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Identitätspolitik vs. Klassenkampf? | Untergrund-Blättle

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Stehen „Genderthemen“ einer Revolution im Weg? Identitätspolitik vs. Klassenkampf?

Politik

Wir sind irritiert darüber, derzeit vermehrt zu lesen, dass bestimmte Themen, die pauschal und abwertend ohne nähere Auseinandersetzung als Identitätspolitik bezeichnet werden, dazu führen würden, dass es nicht zu Klassenkampf oder Revolution komme.

12. Juli 2022
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Wir vertreten diesen Standpunkt nicht. Daher freuen wir uns sehr, in Bezug auf diese Thematik folgende Zuschrift zu verbreiten.

(Vorab zur Begriffserklärung: Queers = Menschen, die sich als queer bezeichnen, und queer ist hierbei ein Sammelbegriff für Personen, deren geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Orientierung (wen sie begehren oder wie sie lieben) nicht der zweigeschlechtlichen, cis-geschlechtlichen und/oder heterosexuellen Norm entspricht:

FLINTA= Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen

TERFS= Trans-Exclusionary Radical Feminism, wird für radikale Feministinnen verwendet, die transgeschlechtliche Personen, insbesondere Trans Frauen, invalidieren, diskriminieren oder Transidentität als solche infrage stellen oder ihre Existenz leugnen)

Als erstes zu mir als Person und diesem Text: Er spiegelt einfach meine momentane Meinung/Haltung zu diesen Themen wider. Dabei spreche weder für eine Gruppe von Menschen, noch habe ich einen Anspruch auf eine Richtigkeit bzw. Wahrheit. (Ich bin allgemein der Meinung, dass Wahrheit ein sehr subjektiver Begriff ist und es verschiedene Wahrheiten für verschiedene Menschen gibt.) Ich selber bin eine nonbinäre Person Mitte 20, welcher bei Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, und werde auch im Alltag meist so gelesen.

Stehen „Genderthemen“ einer Revolution im Weg?

Ich glaube dieses Missverständnis besteht hauptsächlich bei Menschen, die sich (ich würde behaupten auch aufgrund einer gewissen Privilegiertheit) einfach nicht mit "Genderthemen" auseinandergesetzt haben. Oder TERFS, und das sind keine Linken. Es gibt/gab ja ähnliche "Missverständnisse" im Bezug auf Rassifizieren oder Feminismus als Ganzes. Teils sind es auch Menschen, die andere nur auf ihre Klassenzugehörigkeit reduzieren und mehrheitlich den (einfach nicht mehr aktuellen) Schriften alter weisser Menners folgen. Die Lösung ist Intersektionalität.

Eigentlich relativ simpel, wenn Mensch sich ernsthaft Mühe gibt und evtl. auch mal Theorie liest, welche jünger als 50 Jahre oder so ist. Also im Endeffekt sieht eins da nur ein Problem, wenn eins aufgrund von Engstirnigkeit und Dogmatismus unbedingt eins sehen will. Das klingt jetzt auch etwas polemisch, aber ich habe bei dieser Frage, anders als bei anderen, sehr wenig Verständnis für die Gegenseite (hauptsächlich, weil sie sich oft mit TERFS zusammen tun bzw. TERFS sind).

Identitätspolitik von Seiten der Regierung. Ist diese „Problemlösung“ im Sinne der Betroffenen hilfreich?

Der Staat wird immer versuchen Bewegungen, die ihm gefährlich werden können, zu vereinnahmen. Es ist meiner Meinung nach einfach wichtig, dass wir zwischen revolutionären Ansätzen und reformistischen unterscheiden. Realpolitische Änderungen können angestrebt werden, aber eins sollte nicht die gesamte Energie darauf verschwenden bzw. immer im Hinterkopf behalten, dass dies nicht eine langfristige Lösung ist.

