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Alternativen zum “grünen” Kapitalismus: Lektionen aus dem Staatssozialismus der UdSSR | Untergrund-Blättle

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Lektionen aus dem Staatssozialismus der UdSSR Alternativen zum “grünen” Kapitalismus

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Die Öko-Bilanz der letzten 30 Jahre ist verheerend – nun soll’s ein “grüner” Kapitalismus richten. Gibt es dazu keine Alternativen?

Verwaltungsgebäude des Ministeriums für Strassenbau, Tiflis (1975).
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Bild: Verwaltungsgebäude des Ministeriums für Strassenbau, Tiflis (1975). / Labdabudi (CC BY-SA 4.0 cropped)

8. Oktober 2021
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Ein Blick in die ehemalige Sowjetunion drängt sich da nicht gerade auf – man denke nur an die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl aus dem Jahre 1986. Doch der kritische Geograph Salvatore Engel-Di Mauro zeigt, dass der ideologisch zu Grabe getragene Osten eine überraschende Inspirationsquelle bietet. Aus den Fehlern und Erfolgen des Staatssozialismus können wir für die Kämpfe unserer Zeit lernen:

Die kapitalistischen Gesellschaften hatten gut drei Jahrzehnte Zeit, ihren ökologischen Wert unter Beweis zu stellen – seitdem sie über die UdSSR und ihre verbündeten Staaten “gesiegt” hatten. Die Auswirkungen sind verheerend. Während die verbleibenden sozialistischen Staaten auf dem Rückzug sind, haben sich die kumulierten globalen CO2-Emissionen fast verdoppelt (von 0,833 Billionen Tonnen im Jahr 1992 auf 1,61 Billionen Tonnen im Jahr 2019). Ausserdem ist Kuba das einzige Land, in dem der materielle Wohlstand der Menschen auf ökologisch nachhaltige Weise gesteigert werden konnte.

Während grosse Teile des kapitalistischen Südostasiens und Länder wie Brasilien von der Abholzung heimgesucht werden, haben sich die Wälder in Laos und Vietnam unter der Führung der Kommunistischen Partei wieder erholt, trotz der langfristigen Waldzerstörung durch US-Militärangriffe (Laos ist das am meisten bombardierte Land der Geschichte), illegalen Holzeinschlag und internationalen Handelsdruck. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Die meisten Umweltparameter weisen eindeutig darauf hin, dass der Kapitalismus im Vergleich zum Staatssozialismus ein völliges Versagen hinsichtlich des Umweltschutzes darstellt.

Das Gleiche gilt für die massiven Verbesserungen im Leben der Menschen im Staatssozialismus. Es ist auch dem Staatssozialismus zu verdanken, dass die einst chronischen Hungersnöte in Russland und China überwunden werden konnten. Im letztgenannten Land hat die Politik der Kommunistischen Partei dazu geführt, dass innerhalb eines halben Jahrhunderts mehr als 800 Millionen Menschen aus der Armut befreit werden konnten – eine historisch einmalige Leistung.

Ökosoziale Katastrophen allenthalben

Dennoch beschuldigen viele Menschen, vor allem aus den kapitalistischen Demokratien, die sozialistischen Staaten allerlei grausame Missetaten und ignorieren dabei bequemerweise den massiven Druck der Regierungen der kapitalistischen Demokratien und deren unerbittliche Versuche, jede Art von Sozialismus zu zerstören. Kritische Bewertungen sind sicherlich legitim, jedoch sollten der Kontext und gegenteilige Daten nicht ignoriert werden.

Wenn man die Beweise systematisch untersucht, wird deutlich, dass Fälle von Umweltzerstörung oder -katastrophen durch den Staatssozialismus weder allgegenwärtig noch dieser Form des Sozialismus immanent waren. Dies steht in krassem Gegensatz zu den immer wiederkehrenden kapitalistischen Umweltkatastrophen und Völkermorden, die durch den Zwang zu endlosem Profit angetrieben werden. Die durch den Kapitalismus verursachten Todesopfer sind immens und in der Geschichte der Menschheit beispiellos. Die kapitalistische Demokratie ist besonders verheerend und hat die schlimmsten ökosozialen Katastrophen aller Zeiten verursacht, wie die anhaltenden Schrecken in Bhopal (Indien), Hanford (USA), dem Nigerdelta (Nigeria), Lago Agrio (Ecuador) und Fukushima (Japan).

Um der allgegenwärtigen kapitalistischen Ideologie entgegenzuwirken, kann man damit beginnen, sich selbst und andere über die Überlegenheit der Umweltbilanz sozialistischer Staaten aufzuklären. Dies wird seit Jahrzehnten empirisch nachgewiesen, aber die Daten werden in skandalöser Weise verzerrt dargestellt, sind oft über die wissenschaftlichen Disziplinen hinweg verstreut und erfordern zuweilen technisches Wissen zur richtigen Interpretation. Im Folgenden sollen die wichtigsten Ergebnisse meines kürzlich erschienenen Buches in Bezug auf die UdSSR zusammengefasst und veranschaulicht werden.

