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Menschen machen Markt und Politik Goldman Sachs - Eine Bank lenkt die Welt

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Arte, oder: Alles, was das Schweizer Fernsehen nicht auf den Sender bringt: Die «Masters of the Universe» im Dokumentarfilm.

Goldman Sachs Turm am Hudson River in New York.
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Bild: Goldman Sachs Turm am Hudson River in New York. / Dan DeLuca (CC BY 2.0 cropped)

22. September 2012

22. 09. 2012

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«arte» ist bei mir die Nummer Eins auf der Senderliste. Nicht, weil ich so ungeheuer kulturbeflissen wäre. Sondern weil der Sender mir bringt, was ich im Schweizer Fernsehen immer wieder schmerzlich vermisse.

Zum Beispiel: «Goldman Sachs – Eine Bank lenkt die Welt». Wahrscheinlich darf man mit den Bankern und den Banken und der Wirtschaft nicht so eng verbunden sein wie das Schweizer Fernsehen – das ja immer wieder Analysten und Manager der Banken und Top-Manager der «Wirtschaft» als Experten verkauft und sich mit ihnen beim Swiss Economic Forum SEF als «Medienpartner» gemein macht -, um eine solche Dokumentation zu produzieren und auszustrahlen.

Auf arte ist «Goldman Sachs» präzise plaziert, zwei Tage vor der Sitzung der Europäischen Zentralbank EZB, die entscheiden muss über ihren Kampf gegen die Euro-Krise durch einen Ankauf von Staatsanleihen. Das wäre dann: EZB gegen die Finanzspekulation. Und am Tag des erneuten Besuchs der «Troika» in Griechenland.

«Eine Bank lenkt die Welt» ist wörtlich gemeint. Marcus Goldman hat Goldman Sachs 1869 gegründet – ein deutscher Jude, der 1848 wahrscheinlich deshalb ausgewandert war, weil damals noch für jeden Ort in Deutschland eine Höchstzahl jüdischer Familien festgelegt war. Goldman begann mit einem Ein-Zimmer-Büro an der Pine Street in New York und nahm 1882 seinen Schwiegersohn Samuel Sachs auf als Kompagnon. Und beide verdienten schnell viel Geld.

Wenn die Türme brennen...

Heute ist Goldman Sachs ein Unternehmen, das über Leben und Tod von Hunderttausenden entscheidet und dabei jede Entscheidung dem einen Ziel unterordnet: Gewinn zu machen. Während die anderen verlieren. Das ist Geschäftsprinzip.

Nomi Sachs, bis 2002 Managing Director bei Goldman Sachs, berichtet über die Anweisung, die sie am 11. September 2001 von ihrem Chef Gary Cohn erhalten hat. Sie lautete: «Weiter arbeiten im Geschäft mit Rohstoffen, Erdöl und Dingen, die mit Flugzeugen zu tun haben.» Denn jetzt könnte man richtig Geld machen, egal, was passieren würde. Die Anweisung kam, während nach dem Angriff der Terrorflugzeuge die Türme des World Trade Center brannten. Sie kam von Gary Cohn, heute die Nummer 2 von Goldman Sachs, mit der Zuständigkeit für das gesamte Tagesgeschäft.

... und die Menschen hungern...,

Für das Wertpapier-Business hatte Goldman Sachs 1991 eine blendende Idee: die Einrichtung eines Commodity Index – eines Aktienfonds für Grundnahrungsmittel. Dieser Index wurde aber erst Jahre später so richtig interessant: nach der Abschaffung der Regulierungen an der Warenbörse, nach dem Platzen der Internetblase und vor allem: nach der grossen Immobilienblase und der Währungskrise. Da entdeckten die grossen Investoren, dass in grossen Krisenzeiten Brot noch mehr wert ist als Gold. Ein äusserst gewinnträchtiges Objekt der Spekulation.

Frederick Kaufman, führender Publizist auf diesem Gebiet, formuliert es einfach: «Menschen, die so investieren, denken apokalyptisch; sie warten auf den Weltuntergang. Wenn alles so richtig schief läuft, steigt der Goldpreis, es steigt der Ölpreis, und es steigen die Lebensmittelpreise.»

Und: «Je mehr die Preise steigen, desto mehr Geld lässt sich damit verdienen.»

... ist der Profit am grössten.

«Aber ein Commodity-Index zeigt nicht nur virtuelle Aktienwerte. Dahinter stehen wirkliche Lebensmittel. Und wenn die Lebensmittel steigen, verhungern Menschen...»

«Im Jahr 2008 verdoppelten sich die Lebensmittelpreise mehrfach. Und im Jahr 2008 gab es den stärksten Anstieg von hungernden Menschen: 250 Millionen kamen dazu. Das heisst: Die Zahl der Hungernden stieg erstmals in der Geschichte auf über eine Milliarde Menschen.»

Am Börsenbildschirm muss man das nicht sehen. Aber, so Kaufman: «Es ist kein Casino, es ist kein Spiel. Wer so handelt, lässt Menschen sterben: in erster Linie Frauen und Kinder.»

