Obwohl die Tagung grösstenteils eine bestimmte Klientel anzog, handelte es sich doch um ein seltenes Crossover von engagierter Wissenschaft, emanzipatorischen sozialen Bewegungen und anarchistischer Szene. Grösstenteils war typischerweise die Generation zwischen 20 und 30 Jahren vertreten. Es nahmen allerdings durchaus auch ältere Menschen teil.
Das Event wurde komplett selbst organisiert und nur mit den Spenden der Teilnehmenden finanziert. Fragen danach, was anarchistische Studien überhaupt sind, wer sie mit welchem Zweck betreibt und welche Methoden und Formen sie annehmen können, wurden zumindest aufgeworfen und zur Debatte gestellt. Im 26 einzelnen Veranstaltungen, von denen meistens vier parallel durchgeführt wurden, konnten die Teilnehmenden verschiedenen Beiträgen lauschen und mitdiskutieren. Aufgerufen wurde insbesondere zu Beiträgen aus den Fachgebieten der Geschichtswissenschaften, Politischen Theorie, Ethnologie und Philosophie. Doch die Workshops und andere Themen liefen unabhängig von diesen Zuordnungen. In Bezug auf den anarchistischen Syndikalismus waren Tabea Feix und Helge Döhring vom Institut für Syndikalismusforschung vertreten. Ansonsten könnte für Anarch@-Syndikalist*innen zum Beispiel die Beiträge zum Verhältnis von „klassischem Anarchismus und Kritischer Theorie“, zu „Bomben, Streiks und Freie Liebe. Anarchismus im Goldenen Zeitalter“, zu „Liberale, anarchistische und demokratische Staatskritik, zu ‚Geschichte(n) schreiben' oder zu „Über Leben mit Gegenseitiger Hilfe im Kollaps“ interessant gewesen sein. Eine fundierte Analyse, Reflexion oder Diskussion zu gewerkschaftlicher Organisierung oder Arbeitskämpfen hätte durchaus Platz finden können. Dazu wurde jedoch kein Beitrag eingereicht.
Die Veranstaltung war insgesamt ein ziemlicher Erfolg, insofern sie eine inspirierende und wertschätzende Atmosphäre ermöglichte, in der die Teilnehmenden aus verschiedenen Städten im deutschsprachigen Raum sich gut begegnen und austauschen konnten. Dies zeigte sich auch an den regen Rückmeldungen und der ausgesprochenen Motivation weiterer Personen, im März 2027 eine weitere Tagung zu organisieren. Die Vorstellungen dazu gehen allerdings weit auseinander. In der Abschlussrunde am Sonntag und digitalem Austausch im Anschluss stellte sich vielmehr jene babylonische Sprachverwirrung ein, die unter anarchistisch gesinnten Menschen weit verbreitet ist. Dabei wäre eine Fortsetzung des Formats nicht nur sinnvoll, um dieses weiterzuentwickeln und weitere Beitragenden zu Wort kommen zu lassen, die es auf jeden Fall gibt. Darüber hinaus erscheint eine anhaltende und qualifizierte Debatte über anarchistische Umgangsweisen mit Theorie, Wissenschaft und Bildung sinnvoll, um diese systematisch weiterzuentwickeln.
Bedeutung anarchistischer Studien im Verhältnis zur sogenannten Praxis
Im anarch@-syndikalistischen Kontext sind sicherlich einige Vorurteile abzubauen, wenn es um „anarchistische Studien“ geht. Und zwar aufgrund beider Aspekte: der anarchistischen Szene, als auch den Wissenschaftsinstitutionen. Dabei zeigen das Institute for Anarchist Studies in den USA und das Anarchist Studies Network in Grossbritannien, dass Vernetzung und Verständigung in diesem Bereich auch zur Bewusstseinsbildung und Wissensvermittlung in anarch@-syndikalistischen Kreisen beitragen kann.
