I.
Vielleicht kames so zu dem Gerücht, dass in Trespass City sich ein okkulter
Schrein des Gottes der zweiten, der letzten Chance befände.
Jedenfalls tauchten immer wieder vereinzelte Pilger
auf, die dort beten und verehren wollten.
Eine gewöhnliche staatliche Ordnung war bei diesem
gärenden
Gemisch von Bewohnern kaum durchzusetzen.
So besass die Atmosphäre der Stadt teilweise den Anstrich
anarchischer Freiheit. Andererseits bestand das Imperium
gerade hier auf der offiziellen und nominellen Anerkennung
seiner Herrschaft, um keine Zweifel an ihrer Rechtmässigkeit aufkommen zu lassen. So liess man auf manchen
Ebenen zu manchen Zeiten gewähren, auf anderen
griff man ein andermal despotisch und bestialisch durch.
Gewähren liess man, weil keinerlei Interesse bestand, dass
das Zigeunervolk und die Seelenpiraten der Stadt das Hinterland
des Imperiums durchzogen. Man griff durch, weil
jedem vor Augen geführt werden sollte, dass man nur gewähren
liess.
II.
Huck Finn lebte in einem Wrack beim Strand. Ein Schiffsfriedhof.Hunderte von rostenden, stählernen Wracks lagen
vor den Abwrackwerften. Eine Geräuschkulisse von
Schneidbrennern, Hammerwerken, Dampframmen. In
der Nacht wurde die Dunkelheit von Lichtblitzen des kollidierenden
Metalls und den dabei entstehenden Funkenfontänen
durchbrochen. Die Kolonie der Wrackbewohner
beheizte ihre Behausungen mit Gaskartuschen und Feuern
aus Strandgut. Wenn sie morgens ihre Öfen anfachten,
mischte sich ihr Rauch und Russ mit den feuchten Morgennebeln
zu dickem, schmutzigem Dunst, der auf der ganzen
Strand- und Hafengegend lastete.
Huck erhob sich von seinem Lager und hustete sich den
morgendlichen Schleim von der Lunge. Jeder, der länger als
ein paar Wochen in der Kolonie lebte, zog sich eine chronische
Bronchitis zu. Huck bereitet über dem Gasbrenner
seinen Kaffee und bedenkt, wie er den heutigen Tag verbringen
wird. Es ist ein besonderer Tag für ihn. Später am
Abend wird sein Freund Lord Jim mit dem Schiff im Hafen
eintreffen. Tuan Jim, den er seit zwei Jahren nicht gesehen
hat. Er beschliesst, dass dies ein Anlass sei, während des
Tages all seinen guten Freunden in Trespass City einen
Besuch abzustatten. So wäre er für das freudige Treffen am
Abend bestens vorbereitet.
III.
Lord Jim hatte ein Kommando auf einem alten Frachterübernommen und war von einem der grossen Häfen in Fern
Südost aufgebrochen. Das Schiff befand sich jetzt auf hoher
See und nahm Kurs auf Trespass City. Die Ladung bestand
aus über tausend Pilgern, die zum Schrein des Gottes
der zweiten, der letzten Chance wallfahren wollten. Die
meisten von ihnen befanden sich in einem hitzig erregten
Zustand. Sie haben nichts zu verlieren. Ausser ihrer letzten
Chance.
Die Dépendance des Imperiums in Fern Südost hat die
Abfahrt des Frachters dem Leiter der Subpolitischen Abteilung
von Trespass City gemeldet, der über solche Gäste
nicht sehr erfreut ist.
IV.
Huck macht sich auf den Weg zu Kim, der bei ihm in derNähe wohnt.
Kimball O'Hara gelangt vor einigen Jahren mit einer Karawane
nach Trespass City. Die Karawane bringt Rohseide
und Rohopium aus den Hochlanden zur Verschiffung in
die Stadt. Kim begleitet sie getarnt als Fahrer. Er trägt eine
äusserst wichtige Botschaft für Oberst Creighton bei sich.
Die Botschaft könnte im Grossen Spiel zur Entscheidung
beitragen. Daher ist Kim höchst vorsichtig. Er weiss, seine
Gegner werden alles unternehmen, um ihn abzufangen. In
Trespass City fühlt er sich unentdeckt und unvermutet.
Hier
arbeitet er an einem Geheimcode, in den er die Nachricht
für Creighton Sahib kleiden wird. Für den Code verwendet
er Strukturen des I Ging, des Sanskrit, und Elemente
der geheimen Gebärdensprache der chinesischen Triaden.
Bis das Werk vollendet ist, wird Kim in der Stadt bleiben.
Zur Tarnung betreibt er ein kleines Handelskontor im Hafen.
Er wirkt wie ein Vierzigjähriger, der bedeutend jünger aussieht.
Doch Oberst Creighton war seit über hundert Jahren
tot. Die beiden Reiche, die das Grosse Spiel spielten,
waren längst zerfallen. Aber Kim spielte es wie manisch
immer weiter. Er blieb Creighton weiter treu, der ihn einst
aufnahm und ins Spiel einweihte. Wer solche Grenzen
überschreitet, der landet früher oder später unweigerlich in
Trespass City.