Umweltschutz als Staatsräson – die UdSSR

Der erste sozialistische Staat, die UdSSR, war ein Vorreiter für eine ökologisch nachhaltige Entwicklung. Selbst während des russischen Bürgerkriegs hatten Umweltfragen Priorität. Unter der bolschewistischen Herrschaft blühte die Ökologie als Wissenschaft auf und wurde zur fortschrittlichsten in der Welt. Umweltpolitische Strömungen waren ein fester Bestandteil des Staatssozialismus und prägten zuweilen die nationale Politik, wenn sie nicht sogar erfolgreich Druck von der Basis gegen umweltzerstörerische Pläne ausübten. Über einen Zeitraum von etwa siebzig Jahren waren die Nettoauswirkungen dieser Strömungen nicht nur für die UdSSR, sondern auch für die meisten der seitdem entstandenen sozialistischen Staaten konstruktiv.

Viele Arten wurden vor dem Aussterben gerettet oder durch Grossschutzgebiete behütet. Die Schutzgebiete wurden bzw. werden im Laufe der Zeit, von einigen Ausnahmen abgesehen, zahlenmässig und flächenmässig ausgeweitet, was den Schutz ganzer Ökosysteme mitsamt ihren vielfältigen Böden und Oberflächengewässern ermöglicht. Um dies zu ermöglichen, wurden bzw. werden Millionen von Menschen für den Umweltschutz mobilisiert und auf formellem und informellem Wege über die Bedeutung des Umweltschutzes aufgeklärt, was ein dauerhaftes Vermächtnis an Umweltwissen und -bewusstsein hinterlässt.

Massnahmen zur Erhaltung des Bodens wurden so weit wie möglich durchgeführt und waren im Grossen und Ganzen erfolgreich, wenn man bedenkt, dass die wirtschaftlichen Zwänge und die ererbten niedrigen Produktivitätsniveaus erheblich waren. In einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) über Bodendegradation aus den späten 1980er Jahren belegte die UdSSR Platz 28 in der Welt, verglichen mit Platz 52 der USA (für eine kritische Würdigung dieser FAO-Studie siehe Engel-Di Mauro 2014). Der Holzeinschlag beschränkte sich im Wesentlichen auf die Grenzen der Waldverjüngung. Es gab auch viele Beispiele für umfangreiche Aufforstungsmassnahmen, die die Bodenerosion verringerten und Wasserwege schützten sowie Lebensräume für viele Arten sicherten.

Welche Massnahmen wurden ergriffen?

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der UdSSR war die vorrangige Entwicklung der Infrastruktur für den kollektiven Konsum. In den städtischen Zentren wurde der öffentliche Verkehr gegenüber dem motorisierten Individualverkehr privilegiert, der folglich immer stark gedämpft war. Die Stadtplanung umfasste die Bereitstellung und Aktualisierung umfangreicher Grünflächen. Der innerstädtische Reiseverkehr und die Binnenwanderung der Bevölkerung wurden und werden tendenziell eingeschränkt, während der Wohnungsbau häufig zentral geplant und weitgehend garantiert wurde und wird, was alles dazu beiträgt, die Ausdehnung der Städte zu verringern oder sogar zu verhindern und die Luftverschmutzung in den Gebieten zwischen den Städten in Grenzen zu halten. Der Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch war gering, und das Recycling von Materialien war gut entwickelt und wurde stark gefördert.

Schon früh nach der Revolution im Jahr 1917 wurden grosse Anstrengungen unternommen, um grundlegende Abwassersammel- und Wasserreinigungsanlagen zu entwickeln, die in den meisten Teilen des ehemaligen Russischen Reiches fehlten. Dadurch wurden die öffentliche Hygiene und Gesundheit erheblich verbessert. Es gab auch wenig bekannte, aber entscheidende frühe Fortschritte, wie das Verbot von verbleitem Benzin und Farben in der UdSSR bereits in den 1940er Jahren.

Die rasche Industrialisierung, insbesondere in den 1970er Jahren, brachte eine starke Luft- und Wasserverschmutzung mit sich, auch wenn sie geografisch begrenzt war.

