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Die im Regenbogen wohnten (Teil 5) | Untergrund-Blättle

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Roman von Eckhard Mieder Die im Regenbogen wohnten (Teil 5)

Prosa

War ja klar, dass dieser Komiker und Hanswurst dahinter steckte.

Ernst-Thälmann-Schule in Leuna, Sachsen, Dezember 1980.
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Ernst-Thälmann-Schule in Leuna, Sachsen, Dezember 1980. Foto: Dietmar Rabich-Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0 cropped)

13. Oktober 2022
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Korrektur

Mittwoch, 6. Dezember

War ja klar, dass dieser Komiker und Hanswurst dahinter steckte. Wer sonst, außer Peter Sandberg, konnte auf die Idee kommen, einen kleinen, ausgedienten Campinganhänger zu beschaffen, ihn mit himmelblauer Farbe und einer knallgelben Sonne (auf dem Dach) zu bemalen und unter das kleine Fenster der Seitenwand den Slogan „Kommt der Esser nicht zum Berg, kommt der Sandberg zum Esser“ zu schreiben. Peter hakte die zweirädrige Kiste von der Hänger-Kupplung eines Wartburgs ab, schlug dem Fahrer (irgendeinem Kumpel von ihm) durch die heruntergekurbelte Scheibe dankend auf die Schulter und schob den mobilen Imbiss auf den Schulhof. Platzierte ihn neben das Tor im Hof-Zaun in gehörigem Abstand zum Schulgebäude, diskret gewissermaßen, nicht wie ein allzu auffälliger Eindringling, der allerdings allein durch seine Existenz auffällig genug war. Er hätte ihn auch mitten in die Turnhalle oder in das Büro des Schuldirektors wuchten können. Peter Sandberg stellte sich vor seinen Laden, lehnte sich an, kreuzte die Arme über der Brust und grinste. Auf den Kopf hatte er sich eine Kochmütze gesetzt; sie sah aus wie ein Pilz mit zu dickem Stengel und zu kleinem Schirm. Hier stehe ich, Peter Sandberg, ich kann nicht anders. Große Pausen ohne Sandberg sind in Zukunft wie Spiegelei ohne Salz.

Gernot stand im zweiten Stock im Physikraum am Fenster und schüttelte verärgert den Kopf. Neben ihm gluckste Sylvia. „Der hat sie nicht alle“, sagte sie bewundernd. „Der hat echt ein Rad ab.“
„Was macht der da? Spinnt der?“, fragte Mark, der ein Fenster weiter neben Vera stand, und beantwortete die Frage gleich selber (und mit derselben Bewunderung wie Sylvia in der Stimme): „Warum nicht. In Zeiten der Anarchie gehen Phantasie und Geschäftemacherei eine fruchtbare Ehe ein.“
„Ist der Spruch von dir?“, fragte Sylvia.
„Sehe ich aus wie einer, der von Zitaten lebt? Pah! Als könnte ich nicht selber denken und schlau sein!“
„He, Mark, dreh nicht durch“, stieß Vera ihm ihren linken Ellenbogen in die Seite. „Ich geh jetzt da runter und schau mal, was unser Clown anbietet“, sagte Sylvia. „Ich hab Knast.“
„Wenn du das machst“, sagte Gernot drohend, „sind wir geschiedene Leute.“
„Geschiedene Leute? Wusste nicht, dass wir verheiratet sind“, sagte Sylvia. Sie schaute zu Vera, schüttelte den Kopf und zog die Stirn in Falten. Wenn Sandberg ein Rad ab haben sollte, dann hatte Klinkermann eine Schraube locker, oder? Der war sowieso schon seit einiger Zeit irgendwie Plemplem, oder nicht? Spätestens jedenfalls, seitdem Mark Viehweger seinen Posten als Vorsitzender des „Revolutionären Schülerrates“ aufgegeben hatte und Gernot Klinkermann als Nachfolger gewählt worden war, fühlte er sich (zumal er das Wohlwollen des Direktors Lautengässer) besaß, dazu berufen, den King zu spielen. (Oder, wie es Mark nach einigen Tagen gesagt hatte: „Ich glaube, es steckt in jedem Menschen ein Stalin. Er muss nur die Chance haben, ihn rauszulassen. Irgendwann, irgendwie muss ja auch der Stalin angefangen haben Stalin zu werden, oder?“ Eine Bemerkung, die bei den anderen, Vera, Maria, Sylvia und Peter, als sie sich nach langer Zeit mal wieder zu einem Gothic-Treffen auf dem Waldfriedhof zusammengefunden hatten – ohne Gernot, natürlich – zu Widerspruch und Mach-mal-langsam-Marc-Sprüchen führten. –

Mittlerweile hatten sie das Gefühl, dass Gernot abhob, und dass sie es nicht wagten, ihm in die Parade zu fahren, noch nicht, noch nicht – sprach das nicht ein wenig für Marks These? – Mark hatte seine gewählte Funktion abgetreten, weil er sich nicht in der Lage fühlte, Verantwortung für 500 Schülerinnen und Schüler zu tragen, und weil er nicht wusste, wie er es ausdrückte, die Balance zu halten zwischen Ansprüchen, Pflichten und Rechten der Schülerschaft auf der einen und den Rechten, Pflichten und Ansprüchen der Lehrerschaft auf der anderen Seite. Er sei kein Politiker.)

„Sind wir auch nicht, gottseidank“, sagte Gernot; womit wir wieder in der Handlung wären. Und er führte aus: „Es geht nicht, dass jeder seinen Mist macht. Jeder Piepel gründet einen Runden Tisch. Jeder Arsch gründet eine Zeitung oder eine Partei. Jeder trompetet: Freiheit, Freiheit, ist das einzige, was zählt. Und niemand fragt sich wozu? Von was? Prima Chaos! Heute Peter, morgen kommt jemand auf die Idee, in der Aula – Pornofilme zu zeigen. Und übermorgen …“
„O lala“, sagte Sylvia. „Drehen wir einen? Übermorgen? Hab noch Platz in meinem Terminkalender.“ Gernot winkte ab. Er nahm seinen Rucksack – er trug als erster an der Schule einen „ergonomischen Schulrucksack“ der Firma Sternjakob (hatte er ihn von seinem Begrüßungsgeld gekauft?), und zwar cool an einem Riemen über der Schulter – und verließ das Klassenzimmer.

„Der geht zum Direx“, sagte Sylvia.
„Petze, Petze ging inn Laden, wollt fürn Sechser Käse haben“, sagte Mark.
‚Petze, Petze, ging in‘n Laden … Ärgert sich die ganze Nacht … hat ins Bett gemacht …‘ Plötzlich war der Alte da. Vera musste sich am Fensterbrett festhalten. Ihre Knie wurden weich. Der Alte auf dem Dach des Krankenhauses … ‚Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt, Sie müssen warten … ich? Wieso ich? Ich will nicht nach oben? Ich will nicht mal zum Bahnhof Zoo … Feldgruber hatte er sich genannt und war ein Kempau gewesen. Oder ein ganz anderer. War gestorben … soll ein Schuster gewesen sein, obwohl Vera gedacht hatte, er sei ein Komödiant. Hatte ihr Sonja, die Krankenschwester erzählt, und bei ihr hatte sie sich noch nicht gemeldet … Oder er hieß Halbhuber und war ein Faschist oder was ganz anderes, denn Faschisten gab es nicht mehr, da musste sich der Alte aber gut versteckt haben… und mit Gernot musste sie auch sprechen …

„Geht’s dir nicht gut?“, fragte Maria Breitling. Das Mädchen hatte, während die anderen am Fenster standen und Sandburgs Auftritt kommentierten, auf ihrem Stuhl gesessen und in einem Buch (Simone de Beauvoirs „Bonjour Tristesse“) gelesen. Sie war nicht interessiert an Aufgeregtheiten, Neuigkeiten, Auftritten. Sie lief noch mit, sie machte noch mit, sie verhielt sich brav. Aber sie war von der Bühne der aktuellen Handlungen und aus dem Licht, das darauf lag, in die Gasse getreten; wo nur noch das kleine Leselicht des Inspizienten brennt und wo die mechanischen Geheimnisse des Theaters (staubig, schäbig, verschlissen, aber funktionierend) beginnen. Warum? Warum ist die Banane krumm? Warum hatte sie in den letzten Wochen niemand gefragt? Weil sie – unsichtbar geworden war? „Ach, Maria“, sagte Vera. „Wo sind die anderen hin?“
„Runter. Kekse kaufen. Oder Kaugummi, was weiß ich“, sagte Maria.
„Kommst du nicht mit?“
„Runter? Weiter runter?“ Maria schüttelte den Kopf mit den roten Schlangen-Haaren.

*

Gadji fehlte an diesem Tag. Er lag mit 37,8 Grad Fieber im Bett, eine Erkältung, wie er sie in jedem Winter bekam. Nicht schlimm, zwei heftige Tage, dann würde alles gut sein. Seine Mutter hatte Hühnerbrühe gekocht und sie ihm in einer Schale auf den Stuhl neben das Bett gestellt. Sie setzte sich zu ihm, nahm seine Hand und fragte, wie es ihm gehe. Pisdetz! sagte er und eher enttäuscht (von sich selber?): Gavno! Die Mutter hob seine Hand an ihre Lippen und küsste sie. Sie lächelte und fragte, ob er verliebt sei. Gadji entriss ihr seine Hand, versuchte wütend zu gucken und fragte schroff, wie sie denn darauf komme. Ja tvoja ma‘! sagte sie. Sie war seine Mutter, und er war verliebt; sie hatte mit beidem Recht.

*

Falls Peter gerechnet hatte, hatte er richtig gerechnet. Es herrschte Gedränge an dem Fenster, das über die Breite des Campinganhängers hinten nach oben geklappt war, und durch das er Schokoladenriegel, Kekse in Rollen, Haribo-Tüten verkaufte. Der Clou waren Bouletten und Kartoffelsalat. „Selbstgemacht!“ Pries er sie an. Um, ein Auge zu, Schelm er, zu berichtigen: „Meine Mutter! Meisterköchin! Alliterativ, Kolleginnen und Kollegen! Es lebe das Alliterative und – die Boulette“.

Nicht nur die Schulkameraden von Klasse Neun bis Zwölf scharten sich um den mobilen Laden – Werner Kotte ging einmal um ihn herum und stellte sich brav in die Reihe der Kunden. Wenn eines inzwischen an der Schule als gesichert galt, dann war es eine gewisse Gleichberechtigung zwischen Schülern und Lehrern; wie es auch eine gewisse Verunsicherung unter den Lehrerinnen und Lehrern gab, ob sie nun noch Noten oder nur Punkte vergeben sollten; ob Strafen noch zulässig waren oder in den aufkeimendem Selbstwertgefühl von Jugendlichen irreversible Schäden anrichten konnten u. ä.

Als Kotte dran war, sagte er: „Alliterationen sind ein bewährtes stilistisches Mittel, besonders in journalistischen Texten, aber auch in Gedichten von Rielke finden Sie die häufig. Bravo, Sandburg. Ich nehme eine Boulette ohne, bitte. Das heißt: Mit etwas Senf schon. Aber mit dem Apostroph, Sandburg“, sagte er nach kürzester Pause, in der Peter sich an die Bearbeitung des Lehrer-Wunsches machte, „stehen sie leider auf Kriegsfuß.“
„Häh?“
„Vorne an ihrem hübschen Wägelchen steht ‚Sandburg’s Freßmobil‘. Da passt das Häkchen nicht hin. Der Apostroph gehört nicht zu Namen, die einen besonderen Genitiv bilden.“
„Steht doch überall in der Stadt.“ Peter lächelte schief und pampig. „Tina’s Boutique. Madeleine’s Hairstyle. Benno’s Zeitungsshop.“ Er hielt die Boulette und das bunte Aufreiß-Heftchen mit Senf auf dem Papptellerchen in der Hand, die auf dem Weg zum Kunden in der Eisluft der Verblüffung erstarrt war.

