Mieter:innen und Hausbesetzer:innen wehren sich gegen Verdrängung Wohnkampf in Winterthur

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Politik

In Winterthur kämpfen Mieter:innen und Hausbesetzer:innen gemeinsam gegen ihre Verdrängung.

Demo am 26. Juni 2023 in Winterthur gegen die Stadt der Reichen.
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Demo am 26. Juni 2023 in Winterthur gegen die Stadt der Reichen. Foto: igbbsl

Datum 15. November 2023
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Ein Interview mit dem Bewohner und Aktivisten Arthur über seine Erfahrungen mit Nachbarschaftsarbeit, die kapitalistische Stadtentwicklung und linksradikale Kampftraditionen.

Seit einiger Zeit ist das Thema der hohen Mieten auch in den Medien und der nationalen Politik ein Dauerbrenner. Im September lockerte das Parlament das Mietrecht zugunsten der Vermieter:innen. Im Winter droht vielen Mieter:innen erneut steigende Mieten, da der Referenzzinssatz steigt. Es wäre bereits die zweite Mieterhöhung innerhalb von weniger als einem Jahr.

Viele Diskussionen um Gentrifizierung konzentrieren sich auf Zürich. Doch bei der Suche nach Strategien für eine klassenkämpferische Praxis lohnt sich der Blick nach Winterthur. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte sind die dortigen Arbeiter:innen der Grosstadt einen Schritt voraus. Als Industriestandort war Winterthur von der Deindustrialisierung besonders gezeichnet. In den 1990er Jahren hatte die Stadt die höchste Langzeitarbeitslosenquote der Schweiz. Wer konnte, zog weg. Die Innenstadt leerte sich und verfiel. In den Trümmern gedieh eine reiche autonome Subkultur. Winterthur ist eine Besetzer:innen-Hochburg. Der älteste Squat der Schweiz ist die «Gisi» am Rand der Altstadt.

Die meisten Squats sind sogenannte «Stefanini-Häuser», das heisst sie gehören zur Erbmasse des verstorbenen Immobilienunternehmers Bruno Stefanini. Dieser besass in Winterthur rund 1700 Wohnungen, die meisten in schlechtem Zustand. Nicht nur Besetzer:innen wohnen darin – sondern viele arme Menschen, die sich keine andere Wohnung leisten können. Die Erben von Bruno Stefanini wollen aus dem Immobilienbestand nun fette Profite machen. Die Liegenschaften sollen alle nach und nach saniert werden. Dabei werden sie von der Stadt gefördert, die ihr Industrie-Image loswerden und sich als moderner Wirtschaftsstandort präsentieren will.

Dagegen organisieren sich die Bewohner:innen der Stefanini-Häuser. Besetzer:innen und Mieter:innen haben sich in der «IG der Bewohner:innen und Benutzer:innen der Stefanini-Liegenschaften» (IGBBSL) zusammengeschlossen und kämpfen gegen ihre Verdrängung. Auch die Bewohner:innen besetzter und selbstverwalteter Häuser haben sich zusammengetan, sie organisieren sich in der «Häuservernetzung Winterthur».

Um einen Einblick in diesen Kampf zu erhalten, aber auch um die Erfahrungen der Häuserbewegung in Winterthur zu diskutieren, haben wir uns mit Arthur Ungern getroffen. Arthur wohnt selber in einer Stefanini-Wohnung und ist schon seit den 1980er-Jahren in der autonomen Szene politisch aktiv. Mit ihm unterhielten wir uns über die Bedingungen der Wohnkämpfe in Winterthur, aber auch über revolutionäre Klassenpolitik in düsteren Zeiten wie diesen.

Arthur, die «Stefanini-Häuser» sind nach ihrem Besitzer benannt. Wer ist dieser Bruno und warum will er euch rausschmeissen?

