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Patriotismus oder Kommunismus? (Teil 2)

Die Ware Arbeitskraft 2026 Patriotismus oder Kommunismus? (Teil 2)

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Politik

Der folgende Text erschien im März 1993 in "Officina, periodico marxista" unter dem Titel "Pattriotismo o Comunismo?", den ich unter dem Pseudonym Ernst Manfred veröffentlicht hatte.

Datum 7. Juli 2026
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Der moderne Staat ist also die überlegene, die souveräne Gewalt der modernen, der kapitalistischen Gesellschaft. Als diese souveräne Gewalt hat er sich seine kapitalistische Gesellschaftsordnung geschaffen und ist somit die unausweichliche (Über-) Lebensbedingung aller Gesellschaftsmitglieder, gleichgültig, welcher Klasse sie angehören. Ihm sind sie unterworfen, also in all ihrem Tun in erster und letzter Instanz von ihm abhängig. Als Rechtsstaat diktiert er - per Gesetz - allen Gesellschaftsmitgliedern die Bedingungen ihrer ökonomischen und sozialen Existenz, von Geburt an bis zum Tode: so ist er Grundlage, Ausgangspunkt, Voraussetzung und Bezugspunkt jeglicher ökonomischen und sozialen Existenz, jeglicher Handlung, jeglicher Überlegung und Berechnung, jeglichen Gedankens.

Staatsidealismus und der Idealismus der Konkurrenz

Ob Grundbesitzer, ob Rentier; ob Kapitalist, ob Ware Arbeitskraft - niemand kommt an der Unausweichlichkeit der (rechts-) staatlichen Bedingungen allen Seins vorbei. Dem "praktischen Bewusstsein" (Marx) erscheint daher notwendig der moderne Staat als die universale Bedingung seines Daseins, ein Dasein ohne Staat unvorstellbar, undenkbar, unmöglich, utopisch.

Indem der Rechtsstaat als höchste Gewalt jedem Gesellschaftsmitglied die einzig erlaubten Mittel der ökonomischen Reproduktion vorschreibt: jeweils vorhandenes Privateigentum, Geld, Kapital, Arbeitskraft, erscheinen dem "praktischen Bewusstsein" diese Mittel auch als einzig mögliche Mittel seiner ökonomischen und sozialen Existenz. Zwar sind diese Mittel institutionalisierte Mittel des Materialismus des ideellen Gesamtkapitalisten. Dem "praktischen Bewusstsein" aber gelten sie als einzig mögliche Mittel seiner ökonomischen Reproduktion. Also will es die Mittel des ideellen Gesamtkapitalisten als die Mittel seiner ökonomischen und sozialen Existenz.

Auf diese Weise ergreift das "praktische Bewusstsein" Partei für den staatlichen Materialismus, weil und solange es in ihm seine einzig mögliche (Über-) Lebensbedingung sieht: Parteiergreifung für die souveräne Gewalt der Gesellschaft, für den ideellen Gesamtkapitalisten: Denn ist er nicht die Bedingung und die einzige Garantie fürs Leben und Überleben innerhalb der kapitalistischen Konkurrenz- und Lohnarbeitshierarchie?
Mit dieser Parteinahme wird das "praktische Bewusstsein" in doppelter Weise idealistisch: Zum einen, weil ihm diese Mittel und deren staatliche Gewalt als einzig mögliche Bedingungen seines Daseins gelten. Deshalb nimmt das "praktische Bewusstsein" sie auch als alternativlose, als einzige mögliche Bedingungen seiner Existenz.[5] Zum anderen, weil es sprichwörtlich glaubt, deshalb sei diese Bedingung seiner Existenz ihm zuliebe und nicht wegen des staatlichen Materialismus und seinen Zwecksetzungen in die Welt gebracht und eingerichtet.

