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Vortrag von John P. Clark: Joseph Déjacques leidenschaftlicher Materialismus

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Arbeit als leidenschaftliche Kreativität Joseph Déjacques leidenschaftlicher Materialismus

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Politik

John P. Clark würdigt in diesem Vortrag das holistisch-materialistische Denken des anarcho-kommunistischen Vordenkers Joseph Déjacque. Dieses führt er in seinem utopischen Buch L'humanisphère aus, das er 1858 im amerikanischen Exil verfasste.

De l'être humain mâle et femelle - Lettre à P. J. Proudhon.
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De l'être humain mâle et femelle - Lettre à P. J. Proudhon. Foto: infokiosques.net (PD)

Datum 25. Februar 2026
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KorrekturKorrektur
Ich persönlich finde die darin entfaltete Denkweise unglaublich spannend und inspirierend.

Allerdings braucht es etwas Hintergrundwissen über den Kontext, um sie nicht als esoterisch oder tiefenökologisch misszuverstehen. Der Materialismus unterscheidet Déjacques Perspektive nicht dem Wort, sondern dem Inhalt nach. Deutliche Anklänge an Charles Fourier hinsichtlich der Leidenschaften bzw. „Affekte“ (wie man heute sagen würde) gehen mit einer emanzipatorischen Forderung nach der Einrichtung der Gesellschaft zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse einher. Dies kann nur gelingen, wenn sie als Bestandteil und Durchlaufpunkte eines kosmischen Prozesses verstanden werden. Allen, die Lust haben, in Déjacques Denken einzusteigen, kann ich Clarks Text sehr empfehlen. Es folgt die deutsche Übersetzung (von mir) und darunter das englische Original.
JOSEPH DÉJACQUES LEIDENSCHAFTLICHER MATERIALISMUS

vorgestellt auf der Joseph Déjacque Bicentennial Conference
Sonntag, 11. Dezember 2022

Joseph Déjacques leidenschaftlicher Materialismus

Der Titel dieses Vortrags lautet „Joseph Déjacques leidenschaftlicher Materialismus”. Genauer gesagt könnte man ihn vielleicht als seinen „passionalen Materialismus” bezeichnen, um die zentrale Bedeutung hervorzuheben, die er ontologisch, kosmologisch, sozial, moralisch und psychologisch verschiedenen Formen der Leidenschaft und den Leidenschaften beimisst. Doch Déjacque war nichts weniger als leidenschaftlich in seinem Materialismus, also bleiben wir bei diesem Begriff.

Er beginnt sein grossartiges anarchistisches, visionäres utopisches Werk Die Humanisphäre mit der Erklärung: „Dieses Buch ist kein Dokument, es ist eine Handlung.” Er behauptet, dass es „voller Herz und Logik, voller Blut und Fieber ist … Dies ist ein Buch des Hasses, ein Buch der Liebe.”

Er verkündet, dass er qualifiziert ist, ein solches Buch zu schreiben, eine solche leidenschaftliche Handlung auszuführen, weil er ein ausserordentlich leidenschaftliches Wesen ist: „Ich habe alle Leidenschaften, … ich verstehe alle Begierden, … als jemand mit vielfältigen Leidenschaften hoffe ich, mit der menschlichen Gesellschaft mit einer gewissen Chance auf Erfolg umgehen zu können, denn ein guter Umgang mit ihr hängt ebenso sehr von der Kenntnis der eigenen Leidenschaften ab wie von der Kenntnis der Leidenschaften anderer.“

Déjacques einleitende Behauptung ist eine Ablehnung der konventionellen Auffassung von autoritativer Autorschaft und objektiver Wissenschaft. Es ist vielmehr die Ablehnung von Autorität und Objektivität zugunsten einer bestimmten Art von Authentizität, der Authentizität von Affekt und Zwischen-Sein. Es ist eine Bestätigung der Subjekt-Objektivität, eine Offenbarung universeller Singularität.

