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Wie der Kapitalismus zwei unterschiedliche Zustände des „Weltuntergangs“ hervorbringt

Wie der Kapitalismus zwei unterschiedliche Zustände des „Weltuntergangs“ hervorbringt Das Ende der Welt — für wen?

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Politik

Es überrascht kaum noch, dass sich die drohenden Krisen des Kapitalismus tatsächlich verwirklichen. Was der einen Seite längst bekannt war, offenbart sich der anderen nun schonungslos. Doch eines muss klar sein: Das Ende der Welt ist nicht für alle dasselbe.

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Kreuztragung. Foto: Hieronymus Bosch

Datum 10. September 2026
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Mit zunehmender Deutlichkeit wird die drohende Krise der kapitalistischen Gesellschaft wahrgenommen. Wie in einem grotesken Striptease sind wir Zeuge geworden, wie der Kapitalismus uns unmittelbar seine kritische Intimität enthüllt, die bislang durch die Gewänder des Scheins verborgen war. Was anfangs viele mit süssen Zukunftsversprechen zu überzeugen wusste, offenbart nach und nach seinen wahren bitteren Geschmack auf dem Gaumen der Massen — was jedoch keineswegs aus irgendeiner Inkohärenz überrascht.

In den Plänen des Kapitals zur hegemonialen Eroberung der Welt scheint es zunehmend offensichtlich, dass die Bewahrung seiner wahren Gestalt ad infinitum im Inneren jeglichen Scheins nie ein wirkliches Ziel war, sondern lediglich eine grundlegend notwendige Etappe in den Anfangsstadien der Konsolidierung seiner Hegemonie.

Das äussere Bild des „braven Jungen“ für immer aufrechtzuerhalten, hätte jedoch einen ständigen Energieaufwand erfordert, der sich allmählich als unnötig erweisen sollte, je unmöglicher sich jede echte Bedrohung durch Widerstand gegen seinen Status zeigte. Und seine Machtausübung hat sich derart konkretisiert, dass uns eine nicht kapitalistische Wirklichkeit so weit entglitten ist, dass sie im Horizont des Möglichen kaum noch existiert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Nidhogg, zuvor in den Wurzeln des kapitalistischen corpus verborgen gehalten, sich entschlossen nach aussen zeigte, die Ankunft des auf uns lauernden Ragnarök verkündend und ungeduldig erwartend.
Denn das Ende der Welt wird zu einer umso konkreteren Gewissheit, je näher es als Ereignis rückt. Ein Gedanke, der vielleicht jene Leserin oder jenen Leser erschreckt, die oder der sich bereits ernsthaft gefragt haben mag, ob wir nicht unsere eigene Auslöschung herbeiführen werden — durch einen dritten Weltkrieg, durch das Dahinsiechen unserer Körper infolge einer mit Mikroplastik und Pestiziden gewürzten Nahrung, durch die gnadenlose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ohne angemessene Wiederherstellung oder, letzten Endes, durch das Handeln weniger Männer, die aus einem unersättlichen, gierigen Hunger heraus immer grössere Stücke unserer eigenen Welt verschlingen.

Es ist tatsächlich ein erschreckender Gedanke. Die Vorstellung, dass Jahrtausende der Existenz der menschlichen Rasse vollständig der Nichtexistenz preisgegeben werden könnten durch ein Phänomen, das auf chronologischer Skala nur einen winzigen Raum unserer Geschichte einnimmt, ist eine allzu traurige Tatsache, um ignoriert zu werden — und noch trauriger wird sie, wenn wir bedenken, dass wir dabei Tausende anderer Lebewesenarten mit uns reissen werden, die, obwohl sie nicht einmal ein Drittel der Schuld an der menschlichen Zerstörung teilen, zu ihrem Unglück dasselbe Haus bewohnen, für das wir den Abrissbefehl erteilt haben.

Doch trotz dieser Worte müssen wir festhalten, dass sie nicht alle in gleicher Weise betreffen; denn das Ende der Welt ist nicht für alle dasselbe. Nun, würden wir diese Fragen tatsächlich so weiter nähren, wenn sie wirklich gemeinsame Anliegen aller Menschen darstellten? Es scheint sicher, dass wir, wäre dem so, bereits eine Art kollektives Bewusstsein darüber entwickelt hätten, was zumindest überdacht, objektiv unterbrochen werden müsste — was uns unweigerlich zu einer radikalen Ablehnung der kapitalistischen Ordnung selbst führen würde. Das gegenwärtige Szenario ist jedoch genau das Gegenteil.

Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen setzt sich unvermindert fort. Die natürlichen Ressourcen der Welt fliessen mit zunehmender Geschwindigkeit ab. Der „Fortschritt“ ist unaufhaltsam geworden. Das extreme politische Spektrum der anderen Seite wahrt längst nicht mehr die Zurückhaltung bei der Radikalität gewisser Reden. Die Schlussfolgerung scheint daher sicher: Das Ende steht unmittelbar bevor. Die Barbarei ist nicht mehr ein hypothetisches „Und wenn“, sondern ein konkretes „Jetzt“, das mit grosser Wucht ein „Und Ende“ mit sich bringt. Und nicht wie in Märchen; es gleicht eher einer grotesken Dystopie, in der, grösser als jedes während des Vorgangs hervorgerufene Gefühl, die Enttäuschung über den melancholischen Schluss eines „es war“ steht, samt dem frustrierenden Zweifel über ein „es hätte sein können“.

Es schmerzt das Ende derer, die niemals von jenem Zustand der Unterdrückung befreit wurden, dem sie in der Geschichte überantwortet wurden — übersetzt, im benjaminischen Sinne, in das Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten. Diejenigen, die siegen, halten historisch den Besitz der Machtinstrumente inne (verstehen Sie unter „Instrumenten“ sowohl materielle als auch nicht ausschliesslich solche — man könnte etwa von der Rolle der Affekte in dieser Bewegung sprechen), die, unter Siegern, die sich in Schüben abwechseln, wiederum jene in der ihnen zugewiesenen Position der Besiegten unterwerfen. Von jenen, die einen Teil dessen, was sie auf ihrem Land ernteten, dem König abtreten mussten, bis zu den heutigen Versklavten in Arbeitsverhältnissen, deren Ausmass und Arbeitszeit wenig Raum lassen für etwas anderes als ein blosses (und noch dazu schwieriges) Überleben.

Den Massen bereitet die Vorstellung vom Ende der Welt Unbehagen, da dieses Ende nicht den Abschluss dessen mit sich bringt, was nie etwas anderes war als Synonyme für die Unterwürfigkeit gegenüber ausgewählten Gruppen anderer Individuen. Es bereitet Unbehagen, weil das Ende der Welt der Ausgang eines Triumphzuges der Barbarei ist, der nicht mit dem Beginn einer neuen Zeit endete, sondern selbst das Einzige war, das je existierte. Es bereitet Unbehagen, weil die kleinen Siege, die von den Unterdrückten eingefordert wurden, nie in die vollständige Verwirklichung der Gleichheit unter den Menschen mündeten, sondern lediglich als Vorspeisen dienten, denen niemals der ersehnte Hauptgang folgte.
Es bereitet Unbehagen, weil das Ende der Welt die logische Schlussfolgerung des Kapitalismus ist, der seinerseits die Konzentration verschiedener vorheriger Momente der Unterdrückung darstellt, die nie eine Lücke für die tatsächliche Verwirklichung der Emanzipation liessen. Es bereitet Unbehagen, weil es eine entstellte Apokatastasis übersetzt, in der die Bestrafung vieler Individuen und die Rettung weniger geschieht — ironischerweise jener, die das Ende der Welt selbst herbeigeführt haben.

Und in diesem Ende, was geschieht mit dem Kapitalisten? Es gibt keine Schuld. Es gibt kein Leiden. Was wollten sie kaufen? Sie kauften es. Was wollten sie essen? Sie assen es. Die Orte, die sie kennenlernen wollten? Sie lernten sie kennen. Die Studien, die sie absolvieren wollten? Sie absolvierten sie. Die Möglichkeiten? Viele, und alle objektiv realisierbar. Ebenso wie bei den Königen, die täglich bequem assen, tranken und schliefen. Wie viele Könige starben mit einer echten Schuld über die während ihrer Herrschaft verübten Grausamkeiten?

