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Karl, Carin und die anderen | Untergrund-Blättle

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Prosa

Eine halbwegs wahre Geschichte Karl, Carin und die anderen

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Am Dienstag, dem 18. Juni 1934 öffnete sich die Tür zur Drogerie (eine von dreien am Ort) in Woldenberg und ein Mann in der Uniform eines Försters trat ein.

Neumark.  (c) Michael Köhler
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Bild: Neumark. / (c) Michael Köhler (CC BY-SA 4.0 cropped)

18. Juli 2021
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Er wurde von einem kleinen, heftig mit dem Schwanz wedelnden Jagdhund, einem Irish Red Setter, begleitet, der auf eine knappe Handbewegung des Herrchens hin Platz machte, ergo sich auf sein Hinterteil niederliess und dem Geschehen mit ausserordentlich wachsamen Augen folgte. Sein Herrchen, der Mann in der naturgrünen Kleidung, in Stiefeln, die den Schmutz eines feuchten Weges durch Wald oder Feld trugen, machte einen urgesunden, selbstbewussten Eindruck; ein imposantes Mannsbild, kann man sagen, wenn man ein bisschen verliebt ist in die Vokabel-Welt des neunzehnten und noch jungen zwanzigsten Jahrhunderts.

1.

Karl Langens, der junge Mann hinter dem Verkaufstresen, kannte diesen Mann, wie ihn jeder weit und breit in der Neumark kannte: Günther Mortzfeldt war Leiter der Forstschule in Steinbusch, ein Ort, der nur wenige Kilometer weiter östlich lag; er leitete auch das dortige Lehrforstamt. Mit seinen 33 Jahren eine anerkannte Autorität. Karl, acht Jahre jünger, ein aufgeweckter Mann mit einem natürlichen Gespür für das gesellschaftlich Geschichtete hatte, straffte sich. Er hatte nie unter Autoritäten gelitten; er hatte sie auch noch nie in Frage gestellt (vielleicht bedingte das eine das andere); er freute er sich auf den kommenden Auftrag wie er sich über den selbstsicheren Auftritt des Oberforstmeisters heimlich amüsierte.

Karl grüsste und fragte, ob er dem Hund eine Schüssel Wasser hinstellen solle. Mortzfeldt schüttelte mit dem Kopf, lächelte und sagte, dass der Hund ausserordentlich verwöhnt sei; was nicht stimmte, weil das Herrchen sehr wohl Jagdhunde zu erziehen wusste. Er war weithin bekannt für sein Hunde-Händchen, weithin heisst, in der Neumark und darüber hinaus in den Westen bis nach Berlin und zum nördlich der Reichshauptstadt gelegenen Eberswalde.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Langens.

Die Drogerie, benannt nach Hubertus, dem Schutzpatron der Jäger und Forstleute, war eine von dreien im Ort. Sie hatte sich in der letzten Zeit einen besonderen Ruf erworben, weil sie sich über den Verkauf von Putz- und Toilettenmitteln, Niveacremes, Bettnässstoff, Kinderpuder, Bleichwasser zum Wäschefarben, Schlachtgewürzen, Fusspuder gegen Schweissfüsse, Drogen (Pfefferminz, Baldiran, Kamille, Sennesblättern, Faulbaumrinde u. ä.) und dem Herstellen von Likören, Mischen von Farben hinaus auf die Entwicklung von Rollfilmen geworfen hatte. Wer mit einem modernen Fotoapparat umging, liess seine Fotos in der Hubertus-Drogerie entwickeln. Karl, der selber auch gern mit einer eigenen Kamera fotografierte, war talentiert für die Dunkelkammer. Ihm gelang es, beinahe jedes Foto scharf zu entwickeln und zu vermeiden, dass es verschwommen aus dem Entwicklerbad auftauchte. Der junge Mann war für den Kunden-Wunsch prädestiniert.

Die Sache an sich war einfach zu bewältigen. Es handle sich darum, einen Film zu entwickeln, Agfa-Schwarz-Weiss, und von den Fotos – also von drei oder vier Motiven, die er, der Jüngling Langens, als die gelungensten ansähe – jeweils 12 Abzüge zu machen. „Kein Problem“, sagte Karl und nahm die Filmrolle entgegen.

„Doch“, sagte Mortzfeldt. „Vielleicht doch. Der Haken ist: Ich brauche die Fotos morgen.“
„Ooh.“

Die letzten Aufnahmen sei erst heute gemacht worden, das Porträt einer Gruppe, konnte erst vorhin gemacht werden, weil es der letzte Tag gewesen sei, an dem der Arbeitseinsatz der zwölf Jungs geendet habe. Sie hatten zwei Wochen lang im Forst geholfen, hatten sich in dem kleinen Zoo der Stadt um die Tierpflege gekümmert und waren sozusagen in das ABC der Hege und Pflege der Natur eingewiesen worden. Die Fotos seien als Dankeschön und zur Erinnerung gedacht. Das wäre der Haken an der Sache, dass die Fotografien morgen gebraucht würden. Und die „Hubertus“-Drogerie sei dafür bekannt, dass sie perfekt das modern gewordene Abziehen und Vervielfältigungen von Foto-Papieren beherrsche; es sei noch ein ziemlich neues Handwerk, fast eine Kunst, Fotos herzustellen, die nicht verschwommen, verwaschen oder wie falsch belichtet aus dem Fixier-Bad kamen, um an Schnüren mit Wäsche-Klammern befestigt und getrocknet zu werden.

Karls Haken war ein anderer: Er war für den heutigen Abend und für die Nacht, in der es geschehen würde, mit Emma verabredet. Ihre Beziehung war so weit gediehen, dass es so recht keinen Grund mehr gab, das Dringliche länger aufzuschieben. Auch hatte er ein Päckchen Kondome zurechtgelegt, die zum Angebot der Drogerie gehörten. (Auch wenn für das Verhütungsmittel seit einem Jahr nicht mehr geworben werden durfte und neben der Eingangstür zum Laden ein Emailleschild mit der Aufschrift „Verlangen Sie die echten Fromms Gummischwämme“ angebracht war, stand die Werbung auch unter polizeilichem Verbot, gab es immer Wege, das zu umgehen.)

