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Der Tech-Finanz-Komplex: Infrastruktur der Unterwerfung

Infrastruktur der Unterwerfung Der Tech-Finanz-Komplex

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Wirtschaft

Postliberaler Kapitalismus steigert seine Aggressivität vom Alltag bis in die Geopolitik, neue Technologien verschaffen ihm die nötige Koordinationsmacht.

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Datum 4. April 2026
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Es gibt einen Moment in der Ideengeschichte des Kapitalismus, der heute wie ein Gründungszeichen wirkt: Apples legendärer „1984“-Spot. Eine Athletin sprengt die Leinwand des Grossen Bruders, der Mac erscheint als Hammer gegen Zentralisierung, Gleichschaltung, Monotonie – als Versprechen, dass Technik Macht dezentralisiert, Individuen befreit, Kreativität aus der Kommandostruktur löst.

Diese ist Mythos: die Fantasie einer technologischen Befreiung ohne gesellschaftliche Kämpfe. Vier Jahrzehnte später wechselte das Versprechen seine Form: Aus der Kritik am zentralen Rechner wurde die Legitimation zentraler Ökosysteme. Zentralität ist zur allgemeinen Infrastruktur geworden, die Zugänge, Zahlungsströme und Aufmerksamkeit organisiert. Die Regeln dafür schreiben wenige Konzerne.

Dies bildet den historischen Hintergrund eines Regimes, in dem ein Tech-Finanz-Mix Richtung und Tempo der Gesellschaft bestimmt: Es verschränkt digitale Infrastrukturen mit kapitalmarktgetriebenen Imperativen und Renditezwängen, Kredit- und Bewertungsregimen, Daten- und Plattformrenten. Technik fungiert darin als koordinierende, standardsetzende, kontrollierende und abschöpfende Schicht über Arbeit und Konsum, in Medienöffentlichkeit und Alltagsreproduktion.
Aus der „Revolution“ wird ein herrschender Betriebsmodus, der immer aggressiver wird, desto vielfältiger seine Versprechen wie Schwierigkeiten werden. Zunehmende Aggressivität in den Aktivitäten, Zielen, Methoden massgeblicher Akteure bestimmt gegenwärtige Gesellschaften in Alltagsgeschehen und Arbeitsbedingungen bis zu globaler Politik und militärischem Hochrüsten. Exzessive Vermögensanhäufung, rasende Finanzakteure und permanente technologische Umwälzungen formen Antriebsriemen unserer Gesellschaften, die Aggressivität weiter entfesseln.

Was ist besonders an einem Kapitalismus, der in hohem Masse von einem Tech-Finanz-Komplex bestimmt ist, an seinen Kapitalverwertungen und Herrschaftsverhältnissen? Was übersteigt die gewöhnliche Aggressivität des Kapitals? Er setzt einen Mix von Techniken und Verfahren ein, die alle gesellschaftlichen Sphären und Naturen durchdringen und umschreiben, über Ökonomie und Staat hinaus.

Neue Methoden und Imperative prägen alle unsere Reproduktionsbedingungen, die Okonomie und die Breite der Lebensverhältnisse, die Öffentlichkeit und das politische Geschehen. Aggressivität zeigt sich nicht zuletzt darin, dass ihre Zwänge und Täuschungen für immer mehr Leute unerträglich wird: zu viel Zeitdruck, Gebühren, Anforderungen, Rechtfertigungspflichten, Zahlungsprobleme.

Wie genau das von oben nach unten zusammenwirkt, ist meist verborgen, sollte uns aber interessieren. Die wichtigste Achse erhöhten Drucks zeigt sich im intimen Zusammenspiel digitaler Technologie und Finanzkalkulationen. Tech-Startups können nur dann erfolgreich werden, wenn sie in ihren Technologien selbst ein finanzorientiertes Modell implementieren.

Das soll sie über alle Massen profitabel, hoch „skalierbar“ machen. Die technisch beförderten Skalierungen gehen mit enormer Marktkonzentration einher und sollen möglichst einen ganzen Bereich von Tätigkeiten der Gesellschaft abdecken. Sie sind im Gleichtakt mit der Logik der Assets, der Macht kurzer Takte. Alle zusammen befördern die ganz grossen Vermögen, die unter dem Mass der Marktkapitalisierung besonders gut gedeihen.