Was bedeutet „Leidenschaft“ für Déjacque? Wie zu erwarten, beinhaltet sie eine Dimension von Pathos, aber noch tiefer ist sie ein Ausdruck von Eros. Dieser Eros erscheint am umfassendsten als eine kosmische Kraft, die sich auf jeder Ebene des Seins manifestiert, universell, besonders und einzigartig. Der Begriff „Liebe“ könnte in einigen seiner Passagen durch „Leidenschaft“ ersetzt werden. In anderen Fällen lässt sich die Bedeutung vielleicht am besten durch „Zuneigung“ vermitteln.

Wenn wir die griechische Wurzel „path-“ als „erleben, durchleben, leiden“ im Hinterkopf behalten, können wir diese unterschwellige Pathos-Komponente, Leidenschaft als Zuneigung, im Kontext eines übergreifenden erotischen Drangs verstehen, Dualismus, Trennung und Spaltung zu überwinden und Erfüllung, Blüte, Ganzheit und Vereinigung zu erreichen, die nicht in einer erreichten abstrakten Einheit, sondern in dynamischer Vielfalt und Unterschiedlichkeit zunehmend verwirklicht wird.

Leidenschaftliche materialistische Ontologie

Déjacque könnte in gewisser Weise als Vorläufer des sogenannten „Neuen Materialismus“ angesehen werden, obwohl er dies zweifellos als eines der blutleersten und unaufgeregtesten Vermächtnisse seines leidenschaftlichen Materialismus betrachten würde.
Ein populärer Artikel über diesen „Neuen Materialismus” sagt, dass eine „Art de facto Motto” der Bewegung Materie als „lebendig”, „lebhaft”, „vibrierend”, „dynamisch”, „agierend” und somit aktiv darstellt. Er bezeichnet sie auch als „nicht-anthropozentrischen Realismus”, der eher ontologisch als epistemologisch ist und die „intrinsische Aktivität der Materie” betont. Insofern Déjacques Materialismus einige dieser Grundsätze nachdrücklich vertritt, bin ich versucht, ihn als „neuen Materialismus auf Steroiden“ zu bezeichnen. Wenn man jedoch bedenkt, dass es sich um Déjacque handelt und dass er The Humanisphere in den 1850er Jahren im Vieux Carré von New Orleans geschrieben hat, bin ich noch mehr versucht, ihn als „neuen Materialismus auf Absinth“ zu bezeichnen.

Déjacque ist sich über die materialistische Grundlage dieses Gedankens ganz im Klaren. „Materie ist alles“, sagt er. Ebenso klar ist ihm, dass sein Materialismus ein vitaler Materialismus ist. Wie er es ausdrückt: „Alle Materie ist belebt.“ Wie wir sehen werden, ist eines der Hauptmerkmale aller Materie die Bewegung, während ein weiteres Merkmal oder eine weitere Dimension dieses Merkmals die Bewegung hin zu ist, eine Tendenz zur Entwicklung und Entstehung.

Darüber hinaus ist Déjacqués Materialismus ein nicht-dualistischer, der weniger als reiner und einfacher ontologischer Monismus beschrieben werden sollte, sondern eher als Ontologie der Einheit in der Vielfalt, was manchmal, ob zu Recht oder zu Unrecht, als „Monopluralismus“ bezeichnet wird. Déjacque geht nicht nur über den Monismus hinaus, sondern lehnt auch alle traditionellen metaphysischen Dualitäten ab, wie beispielsweise die zwischen Seele und Körper, Geist und Materie. Er behauptet, es gebe vielmehr eine „Einheit der Substanz”. Wie wir sehen werden, gibt er eine anti-substantialistische Darstellung der Natur der Substanz, sodass wir genauer sagen könnten, dass er eine Einheit des Prozesses oder eine Einheit der Entfaltung dynamischer, pluralistischer Materialität behauptet.