„Doch ein Problem, junger Mann?“, fragte Motzfeldt strahlend und in der Gewissheit, er würde das Problem unbedingt ausräumen.

„Nun … Nein. Natürlich nicht. Bis morgen früh sollten die Fotos fertig sein.“

„Grossartig“, meinte der Oberforstmeister. „Wissen Sie, Herr Langens, ich hätte da was Feines für Sie. Sie fotografieren doch selber gern, hörte ich. Ich lade Sie ein, mit mir dann nach Eberswalde zu fahren. Und darüber hinaus, er machte ein Pause: „In die Schorfheide, zum Landsitz des Ministerpräsidenten Göring. Er will dort seine erste, leider früh verstorbene Gattin beerdigen. Ein Hochereignis, Langens. Und wir sind zu Gast.“ Mortzfeldt zwinkerte kurz, lag’s an der Luft in dem Geschäft, war’s Zeichen einer frisch geknüpften Kumpanei, klopfte mit der Rechten gegen seinen Oberschenkel, daraufhin der Hund aufsprang und seinem Herrschen hinterher laufend die Drogerie verliess.

Das war noch ein Haken. Ein Haken, der glänzte und sich in Karls Ohren und Hirn verfing und statt Schmerzen einen Wonne-Schauer hervorrief.

Andererseits. Karl und Emma waren zum Paddeln verabredet. Es galt, auch wenn sie darüber nicht direkt gesprochen hatten - aber gefühlt hatten sie es, warm und synchron - als abgemacht, dass sie auf einer der Inseln, wie hineingetupft in die klaren Seen, die Nacht verbringen würden, das erste Mal für Stunden allein, zusammen unter dem Himmel der Seligkeit.

Neben den Frommsen hatte er auch ein Mittel gegen Mücken bereitgestellt. Karl seufzte.

2.

An diesem Abend wurde an der Ostseeküste ein Sarg von der Fähre, die zwischen dem schwedischen Trelleborg und dem Rügen-Städtchen Sassnitz verkehrte, gefahren. Er stand auf der Ladefläche eines Lastkraftwagens und wurde von vier Limousinen, in denen ernsthaft-wachsam rundum beobachtende junge Männer in schwarzen Uniformen sassen, in Empfang genommen. Der Pritschenwagen brauchte für den knappen Kilometer vom Hafen bis zum Bahnhof der Stadt eine halbe Stunde, weil er sehr langsam fuhr, und an den Strassenrändern standen mehr Menschen als Sassnitz Einwohner hatte. Sie schwenkten Blumengebinde, -kränze, Fähnchen und wiesen sich auf Spruchbändern als Arbeiterinnen der Fischfabrik, Mitglieder der Frauenschaft und des Bundes Deutscher Mädel aus. Vier Motorräder fuhren dem Tross voran.

Eine jede und ein jeder wusste, wer in dem Sarg lag. Carin Göring. Sie war die Geliebte, dann Ehefrau des Ministerpräsidenten Hermann Göring und hatte seit ihrem Tod am 17. Oktober 1931 in der Erde ihres Vaterlandes Schweden gelegen. Es hiess, die Grabstätte sei von Gegnern des deutschen Nationalsozialismus geschändet worden, woraufhin der deutsche Staat veranlasste, die Leiche zu exhumieren, nach Deutschland zu überführen und ihr im Tode die Würde wiederzugeben, die sie verdiente. Dafür war ein Staatsakt vorgesehen, in der Art des Hauses Hitler, pompös, opernhaft, volksnah. Immerhin hatte sie ihrem Geliebten (dann Ehemann), diesem strahlenden Ex-Piloten und engagierten Kampfgefährten auch in den Jahren des durchaus nicht absehbaren Erfolges beigestanden. Und ein aufregendes Leben geführt, hiess es. Und wer wüsste in Glanz und Elend nicht besser Figur zu machen als die Schauspielerin, die Carin gewesen war. Sogar dem Führer, als er am Aufsteigen war, hatte sie zu offiziellen Anlässen den Glanz ihrer Anwesenheit verliehen.

Der Sarg wurde in einen Waggon geladen. Die Lokomotive stand noch nicht unter Dampf, wie sie (oder eine Vorfahrin von ihr) ihn ausgeatmet haben mochte, als sie 14 Jahre vorher aus der Schweiz kommend hier eingefahren war und einen illegalen Passagier mitbrachte. Einen Mann, der Uljanow hiess, aber von seinen Gefährten Lenin genannt wurde. Er war auf der Durchreise nach Russland, wo er im Folgenden einer Revolution vorstand, die wiederum über siebzig Jahre später an ihren Folgen krachend scheitern sollte. (Darüber berichten wir ein andermal, wenn sich der Nebel beflissen-eiliger Geschichtsschreibung verzogen hat und Fakten, Fakten und nochmals Fakten die Vorherrschaft übernehmen; was sich allerdings als frommer Wunsch erweisen dürfte, denn die Umstände, die sind nicht so.)

Der Zug würde am nächsten Morgen, sehr früh, losfahren, in den Tag hinein, und an jedem Bahnhof halten, der an der Strecke lag. Denn überall standen Abgesandte aus Fabriken, Vereinen, Gemeinschaften, die der Toten ihre Referenz erweisen wollten. Und damit ihrem Gatten, dem Ministerpräsidenten, der zu jener Zeit noch nicht über die vielen Funktionen verfügte, die er zunehmend in seiner Personalakte ansammeln würde wie die Orden und Medaillen auf seiner breiten, fetten Uniformbrust. Und der Mann war, zwar schon beleibt, doch nicht die Witzfigur, von der im Sündenbabel Berlin Claire Walldorf sang, dass er knutschen, drücken und küssen kann, ein Druffgänger sei wie niemand anderer, dessen Sehnsucht erst jestillt sei, wenn er ganz verknautscht und verknüllt hat Rock und Bluse, von wejen Liebeszwecke, denn in sowat is er Meester; Hermann heesst er. Der kann wackeln, knicken, schieben ruff und rum, mal hier, mal drüben, mit dem Knie manchmal stösst er – na, wie heesst er? Hermann heest er. Von denen, die den Zug mit dem Sarg begrüssten, weinend viele, inniglich liebend ihr Vaterland und solche wie den Herman Göring anhimmelnd -, von denjenigen, die da standen und ausharrten und dem Zug hinterhersahen, wenn er wieder anfuhr, kannte niemand den Song.

