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Warum die ‚herrschaftliche Rasse' heute in den USA regiert – und Europa nur noch zuschaut

Warum die ‚herrschaftliche Rasse' heute in den USA regiert – und Europa nur noch zuschaut Die letzte Krise des Sozialismus: Neuer Duktus im Klassengeschehen

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Politik

In seinem nachfolgend zitierten Fragment von 1887 zum Affekt- und Intelligenzen-Chaos beschreibt Nietzsche den Zustand des europäischen Menschen und fragt nach denjenigen Kräften, die ihn und sie aus seinem Dilemma führen.

Friedrich Nietzsche. Fotografie aus der Serie „Der kranke Nietzsche“ von Hans Olde, zwischen Juni und August 1899.
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Friedrich Nietzsche. Fotografie aus der Serie „Der kranke Nietzsche“ von Hans Olde, zwischen Juni und August 1899. Foto: Hans Olde (PD)

Datum 12. April 2026
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Der anschliessende Essay knüpft mit und gegen Nietzsche an diese Überlegungen an und zeichnet gedankliche Linien für das 21. Jahrhundert nach. Es wird ein neuer Zug der internationalen Kunst vor dem Hintergrund von Gegenwartsanalysen eingeführt. Es werden Künstlerinnen vorgestellt, die massgeblich an der Darstellung der proletarischen Klasse arbeiten. Der Schreibstil wechselt zwischen generischem Femininum und Maskulinum.

„Gesammt-Anblick des zukünftigen Europäers: derselbe als das intelligenteste Sklaventhier, sehr arbeitsam, im Grunde sehr bescheiden, bis zum Excess neugierig, vielfach, verzärtelt, willensschwach—ein kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzen-Chaos. Wie möchte sich aus ihm eine stärkere Art herausheben? Eine solche mit klassischem Geschmack? [...] Um sich aus jenem Chaos zu dieser Gestaltung emporzukämpfen — dazu bedarf es einer Nöthigung: Man muss die Wahl haben, entweder zu Grunde zu gehn oder sich durchzusetzen. Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. Problem: wo sind die Barbaren des 20. Jahrhunderts? Offenbar werden sie erst nach ungeheuren socialistischen Krisen sichtbar werden und sich consolidiren,—es werden die Elemente sein, die der grössten Härte gegen sich selber fähig sind und den längsten Willen garantiren können“ (Nietzsche)

Nietzsche erfasst hier einen Grundeindruck des Fin de Siècle, dessen Wiederkehr Peter Bürger vor 25 Jahren in einer Abhandlung zum Surrealismus beschreibt. In ihr beklagt er den fehlenden Willen sich ausdauernd mit einem Thema zu befassen (Bürger, 2000). 2017 rief der Philosoph Markus Gabriel zur Bekämpfung der letzten Elemente der untersuchten Geistesepoche auf und auch andere Autoren formulierten den drängenden Eindruck, dass sie an ihr Ende gelangt sei. Mindestens bis zu diesem Zeitpunkt scheinen die Auswirkungen der Postmoderne in einem destruktiven Begehren, das sich gegen Subjekt, Wahrheit und grosse Ordnungen richtet, ebenfalls spürbar gewesen zu sein (Dyk, 2012).
Es ist wohl nicht daran zu Zweifeln, dass dieser Verunsicherung eine eindringlichere Disziplinierung folgt, die uns der Militarismus der Zeitenwende samt kulturkämpferischer Soft Skills nach Innen beschert. Auch heute wieder befinden wir uns–die Länderteilung in den Umfragewerten zeigt es–nach einer „socialistischen Krise“, von der unklar bleibt, inwiefern sie für Nietzsche – wie für die Griechen – eine Entscheidungssituation nahelegt. Althussers Annahme zufolge verdeckte der Stalinismus lediglich die ernsthafte Krise des Marxismus, deren Begreifen ohne diese Blockaden eine Chance auf Erneuerung ist.

