Zur Kritik einer utopischen Verteilungsformel bei Marx »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!«
Politik
Die Formel »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« gehört zu den am häufigsten zitierten Sätzen aus Marx' Werk. Zugleich gehört sie zu den am meisten missverstandenen.

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Marx formuliert diese Parole nicht selbst aus dem Nichts. Er zitiert eine im Milieu des französischen Frühsozialismus und utopischen Sozialismus bereits umlaufende Formel. Besonders Louis Blanc hat sie in der Form »De chacun selon ses facultés, à chacun selon ses besoins« geprägt; sie findet sich bei ihm etwa in Plus de Girondins. Sachlich verwandte bedürfnisorientierte Vorstellungen finden sich bereits bei utopisch-kommunistischen Autoren wie Morelly im Code de la nature und später bei Étienne Cabet in Voyage en Icarie. Marx greift also eine bekannte Losung aus einem ideengeschichtlichen Zusammenhang auf, die er keineswegs einfach übernimmt. Gerade weil die Formel bereits als sozialistische Gerechtigkeitsformel kursierte, ist ihre Stellung bei Marx entscheidend: Er zitiert sie nicht als unmittelbares Programm, sondern setzt sie unter anspruchsvolle Bedingungen.
Marx verwendet die Formel also nicht naiv, sondern kritisch. Er übernimmt sie nicht einfach als utopische Losung, sondern bindet sie an eine Reihe gesellschaftlicher, produktiver und historischer Voraussetzungen. Entscheidend ist die Grammatik der Passage. Marx schreibt nicht: Der Kommunismus bedeutet »jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«. Er schreibt sinngemäss: In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung unter die Arbeitsteilung verschwunden ist, nachdem die Arbeit nicht mehr bloss Mittel zum Leben, sondern selbst erstes Lebensbedürfnis geworden ist, nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktivkräfte gewachsen sind und die Quellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fliessen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont überschritten werden und die Gesellschaft jene Formel auf ihre Fahne schreiben.
Diese Konstruktion ist kein rhetorischer Schmuck. Sie ist der theoretische Kern der Bezugnahme. Die Formel ist bei Marx nicht Ausgangspunkt, sondern Resultat. Sie ist nicht das Prinzip, mit dem eine neue Gesellschaft beginnt, sondern die mögliche Formel einer bereits entwickelten kommunistischen Gesellschaft. Wer das »erst dann« überliest, verwandelt Marx' materialistische Kritik in moralischen Sozialismus. Die utopische Formel wird dann von ihren Voraussetzungen abgelöst und als Ideal behandelt, das nur noch verwirklicht werden müsse. Genau dagegen richtet sich Marx' Kritik.
Marx' unmittelbarer Gegner in der Kritik des Gothaer Programms ist die Fixierung auf »gerechte Verteilung«, »unverkürzten Arbeitsertrag« und »gleiches Recht«. Das Gothaer Programm bleibt für Marx in einer falschen Fragestellung befangen: Es behandelt die Verteilung so, als liesse sie sich unabhängig von der Produktionsweise bestimmen. Marx wendet dagegen ein, dass die Verteilung der Konsumtionsmittel nur eine Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen ist. Entscheidend ist also nicht zuerst die Frage, nach welcher moralischen Regel verteilt wird, sondern wie die gesellschaftliche Produktion organisiert ist, wem die Produktionsbedingungen gehören, wie Arbeit gesellschaftlich vermittelt wird und ob die Produkte noch als Waren erscheinen.
Gerade hier unterscheidet sich Marx von einem grossen Teil der utopisch-sozialistischen Tradition. Die utopische Formel ist ihrem Inhalt nach verständlich: Sie richtet sich gegen Elend, Konkurrenz, Privateigentum und bürgerliche Borniertheit. Aber als blosse Formel bleibt sie abstrakt. Sie sagt, wie verteilt werden soll, ohne aus der bestimmten Kritik der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln, unter welchen Bedingungen eine solche Verteilung überhaupt möglich wäre. Marx' Kritik lautet daher: Das Bedürfnisprinzip kann nicht als blosser Gerechtigkeitssatz an die Stelle der Analyse der Produktionsverhältnisse gesetzt werden.
