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Bericht einer Delegationsreise nach El Salvador Maquiladoras - Moderne Sklaverei für unseren Konsumwahn

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Ob Karstadt, C&A, adidas, Nike, H&M, Levis ... - sie alle lassen ihre Bekleidung in Weltmarktfabriken in Billiglohnländern produzieren. 80-90% unserer Kleidung wird in solchen Fabriken überwiegend von Frauen hergestellt.

Strasse in Tecoluca, El Salvador.
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Bild: Strasse in Tecoluca, El Salvador. / Ll1324 (PD)

18. Mai 2001

18. Mai. 2001

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Über die ausbeuterischen und unwürdigen Arbeitsbedingungen in diesen Fabriken, in Lateinamerika "Maquiladoras" genannt, wird jedoch kaum berichtet. Vom 28.12. - 17.1.2001 waren wir mit 9 Personen in El Salvador. Organisiert war die interessante und sehr informative Delegationsreise von der "Kaffeekampagne El Salvador" (1). Themenschwerpunkte waren zum einen der Bereich Kooperativen-Kaffee und zum anderen die Maquiladora - Industrie. Darüber hinaus haben wir uns mit einer Ärztin, mit Landlosenorganisationen, mit BürgermeisterInnen, Ex-Guerillero/as und anderen interessanten Organisationen und Personen getroffen. Am Ende wurde die Reise von dem Erbeben überschattet, bei dem Hunderttausende ihre Häuser verloren. Seit dem Erdbeben am 13.1.2001 gab es über 3500 Nachbeben - die psychische Belastung dieser Menschen muss unerträglich hoch sein. Die eh schon weit verbreitete Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit in El Salvador ist dadurch weiter verstärkt worden.

In El Salvador haben wir uns mit Maquiladora-Arbeiterinnen getroffen, die uns von ihren Problemen und ihren Erfahrungen in den Fabriken berichtet haben. Dieser stark anwachsende Sektor ist ein typisches Beispiel für die neoliberale Epoche der Bestie Kapitalismus.

Wesentliche Kennzeichen dieser Fabriken, meist mit anderen Maquiladoras in Freien Produktionszonen (FPZ) angesiedelt, sind, dass sie nicht für das Inland sondern für den Export produzieren und dass dort andere Gesetze und Regeln gelten als im übrigen Teil des Landes. Die FPZ werden daher auch als "Staat im Staate" bezeichnet. Die dort geltenden Sonderregelungen sind durchweg unternehmerInnenfreundlich. Keine oder geringe Umweltauflagen, keine Zölle, keine Steuern (weder Mehrwert- noch Gewinn- noch Gewerbesteuer), freie Gewinnrückführung, kaum Gewerkschaften, kostenlose Infrastruktur, fertige Fabrikhallen zu geringen Mieten sind aus kapitalistischer Sicht äusserst gewinnversprechende Anreize. So verwundert es nicht, dass immer mehr ausländische Konzerne ihre Produktion in diese Zonen verlagern und der Maquiladora-Sektor rasant anwächst. In El Salvador existieren mittlerweile 225 Maquiladoras in 6 FPZ. Die Anzahl der ArbeiterInnen ist dort innerhalb von 14 Jahren (1986-2000) von 2.100 auf 80.000 angestiegen. In Honduras stieg die Anzahl sogar von 2.538 (1986) auf 110.923 (1999).

Neben diesen "Vorteilen" nutzen die Konzerne gerne einen weiteren bedeutenden Faktor: die billigen Arbeitskräfte. Wie schon erwähnt, arbeiten hauptsächlich Frauen (ca. 85%) in diesen Fabriken. Der grösste Teil ist zwischen 18 und 28 Jahre alt. Eine Frau ab 30 hat keine Chance, dort eine Anstellung zu finden - sie ist in den Augen der UnternehmerInnen zu alt und arbeitet nicht mehr gut und schnell genug. Aus diesem Grund müssen "ältere" Personen oft besonders belastende Arbeit verrichten und werden unter besonderen Druck gesetzt- sie sollen "herausgegrault" werden und "freiwillig" kündigen, damit Platz ist für "junge, flinke Hände, denen der ganze Saft noch abgesogen werden kann" - wie uns eine Arbeiterin erzählte.

Aber auch die übrigen Arbeitsbedingungen sind miserabel: unbezahlte, erzwungene Überstunden, regelmässige Schwangerschaftstests, sexuelle Belästigung, Arbeitsdruck durch die VorarbeiterInnen, hohe Sollvorgaben, ungereinigtes Trinkwasser, bewachte Toilettengänge, Beschimpfungen, nur 2 mal am Tag auf die Toilette, keine Erlaubnis zum Arzt zu gehen sowie Strafarbeiten bei "Zuspätkommen" sind typische Beispiele für die unwürdigen Arbeitsbedingungen. Hinzu kommt ein ausbeuterischer Lohn von 144 US-$/Monat in El Salvador. Berechnungen zufolge müsste der Lohn für eine 4-köpfige Familie etwa 520 US-$ betragen, um ein einigermassen erträgliches Leben zu ermöglichen.

