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Untergrund-Blättle

Transit | Untergrund-Blättle

Prosa

Eckhard Mieder Transit

Prosa

In der Sekunde, da es geschah, wusste sie es. Ein heller Schein, etwas Weisses, in dem jedes Ding Kontur und Farbe verlor und versank. Dann dachte sie klar: So ist Tod.

16. Juni 2012

16. 06. 2012

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Aber ihr fiel eine Zeile ein. "To a brain unencompassed with nerves of steel." Sie kicherte. Sie hatte nie Englisch gelernt, ihr deutscher Wortschatz war knapp. Als sie auf die Frage, die sich selbst stellte, von wem diese Zeile sei, die Antwort wusste, brach sie in Lachen aus. Percey Shelley. Ein Name, schön und selten. Sie war davon überzeugt, ihn nie gehört zu haben. Sie kannte keinen Percey Shelley.

Aber es konnte sein, dass sie einem Percey Shelley begegnet war. Ein Engländer oder Amerikaner. Sie arbeitete seit fünfzehn Jahren in dem Hotel. Ihr waren viele Ausländer begegnet. Warum nicht ein Percey Shelley? Ein Mann mit guten Manieren, der zu jeder Tages- und Nachtstunde die passende Kleidung trägt.

Solche hatte sie viele gesehen. Die sich elegant in den Hüften wiegend auf ihre Zimmer begaben oder in die Bar oder in das Restaurant. Manchmal klopfte einer an ihre Tür und bat sie, ein Hemd zu plätten oder zwei Slips auszuwaschen. Am auffälligsten an diesen Wesen war ihr Duft. Sie dufteten, wie sie nirgendwo ausserhalb des Hotels Menschen roch. Deshalb wusste sie nicht, wonach sie rochen. Nur, dass sie nach sich und etwas anderem rochen.

Als die Männer kamen und sie zu bändigen versuchten, sprach sie den Satz noch einmal. "To a brain unancompassed …" Über das vierte Wort kam sie nicht hinaus. Sie blieb stecken wie sie vor langer Zeit im Gedicht über den Erlkönig stecken geblieben war. Sie schlug um sich. Gleichzeitig sah in ihr eine andere Frau den Bemühungen der Männer zu.

Männer. Eitle, selbstsichere Organismen. Sie wurden nicht einmal mit einer verrückten Frau fertig. Wie wollen die fertig werden mit einer Frau, die bei Verstand ist? Die Gewalt, die blieb ihnen. Sie hätte gern gewusst, wann diese Gewalt ihren Anfang genommen hat. Sie muss einen Anfang gehabt haben. Irgendwann und irgendwo und mit irgendwem. Alles hat einen Anfang, wie es auch ein Ende hat. Alles hat verschiedene Seiten. Nur welche?

Wenn die Gewalt einen Anfang hatte, müsste sie auch ein Ende haben. Irgendwann und irgendwo und durch irgendwen. Eines Tages würde sie aufhören. Das wird ein Festtag sein.

Sie wird diesen Tag nicht erleben. Sie sieht das Gesicht des Menelaos über sich. Millionen Männergesichter durchblenden sich. Manche kennt sie von Bildern. Hitler beispielsweise. Bismarck. Ein paar mit Pestbeulen übersäte. Auch junge, seinem leichtfertigem Lächeln an.

Ihre Gedanken waren unpassend. Es waren nicht ihre Gedanken. Es waren nicht ihre Gedanken, wie dieser Satz auf Englisch nicht ihr Satz sein konnte. Die Gewalt der beiden Männer in den weissen Kitteln richtete sich nicht gegen sie als Frau. Sie hätte auch ein Mann sein können. Die Gewalt richtete sich gegen den Wahnsinn, dessentwegen sie gerufen worden waren.

Erschreckt sahen der Direktor des Hotels und zwei Damen der Rezeption dem kurzen Ringkampf zu. Es waren nicht mehr als ein halbes Dutzend Gäste im Foyer. Sie verhielten sich zurückhaltend. Nicht mal neugierig. Als wäre das, was vor ihren Augen geschah, ihnen nicht fremd.

