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Zur Kundgebung des Freundeskreises Ernst Thälmann Rot Front, Teddy!

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Kurz ein paar Worte zu meiner Person. Ich bin, seitdem die neofaschistische NPD im Jahr 2000 ihre Bundeszentrale in Köpenick eingerichtet hat, Sprecher des Bündnisses für Demokratie und Toleranz Treptow-Köpenick und in der dortigen Bezirksverordnetenversammlung Sprecher der Linksfraktion gegen Rechtsextremismus, denn wir haben auch die NPD dort zu sitzen.

Das ErnstThälmannDenkmal an der Greifswalder Strasse im Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin, aufgenommen am 14.2012  Soeren Stache
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Bild: Das Ernst Thälmann-Denkmal an der Greifswalder Strasse im Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin, aufgenommen am 14.04.2012. / Soeren Stache (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

19. April 2014

19. Apr. 2014

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Die beschimpfen mich als Berufs-Antifaschisten und ich stehe auf der Feindliste des Nationalen Widerstandes als Linkskrimineller, was mir auch einen Gewaltanschlag auf mein Wohnhaus im letzten Sommer einbrachte. So was kann einem „Linksextremisten“ und zivilem Ungehorsamen heutzutage hierzulande eben passieren. Wer sich mit denen anlegt braucht einen langen Atem, starke Nerven und eine stabile Familie im Rücken.

Für die bin ich eine Hassfigur. Der Hass der Nazis ist mein Ansporn und sicher für viele von euch auch. Ich meinerseits fühle keinen Hass auf die, nur abgrundtiefe Verachtung. Das ich für intolerante Menschen-, Demokratie- und Verfassungsfeinde keine Toleranz habe muss ich wohl nicht extra betonen. Also, hier spricht an einem symbolischen Ort der Mahnung ein bekennender Antifaschist von heute über den konsequenten, aufrichtigen, charismatischen Antifaschisten Ernst Thälmann, der mehrfach zur Antifaschistischen Aktion gegen die Nazibanden aufrief, schon bevor Ende Januar 1933 der Vorschlag der KPD zu einem Generalstreik gegen Hitler von der SPD abgelehnt worden war. Hier in Ziegenhals wandte er sich am 7.Februar 1933 gegen die Theorie des „Abwirtschaftenlassens“ der Hitlerregierung – das erinnert mich an Leute heute, die meinen das Problem der NPD würde sich irgendwann von allein erledigen.

Ich möchte über meinen ganz persönlichen Bezug zu Thälmann sprechen. Für mich gehört er gewissermassen zur Familie – nicht nur zur grossen Familie der Antifaschistinnen und Antifaschisten, zu der wohl alle hier gehören. Nein, symbolisch auch zu meiner eigenen. Mein Vater – Hans Jendretzky - gehörte als Leiter des Roten Frontkämpfer Bundes Berlin-Brandenburg zur Bundesführung des von Thälmann geleiteten RFB, zusammen mit Ernst Schneller, Willy Leow und Fritz Selbmann bis zum Verbot 1929. Um das nur schnell einzuflechten – der RFB war keineswegs eine „paramilitärische Schlägertruppe“ oder gar Bürgerkriegsarmee wie es bei Wikipedia behauptet wird, sondern eine mehrheitlich disziplinierte Schutzformation der KPD.

Die beiden hatten auch auf der parlamentarischen Ebene miteinander zu tun - mein Vater als KPD-Abgeordneter des Preussischen Landtags und Thälmann in der Reichstagsfraktion. Zum Führungsstil von Thälmann hat er sich zuletzt auf einer wissenschaftlichen Konferenz zum 100.Geburtstag von Thälmann im März 1986 in Berlin geäussert, das kann man bei Bedarf nachlesen.

Und insofern hat auch der Rot-Front-Gruss als ursprünglich interner Gruss des RFB für mich eine persönliche Bedeutung. Vielen von euch wird die Zeile aus dem Thälmannlied vertraut sein – „Thälmann ist niemals gefallen, Stimme und Faust der Nation“. Sicher, das ist grosses Pathos, heroisierend, ikonisierend, aber der Mann mit der geballten Faust steht eben für die Legende, den Mythos Thälmann, der trotz allem kein Heiliger und nicht nur der strahlende Kult-Held war, aber eben auch nicht die Unperson, zu der er heute gern gemacht wird.

Meine Mutter war in den 50iger und 60iger Jahren im Institut für Marxismus-Leninismus verantwortlich für den Nachlass von Thälmann, zu dem auch die Berichte der Thälmann-Kuriere gehörten. Das waren jene, die von der Verhaftung Thälmann im März 1933 bis September 1939 regelmässig Kontakt zwischen dem gefangenen Thälmann, seiner Familie und der Emigrationsleitung der KPD in Paris hielten. Sie reisten illegal nach Deutschland, trafen Rosa Thälmann und seine Anwälte, gaben Infos und Instruktionen weiter. Ihre Berichte wurden geheim aufbewahrt und nach Moskau weitergeleitet. Sie geben noch heute hochinteressante Einblicke in das Leben und Denken des Sonderhäftlings Thälmann.

Der Kurier, der diese lebensgefährliche Tätigkeit am längsten ausübte, hiess Walter Trautzsch. Die Mappen mit seinen mehreren hundert Seiten Berichten liegen vergilbt im Bundesarchiv und tragen den Aufdruck Vertraulich, das stammt noch aus DDR-Zeiten. Das Benutzerbuch weist nur wenige Namen aus, meine Mutter gehörte zu den intensivsten Auswerterinnen. In den 60iger Jahren war es ihr gelungen, den in Leipzig lebenden Trautzsch ausfindig zu machen und aufzuschliessen, nachdem der sich über Jahrzehnte an sein Schweigegelübde gehalten hatte. Wenige Jahre später starb dieser Kurier vereinsamt und nervlich zerrüttet von der jahrelangen Konspiration und ungerechtfertigten Verdächtigungen, er könne ein Verräter gewesen sein. Das Schicksal dieses Kuriers war eng mit dem Thälmanns verbunden. Für mich ist auch dieser Mann einer der stillen Helden, für die es leider keinen Platz in irgendeinem Museum gibt.

Und wenn jetzt von noch 50 lebenden unbestraften Aufsehern des KZ Auschwitz die Rede ist, dann möchte ich kurz daran erinnern, dass das feige hinterhältige SS-Mordkomplott - es gab ja auch gar kein Urteil gegen ihn - gegen Thälmann nie wirklich aufgeklärt und gesühnt wurde! Vor 80 Jahren war der Geburtstag Thälmanns der erste in der Haft und weitere 11 in der Hand der Nazis folgten. Kurier Trautzsch berichtete meiner Mutter von Körben voller Glückwünsche für Thälmann, die zu jedem Geburtstag im Gefängnis ankamen und wenn er uns hier heute sehen könnte würde er sich sicher auch freuen.

Rot Front, Teddy! Eine Gedenkstätte für dich kann man abreissen, aber die Erinnerungen an dich nicht! Die geballte Faust ist für mich auch kein Nostalgiegruss, sondern Symbol des gemeinsamen Handelns gegenüber den Herrschenden. In diesem Sinne die Faust hoch!

Hans Erxleben

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