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An der äussersten Südspitze von Rügen Wenn die Zeit stehen bleibt

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Thiessow, das kleine Dorf meiner Kindheit.

Hafen in Thiessow.
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Bild: Hafen in Thiessow. / Olaf Meister (CC BY-SA 3.0 cropped)

22. April 2021

22. 04. 2021

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Urkundlich erstmals als Tisowe 1360 erwähnt und zu Napoleons Zeiten kurz auch einmal von dessen Truppen heimgesucht, gelegen auf der Halbinsel Mönchgut an der äussersten Südspitze von Rügen, ja, ich denke oft an dieses kleine, so beschauliche Fischerdorf mit damals etwa hundert Einwohnern, in dem während und auch noch nach Kriegsende die Zeit vorübergehend stehen geblieben zu sein schien, in dem der Krieg keine Spuren hinterlassen hatte, gerade so, als ob es ihn überhaupt nicht gegeben hätte. An diesem Eindruck der vom Krieg verschonten Idylle vermochte auch das zweimonatige Gastspiel der Roten Armee in Thiessow nichts zu ändern, die unser Hotel „Haus Mönchgut“ zu ihrem Hauptquartier erkoren hatte.

Warum die Russen ausgerechnet vor unserem kleinen Hotel halt gemacht haben (obwohl es noch drei weitere, grössere Hotels im Ort gab), darüber an anderer Stelle mehr, da gab es einen ganz konkreten Grund, ja, es ist eine jener unglaublichen Geschichten, wie sie nur in den dramatischen Jahren zwischen 1943 und 1945 geschehen konnten. Kein einziger Fischer oder Bauer aus Thiessow (und auch nicht aus den Nachbardörfern) hatte in den Krieg ziehen müssen, ich erinnere mich jedenfalls nicht daran, dass zwischen dem Dörfchen Thiessow und dem Städtchen Göhren der Kriegstod eines Ehemannes oder eines Sohnes beweint werden musste. Kinder haben natürlich keine emotionale Berührung mit dem Tod, solange er woanders einkehrt.

An unserer Haustür ging der Tod während meiner Kinderzeit viele Jahre achtlos vorüber. Nur einmal blieb er vor unserem Hotel stehen: er war unangemeldet gekommen, um meine 86jährige Grossmutter abzuholen, die sich an einem Nachmittag ins Bett gelegt und gegen Mitternacht still gestorben war. Ich habe nicht verstehen können, warum meine Grossmutter plötzlich nicht mehr bei uns war und warum sie nun für alle Zeit in kalter, dunkler Erde liegen sollte.

Als wir an einem regnerischen Novembertag 1953 nach der Beerdigung meiner Grossmutter den kleinen Friedhof in Göhren wieder verliessen, da fragte ich meine Mutter, warum meine Grossmutter nicht länger bei uns bleiben durfte. Meine Mutter drückte mich fest an sich, doch eine Antwort gab sie mir nicht, was ich damals nicht verstand und was mich traurig machte. Erst viele Jahre später konnte ich verstehen, warum ich keine Antworten auf meine kindlichen und doch für mich damals so wichtigen Fragen erhalten konnte: Trauer macht stumm, Trauer degradiert Worte zu Phrasen. Meine Mutter wollte und konnte mir also keine Antworten geben auf Fragen, die sie sich selbst nicht zu beantworten vermochte. Heute weiss ich das. Am Grab meiner Grossmutter sah ich meine Mutter auch zum ersten Male weinen, ein zweites Mal dann einige Jahre später an dem Tag, an dem ihr Vater überraschend gestorben war, mein von mir geliebter Grossvater.

Ach ja, es gab doch etwas, das den Dörflern vor Augen führte, dass es sehr wohl einen Krieg gegeben haben musste, das war der Anblick eines grüngesichtigen Toten, eines englischen Piloten, den die Ostsee eines Tages so Anfang Juni 1945 ans Ufer des Weststrandes geschwemmt hatte. Das ganze Dorf, alle Kinder, Greise, Männer und Frauen hatten sich neugierig und sich gruselnd am Strand versammelt, um den toten Piloten zu bestaunen. Es war der erste tote Mensch, den ich erblickte. Ich weiss noch genau, wie ängstlich, aber auch wie aufmerksam ich dessen Gesicht betrachtet hatte und wie sehr ich mich über das merkwürdige Algengrün darin gewundert habe.

Als ich nach dieser ersten Begegnung mit einem Toten am Mittagstisch sass, da fragte ich meinen Grossvater (er war nicht an den Strand gekommen), ob die Gesichter aller toten Menschen immer so grün wären wie das Gesicht des englischen Piloten. Mein Grossvater erklärte mir, dass das Gesicht dieses armen Menschen wahrscheinlich nur deshalb so grün geworden war, weil er zu lange im Salzwasser gelegen hatte, von Algen umhüllt. Als ich dann viele Jahre später vor dem geöffneten Sarg meiner Grossmutter stand (sie war der zweite von mir erblickte tote Mensch in meinem Leben), da entdeckte ich kein Grün in ihrem plötzlich so gütigen Gesicht, das mich zu Lebzeiten stets nur sehr streng angeschaut und mir nur wenige Male ein Lächeln geschenkt hatte. Als ich sie nun sehr aufmerksam, zugleich aber auch ängstlich betrachtete wie damals den toten Piloten, da glaubte ich plötzlich ein kleines Lächeln in ihrem weissen Gesicht zu entdecken, ein Lächeln, das offensichtlich ganz allein nur mir galt.

Da beschloss ich, meine Grossmutter nachträglich zu lieben und sie als einen guten Menschen im Tresor meiner Erinnerungen zu bewahren. Ja, was wissen wir von unseren Grosseltern. Gewiss, mein Grossvater hatte mir hin und wieder Geschichtchen aus seinem Leben erzählt, vor allem aus seiner Zeit als preussischer Soldat in der Armee des Kaisers im Jahre 1885. Als der 1. Weltkrieg begann, da wäre er noch gar zu gern für seinen geliebten Kaiser in den Krieg gezogen und hätte ebenso gern auch sein Leben hergegeben, obwohl er Vater von sechs Töchtern und einem Sohn war. Als ihn das Musterungsamt ablehnte, weil er 1914 mit seinen 49 Jahren zu alt war, um für Kaiser und Vaterland an der Front den Heldentod finden zu dürfen, da war er zunächst sehr traurig, er empfand es als Schande, nicht als Patriot und als guter Soldat gebraucht zu werden in schicksalhafter Stunde. Später dankte er Gott (mein Grossvater war ein gläubiger Christ), dass es ihm erspart geblieben war, an diesem grausamen Krieg teilnehmen zu müssen.

Darüber hat mein Grossvater ab und zu mit mir gesprochen, aber sonst wusste ich kaum etwas über ihn und aus seinem Leben zuvor. Über Gefühle sprachen Grosseltern mit ihren Enkelkindern damals nicht, auch die meisten Eltern taten das nicht. Von meiner Grossmutter wusste ich lediglich ,dass sie seit ihrer Übersiedlung 1943 von Insterburg (Ostpreussen) nach Thiessow immer nur Schwarz trug, gerade so, als ob sie der ganzen Welt (und damit uns allen) verkünden wollte, dass es ein Glück für sie nicht mehr geben wird.

Den Verlust ihrer Heimat, so erzählte es mir später meine Mutter, hatte sie psychisch nicht verkraftet. Sie sprach niemals über sich, über ihr Heimweh, über ihre grosse Trauer um die verlorene Heimat, in der sie fünf ihrer Töchter und ihren einzigen Sohn Leo zurück gelassen hatte. Mit unseren Nachbarn sprach sie zwar hin und wieder, meistens aber nur über nichtige Dinge. Mit anderen Menschen aus dem Dorf hingegen hatte sie während ihrer Zeit in Thiessow kein einziges Wort gewechselt. Bis zu ihrem plötzlichen Tod im November 1953 sprach sie im Haus nur mit ihrem Mann, mit meiner Mutter und mit meinen Tanten (also mit ihren Töchtern) und mit meinem jüngeren Bruder.

Ich sehe diese kleine, von Tag zu Tag mehr in sich zusammen fallende alte Frau mit dem grauen Haardutt, mit der randlosen Brille auf der Nase, was ihr in meinen Augen und in kleinen Albträumen manchmal das Aussehen einer Hexe verlieh, ja, ich sehe immer noch vor mir, wie sie sich morgens, mittags und abends jeweils und fast zur selben Stunde und bei jedem Wetter in den Hof begab, um die Hühner mit einem selbst gebrauten Gemisch aus gekochten Eiern und Getreide zu füttern. Viele Jahre hindurch waren es meistens so 15 bis 20 fleissig viele Eier legende Hühner und prächtige Hähne, die sie alle „persönlich kannte“ und ihren Lieblingen darunter die Namen ihrer sechs Töchter und ihres einzigen Sohnes gegeben hatte.

So hörte ich die Namen Dora (das war meine Mutter), Hertha, Else, Klara, Anna, Dita (das waren meine Tanten) und Leo (das war mein Onkel) nicht nur immer wieder im Haus, sondern auch mehrfach am Tag auf dem Hof, wenn sie mit ihren kaum noch hörbaren putt putt putt putt-Rufen ihr geliebtes Federvieh zur “Mahlzeit“ bat. Das Füttern der Hühner hatte sie zu ihrer „Chefsache“ gemacht, das Füttern der vielen Enten und Gänse, der Ziegen, der Schweine und eines Schafsbockes namens Max, das oblag hingegern ihrem Mann.

Den Tod (also das unvermeidbare Schlachten) eines ausgewachsenen Huhnes oder eines fetten Hahnes betrauerte sie auf ihre Weise, indem sie sich einen Tag lang ins Bett legte und sich kategorisch weigerte, das Bett auch nur für einen Augenblick zu verlassen. Am gemeinsamen Mittagsmahl oder Abendessen, an dem wir alle mit Genuss fein gewürzte Suppenhühner oder knusprig gebratene und ebenso gewürzte Hähnchen verspeisten, an diesen Lustmahlzeiten nahm sie niemals teil. Das war ihr Protest gegen den Mord an ihren Lieblingen. Das Bett verliess sie übrigens auch nicht an jenen Tagen, an denen sie kleine, allzu früh ausgeschlüpfte Küken mit Hilfe meines kleinen Bruders in ihr Bett geholt hatte, um sie mit ihrer grossmütterlichen Körperwärme „lebensfähig“ zu machen (was immer wieder mal der Fall war).

Eine grosse Liebe und Zärtlichkeit verband sie (wie bereits erwähnt) mit meinem soeben genannten und vier Jahre jüngeren Bruder Jochen, der ihr Liebling, ihr Herzstück war. Mit mir sprach sie bis zu ihrem Tod nur wenige Male, was mich sehr schmerzte, zumal ich nicht wusste, warum sie mich nicht mochte und mich nicht beachtete. Erst viele Jahre später und nachdem meine Tanten mir gegenüber vage Andeutungen gemacht hatten, da kam in mir ein Verdacht auf: Es hing wohl mit meinem Vater zusammen, der in den Augen meiner Grossmutter nicht der rechte Mann für ihre Tochter gewesen war und um den es ein Geheimnis zu geben schien, in das meine Mutter und meine Tanten mich partout nicht einweihen wollten. In der gesamten Familie wurde über meinen Vater stets nur getuschelt, auf meine mehrfach gestellte Frage, wer mein Vater sei, wo er sich gerade befindet, schwiegen alle meine Tanten oder verharrten (wie bereits angedeutet) in diffusen Andeutungen, von meiner Mutter selbst erhielt ich stets die Antwort, er sei im Krieg gefallen, Basta.! Bei dieser Antwort blieb sie bis zu ihrem plötzlichen Tod in einem Lübecker Krankenhaus im Dezember 2001.

Und meine Gedanken führen mich in diesem Augenblick wieder einmal sehnsüchtig nach Thiessow zurück, in das mir einst so vertraute, so verwunschene Dörfchen meiner Kindheit, in dem ich, der heran wachsende Knabe dann nach und nach fast alle Menschen, alle Wege, alle Strände, alle Häuser, alle Höhlen und Verstecke, nahezu alle Bäume und Sträucher, alle Pflanzen und alles Viehzeug meines Grossvaters genau gekannt hatte. Dieser also in meiner Erinnerung mit jedem ablaufenden Jahr noch schöner werdende Ort, der mir sichere Heimat geworden war und der mich prägte - erst viele Jahre nach der „Wende“ wagte ich es, dieses für mich damals himmlische Dörfchen wieder aufzusuchen. Ich fragte mich später, ob es für meine Psyche und auch für mein Weltbild nicht besser gewesen wäre, wenn ich diese Reise erst gar nicht angetreten hätte, musste ich doch bei diesem ersten Besuch nach über 51 Jahren etwas erleben, worauf ich nicht vorbereitet war.

Andererseits war es meine erste und vielleicht auch allerletzte Chance, noch einmal Kontakt mit meinem Heimatdorf und zu meiner Kindheit aufzunehmen. Also reiste ich mit gemischten, mich sehr verunsichernden Gefühlen dort hin. Es war eine merkwürdige Angst in mir, es war die Angst vor dem eventuellen Verlust meiner schönen Kindheitsbilder, es war die panische Angst vor der Zerstörung meiner in mir noch verbliebenen Erinnerungen. Und was ich befürchtet hatte, das trat dann tatsächlich auch ein. Nichts mehr war so wie es einst einmal war und wie es in meinen Erinnerungen weiter gelebt hatte. Dass sich in einem kleinen Dorf im Verlauf von 51 Jahren zwangsläufig so manches verändern musste (besonders in der damaligen DDR), das wusste ich sehr wohl, denn auch im Westen war es schliesslich an vielen Orten nicht wesentlich anders. Dass ein Dorf allerdings landschaftlich, architektonisch und strukturell so verschandelt werden konnte, darauf war ich nicht gefasst, ich vermag es auch noch heute nicht zu verstehen.

Wehmut überkam mich dann auch beim Anblick unseres ehemaligen Hotels, in dem ich eine sorgenlose und aufregende Kindheit erlebt hatte. Es zeigte sich mir zwar als ein schickes, nach der Wende umgebautes und renoviertes modernes Hotel, aber als ein Haus ohne Charakter, ohne Seele, ohne jeglichen Charme. Der jetzige Besitzer begrüsste mich bei der Ankunft zunächst überaus freundlich, doch als ich ihn so nebenbei wissen liess, dass dieses Hotel einst meiner Familie gehört hatte, da verschwand plötzlich das Lächeln aus seinem Gesicht. Möglicherweise hatte er gedacht, dass ich Ansprüche auf Rückgabe des Hotels anmelden wollte. Doch ein solcher Gedanke war nicht in mir.

Warum aber hatte sich das Dorf meiner Kindheit so sehr verändert? Ich suchte nach einer Erklärung nun vor Ort und stellte mir abermals die Frage: Wie faul in sich und in seinem Geiste, wie desolat und ideologisch verblendet und wie realitätsfremd musste dieses SED-Regime schon sehr früh im „ersten deutschen Arbeiter-und-Bauernstaat“ (der sich dem dekadenten Westen doch so überlegen fühlte) nur gewesen sein, um nahezu alle natürlichen, kulturellen und ästhetischen Bedürfnisse der Menschen auf so beschämende und würdelose Weise zu missachten und zu unterdrücken? Als ich, gerade mal sechzehn Jahre alt, zusammen mit meiner Mutter und meinem vier Jahre jüngeren Bruder Jochen 1955 die „DDR“ verliess und „rüber gemacht hatte“ (das war also zehn Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges), da war die Infrastruktur in allen Dörfern und in den berühmten, traditionsreichen Seebädern auf Rügen (wie Baabe, Göhren, Binz, Sellin, Thiessow und andere Ferienorte) nahezu noch völlig intakt.