Fragen danach, was „Klasse“ als sozialstrukturelle Kategorie und politisches Subjekt heute ist, wie sich die Kapitalverhältnisse im tendenziell neofaschistischen Tech-Kapitalismus verschieben oder wie es gelingt, einen Standpunkt für autonome Basisgewerkschaften zu aktualisieren, könnten im Rahmen einer Tagung zu anarchistischen Studien auf jeden Fall ihren Platz finden. Das Zusammenkommen unter diesem Gesichtspunkt ist eine von verschiedenen Möglichkeiten, um sich zu begegnen, zu organisieren und in Austausch zu treten. Das Crossover-Format ermöglichte zwar eine anregende und produktive Atmosphäre, führte zugleich aber zur Projektion ziemlich unterschiedlicher Ansprüche an eine derartige Tagung, denen die Vorbereitungsgruppe nicht gerecht werden wollte – und aus Kapazitätsgründen auch gar nicht konnte.
Um auf die Frage nach dem Sinn einer Tagung zu anarchistischen Studien zurückzukommen, ist das Verhältnis zur sogenannten Praxis genauer zu klären. In Hinblick auf emanzipatorische soziale Bewegungen (zu denen ich auch Basisgewerkschaften zähle) darf es nicht darum gehen, intellektuelle Führungsgruppen auszubilden, die dann in lokalen Gruppen oder bei überregionalen Zusammentreffen den Ton angeben, während im schlimmsten Fall Erfahrungen aus konkreten Kämpfen abgewertet werden. Dies sollte sich aber seit Bakunins Warnungen vor der Anführung durch eine intellektuelle Avantgarde, die sich aus Abtrünnigen der herrschenden Klasse rekrutiert, von selbst verstehen. Gelegentlich wird eine Gegenüberstellung von „Theorie“ und „Praxis“ vorgenommen, die meiner Ansicht nach einem dogmatisch-marxistischen Verständnis entspricht und sich darauf aufbauend in dialektischen Taschenspielertricks zwischen diesen beiden Polen verstrickt. Die Vorstellung, vernünftige und brauchbare Theorien könnten mehr oder weniger unabhängig von praktischen Erfahrungen und Auseinandersetzungen entwickelt werden, ist idealistisch. Dagegen ist die Annahme, Praxis bedürfe keiner Theorie, da sie selbsterklärend sei, ebenso problematisch. Sie führt zur Orientierungslosigkeit und Verselbstzweckung von Praktiken, egal, ob sie im Betreiben eines Stadtteilzentrums, der Organisation einer FAU-Gruppe, direkten Aktionen, Beratungs-Sprechstunden oder Demonstrationen liegen. Theorie darf wiederum nicht blindlings für die sogenannte Praxis verzweckt und in Dienst genommen werden – dann nämlich, degeneriert sie zur blossen Ideologie.
Damit werden die eigenen Vorannahmen als absolute Wahrheiten missverstanden und tradierte Abläufe nicht mehr infrage gestellt.
Des Weiteren gibt es bei einer Tagung für anarchistische Studien Sinn, die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Personen in Universitäten und Bildungseinrichtungen zu thematisieren. Bekanntermassen sind diese häufig prekär, befristet und gelegentlich relativ privilegiert. Doch auch das Agieren in öffentlichen Institutionen mit der Perspektiven auf ihre Überführung in selbstverwaltete Formen könnte hierbei besprochen werden. Dahingehend ist es schade, dass auf die entsprechenden Anregungen in dem Aufruf für Beiträge gar nicht eingegangen wurde. Einige der Vorschläge lauteten dort: „Intellektuelle Reservearmee: Arbeitsbedingungen von Akademiker*innen“, „Wie sieht öffentliche Wissenschaft aus?“ und „Anarchistische Inhalte und Perspektiven lehren“.
Schliesslich sehen sich Tätigkeiten im Rahmen „anarchistischer Studien“ möglicherweise dem Vorwurf ausgesetzt, „in Zeiten wie diesen“ (wie es unter fatalistischen, desillusionierten Linksradikalen häufig heisst) wären doch ganz andere Dinge zu tun, als eine Tagung zu veranstalten. Je nach Ansicht und Geschmack gälte es stattdessen die eigene Kraft in Arbeitskämpfe, ökologische, feministische oder antirassistische Anliegen zu stecken. Allerdings kann man diese Sache auch genau andersherum betrachten: Gerade weil es in Westeuropa noch relative Privilegien, Ressourcen und politische Freiheiten gibt, sollten diese auch genutzt werden, um sich (auch) anhand des Interesses und der Leidenschaft hinsichtlich anarchistischer Studien zu organisieren. Im Übrigen entstammen die daran interessierten Genoss*innen keineswegs alleine oder vorrangig bildungsbürgerlichen Milieus. Vielmehr ist die Beschäftigung mit inhaltlichen Themen damals wie heute ein wichtiger Bestandteil zur Bewusstwerdung über gesellschaftliche Verhältnisse, die subjektive Ermächtigung, emanzipatorische Ausrichtung, sowie verbunden mit organisatorischen Fähigkeiten.
