"Der Wohlfahrtsstaat, der die Akkumulation des Kapitals im Fordismus noch begleitet hat, ist verschwunden, und mit ihm die Möglichkeit des Kapitals und des Staates, soziale und ökonomische Verbesserung für Lohnabhängige zu gewährleisten. Kapital und Arbeit wandern dann immer stärker in die Zirkulation ab, während sich die Surplusbevölkerung in der informellen Ökonomie befindet. Die neuen Aufstände in der Zirkulation müssen nicht unbedingt von Arbeitern getragen werden, denn im Prinzip kann jeder einen Marktplatz befreien, eine Strasse schliessen und einen Hafen besetzen. Die Aufständischen mögen Arbeiter sein, aber sie fungieren im Riot nicht als Arbeiter, denn die Beteiligten werden hier nicht durch ihre Jobs, sondern in ihrer Funktion als Enteignete unifiziert." Achim Szepanski - Die Ekstase der Spekulation.
Rebecca: „Ich eigne mich nicht als Angestellte” Trojan: „Das ist gut”
Rebecca: „Ich kann nicht klagen. Immer noch im Geschäft?! Bist zäh, das muss man Dir lassen.”
Während der erste Teil der Filmtrilogie von Thomas Arslans Im Schatten, noch in den Anfangssequenzen in verwaschenen Bildern die regen durchnässte Friedrichstrasse erahnen liess, und in der späteren Handlung zumindest ohne grössere Schwierigkeiten Schauplätze im alten 36 zu erkennen sind, verzichtet der zweite Teil, Verbrannte Erde, vollständig darauf, vertraute Bilder und Orte dieser tot fotografierten Stadt zu präsentieren. In einer lakonischen Filmsprache, die an Melvilles Meisterwerke denken lassen, und die sonst in diesem Land vielleicht noch Dominik Graf zu beherrschen weiss, erzählt Arslan die Geschichte des Berufskriminellen Trojan weiter, eine Typologie, die in dieser Form wohl nur noch in der Fiktion des Kinos weiterlebt.
Aus dem Nirgendwo kommt Trojan nach vielen Jahren nach Berlin zurück, das er am Ende von Im Schatten fluchtartig nach der Abrechnung mit seinen Konkurrenten und der tödlichen Auseinandersetzung mit einem korrupten Bullen verlassen musste. Sein erster Coup verrät zugleich sein Aus-der-Zeit-Gefallen. Die in einer Villa erbeuteten Luxusuhren will ihm ein alter Bekannter „um der alten Zeiten wegen” für einen lächerlichen Betrag abnehmen, der Markt regelt alles, jetzt auch in der Welt der Kriminellen und Ganoven. Und so treibt Trojan durch diese Handlung und die Stadt, in der er nur ein Fremder zu sein scheint, bekommt einen Job für ein grosses Ding angeboten, aber am Ende will ihn der Auftraggeber für den Raub des Kunstgemäldes selbst aus dem Weg räumen lassen. Die alte Geschichte von Loyalität und Verrat wird erzählt, lässt Raum für Nuancen und Ambivalenzen, die Menschen sterben genauso beiläufig wie sie zu leben gescheint haben.
Neben der wirklich brillanten Lakonie, die neben Melville natürlich auch an Chandler denken lässt, besticht aber vor allem die Auswahl der Drehorte von Verbrannte Erde. Industriebrachen, riesige unbelebte Parkplätze, Fahrten durch Strassen, deren Namen sich beim Betrachten selbst den vor vielen Jahrzehnten in Berlin Geborenen nicht erschliessen. Und vor allem immer wieder diese anonymen Hotelzimmer, die überall auf der Welt gleich aussehen. Nicht heruntergekommen, nicht luxuriös, einfach nur gesichtslos. Thomas Arslan selbst spricht in einem Interview über die Auswahl der Drehorte von Im Schatten von „anonymen Transitorten“.
Die Orte der Dissens, der bewussten Illegalität, des Lebens jenseits der Regeln der bürgerlichen Gesellschaft, haben sich nun endgültig an jene Orte verschoben, verschieben müssen, von denen unter anderem mein verstorbener Freund und Genosse Achim Szepanski als Nicht-Orte sprach. Während der Gangster in Melvilles Un Flic noch quasi nebenberuflich der Chef eines gut gehenden Nachtclubs und mit seinem polizeilichen Gegenüber enger befreundet ist, das Geld nie Selbstzweck zum nackten Überleben darstellt, sondern das 'Gute Leben' ermöglichen soll, das in all seiner Pracht zur Schau gestellt werden will, lebt Trojan jenseits der jeweiligen Coups ein bescheidenes und völlig unaufgeregtes Leben. Kein Geprotze, keine dicken Autos, und, das haben wir von De Niro in Heat gelernt, keine Bindung, die ihm zum Verhängnis werden könnte. Eben dieses Leben, das Ausharren in einer Position jenseits der Normen der bürgerlichen Welt, dieser konsequente Akt der Desertation, ist eben nun nur noch an eben jenen Orten möglich, die wir als Nicht-Orte begreifen und definieren.
Vom dritten Akt der Gilets Jaunes, der kollektiven Reise nach Paris und der 'Schlacht am Triumphbogen' im Dezember 2018 ist es gar nicht so ein weiter Weg bis zu jenem Riot auf den Champs Élysées nach dem Sieg von PSG im Finale der Champions League am vergangenen Wochenende. Obwohl nach den Krawallen vom letzten Jahr nach dem Triumph von PSG dieses Jahr in ganz Frankreich über 20.000 Polizisten im Einsatz waren, konnten diese weder das Geschehen in Paris unter Kontrolle bringen, noch verhindern, dass sich die Ausschreitungen auf rund ein Dutzend französische Städte ausbreiteten.