In einer sehr interessanten Passage, die sowohl für die Fragen des Anthropozentrismus als auch des Egozentrismus relevant ist, erklärt Déjacque: „Es ist nicht der menschliche Körper in seiner kleinen Gesamtheit, der die Myriaden von Atomen, aus denen er besteht, erschafft und lenkt; vielmehr sind es diese Atome, die ihn erschaffen und lenken, indem sie sich entsprechend ihren leidenschaftlichen Anziehungskräften bewegen. Der Mensch ist keineswegs ihr Gott, sondern kaum mehr als ihr Tempel: Er ist der Bienenstock oder Ameisenhaufen, der von diesen unzähligen Scharen des Unwahrnehmbaren belebt wird.“

Diese Sichtweise ist eine Ablehnung sowohl der konventionellen anthropozentrischen Ontologie als auch des rationalen Ego-Modells der Erkenntnistheorie, ganz zu schweigen von der entscheidenden ontologischen Implikation, dass substanzielle Objekte oder Dinge eine grundlose Illusion sind. Für Déjacque leitet die unbewusste leidenschaftliche Bewegung der winzigen Elemente des Aggregats, die wir üblicherweise als „Ding“ oder „Objekt“ bezeichnen, das Handeln, das auf diesen höheren Organisationsebenen wahrgenommen wird. Somit gibt es in Déjacques Denken eine gesunde Dimension der objektorientierten Ontologie.

Déjacque theoretisiert, dass in den gerade beschriebenen zusammengesetzten Körpern die Moleküle umso „mechanischer” und „mit mehr Trägheit” agieren, je früher sie im Prozess der evolutionären Entwicklung auftreten. In dem Stadium, in dem das Gehirn entsteht, wird die Bewegung jedoch „schneller und intelligenter” und damit implizit organischer und lebendiger.
Dies gilt überall dort, wo sich das Gehirn entwickelt, im Gehirn von Lebewesen, insbesondere auch im menschlichen Gehirn, im „Gehirn des Planeten“, das sich insbesondere in den Gehirnen der Mitglieder der menschlichen Spezies konzentriert, oder in den hypothetischen Gehirnen von Wesen, die weiter entwickelt sind als der Mensch. Déjacque vertritt auch die Auffassung, dass die Ebene der molekularen Bewegung oder Belebung vier Organisationsebenen entspricht, die er als mineralisch, pflanzlich, tierisch und menschlich bezeichnet, womit er vielleicht die Idee der Grossen Kette des Seins oder Scala naturae aufgreift, aber gleichzeitig versucht, ihre archaischen Implikationen zu beseitigen.

Nach Déjacques Geophilosophie ist die Menschheit nicht der einzige Gipfel aller Fortschritte und Entwicklungen, sondern vielmehr Teil eines grösseren evolutionären Dramas, das sich gerade entfaltet. Der menschliche Teil der Geschichte muss im Kontext der Geschichte der Erde interpretiert werden. Déjacque merkt an, dass wir die „Physiognomie” und die „Physiologie” der Erde kennen, fragt aber: „Wer hat sich mit ihrem psychologischen Organismus beschäftigt?” Er antwortet: „Niemand” und erklärt sich bereit, diese Herausforderung anzunehmen. Er schlägt vor, dass die Menschheit vielleicht als „Gehirn” des „terrestrischen Globus, der ebenfalls ein lebendiges Wesen ist”, betrachtet werden könnte.

Der Mensch könnte dann als „das Molekül der planetarischen Intelligenz angesehen werden, das unter dem riesigen Schädel seiner atmosphärischen Ringe funktioniert”. Dieses Konzept lässt sich mit Elisée Reclus' Idee vergleichen, dass „die Menschheit die Natur ist, die selbstbewusst wird”, aber in Déjacques Version erhält das Konzept eine noch tiefere Bedeutung als Teil eines grösseren Prozesses, der von der kosmischen bis zur mikrokosmischen Ebene wirkt.

Evolution als leidenschaftliche Bewegung

Déjacques leidenschaftlicher Evolutionismus verleiht den konventionelleren Vorstellungen des 19. Jahrhunderts vom Fortschritt eine starke ontologische, kosmologische und leidenschaftliche Wendung. Sein evolutionärer Materialismus kommt in seinen Aussagen gut zum Ausdruck, erstens, dass „Bewegung das Attribut der Materie und Fortschritt das Attribut der Bewegung ist“, und zweitens, dass „die Bewegung im Unendlichen unendlicher Fortschritt ist“. Wie bereits erwähnt, lehnt Déjacque die Idee einer Dualität zwischen Geist und Materie oder Körper und Seele ab. Die nicht-duale Substanz des Universums lässt sich besser als Prozess beschreiben als durch die traditionelle Vorstellung einer essentiellen, beständigen Substanz, die nicht-essentielle, sich verändernde Eigenschaften besitzt. Déjacques Endziel ist, in seinen recht eindrucksvollen Worten, „eine unendliche Einheit aus stets veränderlicher und stets beweglicher Substanz“.