Wir sind auf dem Lande. Wir sind auf dem Weg durch die Ucker- in die Mittelmark, auf dem Weg nach Eberswalde, einem Ort, der weit genug vor Berlin liegt, um von den Sünden, die der Moloch noch immer ausatmet, nicht angehaucht zu werden. In Eberswalde würde der Zinksarg unter den Klängen des Beethovenschen Trauermarsches auf einen von sechs Pferden gezogenen Wagen gehievt und zu der Gruft, die auf Carin wartete, gezogen werden. Alles geplant.

3.

Knapp eine halbe Stunde, nachdem der Oberförster Mortzfeldt das Geschäft verlassen hatte, trat Emma auf. Sie tänzelte herein. Eine junge Frau, die mit dem Hüftschwung einer Diva das Sommer-Kleid um die Knie kreiseln lässt und der das zum Pferdeschwanz gebundene dunkelblonde Haar auf der linken Schulter liegt wie ein niedliches Pelztier. An den Füssen trug sie Schuhe mit flacher Sohle über denen sich zwei Beine streckten, von denen in der fernen Reichshauptstadt Berlin gesagt werden würde, sie seien „erstklassige Ware“. (Was war schon Charmanteres von den Schandmäulern dort zu erwarten!) Emma schürzte die Lippen zu einem Luft-Kuss, stellte sich vor den Verkaufstresen und knickte ihren Leib so, dass ihr Busen beinahe die Glasscheibe berührte, unter der verschiedene Seifen im Angebot ausgebreitet lagen. Karl schwanden die Sinne. (Kitschig? Ach was! Waren Sie nie bis ins Zittern der Knie und Hände und bis zum Schweissausbruch unter den Achseln verliebt?)

„Ich war grad in der Nähe“, sagte Emma. „Ich dachte, schaust du mal nach Karlchen. Dass er mir nur keinen Unfug macht.“ Sie schaute von unten auf; ein anmutiges, schlaues Hündchen, das wusste, wie es mit seinem Herrchen umzugehen musste, um gekost und mit einer Scheibe Mortadella belohnt zu werden. „Denn der Unfug“, lächelte sie, „findet erst heute Nacht statt.“

Karl wusste nicht, wohin mit seinen Augen.

„Emma, ich muss dir was sagen“, fing Karl an.

„O, ich weiss es“, sagte Emma. „Du kannst es nicht erwarten, mit mir den Mond anzuschauen. Wir liegen nebeneinander, du und ich, auf dem Rücken. Du fasst meine Hand an, wir schauen hinauf in den Himmel. Und uns wird warm, richtig warm, heiss sogar. Aber wir springen nicht ins Wasser, um uns abzukühlen. Wir schauen jetzt uns an. Ich dich, du mich, wir …“

„So wird es sein“, sagte Karl. „Nur … nicht heute. Ich habe einen Sonderauftrag bekommen.“ Blitz und Donner; Hagelschlag und Überflutung; grässlich sinkt die Temperatur auf der Erde.

In der Geschichte der Menschheit hat es einige Eiszeiten gegeben. Einige sorgten für das Aussterben Dutzender Tierarten und für die Verformung von Landschaften, als das Eis sich vom Norden her über den Planeten und Megamillionen Tonnen Steine vor sich herschob. Andere, etwa während des Dreissigjährigen Krieges in Europa, waren kürzer und nicht gar so arg. Die Eiszeit, die plötzlich in der Hubertus-Apotheke eintrat, war die schlimmste aller Zeiten. In ihr erstarrte eine keimende Liebe, und es könnte sogar sein, sie starb in diesem Moment.

Die plötzliche Vergletscherung war ein Schweigen, eingeleitet von Emmas Rückzug in die aufrechte Haltung und ein ruckartiges Schwenken ihres Kopfes, dem der Zopf folgte. Der war eine wütend zuckende Schlange.

Was Karl in der blinden Anarchie seiner Liebe übersehen hatte: Emma hatte noch zwei, drei, vier andere Verehrer, und Emma war sich ihrer Wirkung bewusst. Nicht nur das: Sie hatte sich noch nicht entschieden, wem sie sich zuwenden wollte, und mal von weitem und von aussen betrachtet: Sie war ein hübsches Mädchen mit leichtem Sinn, soll heissen, ihr Herz war ein Schmetterling, dem es gefallen könnte, von Blüte zu Blüte zu flattern. Nicht weil sie von hurenhaftem Naturell gewesen wäre. Gott bewahre, nein! Sie war – unentschieden, sie war bereit, das Leben lag vor ihr wie ein Laken, auf das viele passten. Und warum auch nicht? Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie, als Karl so unelegant wie Jungs nun mal sind, ihr einen Korb gab, der gibt mir doch tatsächlich einen Korb! bei sich dachte: Nun gut, wer nicht will, der hat schon, pah!

„Emma!“, rief Karl in ihren Rücken. „Emma, bitte, bleib doch!“ Doch da war die Grazie bereits unter dem Klingeling der Türglocke durch. Es musste nicht das Ende sein, hoffte Karl. Es musste einen Weg geben, der zwischen Pflichterfüllung und Hingabe an eine Frau in das Reich der Glückseligkeit führte. Es musste ein Gewebe geben, das Liebe und Arbeit in eines band. Und wenn es weder diesen Weg noch jenes Gewebe gab -, lohnte sich das Leben überhaupt? Karl starrte die Ladentür an, sah durch das Schaufenster das wippende Sommerkleid Emmas (oder glaubte, es noch zu sehen, wie es Knie und Schenkel umspielte als seien es seine Hände), dann schloss er das Geschäft ab und begab sich in die Dunkelkammer.