Noch im Morgengrauen gingen Polizeieinheiten am Fusse des Triumphbogens mit Tränengas und Wasserwerfer gegen das rebellierende Surplus Proletariat vor. Wer diese Ereignisse als unpolitisch oder im Kern dem Fussball angehaftet einstuft, hat wirklich gar nichts verstanden von dem, was sich in der letzten Dekade im Endgame des Kapitalismus zugetragen hat. So wie die Bewegung der Gilets Jaunes in den Sphären der Zirkulation und an den Non-Orten der zahllosen öden Kreisverkehre der kleinbürgerlichen Vororte sich fand und organisierte, so stammt der überwiegende Teil der Teilnehmer*innen der Riots vom 30. Mai dieses Jahres ebenfalls aus den Sphären der Zirkulation und darüber hinaus aus den gesellschaftlichen Non-Orten der proletarischen Vororte, der Banlieue.
Arbeitslos oder abgespeist mit niedrig entlohnten Dienstleistungsjobs, ohne jegliche Perspektive auf Veränderung, ein soziales Elend, das seit Jahrzehnten von Generation zu Generation weitergegeben wird, dazu der ständige Terror durch die Polizei, der regelmässig Tote fordert. Mathieu Kassovitz hat diesen Zuständen schon Mitte der 90er in La Haine ein filmisches Denkmal gesetzt. Die regelmässigen Auseinandersetzungen mit der Polizei in den Vororten, die gezielten Angriffe auf ihre Einheiten insbesondere, nachdem ein neuer Fall von Polizeigewalt viral gegangen ist, sind nicht weniger als wütende Revolten der historischen Partei [1], die sich noch keinen formalen Rahmen und kein Programm gegeben haben. Aber nichtsdestotrotz Ausdruck der gegenwärtigen Form des Klassenantagonismus sind. Oder wie es Emilio Quadrelli und Lidia Triossi in 'Athena auf Erden' [2] formuliert haben:
“Wir sind keine Soziologen, aber es ist klar, dass sich ein Teil des sogenannten desintegrierten Proletariats bewegt hat, das Proletariat ohne Reserven, das nur Ketten zu zerstören hat. Angesichts dieser Explosion proletarischer Gewalt ist es sinnlos zu sagen, dass die Polizei scheisse ist, oder zu sagen, dass die Jugend der Vorstädte der hauptsächliche Teil des neuen Arbeitersubjekts und des Proletariats ist… jeder weiss das sehr gut, aber das Problem ist nicht das, sondern die ganze Macht, die im neuen Arbeitersubjekt liegt, in eine politisch-militärische Kraft zu verwandeln!”
“Wir wurden gross hier in 030, brauch' kein'n Rücken und kein'n Polizeischutz, ja
Ich scheiss' auf eure Party, will eure Preise nicht, will kein'n Bambi
Sie hasst euch, ich find' das anzieh'nd, das ist Romantik” Epsilon - Keiner von Euch Man könnte an dieser Stelle weiter seitenlange Abhandlungen über die Geschichte der Aufstände der Jugend aus den Banlieues schreiben, über Wucht dieser Revolte, der 2005 nach dem von Polizisten zu verantworteten Tod von Bouna Traoré und Zied Benna durch Frankreich fegte und die Schrift 'Der kommende Aufstand' inspirierte. Man könnte auf Frankreich 2023 schauen, landesweite Unruhen, nachdem ein Polizist den jungen Nahel kaltblütig erschossen hatte, Unruhen, die eine Woche andauerten und alles in den Schatten stellten, was sich seit dem Mai 68 in Frankreich zugetragen hatte. (Der französische Unternehmerverband sprach hinterher von einer Schadenssumme von über einer Milliarde Euro!)
Über all dies könnte man erneut sprechen und schreiben, aber all das macht keinen Sinn, wenn man nicht bereit ist, den gleichen Ausdruck von gesellschaftlichem Bruch hierzulande zur Kenntnis zu nehmen.
Das theoretische Elend hierzulande beginnt genau eben dabei, diese Brüche nicht zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn sie auf dem Silbertablett serviert werden. Die Revolten und ständigen Scharmützel mit der Polizei während der Jahre des Corona Ausnahmezustandes wurden negiert oder komplett ausgeblendet, in dem Wahnzustand, in dem sich grosse Teile der Linken und anarchistischen Zirkel während dieser Jahre befanden, war wohl auch nichts anderes zu erwarten.
Wenn aber nun z.B. Jahre nach den aufsehenerregenden Unruhen von Stuttgart 2020 nur im Zuge der Urteilsverkündungen öffentlich gemacht wird, dass eben auch zu mindestens einige Leute aus der 'Stuttgarter Szene' sich an den Krawallen beteiligt haben, ist dies ein absolutes Armutszeugnis, das aber exemplarisch für das Versagen jener Kreise steht. Wer, wenn nicht Akteure der Revolte selbst, wären mehr berufen gewesen, authentisch über die Geschehnisse zu berichten. So blieben nur die Berichte aus den bürgerlichen Medien, um sich zumindest ansatzweise ein Bild von den Riots in der Stuttgarter Innenstadt zu machen, die übrigens in den folgenden Wochen etliche kleinere Copyriots u.a. in Frankfurt zur Folge hatten.
Wenn man bis heute nicht in der Lage ist, sich selbstkritisch mit dem eigenen Versagen während des Corona Ausnahmezustand auseinanderzusetzen, bleibt natürlich auch der Zugang zu den Silvester Krawallen in Berlin versperrt, die in kleinem Massstab sich bereits im Jahreswechsel 20/21 andeutenden [3], bevor es 22/23 in der ganzen Stadt zu Riots kam [4], was seitdem dazu führt, dass zum Jahreswechsel mehrere tausend Polizisten über das gesamte Stadtgebiet verteilt im Einsatz sind. - Und ja, ohne den jahrelangen Terror der Ordnungskräfte während der „Corona-Jahre“ hätte es diese soziale Explosion nicht gegeben.
Der Zugang zu diesem Ausdruck von sozialem Antagonismus bleibt aber natürlich nicht nur aufgrund der eigenen Verstrickung im Corona Ausnahmezustand versperrt, es fehlt eben auch jeglicher Ansatz von gesellschaftlicher Analyse und Vorstellung von konkreter sozialer Praxis.