"Oi", sagte einer der Männer, als sie endlich stillhielt. Sie lag auf einer Trage, an Hand- und Fussgelenken gefesselt. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen. Sie wog ungefähr achtzig Kilogramm und hatte zeit ihres Lebens körperlich gearbeitet. Vielleicht würde man, hätte sie es auf einen wirklichen Kampf ankommen lassen, noch lange mit ihr ringen. Aber sie war keine Kämpferin. Sie wehrte sich nie. Sie hatte Angst vor dem Siegen. Wenn ihr jemand Gutes tat, vergalt sie es. Sie war schrecklich leicht herumzukriegen, jemand einen Gefallen zu tun.

Sie kicherte. Oi, hatte der Mann geseufzt. Der Ausruf gefiel ihr. Oi, oi, oi. Sie wird versuchen, ihn sich zu merken. Er hat etwas Vornehmes. Etwas, das zu dem kompakten Mann mit der verschwitzten Halbglatze und den negroiden Lippen nicht passte. Uff, das wäre sein Ton. Aber Oi? Oi ist toll. Sie konnte sich vorstellen, dass dieser Percey Shelley Oi sagen würde. "To a brain", kickste sie im Ton brechenden Knäckebrots.

Der Mann sah sie an- Gleichmütig, wachsam, vorsichtig. Auf seiner Stirn pulste eine Ader, dick wie der Zeigefinger eines Kindes. Dann lächelte er plötzlich, drohte mit seinem Zeigefinger, worauf sie wieder lachen musste.

Hinter der riesigen Scheibe des Hoteleingangs sah sie die Gesichter der Hotelangestellten, als sie hinausgetragen wurde.

"Ich glaub, Sie sind gar nicht verrückt, wie?", sagte er ruhig.
"Sagen Sie noch einmal Oi!", sagte sie.
"Was für ein Oi?"
Sie bestand nicht darauf. Sie streckte sich und sagte dann immerzu: "Oi, oi, oi." Als sie damit aufhörte, sagte sie: "Sie haben so schön Oi gesagt."
"Ich? Oi?"
"Wissen Sie das nicht mehr?"
"Was man alles sagt", sagte er.

Was man alles sagt. Was man alles nicht sagt. Das war so, wie sie es irgendwann in ihrem Leben gedacht hat: Wovon man nicht alles überzeugt ist. Man ist davon überzeugt, seine Kinder ordentlich zu erziehen und von dem eigenen Mann geliebt zu werden. Man ist davon überzeugt, eine gute, notwendige Arbeit zu machen. Was stellt sich heraus? Die Kinder stehlen, der Mann hat seit dem dritten Tag der Ehe ein Verhältnis, die Vorgesetzten sind mit der Arbeit ganz und gar nicht zufrieden. Erst vorhin, oder war es vor einem Jahr? kam der stellvertretende Direktor und rügte sie für ein Brandloch im Hemd eines Gastes, der die Suite im dritten Stock bewohnt. "Die Fürstensuite", sagte er vorwurfsvoll. Ein Herr Percey vielleicht? Sie wagte nicht zu sagen, dass das Brandloch von dem Herren selber stammte. Ein Raucher und Trinker. Da fällt schnell mal die Glut ab.

Die Frau schloss die Augen. Sie atmete ruhig. Der Mann neben ihr zündete eine Zigarette an. Das darf er nicht. Es gibt Vorschriften für den Transport von Kranken. Rauchen darf er nicht. Er bewohnt schliesslich nicht die Fürstensuite und heisst nicht Shelley.

Er fährt schon viele Jahre mit ihnen. Er ist davon überzeugt, dass es keine Kranken sind. Er kann sich oft wunderbar mit ihnen unterhalten. Keine Beinbrüche, keine Infarkte, keine Brandmale. In der Kneipe oder in der Kantine, denkt er, wird viel karierter gequatscht.

Er tat noch etwas, was er nicht tun darf. Er nahm aus der Handtasche der Frau den Personalausweis heraus und las ihren Namen. Helene Schneider. Er betrachtete das Passbild und verglich es mit dem Gesicht der Frau auf der Trage. Die gleichen künstlichen Löckchen um ein breites Gesicht. Die starken Wangenknochen, die er slawisch findet. Er hat das irgendwoher. Sie ist zu wenig an der frischen Luft, dachte er. Und er dachte: Oi soll ich gesagt haben?