„Das mag sein. Seit wann aber ist Masse oder Menge ein Beweis für die Richtigkeit einer Sache? Sie kennen doch auch den Spruch: Millionen Fliegen können sich nicht irren, Leute esst mehr Scheiße?“ Kotte hatte ein interessiertes, aufmerksames Publikum; es wurde ringsum gekichert. Und also hob er an, und es lag in seiner Absicht (zweifelsohne und pädagogisch) zu einer Volksmenge auf der Agora zu reden; einmal Lehrer immer Lehrer, ließ sich behaupten: „Sie mögen, neben ihrem komödiantischen Talent in dieser Zeit auch ein kaufmännisches Talent entdeckt haben. Ich gratuliere. Mit geht es gänzlich ab, beides, wie sie wissen. Ich muss Ihnen aber sagen, es ist meine Pflicht als Deutschlehrer und Zeitgenosse, dass Revolutionen und Regierungen kommen und gehen – der Apostroph indessen bleibt. Beziehungsweise gehört sich nicht. Es ist ein kleines aber feines Häkchen, das aus Gründen des Benehmens weiß, wo es hingehört, wo nicht.“
„Ich mag kein Hölderlin sein“, fasste sich Peter und entgegnete selbstbewusst: „Aber mal angenommen, Hölderlin oder der Herr Rielke hätten jemals in ihrem Leben diese Boulette gegessen – Mann, die hätten Gedichte und Frauen links liegen gelassen.“
„Mag sein“, sagte der Deutschlehrer, der sein Vergnügen an Wort-Kabbeleien hatte. „Ich aß neulich für drei deutsche Mark und fünfzig deutsche Pfennige einen Döner Kebap. Zwischen zwei Hälften Teig gepresstes Fleisch und Gemüse. Mit, wie heißt das, Dressing drauf. Es schmeckte mir sogar, weil sogar ein Lehrer in der Not Fliegen isst. Trotzdem muss ich darauf beharren“, Kotte, in der Rolle und in der Sprach-Gestaltung eines altmodischen Paukers, der sich mit Sätzen spreizen konnte wie ein Pfau sein Schwanzgefieder, wenn er drohen oder locken will (freilich, so ein Pauker war Kotte nicht, und jeder in der Schar der Jugendlichen, die um das Disput-Pärchen herumstanden, wusste, dass heute nicht das Jahr 1521 war und das hier nicht der Reichstag zu Worms, auf dem Martin Luther stand und vor weltlichen und kirchlichen Würdenträgern behauptete, er könne nicht anders und er werde nicht widerrufen) –, „dass einer meiner Schüler die Schule verlässt im sicheren Wissen um den Gebrauch des Apostrophs. Mit oder ohne demselben?“
„Ohne“, sagte Peter und senkte den Pappdeckel in die geöffnete Hand Werner Kottes, der, alles in alles gerechnet, sein Lieblingslehrer war.

„Richtig“, sagte der. „Kostet?“
„Nichts“, sagte Peter. „Heute ist Nikolaustag. Soweit ich weiß, ist der nach einem Nikolaus von Myra benannt. Der hat etliche Wunder bewirkt, heißt es. Ich bin ja Atheist, aber. Sag ich mal: Dies ist das Wunder des Peter Sandberg von Köpenick. Er schenkte einem Lehrer eine Boulette mit Senf.“
„Das haben Sie nicht bei mir gelernt, das mit dem Nikolaus von Myra. Immerhin, Sandburg, immerhin. Köpfchen haben Sie.“ Nahm das Fleischbällchen, das Mama Sandburg geformt hatte, und ging. Das kulinarische Können einer Mutter zu schätzen, auch wenn deren Sohn Probleme mit dem Apostroph hat, gehört zum Anstand, fand Kotte. Die Masse vor ihm, begierig an Sandburgs Waren zu kommen, teilte sich wie seinerseits das Meer vor Moses (o, nee; auch diese Metapher noch …)

*

Niemand von denjenigen, die auf dem Schulhof anstanden, eher der Freude an dem kauzigen Einfall Sandburgs wegen als eines Hungers auf Mars-Riegel oder auf Bouletten (einige waren allerdings vor dem Lungenhaschee, das in dem im Keller gelegenen Speisesaal als Mittagessen angeboten wurde, ins Offene des Hofes geflüchtet) – niemand von ihnen hatte gehört, was am heutigen Tag im Land geschah. Es wäre auch nicht von Belang gewesen für ihr Leben, das im Moment stattfand. Es griff nicht unmittelbar ein, es ging sie nichts an, auch wenn die Ereignisse in ihrer Summe ihr Leben in Bahnen lenken würde, deren Richtung sie nicht kannten; kannte sie derzeit überhaupt jemand? Gibt es jemanden, einen Propheten, einen Geist, einen Übermenschen, der über dem, was geschieht, Bescheid und es unverzüglich in die Geschichte (etwa 2.000 Jahre zurück und etwa 10 Jahre voraus) einzuordnen und zu beurteilen weiß? Klugscheißer, Besserwisser, Wir-haben-es-ja-gesagt-Bärte – die gab und gibt es en masse. Von denen befand sich niemand an diesem sonnigen Mittag auf dem Schulhof der „Alexander-von-Humboldt“-Oberschule; Sandbergs Freßmobil war der Mittelpunkt der Welt.

Dabei fanden die kleinen und großen Entscheidungen, Intrigen, Grausamkeiten, Abrechnungen, Gründungen, Abschiede selbstverständlich statt. Wie jeden Tag, in jeder Stunde, im Dorf zwölf Kilometer weiter entfernt, im Nebenhaus, auf einer Insel im Pazifik, auf einer Landstraße in der Provence oder in der Uckermark. In der eigenen Familie, in der eigenen Stadt, im eigenen Land, auf dem Planeten.

Der Innenminister Lothar Arendt verfügte die Entwaffnung der Kampfgruppen der Arbeiterklasse; westdeutsche Firmen erhielten ab sofort die Möglichkeit in den DDR-Printmedien Werbeanzeigen zu schalten; die DDR-Regierung erlaubte die Ausweitung der Fanggründe für Fischer aus der BRD in der Lübecker Bucht bis zum 11. Grad östlicher Länge.

Auf Einladung von „Demokratie Jetzt, Initiative Frieden und Menschenrechte“ und „Neues Forum“ besuchte der Dalai Lama Berlin.

Die Arbeitsgruppe "Internationale Kooperation und joint ventures" wurde in der Berliner Humboldt Universität gegründet; Kinderheime mussten Kinder aufnehmen, deren Eltern in den Westen rübergemacht haben, ohne ihre Kinder mitzunehmen; nach Angaben des Statistischen Amtes der DDR betrugen die Auswanderungsverluste der DDR gegenüber der BRD" im November 70 692 Personen; Egon Krenz trat als Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates der DDR zurück.

Und in Montréal, im fernen, fernen Kanada, lief ein 25jähriger Mann an der Polytechnischen Hochschule Amok. Er tötete 14 Frauen und verletzte 14 weitere Personen, bevor er sich selber das Leben nahm. Der Amoklauf dauerte 20 Minuten, und in seinem Abschiedsbrief schrieb er, Feministinnen hätten sein Leben ruiniert, und das Massaker habe politische Motive.

Freitag, 10. Dezember

Der Unterrichtstag war vorbei. Vera ließ sich Zeit dabei, Bücher, Schreibblock, Schreibzeug zu verpacken. Die letzte Stunde war Staatsbürgerkunde gewesen, und Dr. Erwin Lautengässer hatte ihnen einen Vortrag über die Demokratie gehalten, in der das Individuum eine große, ja mächtige Rolle spielte und die Freiheit nicht nur eine Gegebenheit sei, sondern eine Herausforderung, die vor jedem einzelnen stets und überall stünde. Insofern sei es für jeden von uns („für jeden von uns“, hatte er raunend betont) von allerhöchster Wichtigkeit, über die Rolle des Menschen in den letzten vierzig Jahren nachzudenken (wieso vierzig? Hatte die siebzehnjährige Vera gedacht, wie vermutlich auch die anderen in der Klasse), um die Rolle für sein weiteres, künftiges, ja zukünftiges Leben zu finden. Es könnten durchaus anregende Ideen („durchaus anregende Elemente“, hatte er raunend betont) aus den Kreisen der aktuellen oppositionellen Gruppierungen kommen. …

Vera hatten die Ohren geklingelt. Alles, was Lautengässer sagte, klang nicht so anders als sonst, als vorher. Vorher: bevor die Mauer gefallen war, das Land im Ganzen zerfiel und unübersichtlich geworden war und in eine Zukunft driftete, von der noch niemand die Landkarte gezeichnet hatte. Aber das Schiff machte Wellen, die an den steinernen Küsten nagten. Doch passte das alles immer, irgendwie. Diese Wörter, diese Sätze, als könnte das Gleiche gesagt werden in völlig unterschiedlichen Zusammenhängen. Ob das Ding Sozialismus hieß oder schwankender Boden oder womöglich Kapitalismus, irgendwas. Oder wir befanden uns alle an Bord eines Schiffs, auf dem der Steuermann ein gekapptes Steuerrad in den Händen hielt, die Matrosen unter Deck Orgien feierten und der Kapitän sich eingeschlossen hatte, obwohl er behauptete, die Tür stünde offen. Und hin- und herflitzten die intelligenten, wachen, suchenden, letztlich orientierungslosen Ratten; denn unterhalb des Kiels wogte der Ozean, in dem das Schiff schwamm und schwamm unter der Sonne und in den Winden der Versprechungen, irgendwelchen.

Doch war etwas anders, schon seit Tagen. Als trüge Lautengässer einen neuen Anzug, der zwar maßgeschneidert war. In den Achseln zwickte er noch, die Hosenbeine mussten verlängert werden, alles in allem würde er entweder hineinwachsen oder der Anzug würde sich anpassen. All die Sätze, all die Gesten (er liebte es, die Arme allumfassend auszubreiten, als bräuchte es nur ein paar Schläge seiner Flügel und er würde unter den Neon-Lampen über den Köpfen der Klasse kreisen können) --- und all die Blicke (er bevorzugte einen bedeutenden, von einem Nicken des Kopfes begleitenden auf eine einzige Person im Kollektiv der Klasse) ---Irgendwie war Lautengässer ein anderer. Oder er tat so, als wäre er ein anderer. War es nicht seltsam, dachte Vera plötzlich, dass der Lehrer anschmiegsamer, während Gernot – schroffer, härter wurde oder schien? Das stimmte nicht, irgendwie stimmte das alles nicht.

Peter Sandburg war als erster verschwunden. Kaum war die Schulklingel, rrrrrng!, verklungen, verschwand er. Wer noch in der Schule war und aus dem Fenster schaute, konnte sehen, wie er seinen fahrbaren Imbiss an die Anhängerkupplung des Wartburgs hakte. Der Fahrer des Wagens, ein junger, dicklicher Mann, stand daneben, rauchte eine Zigarette und hielt das Gesicht in die nachmittägliche Sonne.

„He, Vera, hast du für heute Abend was vor?“, fragte Sylvia. Den Ranzen auf dem Rücken, mit einer Hand am gestreckten Arm stützte sie sich auf den Tisch, die Hüfte eingeknickt. Vera schüttelte den Kopf. Hatte sie nicht. Sie wollte auch nichts vorhaben. „Komm mit uns mit. Mit mir und Iwan. Wir gehen ‚ nach drüben‘, hehe, in den wilden Westen. Irgendwas Lustiges wird passieren. Die sind ganz verrückt nach Ostkids. Und östlicher als Iwan – geht nicht.“
„Nichts für mich. Heute nicht.“
„Vera, Liebste, du versauerst mir. Während dein Schäks längst mit dieser Tussi Isabella, Isabella! aus der Elften schnäbelt“ Sylvia spitzte ihren Mund und zutschte, als saugte sie eine süße Kirsche aus.

„Geht mir sowas von“, sagte Vera. „Ich mag einfach nicht.“
„Und weil das so ist, musst du … Eijeijei, ‚ich bin die fesche Lola, der Liebling der Saison‘“, trällerte Sylvia, „schon gut, Süße“, winkte beim Weggehen und schwang ihre Hüften übertrieben (nach links nach Amsterdam, nach rechts nach Warschau, hallöchen!) und stakste, als trüge sie Pumps statt Turnschuhen, davon. Wie war das? Keep on rockin’in the free world? Keep on rockin’in the free time mindestens und auf alle Fälle.

Ganz allein war Vera auch jetzt im Klassen-Raum nicht.

Maria tauchte auf, ja, sie tauchte auf wie eine Apnoe-Taucherin, die über sechs Schulstunden (inklusive Pausen) die Luft anhalten konnte und in dem Wasser, in dem sie schwamm, nicht zu sehen und schon gar nicht zu hören war. Maria hielt Vera eine CD hin und sagte: „Möchte ich dir schenken.“ Vera schaute sie verblüfft an. Hatte sie etwas verpasst, etwa den eigenen Geburtstag? „Danke“, sagte sie, „aber …“
„Laibach“, sagte Maria. „Hab ich vor ein paar Wochen entdeckt. Ich glaube, könnte dir gefallen.“ Sie drückte der Schulkameradin die CD in die Hand.