Zum Verhältnis von Wissenschaft, sozialer Bewegung und anarchistischer Szene
Das Crossover-Format, das auf der Myzelium-Tagung ausprobiert wurde, kann meiner Ansicht nach auch für anarch@-syndikalistische Zusammenhänge Inspiration bieten. Beispielsweise sind die Erkenntnisse soziologischer Forschung hinsichtlich sozialer Milieus, Klassenverhältnisse, Eigentumsverteilung und politischen Einstellungen durchaus hilfreich, um basisgewerkschaftliche Strategien zu entwickeln. Die Erfahrungen aus Arbeitskämpfen, gewerkschaftlicher Organisation und die Ausbildung von Klassenbewusstsein stehen wiederum im Wechselverhältnis zur Entwicklung einer ethischen Haltung, die in anarchistischen Szenen ausgeprägt ist. Diese kann wiederum zu bestimmten Herangehensweisen und Motivationen in wissenschaftlicher Forschung führen.Um dieses Thema produktiv zu durchdenken, ist es sinnvoll, Wissenschaft von der Akademie und Theoriearbeit zu trennen. Auf der Tagung wurde angeregt, dahingehend ganz grundlegende Fragen zu stellen: Was sind anarchistische Studien? Wer betreibt sie mit welchem Ziel? Welche Methoden und Formate eignen sich dafür? Wie verhalten sich anarchistische Studien zu anderen gesellschaftskritischen Denkrichtungen wie dem Marxismus, Feminismus und Postkolonialismus?
Daraus lassen sich freilich sehr unterschiedliche Organisationsansätze ableiten. Vernetzungen zu anarchistischen Studien können sich erstens in und gegen die bestehenden Institutionen herausbilden. Dabei bestünde dann ein klarer Bezug zu den akademischen Wissenschaften. Zweitens liesse sich auch eine lose Assoziation vorstellen, die als Plattform für unverbindlichen und offenen Austausch und Initiativen dient. Drittens könnte über die Bildung von Kadern nachgedacht werden. Dies wäre ein autonom organisierter Zusammenhang für Bildung, Agitation Theorieproduktion. Das Problem der Wissensunterschiede, mit spezialisierten Tätigkeiten und Zugängen zu intellektuellen Fähigkeiten ist nicht damit gelöst, dass es geleugnet wird. Dagegen etwas offen gehaltener wäre, viertens, die Form des Bildungs- und Theoriekollektivs, das vor allem Wissen und Erfahrungen sammelt und verbreitet.
Mit anderen Worten: Basisgewerkschaftliches Engagement wird immer wieder auf Wissenschaftskontexte und anarchistische Szene stossen, insofern die Schnittpunkte nicht ohnehin personell gegeben sind. Erfahrungsgemäss sind die meisten Anarch@-Syndikalist*innen inhaltlichen Debatten und theoretischen Überlegungen durchaus aufgeschlossen, wenn sie hilfreich erscheinen, um die eigenen Aktivitäten zu reflektieren und zu ergänzen. Deswegen können die Myzelium-Tagung oder vergleichbare – seltene – Zusammenkünfte als Hinweis darauf verstanden werden, dass es sich immer mal lohnt über das Verhältnis zur Wissenschaft und „Szene“ nachzudenken.
Die Organisierung von Angestellten im Wissenschaftsbetrieb, die Frage nach der Bewusstseinsbildung in selbstorganisierten Gruppen oder der fundierten Entwicklung ihrer Strategien sind Bereiche, die unter anderem dort besprochen werden können. Darüber hinaus ist es aber auch okay, theoretische Überlegungen und Denkprozesse für sich stehenzulassen, ohne sie gleich zu verzwecken und zu verwerten...