Seiner Ansicht nach implizieren diese Eigenschaften der Veränderlichkeit und Beweglichkeit (vielleicht könnte man auch „Plastizität“ sagen) „Vollkommenheit“. Er sagt, dass „die unendliche und ewige Substanz durch ewige und unendliche Bewegung ständig und universell transformiert wird. … Durch eine aufsteigende und kontinuierliche Zirkulation wird sie allmählich und ständig von der fast vollständigen Trägheit des Festen zur subtilen Beweglichkeit des Flüssigen erhoben.“ Er erklärt weiter, dass sie „sich ständig immer reineren Affinitäten annähert“ und „sich immer inmitten eines Reinigungsprozesses befindet“.

Bewegung ist für Déjacque entwicklungsbezogen, nicht etwas, das ausserhalb des Wesens der Substanz liegt, sondern etwas, das der Art des Seins der Substanz innewohnt, die Werdung ist. In Übereinstimmung mit diesen Vorstellungen von Abstufungen materieller Substanz und einer fortwährenden Bewegung in Richtung „Reinigung“ oder Verfeinerung schlägt er nicht nur eine nicht-dualistische Sichtweise von Materie und Geist vor, sondern eine emergentistische. Obwohl er weiterhin konsequent behauptet, dass alle Realität materiell ist, erklärt er, dass „das, was wir Materie nennen, roher Geist oder Seele ist; das, was wir Geist oder Seele nennen, ist bearbeitete Materie“.

An einer Stelle seiner Ausführungen zur Ontologie diskutiert Déjacque die Frage nach dem Absoluten. Ich möchte diesen äusserst faszinierenden Abschnitt zitieren. Darin argumentiert er:

mit Bewegung kann das Absolute nicht existieren; es ist so, dass die Individualität des Menschen und der Menschheit, wie die Individualität aller atomaren und siderischen Wesen, nicht einen einzigen Augenblick lang ihre absolute Persönlichkeit bewahren kann, dass die Bewegung sie unaufhörlich revolutioniert und ihnen ständig etwas hinzufügt und etwas wegnimmt; dass wir alle, Mineralien, Pflanzen, Tiere, Menschen und Sterne, nicht wissen würden, wie wir in uns selbst und aus uns selbst heraus leben sollen; dass es kein Leben ohne Bewegung gibt und dass Bewegung eine unendliche Transformation des Endlichen ist…

Zunächst einmal beeindruckt mich Déjacques Verwendung des Begriffs „wir alle“, „nous tous“. Selten ist der Geist, der „wir Mineralien“, „wir Pflanzen“, „wir Tiere“, „wir Menschen“, „wir Sterne“ denken kann. Es gibt noch mehr zu sagen über Déjacques Überwindung nicht nur des Anthropozentrismus, sondern auch des engen Egoismus. Der springende Punkt ist jedoch, dass Déjacque das klassische „Absolute“ der dogmatischen Philosophie und Theologie zugunsten einer anderen Art von Absolutem ablehnt. Das von ihm abgelehnte Absolute ist das statische Absolute, das reine, ewige, vollkommene Wesen, der unbewegte Beweger, die transzendente Arkhé. Stattdessen schlägt er ein Absolutes vor, das nicht absolut ist, was eine andere Art ist, seine universelle, aber substanzlose Substanz zu beschreiben. Déjacques Absolutes ist ein unbeständiges, sich ständig veränderndes, sich ständig bewegendes, sich ständig entwickelndes Wesen, das ein Zwischenwesen und ein Werden ist. Man könnte sogar sagen, dass es ein widersprüchliches Absolutes ist. Man kann mit Sicherheit sagen, dass es ein leidenschaftliches Absolutes ist.