In Berlin wurde das identitäre Pferd der „Freiräume“ bis zur totalen Erschöpfung zu Tode geritten, am Ende blieb nur der grandiose Abgang nach der Räumung des Köpi Wagenplatzes [5], ein militanter Schwanengesang, der nur mit der Unterstützung europaweit angereister Gefährt*innen möglich wurde. Während das Thema Wohnen und Miete hier in dieser Stadt wirklich Hunderttausenden so was von unten den Nägeln brennt, hat sich die ganze Kampagnenlinke völlig verabschiedet, nach etlichen sinnlosen und gescheiterten Unterschriftenlisten und „Volksentscheiden“ hat wirklich niemand mehr Bock auf diese Form von „gesellschaftlicher Partizipation“. In der historischen “Hauptstadt der Häuserkämpfe” klafft ein Abgrund zwischen den realen Möglichkeiten, die sich aus dem sozialen Sprengstoff der „Wohnungsfrage“ ergeben und den konkreten theoretischen Überlegungen, bzw. Handlungsansätzen dazu.
Gropiusstadt, High-Deck-Siedlung, Siemensstadt, Thermometer-Siedlung. Alle liegen ausserhalb des S-Bahn-Rings, alle waren Brennpunkte der Ausschreitungen zu Silvester. Barrikadenbau, angezündete Autos, Hinterhalte für einrückende Polizeieinheiten, teilweise unter Einsatz von Molotows. Ein Grossteil der linken und anarchistischen Szene der Hauptstadt hat noch nie einen Fuss in diese Stadtviertel gesetzt. Keine subkulturellen Kneipen und Veranstaltungsorte, keine angesagten Clubs, kein „Nachtleben“, keine „Hausprojekte“.
Kein Coolness-Faktor. Aber sie bauen halt dort Molotows, eine Technik, die die politische Szene nur noch vom Hörensagen kennt. Sie bauen die Dinger da nicht, weil ihnen langweilig ist (na ja vielleicht auch deshalb ein bisschen, aber was ist dagegen einzuwenden). Noch ist es hierzulande möglich, mit diesen Leuten auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen, etwas was in Frankreich gar nicht mehr möglich ist. Wenn du da nicht aus dem Viertel kommst, solltest du dich da während der Riots besser nicht auf der Strasse blicken lassen.
Wo hierzulande das „politische Engagement“ zu 95 % ein „Lebensabschnitt“ bleibt, ziehst du nicht mit deiner „Bezugsgruppe“ in ein Neubauviertel am Rande der Stadt, du unterwandert nicht die Bundeswehr wie der KBW in den 70er, du scheisst nicht auf deine akademische Karriere und gehst da malochen, wo du denkst, dass sich da was politisch stemmen lässt. Geschenkt, diese 95 % sind eh irrelevant, weil sie heute schon ihr eigener Schatten sind.
Reden wir vom Rest, von denen, von denen wir annehmen, dass „sie es ernst meinen”. Reden wir von uns. Wer immer das auch eigentlich sein mag. Reden wir von denen, die noch nicht völlig abgestumpft sind. Die noch ihre Verzweiflung gelten lassen und sie nicht mit Konsum wovon auch immer versuchen zum Schweigen zu bringen.
Reden wir von denen, die es ernst meinen mit der „Tendenz zur Faschisierung”, und nicht mit ihren Auswanderungsfantasien diesbezüglich auf bluesky hausieren gehen. Reden wir von denen, die deshalb, weil sie das ernst meinen, im Knast sitzen oder zum Untertauchen gezwungen sind. Reden wir davon, wer einen realen praktischen Gegenpol gegen die Faschisten im Parlament und auf der Strasse darstellt. Spoiler: Das sind zu grossen Teilen die oben erwähnten Leuten aus den migrantisch geprägten Vierteln.
Reden wir von denen, die verstanden haben, dass wir, dieses vage, fragile wir, nichts ist, ohne unser Verständnis von Geschichte, unserer Geschichte, reden wir von denen, die sich deshalb nach der Festnahme von Daniela und während der stadtweiten Hetzjagd nach ihren beiden Gefährten selbstbestimmt die Strasse genommen haben [6]. Reden wir von den vielen jungen, neugierigen Gesichtern, die der lautmalerischen Präsentation einer Graphic Novel über das Leben von Gabriele „Ella“ Rollnick lauschten.
Reden wir von denen, die sich nicht einrichten im allgegenwärtigen Katastrophismus der Linken und 'Anarchisten', die schon ihre linksalternativen Preppersekten am Gründen sind. Reden wir von denen, die begriffen haben, dass Geschichte immer ein offener Prozess ist und dass es keine Frage von Haupt-oder-Nebenwidersprüchen ist, das ohne einen historischen Materialismus - und damit sind nicht die ideologischen Verkürzungen und Plattitüden der diversen Politiksekten gemeint - keine grundsätzliche Aufhebung der kapitalistischen Unterwerfung von Menschen und Natur (und ja, der Mensch ist eigentlich selbst Teil letzterer) vorstellbar ist.
„Weil da gibt es zwei Möglichkeiten was zu tun ist die einzige Methode und so ist es immer gewesen das habe ich aus allen meinen Erfahrungen in allen diesen Kämpfen gelernt, die ich in meinem Leben über all die Jahre ausgefochten habe, weil sie werden wohl kaum alles zurückgeben, was sie von uns Tag für Tag für so lange Zeit gestohlen haben sie werden kaum bereit sein uns alles zurückzugeben einfach so weil wir so ein nettes Lächeln haben und es gibt keine Möglichkeit hier einen pragmatischen Weg zu erfinden es ist eine Sache Wir oder Sie und es geht darum wer gewinnt oder wer verliert es ist wie in allen Kriegen die Seite die gewinnt ist die Seite die am härtesten kämpft, die bis zum Ende geht, die alles einsetzt, was sie hat wir haben viele Kämpfe verloren und wir werden andere noch verlieren aber wir haben auch schon einige gewonnen und wir werden immer weiter kämpfen kontinuierlich und immer weil es sind wir die gewinnen müssen am Ende” Nanni Balestrini, Carbonia - Wir waren alle Kommunisten
Mythen und Befreiung
„Die apokalyptische Idealisierung ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Es ist die lineare Welt, die von innen her untergeht. Apokalyptische Logik existiert in einer geistigen, mentalen und emotionalen toten Zone, die sich selbst kannibalisiert. Es sind die Toten, die auferstanden sind, um alles Leben zu verschlingen.Unsere Welt lebt, wenn ihre Welt aufhört zu existieren.
