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Trespass City | Untergrund-Blättle

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Prosa

Auszug aus der Beatnovelle von Axel Monte Trespass City

Prosa

Die meisten Bewohner von Trespass City kamen hierher, weil sie in irgendeiner Zeit und Welt etwas übertreten hatten. Welche, die nicht mehr geduldet wurden, und welche, die nicht mehr dulden wollten.

29. Juli 2016

29. Jul. 2016

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So trafen sich hier etliche Gruppen und Gestalten von den Rändern der Gesellschaft. Vom guten wie vom bösen Rand. Viele in Trespass City lebten dort in der Hoffnung auf einen weiteren Übertritt. Auf den letzten.

I.

Vielleicht kam es so zu dem Gerücht, dass in Trespass City sich ein okkulter Schrein des Gottes der zweiten, der letzten Chance befände. Jedenfalls tauchten immer wieder vereinzelte Pilger auf, die dort beten und verehren wollten.

Eine gewöhnliche staatliche Ordnung war bei diesem gärenden Gemisch von Bewohnern kaum durchzusetzen. So besass die Atmosphäre der Stadt teilweise den Anstrich anarchischer Freiheit. Andererseits bestand das Imperium gerade hier auf der offiziellen und nominellen Anerkennung seiner Herrschaft, um keine Zweifel an ihrer Rechtmässigkeit aufkommen zu lassen. So liess man auf manchen Ebenen zu manchen Zeiten gewähren, auf anderen griff man ein andermal despotisch und bestialisch durch. Gewähren liess man, weil keinerlei Interesse bestand, dass das Zigeunervolk und die Seelenpiraten der Stadt das Hinterland des Imperiums durchzogen. Man griff durch, weil jedem vor Augen geführt werden sollte, dass man nur gewähren liess.

II.

Huck Finn lebte in einem Wrack beim Strand. Ein Schiffsfriedhof. Hunderte von rostenden, stählernen Wracks lagen vor den Abwrackwerften. Eine Geräuschkulisse von Schneidbrennern, Hammerwerken, Dampframmen. In der Nacht wurde die Dunkelheit von Lichtblitzen des kollidierenden Metalls und den dabei entstehenden Funkenfontänen durchbrochen. Die Kolonie der Wrackbewohner beheizte ihre Behausungen mit Gaskartuschen und Feuern aus Strandgut. Wenn sie morgens ihre Öfen anfachten, mischte sich ihr Rauch und Russ mit den feuchten Morgennebeln zu dickem, schmutzigem Dunst, der auf der ganzen Strand- und Hafengegend lastete.

Huck erhob sich von seinem Lager und hustete sich den morgendlichen Schleim von der Lunge. Jeder, der länger als ein paar Wochen in der Kolonie lebte, zog sich eine chronische Bronchitis zu. Huck bereitet über dem Gasbrenner seinen Kaffee und bedenkt, wie er den heutigen Tag verbringen wird. Es ist ein besonderer Tag für ihn. Später am Abend wird sein Freund Lord Jim mit dem Schiff im Hafen eintreffen. Tuan Jim, den er seit zwei Jahren nicht gesehen hat. Er beschliesst, dass dies ein Anlass sei, während des Tages all seinen guten Freunden in Trespass City einen Besuch abzustatten. So wäre er für das freudige Treffen am Abend bestens vorbereitet.

III.

Lord Jim hatte ein Kommando auf einem alten Frachter übernommen und war von einem der grossen Häfen in Fern Südost aufgebrochen. Das Schiff befand sich jetzt auf hoher See und nahm Kurs auf Trespass City. Die Ladung bestand aus über tausend Pilgern, die zum Schrein des Gottes der zweiten, der letzten Chance wallfahren wollten. Die meisten von ihnen befanden sich in einem hitzig erregten Zustand.

Sie haben nichts zu verlieren. Ausser ihrer letzten Chance.

Die Dépendance des Imperiums in Fern Südost hat die Abfahrt des Frachters dem Leiter der Subpolitischen Abteilung von Trespass City gemeldet, der über solche Gäste nicht sehr erfreut ist.

IV.

Huck macht sich auf den Weg zu Kim, der bei ihm in der Nähe wohnt.

Kimball O’Hara gelangt vor einigen Jahren mit einer Karawane nach Trespass City. Die Karawane bringt Rohseide und Rohopium aus den Hochlanden zur Verschiffung in die Stadt. Kim begleitet sie getarnt als Fahrer. Er trägt eine äusserst wichtige Botschaft für Oberst Creighton bei sich. Die Botschaft könnte im Grossen Spiel zur Entscheidung beitragen. Daher ist Kim höchst vorsichtig. Er weiss, seine Gegner werden alles unternehmen, um ihn abzufangen. In Trespass City fühlt er sich unentdeckt und unvermutet.

Hier arbeitet er an einem Geheimcode, in den er die Nachricht für Creighton Sahib kleiden wird. Für den Code verwendet er Strukturen des I Ging, des Sanskrit, und Elemente der geheimen Gebärdensprache der chinesischen Triaden. Bis das Werk vollendet ist, wird Kim in der Stadt bleiben. Zur Tarnung betreibt er ein kleines Handelskontor im Hafen. Er wirkt wie ein Vierzigjähriger, der bedeutend jünger aussieht.

