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Vom zwischenstaatlichen Krieg zum Krieg der Klassen

In Frankreich formiert sich eine institutionelle Alternative zum sterbenden Macronismus. Eine revolutionäre Alternative. Vom zwischenstaatlichen Krieg zum Krieg der Klassen

Anmerkungen zur Rückkehr der revolutionären Frage auf die Tagesordnung inmitten der Verwertungskrisen und ihren Kriegen

Datum 7. November 2026
Lesezeit17 min.
Demonstranten vor der Statue „Triumph der Republik“ auf der Place de la Nation am 17. Oktober 2026.
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Demonstranten vor der Statue „Triumph der Republik“ auf der Place de la Nation am 17. Oktober 2026. Foto: Suaudeau (CC BY 4.0 cropped)

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Nahezu alle Kommentare zu den Unruhen, die nun in ganz Europa (sogar in Österreich!) ausbrechen, sind so verfasst, als fänden sie nicht inmitten eines „stückweisen“ Weltkriegs statt, inmitten der Endphase der Schuldenwirtschaft und damit der US-Hegemonie; inmitten einer Welt, in der wir wie Schnitzel auf dem Grill braten werden; in Demokratien, die einen Völkermord bewaffnen, finanzieren und legitimieren, indem sie Tausende von Bomben und Drohnen gegen all jene abwerfen, die sich dem erneuerten Imperialismus und dem bewaffneten Kolonialismus des Westens nicht beugen wollen.

Versuchen wir, etwas Abstand zu den Ereignissen zu gewinnen und das Gesamtbild eines Klassenkampfes zu erfassen, der zum ersten Mal mit solcher Intensität in den Krieg der Herrschenden einbricht: Der „fond de l'air“ ist nicht mehr rot wie in den 1960er- und 1970er-Jahren, sondern erinnert vielmehr an die braune und schwarze Farbe der Hemden der Konterrevolution vor einem Jahrhundert, auch wenn sie mit den liberalen „Demokratien“ vermischt sind.

Viele junge Menschen, die am 17. Oktober auf die Strasse gingen, trugen eine „Gilet Jaune“-Weste, um ihre Kontinuität mit der Bewegung der „armen“ oder rasch verarmenden Arbeiter aus dem Jahr 2018 zu bekräftigen. Viele Aktionen des 17. Oktober verweisen auf deren Radikalität. Die Demonstration folgte nicht mehr den geordneten, langweiligen und vorhersehbaren Aufmärschen der Gewerkschaften und der institutionellen Linken, die rituell von Place de la République nach Place de la Nation im Osten von Paris ziehen, sondern breitete sich über die ganze Stadt aus, vermehrte sich in „wilden“ Demonstrationszügen und drang auf der anderen Seite der Hauptstadt in die Viertel der Reichen und Mächtigen ein, wo sie unter den Privilegierten Bestürzung auslöste („ wie können diese Penner es wagen“).

In der Stadt, die von den Immobilienrenditen der grossen Investmentfonds geplündert und in ein Museum und einen Vergnügungspark für Touristen verwandelt worden war und für einige Stunden in die Hände eines glühenden Magmas proletarischer Kräfte gefallen war, liess es sich besser atmen, auch wenn der Rauch der Tränengasgranaten in der Luft lag

Die Zunahme der Demonstrationen, die in die wohlhabenden Viertel zogen, war ein wichtiger Bruch, den die Gilets Jaunes eingeleitet hatten, doch der 17. Oktober stellt auch eine Zäsur zu den Kämpfen dar, die 2011 nach der Subprime-Krise und in den folgenden Jahren ausgebrochen waren (in Frankreich die Kämpfe um das Arbeitsgesetz, der Aufstand in den Banlieues, die Kämpfe gegen die Anhebung des Rentenalters, usw.), da sie unter einem Kriegssregime und im Rahmen einer Kriegswirtschaft stattfinden.

„Ce n'est qu'un début“ in dem Sinne, dass der bereits seit 2008 absehbare und seit einigen Jahren tobende Krieg zwischen Staaten in den verschiedenen Ländern als Klassenkrieg zurückkehrt und eine neue politische Phase einleitet, die wahrscheinlich lange andauern wird.