Von der Höhe des Schlosses aus sahen viele die Bevölkerung nicht verhungern, und selbst hätten sie es gesehen, hätten sie keine Zeit für Klagen gehabt; die reich gedeckte Tafel lud unwiderstehlich in den Bankettsaal ein. Als konkretes Beispiel sei König Leopold II. genannt, der keinerlei Reue über die im Freistaat Kongo verübten Grausamkeiten zeigte. Nun, es verhält sich direkt proportional: Hätte die historische Barbarei jene, die sie förderten, wirklich gestört, wäre sie niemals verwirklicht worden.

Der Kapitalist wusste stets um die dem Kapitalismus selbst innewohnenden drohenden Katastrophen. Es ist naiv zu glauben, wir müssten ihn heute, in einer von einem hektischen Informationsfluss geprägten Epoche, über die exponentiell wachsenden ökologischen und sozialen Krisen aufklären. Alle Kapitalisten hatten von Anfang an volle Kenntnis davon. Und was kümmern sie diese Krisen wirklich? Was tatsächlich zählt, ist, ob es ihnen gelingt, sich auf der sicheren Seite zu halten, und wenn diese sie dann doch erreichen, kein Bedauern; sie haben stets dafür gesorgt, dass sich deren Ankunft gelohnt hat.

Traurig ist es für jene, die den unterspülten Grund bildeten, auf dem jene sich erheben konnten. Für diese, ja, ist das Ende traurig, ohne je den möglichen Jubel auf der anderen Seite genossen zu haben. So gross ist der Abgrund zwischen den einen und den anderen, dass es den einen ebenso schwerfällt, sich vorzustellen, wie das Leiden des Lebens auf der anderen Seite gewesen sein mag, wie es umgekehrt, eben aufgrund dieses Unterschieds in den gesetzten Existenzbedingungen, den anderen schwerfällt, sich vorzustellen, was jene dachten und fühlten, die die gesamte auf dieser Seite erlittene Barbarei verübten.

Heute, vielleicht mehr als in jedem anderen Moment der Menschheitsgeschichte, verlangt die Welt dringlich nach einer Revolution. Die menschliche Rasse übersteht nicht mehr als 100 weitere Jahre Kapitalismus. Unser Planet hält nicht mehr als 100 weitere Jahre Kapitalismus aus. Der Feueralarm wurde ausgelöst. Die proletarische Klasse, rechtmässige Erbin der Geschlechter, der Sexualitäten, der Ethnien und der Rassen, die von den jeweiligen Siegern zu jeder Zeit unterdrückt wurden, wendet sich heute mit Eifer der Befreiung zu.

Jetzt, da sich der bestialische Charakter des Kapitalismus dem breiten Publikum ohne jede Scheu offenbart hat, ist der Moment gekommen, mit gleicher Härte den wahren Ausnahmezustand einzufordern, von dem wir stets geträumt, für den wir stets gekämpft haben und den wir stets verdient haben. Gegen den Drachen werden wir Sankt Georg sein. Gegen die Hydra werden wir Herkules sein. Gegen die versperrten Wege werden wir Ogum sein.

Gegen die neoliberale Bourgeoisie, die sich heute durchsetzt, werden wir die Revolutionäre von jetzt sein. Wir müssen diejenigen sein, die, mehr als bloss Widerstand zu leisten, das Schachbrett der Welt umdrehen, auf dem das Kapital nur wenige Schritte davon entfernt ist, Schachmatt zu verkünden. Das Ende der Welt ist unmittelbar bevorstehend, aber erinnern wir uns: Bis hierher wurde es uns noch nicht gestattet, fern der über Generationen auf unseren Schultern lastenden Unterdrückung zu existieren. Wir müssen das Ende der Welt in ein Ende der kapitalistischen Welt übersetzen, um dann die neue Welt einzuweihen. Diese, ja, befreit. Es ist dies — oder es wird überhaupt keine Welt mehr geben.
Lucas Santos ist Studierender des Lehramtsstudiengangs Philosophie an der Bundesuniversität von Pernambuco (Universidade Federal de Pernambuco). Er war Stipendiat der wissenschaftlichen Anfängerforschung (Iniciação Científica) beim Conselho Nacional.

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