Arthur: Bruno Stefanini war ein Secondo aus einer italienischen Sozialistenfamilie. Durch eher dubiose Geschäfte ist er an grossen Reichtum gelangt. Er hat in Winterthur sehr viele Häuser gekauft und gleichzeitig Kunst gesammelt. Gegen Ende seines Lebens hat er sich vor allem für seine Kunst interessiert, beziehungsweise das, was er dafür hielt. Seine Häuser hingegen liess er verlottern. Nach seinem Tod im Jahr 2018 gingen die über 1700 Wohnungen – viele davon in Winterthur, aber auch in anderen Orten der Schweiz – an die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG), die von Bruno Stefanini 1980 gegründet wurde und heute von seiner Tochter Bettina geleitet wird. Diese Stiftung verwaltet seine Kunstsammlung. Wobei man anmerken muss: Es handelt sich eher um eine Krempel-Sammlung.

Stefanini hatte also einen schlechten Geschmack?

Unglaublich schlecht. Er wird oft als Wohltäter und Kunstliebhaber dargestellt, aber er war ein übler Reaktionär. Stefanini hatte eine patriotische Vorstellung von Kultur und richtig viel Nazidreck gesammelt, unter anderem eine Attrappe einer V1-Rakete.

Und ein Wohltäter ist er nicht?

Überhaupt nicht. Stefanini war ein Slumlord, der armen Leuten schäbige Wohnungen vermietete und die Mieteinnahmen in seine Kunstsammlung steckte. Weil sie in einem so schlechten Zustand überlassen wurden, blieben die Wohnungen vergleichsweise günstig. So zogen viele arme Menschen ein, die sich keine andere Wohnung leisten können, auch viele migrantische oder junge Leute. Einige Häuser wurden besetzt, sieben Squats sind es immer noch.

Die SKKG führt dieses Erbe nun weiter?

Die Nachkommen von Stefanini haben natürlich gemerkt, dass man mit 1700 Wohnungen ordentlich Geld machen kann. Sie sanieren jetzt jedes Haus.

Gegen die Sanierungen wehrt ihr euch. Ihr habt euch 2014 in der «Interessensgemeinschaft der Bewohner:innen und Benutzer:innen der Stefanini-Liegenschaften» (IGBBSL) zusammengeschlossen. Welche Forderungen habt ihr an die SKKG?


Wir wehren uns nicht gegen die Sanierungen per se. Die Häuser sind tatsächlich kaputt und wir haben immer gesagt, dass sie saniert werden müssen. Aber nicht auf Kosten der Bewohnerinnen und Bewohner.

Sondern?

Die Stiftung mit ihrem Milliardenvermögen soll dafür bezahlen. Sie hätten dazu diese ganze Masse an Kapital, die Bruno Stefanini seit den 1960er Jahren angehäuft hat. Das ist ja alles schon bezahlt mit den Mieteinnahmen von Jahrzehnten, und die Leute haben nie etwas davon gesehen. Aber nein, das wollen sie nicht. Ausserdem braucht es eine Mitsprache der Bewohnerinnen und Bewohner. Die Terresta Immobilien- und Verwaltungs AG, die die Stefanini Liegenschaften verwaltet, gibt viel zu viel Geld aus, etwa für den Innenausbau. Viele Leute, die jetzt in den Wohnungen leben, haben aber gar keine grossen Ansprüche. Ihnen ist wichtiger, dass die Miete günstig bleibt und sie dort wohnen bleiben können.

Einige Stefanini-Häuser sind auch besetzt. Was passiert mit den Squats?

Die besetzten Häuser – insgesamt sind es sieben – sollen geräumt und mehrheitlich abgerissen werden. Mindestens eines dieser Häuser soll totalsaniert werden. Das betrifft gegen fünfzig Bewohnerinnen und Bewohner, die auf die Strasse geschmissen werden sollen, um lukrative Neubauten hochzuziehen. Die Betroffenen haben sich in der Häuservernetzung zusammengeschlossen und versuchen, ihre Häuser zu retten.

Terresta und SKKG stellen sich als Kunstförderer mit sozialer Verantwortung dar. Was ist da dran?

Die SKKG macht auf gemeinnützig. Das ist sie aber nicht. Die Häuser gehören der Belplan AG. Das ist eine Unterfirma der SKKG – eine Aktiengesellschaft, die muss Profite erwirtschaften. Und trotzdem ist die SKKG steuerbefreit.

