperte über eine Wurzel, die sich über den Pfad spannte. Konnte sich halten, geriet zurück in den Rhythmus seiner Schritte und dachte an den Mann, den er vor drei Monaten auf dem Flohmarkt getroffen hatte. Jemand, der hinter ihm lief und das Lied von der Lili Marleen gepfiffen hatte. Josef war stehengeblieben, liess den Mann an sich vorbeigehen und sah verblüfft, dass der ein Araber war. Josef sagte zu ihm: „Wie einst Lili Marleen.“
„Ein schönes Lied“, sagte der Mann vergnügt.
„Stimmt“, sagte Josef.
„Finden Sie nicht?“, fragte der Mann, der ihn offenbar missverstanden hatte.
„Nein, doch. Ich finde, das ist ein sehr schönes Lied“, sagte Josef deutlich; zugleich empfand er das Unnatürliche seiner Sprechweise. Langsam, deutlich, als redete er zu einem Menschen, der zu flüssiger Kommunikation nicht fähig war. Der Mann nickte, lief und pfiff weiter.

Josef erinnerte sich auch daran, dass Karin ihn stoppen konnte. Es war vorgekommen, dass sie, die meistens vor ihm lief und das Tempo bestimmte, sich umdrehte und zu ihm leicht genervt sagte: Kannst du nicht mal eine andere Platte auflegen? Offenbar hatte er die gleichen drei, vier Akkorde immer und immer wieder vor sich hin gepfiffen, und Karen hatte sie gehört. Die Ohrwürmer waren nicht nur in seinem Kopf. Sie sangen aus ihm heraus. Und Karen kannte die Lieder, die Josef summte. Aus dem stillen Raume, aus der Erde Grund … Und drehen sich wieder die Nebel. Und wieder gibt es ein Wiedersehen. Oder es gibt keins, und es geschieht mir ein Leid … Aus dem Wörter-Salat war kein Lied zu formen, nur diese paar Takte, nur diese Zeile: wie einst Lili Marleen. …

Lemminge, die wie Hamster aussahen, huschten unter den Bohlen, die als Steg über den Weg gelegt waren. In Josefs Hirn kalauerte es: Da liegt wieder ein Dieter und erleichtert den Weg, da liegt wieder ein Dieter und erspart dir nasse Füsse. Derlei Humor war Josef fremd. Hier drängte er sich auf – wie diese Ohrwürmer, die jeden Tag sein Hirn besetzten. Lieder aus vergangenen Jahrzehnten, Arbeiterkampflieder, Schlager, Kinderlieder, Lieder, die er im Unterricht gespielt oder mit dem Schulchor eingeübt hatte. Lieder, die er aus Lautsprechern gehört hatte, eine Fülle von Liedern, die in ihm hochgespült wurden, als gäbe es in ihm eine heisse Quelle, jenen Quellen gleich, die er einmal in Island gesehen hatte. Eine Quelle, die er versiegt glaubte, die er selbst versiegelt hatte, weil sie nicht mehr gesungen wurden, nicht mehr gespielt wurden, nicht mehr gefragt waren.

Dass diese Lieder in ihm hochkamen, stimmte heiter. Als Musiklehrer (darin den Physik-, Chemie-, Mathematiklehrern gleich) hatte er die Umstellungen des Schulwesens nach 1990 unbeschadet und unbeanstandet überstanden. Den entwürdigenden Prozess einer Überprüfung auf Staatsnähe und Verstrickung mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR hatte er fassungs- und hilflos über sich ergehen lassen; er hätte nie geglaubt, dass einem erwachsenen, gestandenen Mann, anerkannt bei den Kollegen und beliebt bei den Schülern, derart Erniedrigendes geschehen konnte. Er liess es geschehen: als das Gottesgericht, als das Gottesurteil, das es war.

