UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Grundeinkommen: Helikopter- , Drohnen- oder Lohntütengeld? | Untergrund-Blättle

3193

Grundeinkommen Helikopter- , Drohnen- oder Lohntütengeld?

Wirtschaft

Jetzt ist das Grundeinkommen auch im neoliberalen Mainstream ein Thema. Man muss allerdings «Helikoptergeld» dazu sagen.

Demonstration für ein Bedingungsloses Grundeinkommen auf der BGE-Demonstration am 14.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Demonstration für ein Bedingungsloses Grundeinkommen auf der BGE-Demonstration am 14. September 2013 in Berlin. / stanjourdan (CC BY-SA 2.0 cropped)

11. März 2016
0
0
3 min.
Drucken
Korrektur
Die letzten Jahre haben tiefe Spuren in den Köpfen der Wirtschaftskommentatoren eingegraben. Spuren, aus denen man kaum noch rauskommt. Wir sind alle kleine Mario Draghis geworden und zerbrechen uns den Kopf des EZB-Chefs. Wirtschaftspolitik ist Geldpolitik. Punkt. Fiskalpolitik – das weiss man ja – ist angesichts der Verschuldung unmöglich geworden. «Lohnpolitik» sagt man nicht. Das heisst jetzt «Deregulierung» oder «Strukturreformen». Der Zusammenhang zwischen Geldpolitik und Strukturreformen ist, dass erstere den Mut zu letzterem lähmt. Ein Punkt, den man als Kommentator nie zu erwähnen vergessen darf.

Doch allmählich wird klar, dass die Geldpolitik, so wie sie Draghi bisher betrieben hat, die Konjunktur auch nicht ankurbeln kann. Noch nicht einmal negative Zinsen können die Unternehmen zu Investitionen verleiten. Die Konjunktur stockt nicht nur, sie droht zu kippen. Da kann man nicht mehr warten bis die Strukturreformen greifen. Also braucht es noch mehr quantitative Erleichterung. Die Namen stehen schon: QE 3 und QE 4. Die Kommentatoren haben den Jargon gelernt. QE 3 steht für QE auf ewig. Doch der aktuelle Favorit der Medien ist QE 4 oder Helikoptergeld. Alle reden davon. Der «Economist» ist dafür, die «Financial Times» hat ihm einen Leitartikel gewidmet, und sogar in der «NZZ» hat das Helikoptergeld zumindest einen Anhänger.

Diese Wende ist insofern ein Lichtblick, als hinter dem Helikoptergeld die Einsicht steckt, dass es auch auf die private Konsumnachfrage ankommt. Mit QE hat die EZB bisher im Wesentlichen bloss die Staatshaushalte beziehungsweise die laufenden Sozialausgaben finanziert. Das hat die Nachfrage zwar auf tiefem Niveau stabilisiert, aber auch nicht mehr. Mit QE auf ewig, könnte immerhin etwas Ruhe ins System gebracht werden. Man weiss dann, woran man ist. Wenn die Zentralbanken jedoch ihr Geld direkt an die Bürger verteilen statt damit Staatschulden zu erwerben, dann würde das zweifellos den Konsum, zumindest der ärmeren Hälfte der Bevölkerung, mächtig ankurbeln. Damit hätten die Unternehmen auch Anlass, ihre Produktionskapazitäten zu erweitern. Egal wie tief oder hoch die Zinsen dann sind.

Als Milton Friedman den Begriff «Helikoptergeld» schuf, gab es noch keine Drohnen, sonst hätte er vielleicht von Drohnengeld gesprochen, denn ein gezielter Abwurf auf Wirtschaftsubjekte mit hoher Konsumneigung – sprich für die Armen – erhöht die Wirkung dieser Waffe erheblich. Solche Überlegungen kommen in der Diskussion über das Helikoptergeld bisher noch kaum vor. Das hat auch einen politisch-juristischen Grund: Helikoptergeld könnte man mit äusserster Not vielleicht noch mit dem Auftrag einer Notenbank vereinbaren. Drohnengeld hingegen gehört mit seinen verteilungspolitischen Komponenten eindeutig in den Bereich der Wirtschaftspolitik.

Dennoch ist absehbar, dass irgendwann auch die verteilungspolitischen Aspekte des Helikoptergeldes diskutiert werden, und spätestens dann werden sich die Kommentatoren vielleicht daran erinnern, dass es früher schon mal ein solches Instrument gab – das Lohntütengeld. Könnte man dasselbe Ergebnis nicht auch erreichen, wenn man die Unternehmen dazu bringt, wieder höhere Löhne zu bezahlen? Das lässt sich zwar nicht so leicht verordnen wie Drohnen- oder Helikoptergeld, hätte aber den Vorteil, das Problem an der Wurzel zu packen. Jeder, der die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung kennt und die wichtigsten verteilungspolitischen Daten zur Kenntnis nimmt, kann das leicht erkennen.

Für die Leser von flassbeck-economics ist das natürlich kalter Kaffee. Aber wir freuen uns über jeden, der über den Umweg des Helikopter- Drohnen- und Lohntütengelds demnächst vielleicht zur Erkenntnis kommt, dass wir endlich wieder über die Lohnpolitik diskutieren müssen.

Werner Vontobel / Infosperber

Dieser Beitrag erschien auf flassbeck-economics.

Mehr zum Thema...
Hauptsitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main.
Geldvermehrung als Wachstumshebel?Der Schrei nach Inflation

23.11.2015

- Erinnert sich noch wer an die Maastricht-Kriterien? 60% Gesamtschulden, 3% Neuverschuldung pro Jahr, alles im Verhältnis zum BIP.

mehr...
Magdalena Roeseler
Handelskrieg und KonfrontationNeues von der Schuldenfront

17.04.2018

- Seit einiger Zeit hören wir, dass es in Europa wieder aufwärts geht: Wachstum stellt sich ein.

mehr...
’Aus neutraler Sicht’ von Albert Jörimann - Grundeinkommen und Flassbeck -

27.08.2013 - In diesen Tagen erscheint ein Sammelband des runden Tisches Grundeinkommen mit dem Titel «Teil der Lösung». Es handelt sich um eine Reaktion auf die ...

Memorandum 2010 Teil 3

06.06.2010 - Anlässlich des Erscheinens des diesjährigen Wirtschaftsmemorandums der Arbeitgruppe Alternative Wirtschaftspolitik unterhielten wir uns mit deren ...

Dossier: Grundeinkommen
Generation Grundeinkommen
Propaganda
International Monetary Fund

Aktueller Termin in Berlin

Lesung

Drecksack Release Knastausgabe

Freitag, 27. Mai 2022 - 19:30 Uhr

Baiz, Schönhauser Allee 26 A, 10439 Berlin

Event in Dresden

Contra Bash Fest 27. und 28. Mai 2022 Slapshot

Freitag, 27. Mai 2022
- 21:00 -

Chemiefabrik

Petrikirchstrasse 5

01097 Dresden

Mehr auf UB online...

Errico Malatesta.
Vorheriger Artikel

Eine antipolitische Romanze

Malatesta erweist mir die Ehre

Anti-PiS-Demo in Zürich, Oktober 2020.
Nächster Artikel

Pluralismus mit Füssen getreten

Polen: Pressefreiheit immer mehr unter Druck

Untergrund-Blättle