An diesem Punkt beginnt das entscheidende Missverständnis der üblichen Rezeption. Oft wird Marx' Unterscheidung einer niederen und einer höheren Phase des Kommunismus so gelesen, als handle es sich bei der »ersten Phase« um eine bloss unvollständige Übergangsordnung, die möglichst rasch zugunsten des »eigentlichen« oder »wahren« Kommunismus zu überwinden sei. Dadurch verschiebt sich entgegen der Analyse von Marx der Akzent erneut auf die Verteilung:
Die erste Phase gilt dann als defizitär, weil sie noch nicht das Prinzip „jedem nach seinen Bedürfnissen“ verwirklicht; die höhere Phase gilt als eigentlich kommunistisch, weil sie erst diese Formel realisiert. Genau damit wird Marx' Argumentation auf den Kopf gestellt. Denn Marx interessiert sich in der Kritik des Gothaer Programms gerade nicht dafür, eine Rangordnung verschiedener Verteilungsideale aufzustellen. Er kritisiert vielmehr, dass die Verteilungsfrage überhaupt zum Wesen der sozialistischen Programmatik gemacht wird. Darum ist es irreführend, die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft hauptsächlich über ihre Mängel zu bestimmen. Zwar beschreibt Marx diese Mängel: den engen bürgerlichen Rechtshorizont, das gleiche Recht, die Bemessung individueller Ansprüche nach geleisteter Arbeit, die daraus folgende Ungleichheit ungleicher Individuen. Aber diese Darstellung darf nicht isoliert werden. Wird sie isoliert, entsteht der falsche Eindruck, Marx skizziere hier eine bloss mangelhafte Vorstufe der kommunistischen Gesellschaft. Tatsächlich liegt gerade in dieser sogenannten ersten Phase der entscheidende Bruch mit der kapitalistischen Produktionsweise. Sie ist nicht eine halbkapitalistische Notlösung, sondern ein grundlegend verändertes Produktionsverhältnis. Ihr positiver Inhalt besteht darin, dass die Produktionsmittel Gemeingut sind und die Produzenten ihre Arbeit unmittelbar als gesellschaftliche Arbeit verausgaben.
Der einzelne Produzent steht hier in einem direkten Verhältnis zum gesellschaftlichen Produkt: nicht als Verkäufer seiner Arbeitskraft, nicht als Warenbesitzer, nicht als Lohnarbeiter, sondern als Teilhaber an einem gemeinsam erzeugten gesellschaftlichen Gesamtprodukt. Die Produkte treten den Produzenten nicht mehr als Waren gegenüber. Die private Arbeit muss sich nicht mehr nachträglich über Markt, Geld und Wert als gesellschaftliche Arbeit bewähren. Die gesellschaftliche Vermittlung erfolgt nicht mehr hinter dem Rücken der Produzenten durch den Austausch voneinander unabhängiger Privatarbeiten, sondern bewusst durch die gemeinsame Verfügung über die Produktionsbedingungen. Damit ist der Kern der kapitalistischen Formbestimmung aufgehoben: Nicht mehr Wert, Geld und Kapital organisieren den gesellschaftlichen Zusammenhang, sondern die Produzenten selbst organisieren ihre gemeinsame Arbeit.
Genau hier liegt die Bedeutung der Arbeitszeitrechnung. Sie ist bei Marx nicht die Fortsetzung des Lohns mit anderen Mitteln. Sie ist vielmehr Ausdruck der Aufhebung der Lohnarbeit. Im Kapitalismus erscheint Arbeitszeit als Wertmass in einer verkehrten Form: Der Zweck der Arbeit ist die Produktion von Wert, die Arbeitskraft wird als Ware verkauft, und der Lohn erscheint als Bezahlung der Arbeit, obwohl er in Wahrheit der Preis der Arbeitskraft ist. In der kommunistischen Gesellschaft dagegen kann Arbeitszeit als bewusstes gesellschaftliches Rechnungsmass auftreten, ohne Wertform, ohne Warenproduktion, ohne Kapitalverwertung und ohne Lohnverhältnis. Sie misst dann nicht den Wert von Waren, sondern den gesellschaftlichen Aufwand, der für bestimmte Produkte und Tätigkeiten erforderlich ist.
Damit verändert sich der Charakter der Arbeitszeit grundlegend. Sie ist nicht mehr das Mass privater Konkurrenzarbeiten, die sich erst auf dem Markt gesellschaftlich bestätigen müssen. Sie wird zum Mittel gesellschaftlicher Selbstverständigung: Wie viel Arbeitszeit steht zur Verfügung? Wofür wird sie verwendet? Welche Bedürfnisse sollen mit welchem Aufwand befriedigt werden? Welche Produktionszweige müssen ausgeweitet, welche reduziert werden? Welche Abzüge vom gesellschaftlichen Gesamtprodukt sind für Produktionsmittel, Reserven, Bildung, Gesundheit, Pflege, allgemeine Verwaltung und gemeinschaftliche Zwecke erforderlich? Arbeitszeitrechnung bedeutet daher nicht bloss individuelle Zurechnung, sondern gesellschaftliche Übersicht über den gemeinsamen Produktionsprozess.
