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Prosa

Unfalltod Nach hinten nicht und nicht nach vorne

Prosa

So unwahrscheinlich es ist, an einem Dienstag im März in Frankfurt am Main von einem Trupp Ausserirdische entführt und in einem entmaterialisierten Raumschiff auf einen Stern Letzter Ordnung gebracht zu werden -, so unwahrscheinlich ist es auch, den Zusammenbruch des Kapitalismus vor Weihnachten (dies Jahr, nächstes, das in zehn Jahren) erleben zu dürfen.

Sprengung eines Schornsteins der ehemaligen Brauerei Henninger in FrankfurtMain.
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Bild: Sprengung eines Schornsteins der ehemaligen Brauerei Henninger in Frankfurt/Main. / Heptagon (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

17. Juni 2021

17. 06. 2021

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1.

Der Main dagegen und indessen wird noch in hundert Jahren regungslos und langweilig in der Stadt liegen wie eine träge, altersgesättigte Riesenschlange. Beides wusste die Vagabundin, während sie den Kram der Nacht zusammenpackte, in zwei der IKEA-Tüten (blau, gelbe Griffe) und in einem derb-leinenen Rucksack (braune Leder- und glänzende Metallschnallen) verstaute und sich auf den Weg machte. Beides, nix Ufo, nix Zusammenbruch, wusste sie mit grösster Sicherheit; auch wenn sie wusste, dass es andererseits eine Sicherheit nirgends und für nichts gab, schon gar nicht eine grösste. Sie war eine Überlebende. (Menschenwörter-Palaver; Vokabel-Gestöber. All das, was sie zu verachten gelernt hatte und sie verstummen liess. Hätte sie das Wort „Überlebende“ gehört, sie hätte quietschend gelacht.)

Tatsächlich: Von ihr hatte in den letzten zehn Jahren kaum ein Mensch einen Satz, nicht mal ein Wort sprechen gehört. Es sei, sie schimpfte. Zuerst daran wurde sie von denjenigen Menschen erkannt, die – ihr darin ähnelnd – die gleichen Wege zu gleicher Tages- oder Nachtzeit gingen. Die Emsigen ihrem Tagewerk nach, die Vagabundin auf den Wegen durch die Stadt, meistens stumm, manchmal vor sich hin brabbelnd. Und an manchen Tagen stand sie stundenlang an der Kreuzung Eckenheimer Landstrasse Ecke Nibelungenstrasse oder überquerte sie, plötzlich entschlossen ihr Gepäck schulternd; ob die Ampel Grün, Gelb oder Rot zeigte war ihr dabei vollkommen egal.

Sie hatte die Nacht unweit des Gräberfeldes, das für Freimaurer ausgelegt und angelegt ist, verbracht. Bevor sie sich in einem Gebüsch zwischen dickstämmigen Buchen in ihren uralten Daunen-Schlafsack legte, war sie noch ein wenig spazieren gegangen. Hatte dem einen und einem anderen Toten zugenickt. Blieb vor dem einen oder anderen Stein stehen und las die Namen, die sie längst kannte, zum zigsten Male; sie las immer wieder gern die Namen derer, deren Grabstätten die Nachfahren sich einiges kosten liessen. (Beispiele, sofern sie in dieser Geschichte nicht erscheinen, können in Der melancholische Garten oder in dem Wegweiser zu den Grabstätten bekannter Persönlichkeiten nachgelesen werden.) Sie wusch sich mit dem Wasser, das reichlich vorhanden war: in Bottichen, die unter den Wasserhähnen standen war es über Tage etwas abgestandener und wärmer, oder sie liess es frisch aus der Leitung fliessen.

Der weite, geordnete doch auch mit unübersichtlichen Ecken versehene Friedhof war aufs Beste für Menschen eingerichtet, die sich in Nacht und in Schlaf verkriechen wollten wie andernorts die Bürger unter die Federbetten in ihren Schlafzimmern. Der Friedhof war aufs Begehbare für diejenigen eingerichtet war, die kamen, um die Gräber ihrer verstorbenen Lieben zu pflegen und sich für eine Weile (manche sassen mehrere Stunden bei ihnen) mit ihnen zu unterhalten. Aber auch aufs Beste gestaltet für diejenigen, die nicht zu den pflegenden Nachfahren gehörten, sondern Spaziergänger waren; es gibt Menschen, die mit der Genugtuung, noch am Leben zu sein, von den Grabtafeln die Jahresspanne zwischen Geburt und Tod und, soweit erkennbar, die Ursache des Ablebens aufsaugten. Je nachdem ging ihr leiser Kommentar: Donnerschick, der ist aber alt geworden; oje, so jung musste sie sterben.

Es gab, hatte die Vagabundin wahrgenommen, welche, die in Tränen zerflossen in Liebesschwüren versanken, nachdem sie die Pflanzen gewässert und das Laub von dem Ewigkeits-Quartier eines Begrabenen entfernt hatten. Oder sie hatten, immerzu von Weinkrämpfen geschüttelt und gebremst, ihre Mühe, mit Harke, Schaufelchen und Giesskanne zurechtzukommen. Der Tod, übersetzt in einfache Handlungen der Huldigung und der Pflege, ist ein streng lehrender Handwerksmeister. Herumzuspielen mit den Dingen der Hege und Pflege gestattet er nicht; ein Friedhof ist kein Kinderspielplatz; und wo er einem Spielplatz glich, weil Püppchen, Fotos, kleine Windräder aus Zelluloid, Süssigkeiten in buntem Mischmasch an ein Kind erinnerten, war der Friedhof am traurigsten. Und zwischen den langgedienten Gräbern gab es die Stellen mit frisch aufgeschütteter Erde und vorübergehenden Markierungen mit stumpfgelben Holzkreuzen, die von den Neubewohnern der Erde zeugten.

Andere sassen stumm und schüttelten immerzu die Köpfe, und wenn sie das taten und dabei ein paar Schritte hin und her gingen, erinnerten sie an Eisbären, die an der Kante eines Beton-Ufers in einem Zoo hin und her tapften (gab es Eisbären im weltberühmten Frankfurter Zoo? die Vagabundin wusste es nicht, sie war nie zu Besuch gewesen in diesem Reich, das ein Tierforscher gegründet hatte, dessen Leistungen und Wunderlichkeiten zum historisch-medialen Sagenschatz des neueren Deutschlands nach 1945 gehörten) -, manchmal stehenblieben, um in ihren gelblich-schmutzig-archaischen Fellgewändern aus den schwarzen Knöpfe-Augen neben den spöttischen Nasen das Publikum betrachteten und nachsannen, wonach die merkwürdig unterschiedlich gewachsenen Zweibeiner schmecken würden. (Eine Frage, die sich, den unwahrscheinlich Fall angenommen, sie landeten doch noch eines Tages zwischen uns, Ausserirdische sehr wohl auch stellen würden.

Ihre unmenschliche Neugier, ihre Wissbegier, ihr unendlicher Forschungsdrang, darin sollten wir uns einig sein, würde nicht davor halt machen, Kostproben vom Homo sapiens erectus zu nehmen. Warum auch nicht, hatten es die Menschen mit Seinesgleichen doch gelegentlich auch so gehalten, und seitdem sie wussten, wie sie schmeckten, hatten sie sich abgewendet und andere Tiere an die Fleischerhaken gehängt und auf die Speisepläne gehievt. Warum? Weil sie sich ein Gewissen einredeten, dem nach das Verzehren eines Artgenossen unschicklich war? Zurück zum Friedhof, Kamerad:)

Wieder andere schimpften und haderten mit den Verblichenen. Sie hatten noch Rechnungen mit ihnen offenen. Diese mussten nicht finanzieller Art sein, sondern waren sie von moralischer, pädagogischer, kultureller (etc. pp.) Natur. Versprechen, die nicht gehalten worden waren, wurden aufgezählt. Unternehmungen, die nicht zu Ende geführt worden waren, wurden angeführt. Von Kindern war die Rede, die ohne Zutun der oder des Gestorbenen zu verwahrlosen drohten oder mindestens nicht die Wege einschlugen, die für sie geplant gewesen waren.

Es gab auch Verwünschungen zu hören; wobei sich die Vagabundin fragte, was es bringen sollte, jemanden die Pest an den Hals zu wünschen, der weder mit Krankheit noch Sterben etwas anzufangen wusste; diese Dinge waren ja erledigt. Jemandem ins Grab nachzurufen, was für ein Schwein er doch gewesen sei, nachdem die Gattin postum entdeckt hatte, dass ihr Ehemann seit Jahrzehnten sie hintergangen hatte, indem er mit allem, was sich greifen liess vögelte (und wieder sind wir im Bereich des Artverzehrenden) -, nun je. Wer so schalt, wiederholte die Besuche nicht; wer so wütete und verfluchte, tat es einmal, winkte dann erleichtert ab, ging und vergass. Wobei das Vergessen eine langwierige, zähe Übung ist, die sich gern mit Schlaflosigkeit, Selbstzweifeln, Herzrhythmusstörungen, Schweissausbrüchen, plötzlichen Wutanfällen zusammentut und quält. Hatten es die Toten diesbezüglich nicht entscheiden leichter? So fragte die Vagabundin nicht unbedingt. Oder doch. Oder so ähnlich. Ihrer Geisteshaltung, ihren Ansichten, ihrer Lebensauffassung nach war sie eine sehr, sehr sachliche Person.

Auf ihrem Rundgang zum Beginn des neuen Tages war sie in die Ecke gelangt, vorbei an dem Feld mit den Eisenkreuzen für eine weitverzweigte Familie de Neufville (sic!), in der es nach asiatischer Küche roch. Es waren die Ausdünstungen des Thai-Imbiss, dessen Rückwand dicht jenseits der Friedhofsmauer an eben diese stiess. Das rechteckige Blech-Maul einer Abzugseinrichtung ragte höher als die Mauer.

