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Faschismus und Philosophie Noch mal: Der Fall Heidegger

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Der Fall Heidegger gilt im akademischen Betrieb als der vielleicht „dornigste in der Geschichte der Philosophie“.

Martin Heidegger, Mai 1960.
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Bild: Martin Heidegger, Mai 1960. / Willy Pragher (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

15. Februar 2021

15. 02. 2021

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„Zweifellos“ war der Mann „ein Nazi“, heisst es heutzutage – das aber nur als Auftakt dazu, letztlich die Grösse seines Denkens zu feiern. Wie die Würdigung des „Philosophie-Magazins“ vorführt, soll nämlich die Tatsache, dass der „heimliche König“ (Hannah Arendt) im Reich der Philosophie ebenfalls seinen festen Platz im Dritten Reich hatte, sofort weitere Fragen aufwerfen: etwa danach, ob nicht beide Rollen nur zufällig korrespondierten, ob nicht das eine vom anderen unabhängig war? Das führt dann zu dem Fazit, man solle sich in diesem Fall trotz alledem – auch wenn man sich der leidigen NS-Sache bewusst ist – „an der Kraft einer Philosophie erfreuen, die uns einlädt, die Geschichte der Metaphysik neu zu überdenken“.

Opium der Elite...

Die „Kraft“ der Philosophie wird nämlich gebraucht, zumindest von einigen Zeitgenossen, die sich gegenwärtig mit der Frage beschäftigen, wie sie die schwere Zeit von Seuche und Seuchenbekämpfung überstehen sollen. Ein seltsamer Bedarf übrigens – ist doch fast jedermann und jede Frau in puncto Aushalten des vermaledeiten Ausnahmezustands notwendiger Weise mit ganz anderen Problemen als dem Einstieg in metaphysische Tiefenschau befasst: mit Hygienemassnahmen, Wohnqualität, Einkommenssicherung, Homeoffice, Familienfrieden, körperlicher Ertüchtigung etc. bis hin zum leistungsstarken Zugang ins Internet. Das Ganze natürlich, wie es sich für eine Klassengesellschaft gehört, mit deutlichen sozialen Unterschieden.

Dass dies für die Mehrheit der auf Lohnarbeit angewiesenen Menschheit – und vielleicht noch mehr für diejenigen, die als die stolzen Selbstständigen & Freelancer der modernen „Dienstleistungsgesellschaft“ unterwegs sind – eine Katastrophe bedeuten kann, dass es die Lebensqualität einschränkt, die berufliche Fortexistenz in Frage stellt und das Privatleben einem Härtetest aussetzt, müsste eigentlich Grund genug sein, sich einmal objektiv mit den hiesigen Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen zu befassen. Objektiv meint: ohne die subjektive Vorentscheidung, dass dies nun einmal die gegebenen Lebensverhältnisse sind, die einzig und allein die Frage aufwerfen, wie man am besten mit ihnen klar kommen und sie aushalten kann.

Statt einer Analyse der Sachlage bewegt aber genau Letzteres viele Menschen. Kann man sich nicht, wird da gefragt, zu dem praktischen Bemühen, über die Runden zu kommen, noch einen Gesichtspunkt hinzudenken, der dem Ganzen einen höheren oder tieferen Sinn verleiht? Die klassische Instanz, die hier zuständig ist, hat man in der organisierten Religion vor sich. Sie verabreicht mit jahrhundertealter Routine das Opium des Volkes, das Trost und Betäubung bewirkt, soweit sich der Konsument auf dieses alte Hausmittel verlassen will.

Nur haben die christlichen Kirchen mittlerweile einiges an Vertrauen verspielt (im Erzbistum Köln gehen z.B. dem amtierenden Kardinal schon die Priester von der Fahne) und die Pandemiebekämpfung schränkt nochmals ihren Aktionsradius ein. Aber in einer florierenden Marktwirtschaft gibt es noch andere Betäubungsmittel, wobei selbst kirchliche Funktionäre gern auf die Angebote des breit gefächerten Lebensbewältigungs- und Sinnstiftungsmarktes zurückgreifen.

