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Prosa

Über Selbstbräuner vom Drogerie-Discounter Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen!

Prosa

Seit einigen Monaten setze ich keinen Fuss mehr vor die Tür. Ich sehe mich selbst in der Rolle eines Endzeitritters, der seine Lanze niederlegen möchte.

6. Dezember 2017

06. 12. 2017

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Ich sehe mich selbst in der Rolle eines Idioten, könnte man meinen – wahrscheinlich zu Recht. Dennoch, oder gerade deswegen, möchte ich mich nicht länger den Gefahren der Aussenwelt aussetzen.

Fettnäpfchen möchte ich von nun an umgehen. Aus diesem Grund meide ich das Sonnenlicht und verbringe die Tage in meinem abgedunkelten Zimmer. Eine Deeskalationsmassnahme zum Schutz vor mir selbst. Eine selbst auferlegte Sanktion, welche jedoch – wie ich inzwischen festgestellt habe – nach hinten loszugehen scheint.

Denn anstatt mich zu besinnen und eine friedvolle Auszeit zu geniessen, habe ich damit begonnen, mich mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen. Ein Spiel mit dem Feuer. Vermutlich als Rebellion gegenüber meinem autoritären Über-Ich. Vielleicht aber auch die unvermeidbare Weiterentwicklung einer pathologischen Persönlichkeit. Die Suche nach dem Kick. Die Suche nach dem Thrill. Die Suche nach Wahrheit. Trotz Isolation und ohne Drogen. Das Internet macht es möglich.

Im Verlauf von mehreren tausend Stunden Recherchearbeit habe ich Dinge erfahren, die ich nicht hätte erfahren dürfen. Enthüllungen über dunkle Machenschaften auf diesem Planeten, mit denen man seine Oma gewiss nicht mehr belästigen möchte. Würde ich meiner Oma beispielsweise verklickern wollen, dass auf der Rückseite ihres Personalausweises ein Symbol für den Teufel (ein sogenannter Baphomet) abgebildet ist, so würde sie mir das sicherlich übel nehmen.

Aus diesem Grund unterlasse ich jegliche Klugscheisserei ihr gegenüber und behalte es für mich. Ebenso wie all die anderen kontrovers diskutierten Insiderinformationen. Informationen, mit denen man niemandem die Laune versauen möchte, geschweige denn den Lebensabend.

Auch nicht den eigenen, in Anbetracht dessen, dass es so scheint, als würde die Zündschnur unseres Erdballs unablässig Funken sprühen – ähnlich einer Bombe, die zu platzen droht. Doch nun ist es zu spät. Ich weiss zu viel. Und meine Laune ist versaut.

Ich bin ängstlicher als jemals zuvor. Meine Neugier wurde mir zum Verhängnis. Ich wollte die Welt erklärt bekommen – stattdessen bin ich paranoid geworden. Seitdem mein investigativer Ehrgeiz geweckt wurde, steigen meine Furcht und mein Misstrauen ins Unermessliche. Ich habe Angst vor der CIA, Angst vor Terroranschlägen unter falscher Flagge, Angst vor Fluorid im Leitungswasser, Angst vor dubiosen Kondensstreifen am Himmel, Angst vor dem Ausbau des Überwachungsstaats, Angst vor dem finalen Zusammenbruch des Finanzsystems ... Angst davor, dass die Welt keine Scheibe ist, sondern ein Hohlkörper, der von Echsenmenschen regiert wird. Trotzdem werde ich meiner Oma damit nicht auf die Nerven gehen.

Stattdessen gilt es herauszufinden und zu differenzieren: Bin ich der Wahrheit auf der Spur oder bin ich bereits an ihr vorbeigelaufen? Und während ich eine allumfassende Angst vor all diesen Ängsten verspüre, fällt mir auf, dass ich aufgrund der monatelangen Isolation in meinem abgedunkelten Zimmer ganz blass geworden bin.

Zugegeben, ich könnte mich mal wieder vor die Tür trauen, um etwas Sonne zu tanken und mich auf andere Gedanken zu bringen.

Beispielsweise könnte ich zusammen mit meiner Frau ein Eis essen gehen. Ich könnte irgendwo mit den Hells Angels ein Bierchen trinken. Mir von irgendwem die Schnauze einhauen lassen. Oder vielleicht tatsächlich einfach mal Crystal Meth ausprobieren. Stattdessen könnte ich aber auch meinen Penis in ein Senfglas tunken und damit anschliessend an der nächsten Tankstelle vorfahren. Einfach bloss zur Ablenkung. Schliesslich soll es Leute geben, die so etwas machen. Es gäbe so viel, was ich machen könnte. Wäre da bloss nicht die Angst, ich könnte zu Staub zerfallen, sobald mich das Sonnenlicht streift.

Demnach stehe ich in einem Konflikt mit mir selbst. Ich möchte meine Ängste zunächst einmal wieder in den Griff kriegen. Und das Wichtigste: Ich möchte von vornherein gut aussehen. Ich möchte mich nicht nach Monaten der Abgeschiedenheit der Öffentlichkeit vorstellen und verstört wirken.

Denn selbst wenn es mir gelingen sollte, meine Verstörtheit durch ein freundliches Lächeln zu kaschieren ... mein kreidebleiches Gesicht würde dennoch den Anschein erwecken, ich wäre soeben von den Toten auferstanden.

„Ach schau an, eine lebende Leiche, die sich um ein unbedarftes Lächeln bemüht, und dabei so tut, als hätte sie niemals etwas über Operation Northwoods oder die Ungereimtheiten zu 9/11 erfahren.“

Um mich auf die Öffentlichkeit vorzubereiten, hat mir meine Frau neulich eine Übergangslösung mitgebracht: eine Flasche Selbstbräuner vom Drogerie-Discounter. Anfangs versuchte ich mich noch dagegen zu wehren, doch nachdem ich es einmal ausprobiert habe, muss ich zugeben, vom Vorher-Nachher-Effekt angenehm überrascht zu sein.

Seitdem erscheint mir mein Lebenswandel immer kurioser: Ich vegetiere weiterhin in meinem abgedunkelten Zimmer dahin. Im Hintergrund laufen Internet-Dokus, die mich über den Weltuntergang aufklären. Und obwohl ich nach wie vor kreidebleich vor Angst erscheinen müsste, sehe ich aus wie ein Surferboy aus Florida. Meiner Frau und dem Drogerie-Discounter um die Ecke sei Dank.

Rein optisch könnte man fast glauben, ich sei völlig unbekümmert. Jemand, der gut gelaunt und braun gebrannt durchs Leben spaziert, während ihm die Girls am Strand hinterherpfeifen. Völlig ungeachtet dessen, dass er sich von Echsenmenschen und der CIA bedroht fühlt.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, warum ich eine solche Rolle im Anschluss dieser Zeilen nicht ganz einfach annehmen sollte. Aus diesem Grund sage ich mir: Scheiss auf die Angst. Surfbrett unter den Arm klemmen. Haltung annehmen. Draussen scheint die Sonne. Neugierig werde ich trotzdem bleiben. Denn mal ehrlich:

Sollte die Welt tatsächlich untergehen, so möchte ich dieses Event unter gar keinen Umständen verpassen.

Alex Gräbeldinger

Auszug aus „Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen! – Anleitung zur Selbstdemontage“, Kopfnuss Verlag, ISBN 978-3-9812772-2-7

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