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Krise im Überfluss – Neoliberalismus wird zur DDR | Untergrund-Blättle

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Wirtschaft

Neoliberalismus wird zur DDR Krise im Überfluss

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Paul Mason rechnet mit der bestehenden Wirtschaftsordnung ab und skizziert, wie eine postkapitalistische Variante aussehen könnte.

Eine heruntergekommene Tankstelle in Detroit, Februar 2015.
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Bild: Eine heruntergekommene Tankstelle in Detroit, Februar 2015. / Rick Harris (CC BY-SA 2.0 cropped)

4. Oktober 2015

4. Okt. 2015

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Nach dem Fall der Berliner Mauer schien alles klar zu sein: Kommunismus und Sozialismus hatten sich als untauglich erwiesen, freie Marktwirtschaft und Demokratie würden fortan für Freiheit und Wohlstand rund um den Globus sorgen. Heute ist wenig von dieser rosigen Vision übrig geblieben: Massenmigration, Klimawandel und Überalterung bedrohen Gesellschaft und Demokratie. Ein mit Schulden aufgepumptes Finanzsystem gefährdet die Wirtschaft, und der rasante technische Fortschritt wird zum Jobkiller. Ist also der Kapitalismus selbst zum Auslaufmodell geworden?

Ja, sagt der britische Wirtschaftsjournalist Paul Mason. Die zentrale These seines kürzlich erschienen Buches «Postcapitalism» kann man in eine schlechte und eine gute Nachricht aufteilen. Die schlechte lautet: Der Neoliberalismus hat versagt und ist zu einer Art DDR des 21. Jahrhunderts verkommen. Er hat weder Wohlstand für alle noch Demokratie gebracht, stattdessen absurden Reichtum für eine Elite und zunehmend prekäre Zustände für alle anderen.

«Los Angeles und Detroit werden aussehen wie Manila heute – übelste Slums neben streng bewachten Hochhäusern»

Die gute Nachricht kann man wie folgt zusammenfassen: Der Kapitalismus ist ein sehr wandelbares System und hat sich schon mehrmals veränderten Umständen angepasst. Die inneren Widersprüche des Systems werden deshalb eine neue Wirtschaftsordnung erzwingen, und der technische Fortschritt wird sie auch ermöglichen. Aber der Reihe nach:

Bei seiner «Der-Neoliberalismus-ist-am-Ende»-These kann sich Mason auf einen unverdächtigen Zeugen stützen: Auf die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Der mächtigste Thinktank der reichen Länder stellte in einer 2014 veröffentlichten Studie klar: Europa und die USA müssen bis 2060 rund 50 Millionen Zuwanderer aufnehmen, nicht aus moralischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. «Ohne sie wird die Zahl der Erwerbstätigen und die Zahl der Steuerzahler derart schrumpfen, dass die Staaten pleite gehen werden», schreibt Mason.

Wenn wir nichts ändern und alles so weiter läuft wie bisher, dann sieht die Zukunft gemäss OECD zappenduster aus. «Los Angeles und Detroit werden aussehen wie Manila heute – übelste Slums neben streng bewachten Hochhäusern», schreibt Mason. «Stockholm und Kopenhagen werden den zerstörten Industriestädten Amerikas gleichen. Jobs für den Mittelstand wird es keine mehr geben. Der Kapitalismus wird sich in seinem vierten Jahrzehnt seiner Stagnation befinden.»

Die 50-Jahr-Zyklen

Es ist undenkbar, dass die Menschen eine solche Entwicklung widerstandslos akzeptieren werden. Mason analysiert zunächst, wie es zu dieser Misere gekommen ist. Das theoretische Rüstzeug holt er sich bei Nikolai Kondratieff. 1938 liess Stalin den in Ungnade gefallenen, russischen Ökonomen hinrichten. Er hatte die These vertreten, dass sich die Wirtschaft in Zyklen von jeweils 50 Jahren entwickle. Der Treiber hinter diesen Zyklen sei jeweils der technische Fortschritt.