Habe ich Trost nötig? fragte Vera sich. Sie betrachtete das Cover und fand es verwirrend, verwaschen, verschwommen. Jemand schlief mit offenen Augen? Der Kopf umrahmt mit Stacheldraht, und teilweise ein Kreuz, schwarz, die Balken eingerahmt und am Ende rot abgesetzt. Was für ein Kreuz war das, was bedeutete es, warum lag der Schläfer – war es ein Mann? Ja, es war ein Mann – in einer Landschaft mit blauem Gewässer, das umgeben war von Bergen? MacBeth, las Vera. Der Mann, der getötet hatte und immer weiter tötete, und der jedes Maß verlor (so erinnerte sich Vera an den Schulstoff) und von seiner eigenen Frau angestachelt wurde, bis er untergehen musste. War da nicht ein Wald, der sich auf ihn zu bewegte, eine getarnte

Armee? Und der Mann selber – konnte nicht schlafen, träumte, wie der Mann auf dem Cover? Ziemlich düstere Geschichte.

„Danke“, sagte Vera. „Aber – warum? Warum schenkst du mir die CD?“
„Hör sie dir an“, sagte Maria. „Entweder bringt sie dir was“, sie lächelte, „oder du wünschst mich zum Teufel.“
„Dazwischen gibt’s nichts?“, sagte Vera; ihr wurde warm, am liebsten hätte sie Maria umarmt. „Keine Ahnung. Die einen würden so sagen, die anderen so. Ich glaube, du wirst so sagen.“
„Wie so?“
„Keine Ahnung.“ Maria wendete sich ab, ging durch die Reihen der Tische und verließ den Raum. Sie tauchte ab. Ein paar Sekunden noch ihr Haar auf der Oberfläche das Wassers, Tentakeln, die sich ausbreiteten, ihr Körper wurde durchsichtig, dann war das Mädchen weg. Vera fiel ein, dass es auch Hexen gab. Drei sogar. Bei diesem Mac-Beth. Und die waren ziemlich gruselig. War Maria eine Hexe? Wie blöd war das denn.

Veras Schritte hallten durch das leere Schulgebäude, als sie die vier Treppen hinabstieg und durch das Erdgeschoss zum Ausgang lief. Sie blieb vor den Zetteln und Inschriften stehen, die sich seit Wochen auf seltsame Weise vermehrten. Aus einer Wandzeitung waren viele, aus ein paar offiziös-schulischen Anhängen war ein buntes Chaos an hochwichtigen Mitteilungen geworden. Seitdem der „Revolutionäre Schülerrat“ die innerschulische Meinungsfreiheit beschlossen hatte, einstimmig und unter dem Applaus aller bei einer Hauptversammlung anwesenden Schülerinnen und Schüler, konnte jeder anpinnen und ankleben, was er wollte. Franz liept Susanne (war vermutlich die ironisch gewollte Verhohnepipelung einer harmlosen Denunziation; es war nicht anzunehmen, dass ein Angehöriger der Erweiterten Oberschule „Alexander von Humboldt“ die Buchstaben P und B verwechselte, auch nicht im Überschwang einer eventuellen Eifersucht). Soldaten sind mündige Bürger, stand da. Gegen Monopol und Konsum. Die Einheit ist das Ziel. Ja zu Schuld und Sühne! Neben diese Aufforderung hatte jemand ein Zitat aus Thomas Manns Trilogie „Joseph und seine Brüder“ gezweckt: „…… denn so ist der Mensch, daß er, wenn er in einer Sache als rein befunden und seine Untadeligkeit in diesem Punkte ihm lobend bestätigt wird, es ihm gleich vorkommt, als sei er unschuldig überhaupt, und ganz vergisst, daß er auch sonst dies und jenes am Stecken hat. Und ob es derselbe war oder jemand anderer: Rede Unsinn, aber tue es auf deine eigene Art, und ich gebe dir einen Kuß dafür. Auf seine eigene Art Unsinn zu reden, das ist sogar beinahe besser, als nach allgemeinem Schema und nach fremdem Muster die Wahrheit zu reden; im ersten Falle ist man ein Mensch, im zweiten nur ein Papagei. Dostojewski, Schuld und Sühne. Kein Ausverkauf an die BRD! Freiheit und Wohlstand – nie wieder Sozialismus. Take it Gysi. Witzbolde hatten die papierne Aufruhr mit Werbe-Sprüchen vervollständigt: Come to Marlboro Country (ein Zigarette rauchender Cowboy, sitzende auf einem Pferd, ein anderes hinter sich herziehende, unter einem überblauen Himmel, der sich über eine Geröllwüste spannte; in in dem Himmel hatte jemand geschrieben: Enormer Wind die Segel bläh – so pupste Bertolt Brecht). Wenn es um Ihr Haar geht, entscheiden moderne Frauen mit dem Kopf. Weil wir wissen, wie kostbar diese natürliche Schönheit ist, denken und forschen wir weiter, sie zu entfalten, zu pflegen und zu schützen. Vielleicht sind wir deshalb führend in Deutschland und ganz oben in der Welt (was wiederum kommentiert wurde: Deutschland, Deutschland über Dallas und: Wo, du Arschloch, ist denn oben und unten in der Welt? Astronomie 5!!!

„Keine Sehnsucht nach dem Zuhause, Fräulein Lothringen!“

Gott! Vera fuhr der Schreck durch Mark und Bein bis in die Zehen. Sie fuhr herum. Da stand der Sportlehrer Horst Kowalski in seinem dunkelblauen Trainingsanzog, weit genug entfernt von Vera, um nicht aufdringlich zu wirken, nah genug, um seinen Schweiß und ein After Shave, das vermutlich eine Dusche ersetzen sollte, zu riechen.

„Haben Sie mich erschreckt!“, flüsterte Vera. „Verzeihung“, sagte er, „wollte ich nicht. …“
„Und was machen Sie noch hier?“ Kowalski, wusste Vera, gehörte zu den Lehrern, die so schnell wie möglich der Schule den Rücken kehrten, wenn ihr Stundenplan erledigt war.

„Sauber“, sagte er kurz
„Sauber?“
„Nachdem der Revolutionäre Schülerrat beschlossen hat, dass es nur noch Sportunterricht geben würde, wenn die Matten staubfrei, die Geräte desinfiziert, alle Bälle jedes Mal nach Gebrauch gewaschen werden – nun, ich will nicht eines Tages unter der Guillotine landen.“ Vera musste kichern. Kowalski verfügte über Humor, das war neu, das hatte sie noch nie bemerkt. „Ich bin mir sicher, soweit gehen die Revolutionäre nicht.“
„Weiß man’s“ erwiderte der Sportlehrer grimmig. „Ist ja nett, wenn alle Welt ‚keine Gewalt, keine Gewalt!‘ schreit. Aber weiß man’s. Ich wünsche Ihnen einen heiteren Feierabend, Fräulein Lothringen.“ Er hielt inne, als er sich abwenden wollte. „Apropos. Weil Sie grad noch da sind … Wissen Sie, was mit Gag … Gadji ist?“

Ich glaube, das frage ich mich auch. Seit zwei Tagen schon. Sie hob die Schultern, ließ sie fallen, keinen blassen Schimmer habe ich. Es beunruhigt mich, dass Gadji fehlt. Es fehlt etwas Atmosphärisches in der Klasse, fand sie. Schwer zu erklären. Etwas Ruhiges, Selbstgewisses, Unberührtes zwischen all den anderen, die unruhig waren, hastig, umtriebig. Gadji fehlte. Ihr? Vera hatte weder eine Adresse noch eine Telefonnummer. Aber sie kannte das Wohngebiet, ungefähr, in dem die sowjetischen Familien wohnten. Sie würde ihn finden, nahm sie sich vor. Morgen, am Samstag, würde sie sich auf die Suche nach ihm machen.

„Toller Typ“, sagte Kowalski, als er sich umwendete und ging. Und er murmelte etwas vor sich hin, es hörte sich an wie: „Die glauben doch nicht im Ernst, dass ich in allen Ecken rumwische, soweit kommt’s noch. “

Samstag, 11. Dezember

Es klingelte an der Wohnungstür. „Ich mach schon“, rief Werner der Frau zu, die in er Küche am Herd stand und nach dem Kassler und dem Weißkraut sah, das in wenigen Minuten auf dem Tisch stehen sollte.

Kotte erhob sich von dem Sofa, auf dem er lag und gelesen hatte, und spähte durch das Guckloch in der Tür. Da stand niemand. Er drückte den Knopf, der die Haustür öffnete, als er Christa rufen hörte: „Wer ist denn da?“
„Weiß ich noch nicht. Hat unten geklingelt.“
„Ich frage in aller Regel erst, wer mich zu sehen wünscht.“
„Jajaj“, brabbelte Werner. „‘Wer mich zu sehen wünscht‘. Wird schon nicht der Kaiser von China sein.“ Er hörte, wie im Flur der Fahrstuhl anhielt und die Tür sich öffnete. „Was sagst du?“, kam die Frage aus der Küche.

„Wird schon nicht der Weihnachtsmann sein“, rief er.

„Noch einer? Zwei sind mit einer zuviel.“ Bald nun ist Weihnachtszeit, ging ihm das Lied durch den Kopf, alberne Zeit. Werner Kotte war, wie die meisten Zyniker (die meisten sind freilich nur bemühte Sarkasten) der Auffassung, dass Weihnachten eine fürchterliche, sentimentale Angelegenheit ist. In den Wohnungen breitet sich der Geruch nach dem ausgebratenen Fett der Gans aus. Grünkohl, dessen strenger Ackergeschmack ihm Übelkeit bereitet, köchelt tagelang vor sich hin. Jesus wird in diesem Jahr zum 1.989. Mal geboren. Ein merkwürdiges Baby, dem es nicht genügt, einmal auf diese äußerst fehlerhafte Welt zu kommen (und auch nicht, nur einmal zu sterben als nicht mehr ganz junger, aber lange nicht alter Mann). Tage der Harmonie, jauchzet, frohlocket, preiset die Tage – schwer auszuhalten.

Wieder klingelte es. Vor der Wohnungstür stand ein Mann, der einen fast grauen Vollbart und in der einen Hand einen Blumentopf trug, dem er hastig das Papier abriss, das er zu einem schlampigen Ball zerknäulte. Über die Schulter hing ihm eine Reisetasche, aus der ein längliches Päckchen, eingewickelt in Geschenkpapier, ragte.

„Ein Mann“, rief Werner. „Mit Blumen und Gepäck.“

Christa Schaffner kam auf den Flur, Werner trat zur Seite, und sie schaute durch den Spion. „Ach, du Scheiße!“, sagte sie, und die Koch-Röte ihres Gesichtes vertiefte sich ins Violette der Wut. „Nee, is jetzt nich wahr!“, setzte sie nach, und Werner bekam zu hören: „Sag ich doch! Immer erst fragen, wenn irgendein Idiot unten klingelt! Hat man noch die Wahl, reinzulassen oder nicht!“ Sie holte Luft und sagte: „Entschuldige, Werner. Der da ist mein Gatte.“
„Mag der Kassler?“, fragte Kotte.
„Idiot!“, sagte Christa; sie ließ offen, ob auch er gemeint war oder im Moment – alle Männer im Umkreis von mindestens hundert Kilometern.

Christa öffnete die Tür und fragte: „Was willst du hier?“
„Weihnachten steht vor der Tür“, sagte ihr Ehemann und streckte ihr den Blumentopf (Weihnachtsstern) entgegen.

„Du stehst vor der Tür“, sagte die Ehefrau. „Und das ist alles andere als Weihnachten und schon gar nicht Weihnachtsfreude.“ Sie stemmte ihre Hände in die Taille, das waren Hände, die niemals im Leben einen Topf Blumen von dem Mann, dessen Namen sie trug, annehmen würde. Jetzt nicht mehr, in diesem Leben nicht mehr.