Auf arte kann man das sehen. Nicht nur im Dokumentarfilm. Schon vorab sind die markanten Zitate greifbar auf der arte-website. Es ist ein Multimedia-Angebot im Fernseh-, Internet- und Print-Format («arte Magazin»).

Menschen machen Markt

«Der Markt bestimmt die Politik», ist ein viel zitierter Satz. «Goldman Sachs...» geht einen entscheidenden Schritt weiter: Menschen machen Markt und Politik.

Menschen, die bei Goldman Sachs als Topmanager tätig waren. Wie die ehemaligen amerikanischen Finanzminister Robert Rubin (bei Bill Clinton) oder Henry Paulson (George W. Bush). Oder wie Mario Draghi, heute Chef der Europäischen Zentralbank EZB; Mario Monti, Italiens Regierungschef (wie sein Vorgänger Romano Prodi, ebenfalls ein Mann von Goldman Sachs); Otmar Issing, Chef-Volkswirt der EZB und gleichzeitig International Adviser von Goldman Sachs, und wie zahlreiche andere. Oder umgekehrt: Goldman Sachs hat sich gut vernetzte, nicht nur konservative Politiker als Berater geholt, wie Tony Blair, Gerhard Schröder, Dominik Strauss-Kahn – sie alle prominente Sozialdemokraten (Infosperber hat über diese Verflechtungen in Teilen bereits am 10. Januar 2012 berichtet).

Gefahr für die Demokratie

«Es gibt derzeit keine Regierung, die in der Lage wäre, die Finanzwelt im Zaume zu halten...Selbst die Medien stecken oft mit der Finanzwelt unter einer Decke, NGOs äussern sich selten – es gibt keine Gegenmacht», sagt Marc Roche (mit Jerôme Fritel zusammen Autor des Dokumentarfilms «Goldman Sachs – eine Bank lenkt die Welt»).

Das tägliche Versagen der Medien konnte man einmal mehr in der Schweizer Tagesschau vom Montag, 3. September beobachten, die sich in zwei Minuten vom Troika-Besuch in Athen – «Die Griechen brauchen wieder einmal Geld» – über Draghis Kauf von Staatsanleihen zum «NZZ Kapitalmarktforum» wühlte. Dort durften wieder einmal Banker wie der UBS-Präsident Axel Weber als Experten in eigener Sache auftreten, unbefragt und wohl weitgehend unverstanden als Oberlehrer der Nation - «erst dann kann all dies in eine Fiskalunion gegossen werden» -.

Bild: Goldman Sachs Turm in New York. / Henrik Jagels (CC BY 2.0)

Danach in weiteren zwei Minuten noch ein OECD-Experte: «Es gibt ein breites politisches Lösungspaket» und «auch die reichen Länder müssen ihren Beitrag zum Wachstum leisten». Sowie abschliessend der Finanzguru Dr. Ed Yardeni – dem breiten «Tagesschau»-Publikum gewiss aufs Beste bekannt, mir aber durchaus nicht (Google sagt mir, dass er unter anderem zwischen der Wall Street und dem US-Finanzministerium und der Yale University pendelte) -; abschliessend also «Dr. Ed» (so seine Website), der mit der News aufwartete, wir seien «die erste Generation überhaupt, die unseren Kindern mehr Schulden als Vermögen hinterlässt». - Wirklich?

...Ich entschuldige mich für die sprachlichen Verschlingungen. Aber nur so kann man dieser fürchterlich verschlungenen «Tagesschau»-Desinformation gerecht werden, die von Christian Kolbe und Marianne Fassbind verantwortet wurde, und die mit dem formidablen Satz endete: «Details zum nächsten Rettungsversuch des Euro gibt es am Donnerstag. Es wird bestimmt nicht der letzte sein.» – Also was nun: der letzte Donnerstag? Oder der letzte Euro? Oder der letzte Rettungsversuch?

Sicher ist: Für die «Tagesschau»-Wirtschaftsberichterstattung aus Frau Fassbinds Hand scheint jeder Rettungsversuch aussichtslos. Sie serviert ein Sammelsurium aus Gemeinplätzen und Behauptungen, die so schnell nicht nachvollziehbar sind, und die in manchen Stücken einer ernsthaften Überprüfung kaum standhalten.

Arte: Spannende Aufklärung im Multimedia-Format

So wendet sich das interessierte Publikum einem Sender zu, der spannende, aufklärende, hintergründige und auch noch verständliche Information verspricht: Arte, mit «Goldman Sachs – eine Bank lenkt die Welt».

Die Macht und das politisch-ökonomische Netzwerk einer Bank wie Goldman Sachs sind eine Gefahr für die Demokratie. Arte stattet uns immer wieder mit einem Stück jener Kompetenz aus, die wir zu diesem Verständnis und zum angemessenen Handeln brauchen. Und das Ganze auf der arte-Website auch noch in einer multimedialen Form, die den Namen «Konvergenz» verdient.

Robert Ruoff / is

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