Was aber, wenn diese These für den real existierenden Sozialismus als Ganzen eine Trefferquote enthält? Was, wenn wir heute gleichsam rufen müssten: „Endlich ist [die Krise] sichtbar geworden und endlich beginnen wir ihre Elemente klar zu erkennen!“ (Althusser, 1978) Ob es demgegenüber wünschenswert ist, dass die jetzige „herrschaftliche Rasse“ – und mit Blick auf die USA ist der Ausdruck nicht von gestern – sich konsolidiert, ob die Härte gegen sich selbst das in der Art ist, wie sie dann doch wieder auferlegt wird, bleibt allemal so fraglich wie die bei Nietzsches Sprache genommene Vermutung, dass sich die stärkeren Naturen unter den Konservativen finden. Gerade ihrerseits ist mit sich ins Gericht zu gehen und langer Atem heutzutage unbekannt. Mit welchen Fixpunkten also haben wir das 20. Jahrhundert verabschiedet?

Zu referieren wäre vielleicht auf das, was uns fehlt. Denn der starke Arm, wie von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft berichtet wird, verflüchtigt sich:„Inder Bilderwelt der Arbeiterbewegung schlagen muskulöse Hünen mit der Faust auf den Tisch der Herrschenden, auch die Figur des Prometheus gehörte zu ihrem Inventar. Warum muten solche Bilder heute wie Folklore an?“ (Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft, 2019)

Weniger rhetorisch gestellt führt die Frage auf ein konkretes Problem, das Diane Reay als die Abwesenheit der Arbeiterklasse von den Repräsentationsmechanismen der Gegenwart fasst (Reay, 2017). Sie spricht über die letzten Dekaden seit 1990. Um diese Zeitkonstante zu illustrieren sei nur das Bild der Klasse erwähnt, wie es Albrecht Dohmann in seinen kurzen acht Jahren Institutsleitung den Autoritäten der DDR abgerungen hat (Dohmann, 1971).

Es sei erinnert an Fritz Eisels Der Mensch bezwingt den Kosmos und Willi Sittes immenses Porträt der eingebundenen Industriearbeiterschaft und Ingenieurskunst in Leuna 1969. Das alles–bis hin zu Hammer, Zirkel und Ährenkranz–war geprägt durch ein deutliches Augenmerk auf die produktive (und destruktive) Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur. 35 Jahre später wird nur noch der verdorrte Strauch einer feuilletonistischen Klassendebatte durch die bilderlose Wüste der Ikonomanie im Westen geweht, dessen Grenze immerhin von Berlin bis nach Cherson und fast Donezk vorgerückt ist.

Trotzdem: Das am Himmel einer Zukunft herauf beschworene Ideal, das sich in praktischer Parteipolitik wieder nur in die Stütze von Glaubenssätzen verkehrte, die ein „du sollst“ hervorbringen, dass nie zum „Ich bin“ wird (Löwith, 1956) – nicht demjenigen des Vogels, noch demjenigen der Genossinnen – kann mit Kommunismus in den Schriften seiner hervorstechendsten Denker genauso wenig gemeint gewesen sein, wie Nietzsche sich von einem solchen Endzustand der letzten Menschen abgrenzt (Nietzsche, 1930), um eine metaphysische Wiederkehr zum Sein zu erheben, die ihrerseits alles andere als ausgemalt aussieht.
Zu schreiben sein wird nun von einer anderen Barbarei (Benjamin, 1991) (Raulet, 2004), die diese Situation durchkreuzt. Sie schwankt zwischen einem unbedarften Kinderspiel und altertümlichen Möglichkeit sich Orientierung zu verschaffen, wobei kein objektives Ganzes uns leitet, zu dem nur abstrakt Zugang gewonnen werden kann. Lediglich die Gegenüber knien sich mit uns in den Sand:

Sabelo Mlangeni, Kurdwin Ayub, Stephanie Comilang und Liu Xiadong greifen nach einem Stock und kratzen uns die Umrisse eines konstruktiven Zugs in den Boden, die aus der globalisierten Kunstwelt hervorstechen als zeigten sie, was eher hinter den Rändern Europas wiederzufinden sein wird. Es selbst durchzogen von Prozessen der Peripherisierung, wie sie Stefanie Hürtgen beschreibt, müsste sich nach der Verschiebung des Westens Richtung Osten noch vor den Möglichkeiten der politischen Repräsentation verständigen über die Realität dieser inneren Fragmentierung (Hürtgen, 2020, 2021, 2024).

