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Milliardenprofite für die Unternehmen, Risiken für die Arbeiterinnen Covid-19: Textil­arbei­ter­innen riskieren Gesundheit und Existenz

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Das neue Coronavirus hat ein globales Pandemie-Niveau erreicht.

TShirt QualitätsCheck in einer Fabrik in Bangladesch.
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Bild: T-Shirt Qualitäts-Check in einer Fabrik in Bangladesch. / Fahad Faisal (CC BY-SA 4.0 cropped)

8. April 2020

08. 04. 2020

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Die Auswirkungen treffen die Textilarbeiterinnen und -arbeiter gleich doppelt: Ihre Gesundheit und ihre finanzielle Lebensgrundlage sind in Gefahr. Modeunternehmen, die in guten Zeiten Milliardenprofite einstreichen, dürfen in der Krise die Risiken nicht ans Ende der Lieferketten weitergeben, sondern müssen jetzt rasch handeln und Verantwortung übernehmen.

In Myanmar, Bangladesch, Kambodscha, Indien, Albanien und den zentralamerikanischen Ländern werden derzeit Fabriken geschlossen oder sind von der Schliessung bedroht. Gründe sind Lieferengpässe von Rohmaterialien aus China oder Massnahmen zur Wahrung der öffentlichen Gesundheit, insbesondere aber Auftragsrückgänge sowie die verantwortungslose Stornierung bestehender Aufträge der Modeunternehmen.

Milliardenprofite für die Unternehmen, Risiken für die Arbeiterinnen

Das globale Geschäftsmodell in der Textilindustrie sorgt in guten Zeiten für Milliardenumsätze der Modekonzerne; allein bei Inditex (Zara) waren es 2018 mehr als 26 Milliarden Euro. Doch in Krisenzeiten versuchen die Unternehmen, die negativen Konsequenzen auf die Arbeiterinnen und Arbeiter am unteren Ende der Lieferkette abzuwälzen. Aufgrund der sinkenden Nachfrage und geschlossener Bekleidungsgeschäfte weltweit stornieren oder verschieben Modeunternehmen und Einzelhändler derzeit ihre Produktionsaufträge bei ihren Zulieferfabriken. Dabei weigern sie sich in vielen Fällen sogar, für Kleidung zu bezahlen, die ihre Zulieferbetriebe bereits produziert oder für welche sie Material beschafft haben.

Das Ergebnis ist die teilweise oder vollständige Schliessung Tausender Fabriken in den Produktionsländern. Millionen von Textilarbeiterinnen und -arbeitern werden nach Hause geschickt, oft ohne gesetzlich vorgeschriebene Bezahlung oder Abfindungen - manche Fabriken zahlen nicht einmal mehr den ausstehenden Lohn für die geleistete Arbeit im Monat März.

Die Krise verschlimmert bereits prekäre Situationen

Schon in normalen Zeiten reichen die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlöhne aller Produktionsländer bei weitem nicht zur Deckung der Grundbedürfnisse, geschweige denn, um Geld für Notfälle oder Arbeitslosigkeit zur Seite zu legen. Deswegen fordert Public Eye von Modeunternehmen seit Langem für alle Arbeiterinnen in der Lieferkette Existenzlöhne, welche Rücklagen für den Krankheits- oder Arbeitsausfall ermöglichen würden. Die meisten Textilarbeiterinnen und -arbeiter leben aber heute schon nahe am oder unter dem Existenzminimum und stehen bei Arbeitslosigkeit häufig ohne Schutz da.

Besonders schlimm ist die Situation aktuell in Kambodscha, Myanmar und Indien. Die Clean Clothes Campaign berichtet, dass seit Beginn der Krise bereits 10% der Bekleidungsfabriken in der Region Rangoon in Myanmar vorübergehend geschlossen wurden, und die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Löhne nicht erhalten. In Indien sind Millionen Wanderabeiterinnen und Tagelöhner von Fabrikschliessungen und dem Shutdown betroffen; viele von ihnen müssen jetzt Hunderte Kilometer - teilweise zu Fuss – zurück in ihre Heimatorte. Über 20 Menschen sind dabei bereits ums Leben gekommen. Aus den bereits vorher prekären Lebensumständen dieser Menschen wird in der Krise eine Frage des nackten Überlebens.

Keinerlei Sicherheitsvorkehrungen in Fabriken

Neben den Fabrikschliessungen beunruhigen auch Berichte aus einigen Ländern, wo Arbeiterinnen und Arbeiter gezwungen sind, ihre Arbeit ohne angemessene Sicherheits- und Hygienevorkehrungen fortzusetzen. Sie und ihre Familien - und durch sie ganze Gemeinden - werden so der Ansteckungsgefahr ausgesetzt.

In kaum einer Textilfabrik werden die grundlegenden Sicherheitsvorkehrungen zur Verringerung des Ansteckungsrisikos eingehalten. Nähmaschinen stehen so dicht, dass kein Meter Abstand zwischen den Menschen bleibt. Es fehlt an Schutzkleidung, Handschuhen, Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel. Auf dem Weg zur Arbeit stehen die Arbeiterinnen und Arbeiter dicht an dicht in öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn in diesen Fabriken weitergearbeitet werden soll, braucht es dringend angemessene Schutzmassnahmen, um eine Katastrophe zu verhindern.

Modeunternehmen in der Pflicht

Die Clean Clothes Campaign fordert alle Modeunternehmen dringend auf, unverzüglich und proaktiv ihrer Sorgfaltsprüfungspflicht in ihrer Lieferkette nachzukommen, um die Menschen, die ihre Waren herstellen, vor den negativen Auswirkungen der globalen Pandemie zu schützen.

«Sie sollten zu Hause bleiben dürfen, und die Marken müssen sicherstellen, dass sie während dieser Zeit ihren vollen, regulären Lohn, erhalten», fordert Tola Moeun, Exekutivdirektor des kambodschanischen Zentrums für die Allianz für Arbeit und Menschenrechte (CENTRAL).

Die Modemarken müssen jetzt rasch Verantwortung für die Beschäftigten in ihrer gesamten Lieferkette übernehmen und sicherstellen,
  • dass Arbeiterinnen und Arbeiter auch bei Fabrikschliessungen oder Krankheitsausfällen ihren Lohn weiter erhalten.
  • dass die notwendigen Sicherheitsmassnahmen, Schutzkleidung, genügender Abstand und ein geschützter Transport zur Arbeit sichergestellt werden, falls die Arbeit fortgeführt wird.
Die Solidarität, die nun in reichen Ländern eingefordert wird, muss global sein und darf vor den Ärmsten nicht Halt machen. Im Fall der Textilarbeiterinnen und -arbeiter sind nicht nur Regierungen, sondern vor allem die grossen Modemarken (welche seit Jahrzehnten von der billigen Arbeit profitieren) gefordert, jetzt rasch umfassende Massnahmen zu ergreifen, um die schlimmsten Folgen der Krise abzufedern.

Public Eye

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