Diesen Widerspruch gilt es meiner Meinung nach auszuhalten. Dass sogenannte revolutionäre Politik (bis aus den Gewerkschaftsquatsch) nicht vereinnahmt wird, hat unterschiedliche Gründe. Historisch gesehen lag es wohl oft einfach an der revolutionären Haltung, welche dies verunmöglicht hat, sodass sie mit Gewalt bekämpft wurde. Heute in Deutschland liegt es, denke ich, eher daran, dass die linke Bewegung komplett irrelevant ist und nicht beachtet werden muss. Sich darauf was einzubilden, nicht mit dem Staat zu verhandeln, während der Staat nicht mal die Notwendigkeit sieht dies zu tun, ist eine komische Positivbesetzung und ein Nicht-Akzeptieren-Wollen der eigenen Schwäche.

Die revolutionäre Linke sollte sich meiner Meinung nach in einem intersektionalen Gedanken mit eben all den "identitätspolitischen" Gruppen zusammen tun bzw. eben unter Beweis stellen, dass sie diese akzeptiert und ihre Kämpfe unterstützt, um ein gemeinsames Vorgehen möglich zu machen. Das Buch "Totale Befreiung" hat da ein paar sehr interessante Ansätze. (Dieses Buch sollte jedoch, wie da auch im Vorwort der deutschen Übersetzung klar gemacht wird, mit einer kritischen Sicht gelesen werden, so wie eigentlich jegliche andere Theorie auch.) Also sollte einfach revolutionäre intersektionale Identitätspolitik gemacht werden.

Ist „Abolish Gender“ eine erstrebenswerte Forderung? Stellen Identitäten und die Bündelung dieser Kräfte ein Werkzeug zum Überleben von Queers und FLINTAs dar?

Abolish Gender ist meiner Meinung nach der Punkt, wo wir am Ende hin wollen. Aber davor muss das bestehende binäre System aufgebrochen werden und Menschen, die jetzt aktuell unter diesem binären System leiden, eine Perspektive geboten werden.

Ich glaube, dass sich diese beiden Perspektiven nicht ausschliessen und Diskussionen, welche von beiden besser/schlechter ist, nicht wirklich zielführend sind. Mir persönlich ist mein Gender bzw. die Auseinandersetzung damit je nach Zeitpunkt unterschiedlich wichtig, jedoch werde ich auch von der Mehrheitsgesellschaft als weisser Cis-Mann gelesen, wodurch viele Dinge, unter denen andere queere Personen und FLINTAs leiden, auf mich wenig bis gar nicht zutreffen.

Ich glaube, dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidentität sehr wichtig ist und einen revolutionären Aspekt beinhaltet, da es sich aktiv weigert ins bestehende System zu passen. Die Abwehrhaltung des Systems durch entweder Vereinnahmung oder aktive Bekämpfung zeigt, dass sich das System davon bedroht fühlt (Pinkwashing jeglicher Konzerne oder die Verfolgung/Diskriminierung von Transpersonen z.B. in den USA). Zum revolutionären Potential von Queer-Sein haben aber auch viele andere Menschen sehr schöne Texte geschrieben.

Reformismus von Seiten sogenannter revolutionärer Gruppen?

Es ist wichtig und richtig reformistische Projekte und Anliegen als solche zu bezeichnen. Aber wie dieser schlaue Mann was vom Richtigen im Falschen gesagt hat, sollten wir uns bewusst sein, dass es immer Widersprüche gibt und es jedem Menschen zusteht auch für eine Verbesserung seiner eigenen Situation zu kämpfen, auch wenn dies nicht per se revolutionär ist. Vielmehr kann unsere Aufgabe darin bestehen, die "identitätspolitischen" Themen in unsere revolutionäre Politik mit einzuarbeiten, sodass wir eine Alternative zum Reformismus bieten können.

Ist für Anarchist*innen das Thema von staatlicher Vereinnahmung der Identitätspolitik irrelevant, weil diese sowieso eine Auflösung von staatlicher Herrschaft anstreben?

Irgendein Mensch hat mal gesagt: „Wäre Anarchismus ein Mensch, wäre dieser Mensch queer.“ Meiner Meinung nach ist Anarchismus, welcher sich nicht intersektional mit der Unterdrückung jeglicher Art von Menschen und Tieren auseinandersetzt, nichts wert. Es ist natürlich so, dass aufgrund unseres eigenen Hintergrundes bestimmt einige Perspektiven mehr präsent sind, während andere gar nicht in unserer Realität stattfinden. Jedoch können wir mit Offenheit und dem Willen, andere Perspektiven und Erfahrungen in unser Weltbild einzuarbeiten, diesem Problem begegnen und einfach den Betroffenen zuhören.