Der abstrakte Zugang zu einem von dort aus gesehenen Ganzen wurde nicht nur zurückgedrängt, sondern seine mit Einschränkungen blockierenden Aspekte bereits angedeutet. Was hat es dir zu bieten? Dieses Essay: Zu schreiben sein wird – und es hiess 2010 noch, dass der Kalte Krieg in den westdeutschen Museen in Blüte steht (Beaucamp, 2022) – von einer weichen Hand, die die Lebenswelt unter Bedingungen der Privatisierung beschreibt, eingefangen als Momente, in denen aufscheint, was auf dem dürren Boden genauso verloren gegangen war, wie aus der Vogelperspektive.

Nicht ohne Grund werden nachfolgend Bilder von Arbeiterinnen aufgerufen. Auf letztere besteht die Hoffnung, dass sie der Erfahrung: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.“ etwas entgegensetzen in einer ganz anderen Perspektive als der heroische Individualismus das vermag. Sie werden in marxistischer Theorie als eine Zusammenkunft von Handelnden und geschichtlichem Auftrag beschrieben.

Das historische Subjekt pariert die alles vereinheitlichende Selbstverwertung des Werts durch seine spezifische Position im Produktionsprozess. Dass es auch Nietzsche ist, der sich nach dieser Gegenkraft streckt, verdeutlicht sich an einer wesentlichen Funktion von Geld. Es ist dazu da Vermögenswerte anhäufen zu können und damit der materielle Widerspruch gegen sein amor fati tragischer Vergänglichkeit. Trotzdem wirken Reden von einer historischen Mission wie von Kadern aus dem vorigen Jahrhundert und der Klassenbegriff hat kaum an belastbaren Bestimmungen hinzugewonnen.

Die hier vertretene These ist, dass die Vogelperspektive vom Bund mit der Geschichte eher wusste als von der Subjektivität des Proletariats. Dieses Vorwissen artikulierte sich als eine Identifikation der objektiven Position des Proletariats mit seinem subjektiven Bewusstsein. Hiermit ist eine Annahme gemeint, die sich bis zu Lukács zurückverfolgen lässt und die davon ausgeht, dass durch die Stellung zu den Produktionsmitteln die Arbeiterinnen das richtige Bewusstsein zur Veränderung haben.
Die Folge war eine seinen Voraussetzungen gegenüber blinde Subjektwerdung, die auf der Repräsentationsebene durch vereinfachende Arbeitsmoral gestützt wurde. Der von Nietzsche bis in poststrukturalistische Theorie ausgelösten Erschütterung des Subjekts könnte eine komplexe Neukonstitution folgen. Zuversichtlich stimmt, dass es möglich ist die Künstler als einen Anfang wahrzunehmen, der die Einigung über den subjektiven Charakter der„Geplanten“ in einer durchdringenden Gestaltung ihrer „Ohnmacht“ entgegensetzt (Adorno, 1997), die die Klasse nicht in Reservearmee und Industrieproletariat, Überflüssige und Dienstleistende, People of Colour und diejenigen teilt, die am Wohlstand teilhaben, um Ausbeutung zu stabilisieren.

Sogar noch fernab einer allgemeinen Fragestellung nach der Darstellung zeitgenössischer Arbeitsumstände gibt Kurdwin Ayub mit Sonne (2022) Einblick in weibliche Adoleszenz in einer Plattenbausiedlung und kulturellen Verständigung im Schmelztiegel von österreichischem Lebensumfeld, irakischer Herkunft und US-amerikanischem Alternativ-Rock.

Die junge und gut ausgebildete Regisseurin zeigt wie der Bann der Öffentlichkeit neuer Medien den drei Hauptfiguren nicht nur Aufträge einbringt, sondern das Spiel mit kulturellen Codes über Einladungen und Communitys, Auftritte und Gespräche im Kennenlernen scharf an die Grenzen normativer Vorstellung gelangt. Die viel zitierten Echokammern rufen einen Konservatismus hervor, dem die Protagonistin immer entschiedener entgegentritt. Mond (2024) ist das Gegenstück einer Österreicherin, die über ihre Erfahrung in Martial Arts nach Jordanien kommt und dort drei Mädchen betreut, die in einem goldenen Käfig aufwachsen. Völlig ihrer Umgebung entrückt reist Sarah zu dem Haus der Familie und lebt für die nächsten Wochen isoliert in einem Luxushotel.