Seit der industriellen Revolution hat es gemäss Kondratieff vier solcher Zyklen gegeben. Der erste dauerte von 1790 bis 1848 und brachte uns die Dampfmaschine sowie die moderne Fabrik. Zwischen 1848 und 1890 entstand dank Eisenbahn, Telegrafen und Dampfschiffen eine globalisierte Wirtschaft. Elektrizität, Telefon, wissenschaftliches Management bestimmten den dritten Zyklus, der von 1890 bis 1945 dauerte. Der vierte Zyklus dauerte von 1940 bis 2008 und stand im Zeichen von Transistor, Nylon, Massengütern und Atomenergie.

Inzwischen müssten wir uns in einem von der Digitalisierung angetriebenen fünften Zyklus befinden. Doch er will nicht so recht in Gang kommen. Stattdessen hat der Neoliberalismus den vierten Zyklus künstlich verlängert. Die Folgen sind paradox. «Zum ersten Mal in der Geschichte besteht die Möglichkeit, dass wir eine Krise mitten im Überfluss erleben», schreibt Mason. «Die Güter, die hergestellt werden, können nicht gekauft und gebraucht werden – eine Situation, die im Feudalismus oder im Altertum als völlig verrückt angesehen worden wäre.»

Techno-Bourgeois und Free stuff

Verantwortlich für diese Entwicklung ist der Sieg des Neoliberalismus über die Gewerkschaften. Nach dem Zweiten Weltkrieg sassen die Gewerkschaften ebenfalls an den Schalthebeln der Wirtschaftsmacht. Im Zuge des Reagan-/Thatcherismus wurden sie zerschlagen. Das Resultat ist ein Mittelstand, dessen Lohn stagniert oder gar schrumpft und eine Wirtschaft, die – weil die Kaufkraft der Erwerbstätigen abnimmt – immer stärker auf Kredit und Schulden angewiesen ist. Gesellschaftspolitisch hat die Atomisierung der Arbeitnehmer dazu geführt, dass uns das Gemeinschaftsgefühl abhanden kommt.

Der Sieg des Neoliberalismus steht jedoch auf tönernen Füssen. Nicht militante Gewerkschafter oder bärtige intellektuelle Rebellen bedrohen heute die bestehende Wirtschaftsordnung, sondern – wie Mason den neuen Staatsfeind karikiert – der «Techno-Bourgeois im T-Shirt, der seine Informationen in der Cloud aufbewahrt und ultra-liberale Positionen in Sachen Sexualität, Ökologie und Wohltätigkeit hat». Allerdings, Revolution ist nicht die Sache dieser Techno-Bourgeois. «Sie haben keinerlei Interesse daran, den alten Kapitalismus zu überwinden, und ihr Interesse an Politik ist minim.»

Der Techno-Bourgeois gewöhnt sich immer mehr daran, Dinge gratis zu erhalten. «Free stuff» verträgt sich nicht mit Marktwirtschaft. Wenn Güter und Dienstleistungen keinen Preis mehr haben – wie das immer häufiger der Fall ist – dann wird das Gesetz von Angebot und Nachfrage ausser Kraft gesetzt. Musik beispielsweise könnte heute problemlos allen gratis zur Verfügung gestellt werden. iTunes muss daher nicht – wie das die Marktwirtschaft vorsieht – den Mangel bekämpfen, sondern künstlich erzeugen. «Apples Leitlinie müsste, korrekt ausgedrückt, die Verhinderung des Überflusses von Musik sein», stellt Mason fest.

Nicht nur Informationen und Musik ändern so ihren Charakter. Unternehmen wie Nike oder Adidas bieten heute schon nicht mehr bloss Sportschuhe an, sondern Schuhe plus Informationen. Will heissen: Die Schuhe werden mit einer App verkauft, die alles Erdenkliche messen kann. «Wir befinden uns nicht mehr in einer Welt, in der Produktion und Konsumation klar getrennt sind», stellt Mason fest. «Wir befinden uns in einer Welt, in der Ideen, Verhalten und Interaktion mit dem Kunden entscheidend geworden sind für den Erfolg einer Marke. Die Grenzen von Produktion und Konsumation werden verschwommen.»