Also hat das SED - Regime, um es einmal salopp auszudrücken, doch tatsächlich fertig gebracht, im Verlauf von 34 Jahren alles kaputt und in Fäulnis übergehen zu lassen, was zuvor weit über hundert Jahre lebensfähig gewesen war. Das ist wahrlich ein Kunststück. Der Weststrand von Thiessow zum Beispiel (für uns Kinder der beliebteste Strand des Dorfes zwischen Mai und September) mit dem kleinen Deich davor und den archaischen Klippen im Meer – nichts davon war mehr vorhanden, weder der kleine Deich noch das alte Feuerwehrhaus. Wenn damals, etwa ab Anfang November zu hoher Seegang herrschte und an Fischfang auf der Ostsee nicht mehr zu denken war, dann war für die Fischer aus Thiessow die betuliche Zeit des Netzeflickens und des Reparierens der kleinen alten Holzboote gekommen.

Für uns Kinder war diese Jahreszeit eine Zeit des höchsten Glücks, denn wir durften Dinge tun, die nur in den kalten Wintermonaten möglich waren: Zwischen Deich und Feuerwehrhaus stapelten sich dann zum Austrocknen tausende von leeren Fischkisten. Aus diesen kleinen Holzkisten bauten wir Kinder (aber erst, nachdem der harte Westwind den penetranten Fischgeruch aus ihnen weggeblasen hatte) dann riesige Höhlen mit langen, verwinkelten Gängen, in denen wir Verstecken spielten, abends manchmal sogar Feuer machten und uns gruslige Geschichten erzählten. Es war eine herrliche Zeit. Passieren konnte uns nichts, die hölzernen Kisten waren zu leicht, um uns bei einem Einsturz ernsthaft gefährden oder verletzen zu können. Alles, was uns damals zauberhafte Kulisse und Spielfläche war, einfach weg, brutal gerodet, ausradiert aus der Landschaft und aus dem Gesichtsfeld des wunderschönen Fischerdorfes Thiessow und gewiss auch aus der Erinnerung so mancher Bewohner.

Ich traf nur noch zwei Menschen an, die ich aus meiner Kinderzeit her kannte. Der eine war mein einstiger Spielkamerad Manfred, vielleicht ein Jahr älter als ich, Fischer wie bereits der Grossvater und auch sein verstorbener Vater, ein mürrischer, ungepflegter Junggeselle mit wildem Bart (so jedenfalls traf ich ihn an), mit dem ich als Kind oft gespielt hatte, er wohnte direkt neben unserem einstigen Hotel. Ich freute mich zunächst sehr, ihn nach so vielen Jahren wieder zu sehen, ihn überhaupt noch lebend anzutreffen.

Er hingegen missachtete alle Regeln der Höflichkeit und grollte und grölte bereits im ersten Augenblick unseres Zusammentreffens, schimpfte unentwegt und mit recht rüden Worten auf den Westen: „Ihr seid an allem Schuld, Ihr habt uns in den Ruin getrieben, Ihr Wessis hättet nicht zu uns kommen sollen, wir brauchten Euch nicht, ja, Ihr seid schuld daran, dass es uns heute so schlecht geht“. Zwischendurch liess er mich wissen, dass er (was er als Ungerechtigkeit empfand), eine viel zu kleine Rente beziehe (er sprach von 1.800 Euro).

Meinen Einwand, dass seine Rente (in die er keinen Cent eingezahlt hatte) wesentlich höher sei als die meine, ignorierte er, begleitet von einem höhnischen Gelächter, als wollte er mir sagen: Bist halt selber schuld. War das vielleicht der Geist des Kapitalisten im Gewandt und in der hässlichen Maske eines heuchlerischen Kommunisten oder auch umgekehrt? Dann schimpfte und fluchte er weiter über den bösen Westen, der allein verantwortlich sei für den üblen Zustand der Welt von heute und vor allem an seinem beklagenswerten persönlichen Schicksal.

Gewiss, ganz so Unrecht hatte er (aus seiner Schmalspur-Sicht) ja nicht, ich hätte mich aber sehr gern mit ihm genau über dieses, auch für mich sehr wichtige und höchst brisante Thema unterhalten wollen. Doch mir wurde rasch klar, dass es keinen Sinn ergibt, mit ihm über das Thema „Wessis und Ossis“ und über die unerwartete neue gesamtdeutsche Wirklichkeit ein wenig differenzierter zu diskutieren, da sein rüdes Geschimpfe und aggressives Gestikulieren mit Händen und Füssen einfach nicht aufhörten und er mich ohnehin kaum zu Worte kommen liess. Kurz: Die spontane Begegnung mit meinem Heimatort und mit meinem Spielkameraden von damals hatte nichts Erfreuliches und Nostalgisches, nein, es war nur peinlich, grausam und ernüchternd, ja, es war mehr schon eine Tragödie für mich, da eine Verständigung zwischen uns beiden absolut nicht möglich war. Wir gehörten eindeutig zwei total verschiedenen gesellschaftlichen, geistigen und ideologischen Welten an. Meine Kultur war nicht die seine, meine „abendländischen Werte“ hatten nichts mehr mit seinen in sich zusammen fallenden Werten zu tun. Und seine Sprache, die vierzig Jahre lang von einem simplen Parteien-Kauderwelsch geprägt worden war, der alle Schönheit aus der einstigen Sprache der Dichter und der Denker abgetötet hatte, auch sie hatte mit meiner Sprache nichts mehr zu tun. Da hätte ich mich gleich mit einem des Deutschen nicht mächtigen Chinesen unterhalten können. Und so verliess ich Manfred bereits nach etwa zwanzig Minuten und fragte mich, noch immer geschockt, ob wir jemals wieder ein „einig Volk von Brüdern und Schwestern“ sein werden, zu gewaltig, ja schmerzlich empfand ich den Unterschied zwischen ihm, dem im Dorf gebliebenen Nachbarsjungen von einst und mir, der damals sein Heimatdorf verlassen hatte und so zu einem „Wessi“ geworden war, der nun versucht und gehofft hatte, nach fast sechs Jahrzehnten durch diese Begegnung wieder ein wenig Kontakt mit dem Dorf seiner Kindheit aufnehmen zu können.

Nun, es sollte nicht sein, der Versuch war misslungen, die Brücke zur Kindheit war wohl längst zuvor eingestürzt. Realität widerlegt halt so manchen Traum und viele schöne Erinnerungen. Als ich dieses unwirtliche Haus und dessen schimpfenden und fluchenden Bewohner schliesslich verlassen und später noch einmal über diese unerfreuliche Begegnung nachgedacht hatte, da bedauerte ich allerdings, dass ich mir nicht mehr Mühe gegeben und zu rasch aufgegeben habe, denn nur zu gern hätte ich meinem einstigen Kindheitsfreund Manfred etwas über Demokratie erzählt, über die so mühsam errungene Freiheit des Denkens, aber auch über die nicht zu übersehende Dekadenz des Westens, über die so vielen Widersprüche in unserer westdeutschen Gesellschaft, auch im direkten Vergleich mit der untergegangenen DDR-Gesellschaft.

Als ich die Gartenpforte zu seinem kleinen, ungepflegten Haus (alle Häuser im Dorf trugen überraschend fröhliche Farben, nur das seinige hatte sein düsteres DDR-Grau bewahrt) gerade hinter mir zugemacht hatte, da fiel mir plötzlich eine kleine Szene ein, die ich damals in diesem Hause erlebt hatte. Solche Erinnerungen pflegen sich wohl stets dann einzustellen, wenn man den „Ort der Tat“ unerwartet noch einmal aufsucht: An einem späten Septembernachmittag spielten Manfred und ich in der „guten Stube“ seines Elternhauses miteinander „Mensch, ärgere dich nicht“. Mitten im Spiel erschien plötzlich Manfreds Mutter und bat ihren Sohn, doch kurz einmal in die Küche zu kommen, sie benötige dringend seine Hilfe. Manfred entschwand wortlos und kehrte nach etwa zehn Minuten ebenso wortlos und idiotisch lächelnd wieder zurück. Auf seinen Lippen klebten noch Leberwurstreste, auf seinem Hemd erblickte ich einige winzige Brotkrümel, er versuchte linkisch eine letzte Kaubewegung vor mir zu verbergen, was ihm nicht gelang. Ich sah es und hatte alles verstanden. Er schaute glücklich drein, tat so, als wäre nichts gewesen, dann rülpste er und wir spielten weiter „Mensch, ärgere dich nicht“. Ich habe mich nicht geärgert, weder beim Spiel noch über das gerade Erlebte, nein, ich habe mich nur gewundert. Wenn er zum Spielen in unser Haus kam, dann wurde selbstverständlich auch er stets von meiner Mutter zur Mahlzeit gebeten, wenn der Tisch mittags oder abends bereits gedeckt und er gerade zufällig anwesend war. Das war bei uns so Sitte. Das kleinbürgerliche und unfreundliche, mich immer wieder erschreckende Sozialverhalten der Einheimischen unterschied sich gewaltig von der herzhaften und grosszügigen Gastgeberfreundlichkeit meiner ostpreussischen Familie. So war ich wohl bereits damals dem Himmel dankbar (und bin es auch heute noch), kein Einheimischer in diesem Dorf gewesen zu sein, in dem ich dennoch eine so wundervolle Kindheit erleben durfte.

Ich hatte aber noch ein Ziel im Dorf und das lag nur wenige Schritte vom Haus meines einstigen Spielkameraden Manfred entfernt. Es gehörte Hanni, dem zweiten noch mir bekannten und lebenden Menschen im Dorf meiner Kindheit, der einstigen Krankenschwester von Thiessow, die zwischen 1947 und 1951 auch einige Male so etwas wie eine Ersatzmutter war, das heisst, sie hatte meinen vier Jahre jüngeren Bruder Jochen und mich stets dann betreut, wenn meine Mutter ausser Haus oder aus beruflichen Gründen für längere Zeit verreist war. Sie war unsere „zweite Mutter“ in schwierigen Zeiten. Als unser Hotel „Haus Mönchgut“ 1953 enteignet wurde und meine Mutter nach Magdeburg zum Studium der Meeresbiologie ging, da schlüpfte Schwester Hanni wieder einmal für ein Jahr in die Rolle der von uns geliebten Ersatzmutter, bevor mein Bruder und ich in einem Internat in Burg bei Magdeburg Einzug hielten. Ich hatte mich bei Manfred erkundigt, ob Hanni noch lebt. Ja, sie lebte noch.

Nach wenigen Schritten stand ich vor dem Haus von Hanni, das ich sofort wiedererkannte, war es mir damals doch ein zweites Zuhause. Als sich nach mehrmaligem Klopfen die Tür des Hauses schliesslich öffnete, da sah ich mich einem etwa 40jährigen Mann gegenüber, der mich mit eisiger Stimme fragte, was ich denn wolle. Ich erklärte ihm, dass ich aus Hamburg komme, der Sohn von Dora Sallowsky sei, einer Freundin von Hanni aus uralten Zeiten und Grüsse von meiner Mutter zu überbringen habe. Er murmelte etwas Unverständliches in sich hinein, was nicht gerade wie ein freundlicher Willkommensgruss, sondern eher schon wie ein unterdrücktes Fluchen klang. Da fragte ich mich bestürzt, ob etwa alle Bewohner meines einstigen Heimatdorfes so unfreundliche Zeitgenossen sind und was sie dazu gemacht hat. Haben 40 Jahre SED-Herrschaft ausgereicht, um Menschen in ihrem Verhalten derart zu verbiegen?

Nachdem ich dann die „gute Stube“ betreten hatte, glaubte ich im ersten Moment, dass sich darin seit unserem Fortgang aus Thiessow im Jahre 1954 kaum etwas verändert hatte, die Möbel standen jedenfalls noch an derselben Stelle. Die Zeit schien in diesem Raum tatsächlich stehen geblieben zu sein. Und nicht nur die Zeit. Das einzige, was darauf schliessen liess, dass in diesem Zimmer die Neuzeit dennoch Einkehr gehalten hatte, das war ein übergrosser, allerneuester Farbfernseher. Als ich näher in den Raum getreten war, fiel mein Blick auf eine uralte, in sich zusammen gesunkene Frau (die jedoch ungefähr 10 Jahre jünger war als meine 90jährige Mutter), der es offensichtlich sehr schwer fiel, sich im Sessel aufrecht zu halten. Nein, in dieser Frau hätte ich die von mir einst so vertraute Ersatzmutter nicht wieder erkannt. Hanni erkannte mich auch nicht, sie war offensichtlich sehr krank, sprach zwar zu mir, doch so leise und so undeutlich, dass ich sie kaum verstehen konnte. Es gelang mir bis zum Schluss meines Kurzbesuches nicht heraus zu finden, ob sie sich an den damals 14jährigten blonden Buben zu erinnern vermochte. Arme Hanni. Sprach Hanni also mehr flüsternd und kaum noch verständlich, so waren Sprache und die Körperhaltung ihres Sohnes (das war der Mann, der mich nur widerwillig ins Haus gelassen hatte) laut und unmissverständlich: Er stand kalt, abweisend, misstrauisch, immer unfreundlicher werdend an der Seite seiner Mutter, in meiner Wahrnehmung verkörperte er das reale Abziehbild eines jener „Aufpasser“, wie sie nur in totalitären Gesellschaften und eben auch in der ehemaligen DDR anzutreffen waren. Er erlaubte mir nicht, Hanni zu fotografieren. Meine Mutter hatte mich so sehr um ein Foto von ihrer einstigen Freundin gebeten. Der Sohn war offensichtlich fest davon überzeugt und sprach das sogar mehrfach aus (ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen), dass ich vom bundesdeutschen Geheimdienst geschickt worden sei, um Hanni und ihn auszuspionieren. Das war nun nicht mehr zum Lachen, es war absurde, bittere deutsche Wirklichkeit in einem kleinen Ostseedorf zehn Jahre nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung. So ging ich auch aus diesem Haus und konnte mir nicht vorstellen, dass die beiden Deutschlands sich jemals wieder liebend und überglücklich in den Armen liegen werden. Und dennoch hoffe ich bis heute, dass es nachfolgenden Generationen von „Ossis“ und „Wessis“ gelingen möge, aus diesem Konflikt heraus zu finden und eines Tages wirklich wieder zu einem vereinten Volk zusammen wachsen zu können. Meine Skepsis war allerdings nach der Begegnung mit Hanni und ihrem Sohn weitaus grösser als meine Hoffnung. Ich verliess dieses düstere Haus noch trauriger als das Haus von Manfred, abermals um eine Illusion ärmer.

Da gab es aber (aller guten Dinge sind drei) noch einen Menschen in Thiessow, dem ich, obwohl ich wusste, dass er schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilte, unbedingt die Ehre erweisen wollte. Es war der Mann, der mir sechsjährigem Knaben zunächst den ersten Klavierunterricht erteilte, mich dann etwas später auch noch in die Kunst des Geigenspiels einführte. Von Haus aus war er also Geiger, er konnte nur leidlich Klavier spielen – und war dennoch ein begnadeter Klavierpädagoge. Wie er es fertig brachte, mich so weit zu bringen, dass ich nach nur einem Jahr Unterricht bereits mehrere recht anspruchsvolle Clementi-Etüden und Sonatinen von Schubert fast fehlerfrei zu spielen vermochte, das ist mir bis heute ein Rätsel.