Der Bruder empfängt sie und sie beginnt ihre Arbeit als Kampfsporttrainerin, erfährt aber bald von den inneren Funktionsweisen der sehr wohlhabenden Verwandtschaften, über die allerhand Gerüchte existieren. Hier wie dort spielen Frauen proletarischer Herkunft die Hauptrollen in den Filmen Ayubs. Ihre Wege sich in der Gesellschaft zu etablieren führen in kurzweilige Anstellung als Personal Trainerin und zur selbstständig beworbenen Girl Group. Beide zeigen auf mit welchen Einschnitten solche Versuche heute verbunden sind und sperren sich letztlich der Integration in den bürgerlichen Konsens.

Sabelo Mlangeni legt mit My Story, Man Only, Invisible Woman und No Problem mehrere Werkserien vor, die die Lebensumstände und Proletarisierte explizit thematisieren, während andere seiner Arbeiten das Grossstadtleben oder ländliche Regionen in den Fokus nehmen. Anhand von Fotografien der verarmten weissen Arbeiterklasse beschreibt er, wie die südafrikanische Gesellschaft vor 1994 ins Jetzt hineinragt: „The hurtful and painful thing apartheid took from South Africans is
the experience of experiencing each other.“ (Allen, 2022)

Mlangeni widmet sich mit Sprachbarrieren diesem Milieu und zeigt an anderer Stelle Eindrücke, die in zumeist monatelangem Annäherungsprozess an einzelne Gruppen entstehen. Seine Fotografien sind nie in der Komposition zugeschnürte Erstarrungen, sondern öffnen auf gegenseitige Zuwendung und ufern aus in Aufnahmen, die uns klarmachen, dass die Akkumulation auf der Seite der Arbeit auf den Bezugspunkt Produktion verengt. Diesen Prozess vom unbehelligten Standpunkt der Kunst zu wiederholen würde ins Leere laufen. Gegenteiliges zu repräsentieren vermögen die Reihen des schwarzen Fotografen.

Stephanie Comilang ist eine kanadische Künstlerin mit philippinischen Wurzeln. Sie fertig installative Arbeiten mit Videos und Science Fiction Dokumentationen. Ihr Zugang zu Klasse ist geprägt durch Schiffsarbeiterinnen und Meereswelten. In Diaspora ad Astra parallelisiert sie das Raumschiff aus einem populären Science-Fiction-Roman mit dem Innenleben eines Schiffs und lässt einen Filipino seine Erfahrungen berichten. Search for Live 1 und 2 hingegen beschäftigen sich mit dem Jobwechsel von auf dem Meer tätigen und der nationale Grenzen überschreitenden Lebensweise von Bewohnern von Meereshütten auf Stelzen.

Ihr staatenloses Dasein und Leben von und mit dem Meer illegalisiert sie in bestimmten Regionen. Das hält aber niemanden davon ab weiter nach Perlen zu suchen oder fischen zu gehen. Ihre engagierte Kunst erweitert orthodoxe Widerspiegelungen auf eine Art um eigenständige Darstellungen, dass die Zuschauerinnen eine wahre Erfahrung der Proleten des Wassers machen.

In den realistischen Gemälden The Three Gorges Project tritt auseinander, was theoretische Einheit ist: Aufgabe und Personen. Liu Xiaodong vollzieht anhand des grössten hydroelektrischen Bauprojekts der Welt, von dem schon Mao träumte, eine Darstellung von displaced population (Christensen, 2006). Die gezeigten Personen halten als Landarbeiter eine Metallstange auf Höhe des zukünftigen Wasserspiegels vor einer unwirtlichen Landschaft. Die Farben sind gedrückt, ihre Gesichter verwittert, der Ausdruck zuweilen fast unbeteiligt vor der übergrossen Malerei, für die sie Porträt stehen, sowie dem monumentalen Staudamm. Gerade in der Besinnung auf Kunstkonzeptionen von Trotzki (Stünke, 1991) oder Benjamin (Benjamin, 1991), die sich vom Heroischen des sozialistischen Realismus absetzen, wird einem das Gemälde surreal angesichts der Erwartung einer Kraftstation im Gefälle der geistigen Strömung.