Als indigene Anti-Futuristen sind wir die Konsequenz aus der Geschichte der Zukunft der Kolonisatoren. Wir sind die Konsequenz aus ihrem Krieg gegen Mutter Erde. Wir werden nicht zulassen, dass das Gespenst der Kolonisatoren, die Geister der Vergangenheit, in den Ruinen dieser Welt spuken. Wir sind die Verwirklichung unserer Prophezeiungen.
Dies ist die Wiedererstehung der Welt der Zyklen.
Dies ist unsere Zeremonie.
Zwischen den stillen Himmeln. Die Welt atmet wieder und das Fieber lässt nach.
Das Land ist still. Es wartet darauf, dass wir zuhören.” Die Apokalypse neu denken - Ein indigenes anti-futuristisches Manifest [7]
Ja, das ist eine Möglichkeit, die Welt zu sehen, zu begreifen, sie wirklich wahrzunehmen. Sie ist vielleicht wahrer als alle anderen Perspektiven, sie speist sich aus einer spirituellen Welt, die in den Vorstellungen der indigenen Völker existierte, bevor die sogenannten Hochkulturen, aus denen das Elend, das sich heute Zivilisation nennt, hervorging, sie mit Genozid, Pocken und militärischer Technik praktisch auslöschte. Sich darin wiederzufinden, seine eigene Sehnsucht inmitten des Abfucks, in dem wir unser Leben tagtäglich fristen, wiederzuentdecken, kreierte schon in den 70er und 80er in den autonomen Bewegungen in Italien und Deutschland die „Stadtindianer“, die 1977 den PCI Vorsitzenden Lama aus der Uni von Rom prügelte, in nicht nur einem Manifest der Westberliner Hausbesetzerbewegung hiess es „Nur Stämme werden überleben”.
Aber wir, die wir aus der materialistischen Welt des Westens kommen, können nicht fliehen aus unserer Geschichte, unserer Verantwortung, unseren Begrenzungen. Physisch, psychisch, spirituell. Wir sind körperlich und geistig gefangen, unsere einzigen Perspektiven ergeben sich aus dem historischen materialistischen Antagonismus, den wir repräsentieren. Alles andere sind für uns schön erzählte Sagen und Märchen - Der mit dem Wolf tanzt - aber so wie sich am Ende von 'Dances with Wolves' die Welten, bei aller Neugier aufeinander und Liebe füreinander, sich wieder voneinander verabschieden müssen, so müssen wir unser Glück in dem absurden Schicksal von Sisyphos entdecken, wir haben keine andere Wahl, denn „der Felsen ist unsere Sache”, wie uns Camus in „Der Mythos des Sisyphos” lehrt.
Dass „die Katastrophe nah ist”, ist keine Entdeckung irgendwelcher Bewegungsmanager, die sich nach dem kläglichen Dahinsiechen von 'Ende Gelände' nun als Gurus der 'Klimakollapsbewegung' inszenieren. Die militante Bewegung in Frankreich und der BRD der 70er gegen die „zivile“ Nutzung der Atomkraft speiste sich eben aus diesem Bewusstsein, ein Grossteil der jugendlichen Revolte der 80er in der BRD und Westberlin generierte sich Jahrzehnte vor 'Fridays for Future' aus der Wut über den ökologischen Raubbau, allerdings ohne den appellativen, partizipatorischen Touch der neuen „Ökos“.
Die „Bewegung gegen den imperialistischen Krieg”, die sowohl in den Strassenschlachten 1981 und 1982 bei den Staatsbesuchen von Haig und Reagan in Westberlin als auch in dem Versuch des Aufbaus einer „antiimperialistischen Front” durch RAF, Action Directe, und zahlreichen nicht untergetauchten Militanten ihren Ausdruck fand, entstand im drohenden Schatten der plötzlichen Vernichtung der „Welt wie wir sie kennen” im atomaren Winter nach dem nuklearen 'Schlagabtausch' der Grossmächte.
Es gibt keinen Zweifel an der Dringlichkeit und dem überschaubaren Zeitfenster das zur Verfügung steht, um dem Kapitalismus den Garaus zu machen, genau deshalb gilt es sich zu wenden gegen den Defätismus der selbst in jenen Kreisen en vogue ist, die von sich behaupten, erklärte Feinde des Systems zu sein. Geschichte ist immer ein absolut offener Prozess, wer meint, die Erde in 10 Jahren zu kennen, unterscheidet sich letztendlich nicht von den esoterischen Spinnern mit ihren Tarotkarten und Glaskugeln, aus denen sie die Zukunft zu lesen meinen zu können. In der gegenwärtigen Zuspitzung mit der allgegenwärtigen Tendenz zum Krieg, der Automatisierung des Lebens selbst und dem rasanten Tempo, mit dem die ökologische Verwüstung voranschreitet, gilt es einen 'kühlen revolutionären Kopf zu bewahren'. Die Aufstände und Revolutionen von 1917 ff generierten sich eben aus den sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen des 1. Weltkrieges, inmitten der Barbarei, dem Inferno, verdichtete sich die historische Zeit, brachen Zaren - und Kaiserreiche über Nacht zusammen, schien der revolutionäre Horizont zum Greifen nah. Geschichte zu verstehen, sie sich anzueignen, vor allem die eigene, ist unverzichtbar, wenn man antritt, wirklich selbst Geschichte schreiben zu können.