Je grösser die Erwartungen an Technologie und überbordende Gewinne in der Zukunft, desto höher ihre Bewertung. Und die höhere Marktkapitalisierung macht es wiederum einfacher, an Kredite zu kommen und lässt Tech-Finanz-Unternehmen leicht weiter expandieren. In deren Fokus steht nicht zuletzt eine umfassende Kommodifizierung der Lebensverhältnisse ganzer Bevölkerungen, ihr soziales Leben, Bildung, Wohnen, Gesundheit.
Parallel entwickeln sich digitale Unternehmensorganisationen weiter, deren zunehmende Automation und Kontrolle von Arbeit auch als Schablone für die Lebensweisen dient. Laufende Optimierung und Restrukturierung, Verlagerung oder Beauftragung von Arbeit und ihre Bewertung nach Finanzkriterien formt Verhalten, prägt Wahrnehmungen und Erwartungen bis in den Alltag, so dass neue digitale Lösungen schnell zum Standard werden. Gleichzeitig werden ökonomische Umbrüche zunehmend normalisiert, und Krisenhaftigkeit bringt irritiertes Lebensgefühl.

Der Tech-Finanz-Komplex bildet deswegen das Zentrum aggressiven Kapitalismus, weil er die ganze gesellschaftliche Koordination in Verwertungs- und Herrschaftslogiken überführt.

Das funktioniert tief gestaffelt in einem kapitalistischen „Ökosystem“, mit dem Gatekeeping (Durchlasskontrollen) von Märkten über Plattformzugänge, mit den Standards für Prozesssteuerung und Datenhaltung, mit Lieferketten- und Logistiksteuerung inklusive deren algorithmischer Taktgebungen. Dessen finanzielle Hebel arbeiten mit Kapitalisierung und Kredit, Versicherung und Risiko-Preissetzung. Die Koordinationskraft des Tech-Finanz-Komplexes betrifft die gesamt gesellschaftliche Infrastruktur bis zur weitgehenden Übernahme der Kulturindustrie von Streamingdiensten, über Informationsversorger bis zu Games, Appstores und Marketing. Die Tiefstaffelung von Kapitalverwertungen und Machtmechanismen fördert die Aggressivität des gegenwärtigen Kapitalismus, da er immer empfindlicher gegen Störungen reagiert.

Blicken wir auf ein paar wichtige Akteure. Larry Ellison steht exemplarisch für eine Figur des Tech-Finanz-Komplexes, dessen Macht nicht aus öffentlicher Sichtbarkeit oder kultureller Hegemonie stammt, sondern aus Unverzichtbarkeit. Der IT-Konzern Oracle, dessen Gründer er ist, verkauft keine Anwendungen, die man beiläufig nutzt. Oracle verkauft Betriebsfähigkeit selbst: grosse digitale Verwaltungssysteme und Infrastrukturen, die festlegen, wie Personal verwaltet, Geldflüsse organisiert, Leistungen erfasst und Abläufe koordiniert werden.

Marc Andreessen hingegen, zuletzt Partner von Oracle bei der Tiktok-Übernahme in den USA, verkörpert den medien- und investitionsstrategischen Pol des Komplexes. Als Venture-Kapitalist und Ideologe des Silicon Valley trägt Andreessen massgeblich dazu bei, ein passendes Investitionsklima zu schaffen. Sein „Techno-Optimistisches Manifest“ lässt sich als Vision des Tech-Finanz-Komplexes als gesellschaftliches Allheilmittel verstehen.