Alle vier Künstlerinnen unterscheidet von der letzten grossen Denktradition, wie sie die öffentliche Meinung durchkreuzen. Silke van Dyk beschreibt poststrukturalistische Theorien als Methoden herrschende Diskurse zu durchbrechen und Lücken zu betonen. Diese allerdings nicht zu füllen als Abweichung, um der Abweichung willen, bringt konträr einen getriebenen Aktivismus hervor, der die Differenz kultiviert und in Machtfragen doch wieder auf die unbedarfte Seite ausweicht! So hat die innere Verständigung der Klasse als Fragen nach ihrer Konstitution, die darüber entscheidet, inwiefern sie als Ganze handelt, ihre dialektische Kehrseite im Affektchaos, das Nietzsche beschreibt, um Verachtung zu lehren.

In der Subjektivierung einer ökonomischen Position steckt immer eine Skalierung auf Naheliegendes, was der Aufgabe einer Fundierung kollektiver Subjektivität fern liegt. Kreative Eigentherapie, private Anekdoten, die heute jede politische Aussage schmücken müssen, und die Herabsetzung zur Kritik am Klassismus statt einer Klassenanalyse sind das Pendant zum Plauderton, mit dem die upper class sich von „poor behaviour“, „rubbish schools“ und Armenvierteln abgrenzt (Reay, 2017): Sentiment ohne äussere Bezugspunkte. Falls sich der Individualismus, der von Nietzsches lebensphilosophischer Forderung sich selbst zu übertreffen herrührt, über die Postmoderne in die Jetztzeit fortsetzt, verkommt er zeitgenössisch zur Ich AG als dispositive Grundverfassung, die sich immer entleerter in das Selbstmarketing der Einzelnen fügt.

Die Rechte weiss diese Auslassungen zu nutzen. Ihr Wille zur Macht basiert auf einer neuen Struktur der Lüge, die im Unterschied zu Nietzsche sich nicht als Lüge identifiziert, weil die Wahrheit als eine Interpretierte immer schon das ist, sondern um Wahrheiten zu schaffen, die sich als solche behaupten können gerade, weil sie eine Lüge sind (Dyk, 2017).

Der objektive Charakter der Gegenstimmen pflegt im populistischen Bezug Beleg einer vermeintlich elitären Position zu werden. In diesem Fahrwasser unterliegt die rhetorische Logik einer Verselbstständigung, die das Politische kennzeichnet und heute bis zum Flüchtlingsstatus von weissen Südafrikanerinnen reicht, von denen das lose Mundwerk in blond behauptet, dass ihnen mit gesetzmässigen Enteignungen ein Genozid droht.

An dieser Innerlichkeit teilzuhaben, die das Opfer sein will, scheint fast so wahnsinnig als würde man in Hitler einen Kommunisten finden. Um den Beginn dieser Falschheit zu markieren ist „There Is No Alternative“ das ebenso wahr werden sollende Wort, mit dem ausgesprochen ist wie vorschnell das Führungspersonal des Neoliberalismus mit der Welt fertig geworden ist. Das wurde freilich 1989 noch einmal betont. Im Modus der Konkurrenz (Dürre, 2018) verfeinert sich seit dem das Hauen und Stechen in Klassenverhältnissen, deren Katalysator eine vom Staat dirigierte Abwertung ist.

Es verwundert nicht, dass die Lüge des Transformationsprozesses heute von einer „Alternative“ im parteipolitischen Spektrum fortgesetzt wird, die vor allem deutlich macht wie gleichgültig das unterschiedlich aufgegriffene Ende im Nichts seiner jeweiligen Sprache gegenüber steht. Die Linke weiss bis jetzt nicht darauf zu reagieren und wird von mehreren Seiten an einem Nullpunkt beschrieben. Vielleicht ist es dann hilfreich sich zu vergegenwärtigen, dass der europäische Nihilismus für Nietzsche ein Interregnum war, in dem das gute Gewissen es nicht mehr für zulässig hielt sich über die Begründungen seiner Handlungen zu täuschen. Mit Gott fiel die moralische Klammer gegenseitiger Bezugnahme.