„Jetzt sind wir gezwungenermassen auf uns selbst zurückgeworfen. Gegen unseren Willen“, schreibt z.B. ein evangelischer Pfarrer in der Reihe „Corona-Briefe“ zur allgemeinen Lebenslage angesichts von öffentlichem Stillstand und sozialer Distanzierung (Christ und Welt, 15.5.20). Und bevor der Kirchenmann noch den biblischen Schöpfungsbericht anruft („Gott schuf den Menschen ... und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“), weiss er sich mit dem Philosophenkönig aus Deutschlands dunklen Jahren einig: „Martin Heidegger fällt mir ein – mit seiner Idee des ‚Geworfenseins‘ des Menschen in die Welt und seiner Frage nach dem Sinn des Seins... Ich denke aber auch Zurückgeworfen auf uns selbst. Liegt in dieser Krise auch eine Chance, wenn unser Dasein wieder ‚resettet‘, auf den Anfang zurückgesetzt wird, jedenfalls in dem Sinne, dass wir uns besinnen und neu ausrichten können, auf das, was wir sein und wie wir leben wollten und wollen...“

Für einen Christen ist natürlich klar, was beim Reset herauskommen muss: Dein Wille geschehe und nicht meiner – so hat man sich zur Schöpfungsordnung und ihrem Urheber zu stellen.

Das ist vielen zu einfach, anderen zu konventionell. Gebildete achten hier auf ein gewisses Niveau und werden von Fachleuten darin bestärkt. „Das Coronavirus fordert nicht nur viele Menschenleben, es wird auch sehr viel philosophischen Unsinn hervorbringen“, stellte z.B. das Feuilleton der „Neuen Züricher“ – erstaunlich hellsichtig und unübertrefflich zynisch – bereits im Frühjahr 2020 (NZZ, 16.4.) fest. Dass „nur“ viele Tote zu beklagen sind, soll noch nicht den Horror ausmachen, erst mit den unsinnigen Versuchen zur Sinnstiftung wird die Lage ernst.

An solchen Angeboten mangelt es in der Tat nicht, philosophiert wird im Angesicht der schweren Zeiten unter Hochdruck. Aber die Warnung des Feuilletonisten war gar nicht ernst gemeint, sie galt nur dem neuen philosophischen Gelaber, nicht dem altehrwürdigen, das seinen festen Platz in der deutschen Geistesgeschichte hat.

Der NZZ-Autor wartet nämlich unter Anknüpfung an Heidegger mit ziemlich flachem Tiefsinn zu Raum und Zeit auf – „Grundsätzliche Kondition des Menschen… Er muss sich dem Tod stellen“ etc. –, unterbricht dann allerdings sein seinsphilosophisches Wort zum Sonntag und bringt unvermittelt etwas anderes zur Sprache: „Heideggers Antisemitismus ist mir natürlich unerträglich, und heute können wir über den Meisterlehrer von Hannah Arendt und Jeanne Hersch, zwei genialen Frauen jüdischer Herkunft, so unbefangen sprechen, aber eigentlich ist Heidegger unerträglich, weil er ein Antisemit war. Er hat sich nicht nur mit den Nazis arrangiert.“ Nachdem diese Pflichtübung der deutschen Vergangenheitsbewältigung erledigt ist, kann der Autor munter fortfahren: „Und trotzdem: Ich lese sehr gerne seine ‚Holzwege‘...“.

...aber mit Nebenwirkungen

Im deutschen Wissenschafts- und Kulturbetrieb ist mittlerweile klargestellt, dass Heidegger ein bekennender Faschist war. Seit Ende des 20. Jahrhunderts werden die einschlägigen Dokumente veröffentlicht, die diese Haltung belegen. So hat sich der hiesige Modus der Reinwaschung etwas geändert. Wurde die faschistische Einstellung des Philosophen früher ignoriert, dann als biographisches Randproblem abgetan, so muss heute – siehe das pflichtgemässe Bekenntnis des NZZ-Autors – zuerst eine explizite Trennung von Person und Werk vorgenommen werden, um Letzteres dann hochleben zu lassen.

In jüngster Zeit, mit der Ausbreitung eines Rechtspopulismus, dem Erstarken der AfD, der Entwicklung neuer Protestformen à la Identitäre Bewegung und der Etablierung rechter Think Tanks (die Erasmus-Stiftung der AfD wird möglicher Weise demnächst sogar mit 70 Millionen Euro aus dem deutschen Bundeshaushalt finanziert), kommt ein neues Moment hinzu: Heidegger wird immer deutlicher zur Berufungsinstanz des modernen Rechtsradikalismus.

„Die Beschäftigung mit Heidegger in den Medien und auf den Foren der Neuen Rechten ist umfassend und intensiv“, heisst es etwa bei Klaus-Peter Hufer in einer einschlägigen Bestandsaufnahme (Hufer 2018, 92). „Was macht Heideggers Denken so attraktiv für die antidemokratische Rechte?“, fragt der (Ex-)Grüne Micha Brumlik und kommt zu dem Schluss, dass Heideggers frühes Jahrhundertwerk, das 1927 erschienene, als Markstein der Existenzphilosophie hochgelobte Buch „Sein und Zeit“, auch als „Inbegriff einer völkischen Philosophie gelten“ dürfte (Fücks/Becker 2020, 49).