In diesem Sinn ist die Arbeitszeitrechnung eine notwendige Grundlage der Selbstverwaltung. Eine Gesellschaft, die ihre Produktion bewusst regeln will, braucht ein Mass des gesellschaftlichen Aufwands. Ohne ein solches Mass bleibt Planung entweder blind oder administrativ willkürlich. Die Arbeitszeitrechnung macht sichtbar, welche gesellschaftlichen Kosten bestimmte Entscheidungen haben, ohne diese Kosten in Geld, Preis, Profit oder Kapitalrendite zu verwandeln. Sie ermöglicht den Produzenten, die Proportionen ihrer Arbeit zu ihren Bedürfnissen bewusst zu bestimmen. Damit gehört sie zum positiven Inhalt des kommunistischen Produktionsverhältnisses: Die Produzenten verfügen über die Produktionsmittel, verausgaben ihre Arbeitskräfte als gesellschaftliche Arbeitskraft und berechnen den gesellschaftlichen Aufwand ihrer Produktion bewusst.
Das direkte Verhältnis des Produzenten zum gesellschaftlichen Produkt bedeutet daher nicht, dass jeder unmittelbar nimmt, was er will, ohne sich über den damit verbundenen gemeinschaftlichen Aufwand Gedanken zu machen. Es bedeutet zuerst, dass das gesellschaftliche Produkt nicht mehr als fremde Macht gegenüber den Produzenten existiert. Im Kapitalismus ist das eigene Produkt den Produzenten entzogen: Es gehört dem Kapital, tritt als Ware auf, realisiert sich im Geld und dient der Verwertung. In der kommunistischen Gesellschaft bleibt ein Teil des Gesamtprodukts gesellschaftlich, weil er wieder als Produktionsmittel, Reservefonds oder gemeinschaftlicher Fonds dient; ein anderer Teil wird individuell konsumiert. Aber auch diese Verteilung erfolgt auf der Grundlage eines gemeinsamen Produkts, nicht auf der Grundlage privater Warenansprüche. Der einzelne Anteil ist abgeleitet aus der bewussten Organisation des gesellschaftlichen Gesamtprodukts. Deshalb ist es irreführend, den mit der sogenannten ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft verbundenen bürgerlichen Rechtshorizont idealistisch als blossen Makel zu lesen, der durch ein konsequenteres Bekenntnis zum Bedürfnisprinzip beseitigt werden müsste. Für Marx ist dieser bürgerliche Rechtshorizont kein moralischer Fehler, sondern eine historisch bestimmte Form innerhalb einer kommunistischen Gesellschaft, die aus der alten Gesellschaft hervorgeht. Er kann nicht durch eine bessere Parole aufgehoben werden. Er verliert seine Grundlage erst in der Entwicklung der kommunistischen Gesellschaft selbst: durch die Veränderung der Arbeit, durch die Aufhebung der knechtenden Arbeitsteilung, durch die Entfaltung der Produktivkräfte und durch eine Kultur, in der die Individuen ihre Fähigkeiten nicht mehr als blosses Mittel zum Erwerb, sondern als Teil ihres gesellschaftlichen Lebens entwickeln.
Genau deshalb muss die sogenannte erste Phase anders gewichtet werden. Sie ist nicht bloss das mangelhafte Vorzimmer des Kommunismus. Sie ist die notwendige erste Gestalt der kommunistischen Produktionsweise, auf deren Grundlage sich die kommunistische Gesellschaft selbstständig entwickeln kann. Sie schafft den Boden, auf dem überhaupt erst jene kulturelle, produktive und individuelle Entwicklung möglich wird, die Marx in der höheren Phase voraussetzt. Die höhere Phase kommt nicht von aussen als anderes Ideal hinzu. Sie ist die Entwicklung der kommunistischen Gesellschaft auf ihrer eigenen Grundlage.
Damit verschiebt sich auch das Verständnis der berühmten Formel. Marx' Bezug auf »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« ist nicht die eigentliche Definition der kommunistischen Gesellschaft. Noch weniger ist sie der Massstab, an dem die erste Phase als uneigentlich oder defizitär abgewertet werden müsste. Die Formel erscheint bei Marx vielmehr als kritischer Bezug auf eine utopisch-sozialistische Losung, die gerade dann falsch wird, wenn man sie vom Produktionsverhältnis trennt. Marx zeigt: Wer von Verteilung spricht, ohne die Produktionsbedingungen zu bestimmen, bleibt im Horizont des Vulgärsozialismus. Eine solche Position will das Resultat anders verteilen, ohne die gesellschaftliche Form der Produktion begriffen zu haben.