Vielleicht hätte aus mir tatsächlich ein guter Pianist werden können, wenn, ja wenn meine Mutter (die eine vorzügliche Klavierspielerin war) genau das nicht immer wieder von mir verlangt hätte. Als sie mein Talent entdeckt und bemerkt hatte, wie rasch und mühelos ich durch den Unterricht bei meinem Lehrer Fortschritte machte, da beschloss sie, künftig mein tägliches Üben streng zu überwachen. Und so sass sie dann beim Üben neben mir vor dem Flügel, in der rechten Hand eine lederne Hundepeitsche und schlug mich, sobald ich einen Takt nicht richtig ausgezählt oder auf der Tastatur daneben gegriffen hatte, mit eben dieser uralten, längst zerfledderten Hundepeitsche auf meine kleinen Hände. Den zwar nicht sehr grossen, doch wahrnehmbaren physischen Schmerz in meinen Händen, den konnte ich gerade noch ertragen, nicht jedoch die grosse Demütigung und den tiefen Schmerz in meiner verwundeten Kinderseele. Dieser Schmerz war umso grösser, da er mir von einer Frau zugefügt worden ist, die mir sonst eine gute und fürsorgliche Mutter war und mir eine glückliche Kindheit geschenkt hatte. Die Pädagogik meiner Mutter unterschied sich eben doch sehr von jener meines von mir geliebten und verehrten Lehrers: Er lehrte aus Liebe zur Musik, meine Mutter aus dem Ehrgeiz heraus, aus mir unbedingt einen Pianisten machen zu wollen.

Das führte dazu, dass ich eines Tages, als meine Mutter wieder einmal für zwei Tage verreist war, heimlich in die Werkstatt meines Grossvaters schlich, um mir von dort eine Axt zu holen. Ich war fest entschlossen, den schwarzen Bechstein-Flügel, das vermeintliche Corpus delicti meiner pianistischen und körperlichen Leiden zu zerhacken. Als ich kraftvoll zum ersten Schlag ausholen wollte, da hielt mich eine unsichtbare Hand zurück, ich glaubte sogar in mir eine sehr tiefe, wohlklingende Stimme zu hören, die da sprach: „Willst Du, Axel Michael, willst du wirklich dieses schöne Instrument zerstören, nur weil deine Mutter so streng zu dir ist? Was kann der arme, so schöne Flügel dafür, dass es so ist? Was hälst Du denn davon, wenn Du einfach mehr übst, besser die Takte auszählst? Probiere das doch einmal aus“. Ob ich diese Stimme tatsächlich in mir gehört oder ob da allein mein schlechtes Gewissen so laut und unmissverständlich zu mir gesprochen hatte, ich weiss es nicht mehr. Fest hingegen steht, dass ich ziemlich beschämt und plötzlich auch sehr böse auf mich war, einen solchen barbarischen Akt der Zerstörung überhaupt in meinem Denken zugelassen und geplant zu haben. Also verzichtete ich auf diesen Klavier-Mord, brachte die Axt reumütig und ganz rasch wieder an ihren Platz zurück und folgte dem Rat der aus mir klingenden Stimme. Ich übte mehr, verzählte mich weniger, griff nicht mehr gar zu sehr daneben, meine Mutter hatte keinen Grund mehr (jedenfalls nur noch ganz selten), mich mit Peitschenhieben für Flüchtigkeiten beim Notenlesen und bei falschen Griffen auf der Tastatur zu bestrafen. Ein Pianist bin ich dennoch nicht geworden. Meine einst so grosse Lust am Spiel mit den weissen und den schwarzen Tasten war erst einmal verflogen, mit ihr war vor allem die Unbekümmertheit aus mir entwichen, die mich bis dahin befähigt hatte, in sehr kurzer Zeit doch recht weit in meinem Klavierspiel zu kommen. Und doch nahm ich etwas Positives aus dieser Zeit in mein heutiges Leben mit: Aus meiner durch die Strenge meiner Mutter verursachten Abneigung vom Blatt zu spielen erwuchs in mir die Fähigkeit und die grosse Lust zur Improvisation, so dass ich bereits seit über vierzig Jahren zu Lesungen oder auf anderen Events immer häufiger auch als Pianist auftrete, der seine „imaginären Kompositionen“ spontan, also quasi aus dem Bauch heraus holt und so zum Erklingen bringt und damit viele Menschen zu erfreuen vermag. Diese Fähigkeit und alles, was damit verbunden ist, das verdanke ich vor allem jedoch meinem wunderbaren Klavierlehrer Hans Willi Busch (der doch nur ein Geiger war) im kleinen Fischerdorf Thiessow auf Rügen.

Ich sehe ihn noch genau vor mir, diesen seltsamen, so liebenswerten Mann. Er war eine imposante Erscheinung: Schlank, gross, ein etwas kantiges, feines Gesicht, aus dem mich jedes Mal zwei braune, lächelnde Augen anblitzten. Er war selbst beim Unterricht elegant gekleidet, wie es damals offensichtlich nur feine Herren aus der Stadt zu tun pflegten. Man bedenke: Wir schrieben das Jahr 1948, drei Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, es war eine Zeit der grossen Not und nicht die Zeit der Eleganz und der allerneuesten Mode, auf jeden Fall nicht in dem Fischerdorf Thiessow. Mein Klavierlehrer war der einzige Mann im Dorf, der einen Massanzug und darunter eine Weste aus schwarzer Seide trug, dazu stets eine Fliege (er besass mindestens ein Dutzend davon) am Hals über einem blütenreinen weissen Hemd. Und das jeden Tag. Mein Grossvater besass und trug auch einen schwarzen Anzug und eine silbergraue Weste und schwarze Krawatte, aber nur am Sonntag, zu christlichen Feiertagen, zu Familienfesten und zu Beerdigungen. Mein Klavierlehrer tauchte eines Tages als „Konzertmeister Hans Willi Busch“ wie aus dem Nichts in Thiessow auf, kein Dorfbewohner hatte jemals erfahren, wer er wirklich ist und woher er gekommen war, selbst meiner Mutter, die ihn recht bald als einen Freund der Familie willkommen hiess, vertraute er sich nicht vollends an. An seiner Sprache war seine Herkunft nicht eindeutig ablesbar, da er mal etwas operettenhaft „sächselte“, dann auch plötzlich auf ergötzliche Weise „berlinerte“, sich ansonsten aber stets sehr grosse Mühe gab, ein akzentfreies, überdeutliches Hochdeutsch zu sprechen, gerade so, als wolle er tatsächlich seine Herkunft ein wenig verschleiern. Es umgab ihn von Anfang an ein Geheimnis, das ihn für die Dorfbewohner einerseits interessant machte, auf der anderen Seite aber dazu führte, dass sie dem Fremden doch nicht so recht trauten und ihm daher stets mehr Misstrauen als jemals Freundschaft entgegen brachten: Man konnte ja nie wissen…

Er kam als ein Fremder und blieb ein Fremder im Dorf. Er war plötzlich einfach da, erschien also eines Tages auch in unserem Haus, um sich vorzustellen. Seit dieser ersten Begegnung kam Hans Willi Busch dann einmal in der Woche zu uns, um mit meiner Mutter Kammermusik zu machen. Das hatte bei uns eine längst eingespielte Tradition, denn bereits seit vielen Jahren kamen einmal im Monat zwei Berufsmusiker am Wochenende in unser Haus, ein Geiger und ein Cellist vom Greifswalder Theater, um mit meiner Mutter, die eine virtuose Klavierspielerin war, gemeinsam und sehr intensiv zu musizieren. So wurde aus dem kammermusikalischen Trio nun also ein hochkarätiges Quartett und ich kam in den Genuss, auch weiterhin Bekanntschaft mit den schönsten Sonaten für Klavier, Geige und Cello von Haydn, Beethoven, von Schubert und Mozart zu machen. An einem dieser Kammermusikabenden wurde dann auch beschlossen, dass mir Hans Willi Busch recht bald Klavierunterricht erteilen werde, natürlich über meinen Kopf hinweg, wurden doch zu jener Zeit Kinder nicht nach ihrer Meinung gefragt. Mein künftiger Klavierlehrer lebte in einem sehr schönen, eigelbfarbenen Haus am Rande des Dorfes in der Nähe des Südstrandes, das einer nicht ganz unvermögenden und sehr schönen Witwe gehörte, die mir jedes Mal, wenn ich zum Unterricht erschienen war, selbst gebackene, zuckersüsse Kekse reichte und mir zärtlich über das Haar strich und mich mit sehr freundlichen Worten bedachte. Ich schloss dann jedes Mal verzückt die Augen und schwelgte in allerhöchstem Glück.

Das verwunschene Haus dieses seltsamen Paares war von mehreren Dutzend herrlichster Rosenstöcke, von gewaltigen Oleander-und Brombeersträuchern dicht umsäumt. In einem solchen Haus, so dachte ich, musste Dornröschen einst gelebt und von einem Prinzen erlöst worden sein. Es sah so aus, als hätte die Natur (oder ein Gärtner vor langer Zeit) einen unüberwindbaren Ring aus dornigem Grün um das Haus gelegt, um es vor Eindringlingen, vor allem jedoch vor den harten und stürmischen Winden vom Meer her zu schützen. Des Meisters unübersehbares Markenzeichen war, neben seinen eleganten Anzügen und einem roten Seidenschal mit kleinen weissen Pünktchen darauf, eine schwarze Wagner-Kappe aus Samt, die er überall und stets auch im Hause trug, ich kann mich nicht daran erinnern, ihm jemals ohne seiner Wagner-Kappe begegnet zu sein. Ja, ich habe ihn geliebt und verehrt. Was ich heute dem Pianoforte zu entlocken weiss (ich habe es bereits erwähnt), das verdanke ich allein ihm. Ich wusste natürlich, dass ich ihn nicht mehr antreffen werde, wollte mich aber seinem einstigen Hause, in dem meine kleine pianistische Vergangenheit ihren Anfang und zugleich auch ihr Ende gefunden hatte zumindest soweit nähern, um mich für einen winzigen Augenblick in jene Zeit zurück zu versetzen, die zu den schönsten Zeiten meines Kinder-Lebens in dem kleinen Fischerdorf Thiessow gehören. Aber der Zauber von einst war dahin, das schöne gelbe Haus existierte nicht mehr, jedenfalls nicht so, wie ich es einst wahrgenommen hatte. Meinen von Rosen, Oleanderbüschen und Brombeersträuchern umrahmten Zauberweg zum Haus hin, auch ihn gab es nicht mehr, das leuchtende Gelb des Hauses war verblichen, die einstige prächtige Dorfvilla aus der Gründerzeit hatte sich in ein hässliches DDR-Haus verwandelt, stand kalt und seelenlos da, was mich sehr traurig machte. Ich war dennoch glücklich darüber, dass ich diesen Ort aufgesucht hatte, konnte ich mich doch nun vor Ort von meinem Lehrer verabschieden. „Adieu, Hans Willi Busch, Du geheimnisvoller Mann mit der schwarzen Wagner-Kappe, der einst wie aus dem Nichts in unserem Dorf aufgetaucht war. Ich hatte Dir im Jahre 1965 eine Ansichtspostkarte aus Zürich geschrieben, über die Du Dich, wie ich hörte, sehr gefreut haben sollst. Ich musste aber auch zu meinem Kummer hören, dass Du ein Jahr nach dem Erhalt meines Kartengrusses aus der Schweiz gestorben bist. Ich hätte Dir von Herzen gewünscht, die Wiedervereinigung noch erleben zu dürfen (auch wenn da noch so einiges im Argen liegt), gewiss hätten wir uns dann noch einmal in die Arme schliessen können. Wie gern auch hätte ich Dir eines meiner Chansons vortragen und Dir Dank dafür sagen wollen, dass Du und vor allem wie Du in mir die Liebe zur Musik und zum Musizieren geweckt hast, eine Liebe, die bis heute in mir lebt“.

Ein paar Tage später wieder in Hamburg angekommen, noch immer irritiert durch die Absurdität meiner Erlebnisse im Dorf meiner Kindheit, ausgelöst vor allem durch die Begegnungen mit meinem einstigen Spielkameraden Manfred und Hanni, schrieb ich mein Chanson „Die unsichtbare Mauer“. Der Text und die Musik dazu, beides schrieb sich eigentlich von allein, es musste einfach alles heraus aus meinem Kopf und aus meinem weinenden Herzen.

In diesem Land stand
einst eine Mauer
Kalt, hoch, unüberwindbar
In ihrem Schatten
lauerte der Tod
Und die Erde um sie herum
war getränkt von Menschenblut,
ganz rot, ganz rot

Diese Mauer
zerstückelte Deutschland
grausam und viele Jahr
in Ost und West
und…

… nun, den Rest,
den kennt ihr ja
Und diese Mauer,
sie steht unsichtbar
noch immer da
wenn auch nicht mehr dort,
wo sie einst zu finden war

Das betrübt mich sehr
und macht das Herz
mir schwer,
macht mir das Herz
so schwer

Und noch einmal wandern in diesem Moment, von Wehmut begleitet, meine Gedanken zurück nach Thiessow, in das Dorf meiner Kindheit, das nach unserer „Republikflucht“ in meinen Erinnerungen von Jahr zu Jahr immer schöner und noch schöner geworden war und das sich, wie ich es im September 1999 so schmerzlich erfahren musste, so sehr verändert hatte: Die grosse Wiese, in jedem Sommer ein duftendes Farbenmeer aus tausenden goldgelber Butterblumen, zierlichen Gänseblümchen, aus kräftigem Löwenzahn und gut schmeckendem Sauerampfer, diese Wiese war einst das Herzstück des Dorfes. Sie wurde, wenn sich der Herbst einstellte und es längere Zeit geregnet hatte, regelmässig ab Ende November zu einer riesengrossen Pfütze. Wenn dann zwischen Dezember und März Frost und Schnee gnadenlos über das Dorf herfielen, dann legte sich auf die flache Pfütze eine dicke, feste Eisdecke, auf der wir Kinder dann begeistert Schlittschuh liefen und „Pik-Schlitten“ fuhren.

„Pikschlitten“, das ist ein etwa zwanzig Zentimeter hoher, achtzig Zentimeter breiter und 120 Zentimeter langer Schlitten aus Holz mit scharfen, eisernen Kufen, hatte einen „Bug“ (wie ein Schiff) und auch ein Heck, das nach hinten in der Mitte zu einem Halbrund ausgebuchtet war. Zu beiden Seiten dieser Ausbuchtung war genügend Platz für die Füsse dessen, der sich mit Hilfe eines Pikhakens (lange Holzstange mit einer eisernen Spitze) fortbewegen wollte. Diesen Pikhaken führte man mit beiden Händen zwischen seinen Beinen auf das Eis, stiess sich also vom Eis ab, um in Fahrt zu kommen. Je grösser die Muskelkraft, je ausgefeilter die Geschicklichkeit und stärker der Rückenwind, desto grösser war die Geschwindigkeit, die man erreichen konnte. Diese für uns Kinder und Jahr für Jahr im Winter zum grössten Spielplatz werdende Wiese, um die sich die Strasse in Hufeisenform rund um das Dorf schlängelte und die von Kastanienbäumen umsäumt war, all das war nun dicht besiedelt durch viele kleine schmucke Einfamilienhäuser, quasi als Ergebnis eines Wunders, das man auf den Namen „Wiedervereinigung“ getauft hat.