Der imperialistische Krieg stellt einen historischen Bruch dar, einen epochalen Sprung, der alle Machtverhältnisse zwischen den Staaten, aber auch zwischen den Klassen insgesamt neu definiert. Wie bereits im 20. Jahrhundert dauerte es einige Jahre, bis sich die Folgen des bewaffneten Konflikts auf dem Weltmarkt lokal bemerkbar machten. Die Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse zwischen den herrschenden Klassen und dem Proletariat verschärfen sich, die Kosten des Wettrüstens werden dem Proletariat aufgebürdet, und es hagelt Aufrufe zur Einberufung für den Krieg gegen Russland. Die herrschenden Klassen legen neue Rahmenbedingungen fest, in denen sich die Klassenkonfrontation abspielt und abspielen wird.
Der Krieg erfordert eine politische Beschleunigung, die sich deutlich von der technologischen Beschleunigung unterscheidet, in der sich das Schicksal des Kapitalismus entscheidet und in der politische Taktiken und Strategien dem Ausmass der aktuellen Auseinandersetzung angemessen sein müssen. Theorien und Analysen, die in den letzten 50 Jahren entwickelt wurden, sind plötzlich veraltet und unbrauchbar geworden. Endlich, mit dem Aufkommen einer Subjektivität, die bisher noch fehlte, kann man die Grenzen eines „schwachen“ kritischen Denkens und einer Geopolitik, die ausschliesslich von der Macht der Staaten ausgeht, hinter sich lassen und wieder vom Klassenkampf sprechen.

Wir können diesen epochalen Schritt und das, was dabei auf dem Spiel steht – worüber sich die Staaten und die herrschenden Klassen vollkommen im Klaren sind – nicht ausblenden: Der Krieg ist die reife Frucht der Widersprüche des Imperialismus, die sich jedoch als Gegensätze, als subjektiv angenommenen und konstruierten Strategien manifestieren.

Es ist nicht möglich, dem Krieg den Rücken zu kehren – eine Illusion, die die Naivität eines Exodus fortführt, der nie stattgefunden hat –, aber man kann stattdessen beginnen, über das mögliche Ende des Kapitalismus nachzudenken, das nicht durch innere Widersprüche eintreten wird, sondern nur durch den politischen Willen derer, die sich organisieren, um ihn zu stürzen. Damit wird die von vielen, darunter Fisher und Žižek, verbreitete Idiotie tatsächlich überwunden, wonach „es leichter ist, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“. Der Kapitalismus zerfällt vor unseren Augen, wird aber nur durch eine politische Initiative zu Fall gebracht werden.

Lassen Sie uns kurz den historischen Abschnitt nachzeichnen, den wir gerade durchleben, denn er wird uns mindestens zwei Koordinaten liefern, in denen sich der Klassenkampf in den kommenden Jahren abspielt und abspielen wird: Krieg und Finanzen. Es gibt zwei entscheidende Momente der neuen Akkumulationsweise, die gescheitert ist: der erste in den 1970er Jahren, als im Kapitalismus die Hegemonie von den Industriellen auf die Finanzkapitalisten überging; der zweite heute, wo das Scheitern der Finanzialisierung der Wirtschaft den Krieg als einzige Lösung offenlässt.

Man sollte eher von einer Schuldenwirtschaft als von Finanzen sprechen, denn ausgehend von der Verschuldung lässt sich das Verhältnis zwischen Gläubigern und Schuldnern formulieren, das den subjektiven Standpunkt und den politischen Willen hervorhebt, der die neue Form des Klassenkampfs prägt.

Die Zusammensetzung des Proletariats war schon immer von einer Vielfalt geprägt (Klasse, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit). Im industriellen Kapitalismus wurde sie durch das Verhältnis von Kapital und Arbeit totalisiert, im Finanzkapitalismus durch das Verhältnis von Gläubigern und Schuldnern, das die Arbeiterbewegung zunächst völlig aus dem Gleichgewicht gebracht und dann zerstört hat und den Marxismus in grosse Schwierigkeiten gebracht hat.

Es handelt sich um eine „Abstraktion“, die quer durch die „Klassen“ wirkt und stets versucht, diese zu totalisieren, ohne dies jemals ganz, sondern nur teilweise zu erreichen. Sie bildet eine gewaltige Maschine der Ausbeutung, des Raubes und der Plünderung jeglicher Art von Wert (nicht nur der Löhne, sondern paradoxerweise auch der Industriegewinne, aber auch des nicht lohnbezogenen Einkommens, der Ersparnisse, der staatlichen Steuerressourcen, der Sozialleistungen, usw.), die sich zur von Marx beschriebenen Ausbeutung der Arbeit, zur von Feministinnen theoretisierten Hausarbeit und zur in der dekolonialen Denkweise behandelten Knebelarbeit gesellt.

