UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Ukraine: „Slava Deutschland“ | Untergrund-Blättle

798

Eindrücke aus Kiew „Slava Deutschland“

Politik

Wir sind ja erst seit ein paar wenigen Stunden hier, aber soviel trauen wir uns jetzt schon zu sagen: Wer behauptet, dass die Rechte – ob parlamentarisch (Swoboda) oder ausserparlamentarisch (rechter Sektor) – hier keine zentrale Rolle spielt, lügt.

Proteste am 22.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Proteste am 22. Januar 2014 in der Hrushevskyi-Strasse in Kiev. / Amakuha (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

25. Februar 2014
0
0
3 min.
Drucken
Korrektur
Schon die Taxifahrt ins Hotel gestaltet sich, zumindest für den Fahrer, nervenaufreibend. Zweimal wird er an Strassensperren von Vermummten mit Knüppeln angehalten, die seinen Wagen durchsuchen. Angekommen im Zentrum der Millionenmetropole fühlt man sich, als wäre man in einem Heerlager. Barris, noch grösser als vor einem halben Jahr am Taksim, hunderte Männer in soldatischer Kleidung mit Sturmmasken, Helmen und Waffen, einige eroberte Wasserwerfer, und sogar Panzer. Bullen gibt es keine mehr, zumindest sieht man nirgendwo welche. An und für sich eine angenehme und schöne Sache, wäre da nicht die ideologische Ausrichtung der Proteste.

Denn Faschismus ist hier kein politisches Projekt einer kleinen versoffenen Minderheit wie in der ostdeutschen Einöde. Die rechten Kräfte sind die präsenteste Kraft. Wie die Mehrheit der Bevölkerung – egal ob Opposition oder Regierungslager – denkt, darüber können wir noch nicht urteilen. Aber was die Sichtbarkeit hier im Zentrum Kiews angeht, ist hier wenig Interpretationsspielraum. Noch öfter als die Nationalfahne mit diversen Aufschriften wie „Ehre der Ukraine“ oder „Swoboda“ ist die schwarz-rote Fahne der Ukrainischen Aufständischen Armee, die im Zweiten Weltkrieg Zehntausende Juden, Polen und Kommunisten ermordete. Runen, Keltenkreuze, Bilder des Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera.

Meine zweite Zufallsbekanntschaft in der Stadt lässt sich so beschreiben: Ich steh da, will ein Foto machen, ärger mich, weil die Einstellungen nicht passen. Ein Typ um die 50 sieht das, kommt her, und sagt irgendwas, das ich nicht verstehe. Ich sag ihm: Ich versteh dich nicht. Er drückt mir eine Knoblauch-Zehe in die Hand und will, dass ich die esse. Er war sympathisch, also esse ich den Knoblauch und versuch ihm auf Englisch und Deutsch zu sagen, dass ich ihn nicht verstehe. Irgendwann fällt das Wort „Deutschland“. Er wird hellhörig, setzt die Mütze ab und zeigt mir seine erstklassige Hitler-Frisur. Er sagt „Slava Deutschland“ und präsentiert stolz eine Halskette aus 5 Hakenkreuzchen.

Viele Menschen sehen hier im „Rechten Sektor“ eine Art ausserparlamentarischer Kontrollinstanz. Vertrauen haben sie – natürlich nicht – in Janukowitsch und die Partei der Regionen, aber auch kaum in die westliche „demokratische“ Opposition. Sie hoffen, dass die Rechten von ausserhalb des Parlaments Druck ausüben, damit – egal, wer an die Macht kommt – nicht gegen die „Interessen des Volkes“ handelt. Da zu erwarten ist, dass – angesichts der ökonomischen Situation – jede Regierung, die an die Macht kommt, durch die Aufnahme von Krediten der USA, der EU und des IWF gezwungen sein wird, extreme Verschlechterungen für die Bevölkerung hier durchzusetzen (die Austeritätsprogramme sind schon fertig geschrieben), stehen den Faschisten goldene Zeiten bevor. Sie werden sich als Retter in der Not präsentieren können, wenn die nächste Regierung den hier üblichen Weg aus Selbstbereicherung, Korruption und Unterordnung des Landes unter den Westen oder Russland fortsetzt.

Lower Class Magazin

Mehr zum Thema...
Proteste in Kiew am 1.
Proteste in KiewWas geht eigentlich in der Ukraine ab?

23.01.2014

- Kiew brennt. Die Bilder von gut ausgerüsteten Demonstranten, die sich in der ukrainischen Hauptstadt Strassenschlachten mit Riot-Cops liefern, kennt mittlerweile jeder. Seit Ende letzten Jahres reissen die Proteste nicht ab.

mehr...
Euromaidan Demonstrant in Kiew am 21.
Der Aufstand gegen den ehemaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch„Der Widerstand wächst auch“

05.03.2014

- Über den faschistischen Coup in der Ukraine und die Selbstverteidigung der Linken. Interview mit Dmitry Kolesnik.

mehr...
Andriy Parubiy am 26.
Integration von Neonazis in der UkraineDer Furor des Nationalismus

02.04.2014

- In der Ukraine schreitet die Integration von Neonazis in den Staatsapparat voran.

mehr...
Die Proteste in Ungarn - der Beginn einer ausserparlamentarischen Opposition?

18.12.2014 - Bis vorgestern gab es in Ungarn und ausserhalb Ungarns eine ganze Reihe von Protesten gegen die Regierung von Viktor Orban und seinem FIDESZ. Auch wenn ...

Situation in der Ukraine nach dem Wochenende

26.02.2014 - Bis morgen Abend soll es in der Ukraine eine Übergangsregierung geben. Die soll dann dafür sorgen, dass es am 25. Mai pünktlich zu den Eurpawahlen, ...

Dossier: Ukraine
Reporteros Tercerainformacion
Propaganda
Fight all Governements

Aktueller Termin in Berlin

FLINTA*-Stammtisch

Der FLINTA*-Wedding-Stammtisch lädt alle Lesben, Frauen, Inter-, Trans- und Non-binary-Personen egal ob homo-, bi-, hetero-, ..., pansexuell ein,sich gegenseitig kennenzulernen, zu vernetzen, über den Kiez auszutauschen und über die ...

Donnerstag, 30. Juni 2022 - 20:00 Uhr

Café Cralle, Hochstädter Str. 10A, 13347 Berlin

Event in Potsdam

DARE Straight Edge Band aus OC

Donnerstag, 30. Juni 2022
- 21:00 -

Archiv

Leipziger Str. 60

14473 Potsdam

Mehr auf UB online...

Knast-Zellen im Camp Delta des berüchtigten US-Gefängnisses Guantanamo auf Kuba, April 2006.
Vorheriger Artikel

Dokumentierte Menschrechtsverletzungen der US-Regierung

Folter in den USA

Der deutsche Autor und Journalist Daniel Schulz an der Re:publica, Mai 2019.
Nächster Artikel

Daniel Schulz: Wir waren wie Brüder

Noch ein Nachwenderoman aus der Provinz

Untergrund-Blättle