Die dickleibigen, alten Kastanienbäume, die bereits damals in meiner Kindheit etwas über Hundert Jahre „auf dem Buckel“ hatten, das einstige Markenzeichen des Dorfes über viele Generationen und Schutzmauer gegen kalte Winterstürme, alles einfach brutal gefällt, vom Dorfeingang bis zum Dorfausgang Richtung Klein-Zicker. Das Dorf meiner Kindheit hatte gewiss und bereits vor der Wende sein mir einst so vertrautes Gesicht und seine Unschuld verloren, hatte dann (nach Öffnung der Mauer) auch noch seine Seele verkauft an die Moderne und an die kapitalistische Welt. Und das neue Leben in Thiessow, es hatte nichts, gar nichts mehr mit meinem Leben von einst in diesem schönen Dorf von damals zu tun. Unbeschwerte Kindheit, lichtvolle Vergangenheit, alles hinweg gefegt von einem auf abstrakte Zukunft ausgerichteten Gesellschafts-System, das seine Gegenwart niemals „in den Griff“ bekommen hatte. Und das durchgängig bis an sein Ende. Also musste die DDR untergehen. Doch keine Tyrannei, kein noch so menschenfeindliches Regime vermag in der Erinnerung auszulöschen, was sich zuvor unter besseren Bedingungen im Bewusstsein eines Kindes eingewurzelt hat. Ja, es war einmal…

Meine so düstere, mein Gemüt auch heute noch belastende Einschätzung des einstigen SED-Staates wurde mir bei meinem bisher einzigen Besuch auf Rügen auch noch durch ein Erlebnis der ganz besonderen Art bestätigt: Ich hatte für drei Nächte ein Zimmer im Hotel „Haus Mönchgut“ in Thiessow gemietet, in eben jenem Haus, das damals (zwischen 1943 bis 1953) von meiner Mutter und meinem Grossvater auch schon als Hotel und später als Sommer-Pension geführt wurde und in dem ich eine glückliche Kindheit erleben durfte (ich hatte dieses Haus bereits mehrfach erwähnt). Ich begab mich also von dort aus an einem Samstagvormittag auf eine kleine Fahrradtour, die mich zunächst nach Gager führte, einem damals aus nur wenigen Häusern bestehenden Dörfchen, in dem sich eine so genannte Zentralschule befand, die wir Kinder aus Thiessow, aus Klein-Zicker und aus Gross-Zicker nach Abschluss der vierten Klasse in den jeweiligen Zwergschulen unserer Dörfer besuchen mussten. Ich fand das Gebäude nicht, es war wohl nicht mehr vorhanden, für mich jedenfalls nicht auffindbar.

Auf dem Rückweg nach Thiessow, es war so um die Mittagszeit und ich hatte mich längst damit abgefunden, meine alte Schule nicht mehr finden zu können, da entdeckte ich plötzlich ein über die Strasse gespanntes, nicht zu übersehendes Transparent mit der Aufschrift: „50 Jahre Zentralschule Gager“. Ich hatte dieses Transparent am Morgen bei der Hinfahrt offensichtlich übersehen. Es kann aber auch sein, dass es erst später angebracht wurde. Wie auch immer. Das Schicksal schien mir gnädig zu sein, denn bereits nach wenigen Minuten stand ich zu meiner grossen Verwunderung vor einem sehr schönen Fachwerkhaus mit Reetdach, vor dem und in dem ein reges Treiben herrschte. Ich sprach eine junge Frau an, die wie eine Lehrerin aussah und fragte höflich, was das bunte Treiben an diesem Samstag denn zu bedeuten habe. Sie erklärte mir (ich hatte mich nicht getäuscht: es war eine Lehrerin), dass an diesem Samstag die Zentralschule Gager mit einem „offenen Tag“ ihr 50jähriges Jubiläum feiert, ich könne, wenn ich denn wolle, an den Feierlichkeiten gerne teilnehmen, ich sei auf jeden Fall herzlich eingeladen. Ich bedankte mich artig und fragte, was denn aus der „alten Zentralschule Gager“ geworden sei, aus jenem Gebäude, in dem ich einst als Schüler zwei Jahre mal glücklich, mal weniger glücklich ein und ausgegangen war. Sie schaute mich erstaunt an und erklärte mir, wobei ihre Stimme, so schien es mir, plötzlich etwas hart und abweisend wurde, dass dieses Haus schon immer die Zentralschule Gager gewesen sei und es ein anderes Schulgebäude in dieser Gegend niemals gegeben habe. Ich musste mich mit dieser Antwort wohl begnügen, mich dabei fragend, ob ich mich vielleicht doch getäuscht und das alles überhaupt nicht erlebt hatte, was sich in meinen Erinnerungen und in meinem Bewusstsein so fest verankert hatte. Ich beschloss, auf jeden Fall an den „Feierlichkeiten“ teilzunehmen, denn ein solcher Tag und eine solche Gelegenheit, überraschend in meine schulische Vergangenheit (selbst in einem anderen Gebäude) doch noch eintauchen zu können, das wird, so sprach ich mir Mut zu, ganz gewiss kein zweites Mal wieder auf mich zukommen. Nachdem ich zunächst darum bemüht war, die mir fremde Gegenwart mit der mir einst so vertrauten Vergangenheit in Einklang zu bringen und mich ein wenig verwirrt, jedoch auch sehr neugierig auf dem fast schon parkartigen Gelände umgesehen hatte, begab ich mich dann ins Innere des wie aus dem Ei gepellten Schulgebäudes. Es war im Vergleich zur „echten“ Zentralschule wirklich ein Prachtbau, denn die von mir einst besuchte Zentralschule von damals war nur eine graue Baracke. Im Foyer dieses neuen Hauses stand ich plötzlich vor mehreren langen Tischen, auf denen fein säuberlich und nebeneinander die Klassenbücher aus mehreren Jahren und Jahrgängen ausgelegt waren. Ich Glückspilz, ich wollte die Gunst der Stunde nutzen. Heute frage ich mich, ob es nicht klüger gewesen wäre, wenn ich darauf verzichtet hätte.

Warum?

Nun, es erwartete mich etwas, worauf ich tatsächlich nicht vorbereitet war. Nach kurzem Suchen fand ich die Schulbücher aus jenen beiden Jahren, in denen ich Schüler der alten Zentralschule Gager gewesen war. Ich blätterte darin, suchte und suchte meinen Namen. Und fand ihn nicht. Ich blätterte abermals in den Büchern herum, ganz konzentriert, ging aufmerksam Buch für Buch und Seite für Seite durch. Nichts, abermals keine Spur von mir. Es war, als hätte es mich in dieser Schule und in den Klassenbüchern überhaupt nicht gegeben. Ich wurde langsam nervös. Als ich dann allerdings auch noch die Namen zweier Mitschüler nicht finden konnte, deren Familien damals ebenfalls die DDR verlassen, also „rüber gemacht“ hatten, da fiel mir plötzlich auf, dass nicht nur die Klassenbücher aus meinen zwei Jahren, sondern alle ausgelegten Bücher (bis ins Jahr 1966) sorgfältig mit grüner Tinte in Süterlin und mit derselben akkuraten Handschrift geschrieben worden waren. Da endlich machte es in mir „klick“, das also war die Erklärung: Man hatte (wer, die Partei, die immer recht hatte?) ganz einfach die Namen all jener Schüler in den Klassenbüchern „verschwinden“ lassen, die mit ihren Eltern den ersten sozialistischen deutschen Arbeiter - und Bauernstaat bereits in den Anfängen verlassen hatten. Und damit alles echt und ordentlich aussehen musste (weg radieren oder ausstreichen wäre zu auffällig und auch verräterisch gewesen), hatte man, so versuchte ich mir diesen raffinierten Fälschungsakt zu begründen, wohl einen pensionierten Lehrer damit beauftragt, für die DDR-Nachwelt sauber geschriebene und regelmässig geführte Klassenbücher anzufertigen. So entstehen durch Fälschungen frisierte Wirklichkeiten und ehrbare Traditionen…

Ja, in der Kunst des Fälschens von Geschichte, von Dokumenten, von menschlichen Schicksalen und Biographien, da war die DDR-Führung samt ihrer Chargen bis zum bitteren Ende (der Wende) wahrlich meisterhaft. Der Zusammenbruch der DDR erklärt sich – neben vielen anderen politischen und wirtschaftlichen Fakten – für mich auch daraus, dass die Partei schliesslich an ihren eigenen ideologischen Lügen erstickt ist. Muss ich dem Schicksal nicht dankbar sein, dass ich persönlich nur aus manipulierten Klassenbüchern verschwunden bin und nicht in einer der Folterkammern der Stasi?

Ich weiss nicht warum, aber während ich im vorhergehenden Absatz die letzte Zeile in meinen Computer getippt hatte, erinnerte ich mich plötzlich an ein Erlebnis aus meiner Schulzeit, das aber nicht als böser Traum, sondern als ein ganz besonders aufregendes, als ein positiv in mir widerhallendes Ereignis haften geblieben ist: Ich durfte als Junger Pionier, der bereits mehrfach mit dem Abzeichen „Für gutes Wissen“ ausgezeichnet worden war, im Jahre 1951 in Berlin an den Weltjugendfestspielen teilnehmen. Das war natürlich eine grosse Ehre für einen kleinen Pionier wie mich, mal gerade zwölf Jahre alt. Mein geliebter Klassenlehrer Zimpricht hatte mich vorgeschlagen, worüber er weder mit mir noch mit meiner Mutter zuvor gesprochen hatte. Es sollte eben eine Überraschung sein. Ich war sehr stolz und reiste zwar mit dem Segen, jedoch nicht unbedingt zur Freude meiner Mutter mit dem Zug von Stralsund aus nach Berlin, war sehr aufgeregt und voller Erwartung. Ich muss hier erwähnen, dass ich zu jener Zeit ein glühender Junger Pionier war (zum Entsetzen meines Grossvaters), dass ich Väterchen Stalin als den „grössten Feldherrn“, den „allergrössten Dichter“ und als den „einzigen friedliebenden Staatsmann der Welt“ verehrte, denn in all diesen hochkarätigen Disziplinen wurde er uns von einigen, meist jüngeren und parteitreuen Lehrern täglich ins kindliche Bewusstsein gemeisselt. Und so ganz nebenbei wurden wir dazu animiert, eher schon dazu verführt, neben Stalin auch noch andere Halb-Götter zu lieben und zu bewundern und das waren (neben einer Vielzahl noch kleinerer Götter) dann immer wieder Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht, die natürlich allesamt „Meister-Schüler“ von Väterchen Stalin waren. Auch diese Männer an der Spitze der gerade mal zwei Jahre alten Deutschen Demokratischen Republik wurden uns als edle Menschen geschildert, die nur von einer Passion besessen waren, nämlich Väterchen Stalin dabei zu helfen, nun auch im vom Faschismus befreiten Deutschland (zumindest in einer Hälfte) eine „bessere Welt“ zu errichten.

Das klang wie Musik in meinen Ohren. Diese „Gehirnwäsche“ funktionierte damals bestens, denn kindliches Gemüt, kindlicher Geist in seiner Unschuld, das ist der fruchtbare Acker, auf dem die Saat aller teuflischen Ideologien besonders gut gedeiht. Es hat dann noch viele Jahre gedauert, bis ich dieses so schön klingende „rote Märchen“ als Betrug erkannt und die Legende vom gütigen Väterchen Stalin durchschaut hatte. Jugend war und ist eben zu allen Zeiten leicht verführbar, die Verführer brauchen dazu lediglich ein paar schöne Bilder und die entsprechenden Worte und eine schmissige Musik ins Spiel zu bringen. Aber halt, ich muss an dieser Stelle etwas klarstellen: Wenn ich soeben von der „Saat teuflischer Ideologien“ sprach, so war das vielleicht doch ein wenig zu leichtfertig. Denn die Idee des Kommunismus halte ich keineswegs für teuflisch. Teuflisch waren (wenn ich es schon so sage) lediglich die Methoden, es war die Art und Weise, mit der Stalins deutsche übereifrige Handlanger die kommunistische Idee umzusetzen versuchten. Aber das ist ein Thema für sich. Da ich das alles zu jener Zeit aber noch nicht durchschaut hatte, war meine Freude auf die Weltjugendfestspiele in Berlin natürlich riesengross. Bereits während der Anreise am 3 August 1951 malte ich mir in den buntesten Farben genüsslich aus, was ich während der Festspiele so alles erleben werde und was ich meinen Freunden nach meiner Rückkehr dann voller Stolz erzählen kann über meinen ersten grösseren Ausflug (und ganz allein) in die so unendlich weite Welt: Berlin, die Hauptstadt der „DDR“, das war doch für uns Dorfkinder (einschliesslich der Erwachsenen) ein so ferner Ort, der auf einem völlig anderen Stern lag.

Weltjugendfestspiele und eine so grosse Reise antreten, das alles klang nach Abenteuer, versprach aufregende Begegnungen mit schönen Mädchen und lustigen Jungen aus der ganzen Welt. Und ich durfte als einziger Pionier aus meiner Schule und als einziger Junge aus Thiessow dabei sein. Ich glaube sogar, dass ich der einzige Junge Pionier von ganz Rügen gewesen bin, dem diese Ehre zuteil wurde. Aber beschwören kann ich das nicht. Welch unglaubliches Glück, was für eine grosse Ehre für einen Jungen Pionier. Ich muss gestehen, dass ich es weidlich genossen habe, von allen meinen Kameraden ob meines Glückes beneidet zu werden. Muss ich mich dessen schämen?

In Berlin angekommen, erwartete mich dort allerdings erst einmal eine grosse Enttäuschung. Aber der Reihe nach. Ich wurde von einer freundlichen und sehr schönen FDJ-Funktionärin überaus herzlich begrüsst, zunächst mit dem mir natürlich längst vertrauten und so leicht über die Lippen kommenden „Seid bereit, immer bereit“, dann, unerwartet, mit einer herzhaften Umarmung und zwei Küsschen links und rechts auf die Wange. Was mir sehr gefiel. Bevor mich diese Schönheit dann an einen nicht ganz so freundlichen, noch ganz jungen FDJ-Funktionär weiter reichte, händigte sie mir eine kleine, von Hand zusammen geheftete vierseitige Broschüre aus, in der ich mehrere Lieder mit Texten und Noten für Klavier entdeckte. Die schöne Funktionärin machte mich besonders auf das Lied „Im August blühn die Rosen“ aufmerksam, das extra, so sagte sie zu mir, für dieses grosse Fest der Freude entstanden sei (Text: Armin Müller, Musik: Günter Friedrich). Sie bat mich, die drei Strophen dieses Liedes samt Refrain unbedingt auswendig zu lernen, um es im grossen Chor der über hundert friedliebenden Nationen mitsingen zu können. Die erste Strophe lernte ich rasch: „Lasst heisse Tage im Sommer sein! Im August, im August blühn die Rosen. Die Jugend der Welt kehrt zu Gast bei uns ein, und der Friede wird gut und uns näher sein. Im August, im August blühn die Rosen“. Mir gefiel das Lied, alle drei Strophen fanden rasch Eingang in mein Ohr und liessen mein Pionierherz noch heftiger schlagen als zuvor. Der Refrain allerdings stiess in mir nicht auf Gegenliebe, ich empfand bereits die ersten beiden Zeilen albern: „Und es singt die Ukraine ihr blühendes Lied und Jungafrika lacht in der Sonne“. Das zur Hymne der Spiele. Nachdem sich die schöne FDJ-Funktionärin liebevoll von mir verabschiedet hatte (abermals mit zwei Küsschen links und rechts auf die Wange) nahm mich dann der bereits erwähnte FDJ-Funktionär unter seine Fittiche, das heisst, er überreichte mir eine grosse blaue Stofftasche, in der sich ein fast 30 Zentimeter langes Graubrot, eine Ein-Liter-Flasche Wasser, eine Dose Blutwurst (ich glaube mich erinnern zu können, dass es 250 Gramm waren), ein blaues Handtuch und eine kleine, graue Wolldecke befanden. Schliesslich drückte er mir noch einen kleinen Zettel in die Hand, auf dem die Adresse meines „Hotels“ vermerkt war und verabschiedete sich dann überraschend doch recht freundlich von mir. Nun nahm sich ein anderer Funktionär meiner an und führte mich (zusammen mit weiteren fünfzig, sehr aufgeregten Jungen Pionieren) nach kurzer S-Bahn-Fahrt zu diesem Hotel irgendwo in der Nähe vom Alexanderplatz.