Fünfzig Jahre lang fand eine enorme Umverteilung von Reichtum vom gesamten weltweiten Proletariat hin zum Kapital statt, was zu Polarisierungen führte, die an die Zeit vor der Französischen Revolution erinnern. In diesem neuen Kapitalismus galt die Demokratie bereits in den 1970er Jahren als unvereinbar mit der Kapitalakkumulation.

Dieses von den USA aufgezwungene Akkumulationsmodell wurde in einem Europa nachgebildet, das der amerikanischen Hegemonie vollständig unterworfen ist. Frankreich hat sich, wie ganz Europa, rasch dieser Konterrevolution gebeugt, die nun ihre Unhaltbarkeit offenbart, indem sie die herrschenden Klassen immer aggressiver und grausamer werden lässt – bereit sogar zum Völkermord, um die westlichen „Werte“ zu retten.

Wir erleben nicht das Ende der „Herrschaft“ Macrons, der im Einklang mit dem Wesen des neuen Klassenkampfs wie ein „Monarch“ regiert hat, sondern das Ende des Finanzkapitalismus. Ihn als inkompetent zu brandmarken, wie es einige regierungstreue Zeitungen tun, um sich in letzter Minute abzugrenzen, ist ein politischer Fehler. Seine beiden Amtszeiten sind insofern ein Erfolg, als er die Logik der Schuldenwirtschaft, der Rendite und des freien Kapitalverkehrs, die 1983 von den Sozialisten eingeleitet wurde, zu Ende geführt hat. Er hat die sozialen Dienste (Schule, Gesundheitswesen, Sozialhilfe usw.) zerstört, um deren Privatisierung zu begünstigen; er hat Reiche und Unternehmen von der Steuerpflicht befreit und diese Last auf die Arbeit abgewälzt; er hat das Sozialsystem in eine Unterstützung für Unternehmer (die zudem von der Zahlung von Sozialabgaben befreit sind) und für Reiche umgewandelt; er hat die Arbeitslosenversicherung zerstört; er hat das Renteneintrittsalter weiter angehoben usw.

Er regierte ausschliesslich per Dekret, konzentrierte die gesamte Macht auf sich und festigte, sofern dies überhaupt noch möglich war, eine Fünfte Republik, die nur dem Namen nach demokratisch war, während er die Polizei in eine Aufstandsbekämpfungseinheit umwandelte. Er hat jegliche Vermittlung mit der Arbeiterbewegung abgebrochen, in der zynischen Erkenntnis, dass – da dank seiner Politik die 500 reichsten Familien des Landes 1996 6 % des BIP ausmachten und heute 46 % – kein Spielraum für einen Kompromiss besteht und kein Dialog mit den Forderungen der Bewegungen möglich ist. Er hat im Kleinen (im provinziellen Europa) das getan, was die USA im Grossen getan haben.

Auch die Explosion der Staatsverschuldung Frankreichs ist nicht seine Schuld, da sie strukturell in der Funktionsweise des Finanzkapitalismus verankert ist. Die Höhe der weltweiten Verschuldung (private und öffentliche Schulden zusammen betragen 350.000 Billionen Dollar) – dreimal so hoch wie das jährliche Weltbruttoinlandsprodukt – wächst zwangsläufig schneller als die nicht-spekulative Wirtschaft. Es ist daher materiell unmöglich, sie zurückzuzahlen, selbst wenn man dem weltweiten Proletariat jahrzehntelange Sparmassnahmen auferlegt.
Die Schuldenkrisen folgten in rascher Abfolge aufeinander (sie begannen in den 1980er Jahren in Afrika und Lateinamerika, griffen dann auf Russland und Südostasien über, kehrten erneut nach Lateinamerika zurück, um schliesslich mit den Staatsschulden und Griechenland in Europa anzukommen, und treffen nun das Zentrum des Imperiums), wobei sie in ganzen Ländern und Volkswirtschaften Zerstörung und Plünderung hinterliessen. Aus jeder Finanzkrise geht man mit einer noch grösseren Blase und mit untragbaren Kosten für deren Platzen hervor.