4.

Auf sehr alten Landkarten, etwa aus der Zeit, in der die Mark Brandenburg unter der Herrschaft der Askanier lag, kann man die Neumark als Bestandteil des deutschen Reiches finden. Die Neumark bildete mit der Uckermark, mit der Mittelmark, hinlangend zur Altmark und der Priegnitz eine zusammenhängende Landfläche, die von Pommern bis nach Braunschweig-Lüneburg reichte quer durch Deutschland, wie es einmal war. Die Neumark – heute Nowa Marchia – ist ein Paradies auf Erden. Seen, Wälder, Dörfer; Natur und Mensch haben etwas zum Träumen geschaffen, etwas, dessen Schönheit zu Tränen rührt, und die Vorstellung, diese Schönheit könnte wie jede Schönheit enden, mag uns in die Knie sinken und schluchzen lassen. (Pathos! Pathos! Warnung, Leute! Das grenzt an Romantik, Hilfe!) So war es und so ist es noch heute, wenn man die Phantasie besitzt, sich den Lärm der Neuzeit, ihre scheusslichen Neubauten und die Rohheit agrarischen Umgangs wegzudenken; den Himmel aber können nicht Flugzeuge noch Weltraumraketen demolieren.

Von Woldenberg, wo in der Drogerie am Markt Karl jetzt im Dunklen arbeitete, bis zu dem zwischen Grossdöllner- und Wuckersee gelegenen brandenburgischen Landsitz Hermann Görings liegt etwa 180 Kilometer Landschaft. Allerdings muss man mit dem Auto, weil der Fluss Oder dazwischenliegt und es in der Nähe keine Brücke gab, über Stettin fahren. Das sind etwas über 200 Kilometer, und für die Fahrt sollte man zweieinhalb bis drei Stunden veranschlagen. Davon wusste Karl nichts, musste er nichts wissen; der Oberförster Mortzfeldt würde es wissen, der war ein Mann von Welt, und in den Marken kannte er sich aus. War sogar schon in jenem Waldstück gewesen, in dem der von Göring „Carinhall“ genannte Häuser-Komplex lag. (Dass jener in der damaligen Tagespresse gern als „Blockhütte des Ministerpräsidenten“ bezeichnet wurde, war eine populistische Untertreibung, wenngleich das 1945 von Görings Leuten, um den Russen zuvorzukommen, in die Luft gesprengte Anwesen tatsächlich erst mit den Jahren ministerielle, ja staatsmännische Ausmasse annehmen wird. Man wird hier Staatsleute aus aller Welt empfangen, Hitler wird zu Gast sein, und für Entouragen braucht es Platz. Das war auch auf den Ritterburgen des Mittelalters nicht anders. – Wir schweifen ab.)

Das Entwickeln von Fotos war, der Mortzfeld hatte Recht, ein handwerkliche Kunst, die damals noch nicht viele beherrschten. Karl hatte sich früh dafür interessiert, als er in Krefeld die Drogisten-Fachschule besucht und abgeschlossen hatte. Er war nicht nur in Chemie, Botanik, Buchführung geschult, sondern auch in diesen neuen Geschäftszweig Fotografie eingewiesen worden. Damals wurde der Rollfilm en vogue und dazu passende Fotoapparate kamen in den Handel; die Zeit, als sich der Fotograf unter einem schwarzen Tuch versteckte, Mattscheiben scharf einstellte und Platten in die Apparaturen steckte -, diese Zeit endete. Und Karl entdeckte seine Leidenschaft, besass seit zwei Jahren eine eigene Kamera der Firma Leica -, und es mochte diese Leidenschaft gewesen, die der eigentliche Grund war, die Nacht der Liebe dranzugeben für die Wonne, fotografische Negative in der Dunkelkammer per Hand auf Papier, das mit einer Silbergelatine beschichtet war, zu belichten, um es in ein Fixierbad zu tauchen -, und langsam erschienen aus dem Versteck der Gelatine die Wirklichkeiten, die der Fotoapparat eingefangen hatte. Für Karl jedes Mal Momente der Beglückung.

Während er die nassen Bilder an die Schnüre hängte, Karl hatte sich wegen der Wärme und Feuchtigkeit das Hemd ausgezogen und schwitzte, fiel ihm Emma ein. Und er fühlte sich unglücklich. Auch wenn er andererseits dem morgigen Tag entgegenfieberte.

Die Atmosphäre dieses Tages hatte sich mit Emmas Abgang verändert. Diese Veränderung empfand er jetzt, wie die Fotos sich im Trocknen krümmten, wie ein Schlag auf den Kopf.

Der Tag war stiller geworden, stiller als still, wattiger. Er fand hinter einer Milchglasscheibe statt. Er freute sich darauf, vom Oberforstmeister Günther Mortzfeldt nach Carinhall mitgenommen zu werden; er trauerte um die Liebe, die er verloren hatte. Hatte er das? Karl klammerte sich allerdings an die Hoffnung, dass da noch was zu kitten wäre. Schliesslich hatte sie nicht eindeutig Schluss gemacht. Sie war gekränkt, sie war beleidigt. Es würde Karl nicht wundern, hiesse es alsbald in der Stadt, die Emma gehe jetzt mit einem Burschen, der nicht Karl hiess und der dafür bekannt sei, auch mal alle Fünfe grade sein zu lassen. Einen, für den das Vergnügen allemal vor der Pflicht kam.

