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Silvio Gsell - Kritik der Freiwirtschaftslehre | Untergrund-Blättle

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Gedanken von Silvio Gsell über die Funktion des Geldes Kritik der Freiwirtschaftslehre

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Silvio Gesell war einer der wenigen Theoretiker des Anarchismus, der sich mit ökonomischen Fragen beschäftigt hat. Er war eine Art Vorbild von Keynes, der sich explizit auf ihn bezogen hat. Heute, angesichts der Finanzkrise, besinnen sich viele Leute wieder auf ihn. Grund genug, ihm eine kritische Würdigung angedeihen zu lassen.

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Bild: Geldautomaten der Royal Bank of Canada (RBC). / Grid Engine (PD)

14. Juli 2012

14. 07. 2012

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Der Platz, an dem Waren getauscht werden, ist der Markt. Wer am Markt – gleich, ob es jetzt ein kleiner lokaler oder der grosse Weltmarkt ist, oder eine Tauschbörse am Internet – etwas erwerben will, muss gleichzeitig etwas anderes dafür hergeben. Er muss also etwas haben, das er eintauschen kann. Wenn er nichts hat, hat er auf dem Markt nichts verloren. Er kann sich also auch von dort nichts holen. Was immer für Bedürfnisse er hat, er kann sie nicht befriedigen.

Der Tausch

Gleichzeitig haben wir eine Eigentumsordnung, die viele Menschen von jeder Möglichkeit, etwas herzustellen, ausschliesst. Die meisten Menschen haben kein Land, auf dem sie etwas anbauen könnten. Sie haben keine Werkstatt, in der sie etwas zusammenbasteln könnten. Sie haben nicht einmal ein Haus oder eine Hütte im Wald, in der sie wohnen könnten. Um an Lebensmittel, Wohnraum oder Gebrauchsgegenstände heranzukommen, müssen sie etwas dafür hergeben – heutzutage ist das Geld. Es wäre aber um nichts besser, wenn Tauschgegenstände aller Art auch auf dem Markt zugelassen bzw. nachgefragt würden, weil die haben sie ja auch nicht.Die meisten Menschen sind von jeder Möglichkeit, etwas Nützliches zu erzeugen, einfach ausgeschlossen.

Es gibt ja viele Erklärungen, warum auf der Welt gehungert wird. Sie sind alle falsch. Unter anderem deshalb, weil sie diese grundlegende Gleichung: Um etwas zu bekommen, muss man etwas hergeben, nicht zur Kenntnis nehmen. Da werden logistische und Verteilungsprobleme angeführt, die Natur und ihre Tücken, menschliche Gier und korrupte Beamte, oder eine ungerechte Weltordnung, in der die einen sich überfressen und die anderen deswegen nicht einmal das Nötigste bekommen.

Wenn solche Gründe angenommen und anerkannt werden, ist der Tausch und das Prinzip des Eigentums fein heraussen: Sie können nicht der Grund sein. Oft wird eben eine bessere Austausch-Ordnung, ein "gerechterer" Zugang zu ebendiesem globalen Markt als Lösung für die Ernährungsprobleme der Menschheit angeführt.

Dabei muss man, um hungrige Menschen zu finden, schon lange nicht mehr in die Dritte Welt, die Länder der Peripherie schauen. Es gibt, wie man den Medien entnehmen kann, längst in den Zentren unserer Weltordnung, auch hier in Berlin, jede Menge Leute, die Schwierigkeiten haben, sich ordentlich zu ernähren. Zum Beispiel Schulkinder, die zu Hause nichts zum Essen haben und in Schulen und öffentlichen Küchen mit Essen versorgt werden müssen. Und diese sozialen Zustände werden gar nicht verschwiegen, jeder kennt sie. Aber da auch jeder, der das liest oder im Fernsehen sieht, überzeugt ist, dass Tausch und Eigentum notwendig sind, und dass gar nichts produziert würde, wenn es dann nachher nicht mit einem Gegenwert abgegolten wird, so kann man solche eigentlich empörenden Zustände ruhig zur Sprache bringen.

Die Medien können sicher sein, dass niemand deswegen an unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu zweifeln anfängt, sondern nur Initiativen fordert, die diese Zustände handhabbar machen.