Die Vagabundin war vor Jahrzehnten in Indien und in Vietnam gewesen. Sie war versessen gewesen: auf die Garküchen auf den Strassen, auf die Speisen, die auf engstem Raum in unfassbarer, unbegreiflicher Diversität hergestellt und verabreicht worden. Sie hatte nie begreifen können, welche Teile welcher Tier mit welchen Gewürzen in welchen Saucen zu Nahrung verarbeitet wurden. Die Zubereitung ging zu schnell, fand unter Qualm-Schwaden statt, die aus auf- und ablodernden, zischenden Flammen aufstiegen, genährt von Öl oder Spiritus; ein Nebel, der von einer unfassbaren Freundlichkeit auf den glänzenden Gesichtern der Köchinnen (und Köche) durchdrungen wurde. Und von einer mimischen Langsamkeit, die umgekehrt proportional zur Geschwindigkeit des Essenszubereitung im Verhältnis stand.

Jedes Lächeln war Jahrhunderte alt und dennoch frisch wie das Getier und Gemüse in den Woks. (Komplizierter Satz! So dachte die Vagabundin damals vielleicht, als sie eine junge Frau und auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens war. Sowieso ein Unterfangen, dass sie zwanzig Jahre später, als sie ihre Position als Doktoranwärterin in Sachen Völkererkundung endlich und endgültig aufgab, um, wie man so sagt, alle Brücken hinter sich abzubrechen. – Was ja niemand tut, es sei, er entscheidet sich für den Total-Abriss seines Lebens. Ein Gedanke, der einem auf einem Friedhof kommen kann; ein Gedanke, der seinen eigenen, stimmigen, verführerischen Reiz hat.)

Sie atmete den Mief ein und grinste. Asiatische Küche? Sagen wir: dem germanischen Lukull-Barbaren angepasste Küche. Süsssauer, so steht es gewiss auf der Menu-Karte. Oder scharf gewürzt, Fisch oder Ente. Zum Grinsen lecker. Sie hätte Hunger haben müssen, hatte sie aber nicht. Schon gar nicht auf das, was diesen Geruch von sich gab. Sie gab zu, dass der Gestank wohl vor allem aus kaltem Fett, aus zu viel billigem, mehrfach verwendeten Öl und aus als Abfall sich häufenden Weiss- und Rotkohlblättern über die Mauer stieg -, es lag nicht an der Frische des verwendeten Fleisches und Fisches. Die hintere Wand des Imbisses und die Friedhofsmauer waren durch einen wenige Zentimeter breiten Luft-Raum getrennt.

Was sich in dem sammelte, wusste niemand. Wenn es eines Tages dazu käme, nachzuschauen oder wegzuräumen – vielleicht fänden sich Materialreste, deren Herkunft und Beschaffenheit nicht eindeutig zu klären wäre; auch Ausserirdisches würde dann erwogen werden; es gab immer welche, die sich dem Rätselhaften mit der Wollust am Unerklärlichen, am liebsten des Überirdischen näherten. Ethnologischer (?) Forschergeist könnte Einsichten in die Essgewohnheiten des Menschen um die Wende des 20. Zum 21. Jahrhundert gewinnen. Auch in Verhaltensweisen (Essen, Wegschmeissen, Weitergehen) oder in Materialverbrauch (Plastikbestecke, Alu-Folien, Verpackungen).

Zeitungsseiten würden Datierungen erleichtern. Abgeheftete Finanzamt-Post, zerrissene Liebesbriefe, leichtsinnig verlorene Vorlesungs-Aufzeichnungen oder Exzerpte von Büchern, die jemand in der schräg gegenüber liegenden Nationalbibliothek angefertigt hatte und sie, im Lichte des Himmels über sich und des Hungers in sich, verwarf und sie in die Lücke zwischen Wand und Mauer entsorgte – ein Humus, aus dem Aufschlüsse wachsen könnten, ein schmaler, vor sich hin müffelnder cimetière du banal.

Die Vagabundin schob die beiden prallvollen IKEA-Tüten in das Versteck. Hinter einer zwei mal zwei Meter grossen, schräg gegen die Mauer lehnenden Grabplatte, deren Inschrift verwittert war, scheitelte sie das stachlige Gebüsch (Brombeere?) und schloss die Lücke, sodass das auffällige Blau und Gelb nicht mehr zu sehen war.

Sie hatte sich bücken müssen und schnaufte, als sie sich aufrichtete und im Kreuz dehnte. Auch würde der Tag ein heisser werden, und sie überlegte, ob sie ihre wattierte Jacke ausziehen und zu dem verstauten Gepäck legen sollte. Unter der Jacke trug sie noch eine Weste aus Goretex-Material, darunter eine kariertes Männerhemd, es war Kleidung für alle Fälle und, sozusagen, in Hülle und Fülle. Die Weste war mir etlichen Taschen und Einsteck-Laschen garniert, gefüllt mit dem Krimskrams des täglichen Bedarfs. Ein Taschenmesser und eine goldene Taschenuhr (für Herren, Montre Carlo) baumelten über der Hüfte, vermutlich zu schnellem und oftmaligem Gebrauch. Keine Lust, sich noch einmal zu bücken. Und sie machte sich auf den Weg nach draussen.

2.

Noch bevor sie den Innenhof des Eingangs betrat, wurde ihr der Weg von einem Kleintransporter abgeschnitten. Er trug auf den Bordwänden die Aufschrift Friedhoftaxi bremste mit Freude an dem knirschenden Geräusch, dass die Räder auf dem Kies machten. Im geöffneten Fenster lag der dicke, stark behaarte Arm des Fahrers, die Hand hob sich schlaff zum Gruss, und der Mann sagte: „Gudde, Ines! Alles klar!?“ Frage. Anspruch. Sichersein. Das alles lag in der Stimme und in dem selbstzufriedenen (oder mit der Welt im Gesamten zufriedenen) Ausdruck des Gesichtes, ein voller Kleinmond, der gegen das Dach des Autos stossen würde, neigte sich der Mann, zu dem er gehörte, nicht über das Lenkrad und schaffte so den Platz für seinen riesigen Leib. Der Vagabundin Antwort: Sie knurrte. „Ohne Frühstück heute“, stellte er sonnig fest. „Das bringt’s nicht.“ „Woher willst du das wissen“, wehrte sie ab.

„Hab dich nicht gesehn“, sagte er. Der Kopf ruckte nach links, irgendwohin ins Innere des Friedhofgeländes, wo es einen Platz gab, zu dem sie morgens gehörte. Seiner Beobachtung und ihren Gewohnheiten nach.

Was stimmte. Ines, wir haben jetzt einen Namen für die bisher Namenlose, hatte die Gewohnheit, in einem gewaltigen Grabmal, das für einen Mann mit dem Namen Walter Plan errichtet worden war, Platz und in Ruhe eine Tasse Kaffee und Teile Gebäck zu sich zu nehmen. Platz war da. Zwei Stufen führten zu einer kleinen Bühne, auf deren steinernem Kulissenbild das Halbrelief einer Stadt mit rauchenden Schloten dargestellt war. Davor standen, getrennt voneinander, zwei Dreiergrüppchen Menschen. Die einen im langen Gewand der Antike (Stolen? Togen? o, majestätische Falten!) und in sich versunken; die anderen tatdrängend die Hände erhoben über einem Plan und in die Himmel der Zukunft weisend, die sie verwirklichen wollten: Häuser erbauen, Industrien aus der Agrar-Vergangenheit stampfen, Theater gründen und Bühnen, auf denen Götter und Teufel mit Dampfmaschinen agierten?

Zwei Stufen hinaufgestiegen, gab es links eine kurze Bank, die unbesetzt war, während die rechts gegenüber besetzt war mit einer Mann-Skulptur, die ihre rechte Hand in die Kulisse streckte und stumm sagte: Ich bin ein Schöpfer gewesen, ich war der Mann, der in seinem Leben sich darauf verstand, die Schlote und die Bühnen, die Träumer und die technischen Zeichner, die Tiefdenkenden und die Hochhandelnden wie die Hochdenkenden und Tiefhandelnden zu vereinigen. Eine grossartige Geste; eine Szene, in der das menschliche Dasein (beginnend mit dem Holozän und endend im Anthropozän?) gefasst ist, und dass das alles auch ein wenig bröckelte – es störte den steinernen Heroen, den Herrn Plan, nicht; auch Ines nicht.

Sie setzte sich auf die leere Bank, die ganz offensichtlich einlud, dem Manne gegenüber in seiner stoisch-antiken Haltung zu huldigen, sortierte ihr Frühstück auf der Kante, die von ihr zu ihm und vor dem Bühnen-Bild lief, und trank und ass. Nicht auszuschliessen, dass der Gigant mit Freuden zusah und gern mit ihr geredet hätte. Dieses Mal und dieses Mahl meinte der Fahrer des Friedhoftaxis; wiederum nicht ausgeschlossen, dass er auf einen Schluck Kaffee (die Thermoskanne hatte ein Füllvermögen von anderthalb Litern) von der Vagabundin hinzugebeten worden wäre. Fraglich, ob er als Angestellter des Friedhofs gemeinsame Sache mit jemanden machen würde, der von Rechts wegen weder auf dem Friedhof übernachten noch schon gar nicht eine monumentale Grabstätte mit frivolem Tun benutzen durfte. Unserer Vermutung nach: Es würde dem grobbehaarten Mann in seinem für ihn eigentlich zu klein geschneiderten Fahrzeug nichts ausmachen, der Frau Gesellschaft zu leisten; ist doch egal, wie der Gott auf der anderen Bank darüber urteilte. Einer, der im Leben alles hatte und alles tat – so das Symbol des Grabmals -, konnte getrost auch mal eine Ewigkeit stillhalten und in einer nächsten Ewigkeit neu loslegen.

„Hab noch nichts gegessen“, sagte sie. „Keinen Appetit.“
„Willst mitkommen? Ich hab Kaffee bei und belegte Brötchen.“
„Mit Mett?“
„Glaub schon.“
„Lass mal. Heut net. Mich zieht’s raus.“
„Na dann“, sagte er.
„Bis dann, Wahnfried“, sagte sie.