Und die Kunst?

Die ganze Kunst-Geschichte ist aus unserer Sicht Artwashing. Es geht darum, dass die eigentlich ihr Immobilien-Portfolio vergolden wollen, indem sie alle Häuser sanieren und mehr Mieten einnehmen können. Und das wird mit dem Mäntelchen der Kunstförderung umhüllt. Die milliardenschwere Stiftung vergibt ungefragt richtig viel Geld. Mit diesen Beträgen – es sind hohe Beträge! – hätte man die besetzten Häuser problemlos renovieren können. Aber die wollen die Besetzer:innen vertreiben.

Terresta und SKKG sagen, die Mieten würden nicht stark ansteigen…

Ja, tatsächlich ist es ihr Modell, ungefähr zwanzig Prozent unter dem aktuellen Mietspiegel zu bleiben. Das tönt gut. In der Realität stimmt es aber auch nicht so ganz. Auch diese Mieten werden ansteigen! Und: man kann auch mit günstigem Wohnungsbau ein gutes Geschäft machen. Nicht zuletzt weil nicht Wenige in diesen Wohnungen Sozialhilfe kriegen. Das Geschäftsmodell der SKKG ist es gewissermassen – das vermuten wir – ihre Mieteinnahmen über die Steuern zu finanzieren.

Also alles Schall und Rauch bei SKKG und Terresta?

Es ist tatsächlich so, dass sie unglaublich viel Geld für PR ausgeben. Sie wollen gut dastehen und keine Probleme kriegen, wenn sie Massenkündigungen aussprechen. Sie sagen, dass die Leute, nachdem ein Block renoviert worden ist, ein Angebot kriegen für einen Vertrag und wieder in die Wohnungen einziehen können. Das Problem ist, sehr viele Leute können sich das ja nicht mehr leisten, gerade jetzt bei den knappen Löhnen und den überall steigenden Preisen. Wenn dann auch noch die Wohnung hundert Franken pro Monat teurer wird, geht das finanziell nicht mehr auf. Die Terresta kann sich aber gut darstellen und sagen, «wir haben ja ein Angebot gemacht». Aber in der Realität werden die Leute vertrieben.

Gibt es in Winterthur weitere ähnliche Entwicklungen, über die Stefanini-Wohnungen hinaus?

Die Stefanini-Wohnungen sind natürlich kein Einzelfall. Das ist einfach ein sehr klarer Brennpunkt. Da wohnen noch viele arme Leute, viele Migrant:innen, viele alte Leute und das kann man nicht ignorieren. Aber der restliche Wohnungsbau ist dieselbe Misere. Die Konkurrenz der SKKG macht das auch nicht viel besser. Bei den grossen Verwaltungen sind es oft auch Pensionskassen, die ihr Geld dort reingepumpt haben, weil sie es anderswo nicht mehr gewinnbringend anlegen können. Die Immobilienmafia weiss schon, dass es hier ein Konfliktpotenzial gibt. Und ich glaube, als Linke müssen wir das auch als das wahrnehmen. Da gibt es einen sozialen Konflikt und das Kapital restrukturiert hier und greift uns an. Wenn dies hinter PR-Lügen verdeckt wird, macht es das irgendwie schlecht angreifbar, aber dem liegen handfeste Interessen zugrunde und die müssen wir als das wahrnehmen.

Winterthur war lange eine stark proletarisch geprägte Stadt und hat eine bewegte Geschichte von Hausbesetzungen. Wie kam es zur aktuellen Situation? Wieso steigt der Druck auf Besetzungen und wieso werden arme Menschen aus der Stadt verdrängt?