V.
Des Nachts sass Kim zu Hause, rauchte eine Pfeife mitleichtem Marihuana, pur, ohne Tabak, zur Steigerung der
Konzentration und Imagination (Preis dem Hanf, dem
Schenker der Ruhe, der Gleichmut) und machte sich ans
Studium der vedischen Texte und Mythologien. Er betrieb
das als Grundlagenforschung für die Ausarbeitung seines
Geheimcodes. Der Code sollte künstlerische Feinheit und
mythologische Tiefe besitzen. Kims Monolog:
«In den meisten Kulturen, die man ernst nehmen kann, sind
die ältesten und ersten Götter die der Aufrichtigkeit, der
Freundschaft, die, die den Vertrag heiligen. Vielleicht notwendigerweise
in einer Gesellschaft ohne Kontroll- und Zentralinstanzen,
in der man auf die Ehrlichkeit seines Partners
angewiesen ist. So auch hier, im vedischen Pantheon. Da haben
wir Mitra, was im Sanskrit auch Freund bedeutet. Mit
ihm verbunden ist zumeist Varuna, der ursprünglich, noch
vor Indra, der oberste, der König der Götter war. Er hasst
Falschheit und bestraft die Ablinker, Abzieher, Mucker, Bigotten
und Schleimer, die, die Verrat üben, Vertragsbrecher,
Denunzianten, die sich in anderer Leute Angelegenheiten
mischen, die Leisetreter, Missgünstigen und Neider, er
schlägt sie mit abstossenden Krankheiten, die, die sich übler
Nachrede befleissigen, die, die unfähig sind, Freundschaft zu
schliessen und zu halten. Er ist der Herr und Wächter des Westens. Wenn die Sonne sich in seinen Gefilden befindet,
muss wahr gesprochen werden. Deshalb ist die Abenddämmerung
eine gefährliche Zeit, um Verträge, Abmachungen
und Versprechen zu brechen. Das ist die Zeit, in der die
Johnsons ihre Geschäfte tätigen.
Typischerweise werden diese alten Gottheiten bald in den
Hintergrund gedrängt, verlieren an Bedeutung. Man schenkt
ihnen keine Aufmerksamkeit, versucht sie zu ignorieren,
ihre Macht zu mindern. Varuna wurde zu einem Gott der
Meere und der Wasser degradiert. Mit dem Aufkommen der
Schrift und damit von schriftlichen Verträgen und Kontrollinstanzen,
die diese überwachen, vermeint man, keinen Gott
mehr zu brauchen, der das gegebene Wort eines Menschen
heiligt. Eine trügerische Sicherheit, Blendwerk, Maya des
geschriebenen Wortes. Mit ihm werden Klauseln, Winkelzüge
und Korruption Alltagsgut der Hochkulturen.
Sieh, wie diese alten, verehrungswürdigen Gottheiten
dahinsiechen,
verlassen von ihrer Priesterschaft, die ihnen
die Nahrung, die Opfer, verweigert.
Dabei verlangen gerade
sie keine grausamen Opfer, keinen Blutzoll. Man muss nur
ein verlässlicher Freund sein, zu seinen Versprechen stehen,
keinen Verrat üben, um ihnen zu dienen und Ehre zu erweisen.
Heute gibt es nur noch kleine versprengte, altmodische
Sekten, die diese Huldigungen vollziehen. Seltsamerweise
leben die meisten davon in offizieller Illegalität, wie zum
Beispiel die Johnsons. Der Gott, der einst Übertretungen
ahndete, hat heute seine letzten Getreuen in denen, die Übertretungen
begangen haben. Nicht wenige von ihnen leben
auch hier in Trespass City.
Bin nicht letzlich auch ich, Kimball O'Hara, einer seiner
Jünger? Ist es nicht das, was mich ausmacht, meine Substanz,
mein einziger wahrer Wert? Bei allem anderen ging ich
fehl. Aber immer treu gewesen bin ich Mahbub Ali, dessen
Schliche nicht verhindern konnten, dass die Macht aus
dem Norden die Ländereien der Seinen mit bestialischem, zerstörendem Krieg überzog. '79 erschossen, als einer der
ersten, bei einer Verteidigungsschlacht in einem Tal im Suleiman-
Gebirge. Und seine letzte Nachricht werde ich Creighton
Sahib
überbringen, dem ich verbunden bin, von dessen
Brot ich gegessen habe, welches er mir gab, ohne einen Zauber,
eine Bedingung daran zu knüpfen. Die Freundschaft,
die Treue – das ist Kim, Kim, Kim. Nur das.
In allem anderen
so unvollkommen, ein Misfit, ein Outcast, ein Paria
in dieser Welt. Aber das rechtfertigt mich, ein vergessener
Jünger von Mitravaruna zu sein, Heil und Preis ihnen, om
namoh mitravarunabhyam …»
Kims Sinne vermengten sich mit dem Rauch seiner Marihuanapfeife
und durchzogen den Raum. Er fiel für den
Rest der Nacht in eine ruhige Trance, während sein weisser
Kater den Rauchwolken und dem süsslichen Hanfgeruch
nachjagte.



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