So gerinnen Privateigentum und staatliche Gewalt definitiv zur positiven Lebensgrundlage und Ausgangspunkt aller Betätigungen der modernen Existenz, damit: Verklärung, Idealisierung von Staat, ideellem Gesamtkapitalisten, Recht und Privateigentum. Darin eingeschlossen idealisiert die Ware Arbeitskraft die Unterwerfung unter die staatlich erzwungene Konkurrenz als seine Chance, als Angebot und Gelegenheit, die es nur möglichst geschickt und mit ganz viel Leistung und Arbeitsgehorsam zu ergreifen braucht im Reich der Freiheit des Lohnarbeiterdaseins. Solange das "praktische Bewusstsein" es so sieht und sich darin einrichtet, so lange bleiben staatliche Gewalt und Privateigentum allerdings auch die unausweichlich-alternativlose Existenzgrundlage der Ware Arbeitskraft.

Das "praktische Bewusstsein" wird so zum idealistischen und idealisierenden Parteigänger von Staat und staatlichen Materialismus: Rechts- und Staatsidealismus von unten, Staatsidealismus der modernen Individualität, Staatsidealismus der Ware Arbeitskraft, Falschheit des modernen, des staatsbürgerlichen Bewusstseins, Falschheit des Bewusstseins der Ware Arbeitskraft und der gesamten Arbeiterklasse.

Darüber hinaus: Im Interesse des Materialismus seines Konkurrenzerfolgs will das praktische, das falsche Bewusstsein Staat und Recht als Mittel und Waffe gegen den privaten Materialismus der "anderen", gegen den Materialismus der gegnerischen Konkurrenzinteressen, die ebenfalls, ihrerseits, Staat und Recht als Mittel und Waffe ihres Konkurrenzinteresses "benützen" wollen.[6]

Das falsche, das idealistische Bewusstsein, der Wille zum Staat, die Parteinahme für den "ideellen Gesamtkapitalisten", seinem Materialismus und weltweiten Erfolg, ist also ungeheuer lebendig in der kapitalistischen Gesellschaft; sorgt für das im Grunde reibungslose Funktionieren von Kapitalismus, Mehrwertproduktion, Ausbeutung, Verelendung, Armut und Klassengesellschaft.

In allen kapitalistischen Nationen ergreift das falsche Bewusstsein der Lohnarbeiterschaft Partei für "seinen" Staat: die italienische Ware Arbeitskraft will die italienische, nicht irgendeine andere, etwa eine afrikanische Staatsgewalt für sich über sich. Die deutsche Ware Arbeitskraft will die deutsche, nicht die türkische Staatsgewalt für und über sich. Die französische Ware Arbeitskraft will die französische, nicht eine nordafrikanische Staatsgewalt über sich. Und so fort.
Das falsche, das staatsidealistische oder staatsbürgerliche Bewusstsein der Ware Arbeitskraft ist nichts anderes als das ganz normale patriotische Bewusstsein. Staatsidealistisches Bewusstsein ist patriotisches Bewusstsein und vice versa.

Staatsbürgerbewusstsein und kommunistische Agitation

"Die Lohnarbeit beruht ausschliesslich auf der Konkurrenz der Lohnarbeiter unter sich" (Marx, 1848)

Als staatsidealistisches, falsches Bewusstsein macht die Ware Arbeitskraft aus ihrer reellen Subsumtion unters Kapital und aus ihrer Ausbeutung ihr Lebensmittel, ihre "Heimat". Als Staatsbürger, als Patriot, marschiert die Ware Arbeitskraft in die Fabrik, arbeitet sich an der Lohnarbeit, am Kapital, an der Konkurrenz ab. So, mit falschem Bewusstsein und falschem Willen bleibt die Ware Arbeitskraft das, was sie ökonomisch nun einmal ist: Ware, Ware Arbeitskraft eben.

Als Staatsbürger macht sich die Ware Arbeitskraft, macht sich die Arbeiterklasse zum nützlichen und benutzbaren politischen Mittel des Materialismus des ideellen Gesamtkapitalisten, des Rechtsstaates und bleibt ökonomisch Mittel des Kapitals, Mittel der (nationalen) Mehrwertproduktion, Mittel der nationalen Akkumulation und deren Konkurrenzerfolg auf dem Weltmarkt.