Ich lege deshalb so grossen Wert auf den Umstand, dass der Tausch eine Form des Ausschlusses ist, weil heute, angesichts der Tatsache, dass das Geld irgendwie ein bissl in Misskredit geraten ist, viele Kritiker unseres Gesellschaftssystems die Lösung aller Probleme in einer Rückkehr zu einer Art Tauschwirtschaft sehen, oder zu einem Tauschmittel, das kein Geld ist, sondern irgendein anderer nützlicher Gegenstand. Ich will auch noch darauf hinweisen, dass es vor dem Kolonialismus viele Gesellschaften und Wirtschaftsformen gegeben hat, die von Tausch nichts gewusst haben, und wo die Menschen sich auch irgendwie ernährt und gekleidet haben.

Viele der indigenen Bewegungen in Lateinamerika heute zum Beispiel haben es sich zum Ziel gesetzt, das Land, das ihnen im Laufe der Jahrhunderte geraubt worden ist, wieder zurückzubekommen und in Gemeinschaft zu bewirtschaften. Und sie werden brutal niedergemacht von den jeweiligen Regierungen – auch in Venezuela zum Beispiel – weil ihr Begehr eben eine prinzipielle Kritik an Eigentum und Tausch bedeutet und damit die Grundlage der Staaten, in denen sie leben, in Frage stellt.

Die Verteidiger unserer Gesellschaftsordnung hingegen werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Tausch eine feine Sache ist und am besten mit Geld geht. Damit wollen sie Werbung für das Geld machen. Sie weisen mit allerlei Beispielen darauf hin – kürzlich gab es dazu einen ausführlichen Artikel in der FAZ – dass es furchtbar unpraktisch ist, wenn Leute mit Kartoffeln auf den Markt gehen und diese für Schuhe tauschen wollen.

Und wenn man unbedingt tauschen will, so ist das ja wirklich unpraktisch. Wer will schon die Kartoffeln, und wer gibt Schuhe dafür her?

Das allgemeine Äquivalent: Geld

Deswegen, so meinen die Anhänger des Tausches, ist es super-gut, dass es ein universelles Tauschmittel gibt, eines, das alle haben wollen. Marx nennt es das allgemeine Äquivalent. Er will damit ausdrücken, dass es ein Tauschmittel gibt, geben muss, das alle akzeptieren und alle haben wollen. Was heisst das für den Tausch? Es heisst, dass alle, die tauschen wollen, einmal dieses allgemeine Zahlungsmittel haben wollen, damit sie dann dafür das kriegen, was sie selber dort am Markt haben wollen.

Also: Sie bieten selber etwas an und hoffen, dass es dafür einen Käufer gibt. Und dann wollen sie für ihre Ware das bekommen, das die anderen Verkäufer als Gegenwert anerkennen. Alle, die auf den Markt gehen, akzeptieren und wollen dieses allgemeine Äquivalent, weil damit ist sicher, dass sie selbst, wenn sie es einmal an Land gezogen haben, damit auch einkaufen gehen können.

Man vergesse hier nicht: jeder geht nur auf den Markt mit seiner Ware, weil er erstens sein Zeug loswerden und zweitens etwas dafür kriegen will, etwas, was er selbst nicht hat und nicht erzeugen kann. Ganz gleich, ob es Lebensmittel sind, die er essen will, oder Rohprodukte, die er braucht für die Erzeugung seiner Ware. Also, alle wollen dieses allgemein anerkannte Tauschmittel.

Früher, in einfacheren Tausch-Gesellschaftsformen, im Mittelalter in Europa, war dieses allgemeine Äquivalent ein Edelmetall: Gold oder Silber, und als Kleingeld das Kupfer. Und sofort hat es wen gegeben, der sich dieses allgemeinen Äquivalents bemächtigt hat: die Staatsgewalt. Gold- und Silberbergbau waren, selbst wenn sie privat betrieben wurden, unter die Kontrolle des Staates gestellt, und das Münzprägerecht war ein staatliches Monopol.

