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Das rote Lichtlein. Eine Novelle. | Untergrund-Blättle

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Eine Novelle Das rote Lichtlein

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In der Leipziger Innenstadt steht unweit der Nicolai-Kirche ein Hotel, das zur Motel-One-Kette gehört; es handelt sich um eine minimalistische Herberge, die im Bad nicht Seife hat, im Zimmer nicht einen verschliessbaren Schrank, ein Telefon gibt es nicht, doch die übrige Einrichtung ist von Designern gemacht, das Bett ausgezeichnet, die Preise sind angemessen.

16. Oktober 2015

16. Okt. 2015

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Allerdings kann der suchende Gast leicht in die Irre gehen: Es gibt zwei Motel-One in Nachbarschaft zueinander. Das eine steht in Front zum Portal der Nicolai-Kirche, das andere schräg hinter Kirche an der Rittergasse. Die, eine schmale, über die Jahrhunderte in ihrem Massen verbliebene Strasse, trennt die Vorderfassade des Hotels (in dem wir uns gleich befinden werden) von der Vorderfassade eines Haus-Komplexe, in dem sich unter anderem eine Filiale des weltweit agierenden Unternehmensberaters Ernst & Young befindet. Diese erstreckt sich über mehrerer Etagen und strahlt wie das gesamte Gelände – einschliesslich des nahen Augustusplatzes mit der neu errichteten Universitätskirche – den Glanz des Geldes aus, mindestens aber die Glorie der gediegen und mit viel Geld erneuerten architektonischen Vergangenheit; einprägsamer gesagt: Hier hat sich das Geld eine Bleibe geschaffen. So wie sich, wir begeben uns in die Geschichte, der Journalist Frank Geiermeier-Stahlbrink eine Bleibe für zwei Nächte gemietet hatte, als er die Plastik-Card für das Zimmer 416 ausgehändigt bekam, selbstverständlich den Lift benutzte und in die Kühle des Raumes trat.

1.

Wie es seine Gewohnheit war, schaltete er sofort das Fernsehgerät (auf dessen Bildschirm Fische schwammen; wie, schon auf dem Bildschirm in der Lobby des Hotels, fiel G.-St. ein), drapierte zwei Zeitungen, ein Buch und ein Notizbuch auf dem kleinen Schreibtisch, der zu ernstlicher Arbeit nicht gebaut war, hängte seinen Hygiene-Beutel in das Badezimmer, wickelte aus der Folie den Plastik-Becher, der zum Zähneputzen gedacht war, und goss sich aus er der Taschenflasche, die er stets mit sich trug, wenn er in einem Hotel übernachtete, einen Weinbrand ein. Den er, auf dem Bett sitzend und die Matratze federnd prüfend, geniesserisch schluckte. Zugleich zappte er sich mit dem Handsender durch das TV-Angebot. Nicht, um eine Sendung zu suchen, die er sich anschauen wollte. Nur, um zu sehen, welche Sender empfangen wurden; es waren alle wichtigen TV-Anstalten anwählbar, und zwar, wie er fand, in der geziemenden Reihenfolge. Die ARD (für die er arbeitete) lag auf der Eins, das ZDF auf der Zwei, das RTL, Sat 1, dann folgten die dritten Programme des öffentlich-rechtlichen Fernsehens usw. usf.

Es war der frühe Abend eines milden Septembertages. Auf dem Weg zum Hotel (Motel) hatte ihn ein Regenguss überrascht. Das Wasser hatte den Asphalt zum Glänzen gebracht. Der Himmel über Leipzig war ein Aquarell: Ineinander flossen die Wolken, die vom Sonnenlicht sekündlich ins weisse Helle, dann in ein fast schwarzes Was gezwungen wurden. G.-St. Hatte seinen Wagen in der Tiefgarage unter dem Augustus-Platz abgestellt; auf den etwa zweihundert Metern zum Motel war er fast völlig durchnässt worden. Plötzlich schoss ein Sonnenstrahl durch das Wolken-Gebräu, ein beleuchteter Pfad, und der Atheist G.-St. fuhr erschrocken zusammen. Aber er fühlte sich insgesamt wohl.