Das Spektrum der Tech-Finanz-Akteure ist untereinander dicht vernetzt. Eher technologische Geschäftsmodelle sind Plattformkonzerne (à la Amazon, Marktkapitalisierung 2.500 Milliarden Dollar), Anbieter für Cloud- und Enterprise-Infrastruktur (Oracle, Marktkapitalisierung 500 Milliarden Dollar) und nicht zuletzt die immer wichtigeren Daten- und KI-Akteure (OpenAI, Bewertung in Kürze 750 Milliarden Dollar). Dazu kommen die Finanzinstitutionen, das heisst Fonds, Private Equity, Banken und Versicherungen, die Asset- und Risiko-Regime (Blackrock, verwaltetes Vermögen: 14.000 Milliarden Dollar, das Dreifache des deutschen Bruttoinlandsprodukts). Dazu zählen Medienunternehmen mit Streaming, Social Media und Plattformen.
Schauen wir noch einmal auf die Familie Ellison, die zu den reichsten der Welt gehört und aggressiven Kapitalismus personalisiert mit Eigentumskonzentration, Finanzialisierung, infrastruktureller Koordinationsmacht, staatlicher Ko-Produktion von Märkten und nicht zuletzt affektiver Stabilisierung des Bestehenden über Medien und Plattformen.

Der grosse Oracle-Aktienbesitz fungiert als Sicherheitengarant für kreditbasierte Liquidität bei Firmenübernahmen. Die Oracle Cloud Infrastructure (OCI) wiederum fungiert als neue materielle Produktionsbedingung, denn ihre Integrationskosten erzeugen strukturellen Lock-in, eine Abhängigkeit, der kaum zu entkommen ist. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen werden auf eine Infrastruktur und Methoden verpflichtet, die ökonomisch, technisch und politisch schwer angreifbar ist. Die Skydance- und Paramount-Deals sind Teil derselben Finanzlogik. Die mit Medien produzierte Aufmerksamkeit wird nicht primär kulturell, sondern als Rentenquelle und politisch relevante Konzentrationsmacht organisiert – bleibt aber kulturell effektiv.

Derartig profitables Kapitalmanagement und Technologien arbeiten nicht einfach für sich, sondern reproduzieren und koordinieren Arbeits- und Lebensverhältnisse. Zusammen halten sie das Ökosystem des Tech-Finanz-Komplexes am Laufen. Die Ausbeutung aus Lohnarbeit funktioniert als das klassische Schema kapitalistischer Vermehrung, ist allerdings in den letzten Jahrzehnten in alltägliche Lebensumstände eingedrungen. Homeoffice, die Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem eigenen Auto, gar im Airbnb-Heim kennt fast jeder, und gesicherten Lohn gibt es auch immer öfters keinen.

Die technisch und finanziell hochgerüsteten Kontrollmittel erlauben ganz neue Geschäftsmodelle. Dazu kommen alle möglichen Aneignungen, sei es Lebenszeit und Aufmerksamkeit, Affekte oder Ideen, die mit Tech-Finanz über diverse Gebühren und Renten oder einfach im Austausch Zugang gegen Daten aggressiver und profitabler wurden.

Eine weitere Säule des aggressiven Kapitalismus ist der erweiterte Kapitalhintergrund, bei dem immer sensitiveres Zeitmanagement von Arbeit und Leben ganz vorne steht. Jeff Bezos verkörpert diese Logik in Persona. Sein Amazon verschränkt Konsum, Arbeit und Infrastruktur zu einer Lebensumgebung. Im Lager wird Arbeit algorithmisch getaktet und Zeitmanagement heisst Arbeitsverdichtung, Anbieter werden abhängig vom Plattformzugang und seinen Zeitvorgaben, die Auslieferer werden auf Sekunden genau getrieben und die Konsumenten verlangen immer kürzere Lieferzeiten – alle sind ausser Atem, und das Kapital zirkuliert immer schneller.

Die obere Klasse verfügt dagegen über Zeit als Reserve: finanzielle Puffer, strategische Optionen, die Möglichkeit des Wartens. Die kapitaldominierten Klassen verlieren Zeit. Ihre Tage zerfallen in Takte, Fristen, Erreichbarkeiten, Dokumentationspflichten. Reaktionszeit, Lieferzeit, Bearbeitungszeit werden zu Massstäben sozialer Anerkennung und ökonomischer Verwertbarkeit. Solche Zeitverhältnisse durchsetzen die ganze Gesellschaft, Zeitarmut und Stress sind verbreitetes Lebensgefühl.

Ähnliches gilt für Räume, deren Zugang immer kostspieliger wird, die nach Vermögen aufgeteilt sind und eigenen Finanzmanagements unterstehen - wer kennt den ökonomischen Druck des Stadtlebens nicht. Sogar soziale Verhältnisse selbst werden ins Tech-Regime gesaugt, von multiplizierter Konkurrenz über Rankings zur Inflation flüchtiger Kontakte, die von Plattformtechniken geprägt sind. Die Tech-Übernahme reicht bis zu kognitiven und affektiven Steuerungen, der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie und Angst- und Wutmanagement.