Wenn die privaten und öffentlichen Schulden in den USA alle Rekorde brechen, wenn die Spekulationsblase endlos weiterzuwachsen scheint, entscheiden sich der Staat und seine herrschenden Klassen für den Krieg: Da es nicht mehr gelingt, Reichtum mit den Hebeln von Kredit, Schulden und Finanzen zu schöpfen, wird dies mit Gewalt geschehen. Die imperialistische und kolonialistische Ausbeutung gesellt sich zur finanziellen Ausbeutung: Machtverhältnisse werden zu mafiösen Verhältnissen, die Streitkräfte werden eingesetzt, um sich Gold und Rohstoffe anzueignen, um Abgaben in Milliardenhöhe zu erpressen und um den Vasallen den Export ihrer Industrien in die USA aufzuzwingen.

Mit dem Krieg verflechten sich Zerstörung und Selbstzerstörung des Systems.

Die Lage des europäischen Proletariats verschlechtert sich weiter, denn Europa ist der grosse Verlierer des Konflikts zwischen den Grossmächten. Die Sparpolitik, der Abbau öffentlicher Dienstleistungen und die „grosse Lohnzurückhaltung“ setzen sich fort und verschärfen sich durch die von den USA auferlegte Rüstungspolitik, die beschlossen haben, eine der reichsten Regionen der Welt auszuplündern und sie wie einen Geldautomaten zu nutzen. Mit der Komplizenschaft der europäischen politischen Klassen wird die Rechnung für den Krieg in der Ukraine, für die Energiekosten infolge der Sabotage von Nord Stream 2 und für den Preisanstieg aufgrund des Krieges gegen den Iran vom europäischen Proletariat bezahlt werden.

Da Macron (Europa) die wie nie zuvor polarisierte Vermögensverteilung nicht antasten will, behauptet er, keinen Cent mehr zu haben, um auf die Forderungen einzugehen, die sich nur noch vervielfachen werden, und bereitet sich auf den sozialen Konflikt vor.

Die Polizei, die einzige mögliche Antwort auf die Forderungen der Bewegungen, verkörpert besser als andere Institutionen die untergehende Macht des Staatsapparats und des Kapitals. Dies wurde bereits in den 1920er Jahren von Walter Benjamin bemerkt, als der Faschismus im Entstehen war:

“Um die Sicherheit zu gewährleisten, greift die Polizei in unzähligen Fällen ein, in denen die Rechtslage unklar ist (...) Die Schande der Polizei liegt in der fehlenden Trennung zwischen der Gewalt, die das Recht begründet, und der Gewalt, die es bewahrt (...) Sie ist rechtsbegründend, weil das Merkmal dieser Art von Gewalt nicht darin besteht, Gesetze zu erlassen, sondern alle möglichen Verordnungen zu erlassen und dabei den Anspruch auf den Status eines legitimen Rechts zu erheben; und sie ist rechtserhaltend, weil sie sich den Zielen der bestehenden Ordnung zur Verfügung stellt.”

Ihre Stärke und ihre Macht werden in den genozidalen Demokratien des im Niedergang begriffenen Finanzkapitalismus vervielfacht, wo die liberale Gewaltenteilung praktisch zugunsten der alleinigen Exekutivgewalt abgeschafft wird. In dieser Kontinuität von Demokratie und Faschismus „zeugt“ die Polizei „von der grösstmöglichen Entartung der Gewalt“.

Die Subjekte, die sich in den Kämpfen konstituieren, werden nicht als politische Subjekte anerkannt. Nanni Balestrini hat ein Buch geschrieben, *Gli invisibili*, das sich mit einer (unsichtbaren) Generation befasste. Heute werden alle Klassen und sozialen Gruppen des Proletariats unsichtbar gemacht, verachtet und schuldig gesprochen. Selbst wenn sie sich auflehnen, werden sie nicht beachtet, denn der Konflikt in all seinen Formen wurde kriminalisiert. Die etablierte Macht hatte in den 1970er Jahren erklärt, dass es keine Alternativen gebe, auch keine institutionellen. Schäuble, deutscher Finanzminister, hatte zur Zeit des Überfalls der Gläubiger auf Griechenland die Dinge klargestellt: „Wahlen können die Wirtschaftspolitik nicht ändern.“
Eingeklemmt zwischen aktueller Stagnation, künftiger Rezession, äusserem Krieg und innerem Bürgerkrieg, Finanzkrise und Klimakrise, lehnen sich die Kämpfe gegen diese despotische Zukunft auf, die aus imperialistischer Verarmung, kolonialistischer Unterwerfung und dem Versprechen einer Wiedereinführung der Wehrpflicht besteht.