Leidenschaftliche materialistische Kosmologie

Eines der wichtigsten Konzepte in Déjacques leidenschaftlichem Materialismus, der Circulus, wurde vom französischen Philosophen und politischen Ökonomen Pierre Leroux übernommen. Leroux wurde zu seiner Zeit wegen seiner Idee (die damals als äusserst bizarr galt), menschliche Exkremente als organischen Dünger wiederzuverwerten, weithin verspottet. Heute gilt er jedoch als bedeutende Figur in der Geschichte des (nicht-orthodoxen) Sozialismus und verdient als Vorläufer des Ökosozialismus grosse Anerkennung. Leroux' Konzept des Circulus ist in Wirklichkeit eine allgemeine Theorie zur Integration menschlicher Aktivitäten in die natürlichen Regenerationsprozesse der Erde und wurde als solches zu einem zentralen Bestandteil von Déjacques Kosmologie und sozialen Ontologie.

In seiner Erklärung des Circulus bemerkt Déjacque: „Das Leben (und tatsächlich die gesamte Realität) ist ein Kreis, in dem wir weder Anfang noch Ende finden können, denn in einem Kreis sind alle Punkte des Umfangs der Anfang oder das Ende.“ Er lehnt damit nicht nur eine dualistische Ontologie ab, sondern übernimmt auch eine Version der Lehre von den inneren Beziehungen, in der alle Wesen die Natur aller anderen Wesen ausmachen und daher nicht als letztlich getrennte Dinge oder Substanzen betrachtet werden können. Déjacque beschreibt das Universum als ein System von „Kugeln, die frei im Äther zirkulieren, von diesen zärtlich angezogen, von jenen sanft abgestossen, alle nur ihrer Leidenschaft gehorchend und in ihrer Leidenschaft das Gesetz ihrer beweglichen und ewigen Harmonie findend“. Hier sehen wir den kosmischen Eros, der sich durch Anziehungs- und Abstossungskräfte ausdrückt, die zu einer dynamischen Harmonie tendieren. Der Kosmos kann somit letztlich auf allen Ebenen als eine „anarchische Ordnung“ angesehen werden, die eine „universelle Ordnung“ ist.

Déjacque leitet aus diesen ontologischen Behauptungen anti-archische Schlussfolgerungen ab. Er behauptet, dass „der Circulus in der Universalität die göttliche Autorität entthront und ihre Negation beweist, indem er die Bewegung beweist, so wie der Circulus in der Menschheit die staatliche Autorität des Menschen über den Menschen entthront und sie als absurd beweist, indem er die Bewegung beweist“. Déjacques Argument ist, dass sowohl die Vorstellung eines patriarchalischen Gottes als privilegierter Ursprung, der über der kosmischen Bewegung und Veränderung steht, als auch die Vorstellung des Staates als souveräne Macht, die über der sozialen Bewegung und Veränderung steht, durch die konkrete, materielle Universalität von Bewegung und Veränderung widerlegt werden. Für Déjacque „sollten die Menschen ebenso wie die Himmelskörper anarchisch in der Universalität zirkulieren, unter dem alleinigen Antrieb von Sympathien und Antipathien, gegenseitigen Anziehungskräften und Abstossungen“. Diese anarchische Zirkulation ist alles, was für die soziale Ordnung und die Verwirklichung des Guten notwendig ist.

Leidenschaftliche materialistische Sozialtheorie

In der guten Gesellschaft, der Humanisphäre, entsteht Ordnung nicht durch Herrschaft mittels Zwang oder Indoktrination, nicht durch Arkhé, sondern durch die mutualistische Interaktion der anarchischen, leidenschaftlichen Kräfte des Begehrens und der Liebe. „Die Liebenden, die Geliebten, wollen in ihrer Liebe wachsen und sich durch die Liebe vermehren.“ Die Grundlage solcher sozialen Gefühle (wir könnten sagen, ihre materielle oder natürliche Grundlage) ist die kosmische Kraft des Eros, „das Naturgesetz der Anziehung“, das auf jeder Ebene des Seins wirkt. Die Humanisphäraner, sagt er, werden sich „bewusst sein, dass Harmonie nur durch das Zusammenwirken individueller Willenskräfte entstehen kann, dass das Naturgesetz der Anziehung das Gesetz für das unendlich Kleine wie für das unendlich Grosse ist, dass nichts, was gesellig ist, sich ohne dieses Gesetz bewegen kann, dass es der universelle Gedanke, die Einheit der Einheiten, die Sphäre der Sphären ist“.