“Letztendlich geht es bei der Revolution nicht nur um die eingesetzten Mittel, sondern um ihren Inhalt. Nur durch den Kampf selbst werden sich vielmehr die für diese Kontexte geeigneten praktischen und organisatorischen Formen herauskristallisieren. Und es ist Aufgabe der Revolte, in der Lage zu sein, mögliche Handlungswege ausgehend von der gegenwärtigen Situation und den aus früheren Kampfzyklen gewonnenen Erkenntnissen zu identifizieren. Sei es in Situationen, die wir selbst herbeiführen können, vor allem aber in den Gelegenheiten, die sich unangekündigt ergeben. Anders ausgedrückt: Man muss sich politisch auf das Unvorhersehbare vorbereiten. Historisch gesehen fanden „revolutionäre Situationen“ in Kontexten statt, die sie unmöglich erscheinen liessen. Das Ende der kapitalistischen Normalität wird innerhalb ihrer eigenen Normalität immer unwahrscheinlich erscheinen, bis etwas in sie einbricht und die Revolution wieder zu einer materiellen Möglichkeit wird.” Colapso y Desvío - Anmerkungen zur Organisierung und Praxis für die kommenden Kampfzyklen [8]
Die einzig relevante Frage, die es zu diskutieren gibt, ist die, was aus den aufständischen Bewegungen, den Gründen ihrer Begrenzungen, den Bedingungen ihrer historischen Niederlagen, den Wurmfortsetzungen ihrer antagonistischen Kerne zu lernen ist. Genau diese Anstrengung, die im Angesicht der Härte des Aufpralls des aufständischen Zyklus der letzten Jahre im wahrsten Sinne des Wortes eine enorme herausfordernde seelische und geistige Anstrengung bedeutet, scheint derzeit das Dilemma der weltweiten Signalmeldungen und Diskurse zu sein, die sich ernsthaft mit der 'revolutionären Frage” beschäftigen.
“Nachdem die Revolte endgültig der Vergangenheit angehört, fällt es mir schwer, etwas Sinnvolles zu sagen. Auch auf die Gefahr hin, melodramatisch zu klingen, wenn Normalität und Stabilität wieder die Oberhand gewinnen, sehe ich ehrlich gesagt keinen Sinn darin, irgendetwas zu tun, und selbst die banale Tätigkeit des Lebens kann sich als ziemlich zäh erweisen. Darüber hinaus würde ich wetten, dass jeder von uns mit diesem Zustand vertraut ist, in dem diese Anstrengung von einem gewissen Mass an Leid begleitet wird, das von leichtem Unbehagen bis hin zu schwersten Qualen reicht.” Idris Robinson - Postskriptum: Über den Schmerz [9]
Es gilt den Schmerz ernst zu nehmen, von dem Idris hier spricht, darüber hinwegzugehen, gebärt jene ideologische Traurigkeit, die sich in der Inflation und Dominanz der neuen K-Gruppen ebenso materialisiert wie sie sich schon in den traurigen Überresten und Verhärtungen der diversen militanten und bewaffneten Gruppierungen in Italien Ende der 70er manifestierte. Es gibt dann nur noch das Ringen um die eine „richtige Linie“ und den Zwist bis hin zum „Brudermord“ unter den Angehörigen der bewaffneten Gruppen. Die Allermeisten allerdings brechen einfach mit ihrer Geschichte oder werfen ihr Leben buchstäblich weg durch Suizid oder harte Drogen. Nanni Balestrini hat immer wieder eindringlich an die Zehntausende von jungen Proleten aus dem Süden erinnert, für die die Bewegung der 70er alles, ihr ganzes Leben war, und die nach dem Scheitern der Bewegung an der Nadel hingen.
Erfahrungen, die sich nicht nur in der Vergangenheit ereigneten, sondern sich, Geschichte als Tragödie oder Farce, ebenso im heutigen Chile nach dem Zusammenbruch der Revolte von 2019 wiederholen und worauf 'Colapso y Desvío' in ihrem Absatz von 'Anmerkungen zur Organisierung..' zu dem 'Problem des Racket' [10] eingehen
“Informelle Gruppierungen, kleine Gruppen, die miteinander um Anhänger konkurrieren. Sie widmen sich der Konspiration und der Verbreitung der Ideen des jeweiligen Lagers, das sie vertreten (oder zu vertreten vorgeben). Sie sind nicht in die institutionellen Strukturen eingebunden und stehen diesen mehr oder weniger kritisch gegenüber. Je nach ihrer Praxis und ihrem Diskurs können sie ausdrücklich verboten sein oder auch nicht. Sie neigen dazu, die ideologische Reinheit ihrer Mitglieder zu verteidigen, was zu gewaltsamen Säuberungen und Spaltungen führt und dabei weitere Sekten hervorbringt. Die Unterdrückung innerer Minderheitenströmungen ist unerlässlich, um den ideologischen Purismus und die militante Disziplin der Sekte zu wahren…”
und
“Das Problem des 'Rackets' ist vielleicht die wichtigste Herausforderung, vor der die Organisierung steht. Dies verschärft sich in Zeiten wie der unseren, in denen die Niederlage noch frisch in Erinnerung ist, bis zu dem Punkt, an dem das Fortbestehen der Organisationen kontraproduktiv erscheint. Die Organisierung kann nicht nur das revolutionäre Projekt an neue Generationen weitergeben, sondern auch die Form des Rackets fortsetzen, indem sie den Neuzugängen den ideologischen Purismus, das Sektierertum und die Laster früherer Generationen vererbt.”
Wir stehen also vor einer komplexen Polykrise der 'revolutionären Frage'
Erstens: Das Erbe der gescheiterten historischen Linken, die trotz ihrer Irrelevanz für den revolutionären Prozess diesen immer noch in diversen Formen, u.a. durch ihre diskursive Macht, die sich auch in der Eigentumsfrage der diversen Medien äussert, blockieren und sabotieren kann. Die immer noch in der Lage ist, gerade junge Menschen „abzufischen“, die nach Ausdrucksformen für ihre rebellische Haltung sind (siehe in Deutschland die unendliche Eventmaschinerie von IL und Co, von 'Widersetzen' bis zu „Ende Gelände“ oder der „Rheinmetall-Kampagne“).