"Was werden Sie mit mir machen?", fragt Helene Schneider mit klarer Stimme. Er zuckte zusammen und wollte den Ausweis verschwinden lassen.
"Das stört mich nicht, Sie können ihn behalten."
"Sie sind doch Helene Schneider?", fragte er verlegen.
Sie nickte. "Aber ich bin nicht der Ausweis", sagte sie. "Sie können ihn behalten."
"Den Ausweis?"
"Das bin ja nicht ich."
"Aber das Bild sind Sie."
"Doch", sagt sie. "Aber ich bin nicht der Ausweis. Sie nehmen nicht mich weg, wenn Sie ihn wegnehmen. Verstehen Sie mich bitte."
Der Mann nickte. Das war richtig. Trotzdem schob er den Ausweis in die Tasche zurück. Was sollte er mit dem Ausweis einer Frau, die auf den Tod lag?
"Was werden Sie mit mir machen?", fragte sie.
"Ich weiss es nicht", sage der Mann. Er sagte die Wahrheit. Er brachte sie in die Klinik, lieferte sie ab, würde helfen, sie auf ein Zimmer zu bringen. Das ist alles. Mehr will er nicht wissen. Oft muss er gleich wieder los. "Kennen Sie einen Mann, der Percey Shelley heisst?", fragte sie.
"Ein Amerikaner? Aus welchem Film?", fragte er.
"Vielleicht eine Frau", sagte sie.
"Nie gehört."
"Oi!"

Er ähnelte, fand sie, ihrem Ramon. Du bist verrückt, sagt sie. Kannst du so verrückt sein, in jedem Mann jeden Mann zu sehen? Dann wäre es egal, welchen Mann du hast. Jeder Mann ist jeder Mann. Schnurzpiepe, wie einer heisst. Oder ob er Deutscher ist, Kubaner, Engländer. Sie kicherte wieder. Kann sie so verrückt sein? Es ist nicht unangenehm.

Aber Ramon war ein kleingewachsener, lustiger Kubaner. Der Krankenmann hatte vielleicht einen Garten in Bernau. Ramon hatte schmale, schutzschluchzende Schultern. Er war ein Filou, der ihr Komplimente machte, die falsch und tröstlich waren. Der Mann im Krankenwagen hatte massige Schultern und einen kräftigen Bauch. Er trinkt jeden Abend sechs Flaschen Bier und lässt sich von seinen drei Kindern beim Fernsehen die Schulhefte zeigen. Ramon war aus Luft, der Mann war aus Erde. Und wenn Ramon es auch nicht wollte, sie wird sein Kind zur Welt bringen. Das dachte sie jetzt: Ich bringe das Kind zur Welt. Dann habe ich auch drei Kinder. Wie der starke Mann.

"Ähnle ich Ihrer Frau?", fragt sie.
Nach einer Pause sagt er: "Nein."
"Ich wusste es", sagte sie. "Sie haben gar keine Frau."
"Sie ist gestorben", sagte er.
"Das ist nicht schlimm."

Der Mann zuckte mit den Schultern. Er wusste es nicht mehr. Er hatte vergessen, ob es schlimm ist. Zwei Jahrzehnte lebte er mit ihr zusammen, länger sogar. Einen Monat vor der Silbernen Hochzeit starb sie plötzlich. Sie gingen gemeinsam zu Bett. Sie wollte noch ein paar Minuten lesen. Sie las gern Gedichte. Er hatte sich daran gewöhnt. Er drehte sich zur Seite und schlief sofort ein. Am Morgen erwachte er vor dem Klingeln des Weckers. Das war ungewöhnlich. Auf seiner Brust lag der Arm seiner Frau. Er war schwer und eiskalt. Sie war in der Nacht neben ihm gestorben.

Neben der Traurigkeit fühlte er Hass. Ohne ein Wort zu sagen, ohne ein Signal zu geben, war sie gegangen. Das war nicht anständig von ihr. Das war eine Flucht. Und er würde nie erfahren, wovor sie geflüchtet ist.

"Als sie noch lebte", fragte die Frau, "glichen wir uns da?"
"Vielleicht", sagt er. "Nur: Die Augen meiner Frau waren blau. Ihre sind braun."
"Mit grünen Sprenkelchen", sagte sie fröhlich. "Sehen Sie die?"
Durch die obere Hälfte des schnell fahrenden Wagens konnte sie den Himmel sehen. Er war nicht mehr verstellt von Häusern, die auf sie zu fallen schienen.

