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Droht der westliche Kulturkreis am katholischen Jesus Narrativ zu scheitern? | Untergrund-Blättle

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Der Mangel an Eigeninitiative Droht der westliche Kulturkreis am katholischen Jesus Narrativ zu scheitern?

Politik

Das katholische Jesus Narrativ besagt, dass dem Menschen alle vergangenen und zukünftigen Sünden bereits vergeben sind und dass einmal der Menschensohn kommen wird, um alle zu erlösen.

Kreuzigung von Jesus. Holzstich von 1866.
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Kreuzigung von Jesus. Holzstich von 1866. Foto: Gustave Doré (PD)

14. Oktober 2022
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Ein solcher Glaube zersetzt notwendig die natürliche menschliche Eigeninitiative, alle fehlerhaften Haltungen und Handlungen zu korrigieren und sich dadurch selbst von ungünstigen Verhaltensweisen zu befreien. Der Mangel an einer solchen Eigeninitiative wird in der gegenwärtigen Kulturkrise auf eine geradezu schmerzhafte Weise deutlich. Wir können daher davon ausgehen, dass sich das katholische Jesus Narrativ durch die Industrielle Revolution auch auf die Sünden des Kapitalismus erweitert hat, so dass heute die Eigeninitiative von Unten auf eine sonderbare Weise blockiert ist.

Wie sich die Situation darstellt, hegt der Mensch des westlichen Kulturkreises insgeheim die abstruse religiöse Hoffnung, dass auch die biologischen und sozialen Sünden des Kapitalismus am Ende wie durch Zauberhand vergeben werden und nicht auf den Einzelnen zurückfallen. Diese Annahme erhärtet sich durch den hartnäckigen Technik-Erlösungsglauben, durch den der heutige Mensch die Last seiner Umweltsünden und sozialen Sünden auf die Schultern der jungen Generation legt. Notwendig ist die junge Generation mit dieser „liberalen“ Glaubensmoral hoffnungslos überfordert.

Der westliche Mensch kultiviert gegenwärtig in einer zunehmenden Weise ein übernatürliches Weltbild, in dem die Gesetze einer relativen Natur nur noch bedingt zählen, weil das Weltbild im traditionellen religiösen Sinn von einem allmächtigen Etwas beherrscht wird, das per definitionem jederzeit beliebig in das menschliche Kulturgeschehen eingreifen kann. Der Mensch hat daher zwar seit der Neuzeit die Disziplin einer biologischen wissenschaftlichen Forschung forciert, kultiviert aber, sobald sich kulturelle Krisen einstellen, wieder ein katholisches Weltbild der übernatürlichen und willkürlichen Art. Diese Schlussfolgerung erklärt die Tatsache, dass der Mensch dem gegenwärtigen biologischen Niedergang seiner Kultur, seines Geistes und seiner Seele nur zusieht, so als sässe er vor einem Fernseher und könnte nichts gegen diese Entwicklung tun.

Den wesentlichen Auslöser für die heutige Kulturkrise finden wir in dem Beginn einer neuen neoliberalen Wirtschaftsagenda durch den Washington Consensus von 1984. Der Mensch hat sich dadurch seit der Jahrtausendwende immer mehr in ein religiöses Schneckenhaus zurückgezogen und hofft in einer hartnäckigen passiven Haltung auf eine göttliche Erlösung.

Was aber wenn dieses katholische Narrativ einem krankhaften absolutistischen Machtstreben ohne Grenzen entsprungen ist und für alles Natürliche eine destruktive Erfindung bedeutet? Dann hat notwendig jeder Mensch verloren, der heute an eine wundersame Erlösung durch eine von den kapitalistischen Herrenmenschen angestrebte Agenda 2030 glaubt. An dieser Hoffnung hält gegenwärtig eine Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt fest und wendet sich, gerade weil eine solche Hoffnung auf schwachen Beinen steht, gegen jeden, der diese fatalistische Hoffnung auch nur ansatzweise in Zweifel zieht. Es ist daher wichtig, dass sich der Mensch an die Lebensumstände eines „liberalen“ Kapitalismus des 19. Jahrhunderts erinnert und das „liberale“ Betragen der neoliberalen Herrenmenschen seit 1984 in Rechnung stellt, das dem Menschen seit der Jahrtausendwende eine Kulturkrise nach der anderen beschert hat. Nur dann kann der Einzelne den religiösen Schleier lüften, in dem er gegenwärtig gefangen ist.

Sobald ein Mensch wieder klarer sieht, kann er auch erkennen, dass er innerhalb der materialistischen Komfortzone, welche die Industrielle Revolution erzeugt hat, immer mehr zu einem Gefangenen wird, der sich mit einem künstlichen Ersatzglück für ein verhindertes natürliches Lebensglück zufrieden gibt. Nichts ist so kostbar wie das Lebensgeschenk selbst. Nichts kann daher erlösender sein, als dieses Lebensgeschenk zu respektieren und auf ein Leben der natürlichen Eigeninitiative zu setzen. Nur dann wird jeder zu einem Erlöser seiner selbst, seiner Gesellschaft und der Natur der Erde.

Wolfgang Hauke

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