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Der grösste Teil des Welthandels findet innerhalb von Konzernen statt Globalisierung: Konzerngewinne ohne Grenzen

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Konzerne lassen dort arbeiten, wo die Menschen wenig verdienen, und verkaufen dort, wo Menschen viel verdienen. Das geht schief.

Container Schiff im Hafen von New York.
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Bild: Container Schiff im Hafen von New York. / USACE NY (CC BY 2.0 cropped)

9. April 2019

09. 04. 2019

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«Der Irrsinn ist bei einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern die Regel», hat Friedrich Nietzsche festgestellt. Doch kollektiver Irrtum ist schwer zu erkennen. Weil ihn alle teilen, erscheint er als Wahrheit.

Ein solcher Irrtum ist die Globalisierung. Längst ist vergessen, was der grosse Ökonom John Maynard Keynes für erstrebenswert hielt: «Ideen, Kunst, Wissen, Gastfreundschaft und Reisen sollten international sein. Dagegen sollten Waren lokal erzeugt werden, wo immer dies vernünftig möglich ist; vor allem aber die Finanzen sollten weitgehend im nationalen Kontext verbleiben.» (1)

Kein effizienter Einsatz von Ressourcen

Elektroautos müssten vielleicht nicht in jeder Region hergestellt werden, aber warum nicht Fahrräder?

Ein gutes Stück internationaler muss die Wirtschaft heute schon sein, als sich das Keynes vor über neunzig Jahren möglicherweise vorgestellt hat. Damals dauerte die Überquerung des Atlantiks noch mindestens eine Woche, und der Container, die entscheidende Innovation in der globalen Logistik, war noch nicht erfunden.

Doch wie heute unter dem Titel «Globalisierung» gewirtschaftet wird, hat mit effizientem Einsatz der Ressourcen, diesem hohen Ziel der Ökonomie, nicht mehr viel zu tun. Mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandprodukts wird von multinationalen Konzernen hergestellt, koordiniert, verarbeitet und vermarktet. Sie liefern uns ein paar grossartige Produkte, aber vor allem kurzlebige Wegwerfware.

Kleider oder Handys

Exemplarisch ist die Textilindustrie, mittlerweile nach der Erdölindustrie die zweitgrösste Umweltverschmutzerin. Die Baumwollbauern in Indien verschulden und töten sich dann zu Zehntausenden jedes Jahr, die Verarbeiter vergiften die Gewässer, die nähenden Sklavinnen leiden in den Fabriken, die Teile werden einmal getragen und landen im Müll oder auf den Märkten der Dritten Welt, wo sie das lokale Gewerbe kaputt machen.

Das einzig Positive an dieser negativen Nahrungskette: Es wird dabei ziemlich dick verdient und ständig Geld von der Real- in die Finanzwirtschaft gesogen, damit der Index steigt und alle glauben dürfen, wir seien auf dem richtigen Weg.

Die Gewinnmargen sind dabei auch in angeblich wettbewerbsintensiven Branchen exorbitant hoch. Ein Beispiel ist das iPhone XS von Apple, das in den USA für 1249 Dollar verkauft wird. Seine Einzelteile kosten 443 Dollar. Dazurechnen darf man noch rund 300 Dollar für Arbeit, Entwicklung und Verwaltung. Es bleiben 500 Dollar, das sind rund 40 Prozent «Profit», ein anständigeres Wort für Wucherpreis. (2)

Am anderen Ende der Technologieskala, beim T-Shirt, sieht es ähnlich aus. Von einem typischen Endverkaufspreis verdient die Näherin aus Bangladesch gerade mal 0,6 Prozent. Der Rest entfällt auf ein bisschen Transportkosten, Steuern und vor allem Gewinne auf den verschiedensten Stufen, die grösstenteils abgesogen und dem Wirtschaftskreislauf entzogen werden. Die 300 grössten Konzerne Europas erzielten 2015 im Durchschnitt 9,8 Prozent Gewinn (Ernst & Young, 2016). Der grösste Teil der Schweizer KMUs muss mit 2 bis 3 Prozent überleben. (3)

Der grösste Teil des Welthandels findet innerhalb von Konzernen statt

Zwei Drittel des internationalen Handels spielen sich im eigenen Firmengeflecht der Konzerne ab – für uns kaum wahrnehmbar. Alles wird optimiert: die Umweltstandards im einen Land, die Sozialstandards in einem andern, die Steuern hier, die Subventionen dort. Optimieren heisst unter den heutigen wirtschaftlichen Bedingungen: die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen. Weil nicht mehr die Herstellung eines nützlichen Produkts, das die Kunden glücklich macht, das Ziel des Wirtschaftens ist, sondern die Erzielung eines möglichst hohen Profits, werden die Märkte mithilfe willfähriger Regierungen monopolisiert, es werden Löhne gedrückt, Luft, Gewässer und Böden verschmutzt und selbstverständlich Steuern vermieden, wo es nur geht.