„Nehmen Sie mir die bitte ab“, sagte der Mann freundlich. „Herr Kotte, nehme ich an. Mein Name ist Günter Schaffner. Vermutlich haben Sie von mir gehört.“

Werner, überrascht und verlegen und hilflos, nickte und nahm den Topf ab. Was sollte er tun? Stand in seinem Blick, den er seiner Geliebten zuwarf, um dann den Mann anzuschauen, der wohlwollend blinzelte. Die dicken, knallroten Lippen seines Mundes, den der Bart umschloss, bildeten das Polster eines kleinen, gemütlichen Gummibootes.

„Im übrigen“, sagte Günter Schaffner, „läuft die Wohnung unter meinem Namen. Du wirst dich erinnern“, setzte er hinzu, zog das Päckchen aus der Tasche und reichte es ihr hin, „etwas früher als Wehnachten.“ Christa nahm es wortlos entgegen, ging über den Flur, durch die Stube, öffnete die Balkontür und warf es hinaus und hinunter.

Inzwischen hatte der Mann ein paar Schritte an Kotte vorbei getan und seine Reisetasche fallengelassen. „Wollen Sie …?“, fragte Werner. Ja, was? Wieder einziehen? Hier bleiben? Was wollen Sie überhaupt, Herr Günter? Wieso war der plötzlich hier und nicht im Westen? München, glaubte Kotte sich zu erinnern, der war doch im Sommer sang- und klanglos nach Bayern verschwunden. Heiliger Bimbam und brennender Weihnachtsbaum dazu, eine sehr ungemütliche Situation.

„Was …?“, fragte Christa, als sie zurückkam und zur Kenntnis nehmen musste, dass ihr Ehemann bereits an ihrem Geliebten vorbei war und in der Wohnung stand, als sei er gerade von der Arbeit nach Hause gekommen. Gleich würde er die Schuhe abstreifen, die Socken lüften sich in einen Sessel fallen lassen und seufzen, was für einen anstrengenden Tag er heute gehabt hatte und wie schön es sein, ein gemütliches Heim und Bier im Kühlschrank …

Der Eindringling wendete sich Kotte zu: „Was ist? Trinken wir ein Bier? Ich mag’s gerne kalt, eiskalt! Und danach gehst du.“
„Du verschwindest!“, sagte sie. „Auf der Stelle!“ So hatte Werner sie noch nicht gesehen. Wenn er eines Tages (der hoffentlich nie kommt) mit diesem Medusen-Blick bedacht werden und zum tönernen Gartenzwerg geschrumpft werden würde – o, er würde freiwillig vom Balkon im neunten Stock springen und auf dem Asphalt zerschellen. Der Günter tat das nicht. Schrumpfte nicht, zerschellte nicht, tat, als wäre es sein gutes Recht, hier zu sein und nach einem Bier zu lechzen. Dass er den Geliebten seiner Frau in seiner Wohnung vorfand – das kann schon mal vorkommen. Ist ein bisschen wie in einem schlechten Film, aber schlechte Filme sind auch nichts anderes als das wahre Leben, wenn es wie ein schlechter Film abläuft. Schließlich waren die letzten Jahre der Schaffner-Ehe eine trostlose, gemeine, sinnlose, zänkische Angelegenheit gewesen.

„Nicht doch“, sagte Günter. „Warum sollte ich in einem Hotel übernachten, wenn ich doch ein Bett in meiner Wohnung habe.“
„Nur über meine Leiche gehst du einen Schritt weiter“, zischte Christa. „Du kannst unter einer Brücke an der Spree schlafen. In einer Bahnhofsmission. Von mir aus in einem Fass Salpetersäure. Aber nicht hier, niemals hier!“

Es ist, dachte Werner Kott, ein richtig schlechter Film. Die Situation war ihm – peinlich, als wäre ihm der Sprung aus dem Bett der heimlichen Liebe in den Kleiderschrank, der ihn vor dem heimkehrenden Gatten verbergen würde, nicht rechtzeitig gelungen. Gruselig, beschämend. Dabei liebte er Christa Schaffner, und wenn er eine Waffe gehabt hätte, vielleicht sollte er aus der Küche ein Messer holen. Aber hatte er den Mann nicht hintergangen, als er mit dessen Frau ins Bett stieg, lange, bevor der Typ abgehauen war? Ich liebe seine Frau, aber es ist seine Frau, und sie liebt mich und ihn ganz sicher nicht mehr, aber sie ist Günters Frau… Auch schlechter Film, sehr schlechter Streifen.

„Ich …“, hob Werner an.
„Du“, sagte Christa, „hältst dich einfach da raus. Und du – du gehst. Oder ich rufe die Polizei.“

Günter Schaffner grinste breit, breiter, breit wie der Reifen eines VW Golf. „Die deutsche Volkspolizei hat, wenn ich es richtig kapiert habe, erhebliche Probleme, eine ordentliche Polizei zu sein. Mit ihrer Identität hat sie Probleme. Die trauen sich nicht mal, auf der Autobahn die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Könnte ja so ein Raser – wie ich – behaupten, er sei in eine staatliche Repression geraten, wenn er angehalten wird.“ Die Vorstellung begeisterte ihn dermaßen, dass er sich vorbeugte und auf die Oberschenkel einen Trommelwirbel schlug. Ein wirklicher Witzbold. „Von München nach Berlin – was meint ihr, wie lange ich gebraucht habe? Keine fünf Stunden. Mit einem gebrauchten Fiesta! Was ist nun mit einem Bier?“

Christa war an ihn heran getreten, zwischen ihr und sein Gesicht hätte nicht eine Flasche Bier gepasst. Eisiges Bier; eisig und drohend sagte sie: „Ist er nicht toll, der Günter Schaffner. Ist es nicht toll, wie weit er es innerhalb weniger Wochen im Westen geschafft hat. Vom einstigen SED-Mitglied. Vom Gruppenführer der Kampfgruppe in seinem Betrieb. Vom Ingenieur und Meister – vom unterrückten Duckmäuser zu einem Fiesta! Gebraucht, aber immerhin. Wie der Mann.

Gebraucht, aber immerhin. Davon hat er immer geträumt, wenn er seinen vom SED-Regime und von der Planwirtschaft ermatteten Leib in den Trabant klemmen musste! Um durch das graue Elend Berlins vom Narva-Werk nach Hause zu knattern, wo er auf sein freudloses Weib traf, das gerade die ‚Aktuelle Kamera‘ schlürfte oder die Mathematik-Übungen ihrer Schüler – statt den dritten Bloody Mary. Gratuliere, Mister Schaffner!“

Keine Gewalt, keine Gewalt, dachte Werner Kotte albernerweise. Eine Prügelei, so kurz vor Weihnachten – du bist umsonst gestorben, Jesus. Es gibt keine Gnade, keine Barmherzigkeit, kein Verzeihen. Nicht in diesem Leben, nicht in dieser Ehe. Er selber hatte sich noch nie geprügelt; sollte jetzt der Moment sein oder musste er ein Zuschauer bleiben, wenn sich die beiden … Plötzlich lachte Günter Schaffner. „Wundervoll! Ist sie nicht eine Klasse für sich, Kotte. Die lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Was machen wir jetzt, Freunde?“

*

Vera war seit etwa anderthalb Stunden in der Siedlung unterwegs. Die fünfstöckigen Häuser, in den 1970er Jahren gebaut worden, waren keine zwanzig Jahre alt, und bestanden aus Betonblöcken, die in Bau-Betrieben vorgefertigt, transportiert und an Ort und Stelle montiert wurden. Diese Block-Bauweise erlaubte es, zügig und passgenau Plattenbauten zu errichten, in denen die Menschen gern einzogen und wohnten. Die meisten Mieter empfanden ihre ferngeheizten und mit Bädern ausgestatteten Wohnungen als komfortabel und hell, weil sie vorher in Bruchbuden gewohnt hatte, in denen die Öfen mit Braunkohle befeuert wurden und die Toiletten nicht selten eine Treppe tiefer (oder höher) außerhalb der Wohnung in den Hausflur eingebaut waren und von mehreren Mietsparteien benutzt wurden; Badezimmer waren in den Häusern – oft sogenannte Mietskasernen, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden waren, um den massenhaft nach Berlin strömenden Arbeiterinnen und Arbeitern wenigstens ein Dach über dem Kopf zu bieten – nicht üblich, wenngleich es in den Vorderhäusern (dahinter lagen mehrere Innenhöfe mit Wohnhäusern, Werkstätten und kleinen Fabriken) durchaus Quartiere gab, die hinter ihren prächtigen Stuckatur-Fassaden mit großen Räumen, Dienstbotenkammern und gekachelten Bädern den betuchten Bürgersleuten ein behagliches Wohnen ermöglichten.

Die Häuser, um deren Ecken Vera bog, waren ziemlich neu – aber heruntergekommen. Hier wohnte niemand, der sich auf ein langes Leben in seiner Wohnung einrichtete; hier wohnte niemand, der sich um das Äußere der Häuser und den Rasen- und Betonflächen zwischen den Häusern besonders aufmerksam scherte, kümmerte, sorgte. Hinter den Fenstern hingen schwere Gardinen und Vorhänge, die abends und erst recht in den Nächten kein Licht durchließen; hinter diesen Fenstern wohnten die sowjetischen Offiziere und ihre Familien während ihrer Dienstzeit in der DDR.

Vera suchte die Klingelbretter nach dem Namen Muuslimsade ab. Viele Namen waren verwaschen oder mit Heftpflastern überklebt, auf denen mit Tinte oder Filzstift die Namen der Mieter geschrieben waren. In manchen Hausaufgängen schien niemand zu wohnen, jedenfalls waren keine Namen angezeigt, obwohl Fenster halb offenstanden und Gardinen zu sehen waren.

Vera begegneten Männer in Uniformen und Frauen, die Kopftücher und Schürzen trugen. Sie fragte sie und auch ein paar Kinder nach Gadji Muuslimsade. Alle schüttelten Kopf, und Vera war sich nicht sicher, ob sie Gadji (oder seine Familie) entweder nicht kannten oder nicht sagen wollten, wo sie wohnten. Eine eigene Welt, dachte Vera, eine Welt für sich, als wollte hier niemand vom anderen etwas wissen, niemand allzu freundlich sein – auch wenn die Frauen und Männer lächelten –, niemand etwas preisgeben, das sie möglicherweise für ein Geheimnis hielten: für das Geheimnis, wo und wie sie in der Fremde lebten. (Obwohl Vera doch in der Diskothek fröhliche, aufgeschlossene Mädchen und Jungen erlebt hatte, die sich nicht von ihren Freunden unterschieden; in der Sprache schon, aber nicht im Verhalten.) Denn das musste es für sie sein, eine Fremde, in die es sie für ein paar Dienstjahre verschlagen hatte, die Männer und ihre Frauen und Kinder, und die sie verlassen würden – ohne die Traurigkeit eines Abschieds zu spüren? Das war eine Frage, die Vera Gadji stellen müsste. Und als ihr einfiel, dass Gadji auch eines Tages wieder verschwinden würde – war ihr seltsam klamm zumute.

Plötzlich erkannte sie in einer Dreiergruppe von Jungen ihres Alters – Iwan. Iwan, der Schreckliche, musste Vera grinsen. Iwan, der schrecklich Liebe – für Sylvia, jedenfalls wenn es stimmte, dass sie mit ihm seit dem Besuch in der „Diskoteka“ zusammen war. „Iwan!“, rief Vera. „Kann ich dich was fragen? Menya wopros“, soviel Russisch ging. Und sie ging auf die Jungs zu. Iwans Gesicht, bis eben vertieft in der Unterhaltung mit den beiden anderen, leuchtete auf. Da war dieses blonde Mädchen, Vera, den Namen wusste er von Sylvia, und sie hatte also eine Frage. „Vera“, sagte er, nahm ihre linke Hand und hauchte einen Kuss rauf. Das war übertrieben; und so war es auch gemeint, galant und albern.
„Ich suche Gadji“, sagte sie. „Sagst du mir, wo er wohnt.“

Iwan musste lachen. „Chier! Na, chier!“

„Wo?“
„Wir stehen vor seiner Tür“, sagte Iwan, und die drei Jungs fingen an zu lachen. Sie lachten gutmütig, nicht über das Mädchen und ihre Verlegenheit. „Direkt chier! Wir warten auf ihn. Willst du mitwarten?“

Vera musste die Frage nicht beantworten; Gadji trat in diesem Moment aus der Haustür. Er sah Vera, sein Gesicht wurde puterrot und seine Füße standen in einer frisch gegossenen Beton-Pfütze. Ein Blitz schlug neben ihm ein, ein Hurrikan drückte ihn zurück. Einer der drei Jungs, das Haar raspelkurz wie ein Gladiator, pfiff anerkennend, sie zwinkerten einander zu und Iwan rief: „Uvidimsya pozzhe, Gadji!“, und sie gingen fort; sie hatten es nicht eilig, mit den Fingern bildeten sie ein Sieges-V, dann schlugen sie sich gegenseitig auf die Schultern, als wären sie eben aus dem Kino gekommen, in dem sie einen Film, in dem die Guten gewonnen haben, gesehen hätten. Sie würden sich später sehen, irgendwann, wenn Gadji wieder zurechnungsfähig sein würde.