Vielleicht beginnen wir mit dem historischen Hintergrund. Winterthur war eine Industriestadt mit grossem proletarischem Bevölkerungsanteil. Anfang der 1990er Jahre wurden die grossen Betriebe stückweise geschlossen. Da schloss sich dann eine lange Krisenzeit an, Winterthur hatte Anfang der Nullerjahre eine der schweizweit höchsten Langzeitarbeitslosenquoten hatte. Die Stadt veränderte sich massiv. Durch den Wegzug der Industrie wurden zum Beispiel grosse Industrieareale frei, die dann eigentlich überbaut werden sollten. Aber das zog sich lange, lange hin. Was auch wichtig ist: Es gibt so gut wie keinen öffentlichen Wohnungsbau. Das ist anders als in anderen Städten. Der genossenschaftliche Anteil ist beispielsweise im Vergleich zu Zürich sehr gering. Der Wohnungsbau ist mehr oder weniger vollständig in privater Hand. Der ganze Sozialbereich ist privatisiert oder in kirchlicher Hand. Wir haben hier eigentlich so ein neoliberales Labor, vergleichsweise schlechte Sozialleistungen und strukturell eine grosse Armut.

Und dann wendete sich das Blatt?

In den Nullerjahren änderte sich vieles. Es gab einen gewissen Aufschwung und dann begannen die ersten Aufwertungsprojekte. Zum Beispiel das Sulzer-Areal wurde dann stückweise überbaut. Das ist mittlerweile fast fertig, da stehen jetzt teure Wohnungen und Einkaufszentren. Im Bahnhofsbereich wurde ebenfalls viel überbaut. Aber diese Aufwertungswelle, diese Inwertsetzung der Innenstadt, kam 2008 mit der Weltwirtschaftskrise wieder ins Stocken. Die Sanierungswelle ebbte ab und gewann erst einige Jahre später wieder an Kraft. In dieser Welle sind wir jetzt. Es gab einen richtigen Run von Investor:innen auf Winterthurer Immobilien. Das hat mit dem Problem der Verwertung des überschüssigen Kapitals zu tun: Das Kapital liegt brach und kann nicht gewinnbringend investiert werden. Also pumpen es die Kapitalist:innen in die Immobilien. Winterthur ist hier keine Ausnahme. Interessant an Winterthur ist vielleicht, dass wir hier eine Transformation haben, die in Zürich schon längst abgeschlossen ist. Wir haben immer noch kleine Überreste von Industrieflächen – zum Beispiel in Oberwinterthur – und Restbestände proletarischer Kultur.

Winterthur folgt also dem Entwicklungsweg von Zürich?

Es sieht danach aus. Die Stadt Winterthur hat vor ein paar Jahren einen Entwicklungsplan mit dem Namen «Winterthur 2040» publiziert , wo sie das langfristige Ziel formuliert, Winterthur bis 2040 zu einer Kultur- und Bildungsstadt umzubauen. Dieses Ziel gibt es schon seit den 1990er Jahren. Der Entwicklungsplan sieht vor, dass grosse Teile der Stadt verdichtet werden, es neue Überbauungen gibt und auch, dass alte Wohnungen abgerissen werden sollen. Es ist dabei kein Zufall, dass genau jene Quartiere betroffen sind, in denen arme Leute leben.

Ihr versucht euch gegen diese Entwicklungen zu wehren, wie sieht eure Basisarbeit aus? Versucht ihr als Linksradikale «von aussen» auf die Klasse einzuwirken?

Man muss das mit intern und extern nicht so dogmatisch sehen. Aber was uns eint, ist dass wir «Politik der ersten Person» machen. Wir gehen nicht von aussen in ein Kampffeld hinein, um zu intervenieren, sondern wir sind selber betroffen. Einige von uns wohnen nicht mehr in Stefanini-Wohnungen, weil sie wegen der Sanierungen ausziehen mussten. Aber sie zahlen ihre Miete jetzt an andere Besitzer. Unsere Perspektive sind nicht nur unsere Häuser, sondern die ganze Stadt.

Oft werden antirassistische und feministische Kämpfe als Identitätspolitik der Klassenpolitk gegenübergestellt. Wie steht eure Basisarbeit in Bezug auf diese Frage?