Aber war es nicht seine, Karls Pflicht, dem Mortzfeldt und vor allem den jungen Menschen des Reichsarbeitsdienstes eine Freude zu machen? Geriet nicht selbstverständlich eine private Sehnsucht immer auf den zweiten Platz hinter einer kollektiven Pflicht? (Oder so ungefähr.) Musste es nicht im Leben ein Band geben, das die Liebe mit der Pflicht verband? Und wenn es das nicht gab, gab es dann überhaupt Liebe? Denn dass es die Pflicht gab, war klar. Wenn zwei nicht dasselbe empfanden, konnten sie dann überhaupt miteinander leben? Das sind gewaltige Fragen, die einen jungen Mann, der schwitzt und im Dunklen sitzt, in den Irrsinn treiben können.

5.

Wie Emma den Abend und die Nacht verbrachte, entzieht sich unserer Kenntnis. Es fehlt uns auch Mut, Karl sämtliche Illusionen und Hoffnungen zu nehmen, indem wir die junge Frau zu einem anderen Burschen in ein Paddelboot – vermutlich ein Faltboot der Firma „Klepper“ – setzen, sie zu einer malerischen Insel gleiten zu lassen, auf der Szenen stattfinden könnten, zu deren Beschreibung unsere Phantasie zwar ausreicht. Sie in Worte zu fassen braucht es eine schriftstellerische Qualität, über die wir grad nicht verfügen. Zumal wir gemeinsam mit Karl der Hoffnung sind, Emma zöge sich zwar schmollend zurück, vielleicht um mit einer Freundin ein Bier im Garten des Wirtshauses „Zum Bären“ zu trinken und über die dummen Jungs dieser Welt zu lästern. Und auch ein Flirten zwischen den weiblichen und männlichen Gästen, inklusive Emma und Freundin, auch Techtelmechtel unter Jungen oder unter Mädchen halten wir für möglich. Doch dass sich Emma, indem sie sich von einem anderen jungen Mann (der nicht Karl heisst) einfach aufs Kreuz legen liesse, Karl abstreifen würde wie einen kaputten und mit nichts mehr reparierbaren Strumpf -, nein, das wünschen wir uns nicht.

Karl wurde in der Nacht gegen zwei Uhr mit dem Entwickeln der Fotos fertig. Es brauchte eine weitere Stunde zum Trocknen, in der er sich immer und immer wieder die Jungs auf den Fotos anschaute. Sie waren einzeln und in kleinen Gruppen beim Sägen von Bäumen, beim Baden im See, beim Füttern von Tieren aufgenommen worden. Fotos von einem Abend an einem Lagerfeuer gab es, auch vom Fussballspielen und solche, auf denen der Oberförster Günther Mortzfeldt im Kreise der Jungmänner im Mittelpunkt stand. Mal hielt er das Geweih eines kapitalen Hirsches in der Hand und erzählte anhand des Beutestücks dem entrückt lauschenden Publikum ein Jagdabenteuer. Das letzte Foto, der Abschluss eines vierwöchigen Einsatzes: Die zwölf jungen Männer standen in zwei Reihen, die erste hockte, die zweite stand, rechts neben ihnen Günther Mortzfeldt, alle strahlten in die Kamera.

Karl war entzückt. Erhoben. Das war es, was er an dieser Arbeit liebte: Er nahm teil an den Welt-Ausschnitten anderer Menschen. Er konnte sich nicht sattsehen an dem Geschehen, an dem er nicht teilgenommen hatte; über die Fotos, über dieses magische Medium, war er ein später eingeladener Gast, der bescheiden genug war, weder vom Fleisch auf dem Feuer gegessen, nicht die Säge gehalten, nicht dem Mortzfeldt gelauscht zu haben. Und auch ein Mitglied dieser Gemeinschaft konnte er nicht sein. Aber all das konnte er in gewisser Weise im Stillen, im Dunklen und nur für sich nachholen und sein.

Auf dem Weg in seine kleine Dachwohnung, zwei Kammern, vermietet von einer Frau, die ihren Gatten im Ersten Weltkrieg in Frankreich für immer verloren hatte, blieb Karl plötzlich stehen. Zwischen zwei Laternen, die weit genug voneinander entfernt standen, dass ein Passant, stand er auf der Hälfte der Strecke vom Licht verlassen im Dunkeln stand. Karl schaute in den Himmel, der voller Sterne und einem Mond war, der ihn aufmunterte. Seine Helligkeit, seine Harmlosigkeit, seine, ja, so empfand es Karl: seine Gutmütigkeit und sein Optimismus schienen auszustrahlen: Es werde alles nicht so heiss gegessen wie es gekocht ist; es werde alles gut; am Ende richtet sich alles nach den Regeln der Vernunft, und einem Liebenden geschieht letztlich die Gnade der Erfüllung. Karl dachte solche Wörter. Karl war jung genug, um pathetisch zu sein.

Die Abfahrt war für neun Uhr morgens geplant. Günther Mortzfeld würde ihn abholen, die Fotos in der Unterkunft der Jungs vorbeibringen und sich mit ihnen für den Abend des nächsten Tages zur Abschiedsfeier verabreden. Dann würden sie sich auf den Weg machen, um rechtzeitig bei der Grablegung dabei zu sein. Oder mindestens in der Nähe stehen, wenn des Volkes Führerschaft defilierte. Leider wird es so nicht kommen.

6.

Mortzfeldt sah Langens die Enttäuschung an. Er hatte vor dem Haus gehupt, Karl kam herausgesprungen, seine Kamera baumelte um den Hals, und er sah bedröppelt drein. Es waren drei Stunden nach der verabredeten Zeit vergangen, und es war klar, dass sie die Beerdigung der schwedischen Schauspielerin verpassen würden. Es tue ihm sehr Leid, sagte der Oberforstmeister, aber weil ihm der Kasus eines Rehs angetragen worden war – eines Rehs, das offenbar von einem Wilderer geschossen, dann nicht mal mitgenommen wurde, sondern auf einer Lichtung verbluten musste – konnte er den Termin nicht halten. „Eine Schweinerei ohnegleichen“, sagte Mortzfeldt. „Polacken!“ Warum wir trotzdem fahren?, wollte Karl wissen. Der eigentliche Anlass würde vorbei sein, erledigt. Ein bisschen weinerlich war ihm zumute.