Doch Oberst Creighton war seit über hundert Jahren tot. Die beiden Reiche, die das Grosse Spiel spielten, waren längst zerfallen. Aber Kim spielte es wie manisch immer weiter. Er blieb Creighton weiter treu, der ihn einst aufnahm und ins Spiel einweihte. Wer solche Grenzen überschreitet, der landet früher oder später unweigerlich in Trespass City.

V.

Des Nachts sass Kim zu Hause, rauchte eine Pfeife mit leichtem Marihuana, pur, ohne Tabak, zur Steigerung der Konzentration und Imagination (Preis dem Hanf, dem Schenker der Ruhe, der Gleichmut) und machte sich ans Studium der vedischen Texte und Mythologien. Er betrieb das als Grundlagenforschung für die Ausarbeitung seines Geheimcodes. Der Code sollte künstlerische Feinheit und mythologische Tiefe besitzen. Kims Monolog:

«In den meisten Kulturen, die man ernst nehmen kann, sind die ältesten und ersten Götter die der Aufrichtigkeit, der Freundschaft, die, die den Vertrag heiligen. Vielleicht notwendigerweise in einer Gesellschaft ohne Kontroll- und Zentralinstanzen, in der man auf die Ehrlichkeit seines Partners angewiesen ist. So auch hier, im vedischen Pantheon. Da haben wir Mitra, was im Sanskrit auch Freund bedeutet. Mit ihm verbunden ist zumeist Varuna, der ursprünglich, noch vor Indra, der oberste, der König der Götter war.

Er hasst Falschheit und bestraft die Ablinker, Abzieher, Mucker, Bigotten und Schleimer, die, die Verrat üben, Vertragsbrecher, Denunzianten, die sich in anderer Leute Angelegenheiten mischen, die Leisetreter, Missgünstigen und Neider, er schlägt sie mit abstossenden Krankheiten, die, die sich übler Nachrede befleissigen, die, die unfähig sind, Freundschaft zu schliessen und zu halten. Er ist der Herr und Wächter des Westens. Wenn die Sonne sich in seinen Gefilden befindet, muss wahr gesprochen werden. Deshalb ist die Abenddämmerung eine gefährliche Zeit, um Verträge, Abmachungen und Versprechen zu brechen. Das ist die Zeit, in der die Johnsons ihre Geschäfte tätigen.

Typischerweise werden diese alten Gottheiten bald in den Hintergrund gedrängt, verlieren an Bedeutung. Man schenkt ihnen keine Aufmerksamkeit, versucht sie zu ignorieren, ihre Macht zu mindern. Varuna wurde zu einem Gott der Meere und der Wasser degradiert. Mit dem Aufkommen der Schrift und damit von schriftlichen Verträgen und Kontrollinstanzen, die diese überwachen, vermeint man, keinen Gott mehr zu brauchen, der das gegebene Wort eines Menschen heiligt. Eine trügerische Sicherheit, Blendwerk, Maya des geschriebenen Wortes. Mit ihm werden Klauseln, Winkelzüge und Korruption Alltagsgut der Hochkulturen. Sieh, wie diese alten, verehrungswürdigen Gottheiten dahinsiechen, verlassen von ihrer Priesterschaft, die ihnen die Nahrung, die Opfer, verweigert.

Dabei verlangen gerade sie keine grausamen Opfer, keinen Blutzoll. Man muss nur ein verlässlicher Freund sein, zu seinen Versprechen stehen, keinen Verrat üben, um ihnen zu dienen und Ehre zu erweisen. Heute gibt es nur noch kleine versprengte, altmodische Sekten, die diese Huldigungen vollziehen. Seltsamerweise leben die meisten davon in offizieller Illegalität, wie zum Beispiel die Johnsons. Der Gott, der einst Übertretungen ahndete, hat heute seine letzten Getreuen in denen, die Übertretungen begangen haben. Nicht wenige von ihnen leben auch hier in Trespass City.

Bin nicht letzlich auch ich, Kimball O’Hara, einer seiner Jünger? Ist es nicht das, was mich ausmacht, meine Substanz, mein einziger wahrer Wert? Bei allem anderen ging ich fehl. Aber immer treu gewesen bin ich Mahbub Ali, dessen Schliche nicht verhindern konnten, dass die Macht aus dem Norden die Ländereien der Seinen mit bestialischem, zerstörendem Krieg überzog. ’79 erschossen, als einer der ersten, bei einer Verteidigungsschlacht in einem Tal im Suleiman- Gebirge. Und seine letzte Nachricht werde ich Creighton Sahib überbringen, dem ich verbunden bin, von dessen Brot ich gegessen habe, welches er mir gab, ohne einen Zauber, eine Bedingung daran zu knüpfen. Die Freundschaft, die Treue – das ist Kim, Kim, Kim. Nur das.

In allem anderen so unvollkommen, ein Misfit, ein Outcast, ein Paria in dieser Welt. Aber das rechtfertigt mich, ein vergessener Jünger von Mitravaruna zu sein, Heil und Preis ihnen, om namoh mitravarunabhyam …»

Kims Sinne vermengten sich mit dem Rauch seiner Marihuanapfeife und durchzogen den Raum. Er fiel für den Rest der Nacht in eine ruhige Trance, während sein weisser Kater den Rauchwolken und dem süsslichen Hanfgeruch nachjagte.

Axel Monte

Auszug aus der Beatnovelle «Tresspass City» von Axel Monte, 2016, Paperback, 25 Seiten, erschienen in der Stadtlichter Presse.

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