Das ist nicht mehr ganz neu, aber jetzt sind diese Umstände von Arbeit, Leben und Politik vielfach miteinander sowie mit aggressiveren Techniken von Ausbeutung und Aneignung mit dem Tech-Finanz-Komplex verknüpft. Umso mehr, wenn die ökonomischen Umbrüche und soziale, gesellschaftliche Krisen als weitere Säule dazukommen.

Sie dienen nicht nur einer verbesserten Kapitalverwertung, sondern einem wirksameren Herrschaftsmanagement für entsprechende Klassenverhältnisse, deren Arbeits- und Lebensbedingungen. Zusammen funktionieren sie allerdings nicht störungsfrei, mit Konflikten etwa aus explodierender Ungleichheit.

All dies kann als Signal für aggressivere Interventionen des Tech-Finanz-Komplexes dienen: In Ausnahmesituationen müssen Entscheidungen schnell fallen, am besten technologisch. Was im Normalbetrieb als Bürokratisierung, Überwachung oder Entmündigung kritisiert würde, erscheint nun als Resilienz. Für die einen bedeutet Krise Marktausweitung und Machtzuwachs, für die anderen Verdichtung von Arbeit, Verlust von Autonomie und steigenden Anpassungsdruck.

Wachsende Ungleichheit, besonders ökonomische, wirkt dabei wie ein zusätzlicher Hebel: Wer keine Rücklagen besitzt, kann keine Risiken eingehen; wer austauschbar ist, fügt sich schneller. Für Tech- und Finanzakteure ist diese Asymmetrie eine stille Machtressource, die ihre Steuerungsfähigkeit vergrössert.

Transformation und Krise offenbaren eine verschärfte Unterscheidung zwischen oben und unten, nämlich die zwischen Sicherheit und Unsicherheit, von profitablem Krisenmanagement und bedrohlichem Geschehen. Das Zeitregime spitzt es zu: Mit den technisch-finanziellen Geschäftsmodellen kommen Vorhersagen und Kontrollen, zum Lebensalltag dagegen Ungewissheit und Bewertung, ein kurzer Zeithorizont. All diese Modelle, Investitionen und Interventionen formen Strategien für Klassenbeziehungen, die als bessere Vereinnahmung der beherrschten Klassen in den aggressiven Kapitalismus wirken.

Der berüchtigte Peter Thiel steht für die ideologische Zuspitzung dieser Ordnung. Mit seiner Tech-Firma Palantir wird Krise selbst zur Dauerform. Sicherheit, Migration, Betrug oder Krieg erscheinen dort als Datenprobleme, die man berechnen kann. Staatliche Entscheidungsmacht wird dazu an private Modelle delegiert, und öffentliche Budgets fliessen in deren Analysestruktur. Klassenverhältnisse werden technologisch gemanagt: Wer als Risiko gilt ist verdächtig, Kontrolle funktioniert ohne Gespräch und Entscheidung bleibt unsichtbar.

Mit den strategischen Vereinnahmungen und Umbruchsaktivitäten betreten wir die Ebene politischer Reproduktion der Gesellschaft. Hier kommt Tony Blair ins Bild. Der ehemalige britische Labour-Premier, der über seine Lügen zum Eintritt in den Irak-Krieg öffentlich desvouiert war, ist mit seinem Tony-Blair-Institute (TBI) eine exemplarische Schaltstelle von Tech-Finanz zu Staat und Politik. Es arbeitet als Vermittlungsmaschine, die politische Herrschaft, staatliche Apparate und Tech-Finanz-Macht in ein funktionsfähiges Arrangement überführt, das auch wegweisend für Länder wie Deutschland ist.