Das Resultat ist grossflächige Arbeitslosigkeit (unter Jugendlichen in Europa beispielsweise um die 30 Prozent), Ausdehnung des Prekariats (im reichen Deutschland um die 20 Prozent), Umweltzerstörung (die Meere sind am Rand des Kollapses, das Klima ist auf dem Weg dazu), die Verbreitung problematischer Technologien und Bullshit-Jobs, Stress und Fake.

Am Anfang stand die schöne Theorie von David Ricardo

Wie konnte es so weit kommen? Begonnen hat dieses Verderben, wie viele andere auch, mit einem kleinen verführerischen Glück – billigere Produkte – und einer Theorie aus einer Zeit, als reiche Engländer von ihrem Landsitz aus die Welt erklärten. 1817 legte David Ricardo (1772–1823), der an der Londoner Börse reich geworden war und sich als Gelehrter aus dem Erwerbsleben zurückgezogen hatte, mit seiner Theorie des komparativen Kostenvorteils die intellektuellen Grundlagen des Freihandels.

England zwang in der Folge seinen Handelspartnern den Freihandel auf, schützte aber, wo immer möglich, die eigene Industrie und schwang sich damit zur dominierenden Weltmacht auf. Später taten es ihnen die USA gleich. Ricardos Theorie (mehr dazu gleich) ist nahezu unbestritten. «Es gibt wenig Aussagen, die unter Ökonomen mehr Konsens erreichen, als die, dass offener Welthandel wirtschaftliches Wachstum fördert und den Lebensstandard anhebt», sagt Gregory Mankiw, Vorsitzender der Wirtschaftsabteilung an der Harvard University, dem Vatikan der orthodoxen Ökonomie. (4) Andere bekannte Ökonomen sehen die Sache kritischer. Nach John Kenneth Galbraith hat der Freihandel «den Status eines Gottes erreicht», doch habe «keine der weltweit erfolgreichsten Handelsregionen ihren Status durch neoliberale Handelsregeln erreicht». (5)

Was sagt die Theorie des komparativen Kostenvorteils? David Ricardo beschreibt sie anhand eines fiktiven Beispiels aus der Tuch- und der Weinproduktion in England und Portugal. In England erfordert die Produktion von 1000 Rollen Tuch 100 Arbeiter und von 1000 Fässern Wein 120 Arbeiter, in Portugal dagegen 90 Arbeiter für 1000 Rollen Tuch und 80 Arbeiter für 1000 Fässer Wein. Obwohl Portugal in beiden Kategorien über einen absoluten Kostenvorteil verfügt, lohnt es sich für das Land, sich auf die Weinproduktion zu spezialisieren, das Weben den Engländern zu überlassen und das Tuch von ihnen zu importieren. Warum? In Portugal ist die Produktion von Wein effizienter als die von Tuch, und in England ist es umgekehrt. Die Portugiesen können offensichtlich mehr Geld verdienen, wenn sie die Weber in die Weinberge schicken.

Der komparative Kostenvorteil ist eine Theorie und beruht nicht auf Beobachtung und Erfahrung. Sie funktioniert nur unter bestimmten Annahmen und unter Vernachlässigung bestimmter Effekte, also nur im Sandkasten. Das ist trotz ihrer enormen Wirkung ihre grosse – und entscheidende – Schwäche.

Was Ricardos Theorie übersah

Der Denkfehler Ricardos besteht darin, dass die wesentlichen Kosten der Produkte des Welthandels nicht aus Manntagen bestehen, die zwar weltweit vergleichbar wären, aber seit der babylonischen Tempelbuchhaltung nicht mehr als Zahlungsmittel verwendet werden. Löhne werden in Geld bezahlt, und die Unterschiede in den weltweiten Lohnkosten waren schon zu Ricardos Zeiten, als noch Sklaven gehalten wurden, erheblich.