Bedeutungsverlust von Erwerbsarbeit und Arbeiterklasse

Im Neoliberalismus laufen parallel zwei völlig gegensätzliche Prozesse ab: Einerseits entsteht mit dem Techno-Bourgeois ein immer besser ausgebildeter und dank IT immer besser informierter Bürger. Andererseits versuchen die Unternehmen, sich in einer Wirtschaftsordnung mit sinkenden Grenzkosten ihre Profite zu sichern, indem sie mächtige Monopole bilden. «Der grösste Widerspruch des modernen Kapitalismus besteht darin, dass wir einerseits die Möglichkeit haben, genügend gemeinschaftlich produzierte Güter herzustellen. Andererseits haben wir ein System von Monopolen, Banken und Regierungen, die verzweifelt darum kämpfen, die Kontrolle über Macht und Information zu behalten», stellt Mason fest. Die grösste Gefahr für den Kapitalismus besteht darin, dass der Preismechanismus unterhöhlt wird. Das führt dazu, dass sich allmählich die Bedeutung von Arbeit zu ändern beginnt. Sie verliert ihren zentralen Platz in der Wirtschaftsordnung. Auch die traditionelle Arbeiterkultur löst sich auf. Gleichzeitig entsteht eine neue Produktionsweise. Dieser Prozess erfordert jedoch Zeit, sehr viel Zeit sogar. Auch der Kapitalismus ist nicht schlagartig entstanden. Bis die Leibeigenschaft überwunden war und Handel sowie Wissenschaft sich entwickelt hatten, dauerte es Jahrhunderte, und es waren dazu unzählige kleine Veränderungen nötig.

Eine postkapitalistische Wirtschaftsordnung wird deshalb nicht mit einer Revolution quasi über Nacht entstehen. «Es wird lange dauern, es wird Verwirrung herrschen, und wir müssen das Konzept ‹Wirtschaftssystem› neu definieren», warnt Mason. Ebenso ist es sinnlos, darauf zu hoffen, dass eine kämpferische Arbeiterklasse den Wandel zu einer neuen Wirtschaftsordnung erzwingen wird. Karl Marx habe zwar den Kapitalismus verstanden, sich aber bei der Einschätzung der Arbeiterklasse völlig verschätzt, stellt Mason fest.

Postkapitalismus – eine ungewisse Zukunft»

Auch der Neoliberalismus hat sein Pulver allmählich verschossen. Die Zeiten, in denen «jede Finanzkrise mit billigem Geld und jede terroristische Bedrohung mit einem Drohnenangriff bekämpft werden konnte», nähern sich dem Ende. Der Neoliberalismus muss nicht nur seinen inneren Widerspruch – den Zerfall des Preissystems – überwinden, sondern gleichzeitig auch externe Schocks wie den Klimawandel, die Überalterung der Gesellschaft und die Massenmigration in den Griff bekommen. Es ist schwer vorstellbar, dass ihm das gelingen wird.

Der Postkapitalismus wird kein neuer Versuch in Sachen Kommunismus werden, weder im sowjetischen noch im chinesischen Sinn. Niemand kann heute schon vorhersehen, wie eine postkapitalistische Wirtschaftsordnung aussehen wird. Ansätze sind jedoch erkennbar, etwa in der Neubelebung der Genossenschaften, der Sharing Economy oder der Peer-to-Peer-Bewegung. Mason ist überzeugt, dass eine Art Wikipedia-Staat in greifbare Nähe rückt, ein Staat, in dem «kooperative, selbstbestimmte, nicht hierarchische Teams die technisch am meisten fortgeschrittene Arbeitsweise bilden werden».

Philipp Löpfe / Infosperber

Dieser Artikel ist auf watson.ch erschienen.

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