Hotel?

Das „Hotel“ war ein gewaltiges, zweieinhalb Meter hohes, etwa zwanzig Meter langes und sechs Meter breites, schmutzig-grünes Zelt, aufgestellt im sonnenlosen Innenhof dreier grosser Mietshäuser, die sich von ihren „schweren Kriegsverletzungen“ noch nicht so recht erholt hatten. Das also sollte der von mir und anderen Pionieren so heiss ersehnte Auftakt zum „Abenteuer Weltfestjugendspiele“ in Berlin sein? Es war ernüchternd und deprimierend: Von meinem schönen Thiessow direkt ins kalte Herz brutaler Hässlichkeit inmitten von noch immer nicht beseitigten Ruinen („Auferstanden aus Ruinen), ein Albtraum, ich konnte es nicht fassen. Im Zelt befanden sich etwa 60 Schlafstellen. Diese Schlafstellen erwiesen sich als simples, in etwa zehn Zentimeter hohen Holzgestellen verstreutes Stroh, auf dem pro Pionier jeweils eine grosse graue Wolldecke als Unterlage und eine zusammen gelegte, kleinere Decke als Kopfkissen gelegt worden waren. Die uns zuvor ausgehändigte Decke war also unsere Zudecke. In der Mitte des Zeltes befand sich eine Sperrholzwand, die uns Jungen von den Mädchen trennte. Uns standen drei provisorische Duschen (aus denen nur kaltes Wasser tröpfelte) und vier ebenso provisorische Toiletten zur Verfügung. Wir haben aber alles überlebt, wozu gewiss auch die von Stunde zu Stunde grösser werdende Vorfreude auf die Eröffnungsfeier am 5. August 1951 im Walter-Ulbricht-Stadion erheblich beigetragen hatte. Das Schicksal hat es mir allerdings verwehrt, dieses so heiss herbei gesehnte und dann auch gigantisch begonnene Spektakel im allerschönsten Sonnenschein bis zum Ende des Tages miterleben zu dürfen, da ich bereits nach etwa drei Stunden ohnmächtig geworden bin und irgendwann einmal in einem Rettungswagen erwachte. Ich vermute heute, dass ich ohnmächtig geworden bin, weil ich zu wenig gegessen und getrunken hatte.

Nachdem ein junger Arzt sich davon überzeugt hatte, dass bei mir alles wieder in Ordnung sei, durfte ich gehen, wurde jedoch gebeten, mich lieber in meinem Wohnzelt ein wenig auszuruhen anstatt ins Stadion zurück zu kehren. Was ich auch tat. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht ahnen, dass ich zwei Tage später nach einem für mich grossen Erlebnis abermals in eine lang anhaltende Ohnmacht fallen werde. Keiner von uns wusste und es hatte uns auch keiner zuvor gesagt, dass das grosskalibrige Graubrot, die 1-Liter-Wasserflasche sowie die Dose Blutwurst unsere einzige Verpflegung für fünf Tage sein sollte. So gesehen war sowohl meine erste als auch meine zweite Ohnmacht kein Zufall.

Zwischen mehreren Veranstaltungen nutzte ich jede freie Minute, um mir mit wachen Augen die Hauptstadt der DDR genau anzuschauen, schliesslich wollte ich doch meinen Freunden und Kameraden nach meiner Rückkehr erzählen, was alles ich erlebt habe. Ich ging durch eine Stadt der Ruinen und der nur notdürftig beseitigten Schäden, die der Krieg hinterlassen hatte. Da begriff ich, ein Kind von 12 Jahren, was Krieg ist, was Kriege anrichten. Ich war erschüttert und musste weinen. Ich ging durch Strassen und Stadtteile, die notdürftig wieder instand gesetzt waren, in denen es vereinzelt aber dennoch ein wenig „glitzerte“ und in denen sich mit kleinen Schritten ein ganz „normales Leben“ nach dem Krieg abzuspulen begann. Wie ich erst später erfuhr, hat sich die DDR das Aufpolieren und das Frisieren der zerbombten Stadt (also den Ost-Sektor) für diese Jugendfestspiele einige Millionen kosten lassen, wollte die SED der Welt doch zeigen und auch beweisen, dass die kommunistische Gesellschaft in diesem neuen Deutschland dem dekadenten Westen in allen Belangen haushoch überlegen sei. Welch törichter, welch fataler Irrtum. Der weitere Verlauf der Geschichte auf dem Territorium der DDR brachte die Wahrheit 1989 schliesslich ans Licht: Das vierzigjährige Gastspiel der DDR auf deutschem Boden scheiterte ganz einfach an der Unfähigkeit eines Regimes, eine gute Idee auch in eine gute Tat umsetzen zu können. Somit ist dieses absurde Kapitel in der intensiven Nachbetrachtung auch nichts anderes als ein ebenso trauriger wie dummer Treppenwitz in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Aber ich halte mich ja noch bei den Weltjugendfestspielen im August 1951 auf: Ich sah nicht viele Autos, aber dafür viele von Pferden gezogene, mit Holzkisten, Tonnen, Koffern und Strohballen voll beladene Leiterwagen und etwas in die Jahre gekommene Strassenbahnen und S-Bahnen. Ich begegnete täglich abertausenden deutschen Jungen Pionieren und ausländischen Jugendlichen, die Fähnchen schwingend und laut singend durch die Strassen marschierten, bestaunte Tanzgruppen mit schönen Mädchen in bunten Kostümen aus der Sowjetunion, aus Ungarn, Griechenland, aus afrikanischen und asiatischen Ländern, ich erblickte zum ersten Mal in meinem Leben Menschen mit schwarzer, gelber und brauner Hautfarbe und ich sah auch zum ersten Male gross gewachsene, bärtige Männer in bunten Röcken, die Kniestrümpfe mit Kordeln trugen und putzige Zipfelmützen auf dem Kopf, die auf mir bislang unbekannten Instrumenten eine seltsame Musik machten. Es waren schrille und sehr laute Töne, die mein bisher durch Beethoven, Schubert und Mozart musikalisch geschultes Ohr ein wenig beleidigten. Es waren schottische Dudelsackpfeifer (denen ich heute sehr gerne zuhöre). An einem anderen Tag hatten auf einem grossen Platz in Pankow ein gewaltiger russischer Armee-Chor (alles nur Männer) und eine gemischte Tanzgruppe mit aufregend schönen Mädchen Stellung bezogen, um uns mit ihren so schön-traurigen Liedern und aufregenden Volkstänzen zu erfreuen. Ich bestaunte die Stimmkraft des gut 100kehligen Chores, in dem es von Solisten mit herrlichsten Stimmen nur so wimmelte. Es waren zumeist Bässe und Baritone, die mich bereits mit „Stenka Rasin“, den „Wolgaschiffern“ und anderen Herztönen in rauschartige Verzückung versetzten. Den Vogel schoss ein Tenor ab, dessen „Kalinka“ noch heute in meinen Ohren klingt. Ich habe nach ihm nie wieder einen Tenor gehört (einschliesslich Pavarotti), der das hohe C so lange und so schön im Ton halten konnte wie dieser namenlose Tenor an einem Tag im August 1951. Und ebenso bestaunte ich die Leichtigkeit und Akrobatik, mit der die Tänzer in schicken Uniformen und in schwarzen Lederstiefeln und traumhaft schönen Tänzerinnen zu wilder Musik aus dem Akkordeon auf dem Asphalt tanzten. Dass die meisten Russen tanzen und auch besonders gut singen können, dass hatte ich bereits in jener Zeit erfahren, als russische Kriegsgefangene (Fremdarbeiter) in unserem Garten ihre so traurigen Lieder gesungen und als ein wilder Trupp der Roten Armee im Mai 1945 in meinem Heimatdorf Thiessow direkt vor unserem Haus Halt machte und das Hotel meiner Mutter kurzerhand zu seinem Hauptquartier auf unbestimmte Zeit ernannte. Über diese erste höchst dramatische Begegnung mit russischen Soldaten werde ich noch ausführlich berichten. Wohin ich während der Weltfestspiel der Jugend 1951 in Ost-Berlin auch ging, in sämtlichen Gassen, in allen Strassen und auf allen Plätzen, überall wehten tausende blaue und rote Wimpel, bunte Fähnchen, aufgeplusterte blutrote Fahnen und Nationalflaggen aus aller Herren Länder im frischen Augustwind. Und auf grossformatigen Plakaten erblickte ich auch immer wieder das mir damals so vertraute, ach so gütige Gesicht des von mir verehrten Väterchen Stalin, von etwas kleineren Plakaten auf Transparenten und an Häuserwänden befestigten Plakaten schauten Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Walter Umbricht und viele andere, mir unbekannte Parteigrössen streng auf mich herab. Nach der pompösen Auftaktfeier im überfüllten Walter-Ulbricht-Stadion geriet ich kurzfristig in ein Sinn-und Motivationsvakuum: Die zunächst freudige Pflicht-Teilnahme an mehreren kleinen und auch an einigen grösseren Kundgebungen mit fröhlichem Fähnchenschwingen zu forschen DDR-und bekannten russischen Revolutionsliedern, an gross inszenierten Musik-Film-und Tanzveranstaltungen ( da sah ich endlich hübsche russische Mädchen in wunderschönen Kostümen und mit langen Zöpfen), die „innige“ Verbrüderung mit russischen Offizieren und einfachen Soldaten, so sehr das alles mein Pionier-Herz auch heftiger schlagen liess, es konnte mich nicht darüber hinweg täuschen und schon gar nicht trösten, dass ich mich insgesamt allein gelassen fühlte. Wenn mich mein Mut verlassen hatte, vor allem nachts, da musste ich weinen, war vollkommen verzweifelt und einsam in dieser mir fremden, so grossen Stadt. Ich war aber nicht allein in meiner seelischen Not und in meinem Schmerz, es erging fast allen Jungen Pionieren so in unserem kalten Zelt. Und aus anderen Zelten vernahmen wir ähnliches, vor allem von deutschen Pionieren. Mitunter hatten wir sogar den Eindruck, dass man uns ganz einfach vergessen hatte. Um die vielen Gäste aus Afrika, aus Griechenland, aus Ungarn, aus Polen und vor allem aus der Sowjetunion kümmerte man sich hingegen sehr intensiv. Die mussten auch nicht (wie wir) in kalten Zelten nächtigen, sondern waren in Schulen, viele auch privat gut untergebracht oder schliefen sogar in richtigen Betten in fast schon wieder hergerichteten Hotels. Und sie speisten dazu wie richtige Menschen in richtigen Restaurants und waren des Lobes voll über die wundervolle, so überaus vielfältige und gut schmeckende deutsche Küche.

Ich darf das so erzählen, da ich das Glück hatte, zusammen mit zwei anderen Jungen Pionieren einmal von einem russischen Funktionär (es war ein Opernsänger, der gut Deutsch sprach) zu einem Abendessen in einem unzerstörten alten Ost-Berliner Restaurant eingeladen zu werden. Nie zuvor in meinem Kinderleben hatte ich in einem solchen herrschaftlichen Restaurant gesessen und gegessen. Ich fühlte mich beim Verzehr von diversen Köstlichkeiten in der Tat wie ein König und vergass für einen Moment mein trostloses Brot-und Wasser-Dasein im grossen kalten Zelt. Viel später erst war mir klar geworden, warum vor allem die Gäste aus der Sowjetunion so enthusiastisch über die deutsche Küche sprachen: Sie kamen aus einem Land, das zwar zu den strahlenden Siegern des 2. Weltkrieges zählte, in dem man aber offensichtlich noch immer nicht so gut essen konnte wie im zerbombten Ost-Berlin, der einstigen Hauptstadt des Verlierers. Wie gut für die Gäste aus der UDSSR, dass sie nicht wussten, wie gut und was man zu jener Zeit bereits in West-Berlin an Köstlichkeiten verzehren konnte.

Aber sonst?

Von wegen Völkerfreundschaft, von wegen Begegnung mit gleichaltrigen Jugendlichen aus aller Welt, von wegen Gedankenaustausch und innigliche Verbrüderung. Die naiven Träume eines jungen Pioniers und die Wirklichkeit, sie klafften weit, sehr weit auseinander. Mein Taschengeld war bereits nach drei Tagen „durchgebracht“, so dass ich auch nicht mehr mit Bus, mit Strassenbahn oder mit der S-Bahn fahren konnte. Wir hatten zwar gleich nach unserer Ankunft so etwas wie eine Wochenkarte erhalten, die uns berechtigte, alle öffentlichen Verkehrsmittel im Ostteil Berlins zu benutzen, doch als ich am dritten Morgen erwachte, war diese Wochenkarte weg. Da ich mir nicht sicher war, ob ich die Karte vielleicht selbst versiebt hatte, darf ich nachträglich auch nicht behaupten, dass man sie mir entwendet hat, denn unter jungen Pionieren wurde nicht geklaut.