Einen solchen Angriff auf Heideggers Philosophie selber, also auf die Sache, für die der Mann als Erstes steht und für die er sich – über die verschiedenen Regime hinweg – ein Leben lang engagiert hat, findet man sonst kaum. Explizit vertreten und in deutschen Universitäten bekannt gemacht hat eine solche Kritik die damalige Marxistische Gruppe (MG), die 1988 ihre Schrift „Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist“ vorlegte.

Diese ist jetzt in einer aktualisierten Neuausgabe wieder aufgelegt worden (Decker 2020). Sie bezieht sich am Rande auf die neueren Erkenntnisse, nach Victor Farías‘ Buch „Heidegger und der Nationalsozialismus“ vor allem die Veröffentlichung von Heideggers „Schwarzen Heften“. In diesen hat er sich ja unmissverständlich zu seinem seinsgeschichtlichen Antisemitismus geäussert, was dann zum Skandalon geriet. Denn: Im heutigen Deutschland wird Faschismus erst richtig zum Problem, wenn er Judenvernichtung im Programm hat.

Trotz alledem

Peter Deckers fulminante Streitschrift zielt genau auf den ideellen Kern von Heideggers Lebensleistung. Sie hat ihre Stossrichtung und Argumentation beibehalten, sie nur um einen Anhang erweitert, der exemplarisch zeigt, dass es in Westdeutschland einmal eine elaborierte marxistische Kritik der bürgerlichen Wissenschaft gegeben hat (Näheres dazu: Sein zum Faschismus). Die Entdeckungen in puncto Nazi-Philosophie, die mittlerweile den allgemeinen Kenntnisstand darstellen, weisen mit einer solchen durchgeführten Kritik aber nur eine scheinbare Übereinstimmung auf.

Exemplarisch zeigt sich die Schwäche der neueren Enthüllungen an dem Projekt Gegneranalyse, das 2018/19 im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ vom Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) und von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) gefördert wurde. Es wollte die Auseinandersetzung mit neurechter Ideologie in einen grösseren historischen Kontext stellen. Daraus ging die Publikation „Das alte Denken der Neuen Rechten“ von Ralf Fücks und Christoph Becker hervor.

Brumlik, der sich in seiner Analyse auf den berüchtigten § 74 von „Sein und Zeit“ konzentriert, stellt hier zwar einerseits die Überhöhung der völkischen Idee als Seinsgegebenheit heraus und greift damit überhaupt die Propaganda des Irrationalismus an, auf der die Seinsphilosophie basiert: Bei den heutigen Rechtsintellektuellen stehe am Ende jeder Berufung auf Heidegger „ein mystisches Raunen, das keinerlei Anschlussmöglichkeit an irgendeine Form rationaler Politik mehr aufweist“ (Fücks/Becker 2020, 60). Das philosophische Programm selber ist also ins Visier zu nehmen – und nicht nur der jeweilige Standpunkt (Führerkult, Antisemitismus, völkische Metaphysik…), der aus ihm resultiert.

In bester neudeutscher Tradition wiederholt Brumlik aber andererseits die bekannte Würdigung Heideggers und spricht den von ihm erklommenen philosophischen Höhen die Anerkennung aus. An Heideggers „Bedeutung für die Philosophie des 20. Jahrhunderts (dürfte) weder sein Eintreten für Hitler noch seine zuletzt unübersehbar gewordene antisemitische Haltung etwas ändern“, heisst das Fazit (ebd., 52f).

Der ganze Aufwand landet also wieder da, wo man im Adenauerstaat war und woran sich heute der universitäre Mainstream (vgl. Antisemitismus an Hochschulen: no problem – Antizionismus: no chance) letztlich immer noch hält: Wer wie Heidegger „uralte Fragen der abendländischen Philosophie“ aufgreift, hat uns heute – Faschismus hin oder her – immer noch viel zu sagen. Man muss nur da aufpassen, wo es „unübersehbar“ antisemitisch wird.

Johannes Schillo

Nachweise

Peter Decker, Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist. München (Gegenstandpunkt) 2020, https://de.gegenstandpunkt.com/.

Ralf Fücks/Christoph Becker (Hg.), Das alte Denken der Neuen Rechten – Die langen Linien der antiliberalen Revolte. Frankfurt/M. (Wochenschau) 2020.

Klaus-Peter Hufer, Neue Rechte, altes Denken – Ideologie, Kernbegriffe und Vordenker. Weinheim (Beltz-Juventa) 2018.

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