Weil er, der Oberforstmeister, es versprochen habe, und sie würden auch dann auf ihre Kosten kommen, so drückte er sich aus, wenn sie später einträfen. So eine Beerdigung ist nicht vorbei, wenn der Sarg versenkt ist. Die Gesellschaft liefe nicht gleich auseinander, sondern treffe sich beim Schmaus, zu Gesprächen, es werde der Toten gedacht, aber es würde auch am Leben gebastelt. Karl würde schon merken, dass es niemals schadet, Menschen kennenzulernen, die aus anderen Schichten kommen, ihre eigenen Absichten und Meinungen hätten, wie es überhaupt nach Mortzfeldts Meinung – und er sprach als Mensch, der sich wohlfühlte in der Gemeinschaft von Gruppen – zur Charakterbildung eines Menschen beitrage, unterwegs zu sein, neugierig zu bleiben, offen für plötzliche Lagen.

Karls Traurigkeit und Groll verflogen während der Autofahrt, die sie zweimal kurz unterbrachen, weil sowohl der Irish Red Setter als auch Mortzfeldt austreten mussten; der Hund beide Male, pissend und kackend, der Oberförster einmal zum Wasserabschlagen.

Alsbald nach dem Beginn der Fahrt konnte er sie geniessen. Sie fuhren über Strassen, die durch die Bäume rechts und links der Strecke zu schattigen Alleen wurden, als würde eine jede Strasse vor einem Schloss enden. Sie kamen durch Dörfer, in deren Kern entweder ein Gutshaus oder sogar ein Schlösschen stand, ein weiter Platz davor, der von gemütlichen Stallungen und Wohn-Katen umstanden war. Karl sah im Vorüberfahren Menschen und Pferde bei ihrer gemeinschaftlichen Arbeit, und Mortzfeldts Auto hupte kurz, wenn er einen langsamen Pferdewagen überholen wollte. Weniger eine Warnung für den Kutscher als der übermütige Gruss eines Fahrzeugs, das auf den Winden der modernen Zeit dahinflog. Es würde auch die Zeit kommen, in der der Pferdekutscher auf motorisierten Maschinen durchs Land fuhr. Schliesslich kamen sie an.

Es war, wie es immer war und bis ans Ende der Menschheit sein wird: Ein Tor, eine Wache, jemand hebt die Hand und bittet um einen Ausweis oder eine Berechtigung, durch das geschlossene Tor fahren zu dürfen. Hatte alles seine Ordnung, stand dem Gast nichts im Wege. Im Leben geht es nicht zu wie in Kafkas Geschichte vom Landvermesser, der immer und immer wieder ankommt, hereinkommen möchte, nicht hereingelassen wird. Und immer wieder der Versuch, und immer wieder die unerklärliche Abweisung; wie lustig es sich liest, wenn einem nicht selber geschieht, was dem armen Kerl geschah. So war das vor dem Tor, das auf das Grundstück des Oberbonzen Hermann Göring führte, nicht. Weder so komisch, nicht so trostlos, nicht so traurig. Es war korrekt.

Oberförster Günther Mortzfeldt wies sowohl die Einladung wie seinen Ausweis vor, zudem trug er seine Uniform. Auf der Einladung war vermerkt, dass er einen Begleiter/eine Begleiterin seiner Wahl mitbringen durfte. Der Mann, der kontrollierte, warf einen Blick an Mortzfeldt vorbei auf den Beifahrer. Ob er nun ein Menschenkenner war oder nur jemand, der dem Protokoll folgte, dem nach auch jeder Beifahrer zu visitieren sei -, an Karl Langens, dessen Gesicht starr vor Anspannung war, fand er nichts auszusetzen. Der junge Drogist – was der Kontrolleur nicht wissen konnte – sah nicht so aus, als sässe er auf einem Sprengstoff, den er auf der Begräbnisfeier (oder auf dem Leichenschmaus?) anbringen wollte. Ein kurzer Blick auf die Rückbank, ein Nicken zu dem Mann, der am Tor stand, und es öffnete sich. „Aufgeregt?“, fragte Mortzfeldt; lächelnd schaute er seinen Nebenmann an.

„Ein bisschen“, krächzte Langens.

Sie mussten nicht weit fahren. Zeltdächer waren aufgespannt, die Wände zusammengebunden oder hochgerollt, unter denen eine Gesellschaft von Dutzenden Menschen sass. Der Blick der Gäste ging über eine Wiese auf einen See, ein Ausblick zwischen Eichen, das Ufer gesäumt von Schilfrohr, ausgespart aber eine Stelle (ausrasiert) für einen breiten Steg, an dem zwei Segelboote gebunden waren. Günther Mortzfeldt parkte den Wagen in einer Lücke zwischen den anderen Karossen; mochten die weitgereisten Motor-Gesellen sich auf ihre Weise unterhalten und verlustieren.

Zu dem Zeitpunkt, als der Oberforstmeister und der Drogist aus dem Auto stiegen und auf die Gesellschaft zuliefen, waren etliche prominente Gäste bereits wieder auf dem Heimweg. Sie fuhren in Kolonne durch die Schorfheide, als es plötzlich knallte. Der Maybach, in dem Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS, sass, bremste abrupt; beinahe wäre das Auto hinter ihm, in dem sass Adolf Hitler, Reichskanzler, aufgefahren.

Sofort sprangen aus den Begleitfahrzeugen vor und hinter der Kolonne Uniformierte mit gezogenen Pistolen und vorgehaltenen Maschinen-Pistolen, formierten sich um die beiden Autos, sicherten gegen den Wald. Befehle wurden gebellt, es gab welche, die fielen nieder und robbten auf dem Boden in den Wald hinein; andere suchten mit Ferngläsern das grüne Gewölbe ab. Sie fanden niemanden, der schuldig war an der durch ein festes Objekt verwundeten Windschutzscheibe der Himmlerschen Limousine, ein weisses Gespinst im Glas.