Kann jemand Wahnfried heissen, ohne dass es gleich Richard Wagner, Nietzsche, Hitler, Schopenhauer (dessen Grabplatte – „nicht jetzt bitte!“), die Nibelungen, die ersten Kelten (von denen nicht ein einziger Name – „NICHT JETZT, BITTE!“) klingelt -, nun kann es auch fraglich sein, einen solchen Namen für eine solche Geschichte einzuführen (vielleicht nur grad eben) -, aber andererseits: Warum soll einer nicht Wahnfried heissen? Ist schliesslich Sache der Eltern. Die natürlich, NATÜRLICH, von Wagner, Nietzsche, Hitler usw. usf. beeinflusst waren (sind; Wahnfrieds Eltern leben noch in einer Senioren-Residenz bei Bad Vilbel; fragen können wir sie aber nicht, sie erinnern sich nicht mehr an ihre Vergangenheiten und auch nicht an ihre Söhne, von denen Wahnfried der jüngste von dreien ist). Und dann? Wird der kleine Wahnfried irgendwann ein Komponist, ein Philosoph, ein Diktator etc. pp.?

Nein, er wird summa summarum Fahrer eines Taxis auf einem Friedhof, der es in sich hat. So, soviel dazu. Und dass sich weder Wahnfried noch Ines um die Ambivalenzen ihrer Namen auch nur einen Deut scheren, zeigt sich an ihrem Auseinandergehen: Wahnfried kurvt mit knirschendem Gefährt fort, Ines schlendert zum Ausgang. Sie hat ein gutes Gefühl. Für sich und für den Mann. Wann immer ihr danach wäre, würde er sie aufladen und mit ihr ein paar Runden über den Friedhof drehen. Haben sie schon gemacht. Ist wie Achterbahn fahren, nur eben horizontal. Und Wahnfried liebt es, dabei die Songs der schwedischen Popgruppe ABBA aus seinem Blootooth-Dingsda rauszuholen.

Was die Hölle auf Erden ist, diese Musik, findet Ines jedes Mal, und vor Vergnügen wippt sie mit, und es ist, als flöge das Friedhofstaxi durch den Himmel über Frankfurt, rhythmisch mitwiegend, zuckend, blamabel-pubertär; money, money, money, knapp vorbei an den Türmen der Bank-Idioten, husch und hinweg, the winner takes it all und ausserdem knowing me, knowning you, aha, über die hässlichen Klinker-Brocken am Westhafen oder über die Villen Sachsenhausens, money, money, money, must be funny in the rich man’s world, wir aber fliegen im Friedhoftaxi über der Stadt; und niemand zahlt auch nur einen Cent.

3.

Der Rebell wird erst zum Rebellen, wenn er Rebell geworden ist. Das ist so ein Satz aus dem Schatz von Sätzen, mit denen sie Stunden verbringt. Die Strassenbahn ist erst dann eine Strassenbahn, wenn sie Linie 5 heisst und für mich hält; vorher hat sie im Depot gestanden, Kilometer weiter weg in die Richtung, wo fast der Taunus beginnt. Grüne Sauce ist erst grüne Sauce, wenn sie als Grüne Sauce über ein paniertes Schnitze von der Grösse eines Motorradsattels gekippt ist. Ausserdem ist die Grüne Sauce erst eine richtige Grüne Sauce, wenn sie aus sieben Kräutern gemixt wird: Borretsch, Kresse, Schnittlauch, Petersilie, Sauerampfer, Pimpinelle, Kerbel. (Weiss Ines genau, wird sie erst vergessen, wenn sie gestorben ist. Oder denen erzählen, die sich dann um sie scharen.)

Manche Sätze hatten einen autobiographischen Grund. Der Rebell wird erst zum Rebellen, wenn er Rebell geworden ist – wusste sie aus ihrer Zeit, als sie selber eine Rebellin gewesen war. Bevor jemand in diese Lebensphase tritt, bis er sie verlässt, ist er ein beunruhigter, vielleicht leidender Mensch; vorher ist er oder sie ein Bürger oder eine Bürgerin, der und die um sein und ihr Gleichgewicht ringt und aus diesem fällt. (Welches Gleichgewicht? Nun, die Balance zwischen Zufriedenheit, Sicherheit, Einkommen, eine durchaus harmonische Kindheit. Bleiben er oder sie in der Balance, findet die Rebellion ohne ihn oder ohne sie statt. War ich je eine Rebellin gewesen? konnte sie sich fragen, heiter und mit dem reinen Gewissen des Menschen, der zwar aufmüpfig war, nie aber gewalttätig. Und wenn sie die Frage stellte, konnte es sein, dass sie die hörbar stellte und ein selbstreferentielles Kichern ausstiess. Sätze mit dem Wort Rebell darin sind wie Sätze mit dem Wort Pimpinelle, altes, unbrauchbares Material.

Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie andere Menschen dabei ertappte, wie die sie ertappten: dass sie die Sätze nicht nur in ihrem Kopf sagte, sondern aus ihm heraus. Aufsagte. Halblaut; doch wie laut ist halblaut, wenn jemand immerzu Pimpinelle oder Rebell vor sich aufsagt? Dann wurden Menschen auf sie aufmerksam. Schauten weg, zur Seite, war was? Stiessen ihrerseits kichernd einander Bescheid, die Alte, ob die noch richtig ist im Kopf? Oder blickten ihr ins Gesicht, in die Augen, offen, als versuchten sie meinungsfrei herauszubekommen, ob sie angesprochen werden wollte. Ob ihre – nennen wir es so: - Auffälligkeit nach Unterhaltung rief.

Aber wer wollte entscheiden, ob sie in ihrer Welt bleiben oder aus ihr herausgezogen werden wollte? (Würde eine Raupe gefragt werden, ob sie Schmetterling sein möchte -, was würde sie antworten? Würde sie etwa den flatterhaften Flug durch das Leben verweigern?) Gehört es nicht zur unausgesprochen Übereinkunft zwischen kultivierten Menschen, einander nicht auf die Pelle zu rücken. Zu handeln, wie es die Skandinavier tun, die Norweger vorweg. Distanziert bleiben und erst, wenn ein Notruf nicht zu überhören ist, zur Hilfe eilen. (So also sind die Skandinavier? soso! müsste auch mal jemand fragen, wie die Raupen nach ihren Wünschen, ob sie wirklich versessen darauf sind, auf zugefrorenen Schären-Wassern Schlittschuh zu laufen oder auf geräucherter Rentierwurst herumzukauen?)

Niemals sich umdrehen, nein. Nicht zurückschauen. Nicht hinschauen. Nach hinten nicht und nicht nach vorne. So war sie geworden. All die Sätze, all die humoristischen Zuschreibungen, all der Galgenhumor auch, den aufbringen muss, wer diese Vagabundin beschreiben bzw. mit ihren eigenen Pinseln malen möchte – sie ist, bepackt wie sie ist, auf ihren Kern geschrumpft: eine Zuschauerin und eine Zuschauerin zu sein.

Sie sprach immer seltener; sie verstummte. Es gibt Nonnen, die ein Schweigegelübde ablegen. Sie reden mit niemandem, nur stumm mit ihrem Bräutigam, dem unbekannten Herrn im 24-Stunden-Date. So weit ging ihre Schweigsamkeit nicht; und über eine Religion verfügte sie nicht. Das Nötigste formulierte sie. Wenn sie im Supermarkt etwas brauchte und nicht gleich fand und sich die Suche ersparen wollte. Oder wenn sie etwas haben wollte, wonach sich gerade ein anderer bückte. „Brauchen Sie die Schere?“ Wenn derjenige, der wie sie nach dem rostigen Ding langte, antwortete: „Eigentlich nicht. Ich hab schon zwei. Bloss die sind stumpf.“ - „Dann nehmen Sie sie bitte.“ Und wenn er sie dann aufhob prüfte und fühlte, diese dritte ist auch stumpf (obwohl sie es nicht war, jedenfalls verglichen mit den blöden Exemplaren in seinem Rucksack nicht), und er reichte sie ihr -, dann nahm sie die Schere, schnippschnapp, wie ein Geschenk und sagte nochmals Danke.

Da bewegte sich was durch die Stadt, jetzt in der mit bunten Sprüchen vollgesprayten Bahn der Linie 5 -, durch die Stadt, in der es sein Leben verbrachte, bis auf diesen Tag. Da bewegte sich was in einer Stadt, die sich ständig umbaut. Das ist der Tag, heute, und grade an dem Tag wird es nicht weiterkommen, als vom Säuleneingang des Friedhofs bis zur Kreuzung. (Ines kommt noch ein Stück weiter, im Prinzip aber kommt sie nicht mehr weit.) Was wir vorher erzählten, war Verdichtung, Eingedampftes, Mumifiziertes, war etwas, das geschieht, wenn jemand eine mehrtätige Wanderung vorbereitet und sich unterwegs selbst verköstigen will. Er wird dann, beispielsweise, ein Pfund sehr feines Rindfleisch kaufen, den Batzen in kleine Riemchen schneiden, sie auf den Bratrost legen und im Herd bei etwa 180 Grad Celsius über die Nacht eintrocknen lassen. Er erhält dann eine auf ein paar Gramm zusammengeschmirgeltes Fleisch, das er später, in Wasser gelegt, aufquellen lassen und vorzüglich in einer Pfanne zubereiten kann. So kann die Geschichte der Vagabundin behandelt und verzehrt werden: komprimiert, nach Bedarf anschwellen lassen, und was übrig bleibt – weg damit, nichts soll dauern.

Eine bizarre Erscheinung. Ein buntes, rundes Ding, das sich bewegte. Manchmal schob es einen der Einkaufswagen, die vor den Supermärkten stehen und zum Gestohlenwerden einladen, vor sich her. Wie ein Schwergängiger einen Rollator braucht. Die Vagabundin hat dann ihren Rucksack in den rollenden Waren-Käfig gelegt. Oder ein paar Dinge, die sie aufgelesen hat: leere Flaschen, nebenbei eingesammelt, denn sie stöbert nicht gezielt nach ihnen in den Abfallkörben der Stadt, wie es jene tun, die ihr ähnlich sind; weggeworfene Zeitungen, sogar Bücher passieren; das kaputte Rad eines Fahrrads; Kinderspielzeug, von einem Kleinkind aus seinem Buggy geworfen, schon angewidert von der Überfülle bunten Krams? - solche Sachen. Mit denen sie kaum etwas anfangen kann. Die sie benutzt; Zeitungen liest sie stundenlang.