Mit den Jahren verschwand das Gefühl der Demütigung; mit den Jahren verschwanden auch die Lieder, die er gesungen und anderen beigebracht hatte. Jetzt, auf der Wanderung, waren sie plötzlich wieder da; es musste eine Sendeanstalt geben, die aus der Vergangenheit funkte. Er pfiff die Melodien, die von schöner Einfachheit und von einfacher Schönheit waren. Manchmal schmetterte er auch Texte, die von erschreckender Schlichtheit und Grausamkeit waren, durch die Natur. Er suchte sie nicht, sie tauchten aus ihm auf; dass er sie lauthals sang, erstaunte ihn. Er neigte nicht zur Extravertiertheit. Selbst als er vor Jahren als Dirigent vor seinen Chor trat, meinte er im Rücken die Unzufriedenheit des Publikums zu spüren; er empfand ein körperliches Unbehagen, wenn er den Blicken vieler Menschen ausgesetzt war. Er hielt sich für das, was er war: ein mittelmässiger Sänger, der in einem Männerchor nicht störend auffiel, als Solist aber eher eine klägliche Erscheinung war. Ausserdem war er ein guter Organisator.

Seiner Auffassung nach war ein Mensch, der einen Chor zusammenhalten konnte und ihm zu Auftritten verhalf, wichtiger als ein strahlender Tenor, von dessen Launen es abhing, ob ein Abend für ein Publikum ein gelungener war oder nicht. Ausserdem unterrichtete Josef inzwischen nicht nur das Fach Musik, das zu einem Nebenfach verkommen war, sondern hauptsächlich das Fach Erdkunde mit der Spezialisierung auf die Grundzüge der allgemeinen physischen Geographie. Dass die Sonnenstrahlen im Gebiet des Äquators sehr steil und im Gebiet der Pole sehr flach einfallen, war eine Tatsache fern jeder Politik und Ideologie. Auch entwickelten sich Zyklone (etwa) aus dem Spiel zwischen Warm- und Kaltluft und nicht, weil es Parteien und Programme gab. Und als Josef nach drei Stunden eine Mittagspause einlegte, war Lili Marleen doch verschwunden: wie die Soldaten, die dem Lied einst zugehört hatten, bevor sie wieder übereinander herfielen.

Josef machte sich auf dem Gaskocher eine Tüten-Suppe. Bevor er sie einrührte, goss er siedendes Wasser auf den Kaffee. Mit dem Becher in der Hand setzte er sich an die Kante einer Wand, die steil abfiel, als wäre sie Teil einer hohen Küste. Statt des Meeres erstreckte sich ein Geröllfeld unter seinen Füssen, das in einen Wald mit kurzstämmigen Bäumen überging, und noch weiter unter ihm floss der Fluss, dessen Begleiter er schon gestern war. Als er am gestrigen Abend das Zelt aufschlug, hatte Josef sich nicht die Zeit genommen für diese Blicke. Blicke, für die er dankbar war. Seine Augen sogen auf, was er sah; das mochte kitschig sein, doch wie kann etwas kitschig sein, wenn es wirklich existiert und das Herz berührt? Und wenn das die Definition von Kitsch war, dann war alles, was Josef als schön empfand, Kitsch. War ihm egal. So mochte es sein. Josef nippte vom heissen Kaffee, als er sah:

Eine Elchkuh trabte mit ihrem Kalb jenseits des Flusses entlang, die Tiere durchquerten den Fluss, verschwanden für Sekunden im Grün des Waldes, tauchten auf, verschwanden wieder, es ging so schnell, dass Josef nicht nach dem Fotoapparat greifen konnte. Es würde ein Bild sein, das seinem Gedächtnis gehörte, und wenn er jemals davon erzählen würde, dann von einem Moment des Glücks, das niemand nachvollziehen konnte. Nach einer knappen Stunde lief Josef weiter.

13.