„Hallo, Gadji“, sagte Vera.
„Vera“, sagte Gadji.
„Ich … ich habe mir Sorgen gemacht, weil du … du hast gefehlt.“
„Wem?“, fragte er lächelnd.
„In der Schule“, sagte Vera lächelnd. „Deine Freunde“, sie bogen eben um die Ecke, nicht ohne zurückzublicken, und wieder ertönte ein Pfiff, „du wolltest mit ihnen …“
„Das hat Zeit. Sie laufen mir nicht weg. Aber du vielleicht.“
„Nein“, sagte Vera. „Warum sollte ich. Ich hab dich doch gerade erst gefunden. … Was war mit dir?“
„Grippe. Nichts Schlimmes. Vsje choroscho, tschtot choroscho kontschatsya. Ende gut, alles gut?“
„Wollen wir zu mir gehen? Es ist kalt. Ich kann uns Tee machen. Ich habe ein paar neue Schallplatten. The Cure, Disintegration. Düster, aber toll. Oder die Pixies. Dolittle. Ich weiß nicht, ob du die magst oder was du gern hören möchtest. Ich hab ziemlich viele Schallplatten. Und von den ersten hundert Westmark habe ich mir die neuesten Platten gekauft. Drüben …“ Was rede ich, dachte Vera, während sie plapperte, was plappere ich, dachte sie, während sie redete. Ich bin verrückt geworden, Gadji so zu überfallen. Aber was war schon dabei. Sie würden zusammen und allein sein in der Wohnung; ihre Mutter war auch Samstagsabends und kurz vor Weihnachten wieder auf den verschlungenen Wegen der Konspiration und Revolution unterwegs und den Abend allein zu verbringen – die Vorstellung war nicht besonders aufregend. Sowieso nicht und jetzt gerade erst gar nicht. „Ein Revolutionäre kennt keinen Feiertag, und Jesus wusste das!“, ging ihr plötzlich durch den Kopf. Sie musste kichern; das, nahm sie sich vor, werde ich am Montag an eine der Pinnwände in der Schule anbringen. Und ihr war leicht, auf einmal so leicht, und der Himmel über ihr leuchtete violett.

„Warum nicht?“, sagte Gadji. Er griff nach Veras linker Hand, und als sie davongingen, war es das Selbstverständlichste auf der Welt, einander zu berühren und den Weg in Richtung Regenbogen unter die Füße zu nehmen. This monkey’s gone to heaven, this monkey’s gone to heaven; auch wenn die Pixies vermutlich etwas meinten, das mit dem Hochgefühl der beiden Menschenkinder nichts gemein hatte.

*

Sie hatten Kassler, Weißkraut und Salzkartoffeln schließlich doch nur zu zweit gegessen und saßen jetzt satt und erschöpft auf dem Sofa bei der zweiten Flasche Wein. Im Fernsehgerät lief eine bunte Show, den Ton hatten sie abgedreht. Es war genug Geschrei vor einer Stunde gewesen, bevor sie Günter Schaffner endlich dazu gebracht hatten , die Wohnung zu verlassen; genug Lautstärke und genug von einer Art Unterhaltsamkeit, wie sie der Stoff für eine mittelmäßigen Tragikomödie war.

Dass ich mich jemals in dieses Arschloch verliebt habe, hatte Christa während des Essens gesagt –, wie dämlich kann man sein. --- Jugend entschuldigt Fehler, hatte Kotte entgegnet. --- Haha!, machte Christa lahm. Du mal wieder! Hättest du ihn verprügelt? Um mich zu schützen? Vor dem Übel der Welt? --- Bist du boshaft grad? --- Ach, nein, bloß nicht. Mein Bedarf an Streit ist gedeckt. Bis ins nächste Jahr, sagte sie, was dann kommt, möge kommen. Schmeckt’s dir? Kotte hatte dann noch gefragt, ob sie allein sein wollte. Ob er, einfach, weil er auch nur ein Mann war, einer von denjenigen, denen es gelegentlich an Feingefühl, Diplomatie oder an der Klugheit, eine brenzlige Situation einzuschätzen, gar zu meistern, gebricht. „Du bist wirklich ein Idiot“, hatte Christa seinen Vorschlag abgeschmettert, „mein ganz persönlicher Weihnachtsmann! Und eine echte Bescherung!“

Dienstag, 14. Dezember

Victoria Lothringen und Albert Mühsam hatten sich auf ein Glas Weißwein im „Café Tiffanys“ in der Tauentzienstraße verabredet. Von dort würde Albert nur zehn Minuten zu Fuß brauchen, um seinen Zug im Bahnhof Zoologischer Garten zu erreichen. Sie hatten eine gute Stunde Zeit, um sich voneinander zu verabschieden. Sie hatten es bis heute nicht ausgesprochen –, aber sie spürten, ein jeder für sich, dass ihre gemeinsame Zeit vorbei ging, auch wenn es weder Emotionen-Streit noch unüberwindlich-gegensätzliche Auffassungen über das Leben, die Politik, die Zukunft und all das gegeben hatte. Sie waren zwei Schiffe, die für einige Monate im Hafen Seit an Seit gelegen hatten; eines löste die Taue und glitt über das stille Wasser des Hafenbeckens davon, um am Ende der Mole nach Westen abzubiegen und immer kleiner werdend hinterm Horizont zu verschwinden; das andere Schiff – ach das andere war vielleicht gar kein Schiff, sondern der festgemauerte Kai, der sich nicht von der Stelle rühren musste: Es würden neue Schiffe kommen, neue Menschen, neue Nachrichten, neue Veränderungen. Das Schiff „Albert“ musste hinaus auf die Meere.

Albert kramte in seinem Gepäck – tatsächlich einem alten Seesack, in den alles hineinpasste, was er zum Leben brauchte – nach dem Weihnachtsgeschenk für Victoria. Ein Buch, „Die Pest“ von Albert Camus, das er ihr über den Tisch schob. Victoria sagte verlegen, dass sie bisher gar keinen Gedanken an das Weihnachtsfest verschwendet habe und nicht mal an ein Geschenk für ihn … Das sei ihr jetzt doch ziemlich peinlich, und sie sei wahrscheinlich ein bisschen „innerlich verhärtet, gefroren vielleicht oder verwahrlost in letzter Zeit?“, sagte sie.

Ach was, winkte Albert ab. „Mach dir bloß keine Platte“, sagte er. Und er berichtete übergangslos, wie erstaunt er war, als er gestern auf dem Hauptbahnhof eine Zug-Karte nach Bordeaux über Frankfurt am Main und Paris gekauft hatte. Für’n Appel und n Ei fand er, für 150 Ostmark. Wahrscheinlich konnte man die Fahrt schon immer kaufen, die Deutsche Reichsbahn fuhr diese Strecke schon ewig, wie es ja auch die „Mitropa“ als europäisches Unternehmen bereits seit 1916 gab – nur hatte es nie einen Grund gegeben, ein Ticket für diese Route zu kaufen, weil die Grenzen dicht waren und es für ihn gar keine Chance gegeben hatte, nach Frankreich zu fahren. Warum eine Karte für eine Fahrt, die man nicht antreten könne, kaufen? Und er, Albert, habe auch nie von Rentnern gehört, die weiter als bis nach Bonn oder München zu ihren Verwandten gefahren waren. „Ist das nicht irre und komisch?“, fragte er. „Ich gehe zum Schalter und sage: ‚Einmal Bordeaux, bitte‘, und es ist. als hätte ich einmal Parchim verlangt. Völlig normal!“

Daran müssten sie sich jetzt gewöhnen, sie alle, erwiderte Victoria. Sie empfände es auch noch nicht als normal, jetzt hier in Westberlin zu sitzen und einen vorzüglichen Wein zu trinken. Irgendwann würde das Wort „Westberlin“ vermutlich aus ihrem Wortschatz verschwinden, und es würde nur noch Berlin heißen.

Ihre Unterhaltung stockte. Dass er in ein Dorf bei Bordeaux fahren würde, wo ein Freund von ihm – einer, der vor fünfzehn Jahren die DDR verlassen hatte – ein Weingut betrieb, wusste sie längst. Es hatte eine kleine Verstimmung zwischen ihnen ausgelöst, als er gesagt hatte: „Ich kann hier nicht leben, ich muss jetzt hier raus.“ --- Sei nicht theatralisch, hatte Victoria geantwortet. Es ist doch eine spannende Zeit, grad. --- Ich weiß nicht, wer theatralischer ist. Du oder ich. --- Wieso ich? --- Soll ich dir sagen, was wird? Mit dem Land und mit den Leuten? --- Hab ich einen Hellseher an meiner Seite gehabt und nie bemerkt! --- Man muss kein Hellseher sein. Die Leute wollen ein vereintes Deutschland. Sie wollen die Westmark. Und sie glauben … ---Jajaja, unterbrach Victoria seine Vorhersage, irgendwas Apokalyptisches wirst du schon wissen! Ich kann das nicht leiden, diesen Pessimismus nicht. Du bist einer, die immerzu Schwarz sehen. Fein raus bist du damit. Wenn es wird, wie ihr es unkt, klopft ihr euch auf die Schulter … --- Wer, verdammt, sollen denn wir sein … --- … und sagt: Haben wir ja gesagt! Wenn es nicht schwarz wird: Naja, man kann sich irren, aber im Grunde … --- Vikki, bitte, ich hab nichts weiter gesagt. Nur, dass ich in diesem Deutschland nicht leben möchte. Ich habe Sehnsucht nach draußen. --- Und wann kommst du wieder? Wenn du aus der Ferne feststellst, dass es sich eigentlich ganz gut in Deutschland leben lässt? Übrigens sind wir noch DDR, und BRD möchte ich auch nicht werden. Was wäre aus uns geworden, wenn die Mauer nicht gefallen wäre? --- Er schwieg ein paar Sekunden geschwiegen und sagte dann ernst: Ich hätte mich umgebracht, irgendwann.“ --- Gleich werde ich hysterisch. --- Es ist vielleicht nicht für immer, beschwichtigte er. Ich werde dir schreiben. --- Großartig! Wir werden in der Zeitung eine Rubrik einrichten: ‚Unser Mann in Frankreich und der Wein‘. Wird zum Weinen schön … --- Was habe ich dir getan, dass du so … --- Victoria konnte sich nicht bremsen: ‚Albert Mühsam und sein Zurück-zur-Natur! Beim Trinken des Landweins erkannte ich plötzlich, woran es der Menschheit mangelt: an Genussfähigkeit und an der Selbstbesinnung auf das zum einfachen Leben Nötigste: Weinbergschnecken …‘‘

Sie schwiegen. Ging ihnen im Café, in den letzten Minuten des Zusammenseins, die damalige Unterhaltung durch den Kopf? Hatten sie sich in der voneinander verabschiedet hatten? Jetzt, beim Glas Wein – das war nur noch Vollzug?

„Ich hoffe, eure Zeitung wird ein Erfolg“, sagte Albert lahm.
„Sie erscheint in der ersten Januarwoche“, sagte Victoria. „Wenn du mir deine Adresse schickst, bekommst du die.“
„Mit Autogramm“, versuchte er einen Scherz. „Ich zahle jetzt.“
„Ich bringe dich noch.“

Am Zug, Albert hatte den Seesack in den Waggon gehoben, standen sie sich gegenüber und blickten sich an. Es gab nichts mehr zu sagen. Sie umarmten sich, es gab einen schnellen Kuss, dann drehte sich Victoria um und ging. Albert stieg ein. Als der Zug losfuhr, stand er am Fenster, das er heruntergekurbelt hatte, und winkte ihr. Victoria schaute nicht auf.