Die sie verschenkt; Plastikgebilde an junge Mütter, die das Präsent entweder gleich wieder wegwerfen, sowie Ines sich umgedreht hat, oder daheim so lange kochen würden, bis der seelenlose Kunststoff von jedem Bazillus gesäubert ist. Die sie am Ende des Tages dann doch wegwirft: kaputtes Rad, braucht niemand, nicht einmal der nostalgische Geist, der sich ergötzt am Rad als solches, als eine der wesentlichen Erfindungen der Menschheit. (Dass der Mensch nicht wenigstens mit einem Rad organisch ausgestattet ist, schränkte seine Mobilität von Anbeginn ein.) – Ines, das bunte, gedrungene Etwas, war eine bizarrre Erscheinung, auffällig im Moment ihres Erscheinens, gleich wieder vergessen - und von niemandem gekannt?

Ines war zweimal verheiratet. Sie hatte aus der ersten Ehe mit einem Urologen einen Sohn, der bei einem Badeunfall in einem Autobahnsee bei Bensheim starb. Den Mann verliess sie kurz danach, weil sie seine ausserehelichen Affären nicht länger ertragen wollte und sie stets eine Frau war, die ohne Zaudern und ohne selbstbetrügerische Illusionen entschied – ein Charakterzug, der sie oft, holterdipolter, von einer Lebenssituation in eine nächste beförderte. Ein toter Sohn, einen Hallodri als Mann – das waren uressentielle Zutaten für einen Schnitt, der zwar durch die Seele ging, das Herz schnitt es nicht in zwei Hälften, das Herz schlägt entweder weiter oder es hält inne. Die Tochter aus zweiter Ehe kehrte von einer Wandertour, die sie mit ihrem Freund durch die Highlands von Schottland unternahm, nicht zurück. Die letzte Spur ihres Lebens bestand aus den Überresten eines Frühstücks vor ihrem Zelt auf der Steilküste bei Portsoy.

Ines‘ damaliger Ehemann und Vater des Mädchens verfiel in eine Melancholie, die sich zu einer undurchdringbaren Depression, schliesslich in den Wahn steigerte, die Tochter müsste noch am Leben sein und irgendwann heimkehren. Es konnte nicht sein, dass ein Mensch verschwand, komplett, einfach so, bevor er das zwanzigste Lebensjahr erreicht hatte. Der Überlegung, allgemein, dass ein Mensch bereits vor seiner Geburt, lange vor dem Erreichen irgendeines „Lebensjahres“, zu existieren aufhören kann -, der war er sowieso nicht zugänglich. In den Jahren nach dem Verlust reiste er jedes Jahr mindestens einmal in das zauberhafte Dorf an der Nordseeküste, um stundenlange Wanderungen (auch der Suche?) zu unternehmen und sich schliesslich an der Stelle, wo vermutlich das Leben der Tochter (und ihres Freundes) geendet hatte, ins Meer zu stürzen; sein Körper wurde gefunden, sein Ende war gewiss.

Weitere Familienangehörige? Ungewiss, eher nicht. Oder nicht mehr. Sie war ein Einzelkind, doch die Zeiten, in denen Ines möglicherweise über ihre Eltern gesprochen hatte, waren längst vorbei. Auch gab es seit Jahren niemanden, mit dem sie über eine nähere Blutsverwandtschaft gefachsimpelt hätte. (Sofort fällt uns Wahnfried ein. Der Mann im Taxi auf dem Friedhof. Denkbar ist es, dass er und sie in dieser brüchigen Zutraulichkeit, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte, Persönliches preisgaben. Wiederum: wozu? Sie hatten gewiss-vermutlich nicht vor, mehr als verlässliche, lässige Freunde zu sein. Vom Schicksal – ein Alltags-Vehikel auf einem Friedhof - einander zugespielt; und ob es für eine solche Beziehung Nachrichten aus den Lebens-Expeditionen, die hinter ihnen lagen, brauchte?) Aber: Es gab in der Stadt gewiss mindestens noch ein Dutzend Menschen, die Ines kannten und die Ines kannte.

Aber: Mit dem Sichkennen ist es so eine Sache. Eine anzweifelbare, fragwürdige, kipplige Angelegenheit. Wie oft nicken wir, wenn die Rede auf einen Menschen kommt, mit dem wir zu tun, mit dem wir geredet, ja mit dem wir vielleicht einige Zeit zusammen verbracht hatte. Oja, kenne ich! Ich weiss, von wem du redest! Ich erinnere mich, dass! Das ist einer der Irrtümer, mit denen wir leben. Der Mensch, den wir mal kannten, würde sich selbst nicht mehr erkennen, setzte er sich als die spätere Person mit seinem jüngeren Ich zum Schwatz auf einen Tee zusammen. Ist es nicht so? Wenn er klar sieht?

Wir nutzen diesen Höhenflug und diese Sicht auf das bunte, auf den ersten Blick abgerissene Siebzig-Kilogramm-Paket Mensch von oben und sehen, wie Ines mit der Bahn in die Erde gleitet. Sie verschwindet am Ende der Eckenheimer Landstrasse unter dem Park der Stadt; den hat sie sich umgegürtet und lässt gern Menschen zwischen Bäumen promenieren, Bier aus Flaschen trinken, Enten füttern, und es lassen sich auch diejenigen Leute gut gehen, die betäubt sind von Drogen und Illusionen und Schlaf und Liebessehnsucht.

Wir nutzen diesen Höhenflug zu einer Abschweifung über das Kennenlernen und das Sichkennen und über die Gewohnheit, das Altvertraute für aktuell zu halten. Treffender als Vladimir Nabokov könnten wir es nicht beschreiben: „ Ich habe oft beobachtet, dass wir geneigt sind, unsere Freunde mit derselben Wesensbeständigkeit auszustatten, die literarische Gestalten in der Vorstellung des Lesers erlangen. Einerlei, wie oft wir König Lear wieder aufschlagen, nie werden wir den guten König dabei finden, in überschäumender Lustbarkeit, alles Leid vergessend, bei einer fröhlichen Zusammenkunft mit seinen drei Töchtern und ihren Schosshunden den Bescher zu schwenken.

Niemals wird Emma von den Salten mitfühlender Tränen wiederbelebt werden, die Flauberts Vater zur rechten Zeit vergoss. Welche Entwicklung dieser oder jener Charakter auch zwischen den Buchdeckeln durchmacht, sein Schicksal ist in unseren Köpfen ein für allemal besiegelt, und ebenso erwarten wir von unseren Freunden, dass sie unverrückbar in dieser oder jener logischen und konventionellen Schablone bleiben, auf die wir sie festlegen. … In unseren Köpfen ist alles säuberlich zurechtgelegt, und je seltener wir eine bestimmte Person sehen, desto befriedigender ist es, festzustellen, wie gehorsam sie sich dem Begriff anpasst. Den wir uns machen, sooft wir von ihr hören. Jede Abweichung von dem Schicksalsweg, den wir ihr entworfen haben, empfinden wir nicht nur als anomal, sondern auch als unethisch. Wir würden es vorziehen, unseren Nachbarn, den Würstchenbudenbesitzer im Ruhezustand, nie gekannt zu haben, als zu erfahren, dass er gerade die grösste Dichtung seiner Zeit hervorgebracht hat.“

Aus dem Geist der „Wesensbeständigkeit“ heraus, aus dem Glauben, dem ein oberflächlicher Sinn für das Nicht-Vergehen des Lebens zugrunde liegt -, aus diesem Glauben heraus meinen wir den einen oder anderen zu „kennen“, weil wir ihn mal gekannt haben; nicht mal gekannt haben wir ihn, wir sind uns über den Weg gelaufen, wir haben ein Bier zusammen getrunken, haben wir uns geküsst? (nun, das wäre schon viel „Kennen“; obwohl), wir haben einen Disput miteinander gehabt, wir haben sie einmal interviewt, wir haben von ihr gelesen und zu einem Bekannten gesagt: ‚Die da, die Berühmte, die kenne ich!‘ (als landeten sacht ein paar Blütenblätter jenes Glanzes auf den Kragen des eigenen Hemdes) – aber all das ist liebenswürdiger Unfug. Du hast dich geändert; den du „kanntest“, der hat sich verändert.

Und Widerspruch nun auch. „Wesensbeständigkeit“; vielleicht bleibt jemand doch in seinem Wesen der Gleiche, auch wenn er lernt und sich wandelt. Wird aus einem Geizigen ein Spendabler? (Vielleicht begreift er, dass eine gewisse Freigiebigkeit, in Massen und in den Grenzen seiner Möglichkeiten, die Herzen anderer öffnet?) Wird aus einer Schüchternen eine Verwegene? (Vielleicht lernt sie, dass sie bekommen, was sie bekommen möchte, wenn sie es lernt, danach mutig und sich ein Herz fassend zu verlangen?) Wird aus einem Bauern ein Nomade?

(Vielleicht ist er gezwungen, die Bank vor dem Eltern-Haus, auf der er gern Stunden und Tage und Jahre sitzt und in die Abendsonne schaut, zu verlassen und muss sich auf den Weg in ferne Orte machen -, um dort doch nur nach dieser einen Bank Ausschau zu halten, die es doch geben muss, überall?) Wird aus einer Lügnerin eine Ehrliche? (Vielleicht erweist sich in der Hochstapelei eine gelegentlich wahre Aussage als brauchbarer Trick?) … Unwahrscheinlich, vielleicht; ja nein, doch, niemals, gelegentlich … Besser, wir wissen es nicht, besser ein altes, vertrautes Plagiat als ein verstörend neues Original. Es wird wohl stimmen, dass wir vom Wasserhäuschen-Betreiber nicht erfahren wollen, dass er soeben ein persisches Epos von Weltrang geschrieben hat.

Also gab es in der Stadt natürlich etliche Menschen, die Ines „kannten“ und die sie „kannte“. Kaleidoskop-Leute, nannte Ines sie, Koinzidenz-Splitter.