Frankreich hat eine lange Tradition – auch in jüngerer Zeit – von Kämpfen, die in den meisten Fällen mit Niederlagen endeten. Seit den 1970er Jahren ist es nicht mehr gelungen, ein für das Proletariat günstiges Kräfteverhältnis herzustellen. Die Kämpfe, auch die harten, waren allzu oft defensiver Natur. Diese Bewegung scheint einen neuen Horizont zu eröffnen: „quitter l'époque contemporaine“. Sie hat – weitaus mehr als die „Gilets Jaunes“ – als Kraft der Neugestaltung gewirkt und jene Subjekte mobilisiert, die die früheren Kämpfe belebt hatten; diese Kämpfe haben, auch wenn sie gescheitert sind, einen Schatz an Erfahrungen, Mobilisierungstechniken, Methoden der Platzorganisation und Forderungen hinterlassen, die sich am 17. Oktober faktisch und materiell – jenseits des Bewusstseins der Teilnehmer – summierten.

Der Kampf der Gelbwesten, die „Nahel-Generation“ und der Kampf um die Renten haben tiefe Ressentiments und Frustrationen hinterlassen, da sie keine Antwort und keinen Gesprächspartner fanden (eine Antwort, die der bewusst undialektische Kapitalismus nicht geben kann, während sich der Gesprächspartner der Vermittlung verweigert, da er sich der zu seinen Gunsten bestehenden Machtverhältnisse bewusst ist).

Der Bewegung ist es gelungen, den staatlichen Rassismus, der sich zur Zeit der Auseinandersetzung um den „Schleier“ muslimischer Frauen sogar in die „Linke“ eingeschlichen hatte, vollständig zu neutralisieren. Die rassistische Spaltung, mit der die Institutionen das Proletariat spalten wollten, wurde faktisch überwunden – die Bewegung der Gymnasiasten ging von den Überseegebieten aus, den Überresten des französischen Kolonialreichs, griff dann auf die Banlieues über und erreichte schliesslich die Innenstädte. Schwieriger wird es sein, das zu mobilisieren, was von der Arbeiterbewegung übrig geblieben ist, die im Finanzkapitalismus – zumindest seit 1995 – keine vorausschauende und mobilisierende Rolle mehr spielt und unfähig ist, in den neuen Formen der Arbeitskraft Fuss zu fassen. Ein symbolträchtiges Beispiel dafür ist das Misstrauen, um nicht zu sagen, die Feindseligkeit der Gewerkschaften gegenüber der weit verbreiteten, prekären und von Armut geprägten Arbeit der Gilets Jaunes.

Der von den Bürgermeistern für den 5. November ausgerufene Streik wird kein Bündnis zwischen „Studierenden und Arbeitern“ hervorbringen, sondern etwas anderes, das sich am 17. Oktober auf der Strasse gezeigt hat, wo die gesamte Vielfalt der Lebens- und Arbeitssituationen des heutigen Proletariats vertreten war.

Für die aktuelle Mobilisierung war der noch andauernde Völkermord an den Palästinensern von entscheidender Bedeutung – ein Völkermord, der von den Demokratien bewaffnet und legitimiert wird und der nicht nur das Kräfteverhältnis zwischen den Staaten verschoben, sondern auch den Widerstand von unten angeheizt hat, der sich nun auf die Innenpolitik auswirkt (wie im Falle des Krieges auch hier mit einer gewissen Verzögerung). Die Mobilisierung für Palästina hat die imperialistische und koloniale Frage, die in den europäischen Kämpfen oft fehlt, wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Sie hat die Grausamkeit und die absolute Gewalt der Demokratien aufgezeigt, die ihre Macht, ihre Rechte und ihre Sozialsysteme auf der Ausbeutung des Zentrums-Peripherie-Verhältnisses aufgebaut haben. Gerade aus dem in Palästina verübten Grauen hat sich das Bewusstsein verfestigt, dass dieses demokratisch-kapitalistische System nicht reformierbar ist.
Die subjektive Überwindung der vielen Spaltungen, durch die der Kapitalismus und der Staat das Proletariat zersplittert hatten, steht vor einer neuen, nicht einfachen politischen Aufgabe: die weiteren Veränderungen der Kräfteverhältnisse, die der andauernde imperialistische Konflikt mit sich bringt, zu erfassen und eine politische Antwort darauf zu finden, die auch die Bedingungen des internen Klassenkampfs bestimmen kann.