Also, man kann abstrakt darüber reden. Das ist einfach. Wenn man konkret darüber redet, wird es schwierig. Grundsätzlich ist die Klasse vielfältig, sie ist multinational, sie hat unterschiedliche Identitäten, ist kulturell sehr verschieden und sie ist gespalten. Versucht man linke Basispolitik zu machen, stösst man schnell an solche Grenzen, wahrscheinlich auch ich selbst. Ich bin auch an irgendeiner Ecke in dieser Gesellschaft aufgewachsen, hab mir diese Grenzen antrainiert. Wir wissen von mehreren Blöcken in einem Aussenquartier von Winterthur, die abgerissen werden. Dort leben arme Leute, die Sozialhilfe beziehen müssen. Grösstenteils sind es Migrantinnen und Migranten. Wir sind mit dieser Sachlage konfrontiert. Man kann nicht irgendwie die Leute in Schubladen stecken. Das sind konkrete Leute, das ist die Klasse vor Ort. Und wir sind Teil davon.

Du meinst eine gemeinsame Betroffenheit überbrückt die ansozialisierten Unterschiede?

Wir sind selbst betroffene Leute. Wir sind auch in der Situation, dass wir räumungsbedroht sind oder unsere Wohnungen saniert werden sollen. Alle Stefanini-Wohnungen werden saniert. Dann muss man schauen, ob man es schafft, sich über die verschiedenen Spaltungen hinweg zu verbünden und zusammenzuarbeiten. Zusammenarbeit geht aber nicht abstrakt. Ich kann die Leute nicht zuerst einsortieren und dann versuchen, mich selber auch noch irgendwie einzusortieren. Es geht nur, weil man versucht zusammen zu kämpfen. Die Klasse ist dort, wo sie kämpft und auch «gegen sich», für die eigene Aufhebung kämpft. Es geht uns nicht nur einfach darum, die eigenen materiellen Interessen zu verteidigen oder unsere Lage zu verbessern, sondern auch darum, aus der Ohnmacht auszubrechen. Das ist in diesen Zeiten unglaublich wichtig: Die Preise steigen, die Mieten steigen, die Löhne stagnieren, die Leute fühlen sich ohnmächtig und denken, man kann nichts machen. Da ist es sehr befreiend, Widerstand zu leisten, gewisse Entwicklungen zu blockieren, Solidarität zu erfahren und diese Ohnmacht zu durchbrechen. Das geht auch um Würde und um Selbstachtung.

Wie ist die IGBBSL denn zusammengesetzt?

In der IGBBSL sind vor allem Frauen langfristig organisiert. Unsere Gruppe ist sehr offen, es ist ein Kommen und Gehen. Über die Jahre hinweg sind es dann tatsächlich Frauen, die den Kern stellen. Und das bringt eine spezifische Perspektive ein.

Wie meinst du das?

Gemischte Gruppen oder Gruppen mit einem grossen Männeranteil tendieren dazu, klassisch linke Politik zu machen, die in der Regel männerdominiert ist – auch wenn der Anspruch ein anderer wäre. In Gruppen mit einem grösseren Frauenanteil ist die Themensetzung anders und auch die Art und Weise, wie man mit Konflikten umgeht. Vor allem wenn es um langfristige linke Politik im Reproduktionsbereich geht, ist es auffällig, dass meistens Frauen langfristig dranbleiben.

Du kommst aus der radikalen Linken. Wie vermittelt sich Basisarbeit mit der Revolution? Man hat ja den Anspruch, dass in den Kämpfen ein Keim von dem, was kommen könnte, angelegt ist. Man hat die Hoffnung, dass Kämpfe eskalieren können, dass sie sich ausbreiten können. Wie würdest du so eine Entwicklung imaginieren? Habt ihr solche Gespräche, in denen ihr über Revolution sprecht?

Ja, natürlich. Das ist angelegt in dieser Art von Politik. Ich spreche mit Leuten darüber, wie es ganz anders sein könnte.

Kannst du das ausführen?