Wenn nämlich jemand dieses allgemeine Tauschmittel in der Hand hat, so hat er eine Verfügungsgewalt über die Gesellschaft: Diese Instanz kann den anderen die Bedingungen des Tausches bestimmen, aufnötigen. Diese Instanz hat die Möglichkeit, zu bestimmen, was etwas wert ist und was nicht. Deshalb haben sich die feudalen Regierungen – Könige, Kaiser, Fürsten – das Monopol über die Gewinnung von Edelmetallen und das Münzprägerecht gesichert.

Alle, die auf den Markt gegangen sind und dort etwas loswerden wollten, haben dafür dieses allgemeine Tauschmittel, das Geld, haben wollen. Und deswegen selbstverständlich akzeptiert, dass ihr Ware in diesem Wert, dieser Münze gemessen wird.

Das heisst soviel wie: Sie haben ein allgemeines Wertmass anerkannt, dem sich ihre Produktion, ihre Ware unterordnen muss, weil die nur dadurch einen allgemein anerkannten Wert erhält. Und dass ihr Produkt, ihre Ware nur dann, wenn sie diesen Wert an Land ziehen kann, versilbert werden kann, überhaupt Wert hat, also verkäuflich ist.

Wenn es einmal soweit ist, dass ein "Mass der Werte" (auch wieder ein Ausdruck von Marx, als eine der Funktionen des Geldes) eingerichtet ist und jeder danach strebt, es in die Hände zu bekommen, so hat das Metallgeld seine Mängel: Es ist nur begrenzt verfügbar, seine Herstellung ist kompliziert und teuer, und es nutzt sich im Gebrauch, also im Händewechsel, ab. Die Zeit ist also reif für seinen Ersatz durch passendere Substanzen.

Staatspapiergeld

Die Staaten, die Regierungen, als Garanten des allgemeinen Äquivalents, sind irgendwann dazu übergegangen, dieses selber herzustellen, und ihre pure Gewalt dafür einzusetzen. Das war ein langwieriger Prozess. Papierzettel als Geldersatz sind dem vorausgegangen. Kaufleute stellten Wechsel aus und Banken druckten Banknoten.

Diese privaten Wert-Ersatz-Zettel hatten ihre Gültigkeit als Vertreter von Ware oder Münzgeld. Sie waren glaubwürdig durch Bezug auf zu verkaufende Ware, oder durch Versprechen auf Münzgeld. Der Staat lernte daraus, und aus der Nachfrage nach seinem eigenen Münzgeld, dass dieses ersetzbar war: Durch Zahlungsversprechen des Staates, die er dank seiner Gewalt garantierte. Das Staatspapiergeld, das selber keinen Wert hat – oder soviel wie andere Papierprodukte, Servietten, Klopapier – erhält seinen besonderen Wert als allgemeines Äquivalent dadurch, dass der Staat seinen Wert garantiert und sagt: Dieser Zettel ist 50, jener 100 Euro wert.

Die 2 Zettel sind natürlich die gleichen, von ihrer Substanz her. Der Unterschied in ihrem Wert kommt nur von aussen, vom Staat her, der einen unterschiedlichen Wert darauf druckt.

Heute wird der Wert der Waren, also allen Reichtums NUR in Staatspapiergeld gemessen. Es geht auch gar nicht anders. Die Geldzirkulation zurückzuführen auf Edelmetalle ist unmöglich. Die Tauschwirtschaft und Geldzirkulation ist nicht aufgehoben, aber sie wird immer mehr in Frage gestellt, und zwar nicht aus einem Misstrauen geg enüber dem Tausch, sondern gegenüber dem Wert: Wenn ich etwas auf den Markt trage und dafür ein allgemeines Äquivalent erhalte – gilt mir das überhaupt den Wert meiner Ware ab? Kann ich damit etwas dem Wert meiner Ware Entsprechendes kaufen? Damit ist das Austauschverhältnis überhaupt in Frage gestellt, aber nicht seinem Wesen, sondern seiner Handhabbarkeit nach.

Und damit wird Silvio Gesell wieder aktuell.

Gesells Kritik am Geld, am Grundeigentum und am Zins

Was die Beschäftigung mit Gesell betrifft, so verhält es sich mit ihm ähnlich wie mit seinem Bewunderer Keynes: Man beruft sich auf ihn, liest ihn aber kaum.