Es wurden jedoch Massnahmen ergriffen, die zu erheblichen Verbesserungen bei der Verringerung des Schadstoffausstosses und der Sanierung verschmutzter Standorte führten (in den kapitalistischen Ländern hingegen bedurfte es der Organisierung von Millionen von Menschen in Umweltbewegungen in den 1960er Jahren und ausserhalb staatlicher Institutionen, um das zu erreichen, was sich dann letztlich als weitgehend vorübergehende Erfolge herausstellte). Zu den Massnahmen zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung gehörten die Umstellung auf Erdgas, wo dies möglich war, und die Nachrüstung von Industrieanlagen mit weniger umweltschädlichen Geräten.

Dank der Produktivitätssteigerung durch die Industrialisierung wurden hochmoderne Umweltüberwachungsprogramme und -stationen entwickelt. Die Überwachung wurde so dicht wie möglich verteilt, selbst über riesige Territorien. Als Vorreiter mehrerer internationaler Umweltabkommen setzte sich die UdSSR weltweit für den Schutz der biologischen Vielfalt, die Verringerung der grenzüberschreitenden Luftverschmutzung und der Treibhausgasemissionen, die Eindämmung der Wüstenbildung und die Erhaltung der Böden ein. Die ökologisch konstruktiven Auswirkungen der UdSSR, sowohl innerhalb ihrer Grenzen als auch weltweit, sind zum Teil auf die Umweltsensibilität zurückzuführen, die in Teilen der späteren Regierungspartei vorherrschte. Diese Sensibilität hielt selbst auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs und der internen, massenmörderischen Repression der 1930er Jahre an.

Den Kapitalismus überwinden – ökologisch nachhaltig

Die meisten Indikatoren deuten darauf hin, dass die UdSSR unter dem Strich eine bessere Bilanz aufweist als selbst die reichsten kapitalistischen Demokratien, deren höherer Lebensstandard und technologischer Fortschritt auf der Plünderung eines Grossteils des Planeten beruhen. Dies sollten Gründe genug sein, um die staatssozialistischen Umweltpraktiken und -politiken neu zu bewerten, anstatt sie kategorisch zu verwerfen. Es sollte relativ einfach sein, auf den umweltzerstörerischen Charakter und die Ergebnisse der marktwirtschaftlichen Demokratien und des Kapitalismus im Allgemeinen hinzuweisen, aber stattdessen wird uns meist eine Umkehrung der Realität präsentiert.

Dazu gehört auch, dass die ökologisch konstruktiven Ergebnisse staatssozialistischer Systeme verschwiegen oder gar geleugnet werden, was durch die Auslöschung der Vielfalt der Praktiken und Auswirkungen in den mehr als 20 staatssozialistischen Ländern, die bis in die 1970er Jahre etwa ein Drittel der Menschheit ausmachten, noch verschärft wird. Vor diesem Hintergrund sollte die wichtigste politische Aufgabe von Sozialist*innen darin bestehen, die Probleme und Fehler der sozialistischen Staaten zu benennen und dennoch auf ihren Errungenschaften aufzubauen.

Die positive Umweltbilanz der sozialistischen Staaten, einschliesslich der UdSSR, ist noch beeindruckender, wenn man die enormen historischen Herausforderungen berücksichtigt. Diese lassen sich in drei miteinander verbundenen Prozessen zusammenfassen. Einer davon sind die Auswirkungen der sich verändernden Rahmenbedingungen in einer kapitalistischen Weltwirtschaft. Ein weiterer ist die sich verändernde Verflechtung zwischen sozialistischen Staaten und imperialistisch-kapitalistischen (oft neokolonialen) Mächten. Ein dritter sind die bereits bestehenden und neu entstandenen internen sozialen Konflikte (Klassenkämpfe) innerhalb und zwischen staatssozialistischen Ländern nach erfolgreichen Revolutionen oder Systemwechseln.

Diese drei Prozesse bilden die Grundlage für die übergreifenden Probleme, die von jeder aktuellen sozialistischen Formation berücksichtigt und eingeplant werden müssen: Aufbau der notwendigen Verteidigungsanlagen, um kapitalistische Angriffe zu überstehen und gleichzeitig allen Menschen ausreichenden materiellen Wohlstand zu Gute kommen zu lassen und dabei Umweltschäden zu vermeiden. Alles mit dem Ziel, schliesslich eine kommunistische Gesellschaft (d. h. eine staatsfreie, klassenlose Gesellschaft) zu schaffen. Die Bewältigung dieser Probleme erfordert zwei Formen von miteinander verbundenen, aber unterschiedlichen Kämpfen: einen sozialen und einen ökologischen Kampf.

Sozialistische Staaten wie die UdSSR waren ein Beispiel für diesen kombinierten Kampf. Sie bieten immer noch viel Anschauungsmaterial – nicht nur in Form von Wegweisern, was zu verhindern ist, sondern auch in Form von Möglichkeiten, die kapitalistischen Verhältnisse auf ökologisch nachhaltige Weise zu überwinden.

Salvatore Engel-Di Mauro
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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