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Probleme beim Neubau des Vorzeige-Druckwasser-Reaktor in Flamanville Franzosen pfuschen beim Bau des neuen Super-AKW

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Der Vorzeige-Druckwasser-Reaktor EPR war noch nie so nahe am Crash: Konstruktionsfehler lassen ein Rest-Vertrauen in AKW schwinden.

Der Neubau des dritten DruckwasserReaktor EPR beim Atmokraftwerk Flamanville in Frankreich.
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Bild: Der Neubau des dritten Druckwasser-Reaktor EPR beim Atmokraftwerk Flamanville in Frankreich. / schoella (CC BY 3.0 unported - cropped)

17. Juni 2015

17. Jun. 2015

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Ursprünglich sollte der Europäischen Druckwasser-Reaktor EPR in Flamanville an der französischen Kanalküste nach fünf Jahren Bauzeit im Jahr 2012 in Betrieb gehen. Jetzt redet die französische Atomholding Areva vom Jahr 2018. Wenn überhaupt.

Kürzlich löste die zuständige Sicherheitsbehörde Alarm aus wegen Konstruktionsfehlern am Reaktorkessel dieses mit 1650 Megawatt leistungsstärksten Kernkraftwerks der Welt.

Atomreaktor mit weltweit grösster Leistung

Beim Reaktordruckbehälter hat man in Bereichen des Deckels und des Bodens Fehler in der Zusammensetzung des Stahls entdeckt. Diese Mängel sind gravierend: Der Druckbehälter könnte den Extrembedingungen eines laufenden Atomkraftwerks (Temperatur, Druck, Radioaktivität...) nicht mehr standhalten.

Der Reaktorbehälter soll verhindern, dass die Radioaktivität der darin enthaltenen Brennstäbe nach aussen entweichen kann. Yves Marignac, Direktor des Ingenieurbüros Wise-Paris, schlägt in einem Bericht über die Folgen der Konstruktionsfehler Alarm. Die Baumängel seien derart, dass man «die sichere Funktionsweise des Reaktors nicht nachweisen» kann. Grund: Der Reaktorbehälter ist längst eingebaut und kann nicht mehr getestet werden.

Entscheidend für die Sicherheit

Beim Reaktorbehälter handelt es sich um einen elf Meter hohes Stahlgehäuse mit fast fünf Metern Aussendurchmesser. Es wiegt über 500 Tonnen und enthält die Brennstäbe. Das Gehäuse muss Temperaturen von über 300 Grad und sehr hohem Druck standhalten. Es ist das einzige Bauteil, das nicht ausgetauscht werden kann. Deshalb muss es absolut zuverlässig sechzig Jahre lang den Reaktorkern einschliessen.

Das Ersetzen des bereits eingebauten Reaktorbehälters wäre technisch «schwierig zu realisieren und extrem teuer, besonders im Bodenbereich des Druckbehälters», erklärt Marignac. Die Zukunft des ganzen Projekts Flamanville 3 stünde auf dem Spiel.

Wahrscheinlich fehlerhafter Druckbehälter war längst eingebaut

Die Sicherheitsprüfungen hat die Areva fahrlässigerweise erst im Oktober 2014 durchgeführt. Da war der Druckbehälter längst im Innern des Kraftwerks eingebaut. Deshalb prüfte man einen noch nicht eingebauten, baugleichen Druckbehälter, der unter den gleichen Bedingungen hergestellt worden war.

Die Kontrollbehörde ASN könne also nur noch vermuten, dass der bereits eingebaute Druckbehälter die gleichen Schwachstellen enthält wie der geprüfte.

Obwohl Areva den Sicherheitstest selber durchführte, bezweifelt sie jetzt deren Aussagekraft. In einer Mitteilung vom 21. April 2015 erwähnt die Areva «Defizite in der Qualität der Sicherheitsprüfung, die den Hersteller dazu zwingen, die Resultate neu zu interpretieren oder einige der Sicherheitstests zu wiederholen».

Auf öffentlichen Druck hin, erklärte die Bewilligungsbehörde ASN («Autorité de Sûreté Nucléaire»), sie werde untersuchen, warum Areva die Sicherheitsprüfung derart verspätet durchführte. Die «Electricité de France» EDF und der Areva-Konzern versuchen nun, mit einem neuen Testverfahren nachzuweisen, dass der EPR den Sicherheitsstandards der ASN doch genüge. Umweltministerin Ségolène Royal versprach, dass die Resultate im Oktober 2015 zu veröffentlichen.

In der Zwischenzeit gehen die Bauarbeiten in Flamanville weiter. Die Kosten werden vermutlich 9 Milliarden Euro erreichen. Bei Baubeginn im Jahr 2007 gab Areva die Kosten mit 3,3 Milliarden an. Voll betriebsfähig wird der Reaktor frühestens 2018 sein, zehn Jahre nach der geplanten Inbetriebnahme. Wenn überhaupt.