Ein paar Punkte, worin Gesell durchaus wieder Anhänger hat, auch wenn sie vielleicht seine Theorien nicht kennen und daher gar nicht wissen, dass sie in Übereinstimmung mit ihm sind.

Die Deckung des Geldes

Eine Kritik am modernen Staatspapiergeld ist die, dass es ungedeckt sei und deshalb jederzeit plötzlich an Wert verlieren könne. Mein hauptsächlicher Einwand gegen dergleichen Kritik ist, dass Geld und Wertproduktion an sich Dinge sind, die zu bekämpfen und abzuschaffen sind. Dafür dienen meine vorher gemachten Ausführungen.

Es hat diese Kritik Gesells aber auch ihre inneren Widersprüche.

a) Geld soll durch Waren gedeckt werden. Wie soll das gehen? Wenn auf Geldscheinen ein Nominalwert aufgedruckt ist und einem Geldberg ein Warenberg gegenübergestellt wird, wie soll sich da "Deckung" einstellen? Wieviel Geld eine Ware wert ist, ist zunächst etwas, was sich normalerweise am Markt herausstellt. Man müsste, um die angestrebte "Deckung" oder Entsprechung zwischen Waren und Geldzetteln zu erzielen, den Wert jeder einzelnen Ware in Geld dekretieren und Preisveränderungen unter Strafe stellen. Dann ist aber der Markt futsch und wir sind im Realen Sozialismus, und es hört sich auch jede private Produktion auf.

b) Geld soll durch Edelmetalle gedeckt werden. Auch das gabs ja schon. In Nationalbanken lagerten Silber- oder Goldschätze, die den Wert des in Umlauf gebrachten Papiergeldes garantieren sollten. Nur: Sobald das Vertrauen in das Papiergeld verlorenging und die Bürger die Papierzettel gegen Geldware eintauschen wollten, so war natürlich immer zuwenig davon da und die Parität musste aufgehoben werden. Denn jede Goldmenge, die in der Bank liegt, ist als Schatz totes Kapital, deswegen wurde sie immer gering gehalten und stellte nur einen Bruchteil des in Umlauf befindlichen Geldes dar. Diese Art von Deckung gilt nur, solange sie geglaubt wird. Sie kann Geldwert nicht garantieren.

Ich sage das auch deshalb, weil es inzwischen wieder Vorschläge gibt, einen Goldstandard einzuführen. Aber wie soll das gehen? Sobald ein Staat sagt: 200 Dirham sind so viel wie eine Unze Gold – wer glaubt ihm das? Und das Gold, um dagegen jede beliebige Menge Papiergeld eintauschen zu können, hat kein Staat, und es gibt auch gar nicht so viel davon auf der Welt.

Gegen Einkommen ohne Arbeit, gegen Grundrente und Zins

Erstens sind so Vorstellungen der Art: wer nichts arbeitet, soll auch nichts essen, von vornherein unsympathisch: Man denkt irgendwie an Arbeitsdienst und Euthanasie. Irgendwie stellen sie eine Gesellschaft vor, in der es nur Gesunde und Arbeitsfähige gibt, und alle anderen durch den Rost fallen.

Aber ich habe auch wirtschaftliche Einwände: Die Gesellsche Freiwirtschaftslehre stellt dem entwickelten Kapitalismus ein vorkapitalistisches Ideal gegenüber: Gegenüber der Scheidung der Produzenten von den Produktionsmitteln propagiert sie eine Rückführung auf einen Zustand, wo der Produzent gleichzeitig Bauer und Handwerker ist und seine Waren auch selber auf dem Markt veräussert. Sie ist daher auch populär bei Aussteigern, die ihr Heil in landwirtschaftlichen Kommunen suchen.