In einem der Fächerchen ihres Rucksacks verwahrte sie ein zehn Zentimeter langes und im Durchmesser vier Zentimeter dickes Papp-Röhrchen auf. Als es neu war, mochte es rot gewesen sein. Als sie es fand, auf dem Hauptbahnhof hatte es jemand neben eine leere Flasche Bier gestellt, war die Farbe zu einem abgewetzten, abgegriffenen Bräunlich geworden. Der Aufkleber, wie neu, teilte mit, dass es sich um ein Kaleidoskop „Guckchen“ Nr. 101a handelte. Und es versprach das wunderbare, lehrreiche und unterhaltsame Farbenspiel für jung und alt.

Immer andere und schönere Bilder. Beim Hineinsehen nahe an das Auge bringen und ständig drehen. Wenn sie das „Guckchen“ herausholte, wenn ihr danach war, in ihr Leben zu schauen, dann sah sie erste den Haufen bunter Schnitzelchen, sie drehte an der Papp-Röhre, und das bunte Einerlei formierte sich zu – Kirchenfenstern. Ja, Formen, die sie an Kirchenfenster erinnerten; wobei sie sich nicht an konkrete Fenster in konkreten Kirchen erinnerte. Nur an Buntheit, strenge Geometrie, Material, das Jahrhunderte überdauerte, wenn es nicht in Explosionen eines Krieges, einer Überfalls, einer Plünderung zerstiebte.

Und alles passte zueinander. Jedes Teilchen war ein Mensch, jeder Mensch war eine Begebenheit ihres Lebens, alles passte zusammen und – sah wunder-, wunderschön aus. Und überraschend. Und stimmig. An dem Kaleidoskop zu drehen war wie keine Fragen zu stellen und jede Antwort zu bekommen. (Das ist wieder so ein Satz; für den übernimmt mal wieder niemand die Verantwortung, weiss ich sicher; das ist wallendes Kostüm, in dem ein streichholzdünner Narr steckt.) Das war – Fernsehen, historischer Film, Ines‘ eigene Serie.

Sie entdeckte in dem Kaleidoskop, so geometrisch und abstrakt die Figurationen auch waren, Zeitkameraden und Erlebnisse, die längst nicht mehr zu ihr gehörten. Aber gegeben hatte es die. Ein Spiel der Phantasie, nicht ein exaktes Erinnern. Darum ging es schon lange nicht mehr. Da! Käfer in ihren Panzern aus Chitin und mit den Mandibeln von Insekten. Jetzt! Drei Löwen-Gesichter, Augen wie Parallelogramme, Nasen mit Dreiecken darunter. Und immer und immer wieder: Blumen, die sich zu Kränzen winden, verbinden, solche, die nirgendwo wachsen und blühen! Und in all dem, in all denen steckten Ines‘ mehr und mehr verschwimmende Jahre und Leute; von denen sie sich einst abgewendet hatte, und warum sollte sie Entschlüsse von einst bereuen? Kirchenfenster waren es, ja Kirchenfenster, die in dem Kaleidoskop herrlich anzuschauen waren – und Ein- und Ausblicke versperrten, zu dem einzigen Zwecke: die Schönheit des Augen-Blicks zu ermöglichen. Wir tragen dick auf, muss man sagen. In all den Jahren, seit Ines auf der Strasse lebt, hat es Begegnungen (: Besehungen) der konkreten Menschen-Art gegeben.

Dass sie, selbst am Rande einer Demonstration stehend, jemanden sah, der mitmarschierte, der noch immer marschierte, als habe er seit den Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mal eine kurze Pause eingelegt. Wofür es ging, wogegen es ging – Protest um des Protestes willen, es gab genug Protest-Potential, schon wahr. Die waren ihre Zeit-Kameraden. Gewesen. Aber auch diejenigen, die nicht mehr marschierten, weil sie auf dem langen Weg durch die Institutionen, an die Spitzen der Ämter gelangt waren -, auch denen begegnete Ines noch immer, wenn sie in den Zeitungen vom Geschehen in ihrer Stadt und in der Republik las. Oder Begegnungen der surrealen Art.

Eines Vormittags war sie zufällig auf dem Hauptfriedhof gewesen, als einer von ihnen beerdigt wurde. Zu früh gestorben, einige Jahre jünger als sie, er hatte es zu einem Stadtdezernenten gebracht, immerhin, andere waren höher gestiegen. Ines war auf die Menge der Menschen, die sich vor der Einsegnungshalle am Haupttor versammelt hatte, gestossen. Die Trauergäste warteten auf den Einlass zur Trauerfeier. Ines war erstaunt über vielen Menschen, bis sie Köpfe erkannte. Männer und Frauen, denen sie in ihrem Leben begegnet war. In jenen Jahren, in denen sie um die revolutionäre Veränderung der Republik kämpften. – Als jemand aus der schwarzen Gemeinde Ines zu erkennen meinte, ein plötzliches Aufleuchten im Gesicht, ein Schritt aus der Menge heraus im Entschluss, auf sie zuzugehen -, da erschrak sie und zuckte zusammen. Sie wich zurück, sie, der bunte Haufen Mensch aus Kleidung, Gepäck, Vergangenheit bekam Panik. Vor einer tatsächlichen Begegnung, vor einem Wiedertreffen, vor einem Gespräch? Flüchten, wohin? Sich verstecken, wo? Zu ihrer Erleichterung kam Wahnfried mit seinem Friedhofstaxi um die Ecke. Sie fuchtelte ihm zu, er möge anhalten und sie mitnehmen. Machte der Mann. Er war immer hilfsbereit; es konnte sein, er liebte sie. „Los, fahr los! Fahr irgendwohin!“, sagte sie.

„Naja“, sagte er. „Isn Friedhof. Kein Bahnhof. Züge nach München oder Berlin gibt’s hier nicht.“ – „Sabbel nicht! Fahr mich weg von hier! Schnell!“ – „130 schaff ich nich.“)

Ein Kaleidoskop. Zufällige Muster. Ein Schütteln, und alles sieht anders aus als es vorher war. Ein Chaos, könnte man auch sagen. Aber ein Chaos war es nicht. Es war - ein spannendes Spiel dieses Leben? Passt zusammen, fliesst auseinander, fügt sich auf ein Neues. Ines wollte nicht entdeckt werden von ihren Kaleidoskop-Leuten. Nicht wegen einer Scham ihres Zustandes wegen. Weswegen sollte sie? Ihr Zustand war ihr Dasein; welcher Mensch schämt sich seines Daseins. („Hehe, welcher Mensch muss sich seines Daseins schämen, sag es mir, Schreiberling!“) Sie mied das Gespräch, um der Peinlichkeit des Erkennens zu entgehen. Zu spüren, der andere wollte sie nicht erkennen, obwohl er in der Sekunde der ersten Aufmerksamkeit erfreut auf sie zueilen wollte – und dich in der nächsten Sekunde am liebsten innegehalten hätt. Denn worüber sollte man reden? Über ein Stück gemeinsamer Vergangenheit, die sich gespalten und in eine Gegenwart geführt hatte, in denen sie sich fremder waren als Mensch und Tintenfisch einander fremd sind? Sich auf ein Bierchen verabreden, auf eine Tasse Kaffee, ein Stück Torte (gleich gegenüber in die Konditorei Ruppel, in der oft geschlossene Trauergesellschaften sassen und des Verstorbenen gedachten?)? Wozu? Es war das, was Ines nicht wollte. Es war das, was sie wollte: nicht umdrehen, niemals zurückschauen, nach hinten nicht und nicht nach vorn ….

Ein paar Mal, genauer sagen lässt es sich nicht, es existierte kein Notiz- oder Tagebuch, in das derartige Begegnungen eingetragen wurden, ist Ines auch jenen begegnet, die in speckledernen Hosen vor Supermärkten herumlungern, das dünne, grau Haar zu überlangen Zöpfen geflochten, und zu den Altvorderen gehören. Altvorderer vor was, von wem, für wen? Sie leben ja noch. Sie sind keine Vorfahren und keine Zukünftigen. Sie sind die unreine, unsaubere Gegenwart und haben sich mit der Rolle der Verlierer abgefunden. Manche zelebrieren sie sogar: als diejenigen, die von Geld und Macht sich nicht korrumpieren liessen und auf dem langen Marsch durch die Institutionen nicht von den angereichten üppig portionierten Proviant-Paketen aus dem Publikum nahmen.

Das sind die allerärmsten Spacken, die ihre Unfähigkeit zur Anpassung und zur Karriere in ein Legenden-Bild umwandeln: das Bild des heroischen Verzichters, des stolzen Widerstandes in Armut und trotzdem Würde, das Bild des Don Quichotte der Sechziger, Siebziger Jahre, der durch die Jahrzehnten hinterher in der Haltung dessen ritt, der sich auf einer Chimäre aus edlem Rennpferd und Harley Davidson sitzen sieht. Und klapperte doch nur durch die Strassen und wusch sich manche Tage nicht zweimal. Ja, auch die gab es, und Ines ging auch ihnen aus dem Weg. Nicht, weil sie verachtete oder sich besser gestellt fand. Es war – die Traurigkeit, die von den „Altvorderen“ ausging. Es war – die Traurigkeit, die ihrem Gefühl nach auch von den so genannten erfolgreichen „Altvorderen“ ausging.

War es etwa nicht traurig, jemanden im Massanzug aus einer Luxus-Limousine aussteigen zu sehen, jemanden, der sich lächelnd verbeugte vor den Mächtigen der Welt, sich selber zu ihnen zählend, jetzt, endlich, in Abkehr von jeglichem Idealismus, der als juvenile Entgleisung glänzend sich machte in den Biographien geschrieben wurden; über sie, über sie, die es geschafft hatten am Ende des langen Ganges durch die Institutionen die offene Terrassentür ins Licht der Sonne, in die Bläue des Himmels, in den Glanz der explodierenden Fotoapparate -, welche Traurigkeit atmete das alles. Das gemeinsame Dritte, diese Traurigkeit; kein Unterscheid zwischen den Speckledernen und den Dressmen.

Sie würde niemals auf sie zugehen und das Gespräch suchen. Und sie würde vor ihnen, die auf sie zugingen, flüchten. Das hatte sie einmal beschlossen, daran hielt sie sich. Sie würde ja auch nicht in das Kaleidoskop greifen um Figuren nach ihrem Willen zu bilden. Das konnte nur schiefgehen. Das würde das Zusammenspiel, das System, das Werk, den Zufall Leben zerstören.

