Vorwort
Da die erste Ausgabe dieser Zeitung jetzt aber erst im Juni erscheint, habe ich mich entschieden ihn nun online zu veröffentlichen. Die Zeit, welche ich bei der Demo verbracht habe, hat mich darin bestärkt. Mein „Highlight“ war, dass sich in jemand in einer Rede darüber beschwert hatte, dass der Diskurs in Deutschland so rechts sei, dass nicht mal öffentlich eine Vermögenssteuer gefordert werden könne. Wahrscheinlich sind Vermögenssteuern voll revolutionär – also wenn mensch Sozialdemokrat*in ist.Als ich gerade am Gehen war, trat dann ein Kollektiv auf, zu dem es in queeren Kreisen in Bochum kürzlich Infos gab, dass dieses transfeindliche Übergriffe begangen haben soll und Personen bei Übergriffen in ihren Beziehungen bzw. gegen Ex-Partner*innen unterstützt. Auch und Menschen die Sexarbeiter*innen und ihre Familien verfolgen lassen wollen, liefen rum. Eine tolle Kombination, Ironie off.
Der nachfolgende Text ist ein bisschen kurz und daher die Faschismusanalyse auch etwas kurz, aber wahrscheinlich zumindest besser als die Analysen auf der Demo. Und ja, auch Anarchist*innen haben historisch den Begriff antifaschistisch benutzt, dass Konzept/die Ideologie des Antifaschismus ist jedoch kein anarchistisches. Hoffentlich haben auch Menschen von ausserhalb des Ruhrgebietes etwas von dem Text.
Haupttext
Seit nun 10 Jahren begeht die Bochumer Antifa Szene die sogenannte revolutionäre Vorabenddemo am Tag vor dem 1. Mai. Die Demo hat Tradition. Was auch Tradition dabei hat ist, die Geschichte des ersten Mai dort regelmässig umzuschreiben oder eher auszulöschen. Der erste Mai als Kampftag entstand nicht, weil Menschen gegen Faschismus gekämpft haben oder für die Reform des Staates oder gar Staatssozialismus. Er entstand, weil nach den Ereignissen um den 1. Mai in Chicago 1886 Anarchist*innen angeklagt und von ihnen ermordet wurden. Deren Namen sind August Spies, Albert Parsons, Louis Lingg, Adolph Fischer und George Engel.Antifaschismus eine reaktionäre Ideologie
Nun geht die Bochumer Antifa Szene am Vorabend des ersten Mai nicht für Anarchismus auf die Strasse, sondern für Antifaschismus. Antifaschismus ist eine Ideologie, welche als Reaktion auf den Faschismus entstand. Der Faschismus ist eine konterrevolutionäre Mischideologie, welche sich aus Elementen von Monarchismus, demokratischem Nationalismus und Staatssozialismus/Marxismus zusammensetzt. Zentraler Kern des Faschismus ist dabei der Glaube an eine oder mehrere äussere Feind*innen, von welchen die Nation bzw. das Volk befreit werden müsse – dann entstünde eine „gute Herrschaftsordnung“. Im Gegensatz zu demokratischen Nationalist*innen streben Faschist*innen in der Regel eine Diktatur als Mittel hierfür an. In ihrem Streben nach der „Rettung“ der Nation sind sie zu offenem Massenmord und Unterdrückung bereit, während der demokratische Nationalismus versucht seine Massenmorde z. B. im Rahmen der Kolonialisierung der Welt zu verstecken.Der Faschismus war eine Reaktion auf die sozialen Bewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts, welche von einem grösseren Teil der damaligen Eliten unterstützt wurde. Er war vor allem ein Mittel zu Abwehr sozialistische, insbesondere anarchistischer Revolutionen.
Diese Abwehr funktioniert über 3 Wege:
1. Faschismus ahmte/ahmt das Auftreten (damals) beliebter Bewegungen wie dem Anarchismus und einzelne inhaltliche Element z. B. des Marxismus nach. So wird eine oberflächliche Alternative zu diesen geschaffen, die sich selbst als Weg der Veränderung darstellen kann, ohne dass sie die Herrschende Ordnung wirklich gefährdet.