Das ist schwierig. Ich kann nicht für andere Leute sprechen. Wir kommen aus unterschiedlichen Ecken. Ich komme aus der autonomen Linken. Andere Leute in unserem Verein kommen aus anderen Ecken, haben aber eine linke Grundüberzeugung. Wir reden nicht über Revolution, sondern wir sprechen darüber, wie wir den jetzt stattfindenden Angriff auf die proletarischen Lebensbedingungen abwehren können. Das meint nicht nur einfach reine Verteidigung, sondern beinhaltet die Frage, wie wir Solidarität aufbauen können. Das Eine ist im Anderen schon angelegt. Das ist nicht Mittel zum Zweck. Es ist nicht instrumentell dazu da, dass wir selber vorankommen, sondern wir verändern uns auch darin. Und eine andere Vorstellung von Zusammenleben ist darin angelegt, in dieser Politik, dieser konkreten Basisarbeit.

Was macht denn diese konkrete Basisarbeit mit den Menschen?

Die meisten armen Leute werden wie Dreck behandelt. Ich gehöre ja selber dazu. Davon auszugehen, dass wir normale Leute sind, ein Minimum an Würde haben, das ist schon der Anfang. Uns selber das Vertrauen zu geben, gemeinsam für etwas anderes zu kämpfen, das ist schon der wichtigste Anfang.

Und von diesem Ausgangspunkt lässt sich dann die Frage nach einer anderen Gesellschaft stellen?

Mir scheint es nicht unbedingt die Zeit, in der man über Revolution spricht. Es herrscht eher eine Katastrophenstimmung vor. Für jüngere Leute ist es die Klimakrise. Irgendwie steht immer der Weltuntergang vor der Tür, weniger die Alternative, wie alles anders aussehen könnte. Wie gesagt, wir versuchen die Angriffe auf unsere proletarischen Lebensverhältnisse abzuwehren und ein Gegenprojekt aufzubauen, das natürlich in eine antikapitalistische Richtung geht. Aber wenn man dann vor konkreten Problemen steht, dann wird man sehr pragmatisch. Man muss schauen, dass die Leute nicht aus den Häusern fliegen und schauen, dass wenigstens jemand sich für sie einsetzt und dass nicht jede Sauerei durchgeht. Es ist schon so, dass heute die Kräfteverhältnisse in der Schweiz sehr schlecht aussehen. Die Linke ist unglaublich schwach. Und sie muss wieder lernen zu kämpfen – und vor allem von unten zu kämpfen! Das geht nur, wenn wir dort zu kämpfen beginnen, wo wir selbst sind.

Dieses Bewusstsein, dass wir in einem Katastrophenzeitalter leben, betrifft ja nicht nur Umweltfragen, sondern auch die soziale Situation von Leuten, die sich massiv verschlechtert. Was eine Krise ausmacht, ist ja auch, dass es auf einen Entscheidungsmoment hinauszulaufen scheint. Entweder wird es noch schlimmer oder es wird besser.

Die Feministinnen weisen darauf hin, dass wir uns seit Längerem in einer Krise des Reproduktionsbereichs befinden. Der Unterschied zu früher ist, dass die Trennung von Produktion und Reproduktion nicht nur falsch, sondern gar nicht mehr möglich ist. Der Reproduktionsbereich hat sich massiv ausgeweitet und ist immer warenförmiger geworden. Wir leben in einer gesellschaftlichen Fabrik, und diese ist in der Krise. Das bedeutet: Die Löhne stagnieren und die Preise steigen massiv. Hier in Winterthur ist der Preis für Trinkwasser zum Beispiel um dreissig Prozent gestiegen, dasselbe gilt für die Strompreise. Nächstes Jahr wird eine Strompreiserhöhung von nochmals dreissig Prozent erwartet, das heisst, dass der Preis für Strom innerhalb von zwei Jahren sechzig Prozent steigen wird. Auch die Mieten steigen, zwar nicht so stark wie in Zürich, aber sie steigen konstant. Von den Krankenkassenprämien gar nicht zu sprechen. Die Kitas und die Altenpflege werden ebenfalls teurer. Das hat konkrete Auswirkungen auf unser aller Leben, denn wir haben dann weniger Lohn und müssen mehr arbeiten. Vielerorts fehlt etwas das Bewusstsein, dass das ein Angriff ist, also ein Versuch, eine gesellschaftliche Restrukturierung von oben durchzusetzen. Wenn man sich jedoch mit Leuten zusammenschliesst und gemeinsam die Ohnmacht zu durchbrechen beginnt, dann kann diese Erkenntnis entstehen.