Als Ines, U-Bahn-Station „Konstablerwache“, aus der Bahn stieg und sich von der Rolltreppe aus dem Unterirdischen ans Licht tragen liess, hatte sie noch eine Viertelstunde Weg vor sich. Wenn sie zügig lief. Nicht allzu viele Pausen machte, um zu verschnaufen; auch sich nicht aufhalten zu lassen von den Bettlern, von den Schnorrern, von den Predigern. Eine Viertel Stunde, manchmal zwanzig Minuten, vorbei an dem Gedränge aus Menschen, Bahnen, Autos, dann ist sie am Fluss. Dann liegt vor ihr dieses satte, gezähmte, gelangweilte Band Wasser mit seinem grau-glitzerndem Rücken, an den sich die Hochhäuser drücken wie liebesbedürftige riesige Fabeltiere.

5.

Ines sass gern hier. Sie konnte den Tag hier verbringen, ohne sich zu langweilen. Egal, was in ihrem Rücken geschah, Häuser wurden abgerissen, Trümmer wegtransportiert, neue Häuser entstanden -, vor ihr lag der Fluss, der in einen anderen Fluss ging und gemeinsam flossen sie ins Meer. In den Fluss zu schauen, war abenteuerlich: ein sich ständig wandelndes Kaleidoskop mit den immer selben Einzelteilen; nur dass die Papp-Röhre aus steinern gefügten Ufern bestand, nur dass die Puzzle-Teile Wassermoleküle waren (inklusive der Einkaufswagen, Fahrräder, Autoreifen, Verlobungsringe, die von den Brücken geworfen unterm Wasser ihre Grabstellen fanden). Einem Fluss zuzuschauen, auch wenn er ruhig und reglos daliegt, weckt in jedem Menschen, in dem ein Kolumbus steckt, den Kolumbus. Wenngleich es auch stumpfsinnig ist. („Erzähle mir niemand, dass eine Ausfahrt über die Ozeane eine Folge spannender Momente ist!“)

Es war ihr Lieblingsplatz, seit Jahrzehnten. Rechterhand spannte sich die Flösserbrücke über den Main, gehalten von ihrem Pylon mit ihren bunt bemalten Köpfen. Ihr Blick ging unter ihr durch in das Zentrum der Stadt, deren Wolkenkratzer und der Kaiserdom niedliche Spitzen in einem Baukastenspiel sind. Blickte sie über den Fluss, sah sie auf die New-York-Sentimentalität des Main-Plaza-Towers; flussaufwärts konnte der Blick die schräg wirkende Neoliberalismus-Nüchternheit des Hauses der Europäischen Zentralbank nicht umgehen. Und hinter ihr, gelegentlich lief sie ein paar hundert Meter hin und zurück, standen die neuen Wohnhäuser, die von denjenigen bewohnt wurden (vermutete Ines), die das nötige Kleingeld für die Wohnungen hatten (die nach ihrem Geschmack wie Bienenwaben aussahen, deren Balkone das Licht abschirmten für die tief ins Haus gedrückten Zimmer dahinter). Geschmackssache das alles, wie gesagt, Geldsache auch. Was kümmerte es Ines.

Am liebsten aber sass sie – hier: wo ein neunstöckiges Haus hinter ihr steht, deren Fassade aus ihrem rostbraunen Gestein die jüngere Schwester (der jüngere Bruder) des Main-Plaza-Towers am anderen Ufer sein könnte; freilich nicht in dessen nostalgischer Roosevelt-1930er Jahre-Himmels-Anmutung, sondern in der nüchternen Bauklotz-Auffassung der Schnell-Bau-Zeit, in der Sub-Sub-Unternehmen die ästhetischen Pläne der Architekten in bewohnbares Material verwandeln. (Es können Welten zwischen Geschwistern liegen.) In keiner verwandtschaftlichen Beziehung steht dieses Haus zu seinem Vorgänger, der bis zu seinem Abriss das weithin bekannte „Sudfass“ beherbergte, einen Gross-Puff, dessen Magnetismus die grossen und die kleinen Geister anzog, und die kleinen und die grossen Geister, die Niederen und die Höheren und alle Mann zusammen finden sich in der Begierde als Gleiche wieder. (Oha!)

Langeweile kam hier nicht auf. Ines sass hier, ohne das Bedauern zu empfinden, das in den Jahren des Stadt-Umbaus immer mal wieder geäussert und entfacht wurde. Stets war das Geschrei gross, wenn Häuser abgerissen wurden oder an die Stelle, wo Altes stand, Neues errichtet wurde. Gewiss, auch diese Stelle war, dächte sie darüber nach oder dächte sie überhaupt romantisch vom Vergangenen, gemütlicher, anheimelnder, versteckter gewesen. Aber es war nicht wirklich so gewesen.

Die Rückseite des „Sudfass“ war dem Main zugewandt. Das war vielleicht das Romantischste, was jemand, der in den Zimmern aus dem Fenster schaute, zu sehen bekam. Wenn er sich überhaupt die Zeit nahm, neben dem Geschäft, dessentwegen er das Zimmer mit den roten Stores, mit dem gekauften Körper (der Freier zahlte am Eingang, ein buchhalterischer, anonymer Vorgang, und es war nicht wenigen Gästen wichtig, im starken Publikumsverkehr nicht erkannt zu werden; den anderen, bekennenden, routinierten Puffgängern mit Eiern so dick wie ihr Portemonnaie war es gleich) und mit der stark erhöhten Zimmer-Temperatur -, wenn er sich also für eine halbe oder ganze Minute abwenden wollte; wollte er den glitzernden Main und die beleuchtete Flösserbrücke und das andere Ufer betrachten, Glanz und Talmi und Versprechung hatte er doch im Zimmer?

Ines hatte am Ufer gesessen, als die Bordell-Residenz abgerissen wurde. In den gleichen Tagen zogen einen Kilometer weiter die Banker in das europäische Geschäftshaus ein. Die Trümmer des Puffs und die hoch aufragende Bastion der Bank – wer wollte, konnte darin ein Gleichnis sehen. Wofür? Für die Allmacht des Geldes? Dann hätte auch der Puff bleiben können und ausgebaut werden müssen.

Ines hätte geschworen, dass es den Geruch der Sünde gab und dass dieser Geruch noch nach Tagen über dem Ort schwebte. Es war wärmer, als zehn Meter weiter weg in der Stadt. Es roch nach Weihnachtsmarkt, wo Gebäck in den Öfen brannte, und nach zwei Tage zu lange getragenen Schlafanzügen (obwohl es von denen in einem Puff nur wenige gibt). Ja ungewaschene Wäsche, alterndes Parfüm, ein Luft-Stoff, der nicht einlud, aber auch noch nicht abstiess. Wer eine Nase dafür hatte -, den zog dieser Duft an, den stiess dieser parfümierte Gestank ab. Und er genoss ihn mit dem schlechten Gewissen, das jeden ehrbaren Sünder plagt, wenn er denn über ein Gewissen verfügt. (Welcher Geruch wird bleiben, bevor er verfliegt, wenn dereinst eine Bank eingerissen wird.)

Ines, neben sich ein Weissbrot und eine Flasche Weisswein, amüsierte sich jetzt über sich selber. Kauend, trinkend; wie moralisch klingt es, wer ist es, der grad moralisiert? Höre ich jemanden schwätzen, ausser mir? Ich schwatze mit mir selber, aus Gewohnheit. Niemand soll mich hören. Auch nicht, dass ich beim Essen und Trinken schmatze.

Da sitzt ein Mensch, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat -, und einer seiner Lieblings-Orte ist dieser Platz neben der Brücke, hinter einem Puff, den es nicht mehr gibt.

Da ist eine Mutter, die ihre beiden Kinder an den Tod verloren hat -, und sie liebt es, auf einem Friedhof zu hausen und sich vor aller Welt zu verstecken.

Das ist so bizarr (absurd? absonderlich? lachhaft?), wie es diese Sätze sind. Der Rebell ist erst ein Rebell, wenn er zum Rebellen geworden ist. Diese Sätze. Die Strassenbahn ist erst dann eine U-Bahn, wenn sie Linie 5 heisst und für mich hält. Jetzt spricht Ines einen von diesen Sätzen, grad geht er ihr durch den Kopf, vor sich hin: „Die Herkulesstaude ist deshalb eine Herkulesstaude, weil sie die herkulesche Aufgabe übernommen hat, die Welt zu erobern und zu überwuchern. Oder heisst es ‚herkulesk‘?“ Wenn sie jemand hörte, und ihr Kichern hinterdrein, er würde machen, dass er schleunigst davonspränge (in den Fluss?) oder den Notruf absetzte. Immerhin könnte eine abgerissene, vor sich hin brabbelnde Alte ein öffentliches Ärgernis sein. Aber von dem gab es in der Stadt andauernd, gewohnt und so viel, dass es diskret verhandelt wurde: gesehen und übersehen, bemerkt und geduldet, zu mächtig in der Ohnmacht. Unausrottbar – wie die Herkulesstaude.

Es hatte sie gegeben, an diesem Ort, als der begann, ihr Lieblingsort zu werden. Diese Pflanze die das Terrain überwucherte, eine Pflanze, die hier herrschte, bevor das Ufer saniert wurde. Die Herkulesstaude, ein Bärenlauch XXXL, war als invasiver Eroberer aus dem Kaukasus nach Europa gelangt; und irgendwo in Europa lag diese Stadt Frankfurt mit ihrem Fluss, und der Herkules aus dem Osten fand es einen erquicklichen Platz zum Gedeihen. Vielleicht lag es an der Luft, die aus dem Puff drang, ein fruchtbarer Dunst; vielleicht lag es an der Unberührtheit des Platzes, auf dem die Autos mancher Freier parkten oder Voyeure sich versteckten. Die Herkulesstaude, ein giftiges Gewächs – wer hatte es eingeschleppt wie eine Geschlechtskrankheit? - gedieh aufs Prächtigste und machte das Gelände zu einem nicht nur verrufenen, sondern gefährlichen Ort. Gefiel Ines.