Gegenüber, sah er, blinkte auf einem der Schreibtische in dem leeren Büro rot ein Lämpchen. Augenscheinlich ein Telefon, ein Anruf, der gekommen war, nachdem der Büro-Mensch gegangen war; ein bisschen erinnerte es ihn auch an das rote Licht der Herzen an Laufhäusern und Bordellen. Eine Etage tiefer leuchteten die Monitore mehrerer Rechner; die waren übereinander gestapelt, und ob sie die Bilder von Überwachungskameras zeigten und speicherten oder ob vor ihnen jemand sass und mit Börsenkursen oder Ähnlichem arbeitete, war nicht ersichtlich. Ein Haus voll mit Lämpchen, mit leuchtenden Monitoren, mit leeren Schreibtischen, mit kleinen Küchenzeilen, in denen unabgewaschene Kaffeetasse standen, ein Haus ohne Menschen und doch voller Leben, bizarr, dachte Frank Geiermeier-Stahlbrink.

2.

Er hatte vor vier Jahrzehnten in Leipzig studiert. Damals hatte es den real existierenden Sozialismus der DDR, den Kalten Krieg zwischen den USA (und ihren Verbündeten) und der UdSSR (und ihren Verbündeten) gegeben; es war fast ein Leben lang her, inzwischen hatte es etliche heisse Kriege auf der Welt gegeben, Staaten waren zerstört worden, Anschläge waren verübt worden, man konnte mit Fug und Recht sagen, dass die Welt in den letzten zehn, fünfzehn Jahren allmählich aus den Fugen geraten war. Ein Dichter namens Müller hatte, kurz bevor er 1995 starb, gesagt, dass es zunehmend eine Welt geben würde, die nicht mehr regierbar sei; die Zukunft sei der allgemeine Bürgerkrieg. Das alles, weil mit der Implosion des osteuropäischen sozialistischen Experiments eine Weltkrise aufgedeckt worden war, die wegen der Ost-West-Konfrontation zugedeckt und verdrängt gewesen sei. Der „Beton des Kalten Krieges“ habe über den Konflikten gelegen; jetzt, da dieser Beton aufgebrochen sei, treten die Konflikte zutage.

Frank Geiermeier-Stahlbrink hatte davon gelesen; es ging ihn nichts an. Dumpf empfand er, dass der Dichter Recht haben könnte. Aber er war nicht interessiert an den Diadochenkriegen der Gegenwart, wie er auch damals schon recht eigentlich nichts mit den globalen Streitereien zu tun haben wollte. Zwar erfüllte er die politischen Anforderungen des Studiums. Er war in der Lage, die Statements abzugeben, die von ihm verlangt wurden; er fügte sich in die Ordnung und Disziplin, die das Studium, der Staat und letztlich das Volk (so hiess es) von ihm erwarteten. Immerhin war er dazu auserkoren worden, eines Tages in einer medialen Stellvertretung der Herrschenden öffentlich zu werden. Für Frank – Fränki, wie ihn die Freunde, Freundinnen, Verwandten, Kommilitonen nannten – war das kein Problem.

Jetzt, da der Regen so plötzlich aufhörte, wie er begonnen hatte, beschloss er, einen Spaziergang durch die Stadt seiner Studentenzeit zu unternehmen. Er würde die Wege nehmen, die er damals genommen hatte. Universität, Moritzbastei, am Neuen Rathaus vorbei, die Karl-Liebknecht-Strasse hinauf, bis er nach vielleicht zwanzig Minuten in die Arndtstrasse einbiegen könnte. Dort hatte er, schräg gegenüber stand der Gebäudekomplex des Amtsgerichtes und des Untersuchungsgefängnisses, gewohnt. In einem so genannten Gartenhaus, dass als Solitär in einem Hinterhof stand, zu ebener Erde, mit einem Aussen-Klo, dessen Tür sich nicht schliessen liess. Er hatte die Wohnung mit ihren drei Aussenwänden – nur nach nebenan gab es eine Wand, die von der anderen Seite erwärmt wurde (dort wohnte ein junger Mann mit Frau und Kind; Fränkie hatte nie vergessen, dass der Bursche stets zu lange Fingernägel hatte, mit denen er augenscheinlich tagsüber, wochenlang, immer entweder nach Braunkohle oder nach Gold grub) -, Fränki hatte diese Wohnung von einem Theologiestundeten übernommen. In ihr zu wohnen, war ein Anfall von Individualismus. Er hatte es im Studentenwohnheim nicht ausgehalten.

Er neigte zu einer gewissen Introvertiertheit, die weder den Lärm der Gemeinschaftsküchen und die Laute des Liebeslebens der anderen aushielt noch liebte er das Zusammenleben mit zwei anderen jungen Männern in einem Zimmer. Eine Bude, selbst wenn es zog und der Kanonenofen die feuchte Kohle frass und frass, war für ihn genau das Richtige: er zog ein, hatte seine Ruhe, und wenn ihm nach Geselligkeit war, fand sich immer eine Fete, eine Kneipe, ein Mädchen.