Später hiess es, es könnte ein vom Wege aufspritzender Stein gewesen sein. Herausgeschleudert aus dem teils kieseligen Strassenbett durch ein Auto, das sie überholt hatte. Was unwahrscheinlich war: Wer kann schon eine scharf kontrollierte Karawane von Staatslimousinen und ihren Bewachern überholen? (Es sei der Hinweis gestattet auf ein Ereignis ein knappes halbes Jahrhundert später. Ein betrunkener Ofensetzer geriet, von einer Seitenstrasse kommend und der Kolonne des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, der auf dem Weg zur Jagd war, die Vorfahrt nehmend, in eben den fahrenden Wagenpark, wurde rechtzeitig abgefangen; und als er aus einer Waffe – er war ein Jäger in der Freizeit und besass ein Gewehr - Schüsse auf Volkspolizisten abgab, wurde der Mann erschossen. Aus der Geschichte wissen wir, es ist wesentlich effektiver und erfolgreicher, aus der Distanz zu töten; etwa amerikanische Präsidenten wie J. F. Kennedy. Oder jemandem ganz nah zu kommen und mit Dolchen zur arbeiten; siehe Julius Cäsar.)

Später hiess es auch, und das wurde dringend als Verdacht verfolgt, es sei ein Attentat gewesen. Darauf bestand Heinrich Himmler, der am Arm verletzt worden war, und auch der Führer hatte eine Version: Das Attentat habe eigentlich ihm gegolten. Es wurde nie aufgeklärt (war es Stein? war es Schuss?), aber es musste, Himmlers Wille war es, Schuldige geben. Zwei wurden gefunden, SA-Chargen. Einer von denen wurde erschossen, der andere entkam dem Tod, weil sich ein hoher SS-Offizier für ihn einsetzte. Es war alles in allem eine Episode im mörderischen Kampf zwischen SS und SA; es war alles in allem eine Episode im Intriganten-Rummel der Machtverteilung im Jahre 1934; es war alles in allem eine Episode, die Karl Langens nicht berührte. Uns auch nicht.

7.

Zum Begräbnis waren Mortzfeldt und Langens also zu spät gekommen. Für Karl betrüblich. Es würde von seiner Hand keine Fotos dieses Ereignisses geben. Allerdings durfte er an diesem Tag, als er sich in den Abend färbte, zu Carins Gruft gehen und Fotos anfertigen: von den kultigen Felsbrocken, von den Eichen, von der gesamten Anlage, die in ihrer germanischen Attitüde ihn beeindruckte. So ehrte das Vaterland jene, die es liebte. Als Karl mit der Leica die Aufnahmen machte, musste er sich beruhigen; er schluchzte, weinte ein wenig, fasste sich aber. Es ging nicht an, aus Sentimentalität die Kamera zu verwackeln.

Vorher war es verboten, Fotos zu machen; in die beieinander sitzende Trauergemeinschaft durften sich weder Berufs- noch amateurhafte Erinnerungs-Fotografen mischen.

Wieder war es Günther Mortzfeldt, der seinen jungen Protegé sicher durch die Gesellschaft führte, indem er vor ihm nach allen Seiten grüsste, erkannt und wiedergegrüsst wurde, bis jemand aufstand, ihn herzlich umarmte und zwei Stühle heranorderte, auf denen die beiden Spätgäste Platz nahmen. Sofort waren zwei junge Frauen in engen schwarzen Röcken, die ihre Knie freiliessen, in weissen Blusen, die weich anlagen, bei ihnen, boten Wein (oder Bier?) an und fragten, was sie zu essen wünschten. Braten vom Hirsch. Forellen aus der Nähe. Auch Bratwürste vom Schwein seien selbstverständlich im Angebot. Mortzfeldt, durch und durch ein Mann des Waldes, bat um Hirsch. Langens, als durchblitzte ihn eine Winzig-Sekunde Erinnerung an Emma und an die ausgeschlagene Kanu-Fahrt über das Wasser eines klaren Sees, gespeist von ebenso klaren Bächen, bestellte Forelle. Dann kam der Drogist langsam zu sich.

Er war in einer anderen Welt. Er war in der Welt der Ritter, in einer Runde Auserwählter. Selbstsichere Männer. Ihrer Macht bewusst. Ihres Könnens auch.

Karl sah auch - war es der Blick des Fotografen, der Blick eines Mannes, den Autoritäten imponierten, aber nicht abschreckten oder der Blick eines Verwunderten? -, dass viele von den Tischgenossen vermutlich einen zu hohen Blutdruck hatten und über Speise und Trank schwitzten; und um die Leibesmitte herum hatten sie einen erheblichen Umfang. Breitschultrige, massive Männer. Sie mochten Macht haben, sie mochten Wissende zu sein -, wenn sie nicht auf ihre Gesundheit achteten, würden sie nicht lange Geniesser ihrer Aussergewöhnlichkeit sein. Ein absonderlicher Gedanke, fand Karl, als er ihn hatte und darüber nachdachte. Ungebührlich? Und doch. Eine Gefühle-Mischung. Die Männer zogen ihn an, die Männer stiessen ihn ab.

Er bewunderte sie, ihrer Selbstsicherheit wegen und wegen ihrer unübersehbaren Überzeugtheit von der Richtigkeit ihrer Existenz; er empfand ihre zur Schau gestellte Lust am Essen, Trinken, derben Scherzen als peinlich, und voller Scham sah er, dass der eine und der andere Mann den Frauen, die sie bedienten, auf die Hintern klappsten oder sie nötigten, sich zu ihnen hinunter zu beugen und auf die Sätze, die ihnen in die Ohren geatmet wurden, zu hören. Die Scham wurde doppelte Scham, weil er bemerkte, dass die Frauen den Plumpheiten der Männer nicht abgeneigt schienen; sie wussten, warum und wozu sie bestellt und ausgewählt worden waren?