Als Staatsbürger, als Patriot bleibt die Ware Arbeitskraft und die gesamte Arbeiterklasse das, was sie bislang war und ist: disponible Manövriermasse und disponibles Menschenmaterial des Kapitals und dessen imperialistischer Staatsgewalt nach aussen und nach innen. Als Staatsbürger führt die Arbeiterklasse keinen Klassenkampf, sondern bleibt Mittel des Klassenkampfes von oben - durch Staat und Kapital. Mehr noch: Das Staatsbürgerbewusstsein der Arbeiterklasse ist auch heute noch, 1992, die unerlässliche Garantie des weltweiten Erfolgs von Kapitalismus Staat und Imperialismus.

Agitation, die das falsche Bewusstsein der Arbeiterklasse über seine staatsidealistische Parteinahme und Falschheit nicht aufklärt und nicht aufzulösen vermag, wird keinen Erfolg haben. Aufklärende Agitation, die den Staatsidealismus der Ware Arbeitskraft nicht zum Gegenstand ihrer Aufklärung und Kritik macht, hat keine Chance. Mit einem Wort: Entweder Patriotismus oder Kommunismus.

Das ist die Alternative. Solange die Ware Arbeitskraft sich nur als solche verhält, um in der staatlich gesetzten "Heimat" zurechtzukommen, um ihr Glück zu versuchen, so lange bleibt seine reelle Subsumtion unter Staat und Kapital. Denn die staatstreue Falschheit dieses Bewusstseins ist die Garantie dafür, dass, altmodisch ausgedrückt, die Arbeiterklasse "Klasse an sich" bleibt, niemals "Klasse für sich" wird.

Kurze Nachbemerkung zur deutschen Wiedervereinigung

Die deutsche Wiedervereinigung war ein imperialistischer Erfolg der deutschen Staatsgewalt.[7] Originell an diesem imperialistischen Erfolg war zweierlei: einmal die kolonialistische Methode dieses Imperialismus: die "alte" Staatsmacht, die staatliche Souveränität der Ex-DDR wurde beseitigt und sämtliche Etagen der administrativen und bürokratischen Hierarchie mit "zuverlässigen", d.h. (west-) staatstreuen, (west-) patriotischem Personal buchstäblich: "besetzt", okkupiert: nichts als Kolonialismus also.
Zweitens aber: "Friedlich", gelang dieser kolonialistische Imperialismus der westdeutschen Staatsgewalt, weil so ziemlich die gesamte ostdeutsche Arbeiterklasse zur westdeutschen Staatsgewalt überlief. Warum tat sie das? Weil auch die ostdeutsche Arbeiterklasse über ein ziemlich totales staats- und national-idealistisches Bewusstsein besass. Deshalb, im Namen der echten, wahren und einzigen, nämlich erfolgreichen deutschen Staatsgewalt lief die ostdeutsche Arbeiterklasse geschlossen in die Arme des westdeutschen Imperialismus.

Das widerlegt das Märchen, der osteuropäische, der "reale Sozialismus" habe jemals etwas mit Kommunismus zu tun gehabt. Er war staats- und national-idealistisch, also Revisionismus, mehr war es nicht. Inzwischen darf die ostdeutsche Arbeiterklasse in ihrem "deutschen Mezzogiorno" in den diversen unteren Abteilungen der kapitalistischen Lohnarbeits-Hierarchie ihrer Nichtbeschäftigung d.h. Nichtbenutzung durchs Kapital entgegen hungern.