Jetzt, an diesem Tag, war das Bordell Stadtgeschichte. Das Ufergelände war zu einer Promenade geworden, auf der die Bewohner der neu errichteten Wohnhäuser joggten oder ihre Kinder und Hunde ausführten, und eben fuhr eines der hellgrünen, überdachten Rikschas vorbei, in der ein Guide ein Touristenpärchen aus China durch die Stadt radelt.

An die Stelle der Herkulesstaude war die Kanadagans getreten, eine nächste Vertreterin der lästigen Internationale, immerhin eine putzig anzuschauende. An manchen Tagen promeniert sie in Familie mit zahlreichen Küken über die Geh- und Fahrradwege und lässt sich von den Menschen füttern; und muss nicht fürchten, selbst gefuttert zu werden. (Den Gänsen ergeht es besser als dem grossen, über einen Meter langem Wels, den ein Angler aus dem Fluss geholt hat, und Leute umstehen das Paar und staunen und fotografieren -, bis ihre Zuneigung in Wut umschlägt, als der Mann fachgerecht den Fisch tötet, und es blutet, und das Publikum schreit Ach und Weh, welche Grausamkeit! Das hat Ines gesehen und gedacht, welche Idioten wir doch sind.)

Ines straffte ihren Kram, Rucksack, Tasche, Tüten, und deponierte ihn unter der Flösserbrücke neben einem ähnlichen Haufen, der um einen Einkaufswagen des Supermarktes REWE klumpte. Sie wusste, in diesem Zeug würde niemand nach Goldklumpen suchen. Und sie unternahm einen Spaziergang.

Am Ufer entlang, rechts der Fluss, links die Fassaden der neuen Häuser, in Blickrichtung der in der Sonne silbrig glitzernde Turm der Europäischen Zentralbank. Welche Kulisse, welches Bühnenbild! Hier wohnte Geld, hier war Kino, grosses kleinbürgerliches Kino! Ins Leben gewendeter Film, zurückübersetzt von der Leinwand in verbaute Steine.

Und es war alles auch Illusion? Ines, deren Gedächtnis erstaunliche Löcher wie ebenso erstaunliche Erinnerungs-Gebirge hatte, fiel ein, was sie bei John Updike gelesen hatte (als sie noch ernsthaft las, studierte, vor ihrer akademischen Laufbahn als Ethnologin stand). Welch ein Triumph der kapitalistischen Kunst der Film und das Kino seien. Sie vermochten es, den Hass der Armen auf die Reichen in „schmunzelndes Mitleid für sie umzulenken“. Das Glück war zu sehen, und die Musik war die Butter für den Belag des Unfassbaren, Ersehnten und Machbaren (wenn es doch gezeigt wird!). Denn das Glück konnte wechseln, die Armen wurden reich, und wenn sie auch ebenso töricht und glücklich waren wie eben noch die Reichen, und die Reichen erreichten den Zustand einer umfassenden Menschlichkeit und grosszügigen Weisheit -, Märchen zum Durchhalten, Märchen vom Glück, das jedem in den Schoss fallen könnte, Märchen von einer Liebe, die überwältigte, für ein Leben hielt, und wenn aus ihr noch Nachwuchs entschlüpfte, war das Kino-Paradies perfekt.

Ines lief an den Häusern vorbei und trug ein Lächeln, das nicht verschwinden wollte, im Gesicht. Ihr war im Leben noch keine Pretty Woman begegnet. Huren schon, Freier auch. Sogar Reiche waren ihr über den Weg gelaufen, und sie selber hatte mal ein Vermögen geerbt und es in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts dem Vietcong in Vietnam geschenkt. Auf einem Parkplatz in Berlin hatte sie zwei Sporttaschen voller Geld einem ostdeutschen Diplomaten übergeben und sich gefühlt wie eine der Gerechtesten dieser Welt - und ein bisschen wie eine Agentin in einem James-Bond-Film; Leben war Film, Film war Leben, aber eben nicht wirklich. Hier, hier am Mainufer gab es die Reichen nicht.

Die hier hatten Geld, aber Geld zu haben und wirklich, wirklich reich zu sein, ist ein Unterschied. Es gab hier keine für sich stehenden Villen, die sich hinter Zäunen, Mauern, immergrünen, blickdichtem Gewächs (Herkulesstauden eigneten sich nicht, eher Friedhofs-Kraut, Liguster, Koniferen, Buchsbaum) verbargen. Sie waren so unsichtbar wie es die Geldströme waren, die von der Europäischen Zentralbank gesteuert durch die digitalen Kanäle kontinentaler Finanz- und Wirtschaftspolitik flossen.

Ines genoss den Weg und die Sonne, die fast sonntägliche Stille; die in sich versunkenen Gymnastiker auf den Rasenflächen, die Radfahrer, Frauen und Männer, die Kinderwagen schoben, Jugendliche, die mit Bierflaschen in den Händen, entlangschlenderten und ganz und gar ohne Boshaftigkeit sich gegenseitig schubsten und über ihre freiwillige Ungelenkigkeit lachten. Es war unwahrscheinlich, dass ihr jemand entgegenkam, der sie kannte. Einer ihrer Kaleidoskop-Leute, Koinzidenz-Splitter.

Jemand, der sie gekannt hatte und sich noch nach Jahrzehnten – liefen sie sich über den Weg – verwundert fragte, warum Ines, kurz vor ihrer Berufung zur Professorin nicht nur vom akademischen Weg abwich, sondern dieses sogenannte bürgerliche Leben radikal und ohne Begründung für Freunde, Kampfgefährten, Kollegen hinter sich liess. Ja, sicher, da war was. Vages. Hatte sie nicht Geld verloren, eines ihrer Kindere war verunglückt, Scheidung von einem Kerl. Hatte man selber irgendein Teilchen Schuld am Schicksal des anderen? Wie man es immer hat, wenn man mal dicke war? Darüber sollte man reden, das wollte man präzisieren, wo doch das Leben weitergegangen ist, weitergeht, nicht nach hinten schauen, lieber nach vorne? Besser, man begegnet sich nicht. (Wobei aus solchen KOINZIDENZEN vortrefflich Literatur sich machen liesse?

Etwa: „Die bizarre Ines, die verrückte Forscherin, die eines Tages ihren Schild abwarf und als nackte Kröte durch den Sand schlurfte … Der Sonne ausgesetzt, dem Wind, der Bürokratie, ihrer eigenen Vergangenheit, einer Gegenwart, in der sie sich unwohl fühlte. Und eine Zukunft vor sich, die sich anfühlte wie Schmirgelpapier …“ Und weiter: „Dass es sie noch gab, dass sie noch lebte – unfassbar. ‚Weisst du, wen ich neulich traf? Ich konnte es kaum glauben. Als ich sie ansprach, schaute sie mich von oben bis unten an, als machte ich ihr einen unsittlichen Antrag! – ‚Nun, vielleicht ist es ein unsittlicher Antrag, wenn man an die Vergangenheit erinnert und nicht daran erinnert werden will?‘ – ‚Was willst du damit sagen? Dass wir uns scheuen, nach hinten zu blicken? Das tun wir doch! Um nach vorn schauen zu können!‘ – ‚Ich bin mir da nicht so sicher.‘ … So in etwa, Sie verstehen.)

Ines verbrachte diesen Tag an dieser Stelle. Sie hatte, als sie am Vormittag angekommen war, festgestellt, dass die Kommune zwei Dixi-Klos neben den Uferweg aufgestellt hatte. Seltsamerweise waren sie von unterschiedlicher Grösse; das eine war höher als das andere, und das andere war breiter als der Kamerad. Vielleicht war das ein optischer Hinweis darauf, dass das eine eher für Männer, das andere eher für Frauen geplant ist. Aber welches für wen? Ines benutzte im Laufe des Tages beide.

6.

Zeit, heimzukehren. Sie war zur Station Konstablerwache zurückgelaufen, unerklärlich atemlos für einen Tag, der im Sitzen, Schauen, Spazierengehen vergangen war, und sass in der U-Bahn der Linie 5, die sie zum Hauptfriedhof bringen würde. Sie wird an der Nationalbibliothek aussteigen, die Kreuzung überqueren und wenige Minuten später ihren Übernachtungsplatz erreichen. Könnte sein, Wahnfried kommt auf ein Glas Wein vorbei; könnte sein, er wartete bereits auf sie. War so ein Ritual geworden. Dass er von Zeit zu Zeit sie besuchte, eine Flasche Roten mitbrachte, und sie verbrachten den Abend zusammen, indem sie tranken und wenig redeten. Was sie voneinander wissen wollten, hatten sie erzählt; was sie einander nicht gestehen wollten, verrieten sie nicht. Das Nötige war erzählt. Das Nötige: Was einer vom anderen wissen oder nicht wissen musste, um über Bleiben oder Gehen, Wiedertreffen oder Adé, Zuneigung oder Ablehnung zu entscheiden.

Winfried wusste von Ines, dass sie zwei Kinder und zwei Männer verloren hatte und eine Ethnologin gewesen war, die den „edlen Wilden“ nicht in fernen Dschungeln, nicht in der Arktis, nicht im Tiefland von Bolivien bei den Chama, Chimané und Tacana suchte; ganz und gar fremd war ihr die „spezifische Sicht auf aussereuropäische Völker als naturverbundene Wesen, unter deren wüst anzuschauendem Äusseren – Federn, Lendenschurz und so weiter – sich eine unverdorbene, reine, ja kindliche Seele befinden sollte“ (ein Zitat, dessen Ursprung wir vergessen haben). Der „edle Wilde“, der sie interessierte, war der Arbeiter in den Fabriken Frankfurts und Rüsselheims. War da nicht das Potential für die grundsätzlichen Veränderungen, die es brauchte, eine gerechte Gesellschaft zu errichten? (Ach, das schöne, trügerische, unnütze Pathos kämpferischer Zeiten!) Um ihn zu erforschen musste man essen, was er ass, trinken, was er trank, und vögeln, wie er/sie vögelte.