Das erste und wichtigste, was gegen diese Freiwirtschaftslehre zu sagen ist, ist das, dass sie wirklichkeitsfeindlich ist. Es wird mit dieser Modellbauerei (und der geringste Einwand dagegen ist, dass sie rückwärtsgerichtet ist) so getan, als würde unser Wirtschaftssystem nur auf Irrtümern beruhen und man müsste nur ein besseres erfinden, um alle glücklich zu machen. Warum es um Geld geht, um Gelderwerb und Gewinn, und wer ein Interesse hat, es aufrechtzuerhalten – das interessiert nicht, dafür wird eine schöne neue Welt ausgemalt.

Darin hat das Modellbauen und -denken auch seinen Nutzen in der heutigen Volkswirtschaftslehre: Da wird nämlich immer so getan, als wäre die Wirtschaft doch für uns alle da, und man brauchte nur das richtige Modell. Und wenn man eines hat, und es taugt nix, dann geht man an die Konstruktion des nächsten. Die Interessen, die in der Welt vorherrschen, und ihre Vollstrecker sind bei so einer Luftschlossbauerei natürlich fein heraussen.

Wie in der Gesellschen Freiwirtschaftslehre Grundrente und Zins eliminiert werden, ist auch sehr elegant: Er überlegt sich nicht, wie sie in die Welt kommen, also warum es beides gibt, sondern erklärt sie zu unerwünschten Elementen eines Baukastens, die man einfach – unter Beibehaltung anderer, guter, wie der Ware oder des Geldes – eliminieren kann. Womit wir bei seiner idealen Wirtschaft sind.

Warenproduktion: ein menschliches Grundrecht

Die Arbeit, sofern sie ehrlich und eigen ist, bekommt ein dickes Lob. Nur wer arbeitet, soll auch essen. Es ist möglich, dass Gesell nicht so gedacht hat, aber die Verlängerung ist jedenfalls drinnen. Zweitens wird so getan, genauso wie bei den bekennenden Verteidigern der Marktwirtschaft, als ob alle Bedürfnisse durch den Markt befriedigbar sind. Jeder stellt her, was er kann und will, und für alles findet sich ein Abnehmer. Das Bedürfnis selber, sofern es nicht einen Gegenwert anbieten kann, wird genauso negiert wie im Kapitalismus.

Vielleicht auch noch etwas zur Planwirtschaft, als der Marktwirtschaft entgegengesetzt: Planwirtschaft heisst doch zunächst einmal nur, dass erst einmal der Bedarf erhoben werden soll und danach die Produktion eingerichtet wird. Durch einen Plan wird sichergestellt, dass genau das hergestellt wird, was gebraucht wird.

Heute, mit dem Internet wäre das wirklich überhaupt kein Problem, dass jeder seine Wünsche anmeldet, und die Produktionsmöglichkeiten ermittelt werden, und dann bringt man die beiden irgendwie zusammen. Aber gegen die Planwirtschaft wird immer das Zerrbild einer Kommission, die die Bedürfnisse dekretiert, entworfen, und demgegenüber die Privatinitiative hochgehalten als das Reich der individuellen Freiheit. Und damit wird der absurde Umstand gutgeheissen, dass erst produziert wird und man dann schaut, ob man einen Abnehmer findet, der einem auch noch dazu Geld hinlegt für das eigene Produkt.

Dadurch wird, wenn man den Gedanken konsequent weiterdenkt, das zu kurz gekommene – weil nicht zahlungsfähige – Bedürfnis in Kauf genommen und Armut und Elend sozusagen zu Naturnotwendigkeiten erklärt.

Geld als Umlaufmittel, Vermittler des Warentausches

Manchmal wird über Silvio Gesell verbreitet, er hätte das Geld abschaffen wollen. Das ist ein Irrtum. Nein, er war Kaufmann und hat gedacht wie ein Kaufmann: Er wollte das Geld funktional machen für den Warentausch. Und er hatte seine Theorien darüber, was der Handhabbarkeit des Geldes entgegensteht. Er wollte vor allem verhindern, dass das Geld aus dem Umlauf verschwindet, gehortet wird und zu einer eigenen Ware wird, die dann für die Spekulation dient und gegen Zins verliehen wird. Er wollte es im Umlauf halten, deshalb seine Schwundgeldtheorie: Horten, Schatzbildung soll durch Geldentwertung bestraft werden.