An diesem Tag begegnete ihm niemand. Am Abend schlug er das Zelt unweit einer Sommerbrücke auf. Karin hatte in der Vorbereitung der Wanderung empfohlen, das kleinere der beiden Zelte, die sie besassen, mitzunehmen. Doch er wollte das grössere, das Zelt, in dem er mit ihr während ihrer Wochen währenden Wanderungen übernachtet hatte. Es war ein Hilleberg-Zelt, der Mercedes unter den Zelten, hatte der Verkäufer im „Globetrotter“-Laden versichert. Und Josef hatte gedacht: Jaja, der Mercedes, zwei Jahre später gibt es ein nächstes Modell, das noch mercediger ist … Aber es war ein sehr gutes Zelt, sehr geräumig, selbst wenn sie zu zweit unterwegs waren, liessen sich die Rucksäcke samt Inhalt, ihre Schlafmatten und –säcke bequem unterbringen. Es war hervorragend gegen die Bodenkälte und gegen Wind und Regen isoliert. Und jedes Mal, wenn Josef in das Zelt und in den Schlafsack schlüpfte, den Schlafschluck Rum nahm, drehte er sich nach links und wünschte Karin, auch wenn sie diesmal nicht dabei war, eine Gute Nacht, schöne Träume und er sagte laut: „Ich habe dich lieb.“

Er zog sich in das Zelt zurück, nicht ohne sich vorher zu entleeren. Mit seinem Schweizer Taschen-Messer säbelte er aus der Tundra eine Scheibe aus Moos und Gras. Sie würde, nachdem er sein Geschäft verrichtet hatte, als Verschluss eingesetzt werden, so dass Kot und Papier unsichtbar wurden. Josef wollte keine Spuren hinterlassen.

Bevor er einschlief, nach drei Seiten des „Zauberbergs“ und mit dem Rum, dachte er daran, wie es wäre, das Opfer einer Bären-Attacke zu sein. Eine absurde Phantasie. Er stellte sich den heranbrausenden Körper eines Tieres vor, dessen Muskulatur bebte, wogte, das Fell bewegte, das über sie gespannt war. Er sah den aufgesperrten Rachen, eine Zunge darin, der Menschen-Zunge ähnelnd, nur dass sie bizarr hin- und herschlenkerte; die Zähne waren gelb und alt, und der Atem dahinter war übel riechend, eben ein wildes Tier, dachte Josef, als er bei dieser Vorstellung eine Weile innehielt, was erwartest du von einem wilden Tier? Dass es sich die Zähne putzt? Vermutlich tut es das sogar, indem es Rinde kaut oder Gebiss und Gaumen an einem Stein in einem fliessenden Gewässer wetzt. Und dann? Und dann würde das Halb-Tonnen-Wesen über ihn fallen und ihn zerfetzen. Josef in Einzelteilen.

Nicht akkurat gelagert und beschriftet und ausgepreist wie im Baumarkt daheim, sondern – eben zerfetzt. Bevor ein Bär frisst, bevor ein wildes Tier frisst, stellte sich Josef die Situation vor (und seltsamerweise hatte er nicht den Anflug von Traurigkeit oder Angst), zerreisst es die Beute. Und es würde aussehen wie der Kram, den Josef jeden Morgen ausbreitete und einsammelte. All das, was zum Zelt und in den Rucksack gehörte. Nur blutiger natürlich, wenn der Bär beschloss, Unordnung auf seine Weise zu schaffen. Aber es wäre das gleiche Chaos, das in eine Ordnung übergeht. Josef konnte innerhalb von zehn Minuten seine Sachen verstauen, so verstauen, dass sie in den Rucksack passten; der Bär, nahm er an, würde sein Fleisch ebenso verteilen können: Die Leckerbissen ins Maul, den Rest verscharrt oder aufgehoben für den Winter, irgendwo, wo der Bär wohnte oder seinen Proviant verbarg. Josef würde einfach verschwinden.