Ines stiess an Grenzen des Machbaren. Grenzen, die in ihr lagen, Grenzen, die im universitären Bereich lagen. („Ist doch bestens“, hatte Wahnfried gesagt. „Jeden Tag Schnitzel mit Grüner Sauce, jeden Tag zum Feierabend ein, zwei, drei Binding. Naja, und mit dem Vögeln …“ – „Und jetzt kommt der Spruch: Intelligenz säuft, Dummheit fickt gut“, entgegnete sie giftig. – „Um das zu wissen, muss man nicht forschen“, sagte er. – „Aus welcher Zeit stammst du denn, Affe?“) Was sie wollte, wollten die Entscheider nicht; und was sie immer deutlicher erkannte: Die „edlen Wilden“ der Fabriken wollten das nicht, ihre Mitstreiter wollten es nicht wirklich wissen, auch wenn sie ein paar Monate mitmalochten, und sie – wollte es auch nicht mehr. Zäsur. Abbruch. Illusionen verbrennen, Ziele lösen sich in nichts auf – ja, Pathos, Pathos des Scheiterns, des Verzichts, des Rückzugs, des Aussteigens. Die vornehme Geste des Lecktmichdochalle.

Ines wusste von Wahnfried, dass er Gerüstbauer war und in der DDR im Gefängnis sass wegen „nationalsozialistischer Umtriebe“ und „staatsfeindlicher Handlungen“. Als Achtzehnjähriger hatte er sich angewöhnt, im Suff mit „Heil-Hitler-Rufen!“ durch die erzgebirgische Gegend, in der er geboren und aufgewachsen war, zu laufen; schliesslich erwischten sie ihn, als er Hakenkreuze an das Haus der Kreisleitung der SED malte. Die BRD kaufte ihn als politischen Gefangenen frei, und als er mehrfach angefragt wurde, über seinen Widerstand in der DDR Auskunft zu geben, flippte er aus und verprügelte einen Reporter. Er wurde nicht eingesperrt, weil ihm ein DDR-Trauma attestiert wurde.

(„Die hatten recht, die Genossen da. Da flitzt so eine unreife Bratwurst durch die Landschaft, plärrt was von diesem Scheisshitler – was sollten die denn anderes machen, als mich hopsnehmen? Das waren die sich schuldig. Und ihrer Ideologie. Wie blöd kann man sein? Wie blöd war ich? Aber ich war nicht bescheuert genug, um hier jetzt als ‚politischer Gefangener der DDR‘ paar Mark abzufassen und als arme Wurst zu gelten. Dann lieber dumme Bratwurst!“ – so in etwa lautete eine der längsten Monologe, die Wahnfried auf dem Friedhof hielt, und Ines sah in ihm einen, der ihr ähnelte: Das Leben hatte Fallen, in die ein Mensch gerät, aber wenn er ihnen entkommt, kann er, um seiner Würde willen, aus dem vorgegebenen Marsch ausscheren.)

Noch einmal zu Ines, sie ist unsere Heldin.

Du musst essen, was sie essen, trinken, was sie trinken, vögeln, wie sie vögeln. Eines Tages hatte sie das Gefühl, sie steht in einer Brandung, allein, hielt sich mit Mühe aufrecht, während ein Meer an Diskutanten mit tausenden Händen und Argumenten nach ihr griffen und sie vom Ufer wegziehen wollten. Wohin? In einen Mainstream, in dem andere schwammen wie Fische im Wasser, nicht spürend (oder nicht spüren wollend), dass unter ihnen welche waren, die kaum noch Luft bekamen, die japsten, die auch ins Freie und Frische wollten, und sei es auf einem langen Marsch durch die Institutionen; am Ende eines jeden Ganges würde sich die Wand öffnen und die Sonne scheinen über allen Gerechten (die freilich vorher ausgesiebt werden mussten, schnell mischen sich die Tunichtguts, die Hochstapler, die Karrieristen zwischen die Hochgesinnten, die niemals, niemals, niemals ihre Überzeugung verrieten). Ines stand in dieser Brandung – und stieg aus. Wie jeder vernünftige Mensch es tut, wenn er merkt, dass die Bahn eine Station erreicht, in die er nicht wollte. Falsche Strecke erwischt. Macht nichts. Lässt sich korrigieren.

Als die Waggons aus der Erde glitten, ins Spätlicht des Tages, und in leichter Kurve in die Eckenheimer Landstrasse eindrangen, ging Ines die Frage durch den Kopf, warum eine Stadt durchzogen ist von graden Strassen, eckigen Abbiegungen, Kreuzungen, in denen das Gerade auf das Gerade stiess und sich in die vier Himmelsrichtungen ausbreitete. Wie ein militärischer Aufmarsch, wie eine Militärparade, wie auf Kommando. Warum gab es nicht immerzu Kurven? Anmutige Umarmungen von Häusern, Wege, die kaum begonnen eine wundersame Richtung einnahmen. So etwas wie ein liebliches Labyrinth, das ja auch Wege hatte, sogar hinaus. Auch wenn es scheinen könnte, es ginge weder nach hinten noch nach vorne weiter bzw. ging es immer nach hinten und nachvorne weiter. (Gab es in einem Kaleidoskop Kurven oder formierten sich die Teilchen, zu schnell für die Augen, zu eckigen Einheiten?) Es war nicht möglich, Pfade durch die Häuser zu brechen wie es die Menschen taten, wenn sie über die Grünflächen liefen und der Stadtplanung ein Schnippchen schlugen. Weil die exakten Wege Umwege waren und der Weg über den Rasen bequemer, logischer war und sie schneller dahin brachten, wohin sie wollten.

Sie stieg eine Station vor der Nationalbibliothek aus. Mit all ihrem Kram auf Buckeln und im Arm unsinnig. Sie wollte es. Sie wollte laufen. Die Stadt hinauf. Wie jede Stadt, die sich von einem Fluss entfernt, ihre Strassen ansteigen lässt, als würden sie, wenn die Häuser zurückbleiben, in einem Gebirge enden. Ein Fluss = ein Einschnitt; ein Einschnitt = ein Tal; ein Tal = Hänge. Niemand kann von einem Fluss weg tiefer steigen; von einem Fluss weg geht es nur aufwärts, basta.

Nicht umdrehen, dreh dich niemals um. Was von hinten ruft, will dich festhalten, will dich zur Umkehr zwingen. Es will, dass du sagst, du bist den falschen Weg gegangen. Und schlimmer: Es behauptet, den richtigen Weg für dich zu kennen. Aber niemand kennt deinen Weg besser als du selber. Und niemandem bist du dafür Rechenschaft schuldig; warum denn?

7.

Diese gewaltige, gewalttätige Kreuzung an der Nationalbibliothek. Tatsächlich war Ines schon Zeugin eines Dutzend Unfälle gewesen; allerdings nie eine Zeugin, die sich meldete oder befragt worden war. Die meisten Unfälle waren Auffahrunfälle. Verbeultes Blech, herausspritzendes Glas. Autoscheiben zersprangen in Abertausende kleine Schnitzelchen Glas. Und – natürlich – damit verbundenes Zittern und Geschimpfe. (Einmal, es musste so lange her sein wie alles lange her war, sah sie in einem Film, wie im norwegischen Winter ein Auto zu spät bremste und auf ein anderes Auto auffuhr.

Das auffahrende Fahrzeug hatte einen Hirschfänger vor die Motorhaube montiert, eines dieser Ramm-Eisen, um Elche aus dem Weg zu räumen, wenn die urplötzlich, graubraun aus dem graubraunen Wald auf die Fahrbahn treten. Die Fahrzeuge hielten nicht an. Sie fuhren weiter, als sei nichts geschehen. Auf einem passend-übersichtlichem Streckenabschnitt überholte der Pickup das vorausfahrende Fahrzeug. Die beiden Fahrer schauten sich an, stumm, ohne eine Regung im Gesicht, als sei nichts gewesen; aus ihrer robusten Sicht war da auch nichts gewesen, bisschen Blech, Material-Schädchen, es ging weiter, immer weiter, warum sich aufhalten lassen mit kleinlichem Gezänk …)

Die Strasse nach links führt am Polizeipräsidium der Stadt vorbei auf die Autobahnen, von der die Stadt umgürtet ist, und weiter ins Land. Die andere Strasse führt in die Stadt, aus der Ines gekommen war, hinunter zum Main. Die dritte Fahrbahn führt am Hauptfriedhof Friedhof vorbei, bis sie in Richtung des Taunus-Mittelgebirges ebenfalls Autobahnen erreicht. Die vierte Strasse bringt dich in den Osten der Stadt, und weiter hinaus nach Hanau oder, über Brücken, nach Offenbach. (Was Ines von Offenbach hielt, verschweigen wir. Sie war eine der Menschen, die nicht nur in Frankfurt lebten, sondern auch in Frankfurt geboren worden war; mehr muss man nicht sagen zum Thema Offenbach.)

Ines‘ Herz klopfte holprig. War sie aufgeregt? Warum sollte sie. Es gab keinen Grund, aufgeregt zu sein. Es ist nichts geschehen, heute nicht, gestern nicht, damals nicht, und es wird nichts geschehen, heute nicht, morgen nicht, nach hinten nicht und nicht nach vorne. Aber Ines‘ Herz schlug wild, ihre Beine gingen schwer und schwerer. Wollten sie, dass sie stehenblieb?

Im Polizeibericht, abgelegt unter der elektronischen Datei UNFALLTOD 348/22, heisst es u. a.: „Die betreffende Person betrat trotz roter Ampelschaltung die Kreuzung und blieb mitten auf der Strasse stehen. Mehrere Augenzeugen sagen aus, dass die Person einen verwirrten Eindruck machte und so wirkte, als überlegte sie, umzukehren. Einige fügten hinzu, sie hätten das Gefühl gehabt, sie sei gerufen worden. Aber es sei niemand da gewesen, der nach der Person gerufen haben könnte. Sie ging nicht nach vorn, sie ging nicht nach hinten. Sie hörte einfach auf. (Angaben zur Person, siehe unten).“ (Es muss hinzugefügt werden, dass der Begriff UNFALLTOD nicht richtig ist. Autos, Räder, Fussgämnger waren an Ines‘ Tod nicht beteiligt.)

Eckhard Mieder

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