Zweitens: Wir befinden uns in einer analytischen Krise. In den letzten Jahren sind aberhunderte von klugen und ehrlichen, aufwühlenden Berichten und Einschätzungen zu den zahllosen Revolten und Aufständen erschienen, die den Globus umspannt haben. Aber so, wie alle diese Revolten den Punkt erreichten, in denen sie in sich zusammenfielen, ohne die Perspektive des revolutionären Horizonts zumindest ansatzweise skizzieren zu können, so stagniert die revolutionäre Reflexion darüber eben genau auch an diesem Bruchpunkt. Vielleicht aber ist es auch so simpel und doch zutreffend wie es Emilio Quadrelli [11] formuliert hat, auch wenn er das Problem an dieser Stelle anders fasst:
“Die historische Partei ist die Klassensubjektivität, die formale Partei ist die politische Form, in der die Subjektivität verkörpert ist. Dieses Verhältnis kann nur das Ergebnis eines historisch bestimmten Szenarios sein und nicht das Ergebnis des individuellen Willens.”
Drittens: Das 'Racket-Problem', wie es die chilenischen Genoss*innen nennen. In Deutschland, wo es kaum noch organisatorische Überreste aus der letzten Bewegung der Revolte gibt, tritt dieses Problem in Form der „Wiedergeburt“ der K-Gruppen und der diversen “postkolonialen Zusammenhänge” auf, die beide schon lange totgeglaubte sektiererische Muster und theoretische Versatzstücke reproduzieren.
Teilweise in personeller Überschneidung: So findet sich hinter der gleichzeitigen Gründung diverser 'Migrantifa'-Gruppen nach dem Attentat von Hanau teilweise kein migrantischer Selbstorganiserungsprozess in Analogie zu Antifaşist Gençlik [12], auch wenn genau das behauptet wird, sondern die Kaderpolitik linker Sekten, vor allem trotzkistischer Prägung. Dies drückt sich dann auch in der Bündnispolitik zum 1. Mai in Berlin oder der alljährlichen Hanau-Gedenkdemo in Berlin aus, die explizit die Wünsche der Hinterbliebenen der Opfer des faschistischen Anschlags von Hanau missachtet.
Das unsägliche Schauspiel der bundesweit beworbenen Demo in Leipzig-Connewitz „gegen die Antideutschen” reproduziert dann 1:1 den „Kampf um die richtige, einzige Linie” der K-Gruppen der 70er, die damals häufig in Massenschlägereien endeten. Abschreckend erinnert sei auch an die Abrechnungen der türkischen Exillinken untereinander, das blutigste Beispiel war der interne Machtkampf um die „richtige“ Linie innerhalb von Dev-Sol. die auch in Massenschlägereien und Schiessereien ausartete und ihren traurigen Höhepunkt in einer Konfrontation am Kottbusser Damm fand, bei der ein Mensch erschossen wurde. Notwendigerweise muss an die Brutalität dieser ideologischen 'Racket-Auseinandersetzungen' erinnert werden, in der derzeitigen Zuspitzung, die sich andeutet, sind solche Ereignisse auch für die Zukunft nicht auszuschliessen.
Viertens: Die Erzählung vom 'Ende der Geschichte', diesmal aus linker, teilweise anarchistischer Perspektive. Wenn alles untergeht, die Erde, wie wir sie kennen, dem Untergang geweiht ist, kann man sich nur in der Katastrophe „einrichten“. Darin „einrichten“ und „weiterkämpfen“ sind in dieser Erzählung kein Widerspruch, sondern Bedingung. Um „das Ende“ „zu überleben“ muss man sich „vorbereiten“, viele heutige Anarchist*innen tun so, als wenn sie die „gegenseitige Unterstützung“ neu erfunden hätten [13].
Es wird tief in der Psycho-Ecke gekramt und statt Gegenmacht aufzubauen, bzw. sich Gedanken darüber zu machen, wie man das anstellen kann, wird „Empowerment” genauso geschichtslos propagiert wie „Mutual Aid”, Hauptsache Denglisch. Das eigentliche Problem ist nicht die individuelle Erwartungshaltung, jeder und jede kann sich das Ende der Welt vorstellen, wie er oder sie will und sich auch gerne darauf vorbereiten, das Problem ist die Demobilisierung, die mit dieser Erwartungshaltung einhergeht. Wer will schon sein Leben dem Kampf widmen, wenn der Kahn eh schon am sinken ist. Dann doch lieber ein letzter Tanz.
So wie beim ganzen ideologischen Quatsch mit dem „Das guten Leben für alle” - das eben nur auf der Grundlage der Ausbeutung des Trikonts durch die Metropole möglich ist, weil es ein zutiefst materialistisches „gutes Leben“ meint - kommt der „Hedonismus” also mal wieder um die Ecke. Statt weltweite Klassensolidarität und Umverteilung der Besitzverhältnisse Privilegien für mich und die 'Meinen', wer auch immer diese 'Meinen' seien. Die Berliner Szene ist ja schon seit Jahrzehnten diesem Prozess weit voraus. Wo früher überall für die 'Knastkasse' gesammelt und „enteignet“ wurde und einmal im Monat ein Tanzvergnügen im Mehringhof „für den guten Zweck” genügte, jagt seit langem jedes Wochenende eine „Soliparty" die nächste. Jeder rechte Angriff, jedes staatliche Massaker fernweg, jeder Bullenübergriff löst sofort heftige Gegenwehr in Form der entschlossenen Organisierung einer „Soliparty” aus. Tanz mit mir den Untergang. Bitte black block dresscode.
Fünftens: Das Problem, das Idris Robinson in „Über den Schmerz” beschreibt, sollte als nicht als zu gering geachtet werden. Geschichte ereignet sich innerhalb von Gesetzmässigkeiten, aber sie wird letztendlich von Subjekten gemacht. Zwischen Hoffnung, Euphorie und tiefster Depression liegen manchmal nur Tage, ja Stunden. Alles, was an Begehren, an tiefsten Sehnsüchten in den Aufständen freigelegt wird, Raum haben darf, findet sich schlagartig in einem Vakuum wieder. Die Brüderlichkeit, die Geschwisterlichkeit im Kampf, die zu erleben vielen der Leser*innen dieser Zeilen vielleicht schon gegeben war, lässt sich nur sehr schwierig in der post-aufständischen Dürre weiter am Leben halten.