Am fünften Tag wurde ich zu einem FDJ-Funktionär gerufen, der mir mitteilte, dass ich mit einigen anderen Pionieren an einer Grosskundgebung und auch an einem Marsch teilnehmen müsste, der uns an DDR-Ministern und an vielen Staatsmännern aus verschiedenen Nationen und an der FDJ-Spitze vorbei führen würde. Ich fühlte mich an diesen Tag bereits am frühen Morgen sehr elend, hatte mir offensichtlich eine Sommergrippe zugezogen und fieberte auch. Als ich mit kalten, steifen Gliedern nach fast schlafloser Nacht aus dem stickigen Zelt stolperte, da erschien mir die Welt da draussen nur noch grau und öde, ich hätte mich am liebsten wieder auf mein feuchtes Strohlager gelegt, um nie wieder zu erwachen und das Vorbeimarschieren an den Parteigrössen und Staatsmännern am liebsten sausen lassen. Doch meine Neugierde auf das angekündigte „Abenteuer“ war einfach zu gross, also entschied ich mich, trotzdem mit zu marschieren.. Als wir (ein Trupp von 60 Pionieren) schliesslich vor den aufgebauten Tribünen angekommen waren, auf denen die Staatschefs und Funktionäre winkend und freundlich lächelnd aufgereiht waren, da hörte ich plötzlich eine männliche Stimme meinen Namen rufen: „Ist hier ein Axel Michael Sallowsky?“

„Ja“, antwortete ich und hob meine Hand. Da kam ein FDJ-Funktionär plötzlich auf mich zu und sagte mir (es war schon mehr ein Befehl), dass ich ihm folgen solle, allein. Ich ging mit ihm und er brachte mich zu einer kleinen Gruppe, bestehend aus sechs Mädchen und (mit mir) sechs Jungen. Auf ein Zeichen setzte sich der kleine „Pionier-Zug“ in Bewegung und im Gleichschritt ging es vorwärts (dieses Wort “vorwärts“ lag sehr leicht auf den Lippen eines jeden FDJ-Funktionärs und aller SED-Grössen zu jener Zeit). Langsam näherten wir uns den Bonzen-Tribünen und plötzlich waren wir alle sehr aufgeregt. Was wird geschehen, was erwartet uns? Unser „Führer“ bat uns stehen zu bleiben und befahl, dass wir uns auf sein Kommando nach links umzudrehen hätten, zack, zack. Wir folgten seinen laut heraus geschrienen Anweisungen, blieben brav wie preussische Untertanen stehen und drehten uns dann auf ein Zeichen von ihm nach links, wie zuvor befohlen.

Mehrere mit vielen bunten Orden geschmückte alte Herren in Zivil und in schmucken Operetten-Uniformen aus der Sowjetunion, aus afrikanischen und asiatischen Ländern und auch jüngere FDJ-Funktionäre lächelten uns nun besonders freundlich zu, winkten mit roten und anderen farbigen Tüchern, beugten sich huldvoll zu uns hinab und streckten uns die Hände zum Freundschafts-Gruss entgegen. Wir alle waren gerührt, total verwirrt und auch geschmeichelt. Wir spürten, dass dieses „Begegnungsspiel“ eine hohe Auszeichnung für einen jeden von uns war. Einer der Herren (ich glaubte dessen Gesicht bereits einmal auf einem Foto in der Zeitung gesehen zu haben) hielt meine Hand recht lange fest, stellte mir verschiedene Fragen, die ich artig beantwortete. Er strich mir dann mit seiner Hand über den Kopf und sagte mit leiser, sehr melodischer Stimme zu mir: „Mein Junge, sei ein guter Pionier, Du kämpfst für eine grosse und schöne Idee, für den Frieden in der Welt, für Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen. Und wenn Du jemals ein Problem haben solltest, dann kannst Du jederzeit zu mir kommen!“ Dann ging ich weiter, andere Pioniere hinter mir kamen nun an die Reihe und in den Genuss, vielleicht auf ähnliche Weise begrüsst und geehrt zu werden. Als wir uns ein paar Schritte von den Tribünen entfernt hatten, fragte mich der noch recht junge, uns betreuende FDJ-Funktionär: „Weisst Du, wer da gerade mit Dir gesprochen hat?“ Ich schaute ihn verdutzt an und verneinte. „Es war Erich Honecker, unser Chef, in gewisser Weise“.

Ich weiss nicht, wie mein Gesicht ausgesehen haben mag nach dieser Aufklärung über die Person. Ich weiss aber, dass es mich (vor allem etwas später) mit grossem Stolz erfüllt hatte, vom Chef der FDJ begrüsst zu werden, ihm die Hand gereicht zu haben und von ihm persönlich so freundschaftlich angesprochen worden zu sein. Ja, es musste mich stolz sein lassen, denn zu jener Zeit, da war ich noch (ich habe das ja bereits mehrfach erwähnt) ein begeisterter, ja sogar ein „gläubiger“ Junger Pionier, der zwei Jahre später bitter weinte, als er erfuhr, dass Väterchen Stalin gestorben war. Was Erich Honecker da zu mir gesagt hatte, das klang so gut, so schön, das gefiel mir, das konnte ich verstehen. Und so nahm ich die Worte des obersten FDJlers auch sehr ernst.

Ein Wort zur „Stimme“ von Erich Honecker: Ich habe mich immer wieder gefragt, warum sich die Stimme eines Menschen im Verlauf seines Lebens so zu verzerren vermag wie bei Erich Honecker, soll sich doch gerade die Stimme eines Menschen am wenigsten zum Alter hin verändern. Als er mit mir damals sprach, da war seine Stimme sympathisch und klar, ich habe jedes Wort verstanden, was dann später nicht mehr der Fall war, wenn ich im Fernsehen oder im Rundfunk die Reden meines einstigen „Chefs“ hörte. Welche Sprache mag der später dann zum Staatsratsvorsitzenden avancierte Erich Honecker da nur gesprochen haben? Oder anders gefragt: Verklärt sich in der Erinnerung eines Menschen alles, was einst geschah, sogar auch die Stimme eines Mannes, der Jahre später zum Tyrannen mutierte und schliesslich auf so beschämende Weise von der Bühne der deutschen Geschichte abtreten musste? Wie auch immer und noch einmal zurück nach Berlin im Jahre 1951: Ich empfand die Worte von Erich Honecker als eine persönliche Botschaft, als eine nur an mich gerichtete Aufforderung, nämlich als Junger Pionier beim Aufbau einer menschenwürdigeren Welt tatkräftig mit zu helfen: „Seid bereit, immer bereit!“ Ich war bereit, damals als Junger Pionier, heute noch immer als Mensch, der den Traum von einer besseren Welt noch längst nicht aufgegeben hat und auch nicht gewillt ist, gegen seine Überzeugungen und im Sog unausgereifter Ideologien zu leben. Habe ich aber tatsächlich und jemals auch nur ein ganz klein wenig mitgeholfen beim Aufbau dieser von Honecker propagierten und von mir im Verlauf meines Lebens so sehnsüchtig herbei gewünschten neuen Welt? Wenn ich den jämmerlichen Zustand unserer heutigen Welt betrachte, dann muss ich an meiner persönlich geleisteten Aufbau-Arbeit an einer besseren Welt zweifeln, obwohl ich als 15jähriger bei der Ernte (beispielsweise auch beim Kartoffelkäfer-Einsammeln), einige Male beim Strassenbau in Sassnitz und kurzfristig während meines Aufenthalts in einem Internat in Burg bei Magdeburg sogar einmal beim Schienenverlegen auf einem Bahnhof mitgeholfen habe, um aus dem sozialistischen Traum eine neue, schönere Wirklichkeit werden zu lassen.

Mein Engagement hat wohl nicht genügt. Ich erwähne diese Episoden aus meinem Leben nur deshalb, weil ich mich bis heute darüber ärgere und mir Vorwürfe mache, warum ich der freundlichen Aufforderung Erich Honeckers, ihn beim Auftauchen eines Problems jederzeit aufsuchen zu dürfen, niemals nachgekommen bin. Jahrelang hatte ich die feste Absicht, irgendwann einmal nach Ostberlin zu reisen, um dort mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker zu sprechen. Ich hatte mir genau überlegt, was ich meinen einstigen „obersten Dienstherrn“ fragen und was ich ihm habe sagen wollen: „Herr Honecker, als ich 1951 an Ihnen bei den Weltjugendfestspielen in Berlin vorbei defilierte und Sie mit mir so freundlich sprachen, da sagten Sie zu mir, dass ich jederzeit zu Ihnen kommen könne, falls ich einmal ein Problem haben sollte. Nun, ich habe ein Problem: Und das Problem sind Sie, denn was Sie mir damals sagten, dass ich als Junger Pionier für eine Welt kämpfen solle, in der es endlich Frieden, mehr Freiheit und soziale Gerechtigkeit für alle Menschen geben wird, was haben Sie selbst dazu getan, um diese neue, menschenwürdigere Welt zu erschaffen?“

Ja, das habe ich gewollt, genau das habe ich Erich Honecker sagen und fragen wollen, habe es aber nicht getan, habe es ganz einfach versäumt. Vielleicht aus Feigheit oder weil ich es vorübergehend sogar völlig vergessen hatte oder weil es die jeweiligen Umstände nicht zuliessen? Aus welchen Gründen nun aber auch immer, es grämt mich auch heute noch. Und so muss ich dieses Versäumnis gewiss in den Katalog einordnen, der im bisherigen Verlauf meines Lebens immer umfangreicher geworden ist und in dem all jene Fragen verzeichnet sind, die ich vielen Menschen, auch meiner Mutter und meinem Grossvater hätte stellen müssen. Ich habe es nicht getan. Warum nicht? Ich weiss es nicht.

Und noch einmal kurz zurück zu den Jugendweltfestspielen in Berlin 1951: Etwa eine halbe Stunde nach der für mich damals so aufregenden Begegnung mit Erich Honecker wurde es mir plötzlich abermals schwarz vor Augen, ich verlor plötzlich das Bewusstsein und fiel (wie man mir dann später sagte) plötzlich zu Boden, wobei ich mir eine kleine Wunde über dem linken Auge zugezogen hatte. Ich erwachte irgendwann in einem Krankenhaus, lag zu meiner grossen Überraschung in einem sauberen Bett mit richtiger weisser, nach Frische und Seife duftender Bettwäsche und schaute in das gütige Gesicht einer Frau, die auf einem Stuhl vor meinem Bett sass, ein seltsames „Kostüm“ und auf dem Kopf eine Haube trug, was mich kurz glauben liess, dass diese Erscheinung wohl so etwas wie eine Königin sei, die auf ihrem edlen Haupt eine kostbare Krone trägt, so wie im Märchen. Ich hatte ein derartiges Wesen bisher nicht gesehen. War es ein Gespenst, ein Geist aus einer anderen Welt, ein Engel gar?

Und dieser auf meinem Bettrand sitzende Engel, den ich zaghaft zu berühren versuchte, um heraus zu finden, ob ich es da vielleicht doch mit einem überirdischen Wesen oder nur mit einem Menschen aus Fleisch und Blut zu tun habe, sprach dann mit einer tiefen, zarten Stimme zu mir, die wie Sphärenmusik in meine kindliche Seele drang und mich vor Glück erschauern liess: „Ich bin Schwester Angelika, Du wurdest in dieses Krankenhaus eingeliefert, völlig geschwächt, Du warst während einer Veranstaltung zusammen gebrochen, hast dich dabei leicht verletzt, ein Arzt hat die kleine Wunde über deinem linken Auge gereinigt und mit einigen Stichen genäht. Nun bist du endlich aus deiner Ohnmacht erwacht. Das ist gut. Wie heisst du, hast du Verwandte hier im Osten oder in West-Berlin?“ Nachdem ich das Pflaster auf meiner „Verletzung“ befühlt, mich aus dem Bett erhoben und mich in einem kleinen an der Wand hängenden Spiegel betrachtet hatte, nannte ich der Schwester den Namen, die Telefonnummer und die Adresse meines Onkels Leo, der in der Gesslerstrasse in Schöneberg wohnte. Meine Mutter hatte mir alles sorgfältig in einem kleinen Büchlein aufgeschrieben und ich hatte mir zudem Anschrift und Telefonnummer meines Onkels genau gemerkt, denn man konnte ja nie wissen. Die liebenswürdige Schwester verliess kurz den Raum, liess mich einen Augenblick allein darin zurück, um meinen Onkel anzurufen. Sie kehrte nach wenigen Minuten mit einem Tablett zurück, auf dem sich ein Glas warme Milch und ein mit Käse belegtes Brötchen befanden. Und wieder erklang die zarte Stimme: „Ich habe soeben mit Deinem Onkel gesprochen, er erwartet Dich ab 13.00 Uhr an der S -Bahn-Station Schöneberg“. Nachdem ich das Käsebrötchen brav und hastig aufgegessen und das Glas Milch mit Behagen ausgetrunken hatte, brachte mich mein Engel zur nächsten Bahn-Station. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass Schwester Angelika eine Fahrkarte gekauft und mich in den richtigen Zug gesetzt und mir mehrfach genau erklärt hatte, wo ich auszusteigen habe. Dann wartete sie, bis der richtige Zug einfuhr, umarmte mich und verabschiedete sich liebevoll von mir. Den Namen des Krankenhauses habe ich längst vergessen, nicht jedoch den so schön klingenden Namen dieser Schwester. Schliesse ich die Augen, selbst noch heute, dann sehe ich dieses ausdrucksvolle, sehr weisse Gesicht unter ihrer schwarzweissen Haube noch immer vor mir, ihr Lächeln und ihre sanfte Stimme sind in mir als schöne Bilder und Töne verblieben. Was mag aus ihr geworden sein?

So kam ich also früher als gedacht zu meinem Onkel Leo in West-Berlin. Gewiss hat fast jeder Mensch einen Onkel und mancher gar gleich mehrere davon. Ob aber jeder Mensch auch das grosse Glück hat, einen Onkel wie den meinigen zu haben, das wage ich zu bezweifeln. Denn mein Onkel Leo, dieses wie aus hartem ostpreussischem Stein von Gotteshand gemeisselte Mannsbild, das war schon eine bemerkenswerte Erscheinung, ein charismatischer Mann, den man aus vielen Gründen zu Lebzeiten einfach nicht übersehen und auch nach seinem Tod nicht vergessen konnte.

Selbst jene Zeitgenossen, die meinem Onkel Leo nur wenige Male begegnet sind (davon traf ich einige) erinnerten sich später mit Freuden und mit herzhaftem Schmunzeln an ihn. Wo immer er in Westberlin auch auftauchte, ob beim Bäcker oder auf Berliner Schlachthöfen, ob in einem Modesalon mit seinen jeweiligen „Bräuten“ oder beim Neujahrsempfang im Berliner „Roten Rathaus“, sein Erscheinen war jedes Mal ein bühnenreifer Auftritt auf der ungekünstelten Bühne des wahren Lebens. Bereits nach wenigen Minuten stand er im Mittelpunkt des Geschehens, dicht und stürmisch umringt von schönen Frauen und von halbschönen Damen meist reiferen Alters, denen er, jeder einzelnen, stets das süsse, wundersame Gefühl vermitteln konnte, dass sein schelmisches Lächeln, sein freches Locken mit seinen so sprechenden grünen Augen unter dichten, buschigen Augenbrauen, dass seine heimliche Gunst, seine Höflichkeit und immer währende Aufmerksamkeit und Verehrung allein nur ihr gelte. Er war der vollendete, so überaus diskrete, aber auch der mit diabolischer Lust alle Grenzen des normalen bürgerlichen Moralverhaltens überschreitende und gesellschaftliche Tabus missachtende Kavalier, dessen kleinste Andeutung im vertrauten Gespräch vom weiblichen Geschlecht stets als festes, grosses Versprechen verstanden worden ist, das mein Onkel gefälligst einzulösen hatte.

