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Geschichte vom Griesspudding-Terroristen | Untergrund-Blättle

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Überwachung des Internet-Verkehr Geschichte vom Griesspudding-Terroristen

Prosa

Als Eduard K. am 24. Mai 2023 während des Frühstücks seinen Rechner hochfuhr und mit der Maus durch die Nachrichten fuhr, blieb ihm der Bissen (Camembert mit Tomatengeschmack aus der Tube auf biobakteriell angereicherter Brotscheibe) im Halse stecken.

Geschichte vom Griesspudding-Terroristen.
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Geschichte vom Griesspudding-Terroristen. Foto: Alestivak (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

29. Januar 2016
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Was nicht genau ist; der Bissen blieb im Munde stecken und quoll, sodass Eduard, seit fünf Jahren Bezieher des Grundeinkommens von 2.000 Euro monatlich und organisiert in einer Künstler-Gruppe namens „More Utopia Hazard“ (MUH), im Gesicht rot anlief, plötzlich unter den Achseln schwitzte und zu ersticken drohte. Der Anlass: In mehreren Zeitungen, die von sich behaupteten, verschiedener Meinung zu sein, recht eigentlich aber einen Meinungs-Strom bildeten (den des regierenden „Brüderlich-Schwesterlichen Verbundes“, BSV), war das Phantom-Bild eines Mannes abgebildet, der K.‘s Züge trug.

Der Kommentar dazu: „Die Polizei und die Antiterroreinheit des Innenministeriums suchen nach diesem Mann. Der aufmerksamen Filialleiterin eines Supermarktes war aufgefallen, dass er auffällig viel Pulver einkaufte, in dem es Zutaten gab, die den Bau einer Bombe ermöglichen könnten. Der Mann ist zwischen 40 und 50 Jahre alt und von asiatischem Aussehen. Wer sachdienliche Hinweise liefern kann, der melde sich umgehend bei der nächsten Polizeistation.“

Eduard K. erschrak. Er, Enkel eines deutschen Mannes und einer vietnamesischen Frau, erkannte unzweifelhaft sich und den Laden, in dem er sich vorgestern mit Griesspudding eingedeckt hatte. Er plante eine Party für einen umfänglichen Freundeskreis, der sich gebildet hatte, nachdem die Frauen und Männer sich über „Socialkommunicatia“ in ihrer Leidenschaft für Pudding gefunden und eine quasi verschwörerische Gemeinschaft gebildet hatten.

Eduard bekam feuchte Hände, konnte nichts gegen das einsetzende Zittern der Beine tun. Polizeistationen gab es mittlerweile an jeder Strassenkreuzung. In jedem Mietshaus gab es mindestens einen Menschen, der freiwillig und lustvoll den Sicherheitsorganen zuarbeiteten. Seit einigen Jahren verschwanden immer wieder Bekannte; zumeist waren es welche, die Eduard leiblich nie kennen gelernt hatte, die ihm aber über den digitalen Verkehr vertraut waren. Und dass sehr, sehr viele Leute ihn auf dem Foto erkennen würden, war so sicher wie die abendliche TV- und Internet-Ansprache des Sicherheitschefs des Landes.

Eduard dachte an Flucht. Er würde untertauchen müssen. Er wollte nicht festgenommen und aufdringlichen Verhören ausgesetzt werden. Nur wohin? Er besass ein kleines Holz-Haus an einem See im schwedischen Lappland. Doch er zweifelte daran, unerkannt über die Strassen und Grenzen zu kommen. Erst gestern war über die Agenturen die Nachricht gekommen, dass die „Mauser-Henckel-Siemens-AG“ die dreimilliardeste Securitas-Cam ausgeliefert hatte. Ein jener Kameras, die das Land überzogen wie Kakerlaken eine Hotel-Küche.

Das Streicher-Spiel von Björks „All Is Full Of Love“ erklang, ein uraltes Lied, das Eduard K. liebte, ging über in die Beats des Vorspiels. Es war der Signalton seines Fons. Sofort erschien auf dem zwei mal zwei Meter grossen Bildschirm an der Stubenwand die Frau, die ihn zu sprechen wünschte. Giselle, eine der Puddingliebhaberin. Ehe sie ein Wort sagen konnte, splittete sich der Bildschirm und vier weitere Gesichter erschienen. Eines gehörte seinem Bruder Ivan, eines seiner Tante Cosima-Furiosa, die beiden anderen kannte Eduard nicht. Auf allen Gesichtern lag Besorgnis und Furcht.

Sie fingen an, gleichzeitig auf Eduard K. einzureden. Ein Gesprudel von Wörtern der Fürsorge, der Ratschläge, der Hilfe-Angebote, eine Flut, die in Eduards Ohren zu einer unerträglichen Kakophonie geriet. Beinahe war er froh, als der Monitor sich schwärzte. Für drei Sekunden herrschte Ruhe, dann blitze er auf und das Gesicht eines Mannes in einer Uniform, auf deren Schulter Din-A-4-Blatt-grosse, goldene Epauletten lagen, füllte den Bildschirm aus.

Mit ruhiger Stimme sagte er: „Entschuldigen Sie die Störung, mein lieber Eduard. Aber dieses pazifistisch-humanitäre Gequassel geht einem auf den Senkel, oder? In dreieinhalb Minuten, mein lieber Eduard, wird die Tür zu Ihrer Wohnung aufgebrochen und das Sonderkommando dringt ein. Es sei denn (der Mann lachte kurz und gemütlich), du öffnest die Tür vorher freiwillig. Uns liegen Angaben vor, denen nach du unzweifelhaft der Mann bist, der vorgestern Unmengen Pudding-Pulver eingekauft hat. Wir wissen, dass du allein lebst. Wir wissen, dass deine Ehefrau dich vor vier Jahren verlassen hat. Eines anderen Mannes wegen (wieder das Lachen, versetzt mit einer Spur Verständnis). Wir kennen deinen Internet-Verkehr. Ich muss schon sagen, du kennst allerhand Menschen aus aller Herren Länder. AUS ALLER HERREN LÄNDER“, wiederholte er, diesmal fast schelmisch-drohend wie: Wenn jemand Leute AUS ALLER HERREN LÄNDER kennt, dann kennt er gewiss auch welche aus den Ländern, deren bevorzugter Umgang mit der Menschheit aus dem Einsatz von Bomben und Gewehren bestand. Dann kennt er auch welche, die mit der hochherzigen Wertegemeinschaft des alles in allem bisher noch immer erfolgreichen Westens partout nichts am Turban hatten. „Pack die nötigsten Sachen ein, mein lieber Eduard, und folge den Anweisungen des Kommandeurs. Du hast noch (Blick auf die Uhr) anderthalb Minuten. Wir sehen uns zur Klärung des Falls.“

So kam es, dass Eduard K. für vier Jahre verschwand. Als er wieder aufwachte, fand er sich auf Samoa wieder und war mit einer indischen Frau verheiratet. Sie überzeugte ihn davon, ihn schon seit ihrer Kindheit geliebt zu haben. K. stellte keine Fragen. Er war glücklich.

Eckhard Mieder

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