Nachtrag - Patriotismus oder Kommunismus 2026

Stellvertretend für die allein Regierungsverantwortlichen und Entscheidungsbefugten über die materiellen und existenziellen Daseinsbedingungen der Ware Arbeitskraft, sei es im Frieden, sei es im Krieg, stellvertretend für Seinesgleichen fordert der mächtigste Mann der Welt in seiner Rede zum 250. Jahrestag der USA die Lohnarbeiterschaft auf, sich definitiv zu entscheiden: "You can be loyal to Karl Marx or you can be loyal to America. You can be a communist or you can be a patriot. You cannot be both." (Trump-Rede, 3.7.2026)[8] Die angebotene Alternative zwischen "the core of patriotic duty of every American" (Trump, ebd.), zwischen Patriotismus und Kommunismus ist keine, denn: "You must love our country [...] against the menace of communism." Dem unmissverständlich drohenden Loblieb auf den Staatsidealismus, auf die alternativlos gemeinte Parteinahme der Ware Arbeitskraft 2026 für seine heimische Staatsgewalt genügt solche Begründung: "Communism is the exact opposite of life [...] It's death, tyranny, and the pursuit of evil. The godless communist morality states that anything is justified to bring about inhuman vision."

Mit einem Wort: "Very simply, communism represents the worst ideas and abuses in history by the worst people." Als diabolische Ausgeburt der Hölle, als das absolut Böse, als Verkörperung alles Unmenschlichen und aller Unmenschlichkeit ("inhuman visions") tritt der Kommunismus in der Welt auf auch als Partei auf: "The Communist Party is made up of illegal immigrants, criminals and everybody that doesn't want to work."

Dem Generalverdacht, dass wer nicht arbeiten und sich den Leistungsforderungen und Anforderungen des Kapitals nicht stellen will, sich den hohen staatlichen Zielen und Reformen, "um das Land voranzubringen" unpatriotisch verweigert, dem Generalverdacht stimmen die dem US-Präsidenten Geistes- und Seelenverwandten politischen Entscheidungsträger hierzulande wie in ganz Europa zu.

Auch deshalb hier die Wiederaufnahme der grundlegenden Kritik am staatsidealistischen, falschen Bewusstsein der Klasse derjenigen, von denen in der Tat eigentlich alles abhängt - derjenigen, die letztlich, allerdings in einem etwas anderen Sinn als von Trump und Seinesgleichen gemeint, vor der möglichen Alternative stehen:

Patriotismus oder Kommunismus?
Pattriotismo o Comunismo?
Fussnoten:

[5] Das "praktische Bewusstsein" (Marx) ist das opportunistische, das instrumentelle, das realistische Bewusstsein. Es nimmt die kapitalistische und imperialistische Welt wie sie ist und stellt nur eine Frage: Wie komme ich in dieser Welt zurecht? Das theoretische, das erkennende Bewusstsein will wissen, warum die Welt so ist wie sie ist. Darum ist Wissen und Erkennen die Voraussetzung des aufgeklärten, des Klassenbewusstseins; Klassenbewusstsein ist Kritik und Verabschiedung des "praktischen Bewusstseins".

[6] Dieser Standpunkt will also mit aller Gewalt die staatliche Gewalt gegen andere; dem demokratischen praktischen (Arbeiter-) Bewusstsein ist dieser staatsloyale Standpunkt immanent und mit ihm auch der Standpunkt des ausländerfeindlichen, des rechtsradikalen, des faschistischen Bewusstseins. In anderen Worten: Im ganz alltäglichen und gewöhnlichen Wille zum Staat und zur Nation ist der politische Inhalt des rechtsradikal-faschistischen Bewusstseins angelegt.

[7] Das haben übrigens die imperialistischen Konkurrenten (in Europa, Amerika) sofort begriffen; und seit dem Verschwinden des "realen Sozialismus" wird, nicht zufällig, die imperialistische Konkurrenz offen ausgesprochen.

[8] Remarks: Donald Trump Speaks at Mount Rushmore for the Semiquincentennial - July 3, 2026, unter: https://www.whitehouse.gov/videos/president-trump-delivers-remarks-at-mount-rushmore-jul-3-2026/ vgl. Die Rede als Transcript unter: https://rollcall.com/factbase/trump/transcript/donald-trump-remarks-mount-rushmore-250th-birthday-semiquincentennial-july-3-2026

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