Ob der sagenhafte Don Juan diese ausgefeilte Kunst der feinen Verführung im gleichen Ausmass beherrschte? Kurz: Mein Onkel Leo, das war ein facettenreiches Unikat, wie es nur die Zeit zwischen 1897 (seinem Geburtsjahr) und 1967 (seinem Todesjahr) hervor zu bringen vermochte. Waren es damals also bessere Zeiten? Seine Freunde, meine fünf Tanten, meine Mutter und schliesslich auch ich, wir alle nannten ihn stets nur den „Dicken“. Lediglich mein Grossvater erwähnte den Namen Leo, wenn er, ebenso stolz wie liebevoll über seinen einzigen Sohn sprach, den er vergötterte. Dieser „Dicke“, das also war mein Onkel Leo, der in der Tat sehr gross geraten war, ohne allerdings das preussische Gardemass dabei erreicht zu haben. Er trug würdevoll einen recht respektablen Bauch vor sich her, der jedoch nicht zwangsläufig den Eindruck hinterlassen musste, dass mein Onkel ernsthaft dick sei. Jedenfalls war er nicht zu dick. Und wenn er auch viele Jahre lang wesentlich mehr Kilos als andere Schwergewichte an sich und mit sich herum zu tragen hatte, so hob er dieses scheinbare Dicksein mit seinem „Gehen“ wieder auf: Während „normale Männer“ eher einen festen, kräftigen Schritt haben, um damit vielleicht ihre Männlichkeit, ihre Potenz und ihre gesellschaftliche Position zu unterstreichen, da schwebte und tänzelte mein Onkel Leo fast lautlos wie eine Prima Ballerina über die Erde, mit jedem Schritt sein Gewicht dabei quasi wieder aufhebend. Nein, dick war er nicht wirklich, ich würde seinen Corpus heute eher „stattlich“ nennen, etwas beleibt gewiss, aber sonst war alles an ihm graziös und stets authentisch.

Bereits in seinem 25. Lebensjahr hatten sich seine blonden Haare überraschend von ihm verabschiedet und hinterliessen der Welt dafür den Anblick eines imposanten Schädels, der das weibliche Geschlecht zutiefst verwirrte und immer wieder entzückte. Eine meiner Tanten erzählte mir einmal, dass dieser „glänzende Glatzkopf“ zudem (bereits als Jugendlicher) auch noch so schön und ausdrucksvoll pfeifen konnte, dass selbst die legendäre Ilse Werner vor Neid hätte erblassen müssen. Vom tatsächlichen Vorhandensein und von der starken Wirkung seiner aussergewöhnlichen „Pfeif-.Kunst“ konnte ich mich dann einige Male selbst überzeugen. Sein Pfeifen versetzte Frauen oftmals in einen hysterisch-erotischen Rausch, der ihre Widerstandskräfte erlahmen liess. Und dann verfügte er, der Glückliche, auch noch über etwas, worum ihn vor allem Ehemänner beneideten und was man durch kein noch so intensives Studium an einer Universität jemals erlernen kann, was man bereits seit der Geburt in sich trägt: Er verströmte ein geradezu provozierendes Selbstbewusstsein und verfügte, welch Reichtum und Zuwachs an Persönlichkeit mit immenser Aussenwirkung, auch noch über einen Mutterwitz, der ihn spielerisch befähigte, im launigen Gespräch mit anderen (aus welcher Kaste sie auch immer kamen) eine explosive Pointe nach der anderen abzufeuern und dabei direkt ins „Schwarze“ treffend.

Worum viele Männer meinen Onkel Leo also beneideten, genau das liess immer wieder die Herzen der von ihren Männern vernachlässigten Frauen stets heftiger schlagen in Gegenwart meines Onkels. Und so durfte ich, der ahnungslose Jüngling mehrfach auch erleben, wie Frauen in seinem privaten und beruflichen Umfeld regelrecht „verrückt“ wurden, wenn mein Onkel Leo sie anlächelte oder ihnen etwas pfiff wie zum Beispiel „La Paloma“ oder die Arie „Freundlich blick ich“ aus der Verdi-Oper „Rigoletto“ und andere, starke Emotionen auslösende Ohrwürmer. Mein von mir verehrter Luciano Pavarotti, da bin ich mir sicher, hätte mit seinen hohen C`s bei den Damen im Umfeld meines Onkels kaum mehr Erfolg haben können, es sei denn, es wäre ihm gelungen, den von Gaetano Donizetti in seiner Komischen Oper „Die Regimentstochter“ eingebauten neun hohen C`s noch zwei weitere hohe C`s folgen zu lassen, um damit die weiblichen Fans meines Onkels doch noch auf seine Seite zu ziehen. Ganz sicher aber bin ich mir da nicht…

Ach, ja, mein von mir seit meiner Kindheit bewunderte Onkel Leo hätte in all seiner überbordenden Körperlichkeit natürlich auch noch Modell stehen können bei Wilhelm Busch für dessen hinreissende Figur des tugendhaften und wohlbeleibten Herrn Knopp, allerdings nur als dessen lasterhafter Widerpart. Und das hatte seinen Grund. Um meinen Onkel Leo, um diesen pfeifenden Don Juan, da rankten sich gar viele wundersame, geradezu spektakuläre Geschichten. Einige dieser Geschichten spulten sich noch im fernen Ostpreussen vor und während des 2. Weltkrieges ab, nach dem Untergang des Dritten Reiches setzten sie sich dann in West-Berlin in rasanter und höchst dramatischer, bisweilen auch tragi-komischer Abfolge fast schon automatisch fort. In der Nähe von Insterburg betrieb Onkel Leo zwischen 1930 und 1943 einen florierenden Viehgrosshandel, der ihm Wohlstand, sogar einen gewissen Reichtum und gesellschaftliches Ansehen eingebracht hatte.

In seiner Branche und zu jener Zeit floss der Schnaps nicht spärlich, sondern stets in Strömen nach Abschluss eines lukrativen Geschäftes. Heute würde man diese Gelage von damals vielleicht „Komasaufen“ nennen können. Der Unterschied ist nur der, dass es damals „gestandene Mannsbilder“ waren, die sich volllaufen liessen (aber nicht umfielen) und heute sind es Jugendliche, die aus dem Nest gefallen und immer häufiger ohne Perspektiven sind auf ihrem Weg in ein Leben ohne Zukunft. Aber das ist ein anderes Thema. Jedes gute Geschäft unter Handelsleuten aller Arten also musste, damals jedenfalls war es so, traditionell zünftig begossen werden. Das war zwar nur ein ungeschriebenes, aber ein eisernes Gesetz und wurde auch jedes Mal von meinem Onkel und seinen trinkfesten Geschäftspartnern strikt und ganz besonders freudig befolgt. Ob das auch heute noch der Fall ist, das entzieht sich meiner Kenntnis, da mein Onkel Leo der einzige leibhaftige Viehgrosshändler war, dem ich in meinem bisherigen Leben persönlich begegnet bin.

Als mein Onkel eines Tages wieder einmal ein sehr gutes Geschäft abgeschlossen und dieses auch entsprechend heftig und mehrere Stunden lang zünftig begossen hatte, da begab er sich, als er kaum noch stehen und auch nicht mehr grade gehen konnte, mit seinem neuen Automobil auf den Heimweg. Damals, es war so um das Jahr 1935, gab es auf den Strassen in Ostpreussen nur wenig Verkehr und die Polizei war damals noch nicht auf die Schnapsidee gekommen, sich auf die Jagd nach betrunkenen Autofahrern zu begeben. Ja, das waren noch Zeiten. Trotz seines Rausches, bei dem es sich eher um einen Vollrausch und wohl kaum mehr um ein Kavaliers-Räuschchen gehandelt haben dürfte, erreichte mein Onkel dennoch kurz vor Mitternacht heil und sicher Haus und Hof. Nachdem er das Auto ordnungsgemäss auf dem Hofgelände geparkt hatte und sich leise (um seine schlafende Frau Erna nicht zu wecken und zu erschrecken) ins Hausinnere schleichen wollte, da glaubte er plötzlich ein verdächtiges Geräusch aus dem Schweinestall zu vernehmen, gerade so, als wäre jemand darin, der da nicht rein gehört. Und da vom Alkohol benebelte Menschen nachsagt bekanntlich glauben, das Gras wachsen und auch noch weisse Mäuse niesen zu hören, sah sich mein Onkel in der Pflicht, im Schweinestall einmal nach dem Rechten zu schauen. Also machte er sich mit Hilfe einer Stabtaschenlampe (die er stets nachts mit sich trug) auf den Weg zu den Schweinen. Es gab dort aber nichts zu sehen und auch nichts mehr zu hören, alles war in bester Ordnung, es befand sich kein Bösewicht im Stall. Alle Schweinchen schliefen tief und fest, dunkle Nacht hatte sich über die Stallungen gesenkt. So wankte mein Onkel ein zweites Mal in Richtung Haustür. Daran konnte er sich später noch vage erinnern, dann riss der Faden. Was ihn dann schliesslich zu Fall brachte, das war später nicht mehr feststellbar. Fest hingegen steht eindeutig, dass Onkel Leo einen lauten Schrei ausgestossen haben muss, der seine Frau Erna aus dem Schlaf riss. Zu Tode erschreckt schaute sie zum Fenster hinaus und erblickte ihren Mann, der regungslos, wie tot vor der Haustür lag. Sie war rasch zur Stelle, ihr Mann röchelte leise, was sie glauben liess, dass ihr armer Mann furchtbaren Schmerzen ausgeliefert sein müsse und dem Tode nahe war. Es kann aber auch nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass die arme verzweifelte Frau, soeben aus tiefem Schlaf gerissen und in grenzenloser Panik echte Schmerztöne nicht von Schnarchtönen (oder umgekehrt) zu unterscheiden vermochte. Wie auch immer. In ihrer grossen Sorge um die Gesundheit und um das Leben ihres Mannes wurde sie immer nervöser, sie sah ihren Leo bereits tot im Sarg liegen und sich als Witwe trauernd in dieser Welt zurück bleiben. Ihre mehrmaligen Versuche, den offenbar Schwerverletzten anzusprechen und ihm auf die Beine zu helfen, sie misslangen natürlich, denn Onkel Leo war erstens viel zu schwer und ausserdem nicht mehr in der Lage, auch nur ein einziges klares Wort heraus zu bringen, um Auskunft über seine grossen Schmerzen und über seine inneren Verletzungen geben zu können.

Was nur tun?

Sie lief ins Haus und rief den Arzt an, der ein Freund des Hauses war und der auch bald darauf erschien. Seine erste und nüchterne Diagnose: Sturz durch Vollrausch. Nachdem Ehefrau und Arzt den Dicken mühsam ins Haus, ihn entkleidet und in sein Bett gebracht hatten, untersuchte der Medicus seinen nun nur noch laute Schnarchtöne von sich gebenden Freund etwas genauer. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass Onkel Leo, ausser leichten Hautabschürfungen und nur geringen Prellungen am Schienbein und an beiden Handgelenken, wohl keinerlei ernsthafte Verletzungen erlitten habe. Erleichterung und tiefes Durchatmen bei Ehefrau und Hausarzt. Als die Angst um ihren Mann endlich aus ihr entflohen war, da hatte Leos Frau plötzlich eine Idee, eine blendende, ja eine geniale Idee, wie sie meinte...

Am nächsten Morgen erwachte Onkel Leo aus seinem gigantischen Rausch und erschrak: Seine Arme und beide Beine waren eingegipst und wurden mittels einer komplizierten Hängeapparatur, die mit breiten Lederriemen an der Zimmerdecke befestigt war, nach oben gestreckt. Beim Anblick dieser Foltereinrichtung schrie er in Panik nach seiner Frau. Die eilte herbei und erklärte ihm mit bebender Stimme, dass er wohl am Abend vor der Haustür gestolpert sei, zu Fall kam und sich beide Beine und Arme dabei gebrochen habe. Onkel Leo hörte fassungslos zu, wollte nicht glauben, was er da zu hören bekam, er vermochte sich an nichts mehr zu erinnern, alles war wie ausgelöscht. Er erschrak abermals.

Seine Frau getraute sich, da ihr Mann so hilflos danieder lag, zum ersten Mal in ihrem Eheleben die „Wahrheit“ zu sagen, dass alles nur geschehen konnte, weil der Schnaps offensichtlich mal wieder in Strömen geflossen war und der Dicke nicht Nein sagen konnte. Und das Resultat: Beide Arme und beide Beine gebrochen, sein Freund habe ihn daher in mehrstündiger Arbeit eingipsen und Haken in die Decke bohren müssen. Es war Schwerstarbeit. Ja, welch bedauernswerter Unfall, welch grausames Schicksal, sechs Wochen hilflos im Bette liegen und auf die Betreuung anderer angewiesen. Und das musste ausgerechnet meinem lebensfrohen Onkel Leo widerfahren, der nichts so sehr hasste als krank im Bett zu liegen, tatenlos zuschauen zu müssen, dass und wie das Leben draussen auch ohne ihn weitergeht. Dieser Gedanke schmerzte ihn.

Für Leos Frau hatte es, zumindest vorübergehend, auch seine guten Seiten, denn zum ersten Mal in ihrer Ehe brüllte Onkel Leo seine Frau nicht an, was er sonst zu tun pflegte, wenn sie es wagte, eine eigene Meinung zu haben und ihm zu widersprechen. Sie war erstaunt und überglücklich. Ganz leise, ganz sanft, ja, fast schon zärtlich war der gute Leo plötzlich und versprach bei allen nur denkbaren Heiligen, nicht mehr zu trinken, wenn er von diesem Gips denn jemals befreit sein sollte. Derartige Worte und eine solche Sanftheit in der Stimme, nein, das hatte Erna noch nie aus dem Mund ihres Mannes vernommen, in ihren Ohren klang das wie himmlische Musik. Und in der Tat: Als er, vom lästigen Gips nach einigen Wochen endlich befreit, alle seine Gliedmassen wieder so langsam schmerzfrei und funktionstüchtig bewegen konnte, da setzte mein Onkel Leo sein Versprechen in die Tat um. Für seine Frau hatte eine neue Zeitrechnung begonnen, nie zuvor in ihrer Ehe war sie so glücklich wie nach der Genesung ihres Mannes. Onkel Leo machte danach noch viele gute Geschäfte, doch der dazu gehörende Schnaps floss nun nicht mehr durch seine Kehle, sondern nur noch durch die rauen Kehlen seiner jeweiligen Geschäftsfreunde. Seine Frau war selig. Ob Onkel Leo selbst aber auch selig war über seine unfreiwillig auferlegte Abstinenz, das wage ich zu bezweifeln. Aber: Er hielt durch. So ging es dann fast zwei Jahre lang und nur grenzenlose Freude und Friede herrschten während dieser Zeit im Haus. Bis zu jenem Tag, an dem Onkel Leo von der Ehefrau seines Freundes (das war der Arzt, der ihn eingegipst hatte) an das Bett ihres sterbenden Mannes gerufen wurde. Der schwer krank danieder liegende Medicus war dankbar, dass sein Freund Leo sofort gekommen war, konnte er jetzt doch endlich etwas loswerden, was ihm wie ein schwerer Mühlstein auf der Seele lag.

So erfuhr mein Onkel Leo durch die Beichte seines Freundes, dass er sich seinerzeit keineswegs Arme und Beine im Vollrausch gebrochen hatte, dass alles nur Theater gewesen war, dass sein Freund ihn auf Bitten und heftiges Flehen seiner Frau und gegen seinen Willen so „echt“ eingegipst hatte, dass kein sehender Mensch auch nur einen Augenblick an der Geschichte dieses Unfalls zweifeln konnte. Leos Frau, die zuvor natürlich unter den immer wieder kehrenden Trinkgelagen ihres Mannes nach guten Geschäftsabschlüssen unselig gelitten hatte, war fest davon überzeugt, dass dieses imposante Eingipsen eine wirksame Therapie sei und dass sich ihr Mann nach diesem „Unfall“ von seinem lasterhaften Leben verabschieden und künftig ein guter Ehemann sein wird. Davon war Leos Frau ganz fest überzeugt. Liebe lässt Hoffnung immer wieder zu.