Der Moment, in dem die Bewegungen regelmässig besiegt wurden, fiel stets mit einer Eskalation des Konflikts bis zum Äussersten zusammen, als man sich der Macht als „Gesamtheit“ stellen musste. Nicht nur in Frankreich, sondern auch beispielsweise in Ägypten oder Chile kam es zur Niederlage, als die Intensität des Kampfes die Forderungen, aus denen er hervorgegangen war, überholt hatte und die Notwendigkeit einer radikalen Alternative aufzeigte. Das Problem ist nach wie vor völlig unbeantwortet.

Innerhalb der durch den Krieg eröffneten politischen Phase besteht die Alternative nicht zwischen Frieden und Krieg, denn für die gegeneinander antretenden Mächte steht nicht eine – objektiv unmögliche – Rückkehr zur Vorkriegssituation auf dem Spiel, sondern eine durch Gewalt erzwungene Neuverteilung der Machtverhältnisse zwischen Staaten und zwischen Klassen (Herrschenden und Beherrschten). „Frieden“ bedeutet den Frieden des Siegers und wird niemals die Abwesenheit von Krieg sein. Für eine Bewegung, die den Dingen auf den Grund geht, besteht die konkrete, reale Alternative nicht zwischen Unilateralismus und Multipolarismus, sondern wie immer in einem Weltkrieg zwischen „Sozialismus oder Barbarei“.

Wenn wir fünfzig Jahre lang einen stetigen wirtschaftlichen und politischen Rückschritt erlitten haben, erleben wir nun einen weiteren Sprung: Die herrschenden Klassen, die den Krieg gegen Russland vorbereiten, schüren weiterhin ihr Schreckgespenst und opfern das Leben anderer (ein französischer Admiral: „akzeptieren, die eigenen Kinder zu verlieren“, und Macron: „um den Preis von Blut, wenn es sein muss“), um den Westen zu verteidigen. An vorderster Front unter den potenziellen Opfern auf dem Altar der westlichen Werte stehen die jungen Gymnasiasten, die vor allen anderen begriffen haben, dass die Zukunft, die die Machthaber für uns planen, aus Krieg, Völkermord, Polizei, brennendem Land, der Integration des Faschismus in die Demokratie und sklavischer Arbeit bestehen wird. Sie sind sich bewusst, dass die Zukunft genau das sein wird, was sie selbst aufzubauen vermögen.

In Frankreich formiert sich eine institutionelle Alternative zum sterbenden Macronismus. Eine revolutionäre Alternative, ein Sich-zu-einem-revolutionären-Subjekt-Machen, das die Realität der Machtverhältnisse zwischen Staaten und Klassen auf weltweiter Ebene berücksichtigt. Kann das gelingen?

P.S.: Ein Text der Situationistischen Internationale aus dem Jahr 1966, gewidmet all den Idioten, die auf den Finger (das Schaufenster) schauen und nicht auf den Mond (den Kapitalismus):

“Die Schwarzen von Los Angeles ebenso wie die Banden jugendlicher Straftäter in allen fortgeschrittenen Ländern (...) nehmen die Propaganda des modernen Kapitalismus, seine Werbung für den Überfluss, wörtlich. Die Plünderung des Stadtteils Watts war Ausdruck der elementarsten Verwirklichung des entarteten Prinzips: „Jedem nach seinen falschen Bedürfnissen“, d. h. den Bedürfnissen, die gerade von jenem Wirtschaftssystem bestimmt und hervorgebracht werden, das die Plünderung ablehnt. Doch gerade, weil dieser Überfluss wörtlich genommen wird – in der Unmittelbarkeit erreicht, anstatt endlos im Wettlauf der entfremdeten Arbeit und in der Steigerung ständig aufgeschobener sozialer Bedürfnisse verfolgt –, finden die authentischen Wünsche ihren Ausdruck im Fest, in der spielerischen Selbstbehauptung, im Potlatch der Zerstörung.

Das Individuum, das die Waren zerstört, manifestiert seine menschliche Überlegenheit gegenüber diesen; es wird nicht Gefangener der willkürlichen Formen bleiben, die das Bild seines Bedürfnisses angenommen hat. Die Überflussgesellschaft findet in der Plünderung ihre natürliche Antwort. Und die Plünderung, die den sofortigen Zusammenbruch der Ware als solcher herbeiführt, offenbart auch die 'ultima ratio' der Ware selbst: die Gewalt, die Polizei und die anderen spezialisierten Apparate, die innerhalb des Staates das Monopol auf bewaffnete Gewalt innehaben.”

Erschienen am 30. Oktober 2026 auf Machina, ins Deutsche übertragen von Bonustracks.

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