2. Faschismus ermöglicht dem Staat, Kapitalismus und seinen Eliten mehr Gewalt auszuüben, indem Faschist*innen Gewalt ausüben, welche sonst z. B. die Polizei ausüben müsste (was dazu führen würde, dass mehr Menschen Polizei und Staat als Feind*in sehen) und in dem der Staat seine Repression gegen andere Bewegungen mit deren Reaktionen auf faschistische Gewalt begründen kann. Er kann sich als („neutrale“) Ordnungsmacht darstellen, welche gegen den „Extremismus“ beider oder aller Seiten vorgeht.
3. Er lenkt die Energie vom Kampf gegen Staat und Kapitalismus um in einen Kampf gegen Faschismus. Der Staat wird so geschützt und jedes Mal, wenn es zu Auseinandersetzungen von anderen Bewegungen mit Faschist*innen kommt, kann er wie in 2. beschrieben vorgehen. In genau diese Falle tappt der Antifaschismus. Antifaschismus als Ideologie ist vor allem staatssozialistisch bzw. marxistisch geprägt. Marxist*innen fokussieren ihren Kampf auf den Faschismus, weil sie selbst ähnliche Ansichten wie Faschist*innen haben, wenn es um den Staat geht. Sie wollen den Staat übernehmen: Sozialdemokrat*innen durch Wahlen und Staatskommunist*innen neben Wahlen auch durch eine gewaltsame Revolution.
Ihnen geht es also auch um eine „Reinigung“ des Staates von korrupten Feind*innen, genau wie den Faschist*innen. Weil der Faschismus nach dem Marxismus entstanden ist, ist der Antifaschismus reaktionär - also eine Reaktion auf dem Faschismus.
Für den Anarchismus gegen den Antifaschismus…
Anders als Marxist*innen wollen Anarchist*innen den Staat von aussen zerstören. Sie sehen den Staat (und Kapitalismus) als Grundlage des Faschismus. Nicht weil der Staat rechts ist, sondern weil die Herrschaft – die Macht des Staates über uns den Aufstieg und die Machtübernahme von Faschist*innen erst möglich macht.Ohne Parteien, Parlamente, Regierungssitze, Knäste, Polizei, Militär, Geheimdienste können Faschist*innen nicht regieren oder an die Macht kommen.
Wenn wir Faschismus bekämpfen wollen, müssen wir also die staatliche Macht bekämpfen. Vorteil hierbei ist auch, dass wir nicht nur gegen eine Form der Unterdrückung kämpfen und nur auf diese reagieren, wir beachten auch anderen Formen des Staates wie der liberalen Demokratien und Staatssozialismus die (zukünftige) Macht über uns. Der Kampf gegen jede Herrschaft und der Kampf gegen Faschismus sind hier ein und dasselbe.
Bochumer Antifa-Gruppen: Staatstreu, Nationalistisch, offen für Antisemitismus
Die anarchistische Strategie gefährdet aber gleichzeitig die Macht jener, die den Staat für sich nutzen wollen, die sich mit ihm verbündet haben und teilweise von ihm durch finanzielle und politische Mittel gekauft wurden. In Bochum steht dieser freiheitliche Kampf gegen Faschismus fast die gesamte organisierte Antifa-Szene gegenüber. Das eindeutigste Zeichen hierfür ist die Kampagne „AFD-Verbot jetzt“, deren Transparent in diversen linken Szene-Läden auftaucht.Wer dem Staat die Macht geben möchte eine Partei zu verbieten, die ein Viertel der Wählenden und somit mindestens über 10 % der Gesamtbevölkerung unterstützt, ermöglicht ihm auch jede andere Organisation und Partei zu verbieten. Das kann nur wollen, wer den Staat als neutrale oder positive Institution sieht und ihn nicht als Institution der Ausbeutung, Herrschaft und Unterdrückung versteht.
Wer den Staat loswerden will, wird ihm nicht noch mehr Macht geben, es sei den er*sie glaubt dieser würde sich magisch selbst abschaffen (übrigens der Grundgedanke des Marxismus). Wer ein positives oder neutrales Verhältnis zum Staat hat, ist auch bereit diesen als Mittel zum Schutz vor anderen Formen der Unterdrückung zu sehen z. B. vor Antisemitismus oder Kolonialismus und Rassismus.