Geiermeier-Stahlbrink warf die nassen Klamotten von sich, rieb sich mit einem weissen Badetusch trocken und zog sich Jeans, Hemd, Socken und einen Pullover an. Dabei lief er im Zimmer hin und her, gebannt schaute er immer mal wieder hinüber in das Büro zu dem roten Blinken, das erste aufhören würde, wenn morgen jemand ans Telefon ging, oder dass dann aufhören würde, für ihn jedenfalls, wenn er das Zimmer verliess.

Geiermeier-Stahlbrink verliess das Hotel (warf dabei einen Blick auf das digitale Aquarium in der Ecke des Foyers; ein zwangsläufiger Blick, niemand entkam dem Anblick der Fische), durchquerte rasch die Innenstadt, erreichte den Anfang der Karl-Liebknecht-Strasse, die er hinauflief. Er staunte. Er hatte sie als triste, lange, von einer Strassenbahnlinie durchzogene Strasse erlebt; nur in den Seitenstrassen versteckten sich zwei, drei Kneipen der billigsten Art, mithin dem Stipendium angemessen und gern und oft besucht. Auch ein Schnitzel oder eine Boulette gab es immer.

Er freute sich, als er eine Leuchtreklame entdeckte, die augenscheinlich renoviert worden war: VEB FEINKOST LEIPZIG. OBST- UND GEMÜSEKONSERVEN, TISCHFERTIGE GERICHTE, DOPPELT KONZENTRIERTE SUPPEN. Er erinnerte sich an permanent-monoton vor sich hin löffelnde Familie an der Hauswand, eine Musterfamilie, Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Die Neonröhren waren damals zum Teil zerstört. Jetzt glänzte das Licht, obwohl es für eine Fabrik warb, die es nicht mehr gab; was DOPPELT KONZENTRIERTE SUPPEN waren, hatte Fränki damals nicht gewusst, und er wusste es auch heute nicht. Er würde es nie erfahren, das immerhin wusste er.

Aus der grauen Strasse war eine Meile, in der Lokal an Lokal sich anschloss, geworden. Vor einem Lokal, das mit spanischen Spezialitäten einlud, blieb er stehen. Noch war die Gast-Stätte fast leer. Ein paar Stufen führten hinunter, es könnte vor Zeiten ein Keller gewesen sein, der nach hinten zum Hof hinausführte. Der Bürgersteig, auf dem er stand, war auf höherem Niveau, als der Hof an der Rückseite des Hauses. Die Lokalität machte einen gemütlichen Eindruck, über dem Tresen hingen Schinken, so wie er es während einer seiner ersten Dienstreisen ins nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet in kleinen Madrider Cafés gesehen hatte. Fränki lächelte; als kitzelten Erinnerungen.

Er zweifelte daran, dass in diesem Leipziger Lokal, so spanisch es sich gab, der Boden mit ausgetretenen Zigarettenkippen und achtlos fallengelassenen Servietten gab. Die gehörten wirklich zu einer anderen Zeit und nicht mehr in dieses akkurate Jahrhundert, das fünfzehn Jahre alt war und in dem sich die Politik der reichen Staaten um die Sauberkeit, um die Gesundheit, um das Wohlergehen des Bürgers im Grossen und Ganzen sorgte. Was er als durchaus angenehm, wenn auch zunehmend langweilig empfand, ja er ertappte sich bei Anfällen des Verdrusses oder des Überdrusses. Dass er gelegentlich depressiv sei, lehnte er für sich ab. Mit solchen Wörtern, die er oft aus den Mündern derjenigen hörte, die er für Küchenpsychologen und Therapier-Gänger hielt, hatte er nie etwas anfangen können.

Er bog in die Arndtstrasse ein. Seine Strasse. Damals. So viel gemacht worden war an der Stadt (wie an einer Frau, die sich Schönheitsoperationen unterzog und das Alter doch nicht überlisten konnte; dachte Fränki und dachte zugleich, dass dies eine sehr simple und bestimmt schon oft gebrauchte Metapher war; wie es zu seinem Überdruss gehörte, seit Jahren das Immergleiche zu hören und zu empfinden und zu sagen) – der Bürgersteig, auf dem er lief, war der nämliche. Auf den Platten war er schon vor vierzig Jahren gelaufen. Seltsam, fand er; Steine rühren sich nicht von der Stelle, dachte er; dass das originell war, bezweifelte er.