In einer Gesellschaft, die auf freier Vereinigung nach leidenschaftlicher Anziehung basiert, werden die herrschenden Formen der Herrschaft als nutzlos und destruktiv angesehen und daher vollständig abgeschafft. „Die Familie [womit Déjacque die patriarchalisch-autoritäre Familie meint] und das rechtliche Eigentum sind tote Institutionen.“ Die Gemeinschaft wird zur Grossfamilie, „eine und unteilbar“, und das Eigentum wird gemeinschaftlich, „eins und unteilbar“. Dennoch wird es bei der Verwaltung dieser Gemeingüter ein Gleichgewicht zwischen dem Gemeinschaftlichen und dem Persönlichen geben. Déjacque erklärt: „Alles, was das Werk von Armen und Intelligenz ist, alles, was Gegenstand der Produktion und des Konsums ist, gemeinsames Kapital, kollektives Eigentum, gehört jedem und allen.“ Auf der anderen Seite gehört alles, was in die persönliche Dimension fällt, „alles, was das Werk des Herzens ist, alles, was im Wesentlichen privat ist, individuelle Empfindungen und Gefühle, [ist] individuelles Kapital, körperliches Eigentum, alles, was letztlich der Mensch im eigentlichen Sinne ist, unabhängig von seinem Alter oder Geschlecht, ihm“.

Die leidenschaftliche Kraft, die eine dynamische Harmonie und Einheit in der Vielfalt innerhalb der Gesellschaft schafft, wird von Déjacque als „Gegenseitigkeit“ bezeichnet. Er versteht diese Kraft als weit über die herkömmliche Vorstellung von gegenseitiger Hilfe als Organisationsform hinausgehend. Sie stellt vielmehr ein tiefes Ethos der gegenseitigen Liebe und der kooperativen Gefühle dar. Er sieht ein solches Ethos als den „menschlichen Erzieher“ der Humanisphäraner. „Es ist die Gegenseitigkeit“, erklärt er, „die ihnen den Austausch angenehmer Umgangsformen lehrt, die sie zu Jüngern der Rechtschaffenheit, Freundlichkeit und Grosszügigkeit macht, die ihre körperlichen und moralischen Fähigkeiten schult, die in ihnen die Begierden des Herzens und des Verstandes entwickelt, die sie beim Spielen und Lernen leitet …“

Interessanterweise und ganz entgegen der Intuition argumentiert Déjacque, dass das grossartige System der Humanisphäraner, das aus leidenschaftlicher Anziehung, Liebe, Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit besteht, auf einer Art Egoismus basiert. Er sagt: „Es ist der Egoismus, der das Motiv aller Handlungen [der Humanisphäraner] ist, der Motor all ihrer Gedanken … Er möchte für sich selbst, als Individuum, an der lebhaften Aufbruchstimmung des allgemeinen Glücks teilhaben; um seiner selbst willen fürchtet er den Gedanken an das Leiden anderer.“

Wie, so könnte man fragen, kann eine so starke Identifikation mit dem Wohlergehen anderer, ein Gefühl, das normalerweise als altruistisch angesehen wird, als „Egoismus“ bezeichnet werden? Wenn wir Déjacques utopischer und in diesem Fall dialektischer Logik folgen, sehen wir, dass die Entfaltung des Egoismus die Zerstörung dessen impliziert, was herkömmlicherweise als Ego angesehen wird. Der Egoismus des Humanisphärenbewohners wird, wie er sagt, „ständig durch den Instinkt seiner allmählichen Entwicklung und durch das Gefühl der Solidarität, das ihn mit seinen Mitmenschen verbindet, angetrieben“ und verlangt darüber hinaus „den ständigen Ausdruck seiner Existenz in der Existenz anderer“.

