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Der Waldmensch (Sechster Teil und Schluss) | Untergrund-Blättle

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Sechster Teil und Schluss Der Waldmensch

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Was bisher geschah: Nach dem Auftauchen eines gewissen Herrn Dietmar gerät die Welt des Waldmenschen ins Wanken; hatte er sich nicht eingerichtet abseits des Weltentrubels, und war ich letztlich nicht doch der Dietmar?

em
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22. März 2018

22. 03. 2018

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Ich komme zum Schuss meiner Geschichte, die ich im Klinikum Herzberge (Berlin) aufgeschrieben habe. Mir wurde erzählt, dass ein Freund mich fand; an einer Landstrasse im Land Brandenburg habe er mich, abgerissen und verwirrt aufgegabelt. Mir ist unerklärlich, wie ich von Bad Gerolstein in das Land Brandenburg geraten konnte. Vielleicht zog mich ein vager Heimat-Trieb, ich wurde in Rathenow geboren, vielleicht setzte mich jemand dort aus, vielleicht heisse ich wirklich Dietmar?

Benommen. Ich war benommen. Ich ging durch den Wald, ich stieg hinab in den Ort, ich nahm um mich herum alles wahr, und es war, als ich betrachtete es durch eine Milchglasscheibe. Es war, als verwandelte ich mich mit jedem Schritt in ein Wesen, das ich kannte: in mich, der ich war, gegen den ich ausgezogen war in den Wald, vor dem ich geflüchtet war – und nun war ich doch nur wie ein Dietmar?

Ich warf mich zu Boden, als über mir, fast in Griffweite, so ungeheuer nah und riesig, ein Tornado-Flugzeug der Bundeswehr den Wald übergrollte.

Ich war nie in einem Krieg gewesen. Ich kenne die Bilder des Krieges aus dem Fernsehen und aus dem Kino. Ich bin auch vor ihnen in den Wald geflüchtet. Ich ertrug sie nicht, ich ertrug meine Ohnmacht nicht, ich ertrug nicht, dass in mir jemand nach Frieden schrie und ich wusste: Auf diese Stimme ist geschissen, mein Freund, auf dich ist geschissen, die Welt braucht dich nicht, der Krieg findet statt.

Ich lag auf dem Waldboden, mein Herz raste, woher wusste mein Körper, dass er sich am liebsten in die Erde versenkt hätte, unsichtbar werden wollte gegen dieses, gegen jedes Waffen-Gerät der Welt?

Ich brauchte Stunden für den Weg nach Bad Gerolstein. Ich schleppte mich dahin. Ich machte Pausen. Ich war nicht ausser Atem, aber ich musste die Milchglasscheibe durchschauen, ich musste erkennen, ob da Bäume standen oder Polizisten, ob da Moos wucherte oder die Konten der Reichen, ob da ein Tümpel träge schwappte oder ein übergewichtiger Türsteher seine Muskeln spielen liess. War ich am Überschnappen?

Dann kam ich an. Venezuela war dagewesen und hatte nicht auf mich gewartet. Sie hatte einen Brief in der Rezeption des Hotels hinterlegt, in dem wir uns alle zwei Wochen paarten. Es waren nur zwei Zeilen: Es tut mir leid, V. Komm klar, Dietmar. Mehr brauchte es nicht. Dietmar?, fragte ich mich.

Die Frau hinter dem Tresen, ihr Haar war ungewaschen, sie roch alles in allem nach einer Spülmaschine, die zwei Tage nicht geleert worden war, zog die Augenbrauen hoch. Sie zuckte mit den Schultern, sie wusste Bescheid; haben das Frauen an sich, dass sie Bescheid wissen oder reden sie über all sowas? Sonst noch Fragen? Ich lief zum Supermarkt, packte ein paar Kleinigkeiten (welche? ich weiss es nicht mehr) in den Einkaufswagen. An der Kasse reagierte das Kartenlesegerät negativ. Noch mal und noch mal. Die Verkäuferin, sie sah aus wie die Zwillingsschwester der Hotel-Frau, roch aber neutral, rieb die Geldkarte über ihrer Brust hin und her. Ich hatte eine Erektion, aber damit konnte ich nicht bezahlen. „Okay“, sagte ich, „ich lass das dann mal sein.“

Die Milchglasscheibe aus dem Wald hatte sich in den Ort geschoben. Ich stand vor dem Norma-Markt, Autos schoben sich auf den Parkplatz. Waren es Autos oder Wildschweine? Ameisen stiegen aus und liefen an mir vorbei. Einkaufswagen klirrten; es war das Geräusch von überfrorenen Pfützen, in die ich winters getreten war. Ich dachte noch, dass die Benützung des Waldes zum Lagern über Nacht bei Dunkelheit, zum Zelten oder Campieren ohne Zustimmung des Waldeigentümers oder Forststrassenerhalters mit einer Geldstrafe bestraft wird – ich musste lachen, welches Geld denn? Dann war es vorbei.

Heute Nachmittag besuchten mich zwei Kolleginnen aus dem Bürgeramt von Ginnheim (Frankfurt am Main). Sie hätten sich Sorgen gemacht, als ich vor zwei Jahren verschwunden war. Es habe Gerüchte gegeben, dass ich in einen Wald gezogen sei. Sie lachten verhalten. Wahrscheinlicher sei doch, dass ich durchgeknallt war und eine Pause in meinem Erwerbsleben brauchte. Burnout; das kennen wir, das hat jeder mal, da muss man durch.

Sie hatten Blumen mitgebracht, Tulpen, 1,99 Euro im Supermarkt, ein Gummibändchen hielt das Tütchen mit dem Halte-durch-Extrakt fest.

Meine Kolleginnen, hiess die eine nicht Venezuela? gingen behutsam mit mir um und fragten nicht nach. Sie redeten mich mehrmals mit Dietmar an – oder Dieter? -, und sagten am Ende ihres Besuches, dass ich jederzeit willkommen sei im Bürgeramt. „Wir brauchen dich, Dietmar!“

(Schluss)

Eckhard Mieder

Aktueller Termin in Frankfurt am Main

„Das Land ist unser Leben, unsere Identität, unser Erbe“ / A terra é a nossa vida, a nossa identidade, a nossa herança

Zwei Anführerinnen der Frauenorganisation der Kaiowá e Guarani „Kuñangue Aty Guasu“ aus Mato Grosso do Sul in Brasilien kommen nach Europa, um von ihrer Situation zu berichten.

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