Josef fragte sich, wie er auf diese Vorstellung kam. Hatte sie mit dem verschwundenen Dänen zu tun? Oder – mit der Frau aus der Vergangenheit? Das war lächerlich. Die Vergangenheit war kein hungriger Bär. Die Vergangenheit war nichts Bedrohliches. Wenn er sich erinnerte, dann verkleinerte er sich zu einer Ameise; das Land, in das er hineingeboren worden war und in dem er aufwuchs, bis es ihn verliess, schmolz: auf die Grösse einer Ameisen-Burg. Josef schien es, als hatte alles und jeder seinen Platz gehabt. Damals. Er gehörte zu den Ameisen, die nicht morgens ausrücken und Kiefernnadeln einsammeln oder tote Raupen zerlegen und deren Leichenteile schleppen mussten. Er war eine Ameise, die studiert hatte und sich auf das Wetter verstand. Er durfte in der Ameisen-Burg ziemlich weit oben wohnen und arbeiten, weil es unter Ameisen sinnvoll und effizient war, in der Nähe der Arbeit zu wohnen. Dass Josef als Ameise weiter oben wohnte, bedeutete allerdings nichts. Niemand galt als privilegiert.

Es gab Ausnahmen, davon hatte Josef gehört. Die Sänger unter ihnen, die Musiker, eine Handvoll Künstler – denen wurde zugestanden, die Ameisen-Burg eine Zeitlang zu verlassen und durch den Wald zu laufen. Nur wofür? wohin? warum? Josef hatte sich nie danach gesehnt, die Burg zu verlassen. Wenn er nach dem Wetter Ausschau hielt, sah er in die Luft, in die Wolken, darüber hinaus in die Sternen-Welt; es gab nichts Spannenderes, es gab nichts Anziehenderes, es gab nichts Unterhaltsameres, es gab auch nichts, was furchterregender war als das All. Josef sank in den Schlaf.

14.

Josef wurde in der Nacht von dem fein-monotonen Quengeln eines Babys, das auf sich aufmerksam machte, geweckt. Es musste sich um die Laute des schmalen Flusses handeln, an dem sein Zelt stand. Josef wünschte sich – er würde bei der nächsten Wanderung gemeinsam mit Karin daran denken – ein Aufnahmegerät. Er war sich sicher, dass die Bäche und Flüsse ihre eigenen Dialekte hatten.

Josef setzte sich auf und horchte. Da war dieses Geräusch, das ans Herz pochte. Als liefe er – ja, daran erinnerte er sich – durch eine Strasse, kam an einem Hauseingang vorbei, und plötzlich hatte er sie gehört, genau diese Töne, aus einer Wohnung heraus, Parterre oder erster Stock. Ein Wimmern, ein Mähen, am ehesten dem Seufzen eines Lammes ähnelnd, gar nicht verängstigt, gar nicht klagend, nein, suchend nach jemanden, der es fütterte oder streichelte. Josef war sich sicher: Dem Zelt nahe gab es ein Baby, das nach ihm rief. Das waren nicht die Geräusche eines fliessenden Wassers; diesmal war es keine Sinnestäuschung.

Josef schälte sich aus dem Schlafsack und kroch aus dem Zelt. Er richtete sich auf. Über ihm war der Himmel mit seinen Sternen und all dem anderen. Um ihn herum stand der Wald mit seinen krummen Birken, mit den Blaubeeren, mit dem Moos und mit dieser halben Dunkelheit. Wieder das Baby. Mit seinem Mauzen zwischen Zufriedenheit und Verlangen. Es entfernte sich mit jedem Schritt, den er darauf zuging.

Als er zum letzten Mal erwachte, lag er am Ufer eines Baches und fror jämmerlich. Ein Zittern, gegen das er machtlos war, beherrschte seinen Leib. Er wusste nicht, wie er an diese Stelle gelangt war: ein trockener, sandiger Fleck, fast ein kleiner Strand, einladend und am Ende der Welt.

Eckhard Mieder

Trap