Es übersetzt Kapitalinteressen in Staatsräson. Anforderungen von Infrastruktur-, Daten-, Sicherheits- und Finanzakteuren erscheinen als neutrale Notwendigkeiten: Effizienz, Resilienz, Sicherheit. In solcher Ko-Produktion von Verwertung und Kontrolle liefern Technologiekonzerne die materiellen und digitalen Infrastrukturen, Finanzakteure kapitalisieren künftige Zahlungsströme, und der Staat garantiert Nachfrage, Legitimation und Durchsetzung. TBI stellt die konzeptionelle Klammer bereit, die solche Arrangements als Fortschritt erscheinen lässt.

Auf dieser politischen Ebene kommt die Aggressivität des gegenwärtigen Kapitalismus noch einmal etwas anders zum Ausdruck. Ellison ist ein Fan der Daten und möchte, dass Gesellschaften umfassend durch Daten organisiert werden. Dazu braucht es möglichst viel über die Leute, die Gesellschaften ausmachen. Hier kommt sein Kumpel Blair ins Spiel, dessen TBI als Explorationsinstitution für Ellisons Staatsinterventionen gelten kann. Mit dessen Expertise und Ellisons Firmenverbund kann der Staat die Einwohnerschaft weiträumig erfassen. Im Fokus steht aktuell das britische Gesundheitssystem NHS, dessen Datenbestand auf einen Wert auf 10 Milliarden pro Jahr geschätzt wird.

Zum Ausbau privater Kräfte im Staat bietet sich idealerweise noch ein System wie Thiels Palantir an. Im April 2024 kündigten Oracle und Palantir eine tiefe „strategische Partnerschaft“ zur Bereitstellung „geschäftskritischer KI-Lösungen für Regierungen und Unternehmen“ an.

Palantir steht zudem auf der Bestellliste des deutschen Staats ebenfalls ganz oben, an vorderer Stelle für Polizeieinrichtungen. Die staatlichen Aufträge für Tech-Finanz betreffen zudem immer mehr militärische Projekte, denn Vorhersage, Koordination und Lenkung sind dort besonders relevant. Eine doppelt lohnende Strategie: einerseits lukrative staatliche Aufträge, die Technologie verbessern, die andererseits in andere Bereiche implementiert werden können und zusammen die Kapitalisierung nach oben treiben.

Ellison, sein Freund Musk und Geschäftspartner Thiel stehen nicht nur für Überwachung, sondern beanspruchen Souveränität, die über Kontrolle und Koordination von Infrastruktur und Medien, Prozessen in Unternehmen und Staat hinausreicht. Ihnen geht es um die Installation durchsetzungsfähiger Regierungen ohne Demokratie, denn sie ist ineffizient und schützt die Falschen: es braucht einen harten Staat nach Geschäftskriterien, unter der Leitung von Leuten, die ihren Strategien folgen.

Die Strategien von Tech-Finanz haben auch einen ideologischen Korpus, der auf Pflicht zur Produktivität von Arbeitenden setzt. Er bemisst sich an den Kriterien von Skalierung, Kapitalisierung, Konzentration und soll nur durch eine auf Profit fixierte Hierarchie funktionieren, die konsequent gegen alle Non-Performer und Störquellen agiert. Diese Ideologien der Optimierung gruppieren sich um Ideen kommender technischer Wunder, der Rettung aus vertrackten Lagen, der Lösung grosser gesellschaftlicher Probleme durch geniale Innovationen und Welt-Gestalter, denen es zu folgen gilt.

Das lässt sich auf kapitaldominierte Klassen übersetzen. Als effizientes Steuerungsmittel dienen besonders Unsicherheiten der Arbeits- und Lebensverhältnisse für die Einzelnen, höchstens kompensierbar durch immer mehr technologische Sicherheit und smarte CEO's. Damit baut sich ein Herrschaftsnetz auf, das Bedingungen der Vereinzelten, der abhängigen Klassen und deren sozialen Verhältnisse immer effektiver organisieren kann.

Wo Reproduktion zunehmend prekär wird, tritt Verschuldung hinzu. Kredit bindet Zukunft an Gegenwart und macht dadurch Anpassung zwingender. Prekarität erzeugt Schulden, Schulden erzeugen Disziplin, Disziplin erhöht Ausbeutbarkeit. In Krisen verdichtet sich dies zu einer Selektionsmaschine für Lebensweisen, Unternehmen und Staat. Technik liefert die Steuerungsinstrumente, Finanzmärkte sorgen für Bewertungsdruck, Politik stellt die Legitimation.