(Später wird Albert diesen Text schreiben, dem er inzwischen den Arbeitstitel „Befangen Überlegungen eines Unbeständigen“ gegeben haben wird, und in dem es in Erinnerung an die Bahnhofsszene heißt: „Ich verabschiedete mich von der DDR, wie so viele andere vor mir auch. Ich verließ meine Heimat, deren Charme und deren Reize in ihrer Unvollkommenheit bestanden. Sie war eine Frau, die es niemals zu einem Topmodel auf den Laufstegen der Weltgeschichte gebracht hatte. Ihre Versuche, es sein zu wollen, waren groteske Leibesübungen geworden. Diese Frau begriff nicht, dass sie schön war, weil sie nicht ebenmäßig war, weil sie Schwächen hatte, aber nicht darüber reden wollte. – Als das Reden anfing, war sie eine ältliche Frau geworden, die nicht einmal zu Würde und Weisheit finden wollte. Sie unterzog sich kosmetischen Operationen, die schnell und kostengünstig durchgeführt werden sollten. Sie ließ sich liften. Sie rannte zu Beratern, die ihr schmeichelten und ihr eine kommende, ewige Schönheit versprachen. Und sie ließ sich schmeicheln, wider besseren Wissens. Sie begriff nicht, dass ihr eine Totaloperation bevorstand, die sie tatsächlich verjüngen würde: zu einer geschändeten Braut aus Plastik, Chrom, Herzlosigkeit. Sie würde, und es war zu diesem Zeitpunkt schon zu sehen, zu hören, zu riechen, ein siamesischer Zwilling Westdeutschlands werden. Abhängig vom Wohlstand, der Selbstzufriedenheit des reichen Deutschlands anhängend und ihr ehemaliges Aussehen allmählich vergessen. – Was ich hinter mir ließ waren vierzig Jahre Leben mit dieser erstaunlichen, naiven, sehnsüchtigen, verlorenen Frau und Mutter namens DDR Was ich mitnahm – waren diese vierzig Jahre Leben. Ich wollte ihnen nicht entkommen. Ich wollte eine Pause einlegen. Ich wollte, obwohl ich ahnte, dass auch das unmöglich war, mein Leben eine Zeitlang anhalten und nicht atem-, hemmungs- und besinnungslos aus den Armen der einen Frau in die Arme der prallen Dame BRD flüchten …)

*

Während der Zug den Buchhändler a. D. und den Winzer in Spe nach Westen trug, befand sich Victoria Lothringen, Hebamme und Bürgerrechtlerin, auf dem Weg in die St.-Bartholomäus-Kirche, die gegenüber eines Eingangs in den Friedrichshainer Volkspark steht. In ihren Räumen befanden sich die Friedensbibliothek und das Antikriegsmuseum; 1984 gegründet boten sie einer der oppositionellen Gruppen, der „Demokratie Jetzt“, Platz. Heute würden die Vertreter dieser Gruppe, die sich in ihrem Selbstverständnis nicht als eine Partei verstand, ihren sogenannten Dreistufenplan für die Wiedervereinigung Deutschlands vorstellen und öffentlich machen. Victoria Lothringen wollte dabei sein, wie sie am liebsten überall und zugleich dabei gewesen wäre, wo sich Menschen zusammentaten, um die verkrustete Gegenwart aufzuweichen.

Die deutschlandpolitischen Thesen der Initiative versuchten den demokratischen Konsolidierungsprozeß der DDR mit der schrittweisen politischen Annäherung der beiden deutschen Staaten so zu verkoppeln, dass am Ende eine „neue politische Einheit der Deutschen, gegründet auf einer solidarischen Gesellschaft“ entstehen könnte. Damit reagierten Teile der Opposition auf den offensichtlichen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung; die legendären Montagsdemonstrationen intonierten unüberhörbar – „Wir sind das Volk! Kommt die D-Mark nicht zu mir, gehe ich zu ihr!“ – den Drang zu einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

Bei einer schrittweisen Annäherung der beiden deutschen Staaten müssten erstens politische Reformen in der DDR und in der BRD stattfinden; an vorderster Stelle stünden freie Wahlen in der DDR und ein Ausbau der sozialen Gerechtigkeit sowie der Abbau der Arbeitslosigkeit in der BRD. Folgen sollte, zweitens, ein Nationalvertrag über einen Staatenbund, in dem in dem eine duale Staatsbürgerschaft festgeschrieben würde; die Mitgliederschaften in NATO und im Warschauer Pakt sollten „ruhen“ und ein europäischer Entmilitarisierungsprozess sollte beginnen. Drittens schließlich schlug „Demokratie Jetzt“ den Abzug aller Alliierten und die Verabschiedung eines „Europäischen Friedensvertrags“ vor; im Anschluss daran solle ein Volksentscheid über die politische Einheit in einem „Bund Deutscher Länder“ entscheiden.

*

Victoria Lothringen fuhr mit der Straßenbahn und lief durch ihre Stadt mit dem Schwung der Menschen, die im Herbst 1989 und um die Jahreswende bis hinein zur ersten freien Volkskammerwahl am 18. März fest daran glaubten, eine bessere, eine wirkliche sozialistische Republik sei möglich und dass auch ein widervereinigtes Deutschland auf einige sogenannten „Errungenschaften der DDR“ nicht verzichten dürfte. Als Hebamme kannte sie etwa die Stärken (und Schwächen) der medizinischen Daseinsfürsorge des Staates aus dem Effeff.

Albert saß und fuhr mit dem Takt, den die eisernen Reifen des Waggons auf die Gleise schlugen, der Gegenwart seiner ihm fremd gewordenen Heimat davon; mit einem seelischen Seesack voller Selbstzweifel, Traurigkeit, Unsicherheit, aber auch voller Entdeckerfreude und Neugierde im Gepäcknetz des Lebens.

Mittwoch, 20. Dezember

Die Wohnungstür war nur angelehnt. Vera griff nach Gadjis Hand und presste sie. Ihre Mutter, wusste sie, konnte noch nicht zu Hause sein. Wer oder was …? Die Tür wurde aufgerissen; ihr Vater stand auf der Schwelle und strahlte sie an. Er wollte die Tochter umarmen, sie machte zwei Schritte zurück, Gadji trat zwischen sie, bereit, seine Freundin zu verteidigen gegen Einbrecher und Schurken aller Art.

„Hallo, Große“, sagte Domini Lothringen; den Jungen ignorierte er, vorbei an ihm kam er aber auch nicht, um die Tochter in die Arme zu nehmen. Sie legte offensichtlich keinen Wert darauf. „Das ist Gadji“, sagte Vera kühl. „Mein Freund. Und du, bist du zurückgekommen, oder was?“
„So moderne Ansichten habe ich nicht.“ Ihr Vater lachte. „Ein abgelegter Ehemann mit dem Liebhaber und der Frau zusammen – gaaanz schlechter Film.“ Weil er Kameramann war, würde er schon wissen, was ein guter, was ein schlechter und was ein gaaanz schlechter Film war. Aber es gab auch gute, schlechte, gaaanz gute und gaaanz schlechte Kameramänner; welch einer von denen Dominik Lothringen war, wusste Vera nicht.

„Mein Vater“, informierte Vera Gadji. „Eine Weihnachtsüberraschung.“ Hinter Dominik erschien ein anderer Mann, den Vera erkannte. Es war der Regisseur, der sie, als sie im Krankenhaus war, als Opfer staatlicher Gewalt filmen wollte und unverrichteter Dinge abziehen musste. Klein, dicklich, das Gesicht, eingecremt mit Jovialiät, glänzte, eine Schiebermütze auf dem Kopf (dieselbe wie im Krankenhaus neulich?). „Aah, salut, alles in Ordnung, wie ich sehe. Sehr, sehr schön!“ An Dominik vorbei reichte er ihr seine rechte Hand, und weil er so schön mit seiner Herzlichkeit zugange war, schüttelte er auch Gadji die Hand. „Sehr, sehr schön!“

„Wollt ihr nicht reinkommen?“, fragte Dominik und trat mit einer leichten Verbeugung zur Seite. Ein gut geölter Gastgeber, nur dass er an einem unpassenden Ort den lässigen Zeremonienmeister spielte. Hier zu sein, hatte er nach Veras Ansicht nicht das Recht; so gut gelaunt zu sein und sie zu erschrecken, fand sie empörend. Dass Gadji in dieser Szene mitspielen musste – als Statist ohne Text – machte sie wütend. Sie schon Gadji am Vater vorbei in den Wohnungsflur und zischte: „Wirklich nett, dich wiederzusehen. Brauchst du jemanden, der deine Unterhosen wäschst?“

Das offenbar nicht, wie sie sah, als sie am Wohnzimmer vorbei in ihr Zimmer gehen wollte. Denn Dominik hatte gewiss anderes im Sinn. Sie bremste ihren Sturmlauf, dem Gadji, der mit großen Augen stummer Teilhaber der Szene war, folgen musste, ab. Das Wohnzimmer war mit dem ungeheuerlichen Licht zweier einbeiniger Scheinwerfer ausgeleuchtet wie eine Knastmauer bei Nacht. Die Kamera, ein auf drei langen Beinen postierter Körper eines wahnsinnigen Insektes, posierte in der Mitte des Raumes. Dem war der Teppich entnommen worden; er lag zusammengerollt zwischen dem Sofa und dem Heizkörper. Stühle und Tisch waren in einer Ecke zusammengeschoben, und nur ein einziger Sessel stand im hellsten Fleck des Universums, das von einem großen, rechteckigen, weißen Schirm beäugt wurde. Hier würde sie sitzen müssen, Victoria Lothringen, die Heldin. Und zwei Meter entfernt, gleich neben der Tür, saß ein junger Mann mit untertellergroßen Ohrhörern und spielte an den Knöpfen eines Gerätes, das die bedeutenden Sätze über Demokratie, Meinungsfreiheit, Freiheit überhaupt einsperren würde auf ein schmales Magnettonband. „Was soll das?“, fragte Vera fauchend den Regisseur. „Wie heißen Sie überhaupt?“

„O, hatte ich mich nicht vorgestellt? Karl-Ludwig Krause“, er lüftete seine Mütze. „O, du weißt scheinbar nicht Bescheid? Wir machen einen Film über deine Mutter. Nein, anders. Wir machen einen Film über das Erwachen der Meinungsfreiheit in der DDR. Deine Mutter wird mit ihrer Zeitung ein Meilenstein auf diesem Entwicklungsweg sein. Heute: Interview mit ihr“, erklärte er und setzte hinzu: „Der Titel des Filmes ist: ‚Das Ende muss der Anfang sein‘. Wie findest du ihn?“ Er nickte sich selber zu (hatte er mit der Frage sich oder den Titel gemeint?), strahlte wie eine Heizsonne, und erwartete ein Lob oder mindestens die neugierige Frage, was damit gemeint sei, eine Frage, die er gewiss bereitwillig und mit langem Atem beantworten würde. Vera tat ihm weder den Gefallen, den Titel zu preisen noch zu fragen, was darunter zu verstehen sei. Ich hab schon verstanden, ich bin nicht blöd, dachte Vera. Wahrscheinlich war das Dialektik oder das, was sich sehr kluge Leute darunter vorstellten. Aber wirklich kluge Leute bauen nicht in anderer Menschen Wohnungen Stuben zu Studios um. Sehr kluge Leute benehmen sich höflich und bescheiden, weil sie in ihre Klugheit eingespeist haben, dass sie das Leben anderer Menschen akzeptieren und tolerieren, so, wie es ist, weil sehr kluge Menschen wissen, das daran wenig zu ändern ist. Das ist dann immerhin auch ein Anfang, nämlich der Anfang vom Ende der Überheblichkeit solcher Typen wie dieser Krause und wie – ein gewissen Dominik Lothringen. „Toll!“, antwortete Vera sarkastisch und ging mit Gadji in ihr Zimmer. Und dass meine Mutter, diese Heldin, ihr nichts gesagt hatte – aus Schussligkeit vermutlich, die würde sie halbwegs entschuldigen –, das bekommst du von mir noch aufs Brot geschmiert, dachte Vera grimmig und traurig.