Anders, ganz anders hingegen sah es da beim „Eingipser““ aus. Der Arme wurde seit der Stunde der unfreiwillig vorgenommenen Gips-Aktion, zu der er sich hatte verleiten lassen, immer wieder mal von nächtlichen Alpträumen gequält und tagsüber von einem schlechten Gewissen geplagt. In seiner Todesstunde bat er Onkel Leo inbrünstig um Vergebung für seine schändliche Tat, die mein Onkel ihm, obwohl das Geständnis zunächst in ihm Zorn ausgelöst hatte, huldvoll auch gewährte. Sein Freund starb zwei Tage nach seinem Geständnis im Frieden mit sich und der Welt. Und was machte mein Onkel Leo nach der „Beichte“ seines unglückseligen Freundes? Er fuhr, so erzählte er es mir, schnurstracks nach Hause, trat zornig vor seine Frau und sagte: „Erna, das war zu viel, ich lasse mich scheiden, packe deine Koffer und verlasse mein Haus auf der Stelle.“ Nun, die Scheidung ging dann irgendwann einmal tatsächlich über die Bühne, doch mein Onkel bestand nach ein paar Tagen des Nachdenkens und nachdem sich sein Groll verzogen hatte, nicht mehr darauf, dass seine Frau das Haus sofort zu verlassen habe. Gemeinsam verliessen beide Haus und Hof erst, als die Rote Armee sich bis auf 100 Kilometer an Insterburg heran gekämpft hatte. Sie ging nach Ahrensburg bei Hamburg, mein Onkel, dieser Lebenskünstler und Pfeif-Virtuose baute sich im zerstörten (West)Berlin innerhalb von zwei Jahren eine neue Existenz als Viehgrosshändler auf, eroberte mit seinen Pfeif-Künsten recht bald schon Herz, Seele und Leib einer sehr attraktiven Frau mit dem schönen Namen Anna-Maria, der er leichtgläubig und grossherzig ein Milchgeschäft in Schöneberg einrichtete, was damals im zerbombten Berlin einem Lottogewinn gleich kam. Bis es dazu kam, hing Anna-Maria Tag und Nacht an den Lippen und in den starken Armen ihrer „grossen Liebe“, alle Welt sollte sehen, wie verliebt sie und wie glücklich sie an der Seite meines Onkels ist. Als vertraglich dann alles geregelt und Anna-Maria stolze Besitzerin eines Milch-und Käsegeschäftes war, da verliess ihn diese schöne, so clevere Frau von Heute auf Morgen, was in meinem pragmatischen Onkel weder Überraschung noch Trauer auslöste. Er kommentierte den Vorgang nüchtern mit den Worten: „Frauen kommen und gehen, ich aber bleibe“. Ich konnte die bedeutsame Aussage meines Onkels zwar durchaus schon ein wenig verstehen, doch so zu denken und zu fühlen, das war mir damals noch fremd.

Dieses amouröse Spiel wiederholte sich noch zweimal und spulte sich stets nach denselben „Spiel-Regeln“ ab: Erst das kunstvolle Pfeifen, viel schöner noch als Ilse Werner, die vom Pfeifen berauschte Frau wirft sich Onkel Leo stürmisch und liebestrunken an den Hals, Leo lässt es freudig geschehen, leistet keinen Widerstand, sie betütert ihn rührend und aufopfernd Tag und Nacht, bis auch sie glückliche Inhaberin eines kleinen Ladengeschäftes irgendwo in Berlin geworden war, in dem man Butter, Milch und Käse anbieten konnte. So lernte ich im Verlauf von fünf Jahren nacheinander drei recht ansehnliche, kesse Berlinerinnen im Alter zwischen 40 und 5o Jahren kennen, die meinem Onkel Leo das harte Leben in der einstigen, nun in Trümmern liegenden Reichshauptstadt vorübergehend versüsst und sich damit quasi über Nacht ein gut gehendes Ladengeschäft verdient hatten. Alles im Leben und in dieser Welt hat eben seinen Preis. Als ich meinen Onkel Leo zum letzten Male im Sommer 1966 in Berlin besuchte, ihm so manche Frage zu seinem Leben gestellt und ihn dabei so beiläufig auch gefragt hatte, welches denn sein Lieblingsbuch sei, da vertraute er mir an, dass er in seinem gesamten Leben nur zwei Bücher gelesen habe, die Bibel und Hitlers „Mein Kampf“. Der aufmerksamen Lektüre dieser beiden so unterschiedlichen Werke habe er es zu verdanken, so betonte er mehrfach, dass er alles begriffen hat, also letztlich alles weiss über das Wesen des Menschen und dessen Spiel in dieser, wie er meinte nun wohl endgültig zum Untergang verurteilten Welt, in der er, ein Genussmensch durch und durch, dennoch gar so gerne lebe. Er vertraute mir das alles so selbstverständlich an, dass es mir leicht fiel, ihm zu glauben, zumindest ihm glauben zu wollen. Als ich mich schliesslich von ihm verabschiedete (und nicht ahnen konnte, dass ich ihn nie wieder sehen werde), da riet er mir en passant noch rasch, dass ich mich ja nur vor den Frauen hüten möge, sie seien zwar wundervoll, eindeutig die schönsten und begehrenswertesten Geschöpfe, die sich der Herrgott da jemals ausgedacht hatte, doch für jeden Mann seien sie letztlich und immer wieder zugleich auch der Anfang vom Ende.

Ich war damals zu jung und noch zu unerfahren, um ihm zu widersprechen oder ihm gar die Frage zu stellen, warum ich mich denn vor den Frauen hüten sollte, wenn sie doch das Schönste sind, was sich hier auf Erden tummelt. Sein „väterlicher Rat“ hat allerdings nicht viel genutzt, weder ihm noch später mir. Neben Tante Käthe, seiner langjährigen Partnerin (die ihn bekochte, seine Hemden bügelte und vieles andere für ihn tat bis zu seinem letzten Lebenstag), so hörte ich von eben jener Tante Käthe später sagen, dass der liebe und unbelehrbare Leo, quasi so zwischendurch stets auch noch andere Damen beglückt, immer wieder einmal eine Witwe (nach dem Motto: „ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau`n“) in seine kräftigen Arme genommen und in sein Herz geschlossen hatte. Ja, mein Onkel Leo hatte wahrlich ein grosses Herz und starke Arme. Und ausserdem: Alter schützt vor Torheit nicht oder: Einmal Don Juan, immer Don Juan?

Als ich eines Tages, ich studierte damals Gesang in Zürich, plötzlich das mir nicht erklärbare heftige Bedürfnis hatte, meinen „Dicken“ in Berlin mal wieder zu besuchen, da machte mir sein plötzlicher Tod im April 1967 eiskalt einen Strich durch das ersehnte Wiedersehen. Und so fuhr ich nicht freudig, sondern mit Trauer im Herzen nach Berlin, um mich nun endgültig von meinem Onkel Leo, diesem Schlitzohr und Lebenskünstler zu verabschieden, ohne ihm noch einmal in sein schelmisches Antlitz und auf seinen wollüstigen, fleischigen Mund schauen zu können, aus dem die bereits geschilderten Pfeif-Töne bis kurz vor seinem Tod noch immer so virtuos strömten wie einst, als es für Damen zwischen 40 und 70 ein Vergnügen war, nach einigen Pfeiftönen aus seinem Mund vor ihm in Ohnmacht und direkt in seine kräftigen Arme zu fallen.

Auf sein von etwa 100 Personen umringtes Grab fielen viele rote, weisse und gelbe Rosen und unzählbare Tränen aus den weinenden Augen mir unbekannter Damen flossen in Strömen auf die schwarze Erde und in das dunkle Loch, in das ihn vier grobschlächtige Gesellen hinab seilten und für immer vor meinen Augen verschwinden liessen. So heiss beweint, so tief betrauert, so viele Rosen und dazu ein paar salbungsvolle Worte aus dem Munde eines leicht stotternden Paffen - von einem solchen königlichen Abgang aus dieser so profanen Welt kann ein Mann doch nur träumen, oder? Auch ich warf eine weisse Rose (weiss war Leos Lieblingsfarbe) auf den Sarg und dachte zum ersten Mal in meinem Leben intensiv über den Tod nach. Als ich mich gerade vom Grab entfernen wollte, da war es mir, als würde ich die Stimme meines Onkels hören, die ganz leise zu mir sprach, so, als wolle er mir unbedingt noch ein letztes Geheimnis anvertrauen, etwas sehr Wichtiges, das nur ich erfahren sollte. Ich habe ihn, obwohl ich mir alle Mühe gab, jedoch nicht genau verstehen können, der Lärm um mich herum war zu gross, ein paar Wortfetzen aber drangen dennoch in mein Ohr, ich glaubte die Worte zu vernehmen „Ihr werdet Euch alle noch sehr wundern“.

Während ich über den Sinn dieser Worte nachdachte, da glaubte ich dann plötzlich auch noch ein lautes Lachen zu vernehmen, so wie ich es kannte, sein aus dem Bauch kommendes, durch die Kehle strömendes, die Menschen um ihn herum bisweilen verhöhnendes, kraftvolle Lachen, dessen Echo weit über den riesigen Friedhof hallte. Was nur hatte mir mein Onkel mit dem Satz „Ihr werdet euch alle noch sehr wundern“ und mit seinem Lachen sagen wollen? Und dieser als „Traummann“ in den Erinnerungen einiger reifer Frauen weiter lebende Mann sorgte dafür, dass auch noch sein Begräbnis zu einer Komödie besten Stiles wurde. Natürlich hatte Onkel Leo, der alle seine geschäftlichen Entscheidungen zeit seines Lebens stets aus dem Handgelenk heraus zu treffen pflegte und sich auch niemals so recht festlegen wollte, kein Testament hinterlassen. Tat er das aus Feigheit, wollte er keinen bevorzugen oder nahm er für sich in Anspruch, unsterblich zu sein? Was ja auch aus einer gewissen Perspektive durchaus so betrachtet werden kann und absolut zu ihm gepasst hätte. Alle aus der Familie wussten oder vermuteten zumindest, dass der Dicke sich ein ganz stattliches Sümmchen an Bargeld (und gewiss an der Steuer vorbei) zurück gelegt hatte. Um welche Summe es sich tatsächlich handelte, das erfuhren wir erst ein paar Tage nach der Beisetzung und nach der Auswertung seiner Bankunterlagen. Und siehe da: Mein Onkel Leo starb nicht als armer Mann. Da atmete ein jeder der Hinterbliebenen (seine fünf Schwestern, drei Cousinen, zwei Cousins, vier Nichten und Neffen, mehrere Angeheiratete) erst einmal auf und alle bedachten den guten Leo mit den schönsten und liebevollsten Worten, so wie er sie zu Lebzeiten niemals vernommen hatte.

Und da war ja noch etwas: Wir alle wussten, dass Onkel Leo bei einem halben Dutzend Bäuerlein im Westberliner Umfeld hunderte von Ferkelchen, Schafen und Kühen in deren Stallungen untergestellt hatte. Das hatte er stets so getan. Er bezahlte die Bauern für die Unterbringung und Fütterung seiner Vierbeiner, es war so eine Art „Betreutes Wohnen mit Vollpension“. Wenn aus den Ferkelchen nach ein paar Monaten richtige Schweine, aus den Schäfchen Schafe und nach ein bis zwei drei Jahren aus den Kälbern ausgewachsene Kühe geworden waren, dann verkaufte mein Onkel Leo seine Tierchen an mehrere Berliner Schlachthöfe. Das lief bereits seit vielen Jahren so. Die Sache hatte nur einen Haken: Keiner von uns, selbst nicht einmal Tante Käthe, seine trotz aller Seitensprünge bis zum Schluss bei ihm ausharrende Lebensgefährtin wussten, bei welchen Bauern der trickreiche Dicke seine Tiere untergebracht hatte. Onkel Leo führte zwar so etwas wie ein „Geschäftsbuch“, wo er mit geheimnisvollen Zeichen alles eingetragen hatte, was für ihn geschäftlich wichtig war. Das aber brachte ein Problem mit sich, da: kein anderer Mensch diese Hieroglyphen zu entziffern und die Zahlen konkret einzuordnen vermochte. Hinzu kam auch noch, dass Onkel Leo sein „Geschäftsbuch“ nicht im üblichen Stil führte, sondern von hinten, also von der letzten Seite nach vorn, so wie es seine jüdischen Geschäftsfreunde einst in Ostpreussen getan hatten. Kurz: Kein einziges Schweinchen, kein Schaf und keine Kuh bekamen wir jemals zu Gesicht. Nach vorsichtiger Schätzung seiner Lebensgefährtin hatten die auf diese Weise verschwundenen Vierbeiner einen Verkaufswert von mindestens einer halben Million Mark und mehr. Das war damals ein stolzer Betrag, ein grosses Vermögen. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie wütend einige Familienangehörige plötzlich auf den guten „Dicken“ waren, als sie begriffen hatten, dass sich über diese halbe Million allein ein paar uns unbekannte Bäuerlein erfreuen konnten Ein angeheirateter Steuerberater schlüpfte eifrig in die Rolle eines Sherlock Holmes und begab sich auf Spurensuche, doch er fand kein einziges Ferkelchen, kein Schäfchen, keine Kuh.

Und noch ein paar Bilder glaube ich in mir zu sehen, wenn ich an diesen Tag denke, an dem wir unseren virtuosen Pfeifer zu Grabe trugen, ja, dann glaube ich noch immer einige in schwarzen Anzügen, mit weissen Hemden und mit Trauerkrawatten ausgestattete Männchen zu sehen, die auf dem Friedhof auffallend hektisch hin und her gingen, sich immer wieder umschauten, als fürchteten sie (von uns) erkannt zu werden. Ich sehe noch, grad als stünde ich direkt neben ihnen, wie sie ein bescheidenes Kränzchen oder eine einzelne Blume (vielleicht heraus gezupft aus einem Blumentopf in der eigenen Küche) in das Grab warfen, wie sie sich verschämt ein paar unsichtbare Tränen von den Wangen wischten und sich dann leise davon machten. Und es war mir, als hätte ich in ihren bisher so ausdruckslosen Gesichtern kurz etwas aufleuchten sehen, ein Lächeln vielleicht, ja, ein verschmitztes Lächeln. so wie man es bisweilen bei Menschen beobachten kann, die ihr Glück unendlich geniessen, wenn es ihnen gelungen ist, andere Menschen über den Tisch gezogen, also herein gelegt zu haben. Und mit dem fast schon fluchtartigen Abgang der kleinen schwarzen, plötzlich so überaus glücklich vor sich hin lächelnden Bäuerlein verschwand für alle Zeit auch jene halbe Million, die sich doch Leos Erben haben teilen wollen. Ja, es hat so seine Tücken mit dem Sterben und mit dem Erben. Mich würde schon sehr interessieren, wie mein Onkel Leo darüber denkt. Leider weiss ich nicht, wie und wo ich ihn im Augenblick erreichen kann… Auszug aus „Treibgut nur im Strom der Zeit“ von Axel Michael Sallowsky, dessen Autobiographie noch in diesem Jahr im Hamburger Verlag Elbaol erscheint.

Axel Michael Sallowsky

Auszug aus „Treibgut nur im Strom der Zeit“

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