Bezeichnend ist daher, dass in vielen Rezeptionsweisen die skizzenhaften, aber theoretisch entscheidenden Aussagen von Marx zum kommunistischen Produktionsverhältnis kaum beachtet werden, während der kurze Bezug auf die utopische Formel zur Hauptaussage verklärt wird. Gerade die Sätze, in denen Marx den Austausch der Produkte, die Warenform und die Wertform für die kommunistische Gesellschaft ausschliesst, müssten im Zentrum stehen. Stattdessen wird die Passage oft so gelesen, als gehe es wesentlich um die Frage, wann endlich nach Bedürfnissen verteilt werden könne. Das ist eine Verkehrung des Textes. Marx kritisiert am Gothaer Programm gerade die Verwandlung des Sozialismus in eine Lehre von der gerechten Verteilung.
Anlass, Inhalt und Aufbau der Kritik des Gothaer Programms widersprechen dieser verbreiteten Interpretation. Marx beginnt nicht mit der Bedürfnisformel, sondern mit der Kritik am »unverkürzten Arbeitsertrag«, an der unklaren Rede vom »Recht« und an der Vorstellung einer »gerechten Verteilung«. Er zeigt, dass ein gesellschaftliches Gesamtprodukt notwendig Abzüge enthält: für Ersatz verbrauchter Produktionsmittel, Ausweitung der Produktion, Reservefonds, allgemeine Verwaltung, gemeinschaftliche Bedürfnisse, Bildung, Gesundheit und diejenigen, die nicht arbeiten können. Schon dadurch zerstört er die Vorstellung eines einfach individuell zu verteilenden »vollen Arbeitsertrages«. Noch wichtiger aber ist: Diese ganze Verteilungsfrage ist für ihn abgeleitet. Sie folgt aus der Produktionsweise, nicht umgekehrt.
Hier schliesst ein Gedanke aus dem ersten Band von Das Kapital an. Marx stellt sich dort einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre individuellen Arbeitskräfte bewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. Das Gesamtprodukt ist gesellschaftliches Produkt.
Die Arbeitszeit regelt einerseits die richtige Proportion der verschiedenen Arbeitsfunktionen zu den verschiedenen Bedürfnissen, andererseits dient sie als Mass des individuellen Anteils am konsumierbaren Teil des Gesamtprodukts. Diese Passage ist von grosser Bedeutung, weil sie zeigt: Arbeitszeitrechnung ist nicht automatisch Wertrechnung. Entscheidend ist die gesellschaftliche Form, in der gerechnet wird. Im Kapitalismus vermittelt Arbeitszeit sich hinter dem Rücken der Gesellschaftsmitglieder über Wert, Ware und Geld; im Verein freier Menschen dient sie der bewussten Regelung der gemeinsamen Produktion – der Abwägung der Nutzeffekte der verschiedenen Gebrauchsgegenstände gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmengen.
Auch die Grundrisse stützen diese Lesart. Dort arbeitet Marx heraus, dass das Kapital selbst eine historische Dynamik hervorbringt, die das eigene Mass des Reichtums – die Arbeitszeit – zunehmend untergräbt. Mit der fortschreitenden Entwicklung von Wissenschaft, Technik, Kooperation und dem, was Marx als »allgemeines gesellschaftliches Wissen« beschreibt, verschiebt sich die Grundlage des Reichtums: Er hängt immer weniger von der aufgewendeten Arbeitszeit ab und immer stärker von den gesellschaftlichen Produktivkräften insgesamt. Aus dieser Entwicklung folgt jedoch keineswegs, dass eine kommunistische Gesellschaft ohne eine bewusste Rechnung des gesellschaftlichen Aufwands auskommen könnte. Im Gegenteil: Während die Arbeitszeit als Mass des Werts historisch relativiert wird, gewinnt die bewusste Verfügung über Zeit – sowohl notwendige als auch freie – eine zentrale Bedeutung für die gesellschaftliche Selbstbestimmung. Es geht also nicht um die Abschaffung jeder Form von Zeitrechnung, sondern um ihre Transformation: weg von einem blinden, durch den Markt vermittelten Mass hin zu einer bewussten, gesellschaftlich organisierten Planung.