In dieser merkwürdigen Form des Egoismus verwandeln sich also die selbstbezogenen Leidenschaften in andere-bezogene, solidarische Leidenschaften. Letztendlich wird der Glaube an die illusorische separate Existenz des Egos durch die Erkenntnis der gemeinschaftlichen Existenz des Menschen in der Gemeinschaft ersetzt. Déjacque kommt zu dem Schluss, dass „die reichsten an Perfektibilität“, also die am meisten verwirklichten und erfüllten Wesen, „die verschwenderischsten sind, diejenigen, die am meisten von ihrem Wesen in Umlauf bringen …! Die Ärmsten sind die Geizigsten, diejenigen, die ihren Blick nach innen richten, … die sich in ihrem Innersten verschliessen.” Letztendlich ist Déjacques Egoismus ein Egoismus, der das ist, was er nicht ist; es ist der Egoismus der „Nicht-getrennten Selbstheit”. Die Ausweitung des Egoismus gemäss seinen eigenen leidenschaftlichen Tendenzen führt zu seiner Selbstverleugnung und Transzendenz.

Arbeit als leidenschaftliche Kreativität

Ein letztes Thema, um eines der vielen faszinierenden Themen herauszugreifen, die noch in Betracht gezogen werden könnten, ist die unverwechselbare und zutiefst revolutionäre Art und Weise, wie Déjacque die Frage der Arbeit behandelt. Man kann sich vorstellen, wie anders die Geschichte der revolutionären Bewegungen verlaufen wäre, wenn die anarcho-utopische Vision von Arbeit, Produktion und der Zukunft der Arbeiterklasse, die in unterschiedlichem Masse in den Gedanken von Fourier, Déjacque und in erheblichem Masse auch in denen von Reclus und Morris zum Ausdruck kommt, die einflussreichste gewesen wäre.

Für Déjacque bedeuten Arbeit, Beschäftigung und Produktion vor allem menschliche schöpferische Tätigkeit, die von der schöpferischen Arbeit der grösseren natürlichen, materiellen Welt inspiriert ist, an der wir teilhaben. Er argumentiert, dass die Dichotomie von Arbeit und Spiel nur durch die Transformation (oder Wiederherstellung) der Arbeit als leidenschaftliche Kreativität erfolgreich überwunden werden kann. Die Abschaffung der Arbeit kann durch die Verwirklichung der Arbeit als leidenschaftliche Schöpfung erreicht werden. Déjacque weist auf die beispielhaften Eigenschaften der Arbeit der wilden Natur hin, die in dieser wie in so vielen anderen Fragen unser wahrer Lehrmeister ist. So „spriesst das Korn durch Arbeit in der Furche, treibt seinen Halm und wird mit einer reichen Frucht gekrönt; durch Arbeit entsteht auch der Mensch, indem er aus dem Fortpflanzungsorgan entweicht; durch Arbeit steht das Kind auf seinen Füssen, wächst und wird, wenn es erwachsen ist, mit der doppelten Frucht seiner manuellen und intellektuellen Fähigkeiten gekrönt; durch Arbeit reift der Mensch auch körperlich und moralisch …”.

Arbeit ist jede Tätigkeit, die auf Entstehung, Erfüllung und Entfaltung ausgerichtet ist. In der Humanisphäre wird Arbeit zu der nicht entfremdeten Arbeit, die der junge Marx in seinen frühen Schriften implizit lobte, aber letztendlich zugunsten eines Bereichs der Freiheit aufgab, der durch eine riesige, mechanisierte Fülle-Maschine erreicht werden sollte, die nicht nur eine Fülle materieller Güter, sondern auch eine Fülle an Freizeit produzieren würde, während der Bereich der Notwendigkeit und der notwendigen Arbeit in Bedeutungslosigkeit schrumpft. Déjacque sieht jedoch eine Gemeinschaft voraus, in der Arbeit nicht länger ein notwendiges Übel ist, sondern vielmehr ein Mittel zur Entwicklung und Erfüllung. Für ihn „wäre es für einen Humanisphäer ebenso wenig sinnvoll, dass ein Mensch zur Arbeit gezwungen wird, wie dass er zum Essen gezwungen wird“. Sowohl der Arbeitsprozess als auch die Produkte der Arbeit werden zu Ausdruck des Guten und Schönen. Sie werden zu Momenten in der Bewegung der Materialität hin zu grösserer Verwirklichung und grösserer Vollkommenheit. Letztendlich wird Arbeit zu einer Form gemeinschaftlicher Glückseligkeit.

An dieser Stelle bleibt nur noch eine Frage offen: Wer würde heute der Humanisphäre beitreten?

John P. Clark