Ricardo ging auch davon aus, dass die Regierungen und Unternehmen in England und Portugal zum Wohl ihrer Einwohner handeln. In Tat und Wahrheit sind die Hauptakteure Aktiengesellschaften, deren Ziel die Maximierung ihrer Gewinne ist. Wenn ihr Geld anderswo mehr Profit verspricht, wandert es dorthin, und die produktive Harmonie zwischen den portugiesischen Winzern und den englischen Webern ist im Eimer. Heute sind die Akteure multinationale Konzerne, die von der Produktion bis zum Absatz die ganze Verwertungskette kontrollieren und über ihre Lobbys und ihre Finanzmacht die Regeln bestimmen und den Wettbewerb zu ihren Gunsten einschränken. Denn dauerhafte Gewinne markant über den Produktionskosten lassen sich nur bei eingeschränktem Wettbewerb erreichen.

«Der Kapitalismus ist keine Wirtschaft, in der private Akteure dann hohe Gewinne machen, wenn sie besonders hohe persönliche Risiken eingehen», schreibt Sahra Wagenknecht. (6) «Vielmehr werden gerade dort die höchsten Gewinne erzielt, wo das Risiko aufgrund der Marktverfassung – wenige Konzerne dominieren, Newcomer haben kaum eine Chance – eher gering ist, der Staat den Unternehmen in vielerlei Hinsicht unter die Arme greift und ihren Eigentümern ein Gutteil des Risikos abnimmt.»

Die internationale Personenfreizügigkeit und Migration als Voraussetzung

Damit die Konzerne jeweils dort produzieren können, wo die Löhne niedrig sind, und dort verkaufen können, wo die Löhne und die Kaufkraft hoch sind, brauchen sie drei Freiheiten: den freien grenzüberschreitenden Verkehr von Kapital, Gütern und Dienstleistungen.

Diese Geschäftspolitik kann eine Weile aufgehen. Aber wenn es dort, wo zu Beginn viel verdient wird, nicht mehr genug Arbeit gibt, oder dort, wo die Kosten niedrig sind, die Löhne nicht steigen, ist das Spiel zu Ende. An diesem Punkt stehen wir heute.

Deshalb hat die EU als politische Union eine vierte Freiheit eingeführt, den freien Personenverkehr. Mit ihr können die Menschen aus Niedriglohnländern in die reichen Zonen wandern, die durch sinkende Löhne wieder konkurrenzfähiger, wenn auch ärmer werden.

Damit würde eine der Annahmen David Ricardos tendenziell erfüllt, nämlich dass auf dem ganzen Planeten annähernd dieselben Löhne gezahlt werden. Aber der europäische Sandkasten zeigt, dass dies nur unter Aufgabe der Souveränität – faktisch der Abschaffung der Demokratie – möglich wäre. Der Vordenker des Liberalismus, Friedrich August von Hayek, sah dies schon 1976 als zwingende Folge der wirtschaftlichen Globalisierung: «Die Abschaffung souveräner Nationalstaaten und die Schaffung einer wirksamen internationalen Rechtsordnung sind die notwendige Ergänzung und logische Vollziehung des liberalen Programms.» (7)

Eine solche Rechtsordnung von unten zu errichten, gewissermassen durch eine globale Volksabstimmung, ist illusionär. Von oben verordnet ist sie nur mit Tücke durchzusetzen.

Der WTO als Durchbruch

Das zeigt die Geschichte der Globalisierung. Nachdem der Neoliberalismus mit Reagan und Thatcher in den USA und Grossbritannien in den 1980er Jahren erste Breschen in die soziale Marktwirtschaft geschlagen hatte, ging es darum, das Konzept zu globalisieren. Das Instrument dazu war die Ablösung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens GATT durch die WTO. Nach siebenjährigen geheimen Verhandlungen der sogenannten Uruguay-Runde lag der WTO-Vertrag 1994 zur Ratifizierung vor. Plötzlich pressierte es. Präsident Clinton verordnete das «Fast Track Verfahren», was die Verhandlungszeit über das gigantische Vertragswerk im Kongress auf 20 Stunden beschränkte. Newt Gingrich, Sprecher des Repräsentantenhauses, stellte vermutlich einen neuen Weltrekord im Brechen eines Wahlversprechens auf. Vor der Wahl feuerte er aus allen Rohren gegen das revidierte GATT, das nur von 35 Prozent der US-Bevölkerung unterstützt wurde. Dreieinhalb Wochen später einigte er sich mit Clinton und der Beitritt zur neu gegründeten Welthandelsorganisation WTO war geritzt.