Daher stellen sich antifaschistische Gruppen (in Bochum) auch hinter (National-)Staaten wie Israel oder nationalistische, menschenfeindliche Gruppierungen wie die Hamas. Die Spaltung von Bewegungen ist somit auch Teil des Antifaschismus. Solche Erzählungen vom vermeintlichen guten Staat öffnen auch immer Türen für den Antisemitismus. Was sich auch im Aufruf zur Revolutionären Vorabend Demo zeigt, welcher sich eine „politische Macht wünscht, die nicht käuflich ist“.[1].
Die Erzählung, dass einige Reiche die politische Macht kaufen/korrumpieren/manipulieren wurde jahrhundertelang von europäischen Herrscher*innen genutzt, um den Unmut der Bevölkerung auf Juden*Jüdinnen umzulenken.
Anarchist*innen hingegen wollen die politische Macht zerstören…
Wir werden nur den Faschismus besiegen, wenn wir mit dem Antifaschismus brechen…
Antifaschismus vermag also Faschismus nicht zu bezwingen. Im Gegensatz zu seinen Handlungen und Denkmustern stärkt er den Faschismus. Es mag beängstigend erscheinen, doch wir haben daher keine andere Wahl als mit dem Antifaschismus zu brechen.Das zeigt insbesondere der Aufstieg der AFD. Die treibende Kraft des Aufstiegs sowohl der AFD als auch Trumps ist die Enttäuschung mit der (neo)-liberalen Gesellschaft und ihrer Ausbeutung, Verarmung, Vereinsamung, etc. Das heisst nicht, dass alle Menschen, welche die AFD wählen, dies aus Protest tun. Es gibt zahlreiche vom Faschismus überzeugte Personen, aber ohne die Stimmen der Enttäuschten hätte Trump nie eine Mehrheit bekommen.
Und so falsch es auch ist aus Enttäuschung die AFD zu wählen, wie können wir Demokrat*innen verurteilen, dass Menschen Wahlen nutzen um ihren Unmut zu äussern? Die Demokratie sagt doch, Wahlen seien das wichtigste Mittel für Veränderung und Protest. Wer die Demokratie verteidigt sollte sich nicht darüber beschweren, wenn andere demokratisch handeln…
Es muss Menschen möglich werden ihre Wut und Enttäuschung anders auszudrücken als durch Wahlen oder reformistische oder rassistische, sexistische und queerfeindliche Proteste und Gewalt. Welche, auch wenn oft eine dahinter verborgene Unmut verständlich ist, selbstverständlich falsch und menschenverachtend sind.
Zurück zum ersten Mai…
Der 1. Mai ist eigentlich ein Tag, an dem die Perspektive einer herrschaftsfreien Welt ganz konkret gedacht werden sollte, denn August Spies, Albert Parsons, Louis Lingg, Adolph Fischer und George Engel sind nicht gestorben, um die liberale Demokratie zu verteidigen, sondern für eine Welt ohne Staat und Kapitalismus. Ihre Mittel waren nicht Wahlen, sondern direkte Aktion, Selbstorganisation und Verbreitung von Informationen.In Bochum und vielen anderen Städten wird die anarchistische Geschichte des 1. Mai ausgelöscht, nicht wegen der Unwissenheit derjenigen, die es tun, sondern weil sie zu radikal ist, weil sie sich nicht in Forderungen an den Staat umdeuten lässt.
Dies geht nicht von denjenigen aus, die mal bei Demos mitlaufen oder neu in Bewegungen sind, sondern jene, die seit Jahren die immer gleichen Forderungen an den Staat und die Politik formulieren. Allen anderen ist meist nicht bewusst, was ihnen verschwiegen wird.
Vielleicht bist du einer*eine dieser Menschen, dem*der dies bis jetzt nicht bewusst war. Dann ist dies eine Einladung, dass zu ändern und sich gemeinsam zu erinnern.