Dadurch soll das Geld stets im Umlauf bleiben und zur Vermittlung des Warentausches dienen, weil auf ein allgemeines Äquivalent wollte er auch nicht verzichten. Seine Schwundgeldlehre speist sich aus dem Umstand, dass er ein unbedingter Verteidiger der Ware und des Tausches war. Meine Argumente gegen Tausch und Warenproduktion sind schon gefallen, die will ich jetzt nicht mehr wiederholen.

Oftmals wird zur Unterstützung der Theorien Gesells die Ausgabe von regionalem Geld gebracht, als Lösung für Probleme des Geldumlaufs. Ich hab mir hier zwei Beispiele ausgesucht, um zu zeigen, warum so ein Notgeld – weil diese Gelder entstehen ausnahmslos in einer Notsituation und werden auch nur deshalb eine kurze Zeit lang geduldet – entsteht, und was es leistet.

Notgeld – Regionalgeld als "Lösung"

Zur Bebilderung der Theorien von Gesell wird immer wieder auf den Wörgler Freigeldversuch hingewiesen. Das Wörgler Notgeld wird von einem gewissen Glorienschein verklärt, weil es verboten worden ist. Deswegen stelle ich dem ein anderes, neueres Regionalgeld gegenüber, das erlaubt worden ist: Die argentinischen Bonos.

Die Gemeinde Wörgl war durch die Weltwirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf Österreich pleite und konnte ihre Gemeindeangestellten nicht mehr bezahlen. Der Bürgermeister, ein Anhänger der Gesellschen Freiwirtschaftslehre, entschloss sich deshalb 1932 zur Ausgabe eines regionalen Geldes, das durch diverse Manöver als Geldersatz anerkannt werden sollte.

Dafür garantierten der örtliche Pfarrer, und die örtliche Raiffeisenkasse. Die Gehälter der Gemeindeangestellten wurden in diesem Regionalgeld gezahlt, und es gelang in der Tat, eine regionale Zahlungsfähigkeit zu schaffen, und dadurch die Warenzirkulation in Wörgl und Umgebung zu beleben. Drei weitere Gemeinden in der Umgebung wollten ebenfalls regionales Geld herausgeben. Das Regionalgeld von Wörgl schuf Zahlungsfähigkeit in einer Gegend und einer Zeit, in der vorher Zahlungsunfähigkeit herrschten.

Die österreichische Nationalbank bekämpfte das Regionalgeld von Wörgl von Anfang an, – es stellte eine Herausforderung an das Banknotenmonopol des Staates dar – und es wurde 1933 unter Drohung mit Militäreinsatz aufgehoben, also durch die Intervention des Staates verboten.

Argentinien

Ich erzähl einmal ein bisschen was über Argentinien, weil die Nöte dieses Landes sind nicht so allgemein bekannt, und es steht auch in den Zeitungen eine Menge Blödsinn darüber.

Bild: Downtown Buenos Aires, Argentinien. / rickh710 (CC BY 2.0)

Argentinien hatte 1991 mit dem IWF eine Parität $-Peso ausgehandelt, um die galoppierende Inflation im Land zu stoppen und die Währung zu stabilisieren. Eine der Bedingungen dafür war, dass der argentinische Staat sich mit der Ausgabe von Geld zurückhalten musste. Der Internationale Währungsfonds kontrollierte die Geldausgabepolitik Argentiniens. Eine Folge davon war, dass sich die argentinischen Exporte verteuerten und das Land seine Exportmärkte verlor. Aber auch im Inland waren argentinische Produkte gegenüber billigeren Importen nicht mehr konkurrenzfähig. Der Währungsfonds nötigte die argentinische Regierung – die an der $-Parität festhalten wollte – unrentable Unternehmen zu privatisieren. Sie durften nicht staatlich subventioniert werden. Die Privatisierung hatte in den meisten Fällen die Schliessung derselben zur Folge.

Argentinien liquidierte auf diese Weise zwischen 1991 und 2000 einen guten Teil seiner Industrie, die aus den Zeiten der Regierung Peron stammte. Das betraf das Eisenbahnnetz Argentiniens, die Flugzeug-, Auto- und Militärindustrie, den Energiesektor, und die Konsumgüterindustrie.