Gleichzeitig steigen die Ansprüche an sich selbst und die anderen, künstlich werden Binnenverhältnisse am Leben erhalten, die nicht mehr die realen Beziehungen der Subjekte zueinander und zu sich selbst ausdrücken. Die einen entziehen sich dem Druck und „steigen aus“, die anderen igeln sich immer mehr in ihrer „Kader-Mentalität“ ein. Je abstrakter „der Kampf“ wird, desto mehr wirken diese Zentrifugalkräfte. Jeder und jede kennt diese Erfahrung, in der Blütezeit einer Bewegung gibt es keinen anderen Ort, an dem man sein möchte, gibt es nichts, was man vermisst, was noch zu wünschen wäre. Im Niedergang, in der Agonie einer 'politischen Szene' “sind die Hölle immer die anderen”, wie Sartre sagte. Die hohe Kunst und die Anforderung dieser Zeit ist es vielleicht, gleichzeitig zu träumen und trotzdem mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Die Realität anzuerkennen und trotzdem ihr die Gefolgschaft zu verweigern.
“Das einzige, was in der Lage ist, die Gesamtheit dessen transversal in einer historischen Partei zu vereinen, was aus dieser Gesellschaft ausbrechen will, ist das Verständnis der Situation, all das, was sie schrittweise lesbar macht, all das, was die Bewegung des Gegners unterstreicht, all das, was die praktikablen Wege und die Hindernisse in identifiziert - das Systematische der Hindernisse.” Das Unsichtbare Komitee - Jetzt
Die Ästhetik des Widerstandes
„Das Ausfechten von Gegensätzen, Widersprüchen war es gewesen, was zum Gemeinsamen zwischen uns geführt hatte. Ablehnung, Schwierigkeiten hat es gegeben, und immer wieder das Bestreben, mit These und Antithese einen für beide gültigen Zustand zu erreichen. So wie Divergenzen, Konflikte neue Vorstellung entstehen lassen, entstand jede Handlung aus dem Zusammenprall von Antagonismen. Einzig die Artikulation dieser Vorgänge macht das Zusammenleben, die gegenseitige Würdigung möglich.” Peter Weiss - Die Ästhetik des WiderstandesEiner der Flüche dieser Epoche ist, dass es nicht mehr den in der Realität verwurzelten erbitterten Streit der 'Schulen' gibt, einen Streit, der zwar eigentlich schon seit Camus' 'Sisyphos' obsolet geworden war: „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem; den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere - ob die Welt drei Dimensionen und der Geist 9 oder 12 Kategorien habe - kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heisst es Antwort zu geben …für das Herz sind das unmittelbare Gewissheiten, man muss sie aber gründlich untersuchen, um sie dem Geiste deutlich zu machen.”
Aber dieser obsolete Streit führte wenigstens zu einem allgemeinen Diskurs, in dem zwar es leider selten zu einem Zustand kam, aus dem sich gemeinsames Handeln generierte, wie es Peter Weiss sich in seinem weitgehend in Vergessenheit geratenen Jahrhundert-Roman vorstellte, aber immerhin gab es diesen diskursiven Raum, in dem Worte und Argumente überhaupt Gewicht besassen. All diese Positionskämpfe, um die Fragen von Kommunismus und Anarchismus, um Disziplin, Unterordnung und Autonomie, um die formale und historische Partei, um Avantgarde und Basisdemokratie, all diese scheinbare Last, war doch auch zugleich der Raum, in dem überhaupt noch miteinander gerungen wurde.
Nun aber leben wir in der trostlosen Welt der Echokammern, die erstickende Enge der identitären Blasen wird nicht mehr als Begrenzung erlebt, die einem den intellektuellen Atem rauben, sondern als Ort der Sicherheit und Zugehörigkeit in einer Welt, die kalt und feindlich erscheint. Die ständige Sucht nach Bestätigung, die regressive Akklamation, - der von wirklich der überwiegenden Mehrheit allen Linken und 'Anarchisten' abgenickte Corona-Ausnahmezustand, die eingeschriebene Vereinzelung und Atomisierung, der Terror gegen alle, die sich dem widersetzen, von den Bewohnern der proletarischen Viertel von Napoli, die sich einfach weiter auf den Dächern ihrer Häuser zusammenfanden bis zu den Jugendlichen der Banlieue, die ihre Versammlungen in den Eingangsbereichen ihrer Hochhäuser so lange militant verteidigten, bis die Bullen aufgaben - alles bespielt in der perfekten Simulation der 'sozialen Netzwerke'. Follow me, follow you.
Aus dem 'Angriff auf das Herzen der Bestie' ist ein neurotischer Überlebensmodus geworden, der sich je nach Gusto schwarz oder rot anstreicht, aber doch immer vor allem sich selbst und das eigene Milieu meint.
„Errungenschaften, die jenseits der Schadensbewertung auf dem Willen beruhen, den jeder Genosse und jede Genossin im anarchistischen Kampf gegen die Herrschaft substanziell und nicht nur ästhetisch nährt. Auf diesen Aspekt möchten wir den Schwerpunkt legen: auf die Kritik an der Ästhetik und der Banalität, die in unserem Umfeld herumschwirrt und die wir als ein weiteres Hindernis (neben vielen anderen) erkennen, das sich langsam einschleicht und jede potenzielle reale Projektion des Kampfes untergräbt. Wir verwenden den Begriff 'real', weil sich eine klare Linie und Absicht abzeichnet, wenn Selbstgefälligkeit, Konformismus und Selbstbestätigung zum Kern des anarchistischen Handelns werden und man sich ausschliesslich mit Komfortzonen beschäftigt, die keine konkrete Bedrohung für den Feind darstellen.”