Vielerorts gibt es Versuche, die Selbstorganisation der Klasse voranzutreiben und den Angriffen auf die Lebensbedingungen von unten zu begegnen: etwa Mieter:innen-Gewerkschaften in den USA, oder die Wiederbelebung der Autoriduzione, also von unten durchgesetzte Preissenkungen für grundlegende Güter und Dienstleistungen, indem man beispielsweise Rechnungen für Energiekosten kollektiv nicht bezahlt oder senkt. In der Schweiz fehlt aber einfach die Kampftradition. Steht ihr da nicht etwas auf verlorenem Posten mit eurer Klassenpolitik von unten?

Ja, es stimmt natürlich schon, die Sozialdemokratie hat nicht nur in der Schweiz total abgewirtschaftet und ist überhaupt keine Sozialdemokratie im ursprünglichen Wortsinn mehr. Und ja: immer wieder wird festgestellt, dass in der Schweiz die Kampftradition fehle. Man schaut dann auf den Arbeitsfrieden und die konfliktscheue Politik der Gewerkschaften seit der Nachkriegszeit. Aber wir haben in der Schweiz eine linksradikale Tradition, wir haben eine Erinnerung! Es hat seit dem Ende der 1960er Jahren immer wieder Kämpfe gegeben, linksradikale Kämpfe und Selbstorganisierung. Diese Erfahrung besteht weiter, auch wenn die Militanten nicht mehr da sind, gestorben sind oder andere sich zurückgezogen haben. Ich glaube, es ist schon wichtig, die eigene Geschichte nicht immer kleinzureden.

Du denkst also, wir sollten uns intensiver auf vergangene Kämpfe beziehen?

Der Kampfzyklus, der ab Mitte der 1960er Jahre begann und erst Ende der 1990er Jahre vorbei war, der war wenigstens hier sehr viel länger als anderswo. Wir haben hier zwar verloren. Aber auch wenn man verliert, hat man eine reichhaltige Erfahrung. Was man heute vielleicht machen kann, ist diese Erfahrung wieder reaktivieren, mit älteren Leuten sprechen, die militant waren oder immer noch sind.

Versuchen diesen Zusammenhang herzustellen und voneinander zu lernen. Natürlich ist die Situation heute eine schwierigere, weil die radikale Linke sehr, sehr schwach ist und die Linke grundsätzlich in der Schweiz schwach ist. Aber das heisst nicht, dass man hier nicht versuchen kann, zu lernen. Auch von anderen Orten und deren Kampftraditionen. Anderswo gibt es diese Probleme ja auch. Zumindest in vielen eurpäischen Städten gibt es ähnliche Vertreibungen der Armen aus den Städten und Mobilisierungen dagegen. Zum Beispiel gibt es diesen November in Paris einen Kongress der European Action Coalition for the Right to Housing and to the City. Anstatt zu sagen, wir können hier nichts tun, weil die Kampftradition fehlt, sollte man mit einer eigenen beginnen. Wir haben es mit einer unglaublichen Individualisierung zu tun. Das ist nicht nur ein ideologisches Problem, es gibt materielle Gründe dafür. Die Leute müssen für sich selber schauen, es hilft ihnen niemand und sie lernen nur für sich und ihre Familien zu schauen. Ich verstehe das auch. Was wir versuchen, ist hier ein bisschen Kollektivität reinzubringen und den Samen der Solidarität zu pflanzen. Zusammen geht es uns schon viel, viel besser. Die Schweiz ist ein hartes Pflaster für so etwas, schon immer. Aber Nichtstun ist auch keine Option.

Lotta D. Classe

Zuerst erschienen auf ajourmag.ch