Vor der Hausnummer 43 blieb er stehen. Das grosse Tor, durch das es auf den Hof ging, war verschlossen. Auch die Tür für das Vorderhaus. Fränki trat zurück, vom Bürgersteig auf die Strasse, und schaute die Fassade an. Nur wenige Lampen leuchteten hinter den Fenstern. Ihm ging durch den Kopf, dass Leipzig selbstverständlich eine beleuchtete Stadt war, aber nur zwei Lichter hatte er deutlich wahrgenommen: das der Suppen-Reklame und das rote Lichtlein in dem Büro, in das er von seinem Hotelzimmer geblickt hatte.

Fränki überlegte, ob er auf dem Klingel-Brett neben irgendeinem Namen Signal geben sollte. Es wäre ein Einfaches, sich selbst und seinen Wunsch, auf den Hinterhof zu wollen, zu erklären. Gewiss hätten die Bewohner des Hauses Verständnis. Nicht auszuschliessen, dass er auf ein Glas Wein eingeladen werden würde; überraschende Gäste mit überraschenden Geschichten sind willkommen. Vielleicht lebte sogar noch der eine oder andere in dem Haus, der wer weiss was gedacht hatte, wenn in seiner Bude der Vorhang zuging und die Musik laut geworden war? Wäre es aufdringlich, wenn Fränki klingelte, und eben ein solcher Mensch öffnete ihm die Tür?

Warum sollte er klingeln? Er nahm an, dass das Gartenhaus abgerissen worden war. Es war schon zu seiner Zeit mehr Ruine als Haus. Und wenn es doch noch stand, gewiss saniert und vielleicht zu einem teuren Quartier geworden – ein Traum, ein Atelier, ein Häuschen in der Stadt, versteckt vor den Blicken der Menschen, mit den Blicken der Menschen aus dem Vorderhaus konnte man sich arrangieren (das wusste G.-St. aus seiner Zeit als Mieter) -, was sollte er damit anfangen? Die Erinnerungen an durchzechte Nächte, an Mädchen, an aufregende Gespräche und Träume in die Zukunft, das Sein in einer Gegenwart, über die ein Füllhorn von Möglichkeiten des Lebens geschüttet waren – all das war entrückt, all das war fades Garn. Auch wenn er fühlte, wie er errötete. Sein Herz klopfte mächtig.

Fränki ging ans Ende der Strasse, lief rechts um die Ecke, um zu schauen, ob der mächtige Gebäude-Komplex noch immer Justizvollzugsanstalt war. War es. Ein gewaltiger Eingang und ein Metallschild daneben sprachen davon. Und er dachte: Die Zeiten mögen sich ändern, Systeme kommen und gehen, ich werde älter, die Gefängnisse bleiben Gefängnisse, eine praktische Kontinuität. Nur so ein Gedanke, weder originell noch aufregend. Alles in allem ein Gedanke, der wie mein Leben ist.

3.

Frank Geiermeier-Stahlbrink bestellte sich im „Pata Negra“ – das spanische Lokal hatte sich nach den halbwilden Schwarzen Schweinen, die in den Eichenhainen Südspaniens heimisch waren, benannt – eine Paella. Es könne eine halbe Stunde dauern, beschied die junge Kellnerin, deren Tätowierungen aus der Bluse den Hals hinauf- und unter dem Rock die Beine hinuntergekrochen waren. Fränki ekelte sich kurz. Das mache nichts, sagte er, er habe Zeit und an diesem Abend nichts weiter vor. Eine Information, die überflüssig war, und sollte der rasche (und strenge) Blick des Mädchens bedeuten, dass sie seine Bemerkung als Anspielung oder als Auftakt zu einem Flirt begriff – da sei Gott vor, dachte der Atheist und Sportreporter.

Während er auf die Speise wartete, betrat nach und nach ein Dutzend Menschen das Lokal. Es war noch früher Abend, vermutlich würde es sich füllen, vermutlich würde es in einer Stunde schwer sein, einen Platz zu bekommen. Leipzig boomt, dachte Geiermeier-Stahlbrink. Irgendjemand hatte, fiel ihm ein, den Begriff „Hypezig“ erfunden und in Umlauf gebracht. Das war eine treffende Benennung, soweit Fränki das nach den wenigen Stunden, die er in Leipzig war, beurteilen konnte. Er hatte die Stadt während seiner Studentenzeit geliebt. Er empfand sie in ihrer Kaputtheit in ihrer grauen Unverstelltheit und in ihrer dreisten Existenz als erotisch. Wie er sie jetzt spürte, konnte er nicht sagen; genau genommen spürst du sowieso nichts mehr ehrlich und unvermittelt. Salz schmeckt salzig, Pfeffer scharf, die Liebe ist lange her, Sex wird ja ohnehin überschätzt – Geiermeier-Stahlbrink wurde vor lauter Grimm beinahe vergnügt.