Er fragt sich, ob die vordergründige Wahrnehmung dieses Ereignisses als offenes Meer, den Blick auf die zukünftig anhaltende Abfolge von Abbruch, Zerstörung und Untergang verstellt. Für diese Einordnung sagte er Jahrhunderte voraus und verweist nach Löwith trotzdem wie folgt auf die Schicksalswende: „Es dämmert der Gegensatz der Welt, die wir verehren, und der Welt, die wir leben, die wir sind. Es bleibt übrig, entweder unsere Verehrungen abzuschaffen oder uns selbst. Letzteres ist der Nihilismus.“ (Löwith, 1956)

Während wir an der Gegenseite also verdeutlicht bekommen, dass sie mit der Moral auch die gesamte Rechtschaffenheit ihres politischen Handwerks verloren hat, wird die Entscheidung zur Selbstdestruktion offensichtlich: Sie betrügt sich neuerdings wieder mit Gott. In diesem Zwielicht kann unterdes die Linke nur hoffen zu neuen Werten genötigt zu werden.
Quellenverzeichnis

Adorno, Theodor Wiesengrund: Reflexionen zur Klassentheorie In: Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt 1997 Allen, Sarah (Hg.): Tate Photography: Sabelo Mlangeni, London 2022

Althusser, Louis: Krise des Marxismus, Hamburg 1978

Ayub, Kurdwin: Sonne (2022); Österreich: Ulrich Seidl Filmproduktion Ayub, Kurdwin: Mond (2024); Österreich: Ulrich Seidl Filmproduktion

Benjamin, Walter: Erfahrung und Armut In: Tiedemann, Rolf (Hg.): Gesammelte Schriften Bd. 2, Frankfurt 1991 Benjamin, Walter: Der Surrealismus–Letzte Momentaufnahmen europäischer Intelligenz In: Tiedemann, Rolf (Hg.):Gesammelte Schriften Bd. 2, Frankfurt 1991
Beaucamp, Eduard: Jenseits der Avantgarde, Göttingen 2022

Bürger, Peter: Ursprung des postmodernen Denkens, Weilerswist 2000

Christensen, Thomas; Jacobson, Robin (Hg.): The Three Gorges Project, San 2006 Dohmann, Albrecht: Bild der Klasse, Berlin 1971

Dyk, van Silke: Poststrukturalismus. Gesellschaft. Kritik. Über Potenziale, Probleme und Perspektiven In: PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft, 42 (167), Berlin 2012

Dyk, Silke van: Krise der Faktizität? Über Wahrheit und Lüge in der Politik und die Aufgabe der Kritik In: PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft, 47 (188), Berlin 2017

Dürre, Klaus: Die Bundesrepublik–eine demobilisierte Klassengesellschaft In: Forum Marxistische Erneuerung e.V. und vom IMSF e.V. (Hg.): Z–Zeitschrift für marxistische Erneuerung, Frankfurt 2018

Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft: Klasse, Krise, Weltcommune, Hamburg 2019

Hürtgen, Stefanie: Arbeit, Klasse, eigensinniges Alltagshandeln In: PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft, 50 (198), Berlin 2020

Hürtgen, Stefanie: Alltagssubjekt Nord-Süd und Glokalisierung In: PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft, 51 (203), Berlin 2021

Hürtgen, Stefanie: Die Peripherie als Avantgarde, Arbeit, »Drittweltisierung« und transnationale Solidarität bei Maria Mies In: PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft, 54 (214), Berlin 2024

Löwith, Karl: Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen, Stuttgart 1956 Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra, Leipzig 1930

Raulet, Gérard: Positive Barbarei: Kulturphilosophie und Barbarei bei Walter Benjamin, Münster 2004

Reay, Diane: Miseducation: Inequality, education and the working classes, Bristol 2017 Stünke, Hein (Hg.): Leo Trotzki: Proletarische Kultur und proletarische Kunst, Berlin 1991

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