Er blicke um sich, beobachtete, schwieg; er fand keinen Zugang zu den Gesprächen am Tisch. Irgendwann stand Günther Mortzfeldt auf. Er stützte sich mit der Linken auf Karls Schultern ab und sagte in leicht lallendem Singsang: „Langens, sitzen Sie nicht da wie ein Königsberger Klops! Diss sind alles Menschen hier. Mit denen könnense reden.“ Sicher, nur worüber? Und es war niemand unter den Menschen hier, der sich an ihn wendete. Worüber Karl im Herzen froh war. Und er sah dem Oberförster hinterher, der mit dem Gang eines Matrosen, der nach langen Monaten auf dem Schiff wieder das feste Land eines Kai betrat, im Haus verschwand, um die Toilette zu finden.

Es gab einen zweiten Tisch, ein paar Meter abseits, nah genug, um sich zu nicht zu distanzieren, aber weit genug weg, um eine eigene Clique zu bilden. An dem Tisch sass Hermann Göring, in seiner Hand liess er einen Kognakschwenker kreiseln, umgeben von Getreuen in Uniformen. Schwarze, elfenbeinfarbene, olivgrüne feine Stoffe, orden- und medaillenübersäte Jacken, Schulterstücken von der Breite eines Skis -, das waren, wusste Karl, Männer, die ihr Leben für das Vaterland geben würden. Eingeschworene, mit den Codes der Macht vertraute und zu allem entschlossene Sagengestalten. In ihrer Erscheinung glichen sie bunten, eitel kostümierten Wesen; es war kein Wunder, dass jenen Männern und ihren Vasallen nur wenige Jahre später der deutsche Volksmund – zuvorderst der Berlinische – den despektierlichen Titel „Goldfasan“ erfand. (Wie es auch hiess, dass die Partei der Herrschenden, die NSDAP, in ihrer ausgeschriebenen Fassung bedeutete: „Na, suchst du auch ein Pöstchen?“ Denn bei allem Gerede von Gleichheit und Gerechtigkeit und Volkstum hatte sich sehr schnell nach der Machtergreifung 1933 die Patronage, ein System der Günstlingswirtschaft und Protektion, eingenistet. Wie es stets geschieht, wenn eine Diktatur sich ihrer selbst sicher sein will?)

Die Göring-Nahen sassen unweit des Hauses und der weit geöffneten zweiflügligen Eingangs. Das Licht der frühabendlichen Sonne fiel in das Gebäude und erlaubte den Blick in einen saalartigen Vorraum, als wäre er urplötzlich ausgeleuchtet. Da hingen Gemälde an den Wänden, Geweihe, Hörner, Jagdtrophäen. Dicht an dicht, als könnte der Besitzer der Dinge nicht genug davon haben und auch nicht genug davon haben, sie zu präsentieren und dem Beschauer zu sagen: Ich hab’s dicke, mein Freund, ich bin ein Pfundskerl, und du darfst dich beschenkt fühlen, mit mir den Anblick zu teilen!

Um es noch einmal und ein letztes Mal zu sagen: Karl liebte die Autorität und den Glanz, die Inszenierung, die Bühne. Aber er war nicht blind und taub war für die Schnitzer, die Götter sich leisten. Sie können fett sein. Sie können rülpsen, wann sie wollen. Sie können sich gegenseitig mit Zoten unterhalten und sich spreizen im Erzählen ihrer Erfolge bei der Jagd auf wilde Schweine, kapitales Rotwild und Frauen. Sie können sich im Schritt kratzen und müssen sich nicht schicklich verhalten. Sie können Frauen angrapschen und sich einbilden, die fähigsten Casanovas der Welt zu sein. Aber sie sind, stellte Karl sie sich nackt vor, gewöhnliches Mann-Material. Und so sass er vor seinem bereits dritten Glas Bier, und ihm war schummrig.

„Geht’s Ihnen gut?“ Mortzfeldt liess sich neben Karl auf einen Stuhl plumpsen. Er war zurück von seiner Expedition. Hochrotes Gesicht, die Augen glänzten, in der Hand hielt er ein Glas mit rotem Wein. „Franzose“, sagte er und meinte den Wein.

„Mmmh“, machte Karl. Seine Zunge lag dick und schwer im Mund. So war es ihm schon einmal ergangen, als seine Schwester heiratete, und es gab einen Zeitpunkt auf dem Hochzeits-Fest -, da wollte er jemandem erklären, wie man die modernen Roll-Filme entwickelte, und es hörte sich an, als hing seine Zunge in dem Entwicklerbad. Besser, man schwieg.

„Wir gehen jetzt, oder?“, fragte Mortzfeldt. Er nahm den Wein mit dem Schwung des längst nicht mehr Bedürftigen. „Mir reicht’s.“ Karl nickte. Gehen, ja, das wäre gut. Er würde dem Oberforstmeister folgen. Der würde wissen, wo sie beide ein Quartier hätten. Keinen Zweifel an der perfekten Organisation der Beerdigung, nein, den gab es nicht. Hier war alles – perfekt. Selbst die Leiche, Carin, war perfekt untergebracht. Eine Gruft auf einer Anhöhe, umstanden von Eichen. Im weiteren Kreise Kiefern und der Blick auf einen See. Würde der Schwedin gefallen, ganz sicher. Perfekt. Karl unterdrückte ein Kichern, das nun wahrlich unangemessen gewesen wäre an einem Tag der Pietät und des Gefühls, Walhalla ganz nah zu sein. Und den Göttern der Zeit.

Ausserdem: Er hatte was zu erzählen. Emma würde Augen machen. Schöne, blaue, leuchtende Augen würde sie machen. Karl würde Favorit sein bei ihr. Was er erlebt hatte, das reichte hin. Und kaum hatte er sich in einem der für die Gäste, die über Nacht blieben, aufgestellten Zelte auf einem Feldbett ausgestreckt, war er eingeschlafen. Karl schlief selig, während draussen, draussen im Wald, eine Eule schrie und Carin schwieg. Wie alle anderen auch.

Eckhard Mieder

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