Und mit wem sollte er über diesen Gefühle-Brei reden? Mit der Kellnerin, die nach seiner Bestellung zum Rauchen auf den Hof gegangen war? Vielleicht war sie Studentin der Philosophie oder irgendeiner anderen Geisteswissenschaft und verdiente sich hier das Geld für die Miete, für Parfüms, für den Schnickschnack, den junge Menschen brauchen. Das wäre das Letzte: ein Gespräch mit jemandem zu suchen, der in den Labyrinthen des Seins und des Nichtseins unterwegs war, aber nicht wusste, wie die Tabelle der Bundesliga aussah.

Aus Gewohnheit schaute Fränki auf den Display seines Blackberrys. Es gab keine Nachrichten für ihn, keine Anrufe, keine Meldungen. Er drückte die Wetter-App, weil er wissen wollte, wie das Wetter in seiner Heimatstadt war. In Berlin regnete es. Draussen, in Leipzig, sah er, hatte es auch wieder angefangen zu regnen.

Als die Paella kam, bestellte er ein zweites Glas Rioja. Vielleicht hätte er sowieso einen würzigen Weisswein bestellen sollen. Gab es nicht eine Benimm-Regel, der nach zu Fisch und anderem Meeresgetier weisser Wein getrunken werden sollte? Wer bestimmte das?

4.

Auf dem Rückweg zum Hotel kaufte er sich in einem dieser Kioske, die über Tag und Nacht geöffnet waren, zwei Flaschen Hasseröder. Ihm wurde angedeutet, dass er die Flaschen selbst aus dem Kühlschrank nehmen solle. Der junge Mann, der hinter der Kasse sass, machte einen lethargischen Eindruck. Geiermeier-Stahlbrink nahm an, dass er bekifft oder betrunken war.

In seinem Hotelzimmer trank Fränki das Bier gierig aus. Er schaltete das Fernsehgerät ein und sah in den Nachrichten einen Beitrag, den er selbst hergestellt hatte. Es wurden die Kapitäne der beiden Mannschaften vorgestellt, die morgen in der zweiten Bundesliga gegeneinander spielen würden. Fränki würde das Spiel kommentieren, dazu war er in Leipzig, dazu war er auf der Welt, es würde das ungefähr zweitausendste Spiel sein, das er kommentiert. Würde er schätzen, wenn er schätzen wollte. Wobei man sich darin täuschen kann. Am Ende sind es viel weniger Spiele oder doch einige mehr. Es kam nicht darauf an. Auf dich, prostete er sich zu.

Er zog sich aus, putzte seine Zähne und schaute sich im Spiegel kurz an. Dann ging er ins Zimmer zurück und trank die Taschenflasche aus. Er trat ans Fenster, sah unter sich den glänzenden Asphalt, es war leer und lautlos draussen. Fränki sah dem roten Lichtlein beim Blinken zu.

Jemand hatte angerufen und war mit der Frage, der Bitte, dem Befehl, einem freudigen Hinweis, einem Schluchzen – ins Leere gegangen, in die Leere einer Maschine, die versprach, dass sich gekümmert würde. Dann, wenn derjenige, der sie abhörte, einen Grund sähe, sich zu kümmern. F. G.-St. Stand nackt vor dem Fenster und war fasziniert von der Vorstellung, dass etwas Lebenswichtiges, etwas Umstürzendes, etwas ganz und gar Ungeheures hinter dem roten Lichtlein steckte – und er war versucht, auf den Knopf zu drücken und es sich anzuhören. Doch. Er wollte wissen, wer da angerufen hatte. Und warum. Zu welchem Zweck. Mit welcher Absicht. Aus welchem Grund. Schliesslich war das Leben voller Zwecke und Absichten und Gründen. Der Abstand zwischen seinem Hotel- und dem Bürofenster betrug etwa fünf Meter. Fränkie beschloss, den Sprung zu wagen, und öffnete das Fenster.

Eckhard Mieder

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