Volksabstimmung in der Schweiz vermieden

In der Schweiz, dem einzigen Land, in dem eine Volksabstimmung zur wirtschaftlichen Entmachtung der Nationalstaaten möglich gewesen wäre, wurde das Vernehmlassungsverfahren gestartet, noch bevor die Unterlagen auf Deutsch vorlagen. Dafür wurden die referendumsfähigen Gruppierungen mit Gutachten zur Umwelt- und Sozialverträglichkeit ruhiggestellt.

In der Schlussabstimmung im Nationalrat zu diesem historischen und weltbewegenden Vertrag wandte sich einzig der unerschütterliche Jean Ziegler dagegen. Ein Referendum (an dem ich entscheidend beteiligt war) scheiterte kläglich, nachdem Christoph Blocher die Bauern, die letzten verbliebenen Kritiker, rhetorisch geschickt beruhigt hatte. War er 1992 bei der EWR-Abstimmung noch der Volkstribun der Gegner der kleinen Globalisierung, verführte er sie bei der grossen und noch weniger kontrollierbaren ökonomischen Grenzöffnung zwei Jahre später. Die Grünen schwiegen, die Umweltorganisationen und die Hilfswerke ebenso. Sie alle glaubten offenbar, dass die Freiheit für die Starken auch den Schwachen nützen würde.

Konzerne hebeln Demokratie zunehmend aus

Heute, 25 Jahre später, leben wir in einer anderen Welt, dekoriert mit einem bisschen Fassadendemokratie. In ökonomischen Fragen ist die Entscheidungskompetenz der Nationalstaaten – wo einigermassen demokratische Entscheidungen noch möglich sind – faktisch gebrochen. Die Multis können, wenn ihnen nationale Entscheidungen nicht passen, ihre Produktion oder ihr Steuerdomizil in ein anderes Land verlagern.

Noch grösser ist die Macht der Finanzmärkte. Wenn ein Land nicht marktkonform reguliert oder zugunsten seiner Bürger Defizite in Kauf nimmt, wie zuletzt Italien, lassen «die Märkte» die Zinsen steigen und können so auch einen grossen Player innert Wochen in die Knie zwingen. Das Kapital hat gesiegt.

Man muss die Welt als Organismus verstehen, mit Zellen und Organen, die sich mit flexiblen Membranen gegen schädliche Einflüsse schützen und so nicht nur ihre eigene Funktionsfähigkeit, sondern auch die des Ganzen erhalten. Das politische Äquivalent ist das Subsidiaritätsprinzip, nach dem Aufgaben von der jeweils untersten Einheit übernommen werden, welche die dafür notwendige Autonomie erhält. Die übergeordneten Ebenen, zum Beispiel Staaten oder internationale Organisationen, sind nicht Selbstzweck, sondern dienen der Lebensfähigkeit der unteren Ebenen.

Doch auf der obersten Ebene haben sich mittlerweile so viel Macht und Kapital angesammelt, dass die notwendigen Reformen auf demokratischem Weg unmöglich erscheinen. Undemokratisch geht es auch nicht. Nur: Wo ist der dritte Weg?

Irgendwie haben wir vor lauter Globalisierung die Orientierung verloren. Das gilt es einstweilen auszuhalten.

Christoph Pfluger / Infosperber

Fussnoten:

1 Yale Review, Vol. 22, Nr. 4, June 1933, S. 755-769.

2 https://www.zdnet.com/article/iphone-xs-max-how-much-profit-does-apple-really-make-on-each-one-sold/ 28.9.18.

3 https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/irgendwann-geht-die-sonne-unter-schweizer-kmu-kaempfen-ums-ueberleben-130738768 23.11.16.

4 Mankiw’s Blog, 7. Mai 2006, http://gregmankiw.blogspot.com/2006/05/outsourcing-redux.html.

5 James K. Galbraith, The Predator State, Free Press, 2008, Seiten 68-69.

6 Sahra Wagenknecht: Reichtum ohne Gier. Campus, 2018. Seite 154.

7 Friedrich August von Hayek: Individualismus und wirtschaftliche Ordnung. W. Neugebauer, 1976, Seite 341.

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