Identische Druckbehälterböden für andere AKW gebaut

Identisch hergestellte Druckbehälterböden wurden bereits EPR-Atomkraftwerke in China (Taishan 1 und 2) eingesetzt, das sich im Bau befindet. Die gleichen Bauteile könnten – ebenfalls fehlerhaft – bereits fertig produziert sein für den Reaktor Hinkley-Point C, den Grossbritannien der EDF abkaufen will.

Nach der Katastrophe in Fukushima prahlte die damalige Areva-Konzernchefin Anne Lauvergeon, dass vom neuen EPR-AKW bei einer gleichen Katastrophe keine Radioaktivität entweichen könnte. Die Vorkehrungen für die Sicherheit erreichten ein «Top-Niveau».

Der neue Reaktortyp sollte zum Exportschlager werden

Frankreich wollte daraus einen Exportschlager machen. Areva liess die ganze Welt wissen: «Die Technologie der EPR-Reaktoren ist französische und europäische Spitze.» Die EPR-Technologie werde sich gegen die russische und amerikanische Konkurrenz durchsetzen.

Um solche AKWs nicht nur in China, sondern auch in westlichen Ländern wie Finnland bauen zu können, müsse ein erstes solches AKW in Frankreich laufen, erklärte Areva.

Französische Politiker stimmen in den Chor ein. Für das Ministerium für Energie und Rohstoffe «entspricht der Bau eines EPR-Reaktors in Flamanville dem Wunsch des Parlaments, die nukleare Zukunft Frankreichs zu sichern». Der Reaktor werde die Leistungsfähigkeit der EPR-Technologie beweisen und gegebenenfalls aufzeigen, in welchen Bereichen Optimierungen nötig seien. Die Sfen («Société Française d’Energie Nucléaire»), eine Interessensgruppe aus Kernenergie-Fachleuten, geht sogar einen Schritt weiter: «Weltweit kommt eine Zeit in der viele Länder ihre Kernkraftwerke vergrössern oder neue bauen werden. In diesem Kontext ist der EPR ein Vorzeigemodell französischer Kompetenz für Reaktoren der neuen Generation.»

Die Atomindustrie hatte einen genauen Zeitplan. Liest man ihn heute, so schockiert er. Areva hatte es als «dringlich und unumgänglich» bezeichnet, dass der EPR ab 2015 in Serie produziert werden kann. Der Hersteller ging davon aus, der EPR in Flamanville würde zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre laufen. «Die serielle Produktion muss spätestens 2015 loslegen.» Das erste Modell der Serie in Flamanville müsse zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren in Betrieb sein, um ausreichende Erfahrungen sammeln zu können.

Sachzwang gefährdet Sicherheit

Die Inbetriebnahme des ersten EPR darf also auf keinen Fall länger verzögert werden – auch nicht durch Sicherheitstests. Für die Fachleute der Industrielobby Sfen ist klar: «Rechnet man mit einer realistischen Lebensdauer von 40 Jahren für ein AKW, dann werden zwischen 2017 und 2025 mehrere Dutzend AKW in Frankreich vom Netz gehen». Das entspreche etwa einem Drittel der Gesamtproduktion an Elektrizität. Deshalb hält Sfen mehrere neue Reaktoren ab 2015 für «absolut notwendig», um die Erneuerung des Atomparks zu gewährleisten. «Sonst würde der Energiebedarf Frankreichs von enormen Importen fossiler Brennstoffe abhängig.»

Die Redaktoren von mediapart.fr kommentieren: «Für die gossen Akteure ist die Kernenergie die unhinterfragte und zentrale Garantie für die französische Wettbewerbsfähigkeit.» Frankreich wolle seine Vormachtstellung in diesem Spitzentechnologie-Sektor behalten und verstärken.

Aus diesen Gründen werde der Bau des 1650-MW-Reaktors weder von technischen Beurteilungen noch von reinen Enegeiaspekten bestimmt: «Es geht um ein Prestigeprojekt, um die Grösse Frankreichs in der Welt.»

Dieser nukleare Stolz führe dazu, dass man wie besessen einen Reaktor baut, der zu gross ist, zu komplex und zu teuer. Und dass man Kritik während Jahren einfach ignoriere.

Das deutsche Handelsblatt kommentiert: «Das Reaktorprojekt EPR sollte der Atomkraft einen Aufschwung bescheren. Doch zahllose Pannen machen das Projekt zum Albtraum für die französischen Bauherren. Ein weiterer Konstruktionsfehler könnte das Aus besiegeln.»

Infosperber

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