Dabei ist es wichtig, die eigene anarchistische Haltung nicht zu vergessen – nur weil eine Person von Diskriminierung betroffen ist, hat sie nicht automatisch eine progressive, linke oder sogar revolutionäre Haltung. Aber Anarchist_innen/antiautoritäre Menschen gibt es überall auf der Welt, und mit denen sollten wir uns vernetzten und austauschen. Natürlich müssen Menschen nicht ideologisch gefestigte Anarchos sein, damit wir mit ihnen zusammenarbeiten/uns für sie einsetzen und ihnen helfen, die Gesellschaft in Bezug auf diese Symptomatik zu sensibilisieren. Wenn es jedoch um das Erarbeiten gemeinsamer Perspektiven geht, sollten wir auch unsere Haltung klar mit einbringen und auf gewissen Grundwerten bestehen.

TERFS gleich "genderkritische Stimmen"?

In irgendeinem Buch stand mal: "Faschismus ist die Angst vor der Freiheit anderer", und ich bin der Meinung, dass dies zu dem Thema sehr gut passt. Transfeindlichkeit ist eine gefährliche Ideologie und eint lustigerweise sogenannte linke und rechte Akteure auf der ganzen Welt, wobei sie sich auch meistens die Argumentationsketten teilen. Von Menschen mit derart diskriminierenden Ansichten geht eine reale Gefahr aus, welcher mit allen möglichen Mitteln begegnet werden muss.

Mit Menschen, welche essentialistische Ansichten vertreten oder auch der Meinung sind, es gäbe eine Wahrheit bezüglich der Thematik, und in Diskussionen eben jene Wahrheit als einziges betrachten wollen, den "bad faith" suchen, gebe ich mich nicht ab. Ich bin der Meinung da nichts gewinnen zu können.

Genauso wie ich nicht mit Anhängern von etablierten Parteien, Bullen, Nazis und ähnlichem Gesocks rede, da diese Menschen nicht bereit sind ihre Meinung zu ändern, geschweige denn meine Ansichten ernst zu nehmen, und nicht die Bereitschaft mitbringen zu versuchen meine Sicht auf die Dinge zu verstehen. Ich bin grosser Fan vom Prinzip des agree to disagree, solange auf der menschlichen Ebene ein Respekt da ist. Was sogenannte Feminist_innen angeht, die sich selber auch als links bezeichnen, finde ich es besonders gravierend ihnen eine Plattform zu geben, da sie bezüglich Transpersonen eine reaktionäre und faschistische Haltung haben, welche keinerlei Platz haben darf.

Was gibt es zu diversen Schutzräumen zu sagen?

Hinweis: Die folgenden Gedanken beziehen sich auf Schutzräume und den Umgang damit innerhalb der linken Szene/Bewegung und nicht direkt in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext, einfach aufgrund der Tatsache, dass die Begebenheiten nochmals ganz anders sind und auch viel mehr Dinge mit einbezogen werden müssten, und weil ich der Meinung bin, wir müssen Dinge zuerst im Kleinen hinbekommen, bevor wir es im grossen Kontext tun wollen.

Ich bin kein Fan von FLINTA Spaces. Auch wenn es oft Orte sind, an welchen ein sehr angenehmer Umgang herrscht und ich mich tendenziell auch wohlfühle, bin ich dennoch unzufrieden. Meiner Meinung nach sind FLINTA Spaces ein Eingeständnis und ein Unwille der Linken sich mit Sexismus/Homo-/Transphobie und Übergriffigkeit innerhalb der Szene auseinander zu setzen.

Also, was ich sagen will, ist: FLINTA Spaces sind wichtig, aber es ist schlecht, dass es sie überhaupt benötigt. Meiner Meinung nach sollten alle linken Orte solche Orte sein, wo sich FLINTA Personen wohl fühlen, und eine gemeinsame Awareness bezüglich Übergriffigkeit besteht und übergriffige Menschen auch konsequent ausgeschlossen werden.

Gruppe Autonomie und Solidarität

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