Der Krankenwagen hatte den Rand der Stadt erreicht. Der Verkehr lichtete sich. Sie stellte sich vor, in einer Gegend zu sein, die sie mit ihren Kindern an manchen Sonntagen durchwanderte. Einbahnstrassen und Sackgassen. Einfamilienhäuser und Gärten. Die Autos stehen brav und gewaschen in den Einfahrten vor geöffneten Garagentoren. Die Menschen, die da leben, heissen Anlieger. Die Menschen im Hotel heissen Gäste. Sie sind ziemlich ähnlich. Alle Menschen sind sich ziemlich ähnlich. "Cuadrados", hatte Ramon manchmal gelacht. "Ihr Deutsche seid cuadrados, und es ist schwer, sich einzupassen."

Die Menschen kamen von irgendwoher, legten an, trugen sich in das Gästebuch ein, legten wieder ab und verschwanden irgendwohin. Jeder auf seinem Boot. Sie war sich sicher, dass auch der Mann mit dem Namen Percey Shelley in einem Boot kam. Wenn es ihn gegeben hatte.

Das Boot musste untergegangen sein. Ein Krankenwagen war auch ein Boot. Und Ramon, der von einer Insel kam, kam auf einem Boot. Und es konnte sein, dass er wirklich verschwunden war. Seit vorgestern.

"Es ist nicht mehr weit", sagt der Mann.
Er musste sie nicht besänftigen. Sie war ganz ruhig. Worüber sollte sie sich aufregen? Alles geschieht aus heiterem Himmel, dachte sie. Sie kannte die Gegend. Es war einer heiterer Himmel, unter dem sie gefahren wurde.
Auf ihren Orientierungssinn konnte sie sich verlassen. Am Himmel erkannte sie jeden Ort, an dem sie mal war. Es ist ein Tick der Männer, dass Frauen einen schlechten Orientierungssinn haben. Sie fahren schlechter Auto und kaufen immer zu teuer ein. Die Männer seufzen und singen: Warum kann eine Frau nicht sein wie ein Mann. Männer sind ehrlich, gediegen und echt.

Sie kichert. Der Mann sieht sie aufmerksam an.

"Das ist aus 'Mein Pferd Lady'", sagte sie erklärend. So witzelten die Kolleginnen, nachdem sie das Musical gesehen hatten und sich anschliessend in einem Weinrestaurant betranken. Eine Frau nach dem Bilde des Mannes. Göttlicher Blödsinn. Sie hätte nichts dagegen. Aber Männer sind nicht göttlich. Sie haben Schwänze. Das beweist ihre Abstammung von Affen, Hunden und Ratten. Die unterscheiden sich nach Grösse, Form und Farbe. Das weiss sie. Sie tragen ihr Geschlecht wie die männlichen Tiere aussen. Es ist nicht genügend Zeit vergangen, sie zurückzubilden. Frauen sind viel ältere Menschen als Männer. Ihr Geschlecht ist verborgen. Das hat einen tiefen Sinn. Es gibt eine Menge Dinge, die eine Frau anstellen kann, um aufzufallen. Kleidung, Schminke, Gang. Aber das tun wir nicht, um diesen Tölpeln zu gefallen. Das tat ich nicht, um Ramon zu gefallen. Das tat ich, um mir selber zu gefallen. "Du bist nur ein Affe, Ramon", sagte sie deutlich und laut. Im gleichen Moment wurde das Signalhorn eingeschaltet.

"Es ist nicht mehr weit", sagte der Mann und legte seine rechte Hand auf ihren Oberarm. Sie will wegzucken, kann sich aber nicht bewegen.
"Glauben Sie, dass ich noch einen Anfall krieg?", fragte sie.
"Jetzt?"
"Oder später?"
"Ich denke ... "

Sie schüttelte ein wenig den Kopf. Denken ist doof. Wohin war seine Stirnader verschwunden? Hatte er sie plötzlich im Kopf? Warum zeigte er sie nicht immer? Sie hatte ihr gefallen. Da war etwas, das sie anfassen wollte.

"Es ist nicht mehr weit, nicht wahr?", fragte sie.
"Das macht er immer, dieser Vollidiot", sagt er. Er meinte den Fahrer, der das Signalhorn eingeschaltet hatte.

Der Krankenwagen beschleunigte, unter seinen Rädern knirschte Kies. Die Allee durch den Park war breit und überschaubar.

Eckhard Mieder

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