Im dritten Band von Das Kapital wird dieser Gedanke weiter präzisiert. Das Reich der Freiheit beginnt nicht dort, wo die notwendige Arbeit verschwindet. Notwendige Reproduktion bleibt bestehen. Freiheit besteht zunächst darin, dass die assoziierten Produzenten ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, ihn unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen und ihn mit möglichst geringem Kraftaufwand unter menschenwürdigen Bedingungen vollziehen. Erst auf dieser Grundlage kann jenseits der notwendigen Arbeit die Entwicklung menschlicher Kräfte als Selbstzweck beginnen. Auch hier ist der entscheidende Ausgangspunkt nicht eine moralische Verteilungsregel, sondern die bewusste gesellschaftliche Kontrolle des Produktions- und Reproduktionsprozesses.
Die berühmte Formel ist deshalb nur richtig zu verstehen, wenn man sie an ihren Ort im Argument zurückstellt. Sie ist nicht Marx' Hauptaussage über den Kommunismus. Seine Hauptaussage ist die Umwälzung der Produktionsbedingungen: Gemeineigentum an Produktionsmitteln, unmittelbare Gesellschaftlichkeit der Arbeit, Aufhebung von Warenproduktion, Wertform und Lohnarbeit, bewusste Arbeitszeitrechnung und Selbstverwaltung der Produzenten. Die Bedürfnisformel bezeichnet erst einen späteren Punkt der Entwicklung dieser Gesellschaft auf ihrer eigenen Grundlage.
Daraus folgt eine scharfe Kritik an der üblichen Lesart. Wer die erste Phase nur als unvollkommenen Sozialismus nach Leistung und die höhere Phase als eigentlichen Kommunismus nach Bedürfnis versteht, übernimmt stillschweigend genau die Fixierung auf die Verteilung, gegen die Marx schreibt. Er macht aus Marx' Kritik der utopischen Verteilungsformel eine neue Verteilungslehre.
Er übersieht, dass Marx' Skizze der kommunistischen Gesellschaft mit der Aufhebung der kapitalistischen Produktionsform beginnt, nicht mit der Einführung einer gerechteren Konsumregel. Die sogenannte erste Phase ist daher nicht eine peinliche Halbheit, die möglichst schnell zu verlassen wäre, sondern die reale Grundlage, auf der die kommunistische Gesellschaft ihre eigene Kultur, ihre eigenen Formen der Kooperation und ihre eigenen Massstäbe des Reichtums entwickelt.
Marx' kritische Verwendung der utopischen Formel besteht also darin, sie zu entthronen. Sie wird nicht verworfen, aber sie wird aus der Stellung eines abstrakten Prinzips entfernt. Sie darf nicht zum Wesen des Kommunismus gemacht werden. Das Wesentliche liegt nicht in einer Formel der Verteilung, sondern in der gesellschaftlichen Verfügung über die Produktionsbedingungen. Erst wenn diese Verfügung durchgesetzt ist, erst wenn Arbeit ihre kapitalistische Form verloren hat, erst wenn Arbeitszeit nicht mehr als Wertmass privater Warenproduktion, sondern als bewusstes Mass gesellschaftlicher Selbstverwaltung fungiert, erst wenn die kommunistische Gesellschaft auf dieser Grundlage ihre eigenen Formen ausgebildet hat, kann der enge bürgerliche Rechtshorizont überschritten werden.
Ohne diese Akzentsetzung wird Marx' Skizze des kommunistischen Produktionsverhältnisses auf den Kopf gestellt. Dann erscheint der kurze Bezug auf eine utopisch-sozialistische Formel als Kern der Passage, während die eigentliche Kritik – die Kritik an der Verselbständigung der Verteilungsfrage – verschwindet. Mit dieser Akzentsetzung dagegen wird sichtbar, worum es Marx geht: nicht um die moralische Ausmalung einer künftigen Bedürfnisordnung, sondern um die Bestimmung der Produktionsverhältnisse, in denen die Produzenten ihr gesellschaftliches Produkt bewusst herstellen, aneignen und verwalten. Die kommunistische Gesellschaft beginnt nicht erst dort, wo die Bedürfnisformel gilt. Sie beginnt dort, wo die Produzenten ihre Produktionsbedingungen gemeinschaftlich besitzen und ihre Arbeit unmittelbar gesellschaftlich organisieren.
Auf dieser Grundlage – und nur auf dieser Grundlage – kann sie sich zu jener Gesellschaft entwickeln, in der die alte Formel der utopischen Sozialisten ihren abstrakten Charakter verliert.
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