und
“Was verstehen wir beispielsweise unter 'Konspiration', wenn wir diesen Begriff im allegorischen Sinne verwenden, um uns auf Praktiken der gegenseitigen Unterstützung im Kontext gegenkultureller Initiativen zu beziehen, als wären dieser Teil einer Konspiration oder eines Angriffs? Solche Situationen lassen eine Banalisierung eines oder mehrerer Begriffe (Konspiration, Angriff, Informalität, Aufstand, Chaos) erkennen, die auf blosse Oberflächlichkeit reduziert und ihres Kontextes, ihrer Tiefe und des Gewichts unserer eigenen schwarzen Geschichte beraubt werden.” Gedanken zum Gedenken im Schwarzen Mai - Afinidades por la Anarquia [14]
Wir sehen, das Pippi-Langstrumpf-Syndrom: 'Ich mach die Welt wie sie mir gefällt', macht auch vor der anarchistischen Galaxie nicht halt - während ein anderer Teil sich seit der Unterwerfung unter das Corona - Diktat immer noch im Stockholm-Syndrom befindet; beides sind aber nur unterschiedliche Ausprägungen der eigentlichen neurotischen Regression. So der so, die Frage ist nicht 'rot' oder 'schwarz', die Frage ist, wer sich wirklich versucht einzuschreiben im aufständischen Prozess der auf den revolutionären Horizont abzielt, alles jenseits davon ist ein billiger rebellischer Reflex, Popkultur halt.
Doch kommen wir auf Peter Weiss zurück, kommen wir zu den Aufständen, die gekommen sind, um zu bleiben, und den vielen Fragen aus den letzten beiden aufständischen Dekaden, über die es sich zu streiten lohnt.
Vielleicht geht es zuallererst um die Frage der Orte, die Frage, wo das Terrain des Wiederbelebens des revolutionären Diskurses angesiedelt sein könnte. Die kritischen revolutionären Intellektuellen der PCI gründeten Anfang der 60er die 'Quaderni Rossi' (Rote Hefte) inmitten der theoretischen Ödnis, in die sich geworfen wiederfanden; aus der gescheiterten Revolte von 68 in Deutschland entstand die 'Autonomie - Materialien gegen die Fabrikgesellschaft', die später als 'Autonomie - Neue Folge' die Hausbesetzerrevolte der 80er theoretisch unterfütterte.
Wie könnte unter den heutigen Bedingungen ein Ort des Diskurses also aussehen, der notwendigerweise in der strategischen Bestimmung ein Ort des internationalen Diskurses sein muss. Ein Ort, der die Begrenzungen der zahlreichen Netzwerke, Periodika, Webseiten und Blogs aufhebt, so wichtig die unzähligen Publikationen und Übersetzungen auch waren und sind. Ein Ort, der schon in seiner Konzeption nicht weniger als den Willen manifestiert, da anzusetzen, wo die I. Internationale an sich selbst und ihren Widersprüchen scheiterte. Der 'Streit der Schulen' ist ein geschichtlicher Ballast, der sich nicht mehr in dem realen gesellschaftlichen Antagonismus verorten kann, ihn fortzuführen, verrät ebenso alles über die geschichtliche Überkommenheit seiner Protagonisten wie über ihr Sektierertum.
Ein Ort also, den es zu erschaffen gibt, der sich theoretisch auf dem Niveau des gegenwärtigen gesellschaftlichen Antagonismus bewegt. Da alle bisherigen aufständischen und revolutionären Bewegungen der letzten beiden Dekaden nicht aus sich selbst heraus organisch diesen Ort kreiert haben, kreieren konnten, muss dieser synthetisch kreiert werden.
Die 'Versammlung der Versammlungen' der Gilets Jaunes war sowohl ihr Horizont als auch ihre Begrenzung. Ihre Verweigerung jeglicher Repräsentanz war sowohl ihre revolutionäre Identität wie ihr geschichtlicher Tod. Die Aufstände, die gekommen sind, um zu bleiben, brauchen den gewagten avantgardistischen Entwurf, der über sie hinaus weist.
„Die intensivsten Kämpfe unserer Zeit stehen an einem Abgrund und kehren dann um. Weiterzugehen würde bedeuten, ins Unbekannte zu springen. Niemand will der Erste sein, der springt, um zu sehen, ob er Neuland entdeckt oder sich einfach im freien Fall wiederfindet. Wir wissen noch nicht, wie schliesslich eine Situation geschaffen wird, die jedes Umkehren unmöglich macht und in der die Bedingungen selbst schreien: 'hic Rhodus, hic salta!'“ Thesen zur sudanesischen Commune [15]
Der 'Sprung ins Unbekannte', von dem die sudanesischen Gefährt*innen sprechen, kann nicht praktisch vorweggenommen oder durch praktische Interventionen vorangetrieben werden. Es gibt kein Zurück zu einer wie auch immer ausgeprägten Fokustheorie, die „Jahre, in denen wir nirgendwo waren”, hätten dem Che schon eine Warnung sein müssen, bevor er nach Bolivien ging.
Die revolutionäre Avantgarde kann nur eine theoretische sein, die Wege, die zu gehen sind, aufweist, sich dann aber in der Entwicklung der Praxis sofort und bedingungslos selbst auflöst. Die formale Partei kann sich nur aus der historischen Partei selbst heraus bilden, alles andere sind eitle Projektionen. Jedoch führt, so scheint es, kein Weg daran vorbei, bewusst den Schritt zu wagen, die Orte zu erschaffen, die notwendig sind, um Leuchtfeuer der Zukünftigkeit in den Himmel zu werfen, den es zu erstürmen gilt.
Jenseits des revolutionären Prozesses gibt es nur die apokalyptischen Reiter des Kapitalismus, alles andere ist nur das letzte identitäre Konzert des Orchesters auf der Titanic. Wer also mehr sein will als eine störende Melodie, während die Welt, wie wir sie kennen, untergeht, muss die Frage der Organisierung des Ortes, an dem über die Zukünftigkeit der Welt, jenseits aller Verwertungslogik, nachgedacht wird, in Angriff nehmen. In aller Wut und Demut.
„Mit anderen Worten, wir haben ein schönes altes Tollhaus zusammengebracht. Bei unseren Treffen verbrachten wir die Hälfte der Zeit mit Reden und den Rest mit Lachen.” Mario Tronti - Unser Operaismus [16]