Ihr Zimmer hatte sich in den letzten fast zwei Wochen verändert. Sie hatten das Zimmer verändert, weil es Vera und Gadji nicht möglich war, sich in einem alten, eisernen Kasernenbett (das Vera von ihrem Vater „geerbt“ hatte, als der von seiner Frau verstoßen wurde) zu lieben, ohne dabei vor Lachen hinaus zu purzeln. Schon, wenn sie ihre Haar auf dem Kissen ausbreitete, war kein Platz mehr für ihn. Schon wenn er sie streichelte, und sie dehnten sich beide in den Regenbogen, war kein Platz mehr in dem Zimmer. Und dann war noch so ein Plüsch-Elefant dabei, den Gadji ihr geschenkt hatte; ziemlich kitschig, er hatte ihn in dem „Magasin“ gekauft, der Kaufhalle, die die Sowjetbürger mit Produkten ihres Landes versorgte und in der gelegentlich auch deutsche Kunden einkehrten, des schwarzen Kaviars, des Sektes und der Mischka-Schokolade wegen. Also hatte Vera das Prokrustes-Bett an einem Nachmittag zusammen mit ihrer Freundin Sylvia demontiert. Zwei Schraubenschlüssel, zwei Schraubenzieher und zwei Flaschen Merlot waren das effektive Instrumentarium, das Bett auseinanderzunehmen (Gadji brachte es anderntags als Sperrmüll auf die Straße), ein Matratzenlager auf dem Boden auszubreiten und – sich so nahe zu kommen, wie lange nicht. Auch der Schallplattenspieler wechselte seinen Platz von einem Regalbrett auf den Boden in Reichweite der neuen Liegestatt.

Sie saßen nebeneinander, mit dem Rücken an der Wand, hielten die Gläser in der Hand und erzählten sich gegenseitig von Iwan und Gadji. Sie streiften die Jungs in ihrer Klasse, und besonders Gernot bekam huldvoll-ironische, aber auch respektvoll-distanzierte Kommentare ab. Sie rätselten über Maria und gruselten sich bei der Vorstellung, dass es vielleicht doch Hexen oder hellseherische Weiber gibt, die unter uns leben, aber wie Nebelschleier durch uns hindurchgehen („wirklich albern, oder?“ – Vera und Sylvia mussten sich kurz aneinander kuscheln, um dem Eishauch des Horrors ihres gemeinsame Wärme entgegenzusetzen). Bis dann Sylvia amüsiert davon berichtete, wie sie und Iwan im Westen Berlins dealten.

Die stünden auf Ostkids. --- Wer? --- Typen. --- Typen? --- Stell dich nicht so an, Vera. Die wollen uns armen, halbverhungerten, eingesperrten und endlich befreiten Seelen helfen. --- Wie helfen? --- Wir sind Exoten! Sie geben einen aus. Sie wollen hören, wie es war und wie uns jetzt ist. Und wir bieten ihnen die Show, die sie brauchen. --- Tschuldige, sagte Vera, ich kapiere das nicht. Und wie weit geht dieses ‚Bieten‘? --- Herrje, es ist immer Iwan in der Nähe. Mir passiert nichts Ernsthaftes. --- Sex?, fragte Vera. --- Bisschen. Fummeln. Ich bin auch mal einem in die Hose … --- Mensch, Sylvia! --- Mensch, Vera! äffte Sylvia die Freundin nach. Das ist ein Geschäftsmodell, mit dem alle zufrieden sind. Die kriegen ihren Ost-Grusel, wir kriegen ihren West-Dusel oder -Fusel, musste Sylvia lachen. Oder ihre Knete, die haben’s doch. Komm, noch ein Glas, dann gehe ich, okay?

Es klopfte an der Tür. Vera, die in einem Buch las, während Gadji über Kopfhörer einer Schallplatte zuhörte, stand auf und öffnete sie. Vor ihr standen Krause und Lothringen (männlich). Sie schauten betroffen, zerknirscht, auch entschlossen. Der Regisseur räusperte sich, schluckte, sein Adamsapfel ploppte auf, und sagte: „Wir möchten gern das Konzept ändern“, er schaute zu seinem Kameramann hoch, der nickte ernst, sorgenvoll, „es scheint, als würde sich deine Mutter verspäten oder den Termin versemmelt haben. In Anbetracht fortgeschrittenen Zeit, in Anbetracht des Aufwandes bisher – wir haben uns überlegt, wir ändern das Konzept um ein Geringes. Wir würden gern ein Interview mit dir und deinem Freund führen. Ich finde es äußerst interessant – Dominik auch –, zwei junge Menschen in diesem Film zu haben – noch dazu mit diesem internationalistischen Aspekt … Ich meine, das ist sensationell! Ein Junge aus der Sowjetunion erzählt, wie er die Wende in der DDR erlebt. Der Junge ist der Freunde der Tochter unserer Protagonistin und nicht nur das. Er ist Sohn eines Offiziers der Roten Armee, die ja in diesen Zeiten erstaunlicherweise still in ihren Kasernen bleibt“, Vera schaute sich um nach Gadji; aber der hörte nur Musik, „Spürst du, wieviel Brisanz in dieser Konstellation steckt?“ Zu viele Genitive, dachte Vera. Sie blickte ihren Vater an. Der zuckte mit den Schultern, er ist nur der Kameramann, aber es war unschwer zu erraten, dass die Idee zwischen ihm und dem Regisseur beredet und ausgeheckt worden war. Gadji schaute jetzt hoch, Vera lächelte ihn und schüttelte den Kopf. Es ist alles in Ordnung mit ihr und zwischen ihr und den beiden Flitzpiepen. Sie tickte mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand gegen ihre Stirn. Die haben sie nicht alle, Gadji, die ticken nicht richtig.

„Wie wäre es, wenn Sie uns fragten, was wir von dieser Idee halten?“, sagte Vera.
„Du wirst dich ihrem Charme nicht entziehen“, sagte Krause.
„Vergessen Sie es“, sagte sie.
„Aber sie ist gut! Die Idee! Blut für den Film! Seelenpulsschlag! Warum sperrst du dich dagegen?“
„Sie“, korrigierte Vera kühl. „Warum sperren Sie sich dagegen.“ Nicht, dass es ihr sonderlich viel ausmachte, von einem älteren Fremden geduzt zu werden. Aber sie wollte Distanz, Respekt, und niemals würde sie vor eine Kamera treten und sich befragen lassen nach irgendwas und von irgendwem.

„Letztes Wort?“, sagte der Regisseur.

Vera musste nicht antworten. Die Wohnungstür flog auf und ihre Mutter stürzte herein. Es täte ihr dermaßen leid, rief sie, warf Schlüssel und Rucksack neben das Telefon auf der Kommode im Flur. Sie stünde gleich zur Verfügung, sie wolle sich nur etwas frisch machen. Es seien jetzt eben so Zeiten, in denen die Termine durcheinanderpurzeln; und sie drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn, „hallo, mein Schatz“, und verschwand im Badezimmer. Vera zögerte einen Augenblick, um ihr dann zu folgen.

Victoria duschte sich sitzend in der Badewanne, Vera saß auf dem Klosettdeckel, hatte ihre Beine angezogen und sie mit den Armen umklammert. Sie schaute zu.

Die Mutter prustete, rief Aaa! Und Ooh! wie gut das tue nach solchen Tagen. Sie habe zwei Frauen entbunden und drei Kinder auf die Welt geholt, sie lachte, dabei lief ihr Wasser in den Mund. Sie musste husten, rang nach Luft und schaffte es zu sagen, dass demnach ein Zwillingspärchen darunter gewesen musste, oder Verutschka? Schließlich stand sie auf und bat Vera, ihr ein Handtuch zu reichen. Vera nahm ein dunkelblaues, flauschiges Badetuch vom Stapel der Handtücher und betrachtete ihre nackte Mutter. Sie fand, dass sie dünner geworden war, was ihr stand und ihre kleinen Brüste größer erscheinen ließ. Der lange, faltenlose Hals trug einen Kopf mit dem Hinterkopf der Nofrete. Wenn es stimmte, dass ein Mädchen, wenn es älter und älter wird, der Mutter ähnlich und ähnlicher wird –, dann hatte Vera gute Karten im Spiel der begehrenden Liebe. Nur rasieren müsste sie sich mal wieder, die Mutter.

Victoria stellte sich, noch immer nackt, vor den Spiegel, kämmte ihre Haare, cremte das Gesicht mit einer Lotion ein und zog ihre Lippen mit einem dunkelroten Stift nach. Beim Anziehen ihrer Wäsche, fragte sie: „Was gibt’s Neues, mein Engel?“

Vera suchte nach der Verärgerung und der Wut, die sie empfunden hatte, als ihr Vater unvermutet erschienen war und als die beiden TV-Männer ihr das Angebot machten, mit Gadji zusammen und anstelle der Mutter in ihrem Film mitzumachen („in Anbetracht des Aufwandes bisher“, womit sie das Derangement des Wohnzimmers sehr selbstsicher umschrieben hatten) – aber ihre Verstimmung war verflogen. Sie liebte ihre Mutter, sie liebte diese überaktive, hippelige, schöne Frau. „Nichts weiter“, sagte Vera. Sie reichte ihrer Mutter die Jeans und den Pullover. „Wo ist eigentlich Albert abgeblieben. Hab ihn lange nicht gesehen.“
„Welcher Albert?“

„Mama!“
„Perdu. Frankreich“, sagte Victoria, es klang dumpf unter dem Pullover, den sie grad überzog, und als das Gesicht, klar und sauber, aus der Wolle auftauchte und das Haar geschüttelt war, setzte sie sich auf den Rand der Wanne und sagte ruhig: „Er ist weg. Er will die nächsten Monate, weiß ich, wie lange, bei einem Freund in den Weinbergen arbeiten. Irgendwo in der Gironde.“
„Er hat es dir gesagt, und ihr habt euch getrennt?“
„Was soll er gesagt haben?“
„Dass er dich nicht mehr liebt.“
„Ist das so? Dass er mich nicht mehr liebt? Hat er dir das gesagt?“, sie seufzte kurz, theatralisch, „Er hat es nicht gesagt. So nicht. Musste er auch nicht. Ich habe es gemerkt. Im Übrigen, meine stolze, schöne Tochter, ist das egal. Er wird jetzt dort sein, wo er Weinbergschnecken mästen kann, bis die groß wie Lämmer sind. Lass uns gehen, die alten Knaben da draußen trampeln schon auf der Stelle. Sie haben ein dringendes Bedürfnis, mich zu filmen. Oder vielleicht müssen sie ja mal Pipi und wir haben sie ausgesperrt.“ Sie kicherte, und Vera schüttelte den Kopf. Wenn es stimmte, dass Töchter wie ihre Mütter werden, dann hoffentlich nur äußerlich.

Samstag, 24. Dezember

Nein, hatte Vera entschieden gesagt, als ihre Mutter sie fragte, ob sie mitkommen würde zur Mitternachtsmesse in die Hedwigs-Kathedrale, die in der Mitte Berlins etwas abseits der einstigen Prachtstraße Unter den Linden steht. Nein, und erst recht nicht, weil du mit Dominik dahingehst. Nein und noch mal Nein, weil ich überhaupt nicht kapiere, wie du dich wieder mit ihm einlassen kannst, nachdem er dich nach Strich und Faden betrogen und du ihn zum Teufel geschickt hast. --- Ich habe mich nicht wieder mit ihm eingelassen. Ich werde mich nicht mit ihm einlassen. Das ist gegessen. Aber die Messe ist Ritual, Vera. Und allein in der Kirche zu sitzen … --- Dann viel Spaß, sagte Vera. --- Ich bin danach zurück. --- Mit Dominik? Dann flüchte ich. Vielleicht nach Moskau. Oder Baku. --- Baku? A ja, da kommt Gadji her. Schreibst du mir eine Ansichtskarte? --- Niemals! --- Du bist wirklich nicht sauer, wenn ich dich allein lasse? --- Ich werde es genießen, sagte Vera, und sie sagte die Wahrheit. Sie würde sich langmachen, eine Musik ihrer Wahl hören und süßes oder salziges Zeug knabbern. Und dann umarmten und drückten sie sich, jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan, lasset das Zagen, verbannet die Klage – wie sie sich am Abend gemeinsam das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach angehört hatten, aneinander gekuschelt auf dem Sofa. Noch und auch so ein Ritual von Veras Kindheit an. Die Platte mit der Aufnahme des Thomanerchors in Leipzig war so alt wie sie selber. Frohe Hirten, eilet ach eilet, eh ihr euch zu lang verweilet, eilt, das holde Kind zu sehn, geht, die Freude heißt zu schön, sucht die Anmut zu gewinne, geht und labet Herz und Sinnen. Sie hatten nicht die gesamte Platte abgespielt, das hätte ihnen zu lange gedauert, aber diesen Chor, diese Trompeten, das mussten sie hören mit geschlossenen Augen, entrückt und ganz und gar bei sich.