Argentinien wurde zum Nettoimporteur. Es musste immer mehr alles importieren, was es im eigenen Land nicht mehr erzeugte. Dadurch wuchs sein Handelsbilanzdefizit. Argentinien hatte immer grössere Probleme, seine Anleihen am Weltmarkt unterzubringen, musste immer höhere Zinsen anbieten und die Staatsverschuldung stieg, während die Wirtschaft kontinuierlich schrumpfte. Das alles führte zum Staatsbankrott zum Jahreswechsel 2001/2002.

Aber schon in den 90-er Jahren hatte die Ökonomie des knappen Geldes ihre Auswirkungen. In den Provinzen des Nordens gab es kein Geld. Was immer es dort an Industrie einmal gegeben hatte, sie war futsch. Von der Zentrale kam nichts, vor Ort war nichts. Der einzige Arbeitgeber war der Staat. Ausser landwirtschaftlicher Produktion, teilweise als Subsistenz betrieben, waren die Gehaltsbezieher Lehrer, Gemeindebedienstete, Ärzte. Sie erhielten oft monatelang kein Gehalt.

Um überhaupt irgendeine Geldzirkulation aufrechtzuerhalten, gaben die Provinzen eigenes Geld aus, – die Geldscheine hiessen Bonos – das nur innerhalb der Provinz anerkannt wurde. Der IWF drückte die Augen zu, und dieses Geld wurde nicht in die Geldschöpfungspolitik des argentinischen Staates einbezogen. Es war allerdings nicht genug, um eine reibungsfreie Wirtschaft aufrechtzuerhalten, und es gab in den 90-er-Jahren einige Hungeraufstände in diesen Provinzen, die mit Polizei- und Militäreinsatz niedergeschlagen wurden.

Um 1995 herum entstand sogar eine landesweite Alternativwährung, der Crédito, auf Flohmärkten und Arbeitslosen-Tauschbörsen. Auch diese Parallelwährung wurde toleriert, weil sie den Zusammenbruch der Wirtschaft verhinderte. Diese regionale Schaffung von Zahlungsfähigkeit führte natürlich auch zu Missbrauch. Diejenigen, die diese Scheine ausgaben, zweigten sich etwas für sich selbst ab. Schliesslich wurden diese Geldscheine nicht mehr anerkannt. Heute ist der Peso genausowenig wert wie Regionalwährungen, die es nicht mehr gibt. Eine Folge des Staatsbankrotts von 2001 ist das Ende der Regionalgelder.

Wofür haben die gedient?

Den staatlichen Zusammenhalt überhaupt zusammenzuhalten. Wenn wir alle keine Gehälter kriegen als Staatsangestellte: Lehrer, Beamte, Ärzte – wofür arbeiten wir noch? Diese Leute wurden mit "bonos", Regionalgeld, bei der Stange gehalten. 2. Die Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Busse mussten fahren zwischen den Provinzstädten, und zwischen der Hauptstadt und den Provinzen.

Diese Regionalgelder entstehen in Zeiten und Regionen, in denen der Kapitalismus als Wertproduktion gescheitert ist, aber wo dennoch am Prinzip der Wertproduktion und des Warentausches festgehalten werden soll. Sie sind notwendigerweise vorübergehend: Weil Geld eben allgemeines Äquivalent ist, das den Wert repräsentieren soll.

Wenn man die Ausgabe von Regionalgeldern als Ausweg aus der Krise sieht, so versteht man nicht, was Geld ist: Erstens, ein allgemeines Äquivalent, das jeder anerkennt, also als Repräsentant von Wert annimmt. Zweitens, und eben deshalb Ausdruck von Wert, Geschäftsmittel: Der Versuch, Geld in regionalem Rahmen einzuführen und als Zirkulationsmittel zu erhalten, ist nichts anderes als der Versuch, die Krise des Kapitalismus durchzutauchen, damit er nachher wieder in voller Pracht auferstehen kann: Als Ausschluss der Bedürftigen, der Eigentumslosen von den Gütern der Welt, beziehungsweise der Benützung ebendieser Armen für das Geschäft der Besitzenden.

Amelie Lanier

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