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Börsen und Agrarrohstoffhandel Agrarfonds: Investoren suchen Wachstum - Die Äcker sind ihnen egal

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Im Agrarsektor wetten die Spekulanten aktiver denn je. An den Börsen verstärkt das Einströmen von Kapital die Kursschwankungen, von denen Fonds und Finanzierer profitieren wollen.

Die Börse von London gilt als grosser Handelsplatz von Agrarrohstoffen.
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Bild: Die Börse von London gilt als grosser Handelsplatz von Agrarrohstoffen. / London Stock Exchange (CC BY-SA 3.0 unported - )

26. Juli 2020

26. 07. 2020

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Die Vorschriften, die sich einst gegen die exzessive Finanzspekulation bei Agrarerzeugnissen richteten, sind in den letzten rund 15 Jahren immer mehr gelockert worden. Seither gewinnen Finanzdienstleister immer mehr Einfluss auf das globale Ernährungssystem. Zum Bei-spiel hat die US-Aufsichtsbehörde für den Warenterminhandel 2005 die Regeln des spekulativen Handels mit Weizen, Mais und Sojabohnen aufgeweicht. 2006 hat sie manche Fonds von den noch verbleibenden Restriktionen befreit. Beim Warenterminhandel werden in der Gegenwart der Kauf oder Verkauf von Waren zu festgelegten künftigen Terminen, Preisen und Mengen abgeschlossen. Hier können ausgefeilte Finanzinstrumente die Kursausschläge enorm verstärken.

Als Ergebnis der regulatorischen Veränderungen können Banken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley und Citi-bank sowie andere finanzielle Akteure jetzt neue Wertpapiere verkaufen. Sie basieren auf agrarischen Gütern und werden vom Staat nur wenig kontrolliert. Diese neuen Finanzprodukte können etwa Währungs-, Zins- oder Preisrisiken berücksichtigen, zugleich mehrere Waren abdecken oder in anderen Wertpapieren ausgezahlt werden.

Der Markt für solche neuen Finanzprodukte ist in den vergangenen Jahren rapide gewachsen. Allein von 2006 bis Anfang 2011, also über die heisse Phase der Weltfinanzkrise hinweg, stiegen die spekulativen Kapitalanlagen in Agrarerzeugnisse um fast das Doppelte: von 65 Milliarden US-Dollar auf gut 126 Milliarden US-Dollar.

Die Spekulation spielt bei der gestiegenen Nachfrage nach Kapitalanlagen, die auf Agrarland und -produkten basieren, eine bedeutende Rolle. Im US-Terminmarkt für Weizen-Futures (Kauf und Verkauf in der Zukunft) ist beispielsweise der Anteil der reinen Spekulation am Handel von zwölf Prozent in der Mitte der 1990er-Jahre auf 61 Prozent im Jahr 2011 gestiegen. Heute soll er bei 70 Prozent liegen. Agrarinvestitionen von Pensionsfonds – Wertpapiere auf der Basis landwirtschaftlicher Produkte, um aus deren Erlösen künftige Betriebsrenten zu zahlen – sind von 66 Milliarden US-Dollar im Jahr 2002 auf 320 Milliarden US-Dollar im Jahr 2012 hochgeschnellt.

Es gibt derzeit Hunderte „agrarbasierte“ Investmentfonds, die Milliarden Dollar Vermögen verwalten. Einer der grössten ist der von der Deutschen Bank begründete DB Agriculture Fund. Er verwaltet mehr als 740 Millionen US-Dollar an Vermögen und investiert unter anderem in Mais, Soja-bohnen, Weizen, Kaffee und Zucker.

BlackRock, eine der weltgrössten Investmentfirmen, hat 2007 einen Fonds im Wert von mehr als 230 Millionen US-Dollar eingerichtet. Er enthält Werte von Unternehmen, die alle an verschiedenen Stellen der agrarischen Produktions-und Handelskette beteiligt sind, zum Beispiel Monsanto, Syngenta, Tyson Foods, Deere und ADM.

Unternehmen, die mit Agrarrohstoffen handeln – etwa Cargill, Bunge und ADM – haben eigene Investmentgesellschaften gegründet. Diese Firmen spielen eine einzigartige Doppelrolle, weil sie sowohl Anlageprodukte verkaufen als auch landwirtschaftliche Werte kaufen. Sie haben eine Schlüsselfunktion, weil sie die Preise durch die Entscheidung beeinflussen können, ob sie lagern oder verkaufen. Von den neuen Finanzmärkten können sie erheblich profitieren.

Zu den institutionellen Investoren vor allem in den USA, die sehr grosse Summen Kapital anlegen müssen, gehören Versicherungen, Pensions-, Investment-, Hedge- und die Stiftungsfonds von Universitäten. Die neuen Agrarinvestitionen passen gut in ihre typische passive Anlagestrategie, Kapitalanlagen zu kaufen, die wenig Aufwand erfordern und über einen langen Zeitraum gehalten werden. Dazu gehört der Kauf von ETFs, neuartigen Fondspapieren, die selbst an der Börse notiert sind und deren Zusammensetzung einen Börsenindex abbildet, etwa den Dow-Jones-Index oder den Agrarindex einer Warenterminbörse. Darüber investieren Hedgefonds im Auftrag grosser Investoren direkt in den Sektor. Ein Beispiel dafür ist Edesia, ein Hedgefonds im Besitz des Agrarhandelskonzerns Louis Dreyfus Company, der 2,7 Milliarden US-Dollar Vermögen verwaltet, indem er sie in Wertpapiere anlegt.

Der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (Unctad) zufolge tragen Investitionen in Agrarrohstoffmärkte dazu bei, dass die Preise für Nahrungsmittel steigen und stärker schwanken. Konzerne wie Cargill, die fortlaufend kaufen und verkaufen, können davon profitieren. Aber für Menschen, die einen hohen Prozentsatz ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen, kann das verheerende Folgen haben, besonders in den ärmsten Ländern der Welt. Bäuerinnen und Bauern sind ausserdem mit grösseren wirtschaftlichen Unsicherheiten konfrontiert, wenn Nahrungsmittelpreise stärker schwanken.

Die „Finanzialisierung“ – der Einzug von Kapitalanlegern, die mit den gehandelten Waren nichts mehr zu tun haben – hat auch zu einer Welle von Landkäufen seit den späten 2000er-Jahren beigetragen. Agrarflächenfonds sind darauf spezialisiert und ermöglichen ihren Anteilseignern, in die landwirtschaftliche Produktion zu investieren, ohne selbst Rohstoffe oder Land kaufen zu müssen. Einen solche spezialisierte Kapitalanlage hat beispielsweise TIAA-CREF, der US-Pensionsfonds für Beschäftigte an Universitäten und gemeinnützigen Organisationen aufgelegt. Er investiert seit 2007 in Landwirtschaftsflächen und Agrarbeteiligungen und verwaltet insgesamt mehr als 5 Milliarden US-Dollar, die weltweit in solchen Anlagen untergebracht sind. Grosse Investitionen in Grund und Boden zielen häufig darauf ab, industrielle Landwirtschaft in grossem Stil zu etablieren.

Nach der Explosion der Agrarpreise ab 2006 und der Finanzkrise von 2008 haben Politiker und Politikerinnen in den USA und der EU versucht, strengere Bestimmungen einzuführen, um die Spekulationen im Agrarsektor einzudämmen. Doch sie sind gescheitert. Intensive Lobbyarbeit und der Widerstand der Finanzunternehmen und Rohstoffhändler haben die Reformen abgeblockt.

Konzernatlas 2019

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY 4.0) Lizenz.

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