Die Regierungen der Länder versuchen mit diesen Bedingungen ausländische InvestorInnen ins Land zu locken in der Hoffnung, den Teufelskreis der Verschuldung zu durchbrechen und die Industrialisierung voranzutreiben. Zwischen den einzelnen Ländern herrscht ein regelrechter Konkurrenzkampf. Da die Produktion nicht sehr maschinenintensiv ist, könnte diese von heute auf morgen in ein anderes Land mit noch günstigeren Bedingungen verlagert werden. Aus diesem Grunde fordern die UnternehmerInnen und Teile der Regierung El Salvadors eine Senkung des staatlichen städtischen Mindestlohnes (144 US-$/Monat) um mehr als die Hälfte auf die Höhe des ländlichen Mindestlohnes (70 US-$). Begründet wird dieses damit, dass die meisten Maquiladoras im ländlichen Raum angesiedelt sind, und dass die Löhne die höchsten in Mittelamerika sind, einschliesslich Mexiko. In Nicaragua bekommen die ArbeiterInnen sogar nur die Hälfte.

Darüber hinaus wird ein Gesetz über die Flexibilisierung der Arbeitszeit diskutiert, was zu weniger Festeinstellungen und mehr Zeitverträgen führen würde. Verträge über ein Jahr, wenige Wochen, Tage oder auch nur Stunden können die Folge sein. Ein anderer Teil dieses Gesetzes sieht die Streichung des Ausbildungslohnes vor.

Dabei könnten die Konzerne ohne weiteres mehr zahlen. An einem Nike T-Shirt beispielsweise beträgt der Lohnanteil gerade mal 1 Promille.

Auch bei adidas, die in El Salvador in den Maquilas Chi-Fung, Formosa/Evergreen, Hermosa und Ex-Modica produzieren lassen, wird die ungleiche und ungerechte Verteilung sichtbar. Während adidas für eine Arbeiterin im Jahr 1998 gerade mal 2.640 DM gezahlt hat, gaben sie für Werbung immense Summen aus: Jürgen Klinsmann hat im gleichen Jahr 250.000 DM, Steffi Graf 2 Millionen und der FC Bayern München läppische 20 Millionen bekommen. Insgesamt gaben adidas 1,3 Milliarden DM allein für Werbung aus. Dieses ist in etwa so viel, wie 49.242 Arbeiterinnen in einem Zulieferbetrieb für adidas in einem Jahr verdienen.

Die BefürworterInnen der Maquiladoras verweisen gerne auf die gesteigerten Exporte. In El Salvador beträgt der Anteil der Maquila-Produkte an der Exportbilanz mittlerweile etwa 50%. Hierbei wird häufig vergessen, dass den gesteigerten Exportzahlen eine erhebliche Importsteigerung gegenübersteht. Fast alles, was für die Produktion in den Maquiladoras benötigt wird, wird importiert. Die tatsächlichen Devisenerträge, die sich überwiegend aus Löhnen und Mieten für die Fabrikanlagen zusammensetzen, sind minimal. FPZ sind deshalb wie ökonomische Fremdkörper in einem Land, von dem so gut wie keine Impulse auf die lokale Wirtschaft ausgehen.

In El Salvador haben wir uns mit den Arbeiterinnen in den Räumen der Frauenorganisation MAM (Melida Amaya Montes) getroffen. Diese Organisation arbeitet mit Frauen auf dem Land und in der Stadt zusammen. In der Stadt widmet sie sich hauptsächlich dem Maquiladora-Bereich. Sonntags werden regelmässige Seminare zu den Themen Arbeitsrechte und Gender angeboten. Die Frauen lernen dort nicht nur ihre Arbeitsrechte kennen, sondern sollen auch in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Die Arbeiterinnen berichteten äusserst positiv von der Organisation. Sie seien viel selbstbewusster geworden und liessen sich nicht mehr alles gefallen. Auch in der Familie werden sie oft unterdrückt. "Viele Männer kommen eh nur zum Kinderzeugen und dann sind sie wieder weg. Unterhalt zahlen sie nicht." 60-70% der Maquiladora-Arbeiterinnen sind allein erziehend, viele davon auch gewollt. "Warum soll ich mit einem Mann zusammenwohnen, der mich nur kostet und der mich unterdrückt?"

Sie selbst versuchen weitere Frauen zu mobilisieren, in dem sie in den Bussen, die täglich zu den FPZ fahren, Frauen ansprechen und über die Arbeit von MAM berichten. Bei Interesse werden sie zu Hause besucht und motiviert, Kontakt zur MAM aufzunehmen.

MAM geht auch an die Öffentlichkeit, indem z.B. Flugblätter verteilt, Demonstrationen organisiert und Broschüren erstellt werden. Desweiteren wollen sie mehr Einfluss auf die Regierung nehmen und sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Sie arbeiten auch mit internationalen Organisationen zusammen, wie z.B. mit der US-amerikanischen Bewegung "students against sweatshops" oder der "Kampagne für saubere Kleidung".

Die Arbeiterinnen haben sich gefreut, dass wir gekommen sind, um ihnen zuzuhören.

Denn - so sagen sie - nicht in der Familie und erst recht nicht in der Maquiladora wird ihnen zugehört, da sie dort ja schliesslich zum Arbeiten sind.

Dorit Siemers / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 358, April 2001, www.graswurzel.net

[1] Kaffeekampagne El Salvador, c/o Dritte Welt Haus Frankfurt, Falkstr. 74, 60487 Frankfurt/M.

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