Vera fühlte sich rundum wohl. Ihre Mutter war seit über einer Stunde aus dem Haus. Vera war auf dem Sofa eingeschlafen. Jetzt musste sie zwischen einem Weihnachtsmann aus Schokolade und einer Tüte Erdnüsse wählen und sich dann die Platte auflegen, die sie vor ein paar Tagen von Maria geschenkt bekommen und noch immer nicht angehört hatte. Sie stand auf, riss einen Streichholz an, um die Kerzen auf dem kleinen Weihnachtsbaum, der auf einem Teetischchen stand, brennen und mit ruhigen Flämmchen leuchten zu lassen. Ihre Christnacht konnte beginnen.

Gadji stromerte durch die Straßen. Er war unruhig und wusste nicht, warum. Er fühlte sich wie einer der Köter, wie sie zu Dutzenden durch die Gassen Bakus strichen, und wie sie in den Hügel rund um die Stadt wilderten und des nachts heulten. Es war so still in dieser Nacht, in Berlin, auf der Welt. Hinter den Fenstern der Deutschen leuchteten die Weihnachtsbäume, und die Fernsehgeräte zuckten bläulich. Es musste sehr warm sein in den Zimmern – und zwischen den Menschen.

Einmal blieb er stehen. Die Gardinen der Verandatür eines Einfamilienhauses waren beiseite gezogen, Gadji konnte einer Familie bei ihrem Hauskonzert zuschauen; die Musik hören konnte er nicht. Der Vater spielte die Bratsche, die Mutter die Flöte, ein Junge in Gadjis Alter strich die Violine, und ein Mädchen, kaum jünger als ihr Bruder, saß an dem Klavier. Dass es sich um eine Familie handelte – es musste so sein, unstrittig. Gadji konnte sich keine andere Formation vorstelle, die an diesem Weihnachtstag, den die Deutschen begingen, als wären sie alle die Eltern oder Geschwister dieses Christkindes namens Jesus, in unendlich-freidfertiges Harmonie vereint war. Gadji fühlte sich einsam, verspürte aber keine Lust, heimzugehen.

Plötzlich stand er vor dem Mietshaus, in dem Vera wohnte. Er kannte den Weg, er war ihn schon ein paar Mal gegangen. Zu der Freundin in die Wohnung, wenn ihre Mutter über Nacht ausblieb. Gadji hatte den Weg nicht bewusst gewählt; seine Füße hatten ihn getragen. Sein Blick tastete die Fassade ab und blieb an dem Fenster, das zum Wohnzimmer der Lothringens gehörte, hängen; ein gelbliches Licht, ein Leuchtfeuer – für ihn? Gadji stand minutenlang vor der Haustür, bis er es wagte, den Klingelknopf neben dem Namen „Lothringen“ zu drücken.

*

Du musst verrückt geworden sein. Solche Musik, solche Töne, Geräusche. Pauken und Trompeten, der Marschschritt, als ginge eine Kompanie Soldaten durch den Wald, durch eine Schlucht. Hallend. Zwischendurch ein fröhlich jauchzendes Kind; oder ist das Kind nicht fröhlich, weil das Schicksal über es hinwegschreitet, es einsaugt, und es weiß noch nicht, was ihm im Leben blühen wird? Die Zeit geht mit Pauken und Trompeten, alles geht seinen Gang, dem Ende entgegen? Dem Tod. War es nicht ein großes Morden in dem Stück; war es nicht ein großes Morden zwischen Menschen, die nach Macht gierten und deren Ehrgeiz es war, andere Menschen zu beherrschen? Ein Mann ruft, als triebe er eine Herde Tiere (oder Menschen, ein fernes Menschen-Tönen ist zu hören) vorbei am Hörer, und sie verschwindet im – Nichts? Und wieder das Marschieren, Trompetensignale, wie sie in früheren Jahrhunderten die Armeen dirigierten? Die Männer weckten. Die Männer zu den Waffen riefen. Die Männer anspornten, loszuschlagen, Mann gegen Mann.

Warum?, fragte sich Vera, warum hat mir Maria diese Platte geschenkt? Warum diese Musik? Was will diese Musik? Was wollte mir Maria damit sagen?

Das marschiert, das dröhnt, das trompetet und paukt und – marschiert, marschiert, marschiert. Über Leichen hinweg, durch die Schlachten einer Zeit, die fern ist – oder ist sie nah? Du musst entschieden verrückt sein, diese Musik am ersten Weihnachtstag anzuhören? Wenn doch die Engel mit ihren hohen Stimmen melodisch jazzen. Wenn die Chöre hallen und das Jesus-Kind geboren wird und allen Menschen ein Wohlgefallen ist.

Vera las die Titel der Teile, in die „MacBeth“, gespielt von dem Orchester Laibach eingeteilt ist. „Agnus Dei“, das Lamm Gottes. „Wutan-Schlucht“; wo liegt die? Sie müsste im Lexikon nachschauen, vielleicht fände sie das Stichwort, wollte aber nicht aufstehen „10.5.1941“ – was, zum Teufel, war Besonderes an diesem Tag? Wen könnte ich danach fragen? „Exspectans exspectavos“ – weibliche Stimmen, sehnsüchtig oder warnend, darunter wieder das Treibende, Marschierende, das Fremde oder die Fremden, die Bedrohung oder die Bedrohenden? Exspectare, wusste Vera, hieß Warten, Abwarten; aber hieß es nicht auch, auf etwas gespannt zu sein oder etwas zu befürchten haben? Und „Conicidentia Oppositorum“ – ein Zusammenfall von Gegensätzen; wieder düster, schicksalhaft, als entkäme niemand der Rolle, die einem Menschen zugedacht ist und die nur Hexen voraussagen können oder Demagogen oder Hochstapler.

Gab es zwei Schichten in der Musik – wie im Leben? Das Treiben, das Getriebenwerden und der Versuch, sich einer Fessel zu entledigen? Die Musik selbst war wie eine Fessel. Eine rätselhafte Musik, die Vera als grässlich, ungeheuerlich, verwirrend – und als drängend, bedrängend, zwingend empfand. (Und da sage einer, Latein sei eine tote Sprache, dachte sie, die sich mit der Sprache seit drei Jahren herumschlug. Sie hatte den altsprachlichen Zweig gewählt, als sie sich für die „Alexander-von-Humboldt-Schule“ bewarb, weil sie Ärztin werden wollte. Ihr Lateinlehrer, Herr Siegel, kam allen, die bei ihm im Unterricht saßen, weltfremd und immateriell vor. Auch in diesen Monaten, in denen auf einem Regenbogen eine Republik der Anarchie errichtet wurde, geisterte Armin Siegel durch die Schule und spielte keine, schon gar nicht eine politische, Rolle.) Schließlich zogen rufende Männer vorüber, stießen aufeinander, in der Ferne – war das eine Schlacht, ein Schlachten, es klang, als verröchelten sie und erstickten an ihrem eigenen Blut. Oder war es das Lamm Gottes, dem ein scharfes Messer die Gurgel durchschnitt? Vera schüttelte sich, stand auf und stellte sich vor den Spiegel. Sie sah aus, als hätte sie eben einen Horror-Film überstanden. Die Augen groß und blutunterlaufen, sie fühlte sich verschwitzt und kalt. Als es klingelte, wusste sie nicht sofort, ob es das Telefon oder die Wohnungstür war. Sie schaute durch den Türspion – im Hausflur stand Gadji. Sie riss die Tür auf und fiel dem Freund um den Hals. „Du bist meine Rettung“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Und die Türschwelle war nur aus abgewetztem Holz und keine Grenze, kein Verbot – nur eine Schwelle, die ohne Scheu und Scham übertreten werden durfte.

Sonntag, 25. Dezember

Victoria fiel beinahe der Kochlöffel, von dem sie Sauce kostete, aus der Hand, als sie durch die geöffnete Küchentür einen jungen, sportlich gebauten Mann, über den Flur laufen sah; ihm hing ein Handtuch um die Hüften und sein Haar glänzte feucht vom Duschen. Sie hatte, als sie in der vergangenen Nacht spät nach Hause kam und ihre Tochter nicht beim Schlafen stören wollte, nicht bemerkt, dass sie einen Weihnachtsgast in der Wohnung hatte. Beim Schlafen stören, pah, von wegen.

„Guten Morgen“, grüßte der halbnackte Knabe. „Ich bin Gadji“.

„Auch dir einen guten Morgen“, erwiderte Victoria. „Schöne Weihnachten!“ Schöne Bescherung? Ach, als wäre sie jemals prüde gewesen; seit einem Tag in ihrem 15. Sommer nicht mehr, und auch davor nicht. Und sie rief ihm hinterher: „Isst du mit uns mit zu Mittag?“ Eine Antwort kam nicht.

Das gemeinsame Essen – es gab wie jedes Jahr Pute mit Grünkohl, ein Gericht, von dem sie noch Tage danach zehren würden – wäre um ein Haar ein Desaster geworden. Es war Veras guter Laune zu verdanken, dass sie es nicht sabotierte und unter Protest die Wohnung verließ. Als sie auf dem Weg zum Bad in die Küche abbog, um ihre Mutter zu umarmen, flüsterte die ihr zu: „Ich hab noch eine Überraschung für dich. Aber nicht böse sein. Ich hab Dominik zum Essen eingeladen.“

Für einen Augenblick erstarrte Vera. Jetzt entschied sich, ob die Erde zerbarst oder weiter durchs All trudelte, da entspannte sie sich. „Von mir aus“, sagte sie. „Er ist ja mein Vater. Und Weihnachten, naja.“
„Ich liebe dich“, reif Victoria ihrer Tochter nach; Vera zuckte einmal mit den Schultern und warf mit der rechten Hand locker einen unsichtbaren Schneeball nach hinten. Dominik kam und benahm sich väterlich. Er erkundigte sich nach Veras Fuß, fragte Gadji, seit wann er sozusagen zur Familie gehörte. Während Vera bei dieser Frage die Augen verdrehte, antwortete Gadji höflich, dass er und Vera seit ein paar Wochen echt befreundet seien. Dominik fragte, ob er etwas helfen solle. In der Küche oder den Tisch decken oder irgendwas. Woraufhin Victoria mit den Augen rollte und meinte, sie habe alles im Griff. Wie immer, sagte sie etwas spitz, aber auch sie benahm sich – mütterlich.

Dominik hatte ein Geschenk für Vera, eine kleine Nikkon-Kamera. Die sei idiotensicher, erklärte er, ziemlich der letzte Schrei auf dem Markt. Du musst so gut wie nichts einstellen. Keine Blende, keine Entfernung, natürlich könnte Vera auch per Hand zoomen – aber eigentlich nur „draufhalten und abdrücken“. Es sei schon phantastisch, was der Westen so technologisch zustande bringt. „Ist da schon ein Film drin?“, fragte Vera. War so; und Vera fotografierte, als sie am Tisch saßen, ihre Eltern. Dominik mit professionellem Lächeln; Victorias Lächeln geriet leicht verkrampft. Sie sollten nicht so steif da sitzen, sie seien keine Marionetten, und sie knipste das Paar, das keines mehr war (oder doch wieder eines werden sollte? „Im Leben nicht“, hatte ihre Mutter erst gestern gesagt; aber heute saßen sie bei Pute und Grünkohl zusammen und hielten Gadji schon für ihren Schwiegersohn. Weihnachten eben) –, drei Mal.

Nach dem Essen bot Victoria einen Weinbrand an, für den Magen, aber Dominik sagte, er würde lieber eine Tasse Kaffee trinken. Er müsste gleich los. Er hätte einen Auftrag angenommen („weil ich ja sozusagen alleinstehend bin und besser zur Verfügung stehe als Väter, die an diesen heiligen Tagen bei ihren Familien sein wollen“ – er zwinkerte seiner Tochter zu; Vera zog die Stirn kraus und sagte nichts) – er würde nach Potsdam fahren, um weihnachtliche Impressionen einzufangen. Für die abendliche Nachrichtensendung. Dienst sei eben Dienst und Schnaps, na und so weiter.

Als Dominik die Wohnung verlassen hatte, flüsterte Victoria ihrer Tochter zu: „Wetten, seine Freundin erwartet ihn!“

Exspectare, dachte Vera, aber sie flüsterte zurück: „Ist doch Wurscht. Er hat eine andere, du hast einen anderen.“

„Nicht mehr“, sagte die Mutter.

„Noch nicht wieder“, antwortete die Tochter. Sie sahen sich an und grinsten.

Eckhard Mieder

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