Die Dominanz von Tech-Finanz könnte mit „Künstlicher Intelligenz“ einen neuen Level erreichen, die alle gesellschaftlichen Ebenen umschreiben soll. Das Spiel ist jedoch nicht so neu, sondern verläuft in einer Fluchtlinie des Tech-Finanz-Komplexes mit erweiterter Arbeitsproduktivität und Durchdringung der Lebensverhältnisse. Mit KI erlangt Kapitalverwertung vielleicht ein neues Level, das noch mehr durch Aneignung und Lenkung kognitiver, affektiver und sozialer Ressourcen geprägt ist.

Der Hype funktioniert deshalb so gut, weil massig freies Kapital für lukrative Investitionen auf die nächste grosse Geldmaschine wartet und eine schillernde Erzählung ungeahnte Räume zu eröffnen scheint. Für kapitaldominierte Klassen bedeutet das jedoch eine Zunahme der Vereinnahmung und Verunsicherung. Mit den hunderten Milliarden KI-Investitionen kommt eine Dimension ins Licht, die bisher nicht berücksichtigt ist: der Zugriff auf natürliche Ressourcen und die Veränderung von Arbeits- und Lebensverhältnissen.

Sie geraten noch stärker in den Fokus des Tech-Finanz-Komplexes. Er agiert inzwischen bei Ressourcenverwertung mit digitaler Exploration, Projektfinanzierung, Lieferkettenorganisation und operativer Kontrolle. Resultierende ökologische Krisen bieten für die einen neue Geschäftsfelder und für die anderen existentielle Unsicherheit.

Derartig werden heute herrschende Klassenverhältnisse aufgebaut und erhalten. Die funktionale Integration oder Subsumption kapitalabhängiger Klassen im aggressiven Kapitalismus setzt auf der Vereinnahmung ihrer affektiven, kognitiven und sozialen Lebensumstände auf, wie sie gerade mit den Zeitmanagements zur Geltung kommt. Sie sind nicht nur repressiv, sondern produktiv für kapitalistische Verwertung.

Digitale Regime erhöhen Produktivität verdichten Zeit: Leerlaufzeiten werden minimiert, Reaktionszeiten verkürzt, Aufmerksamkeit fragmentiert und permanent mobilisiert. Dieses Regime zielt auf Einzelne, agiert reaktiv, so dass Reflexion auf sozialen Kontext, und Klassenpositionen blockiert werden. Es wird zu einem Mechanismus weiterer sozialer Spaltung, der sich von Arbeits- in Lebensverhältnisse und ihre sozialen Differenzen weitet.

Aus solchen Diagnosen folgt nicht, dass die herrschende Klasse eine homogene Kraft im Einklang mit Strategien der Tech-Finanz wäre. In Deutschland sind heimische Finanzakteure wie Tech-Unternehmen eher schwach und ausländische Konzerne massgeblich, deren technische und finanzielle Methoden Unternehmen und Staat, Öffentlichkeit und Privatleben durchdringen.

Die herrschenden Klassenverhältnisse lassen sich zusammenfassen auf ausgefeilte Verfahren von erstens Vereinnahmung der Zeit, des Raums, des Psychischen und Sozialen, zweitens der Spaltung in konkurrierende Klassenfragmente und drittens verborgene Methoden ihrer Regulation. Letzteres meint etwa Anpassung durch Verschuldung ohne politische Adressierbarkeit oder die vielen Varianten der „Sachzwänge“.

Zu all dem gehört eine zielgenaue, oft digitale Verortung der Dominierten als Vereinzelte. Das kann unter Bedingungen exzessiver Ungleichheit gut gelingen, die Ausweichmöglichkeiten unten immer mehr erschweren. Wie dies genau in den abhängigen Klassen waltet, welche Zusammenhänge unter diesen Bedingungen weiter resultieren und wie vielleicht Neues in Arbeit und Lebensverhältnissen entsteht, ist Aufgabe weiterer Diagnosen. Zu ihnen gehört auch, was einige offensichtlichere Eigensinne, zunehmende Widersprüche sowie die daraus resultierenden Ambivalenzen für Klassenbeziehungen und politische Kräfte bewirken können.

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